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In Nacht und Eis. Erster Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Erster Band - Kapitel 5
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authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1897
firstpub
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Drittes Kapitel

Abschied von Norwegen.

In einer seltsamen Stimmung saß ich die letzte Nacht und schrieb Briefe und Telegramme. Wir hatten unserm prächtigen Lootsen Johann Hågensen, der uns von Bergen hierher geführt, Lebewohl gesagt. Jetzt waren nur noch die dreizehn Theilnehmer der Expedition und mein Secretär Christofersen an Bord, der uns bis hierher begleitet hatte und auch noch bis zur Jugor'schen Straße mitfahren sollte.

Alles war so still, so still. Nur die Feder kratzte das Lebewohl an die Heimat und die Freunde aufs Papier.

Unten lagen alle Mann und schliefen.

So war es denn fertig, das letzte Telegramm. Ich sandte meinen Secretär mit Telegrammen und Briefen ans Land. Als er zurückkam, war es 3 Uhr morgens (21. Juli), und ich weckte Sverdrup und ein paar andere Kameraden. Wir lichteten den Anker und verließen den Hafen von Vardö in der stillen Morgenstunde.

Die Stadt lag noch in tiefem Schlummer. Alles war so friedlich und schön ringsum. Nur etwas Lärm von erwachender Arbeit auf einem einzelnen Dampfschiff im Hafen. Aus der Luke eines Ruderboots steckte ein schlaftrunkener Fischer den Kopf und glotzte uns nach, als wir an der Mole vorüberdampften; auf dem Zollkutter draußen stand ein Mann und fischte zu so früher Tageszeit.

Es war just die rechte Stimmung, Norwegen zu verlassen. O, so wohlthuend friedlich und still! Welche Erholung für die Gedanken! Frei von dem betäubenden Lärm der Menschen mit ihren Hochrufen und den dröhnenden Kanonenschüssen. Die Masten im Hafen, die Hausdächer und Schornsteine ragten in den kühlen Morgenhimmel. Eben brach die Sonne durch den Nebel und beleuchtete lächelnd den Strand, der hart, kahl und wettergebräunt, aber dennoch schön, im Morgennebel lag; hin und wieder sah man Häuschen und Fahrzeuge – und dahinter das ganze Norwegen – – –

Während die »Fram« langsam dem Meere zusteuerte, unserm fernen Ziele entgegen, stand ich und sah das Land langsam am Himmelssaum entschwinden. Was mag sich alles ereignen, ehe wir dich wieder aus dem Meere steigen sehen?

Bald kam der Nebel und entführte alles.

Und durch Nebel, immer nur Nebel dampften wir unablässig, vier Tage lang. Aber als ich am Morgen des 25. Juli auf Deck kam: klares Wetter! Die Welt ringsum war wieder blau; die Sonne schien aus wolkenlosem blauem Himmel, und ein blaues glänzendes Meer wiegte sich in schwacher Dünung. Es war wieder herrlich, Mensch zu sein und den Meeresfrieden in langen Zügen zu genießen.

Am Vormittag bekamen wir das Gänseland auf Nowaja Semlja in Sicht, auf das wir zusteuerten. Büchsen und Patronen wurden hervorgeholt, und schon freuten wir uns auf Gänsebraten und anderes Wildpret. Aber als wir nur noch eine kurze Strecke entfernt waren, kam der Nebel schwer und wollig aus Südosten und nahm alles in Beschlag. Wiederum war die Welt um uns her versunken. Unter Land zu suchen war kaum vernünftig. Wir wendeten und steuerten ostwärts auf die Jugor'sche Straße zu; aber Gegenwind zwang uns bald, unter Dampf und Segel zu kreuzen, womit wir ein paar Tage in einer Nebelwelt für uns zubrachten. Dieser unendlich zähe Eismeernebel! Wenn er seine Decke senkt und das Blaue über dir und das Blaue um dich verhüllt, wenn alles tagaus tagein zu grauem, nassem Nebel wird: da bedarf es der ganzen Spannkraft der Seele, um nicht von der naßkalten Umarmung erdrückt zu werden. Nebel und nichts als Nebel, wohin wir die Blicke wenden. Er legt sich auf die Takelung und tröpfelt naß auf jeden Fleck des Decks. Er legt sich auf die Kleider und durchnäßt sie schließlich. Er legt sich auf Sinn und Gemüth, und alles wird Grau in Grau.

Am 27. Juli, immer noch im Nebel, trafen wir abends ganz unerwartet auf Eis, freilich nur auf einen kleinen Streifen, durch den wir leicht hindurchkamen. In der Nacht stießen wir aber auf mehr, auf einen breitern Streifen, den wir ebenfalls passirten. Aber am Morgen des nächsten Tages wurde ich mit dem Bescheide geweckt, daß wir schweres, altes Eis vor uns hätten. Hm – sollten die Eisschwierigkeiten schon jetzt beginnen, dann sah es traurig aus. Aber das sind Überraschungen, wie sie das Eismeer mehr als genug aufzuweisen hat. In die Kleider hineinfahren und hinauf in die Ausgucktonne war das Werk eines Augenblicks.

siehe Bildunterschrift

Erste Begegnung mit dem Eise.

Das Eis erstreckte sich überall hin, soweit das Auge durch den jetzt etwas dünner gewordenen Nebel reichen konnte. Es war nicht schwach, aber es war anfänglich ziemlich offen, und es blieb nichts anderes übrig, als unserer Losung getreu »vorwärts« (fram) zu gehen. Lange fand ich offenen Weg. Aber dann begann das Eis dichter zu werden, zuweilen waren schwere Eisschollen dabei.

Bei schwierigem Eis im Nebel zu fahren ist nicht klug. Man weiß nicht, wohin es geht, und leicht hat man sich ganz festgefahren. Wir mußten anhalten und abwarten. Aber der Nebel und das Eis wurden immer dichter. Bald stieg die Hoffnung, bald sank sie wieder; ich glaube, meistens stand sie tief.

Der Umstand, daß wir schon in diesem Fahrwasser, wo man in jetziger Jahreszeit in der Regel ganz eisfreies Meer vorfindet, soviel Eis antrafen, weissagte nichts Gutes. Bereits in Tromsö und Bardö hatten wir schlechte Nachrichten erhalten. Das Weiße Meer habe sich erst vor kurzer Zeit geöffnet, hieß es, und ein Segler, der versucht habe, die Jugor'sche Straße zu erreichen, habe des Eises wegen umkehren müssen.

Mit Bangen dachten wir an das Karische Meer; was mochte dort unser harren? Für die »Urania« mit den Kohlen war dies Eis ebenfalls schlimm genug; sie konnte nicht durchkommen, es sei denn, daß sie weiter südlich an der russischen Küste entlang Fahrwasser gefunden hatte.

Gerade als die Aussichten am schlimmsten waren und wir schon im Begriff standen, einen Rückzug aus dem immer dichter und dichter werdenden Eise zu suchen, kam Sverdrup mit der Freudenbotschaft, daß der Nebel sich lichte und man freies Wasser vorn im Osten auf der andern Seite des Eises erblicken könne. Nachdem wir uns einige Stunden lang durch schwere Eisschollen hindurchgezwängt hatten, waren wir wiederum in offener See.

Schon hier, in dem ersten Scharmützel mit dem Eise, wurde es uns klar, welch vortreffliches Eisfahrzeug die »Fram« war. Es ist ein königliches Vergnügen, sie in schwierigem Eise zu manövriren. Sie wendet und dreht sich herum »wie ein Kloß auf dem Teller«. Und keine Rinne zwischen den Eisschollen ist ihr zu gekrümmt, keine Scholle zu störrisch.

Aber anstrengend für den Mann am Steuer ist es. Hart Steuerbord! Stütz'! Hart Backbord! Recht so! Hart Steuerbord! So geht es unaufhörlich. Er dreht das Rad, schwitzt und dreht wieder; das Steuerrad geht wie das Rad am Spinnrocken. Und die »Fram« schwingt sich und windet sich zwischen den Eisschollen, ohne sie zu berühren, wenn auch nur eine Oeffnung vorhanden ist, groß genug, daß sie eben hindurch kommen kann. Und wo keine solche vorhanden ist und sie das Eis trifft, rennt sie mit schwerer Fahrt den schrägen Bug aufs Eis hinauf, stößt es unter sich und sprengt die Schollen auseinander. Und wie stark ist die »Fram«! Ob sie auch mit voller Fahrt drauflos stürmt, kein Knarren, keinen Laut gibt sie von sich, kaum daß sie ein wenig zittert.

Sonnabend (29. Juli) ging es wieder ostwärts nach der Jugor'schen Straße, so rasch als Dampf und Segel nur immer vermochten. Die offene See lag vor uns; es war schönes Wetter mit gutem Wind. Am Morgen kamen wir unter die Südseite der Insel Dolgoi oder Langöia, wie die norwegischen Fischer sie nennen, wo wir nach Norden steuern mußten. Auf der Nordseite der Insel ging es wieder nach Osten. Hier sah ich von der Ausgucktonne aus, soviel ich unterscheiden konnte, mehrere Inseln, die nicht auf den Karten verzeichnet sind.

Wir waren jetzt ziemlich sicher, daß die »Urania« nicht durch das Eis gekommen sein konnte. Als wir am Nachmittag im Salon saßen und davon sprachen, wurde vom Deck herunter gerufen, die Jacht sei in Sicht. Das war eine Freude; sie war aber nicht von langer Dauer. Denn im nächsten Augenblicke hieß es, daß das Schiff eine Tonne an der Spitze habe. Also eine Fangjacht. Als sie uns erblickte, bog sie nach Süden ab, vielleicht aus Furcht, daß wir ein russisches Kriegsschiff oder sonst etwas Böses sein möchten. Wir hatten kein größeres Interesse an ihr und ließen sie in Frieden ziehen.

Später am Tage näherten wir uns der Jugor'schen Straße. Es wurde nach Land ausgespäht und ausgespäht, aber nichts war zu erblicken. Stunde auf Stunde verstrich, und wir glitten in guter Fahrt vorwärts; aber immer noch kein Land! Es soll freilich nicht hoch sein; aber dies war trotzdem sonderbar.

Doch – dort an Backbord voraus, ist's wie ein niedriger Schatten über dem Meeressaum! Das ist Land, es ist die Insel Waigatsch! Bald sehen wir mehr, auch querab und achteraus an Backbord, bald auch das Festland auf der Südseite der Straße. Mehr und mehr, und schnell wächst es herauf. Alles niedriges, ebenes Land; keine Spitzen, keine Abwechselung außer der Mündung der Straße vor uns. Von dort erstreckt es sich nördlich und südlich in einer weichen, flachen Wellenlinie. Dies ist der Eingang zu dem eigenthümlichen, endlosen asiatischen Tieflande, das so verschieden von all dem ist, an was wir gewöhnt sind.

So fuhren wir in die auf beiden Seiten von niedern Klippenrändern begrenzte Straße. Die Felsschichten sind steil aufgerichtet, geknickt und gebogen; aber trotzdem sind sie an der Oberfläche überall abgeschliffen und glatt. Niemand, der sich über die grünen Ebenen und Tundren bewegt, würde die Zerstörung und Zerrissenheit ahnen, die unter der Decke in den Schichten des Felsbodens verborgen liegen. Einstmals Berge und Thäler, jetzt abgeschliffen und weggewaschen.

Wir schauten nach Chabarowa aus. Auf der Nordseite des Sundes gewahrten wir ein Anzeichen. Auf dem Strande lag eine schiffbrüchige Jacht; es war gewiß eine norwegische Fangjacht. Das Wrack eines kleinern Fahrzeuges lag daneben. Auf der Südseite eine Flaggenstange mit einer rothen Flagge. Dahinter mußte Chabarowa liegen. Endlich schauten ein Paar Gebäude oder Speicher hinter einer Landspitze hervor; bald lag der ganze Ort vor uns, mit Zelten und wenigen Häusern.

Auf einem kleinen Vorsprunge uns zunächst stand ein großes rothes Gebäude mit weißen Thürpfosten von auffallend heimatlichem Aussehen. Es war in der That ein norwegischer Speicher, den Sibiriakoff aus Finmarken dorthin überführt hatte. Aber hier war seichtes Wasser; wir mußten behutsam vordringen, um nicht festzufahren. Unaufhörlich wurde gelothet. Wir hatten 10 und 8 Meter Wasser; das war nicht viel mehr, als wir brauchten. Dann ging es auf 7 und 6 Meter herab; das war sehr wenig. Wir mußten wieder etwas weiter hinaussteuern und damit warten, aufs Land zuzuhalten, bis wir dem Platze etwas näher kamen.

siehe Bildunterschrift

Alexander Iwanowitsch Trontheim.

Jetzt sehen wir ein Boot sich langsam vom Lande her nähern. Ein Mann von mittlerem Wuchse, mit einem offenen freundlichen Gesicht und gelbrothem Barte kam an Bord. Seinem Ansehen nach hätte er gut ein Norweger sein können. Ich ging ihm entgegen und sagte auf deutsch, daß ich annähme, er sei Trontheim. Allerdings, das war er.

Hinter ihm kamen einige merkwürdige Gestalten in schweren Mänteln oder Päsken aus Renthierfell, Gestalten, die fast bis ans Deck reichten. Auf dem Kopfe hatten sie eigenthümliche, baschlikartige Mützen aus Renkalbfell, und unter diesen Mützen schauten kräftige bärtige Gesichter hervor, die ganz gut alten norwegischen Wikingern hätten angehören können; ja, die ganze Erscheinung ließ unwillkürlich Bilder aus der Wikingerzeit, aus Gardarike und von den Bjarmelandsfahrten vor mir auftauchen. Es waren stattliche, prächtige Gestalten, diese russischen Kaufleute, die den Eingeborenen Branntwein liefern und dafür Bärenfelle, Seehundsfelle und andere Kostbarkeiten erhandeln. Sie halten diejenigen, welche sie erst einmal in ihre Klauen bekommen haben, in einem solchen Abhängigkeitsverhältniß, daß jene kaum etwas anderes thun dürfen, als was den Kaufleuten behagt. »Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu.« Bald wimmelte es auch von Samojeden an Bord. Gutmüthige Gesichter mit dem breiten asiatischen Gepräge. Natürlich nur Männer.

Das erste, wonach ich Trontheim fragte, waren die Eisverhältnisse. Er erzählte, daß die Jugor'sche Straße seit längerer Zeit offen sei und daß er seitdem Tag für Tag auf uns gewartet habe, mit steigender Angst, daß wir nicht kommen möchten. Die Eingeborenen und die Russen hatten schon angefangen, über ihn zu lachen, da die Zeit allmählich verstrich und keine »Fram« zu erblicken war. Aber jetzt war er dafür auch eitel glänzender Sonnenschein. Die Eisverhältnisse im Karischen Meere sollten seiner Meinung nach gut sein; so hatten Samojeden berichtet, die vor ein paar Tagen in der Nähe des östlichen Ausgangs der Straße auf dem Fange gewesen waren. Darauf ließ sich freilich nicht bauen, es war aber hinreichend, daß wir uns etwas ärgerten, nicht früher gekommen zu sein.

Dann kam die Reihe an die »Urania«. Diese hatte natürlich niemand gesehen. Nur die Fangjacht, die wir am Morgen passirt, war vor einiger Zeit da gewesen.

In Betreff der Hunde hörten wir, daß alles in schönster Ordnung sei. Trontheim hatte zur größern Sicherheit vierzig Hunde gekauft, obschon ich nur um dreißig gebeten hatte. Fünf von ihnen waren auf der Reise infolge verschiedener Unglücksfälle verendet; einer war todt gebissen, ein Paar waren festgehakt und während der Fahrt durch den Wald zu Tode geschleift worden u. s. w. Einer war außerdem vor einigen Tagen krank geworden und noch nicht wieder hergestellt; aber die übrigen 34 lebten und waren guter Dinge; wir konnten sie am Land heulen und bellen hören.

Während dieser Unterredung waren wir Chabarowa so nahe gekommen, als wir wagen durften, und um 7 Uhr abends (29. Juli) fiel der Anker in ungefähr 7 m tiefem Wasser.

Beim Abendessen erzählte uns Trontheim seine Abenteuer. Auf dem Weg von der Soswa und dem Ural nach der Petschora erfuhr er, daß in jener Gegend die Hundepest ausgebrochen sei. Er wagte daher nicht, seine Reise bis zur Petschora fortzusetzen, wie bestimmt war, sondern reiste direct vom Ural nach der Jugor'schen Straße. Schließlich schwand der Schnee, und in Begleitung einer Renthier-Karawane zog er mit seinen Hunden vorwärts über kahle Felder, über Stock und Stein. Aber auf Schlitten fuhr er trotzdem.

Die Samojeden und die Eingeborenen im nördlichen Sibirien kennen kein anderes Fuhrwerk als den Schlitten. Der Sommerschlitten pflegt etwas höher zu sein als der Winterschlitten, um besser der Gefahr zu entgehen, an Steinen und Baumstümpfen hängen zu bleiben. Daß es auf dieser Sommerbahn nicht gerade glatt geht, ist selbstverständlich.

Nach dem Abendessen gingen wir an Land, und bald waren wir an dem flachen Strande von Chabarowa Gegenstand der größten Neugier von seiten der Russen und Samojeden. Das erste, was unsere Aufmerksamkeit auf sich zog, waren die beiden Kirchen: ein alter ehrwürdiger Holzschuppen von länglicher, rechtwinkliger Form und ein achteckiger Pavillon, der den Lusthäuschen oder Gartenlauben glich, wie ich sie daheim gesehen habe. Das eine Gebäude war der Repräsentant des alten, das andere der des neuen Glaubens. Inwiefern etwa der Unterschied dieser beiden Glaubensrichtungen durch die mathematischen Figuren der Grundrisse ausgedrückt war, vermag ich nicht zu sagen. Es müßte denn sein, daß die Einfachheit der alten Richtung in dem einfachen Viereck seinen Ausdruck fände, während die Ceremonien der neuen Richtung im Achteck ausgesprochen wären – mit doppelt so vielen Ecken, um sich an ihnen zu stoßen.

Dann mußten wir das Kloster »Skit« besichtigen, wo die sechs Mönche gelebt hatten oder richtiger gestorben waren – nach Aussage der Leute an Skorbut, wahrscheinlich aber unter nicht geringer Beihülfe von Alkohol. Das Kloster lag der neuen Kirche gerade gegenüber und glich einem gewöhnlichen niedrigen russischen Blockhause. Jetzt hauste der Priester mit seinem Gehülfen darin und hatte Trontheim eingeladen, bei ihm zu wohnen. Trontheim bat uns, einzutreten. Wir nahmen Platz in ein paar warmen, gemüthlichen Stuben mit offenen Feuerstätten gleich unsern norwegischen »Peis«.

Dann ging es zum Lager der Hunde, das in einer Ebene lag, eine kurze Strecke von den Häusern und Zelten entfernt. Das Geheul und der Lärm wurde, je näher wir kamen, desto ärger. Schon in der Ferne war ich durch den Anblick einer norwegischen Flagge überrascht worden, die von der Spitze eines Flaggenmastes wehte. Trontheim's Gesicht strahlte vor stolzer Freude, als wir sie erblickten. Seine Expedition, sagte er, sei unter derselben Flagge wie die unserige unternommen worden.

Da standen die Hunde fest angebunden auf dem Felde und machten einen ohrenzerreißenden Lärm. Mehrere sahen aus wie reine Rassenhunde, langhaarig, blendend weiß mit aufrecht stehenden Ohren und spitzer Schnauze. Mit ihren sanften, gutmüthigen Gesichtern schmeichelten sie sich sofort in unsere Gunst ein. Andere waren mehr Füchsen ähnlich, mit kürzerem Haar; einige waren schwarz oder gefleckt. Es waren augenscheinlich mehrere Arten darunter, und einige verriethen durch ihre herabhängenden Ohren einen starken Zusatz von europäischem Blut.

Nachdem wir bewundert hatten, mit welcher Gier sie rohe Fische ( sik) verschlangen, wobei es unter Nachbarn nicht ohne einigen Zank abging, unternahmen wir einen kleinen Jagdausflug landeinwärts bis zu einem nahegelegenen Wasser, fanden aber nur eine Raubmöve ( Lestris parasitica) mit Jungen. Von diesem Wasser aus war eine Rinne gegraben, die Trinkwasser nach Chabarowa führte. Dieselbe ist, wie Trontheim erklärte, von den Mönchen angelegt. Es ist dies aber wol die einzige Arbeit, zu der sie sich aufgeschwungen hatten. Da der Boden dort aus weichem Lehm bestand und die Rinne schmal und seicht war wie ein kleiner Graben oder Rinnstein, hatten sie sich dabei schwerlich überanstrengt.

siehe Bildunterschrift

Die neue und die alte Kirche in Chabarowa.

Auf dem Hügel oberhalb des Wassers stand die Flaggenstange, auf die wir bei unserer Ankunft zuerst aufmerksam geworden waren. Sie war von dem braven Trontheim zu unserer Bewillkommnung errichtet worden. Wie ich später zufällig entdeckte, stand auf dem Wimpel in deutscher Sprache: »Vorwärts«. Diesen Namen hatte man Trontheim als den unsers Fahrzeugs angegeben; er war daher sehr enttäuscht, als er an Bord entdeckte, daß der wahre Name »Fram« war. Ich tröstete ihn jedoch damit, daß der Sinn derselbe und der Willkommengruß ebenso gut gemeint sei, ob er nun deutsch oder norwegisch sei.

Später erzählte mir Trontheim, daß er von norwegischer Herkunft sei. Sein Vater war ein Schiffskapitän aus Drontheim, während seine Mutter eine in Riga ansässige Estländerin war. Der Vater fuhr auf die See hinaus und starb frühzeitig, sodaß der Sohn nicht norwegisch gelernt hatte.

Es war uns natürlich zunächst darum zu thun, über die Eisverhältnisse im Nördlichen Eismeer Bescheid zu erhalten. Wir waren entschlossen, sobald als möglich abzureisen; aber wir mußten eine Kesselreinigung Der Kessel wurde vom Salz gereinigt, das sich infolge des Verdampfens des Seewassers auf dem Kesselboden niedergeschlagen hatte. und Reparatur an verschiedenen etwas in Unordnung gerathenen Rohren und Ventilen der Maschine vornehmen. Dazu bedurfte es mehrerer Tage. Am nächsten Morgen zogen daher Sverdrup, Peder Hendriksen und ich in dem kleinen Petroleumboot von dannen, um nach dem Ostende der Jugor'schen Straße zu fahren und uns mit eigenen Augen von den Eisverhältnissen im Osten zu überzeugen.

Es waren vier Meilen bis dorthin. Von Osten her trieb etwas Eis durch die Straße, und da wir nördliche Brise hatten, gingen wir sofort nordwärts, um an die Küste der nördlich gelegenen Insel Waigatsch zu kommen, wo wir offenes Fahrwasser erwarten durften. Ich selbst hatte die wenig dankbare Aufgabe, gleichzeitig Steuermann und Maschinist zu sein. Das Boot ging wie ein junger Gott und machte ungefähr sechs Seemeilen in der Stunde. Alles ließ sich heiter an. Aber leider ist das Glück selten von langer Dauer, wenigstens nicht, wenn man mit Petroleumbooten zu thun hat. Ein Fehler an der Circulationspumpe stoppte bald die Maschine, und wir konnten nur ganz kurze Strecken auf einmal fahren, bis wir das nördliche Land erreichten, wo ich nach einer Arbeit von zwei Stunden die Maschine endlich so weit in Ordnung brachte, daß wir die Fahrt aufs neue nordöstlich durch den Sund, zwischen den treibenden Eisschollen hindurch, fortsetzen konnten. Jetzt ging es einigermaßen, nur gab es von Zeit zu Zeit eine Unterbrechung, wenn die Maschine aus verschiedenen mehr oder weniger unberechenbaren Tücken stoppte. Große Heiterkeit erregte es jedesmal, wenn der starke Peder das Rad der Maschine andrehen sollte, um wieder in Fahrt zu kommen, und die Maschine dann einen Rückschlag gab, daß ihm die Arme beinahe aus den Gelenken gerissen wurden und er kopfüber hinfiel.

Ab und zu kam ein Schwarm von Eisenten ( Harelda glacialis) oder andern Vögeln vorbeigesaust, und ein oder zwei Thiere fielen dann regelmäßig unsern Büchsen zum Opfer.

Wir hatten uns bisher an der Insel Waigatsch entlang gehalten, setzten jetzt aber nach der Südseite der Straße hinüber. Ungefähr in der Mitte derselben wurde ich zu meiner Ueberraschung plötzlich gewahr, daß wir den Grund unter uns sehen konnten, und beinahe wäre das Boot auf eine Untiefe festgefahren, die niemand kannte. Es war nicht einmal ein Meter Wasser vorhanden und die Strömung ging wie ein reißender Fluß darüber hin. Untiefen und Klippen befinden sich auf allen Seiten, zumal auf der Südseite der Jugor'schen Straße, und man muß daher große Vorsicht anwenden, wenn man mit einem Fahrzeuge passiren will.

In einer kleinen Bucht in der Nähe des Ostendes der Straße legten wir an und zogen das Boot an Land. Dann gings mit der Flinte über der Schulter landeinwärts auf einige Höhenzüge zu, die wir bemerkt hatten. Wir trabten vorwärts über dasselbe ebene, wellenförmige Flachland mit niedrigen Höhenzügen, wie wir es in der Gegend der Jugor'schen Straße überall gesehen hatten.

Ueber die Ebene breitet sich ein braungrüner Teppich aus Moos und Gras, der mit Blumen von seltener Schönheit durchwirkt ist. Während des langen, kalten sibirischen Winters liegen mächtige Schneemassen über der Tundra. Noch ist die Sonne nicht mit ihnen fertig geworden, da sprießt auch schon eine ganze Welt von kleinen nordischen Blumen unter der letzten verschwindenden Schneeschicht hervor und öffnet verschämt die Kelche, erröthend im glänzenden Sommertage, der die Ebene in seinem Lichte badet. Großblumige Steinbrech-Arten, gelbweißer Feldmohn ( Papaver nudicaule) stehen in leuchtenden Gruppen beisammen; da und dort schimmern blaue Vergißmeinnicht und weiße Multbeerblüten; auf einzelnen sumpfigen Stellen breitet das Wollgras seine wogende Daunendecke aus, während an andern Stellen die blauen Glockenblumen in Wäldchen stehen und an ihren schlanken Stengeln leise läuten. Es sind keine ansehnlichen Blumen – die wenigsten von ihnen sind einige Zoll hoch – aber desto lieblicher sind sie, und in dieser Umgebung wirkt ihre Schönheit noch anziehender. Hier, wo das Auge auf der unendlichen Fläche vergeblich einen Ruhepunkt sucht, lächeln einem die schüchternen Blumenkelche entgegen und halten das Auge gefangen.

In diesen Ebenen, die sich gen Osten von Horizont zu Horizont über die mächtige Tundra Asiens ins Unendliche erstrecken, treibt sich der Nomade mit seinen Renthierherden umher. Ein herrliches, freies Leben! Wo es ihn gelüstet, schlägt er sein Zelt auf; die Renthiere hat er um sich und sobald er es wünscht, zieht er wieder weiter. Ich beneide ihn fast – kein Ziel, keine Qualen, nur leben! Ich wünschte fast, an seiner Stelle ein solch ruhiges Leben mit Frau und Kind in diesen endlosen Ebenen führen zu können, frei und froh.

Als wir etwas weiter gekommen waren, erblickten wir eine weiße Gestalt, die auf dem öden, steinigen Abhang eines kleinen Höhenzuges saß. Bald sahen wir in andern Richtungen noch mehrere. Sie hatten ein gar gespenstisches Aussehen, wie sie so still und unbeweglich dasaßen. Durchs Fernrohr zeigte es sich, daß es Schneeeulen waren. Wir machten Jagd auf sie, aber vor der Schrotflinte nahmen sie sich gar wohl in Acht. Sverdrup erlegte ein paar mit der Büchse.

Sie fanden sich in erstaunlicher Menge vor; ich konnte acht bis zehn auf einmal rings umher zählen. Ruhig saßen sie girrend auf Grashaufen oder Steinen und lauerten gewiß auf Lemminge, die dort, nach den vielen Gängen zu urtheilen, massenhaft vorhanden sein müssen. Wir sahen indessen keinen einzigen.

Oben auf den Höhenzügen hatten wir nach Nordosten eine Aussicht über das Karische Meer. Durchs Fernrohr sahen wir überall Eis am Horizonte und zwar Eis, das ziemlich dicht und schwer aussah; aber zwischen diesem und der Küste befand sich offenes Wasser in einer breiten Rinne, so weit wir im Südosten sehen konnten.

Mehr konnten wir hier nicht erfahren, aber es war im Grunde auch genug. Es hatte wenigstens den Anschein, daß ein Durchkommen möglich war, und wohl zufrieden kehrten wir zum Boote zurück. Hier machten wir aus Treibholz ein Feuer an und kochten einen herrlichen Kaffee.

Sobald der Kessel über einem solchen Feuer summte und wir uns daneben ausstrecken und eine friedliche Pfeife rauchen konnten, fühlte sich Sverdrup in seinem Element; da wurde ihm die Zunge gelöst, und eine Anekdote folgte der andern. War das Land auch noch so trist und öde, wenn nur genug Treibholz am Strande aufzufinden war, sodaß er ein ordentliches Feuer anmachen konnte – je größer, desto besser – dann glänzten seine Augen; das war sein Eldorado. Deshalb gefiel ihm auch später die sibirische Küste so gut. Ein richtiger Ort zum Ueberwintern, meinte er.

Auf dem Heimwege fuhren wir mit voller Fahrt auf eine unterseeische Klippe – das Boot stampfte ein paarmal und glitt hinüber; aber im selben Augenblick, als es auf die andere Seite fiel, schlug die Schraube an den Felsen, sodaß das Achterende hoch in die Luft flog und die Maschine sich mit rasender Geschwindigkeit umdrehte; alles dies in weniger als einer Sekunde. Ich kam zu spät, um zu stoppen. Unglücklicherweise war der eine Schraubenflügel abgeschlagen; aber wir setzten mit dem andern die Fahrt so gut wir vermochten fort. Es ging etwas holperig, aber wir kamen wenigstens vorwärts.

Gegen Morgen näherten wir uns der »Fram« und kamen an zwei Samojeden vorüber, die ihr Boot auf eine Eisscholle gezogen hatten und dort auf Seehunde warteten. Ich möchte wissen, was sie bei sich dachten, als sie uns mit dem kleinen Boote, ohne Dampf, ohne Segel oder Ruder, vorbeifahren sahen. Wir selbst sahen auf diese »armen Wilden« mit dem selbstzufriedenen Mitleid des Europäers herab, während wir in bequemen Stellungen weiter sausten.

Aber Hochmuth kommt vor dem Fall. Wir waren noch nicht weit gekommen, als plötzlich – srrrrr – ein entsetzlicher Spektakel entstand; Stücke von zerbrochenen stählernen Federn flogen mir um die Ohren: da hatten wir die Bescheerung! Nicht von der Stelle zu bringen war das Boot, weder vorwärts, noch rückwärts.

Durch die zitternden Stöße der einflügeligen Schraube war die Lothleine nach und nach in den Bereich des Schwungrades gerathen, und mit einem mal fuhr die ganze Leine in die Maschine und verwickelte sich so gründlich darin, daß diese hätte völlig auseinander genommen werden müssen, um sie wieder in Ordnung zu bringen. Wir mußten uns in die Demüthigung finden, rudernd zu unserm stolzen Schiffe zurückzukehren, das uns schon lange mit seinen Fleischtöpfen gelockt hatte.

Die Ausbeute des Tages waren verhältnißmäßig gute Nachrichten aus dem Karischen Meer, Geflügel, meistens Gänse und Eisenten, ein Seehund sowie – ein kampfunfähiges Boot. Letzteres setzten jedoch Amundsen und ich wieder völlig in Stand.

Bei dieser Gelegenheit zerstörte ich leider für immer mein Ansehen bei den Russen und Samojeden dieser Gegend. Einige von ihnen waren vormittags an Bord gewesen und hatten mich in Hemdärmeln im Boote gesehen, schweißtriefend und mich abarbeitend, das Gesicht und die bloßen Arme mit Oel und sonstigem Schmutz besudelt. Später kamen sie zu Trontheim und sagten, daß ich unmöglich ein großer Herr sein könne, da ich wie der erste beste Arbeitsmann an Bord mich abplage und schlimmer als ein Vagabund aussähe. Trontheim wußte unglücklicherweise nichts zu meiner Entschuldigung anzuführen; gegen Thatsachen kämpft man vergebens.

siehe Bildunterschrift

Aquarellskizze von Fridtjof Nansen.
Bei Sonnenuntergang.
F. A. Brockhaus' Geogr.-artist. Anstalt, Leipzig. (22. Sept. 1893.)

Abends gingen einige von uns an Land, um die Hunde zu probiren. Trontheim wählte zehn von ihnen aus und spannte sie an einen Samojedenschlitten. Kaum waren wir jedoch fertig und kaum hatte ich mich aufgesetzt, da erblickte das Gespann einen unglückseligen Fremdling, der in die Nähe gekommen war, und von dannen ging es mit der ganzen Hundemeute, meiner theuern Person und dem Schlitten auf dieses eine Geschöpf los. Es entstand ein Höllenspektakel. Wie wilde Wölfe warfen sich alle zehn über den einen, bissen und zerrten ihn, wo sie an ihn kommen konnten; Blut floß in Strömen, und der Sünder heulte jämmerlich, während Trontheim wie ein Rasender umherflog und mit seinem langen Stecken nach rechts und links schlug. Samojeden und Russen kamen schreiend von allen Seiten herbei. Ich selbst saß als Zuschauer im Schlitten mitten darin, stumm vor Entsetzen, und etliches Wasser konnte den Berg herabfließen, ehe es mir klar wurde, daß es vielleicht auch für mich etwas zu thun gäbe. Mit gräßlichem Geheul warf ich mich auf einige der schlimmsten Raufbolde, kniff sie in den Nacken und gab so dem Sünder Zeit, sich aus dem Staube zu machen.

siehe Bildunterschrift

Erster Versuch, mit Hunden zu fahren.

Unser Gespann war während der Bataille in Verwirrung gerathen, und geraume Zeit nahm es in Anspruch, es wieder in Ordnung zu bringen. Endlich war alles zum Abgang bereit. Trontheim schlug mit der Peitsche und rief: prrr, prrr, – und in wilder Fahrt jagten wir davon über Gras, Lehm und Steine, bis uns die Gefahr drohte, quer durch die Lagune der Flußmündung geführt zu werden. Ich stemmte die Füße ein und hielt die Thiere aus Leibeskräften zurück, wurde aber mitgeschleppt. Mit genauer Noth gelang es Trontheim und mir mit vereinten Kräften, die Thiere anzuhalten, gerade als sie ins Wasser wollten, obgleich wir » sass, sass« (Halt, halt) riefen, sodaß es über ganz Chabarowa widerhallte. Endlich gelang es uns, das Hundegespann in eine andere Richtung zu bringen, und es ging so munter von dannen, daß ich genug zu thun hatte, mich festzuhalten. Es war ein erstaunliches Sommergefährt, und wir bekamen Respect vor der Stärke der Hunde, als wir sahen, mit welcher Leichtigkeit sie ein paar Männer auf dieser, gelinde gesagt, schlechten Bahn zogen. Wohl zufrieden gingen wir wieder an Bord – obendrein um eine neue Erfahrung reicher, nämlich, daß das Fahren mit Hunden, wenigstens im Anfange, ziemliche Geduld erfordert.

Das sibirische Hundegeschirr ist von merkwürdig primitiver Form: nur ein dickes Tau oder ein Riemen aus Segeltuch um Rücken und Bauch des Thieres. Oben wird das Tau durch ein Stück Leine festgehalten, das an das Halsband geknüpft wird. Der Zugstrang ist unter dem Bauche befestigt und geht rückwärts zwischen den Beinen durch; er verursacht den Thieren gewiß oft Beschwerden. Als ich entdeckte, daß alle Hunde, mit Ausnahme von vieren, castrirt waren, wurde ich unangenehm überrascht und machte aus meinem Erstaunen kein Hehl. Aber Trontheim war über mich mindestens ebenso verwundert; er erklärte mir, daß in Sibirien die castrirten Hunde als die besten angesehen werden. Infolge der Reibung des Zugstranges sollen gewöhnliche männliche Hunde sich leicht eine Orchitis zuziehen können. Für mich war dies ein Strich durch die Rechnung, da ich auf Vermehrung der Familie unterwegs gerechnet hatte. Nun mußte ich meine Hoffnung auf die vier männlichen Hunde und »Kvik«, »Kvik« war eine Kreuzung von Eskimohund und Neufundländer, geboren während der von Lieutenant Ryder geleiteten dänischen Expedition nach Ostgrönland (1891 – 92). Lieutenant Ryder schenkte sie mir, und sie erwies sich als vorzüglicher Schlittenhund. die Hündin, die ich mitgebracht hatte, setzen.

Am nächsten Tage (1. August) war in Chabarowa eine große kirchliche Feier, das St. Elias-Fest. Samojeden aus nah und fern hatten sich mit ihren Renthiergespannen eingefunden, um den Tag heilig zu halten, indem sie in die Kirche gingen und sich dann total betranken. Wir brauchten am Vormittag nothwendig Leute, die uns halfen, den Kessel und den Trinkwasserbehälter mit frischem Wasser zu füllen; aber es war des Festes wegen schwierig, auch nur einen einzigen Mann aufzutreiben. Schließlich gelang es Trontheim, durch Aussetzen hinreichender Belohnungen einige arme Kerle zu sammeln, denen es am nöthigen Gelde fehlte, um sich am Abend so zu betrinken, als es ein solcher Tag erheischte.

Ich war morgens an Land, theils um die Angelegenheit mit dem Wasservorrath zu ordnen, theils um Versteinerungen zu sammeln, an denen der Felsboden sehr reich ist, besonders aus einem Vorsprunge unter Sibiriakoff's Speicher. Dann machte ich einen Gang auf den Hügel im Westen bei Trontheim's Flaggenstange und spähte nach Westen über das Meer nach der »Urania«; aber nichts war zu sehen als eine ununterbrochene Meereslinie. Reich beladen mit meinen Funden, kehrte ich nach Chabarowa zurück, wo ich natürlich die Gelegenheit benutzte, mir auch die Feier anzusehen.

Schon vom frühen Morgen an waren die Weiber in ihrem schönsten Putz erschienen. Glänzende Farben, Kleiderröcke mit vielen Falten und Stufen, Haarflechten, die weit über den Rücken hinabhingen und mit großen farbigen Schleifen geschmückt waren. Vor dem Kirchgange führten ein alter Samojede und ein junges stattliches Mädchen ein mageres Renthier herbei, das der Kirche geopfert werden sollte – das heißt, der alten Kirche. Auch hier hat, wie schon erwähnt, eine Religionsspaltung sich geltend gemacht, und fast alle Samojeden dieser Gegend gehören dem alten Glauben an und gehen in die alte Kirche. Aber daneben gehen sie auch ein wenig in die neue Kirche, um, soviel ich verstehen konnte, den Priester und Herrn Sibiriakoff nicht zu kränken. Oder geschah es vielleicht, um des Himmelreichs desto sicherer zu sein? Nach dem, was ich darüber von Trontheim erfahren konnte, besteht der Hauptunterschied zwischen den beiden Religionen in der Art und Weise, wie das Zeichen des Kreuzes gemacht wird, oder in etwas ähnlichem.

Heute war in beiden Kirchen großes Fest. Alle Samojeden statteten zunächst der neuen Kirche einen kleinen Besuch ab, um daraus sofort in die alte Kirche zu strömen. Dort haben sie zwar keinen Priester, aber heute hatten sie sich zusammengethan und dem Priester der neuen Kirche zwei Rubel geboten für Abhaltung eines Gottesdienstes in der alten Kirche, eine Aufforderung, der nach reiflicher Ueberlegung nachgekommen wurde. Mit seinem vollen priesterlichen Pompe trat der Geistliche über die alte Schwelle. Es war indessen gar zu schlechte Luft da drinnen, als daß ich es länger als zwei Minuten aushalten konnte, und ich begab mich wieder an Bord.

Am Nachmittag begann der Lärm und das Geschrei, und je später es wurde, desto ärger wurde es. Es war leicht zu ersehen, daß jetzt der ernsthafteste Theil des Festes seinen Anfang nahm. Einige der Samojeden fuhren mit ihren Renthiergespannen wie rasend auf der Ebene umher. Sie konnten im Schlitten nicht mehr sitzen, sonder lagen oder wurden hinterdrein geschleppt und heulten nur.

Einige meiner Kameraden waren an Land und brachten wenig erbauliche Schilderungen über den Zustand mit. Männer und Weiber ohne Ausnahme schienen betrunken zu sein und taumelten über den Platz. Besonders ein jüngerer Samojede hatte einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Er setzte sich in einen Schlitten, peitschte auf die Renthiere los und fuhr wie ein Berserker zwischen die Zelte, über festgebundene Hunde, Füchse und was ihm sonst in den Weg kam; dann rollte er vom Schlitten herunter und wurde, wild heulend am Fahrriemen hängend, durch Sand und Lehm geschleift. Der heilige Elias muß sich durch solche Huldigungen außerordentlich geschmeichelt gefühlt haben!

siehe Bildunterschrift

Samojedenzelt in Chabarowa.

Gegen Morgen wurde das Getöse allmählich schwächer, die ganze Stadt schlief den Schlaf des Trunkenen. Am nächsten Tage war nicht ein einziger Mann aufzutreiben, um beim Kohlentragen zu helfen; die meisten schliefen den ganzen Tag nach dem nächtlichen Gelage. Wir mußten uns selbst helfen; aber am Abend waren wir noch nicht fertig, und ich fing an ungeduldig zu werden. Die kostbare Zeit verstrich. Die »Urania« hatte ich schon seit langem aufgegeben. Wir brauchten ja auch nicht mehr Kohlen. Der Wind war seit mehrern Tagen günstig gewesen. Es war Südwind, der das Eis sicherlich nach Norden ins Karische Meer trieb, und Sverdrup war nun absolut sicher, daß wir in offenem Wasser bis zu den Neusibirischen Inseln fahren könnten; insofern habe es keine Eile, meinte er. Aber die Hoffnung ist eine schwache Stütze, und meine Erwartungen waren nicht so sanguinisch. Ich trieb zur Eile an, um so schnell als möglich fortzukommen.

Beim Abendessen überreichten wir Trontheim feierlich König Oskar's Verdienstmedaille in Gold als Anerkennung für die Sorgfalt, womit er seine nicht leichte Aufgabe gelöst, und für den wichtigen Beistand, den er dadurch der Expedition geleistet hatte. Sein ehrliches Gesicht glänzte beim Anblick der hübschen Medaille mit dem farbigen Seidenbande.

Am nächsten Tage (3. August) waren wir endlich zur Abreise fertig, und am Nachmittage wurden die Hunde unter großem Lärm an Bord gebracht. Sie wurden sämmtlich auf dem Verdeck angebunden und sorgten anfangs für mehr musikalische Unterhaltung, als uns lieb war.

Am Abend war endlich die Abschiedsstunde gekommen. Die Maschine wurde geheizt, alles war fertig. Aber ein so dichter Nebel hatte sich eingestellt, daß wir das Land nicht sehen konnten. So kam denn der Augenblick, da unser letzter Freund, Christofersen, von Bord gehen sollte. Wir versahen ihn mit den nothwendigsten Lebensmitteln und etwas Bier. Während dies ausgeführt wurde, legte man mit fieberhaftem Eifer die letzte Hand an Briefe für die Heimat. Dann ein letzter Händedruck, er und Trontheim stiegen ins Boot, und bald waren sie im Nebel verschwunden. Mit ihnen ging die letzte Post nach Hause; mit ihnen zerriß das allerletzte Band.

Ganz allein lagen wir im Nebelmeer. Von jetzt an dürfte schwerlich eine Botschaft von uns die Welt erreichen, bevor wir selbst Nachrichten über unser Glück oder Unglück bringen konnten. Welche Zeiten der Angst für die daheim sollten dazwischen liegen? Freilich war eine Möglichkeit vorhanden, von der Olenek-Mündung, von wo wir infolge der Uebereinkunft mit Baron Toll noch einen Hundetransport holen sollten, Briefe nach Hause zu senden; doch hielt ich dies nicht für wahrscheinlich. Der Sommer war weit vorgeschritten, und ich hatte das Gefühl, als ob die Eisverhältnisse doch nicht so günstig wären, als ich es wünschte.

Trontheim's Reise.

Alexander Iwanowitsch Trontheim hat in der Zeitung des Gouvernements Tobolsk selbst über die lange, beschwerliche Reise berichtet, die er gemacht hatte, um uns die Hunde zu bringen. Der Bericht ist von Herrn A. Kryloff nach Trontheim's Erzählung niedergeschrieben worden.

Ich gebe nachstehend einen kurzen Auszug daraus.

Nachdem der Contract mit Baron Toll abgeschlossen worden, war Trontheim schon am 28. Januar (16. Januar russischen Stils) in Beresow, wo zu dieser Zeit Jassak-Versammlung Jassak ist eine Steuer, die von den sibirischen Völkern in Pelzwerk entrichtet wird. abgehalten wurde und wo deshalb eine Menge Ostjaken und Samojeden versammelt war. Trontheim machte sich dies zu Nutze und kaufte 33 (soll wol 40 heißen) ausgesuchte Schlittenhunde. Mit diesen zog er nach dem Dorfe Muschi, wo er sich zu der »sehr langen Reise« ausrüstete, und damit verging die Zeit bis zum 16. April. Trontheim hatte dann 300 Pud (circa 4900 Kilo) Hundefutter zubereitet, besonders gedörrten Fisch. Für 300 Rubel verpflichtete er den Syrjanen Terentjeff, ihn, die Hunde und das Gepäck mit einer Renthierheerde von 450 Stück nach der Jugor'schen Straße zu befördern. Drei Monate zogen sie mit ihrer Karawane, Renthieren, Hunden, Frauen und Kindern durch die öden Gegenden des nördlichen Sibirien.

Im Anfang ging es durch das Ural-Gebirge. »Ihre Reise war jedoch mehr ein Nomadenleben; man ging nicht gerade aufs Ziel, sondern zerstreute sich über große Flächen und rastete nicht, wo man Lust hatte, sondern wo es für die Renthiere bequem war und wo diese Flechten zur Nahrung fanden. Vom Dorfe Muschi zog die Expedition am Woikara-Flusse entlang bis zu dessen Quellen; aber von hier aus ging es bergan zum Ural durch den Paß Kjaila (Kjola). Während des Marsches über die Gebirgskette suchte man sich möglichst längs des Fußes der Berge zu halten, ohne diese selbst zu passieren ... Im nördlichen Ural bemerkte man einen völligen Contrast gegen den südlichen Theil der Gebirgskette, wo der Schnee in den untern Regionen schnell schmilzt und nur auf den Gipfeln liegen bleibt, während hier (im nördlichen Ural) umgekehrt die Berggipfel vom Schnee befreit werden, ehe noch die Sonnenstrahlen ins Thal hinabdringen und den Schnee dort schmelzen. In einzelnen Thälern, besonders in jenen, wo Berge im Süden den Weg sperren, und die mehr nördlichen Winden ausgesetzt sind, bleibt der Schnee den ganzen Sommer liegen.

»Nachdem sie die Ural-Kette überschritten hatten, zogen die Reisenden zunächst den Lemba-Fluß entlang, setzten über denselben und folgten nun jenem ganzen System kleiner Flüsse, deren Namen nicht ein einziger Syrjane kennt. Endlich erreichte die Expedition am 4. Mai den Uswa-Fluß (vermuthlich Ussa), an dem die Hütte des Syrjanen Nikitsa lag.« – Dies war »der einzige bebaute Punkt in dieser ungeheuern Ebene von mehr als hundert Werst (Kilometer) Ausdehnung«. Sie rasteten hier zwei Wochen, um die Renthiere ausruhen zu lassen und ihnen Futter zu verschaffen.

»Von den Quellen des Woikara-Flusses bis zur Uswa ist das Terrain nach allen Richtungen hin mit Wald bewachsen ... Vom Uswa- bis zum Workuta-Fluß und noch etwas weiter zog Trontheim mit seinem Gefolge durch ziemlich dichten Wald. Mitte Mai wurde der Wald in dem Maße, als sich die Karawane der Tundra näherte, immer dünner, und am 27. Mai wurde er vollständig von schwachem Unterholz abgelöst. Dann begann der Uebergang in niedriges Gebüsch und Kraut, und endlich erschien die unabsehbare Tundra. Um auf der Tundra nicht ohne Brennholz zu sein, wurden dürre Bäume und anderes Holz gefällt und auf acht Schlitten gesammelt.« Einen Tag, nachdem sie in der Tundra angekommen waren (29. Mai), zog die Karawane rasch weiter, »da die Syrjanen alles aufboten, um so schnell als möglich an einer Stelle vorüberzukommen, wo vor einigen Jahren eine ganze Renthierheerde ums Leben gekommen war. Solche Stellen kennen die Führer gut und sie thun ihr Möglichstes, sie zu umgehen, da die Thiere leicht angesteckt werden können, wenn sie an den Knochen ihrer verendeten Kameraden nagen. Gnade Gott der Heerde, die davon betroffen wird; die Krankheit verbreitet sich schnell von Thier zu Thier, und im Laufe eines Tages können sie ihr scharenweise erliegen. Diese Krankheit ist wol Milzbrand oder etwas ähnliches gewesen.

»In dieser Gegend befinden sich viele Sümpfe; das ganze Tiefland bildet einen einzigen zusammenhängenden Morast. Es kam vor, daß man bis an den Gürtel im Wasser gehen mußte; so trabten sie am 5. Juni den ganzen Tag im Wasser umher, in beständiger Angst, daß die Hunde sich erkälten möchten. Am 6. wehte ein starker Nordostwind; in der Nacht trat so starke Kälte ein, daß zwei Renthierkälber erfroren; außerdem wurden zwei erwachsene Thiere von Wölfen geraubt.«

Oft mußte die Karawane über reißende Ströme setzen, wo es schwierig genug war, einen Uebergang zu finden. Mit Hülfe von Zeltstangen, zuweilen auch Eisstücken, mußte häufig eine Brücke gebaut werden, und man brauchte oft einen ganzen Tag, um hinüberzukommen. Nach und nach wurde der Holzvorrath verbraucht, und es hielt schwer, Essen zu kochen. Wenig Buschholz war zu finden. Am 17. Juni trafen sie »einen syrjanischen Renthierführer, der Handel trieb; von ihm kauften sie zwei Flaschen Wein (Branntwein), die Flasche für 70 Kopeken. Die Begegnung hatte wie gewöhnlich einen sehr freundschaftlichen Charakter und schloß mit gegenseitiger Bewirthung.

»Auf der Tundra kann man weit sehen, und die scharfen Augen der Syrjanen entdecken in einer Entfernung von zehn Kilometer eine andere Heerde oder Rauch von bewohnten Zelten. Deshalb läßt ein Nomade, der auf zehn bis zwölf Kilometer die Anwesenheit eines andern Menschen bemerkt hat, nie die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, ihn im Lager aufzusuchen, mit ihm zu plaudern und sich mit Thee; am liebsten aber mit Branntwein bewirthen zu lassen. Am Tage darauf, am 18. Juni, kamen einige Samojeden, die von der Karawane Kenntniß erhalten hatten, auf vier Schlitten ins Lager. Sie wurden mit Thee bewirthet. Die Unterhaltung, die auf samojedisch geführt wurde, drehte sich um die Gesundheit der Renthiere, um unsere Reise und den Weg nach der Jugor'schen Straße. Nachdem die wenigen Neuigkeiten der Tundra erschöpft waren, zogen sie wieder von dannen.«

Ende Juni, nachdem man die Ausläufer des nördlichen Ural passirt hatte, näherte sich die Zeit, zu welcher Trontheim der Abrede gemäß an der Jugor'schen Straße eintreffen sollte, und »er mußte daher die Reise beschleunigen, was sich jedoch mit mehr als 40 Schlitten und 450 Renthieren, ohne die Kälber zu rechnen, nicht leicht machen ließ. Er beschloß daher, die Karawane zu theilen, die Frauen, Kinder und Hausthiere zurückzulassen und selbst ohne Gepäck und nur mit einem Sack Proviant versehen weiter zu ziehen.«

Am 28. Juni »wurden daher 30 Schlitten, Zelte u. s. w. zurückgelassen mit den Weibern und Kindern, die hier nomadisiren mußten. Die männlichen Syrjanen nahmen 10 Schlitten und zogen mit Trontheim zusammen weiter.« Endlich nach langem Umherstreifen erblickten sie am 9. Juli von einem »hohen Berge« aus das Meer und erreichten am nächsten Tage Chabarowa, wo Trontheim erfuhr, »daß noch kein Dampfschiff in der Jugor'schen Straße angelangt sei und sich auch kein Segel gezeigt habe. Zu dieser Zeit war der ganze Strand an der Jugor'schen Straße sowie das Meer, soweit man sehen konnte, mit Eis bedeckt, das von nördlichen Winden dorthin getrieben worden war. Erst am 22. Juli war das Meer völlig offen. Während des Wartens auf die ›Fram‹ verkürzte sich Trontheim die Zeit damit, auf die Jagd zu gehen sowie Ausflüge mit seinen Hunden zu machen, die in ausgezeichneter Verfassung waren. Nicht selten war er in der Sibiriakoff'schen Colonie ein Sammelpunkt für die Samojeden ringsum, die in bedeutender Zahl kamen, um ihre Waaren abzusetzen.«

Ein trauriges Bild bot sich ihm in der kleinen, »von der übrigen Welt verlassenen« Kolonie dar. Jedes Jahr finden sich hier im Sommer, hauptsächlich aus Pustosersk, zwei bis drei Kaufleute oder handeltreibende Bauern (Aufkäufer) ein, um von den Samojeden und teilweise auch von den Syrjanen Waaren einzutauschen: Bärenfelle, Speck, Seehundsfelle, Renthierhäute u. s. w. gegen Thee, Zucker, Mehl, Hausgeräth u. dergl. Kein Kauf oder Verkauf geht ohne Branntwein vor sich, nach welchem die Samojeden in hohem Grade lüstern sind.

»Nachdem ein Kaufmann einen armen Kerl betrunken gemacht hat, plündert er ihn aus, indem er alles, was er haben will, für einen Spottpreis kauft; zum Schlusse zeigt es sich dann, daß der Samojede »seinem Wohlthäter« noch etwas schuldig geblieben ist. Alle Händler, die nach der Colonie kommen, führen Branntwein mit sich, und deshalb herrscht hier den ganzen Sommer hindurch eine erschreckliche Völlerei. Wie groß der Absatz ist, kann man daraus schließen, daß die Buden der Kaufleute voll Branntweinfässer sind. Polizeiaufsicht existirt nicht und würde auch schwer zu organisiren sein.

»Sobald im Winter Schlittenbahn ist, kehren die Karawanen der russischen Kaufleute mit ihren Renthieren aus der Colonie nach Hause zurück, beladen mit leeren Wein(Branntwein)fässern und den Waaren, die sie eingetauscht haben.

»Am 30. Juli (soll der 29. heißen) entdeckte Trontheim vom Strande aus erst Rauch und bald darauf ein Dampfschiff. Kein Zweifel – dies war die ›Fram‹. In einem kleinen Samojedenboot fuhr er dem Schiffe entgegen und rief auf russisch, man möchte ihn aufnehmen. Vom Dampfschiffe aus wurde gefragt, wer er sei, und als er seinen Namen nannte, wurde er aufgenommen. Hier traf er Nansen selbst, der eine fettige Arbeitsjacke trug. Er ist ein noch ganz junger Mann von mittlerer Größe.« Es folgt eine schmeichelhafte Beschreibung des Führers der Expedition und der Verhältnisse an Bord; es wäre übrigens traurig, wenn Trontheim sonst nicht wahrheitsgetreuer wäre als bei der Schilderung meines Wuchses.

»Es ist augenscheinlich«, fährt er fort, »daß dies eine Familie ist, einig und von einem Gedanken beseelt, an dessen Durchführung alle leidenschaftlich arbeiten. Alle schwere und grobe Arbeit an Bord ist gleichmäßig vertheilt, und es gibt keinen Unterschied zwischen dem einfachen Matrosen und dem Kapitän oder dem Chef der Expedition selbst ... An der allgemeinen Arbeit nimmt auch der Doctor theil, und diese Gemeinschaft in der Arbeit ist ein Band, das die ganze Expedition zusammenhält. Ein solches Verhältniß unter der Mannschaft der Expedition machte einen sehr angenehmen Eindruck auf Trontheim, und gerade dieses berechtigt mehr als alles andere zu der Hoffnung, daß die Expedition sich in schwierigen Augenblicken zu helfen wissen wird.

»A. I. Trontheim war täglich an Bord und nahm theil an Frühstück und Mittagessen. Nach seiner Ansicht ist das Fahrzeug ausgezeichnet gebaut und ohne irgendwelchen Mangel. Die Kajüten sind geräumig und mit Comfort eingerichtet; es findet sich eine ausgezeichnete Bibliothek mit den besten Werken der classischen europäischen Literatur vor, verschiedene musikalische Instrumente, von einem schönen Concertflügel Damit ist wol unser Harmonium gemeint. An sonstigen musikalischen Instrumenten besaßen wir eine Ziehharmonika, und einer der Theilnehmer hatte außerdem eine Flöte, eine Violine und einige Mundharmonikas. bis zur Flöte und Guitarre, sowie Schach- und Damenbrett, alles zur Zerstreuung für die Mannschaft.«

Darauf folgt eine Beschreibung der »Fram«, ihrer Ausrüstung und des Proviants. Besondern Eindruck scheint auf Trontheim gemacht zu haben, daß wir keinen Wein (Branntwein) an Bord hatten.

»Nur in der Apotheke«, bemerkt er, »sollen sich zwanzig bis dreißig Flaschen vom besten Cognac – reiner Spiritus – in denaturirtem Zustande befinden. Nach Nansen's Meinung ist der Genuß von Branntwein in den nördlichen Regionen schädlich und kann auf einer so schwierigen und gefährlichen Reise von sehr traurigen Folgen begleitet sein; Nansen hat es daher für zweckmäßiger befunden, den Branntwein durch Fruchtsäfte und Verschiedene Süßigkeiten zu ersetzen, von denen sich eine Menge an Bord befinden.

»Im Hafen verbringt die Mannschaft den größten Theil des Tages zusammen; trotz der Gemeinschaftlichkeit der Arbeit sind die Pflichten eines jeden Teilnehmers bis aufs kleinste festgesetzt. An den Mahlzeiten nehmen alle theil, mit Ausnahme des amtirenden Kochs; seine Arbeit wird abwechselnd übernommen. Gesundheit und Freude liest man auf allen Gesichtern; Nansen's unerschütterlicher Glaube an einen glücklichen Ausgang des Unternehmens flößt der ganzen Besatzung Muth und Vertrauen ein.

»Am 3. August wurden auf der ›Fram‹ Kohlen aus dem Schiffsraum nach dem Heizraum (Kohlenbunker) hinuntergetragen. An dieser Arbeit betheiligten sich sämmtliche Mitglieder der Expedition, Nansen an der Spitze. Die Arbeit ging in bester Eintracht munter von statten. An demselben Tage probirten Nansen und seine Begleiter am Strande die Hunde. Man spannte acht (soll heißen zehn) Hunde vor einen Schlitten, auf dem drei Personen saßen. Nansen erklärte, mit den Hunden sehr zufrieden zu sein, und dankte Trontheim für die gute Wahl, die er getroffen habe, sowie dafür, daß die Hunde in so gutem Zustande waren. Nachdem die Hunde in Empfang genommen und auf das Schiff gebracht worden waren, Wie man sieht, muß hier ein Gedächtnißfehler vorliegen: es war am Abend vorher. wandte sich Trontheim an Nansen mit der Bitte um ein Zeugniß über genaue und sorgfältige Ausführung des übernommenen Auftrags. Nansen antwortete hierauf: »O nein. Zeugniß und Atteste sind zu wenig. Sie haben Ihre Aufgabe gewissenhaft ausgeführt und haben dadurch der Expedition einen sehr großen Dienst geleistet. Ich habe den Auftrag, Ihnen von unserm König eine goldene Medaille zu überreichen für die große Hülfe, die Sie uns gebracht haben.« Mit diesen Worten übergab Nansen Herrn Trontheim eine sehr große, mit einer Krone geschmückte goldene Medaille.

»Auf der Vorderseite der Medaille befindet sich folgende Inschrift: › Oscar II., Norges og Sveriges konge. Broderfolkenes vel.‹ (Oskar II., König von Schweden und Norwegen. Das Wohl des Brudervolkes.)

»Und auf der Rückseite: ›Belønning for fortjenstlig virksomhed. A. I. Trontheim.‹ (Belohnung für verdienstvolle Thätigkeit. A. I. Trontheim.) Zugleich übergab Nansen Trontheim auch ein schriftliches Zeugniß über die ausgezeichnete Weise, in der er seine Aufgabe gelöst habe, und bestätigte, daß er dafür mit einer Medaille belohnt worden sei. Am selben Tage Das war aber am Tage darauf. zur Nachtzeit entschloß sich Nansen, den Anker zu lichten und seine sehr lange Reise anzutreten, ohne die Ankunft der Kohlenjacht ›Urania‹ abzuwarten, die seiner Meinung nach durch Eis zurückgehalten worden war. Trontheim nahm am Abend Abschied von der ganzen Besatzung mit dem herzlichen Wunsche, die Expedition möchte ihr Ziel glücklich erreichen. Mit ihm verließ auch der Secretär eines der leitenden Londoner Blätter, Herr Ole Christophorsen Ich glaube, Christofersen, nicht Christophorsen, hat in seinem Leben nie mit einer englischen Zeitung etwas zu thun gehabt. das Schiff. Er hatte Nansen von Vardö her begleitet. Beim Abschied gab Nansen ihnen einen reichlichen Vorrath Proviant mit, da Christophorsen und Trontheim die Ankunft der ›Urania‹ abwarten mußten, um mit diesem Schiffe zurückzukehren. Genau 12 Uhr nachts zwischen dem 4. und 5. August gab die ›Fram‹ das Abfahrtssignal und steuerte dem Meere zu.«

Am 7. August kam endlich die »Urania« nach Chabarowa. Wie ich angenommen hatte, war sie durch das Eis aufgehalten worden, war aber schließlich ohne Schaden durchgekommen. Am 11. August konnten dann Christofersen und Trontheim mit dem Schiffe heimwärtsziehen und erreichten am 22. August Bardö, nachdem es ihnen zum Schluß mit der Kost ziemlich schlecht gegangen war. Die Jacht, die ihren Heimatsort Brönö im Mai verlassen hatte, war nämlich für eine so lange »Reise« nicht genügend ausgerüstet, und die letzten Tage hatten sie meistens nur trockenen Schiffszwieback, Wasser und – Läuse.

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