Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritjof Nansen >

In Nacht und Eis. Erster Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1897
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140618
projectidbdfae9e2
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Die Abreise.

 

So fahre ich gen Norden in das finstre Reich
hinein, wo keine Sonne scheint. Dort ist kein Tag.

Volkslied aus Thelemarken.

 

Es war am Johannistag 1893. Grau und traurig brach er herein; nun hieß es Abschied nehmen – unwiderruflichen Abschied. Die Thür schloß sich hinter mir. Einsam ging ich zum letzten male vom Hause durch den Garten nach dem Strande hinab, wo an der Bucht das kleine Motorboot der »Fram« unbarmherzig wartete. Hinter mir lag alles, was ich im Leben lieb hatte. Was lag vor mir? Und wie viele Jahre mögen vergehen, ehe ich alles das wiedersehen werde? –

Was hätte ich in diesem Augenblicke nicht darum gegeben, umkehren zu können. Oben im Fenster saß Liv, mein Töchterchen, und klatschte in die Händchen. Glückliches Kind, du ahnst noch nicht, wie wunderbar verwickelt und wechselvoll das Leben ist! –

Wie ein Pfeil schoß das kleine Boot durch die Bucht von Lysaker hinaus auf die Fahrt, deren Einsatz das Leben war, wenn nicht mehr.

Endlich ist alles fertig. Der Augenblick ist gekommen, auf den jahrelange angestrengte Arbeit unaufhaltsam gerichtet war. Er ist gekommen, mit ihm das Gefühl, daß alles Notwendige vorhanden und alles so vollendet ist, daß man die Verantwortung von sich abwälzen kann und das Gehirn endlich ausruhen darf.

Ungeduldig liegt die »Fram« dampfschnaubend in der Bucht von Piperviken und wartet auf das Signal, während die Barkasse summend, am Dyna-Leuchtfeuer vorüber, herankommt und anlegt.

Das Deck ist voller Menschen, die uns das letzte Lebewohl sagen wollen; jetzt müssen sie von Bord. Dann lichtet die »Fram« den Anker; schwer und tiefgeladen setzt sie sich langsam in Bewegung und macht eine Rundtour in der Bucht. Die Quais sind angefüllt mit einer Menschenmenge, die Hüte und Taschentücher schwenkt. Aber schweigsam und still wendet die »Fram« den Bug nach dem Fjord zu und steuert behutsam und sicher an Bygdö und Dyna vorbei in das Unbekannte hinaus, umschwärmt von behenden Booten, Lustjachten und Dampfschiffen. Friedlich und geschützt lagen die Villen hinter dem Laubwerk drüben am Strande, wie man sie immer sah. Ach, »herrlich sind die Matten, nie sah ich sie schöner«. Der berühmte Ausspruch Gunnar's von Lidarende in der Njálssage. Es wird wol lange dauern, ehe wir das bekannte Fahrwasser wieder durchfurchen.

Nun ein letzter Gruß dem heimatlichen Hause, das dort auf der Landzunge liegt. Vorn der glänzende Fjord, Tannen- und Fichtenwald ringsum, lachendes Wiesenland und langgezogene waldbedeckte Gipfel dahinter. Durchs Fernrohr sah ich eine weiße Gestalt schimmern, auf der Bank unterm Fichtenbaum – –

Das war der schwerste Augenblick der ganzen Fahrt.

Hinaus in den Fjord. Regenwetter trat ein, eine trübe Stimmung breitete sich über die vertraute Landschaft mit all ihren Erinnerungen.

Erst am Vormittag des nächsten Tages (25.Juni) glitt die »Fram« langsam in die Bucht von Raekvik, wo ihre Wiege, Archer's Werft bei Laurvik, lag und wo manch goldener Traum von ihrer siegreichen Laufbahn geträumt worden war. Hier sollten wir die beiden Großboote an Bord nehmen und auf die Klampen setzen, dazu, noch verschiedenes anderes Material empfangen.

Ehe alles fertig war, verstrich der Tag und ein guter Theil des nächsten. Am 26. gegen 3 Uhr sagten wir Raekvik Lebewohl, machten einen Abstecher nach der Reede von Laurvik, um dann von dort, an Fredriksvärn vorbei, in See zu stechen. Archer mußte selbst das Steuer führen und sein Kind, die »Fram«, diese letzte Strecke lenken, ehe er von Bord ging. Dann wurden die Hände zum allerletzten Abschied geschüttelt; der Worte gab es nicht viele. Sie stiegen ins Boot, Archer, meine Brüder und mein Freund, während die »Fram« mit schwerfälliger Fahrt vorwärts glitt – die Bande waren zerrissen. Ein seltsam wehmüthiges Gefühl, diese Letzten aus der Heimat zu sehen, dort in dem kleinen Boote auf der großen blauen Fläche, dahinter ein Kutter mit weißen Segeln, und etwas weiter entfernt Laurvik. Ich glaube beinahe, es glänzte eine Thräne in dem alten prächtigen Antlitz, wie er da aufrecht im Boote stand und mit einem Hoch auf uns und die »Fram« von uns schied. Wer weiß, ob ihm das Schiff nicht wirklich ans Herz gewachsen ist? Daß er festes Vertrauen zu ihm hat, weiß ich. So gaben wir für Archer die ersten Salutschüsse mit den Kanonen der »Fram« ab, eine würdigere Einweihung konnte ihnen nicht zutheil werden. Volldampf voraus! – und in dem stillen klaren Sommerwetter, während die Abendsonne übers Land schien, steuerte die »Fram« dem bläulichen Meere zu, um in den langen Dünungen ihr erstes Wellenbad zu nehmen. Lange standen sie im Boote und sahen uns nach, wie wir dahinfuhren.

Bei gutem Wetter ging die Fahrt die Küste entlang, an Christiansand vorüber. Am nächsten Abend (27. Juni) waren wir draußen bei Lindesnäs. Bis in die Nacht hinein saß ich und plauderte mit Scott-Hansen. Er war der Kapitän für die Strecke von Christiania bis Drontheim, wo Sverdrup zu uns stoßen sollte, nachdem er seine Familie nach Stenkjär begleitet hatte. Während wir im Kartenhaus saßen und die Stunden vorübergleiten ließen, schlug plötzlich bei zunehmendem Rollen des Schiffs eine Welle die Thür auf und strömte herein. Wir eilten auf Deck. Das Schiff schlingerte wie ein Balken; die Wellen brachen auf beiden Seiten über die Rehling herein, und nach und nach kamen alle Mann auf Deck. Am meisten fürchtete ich, daß die schlanken Stützen unter den Großbooten nachgeben würden und die Boote über Bord gehen und vielleicht einen Theil der Takelage mitnehmen konnten. Als dann 25 leere Paraffintonnen, die auf Deck festgebunden waren, loskamen, hin und her geschleudert und allmählich mit Wasser gefüllt wurden, sah es wahrlich nicht heiter aus; aber schlimmer wurde es, als schließlich auch noch Haufen von Reserveholz, Rundholz und Brettern dieselbe Wanderung unternahmen und drohten, die Stützen unter den Bootsklampen wegzuschlagen. Es war ein kummervoller Augenblick. Seekrank stand ich auf der Kommandobrücke, mit getheilten Gefühlen, indem ich abwechselnd bald den Meeresgöttern opferte, bald die größte Angst ausstand wegen der Mannschaft, die sich vorn auf Deck abmühte, zu bergen, was zu bergen war. Oft sah ich nur einen Wirrwarr von Wellen, treibenden Planken, Armen, Beinen und leeren Fässern. Hier schlug die grüne See einen zu Boden, daß die Wasserflut um ihn spritzte, dort sah ich die braven Leute über wirbelnde Balken und Fässer hinweg springen, damit ihnen nicht die Füße eingeklemmt wurden. Sie hatten gewiß keinen trockenen Faden am Leibe.

Juell lag und schlief im » Grand Hotel« – wie wir das eine Großboot nannten. Er erwachte und hörte unter sich die See gleich einem Wasserfall. Ich traf ihn in der Kajütenthür, als er gerade gelaufen kam und ausrief: »Da oben ist's nicht mehr sicher, besser die paar Lumpen retten!« – er hatte sein Bündel unter dem Arm. Dann eilte er nach vorn, um seine Schiffskiste zu bergen, die auf dem Vorderdeck munter in der salzigen See schwamm; er schleifte und schleppte sie hinter sich her nach hinten, während eine Sturzwelle nach der andern sich über ihn ergoß.

Einmal tauchte die »Fram« mit dem ganzen Bug ins Wasser und bekam die Wellen über Back. Da hing einer und zappelte am Ankerdavit über dem weißen Strudel. Das war schon wieder Juell.

Wir hatten große Noth, unsere Sachen zu bergen. All die schönen Paraffinfässer mußten wir über Bord werfen, ein prächtiger Balken nach dem andern ging denselben Weg; ich stand und sah ihnen betrübt nach, wie sie von dannen schwammen. Der Rest der Decklast wurde auf dem Halbdeck aufgestapelt. Ich fürchte, die Actien der ganzen Expedition standen in diesem Augenblicke sehr niedrig.

Da mit einem male, während es mit uns am schlimmsten stand, sahen wir eine Bark aus dem Nebel vor uns auftauchen. Sie lag mit allen Segeln so sicher und ruhig, als wenn nichts geschehen wäre, und wiegte sich leise auf den Wellen. Es war beinahe ärgerlich anzusehen. Der Fliegende Holländer und anderes Teufelszeug fuhren mir durch den Kopf.

In der Küche gibt es ein großes Unglück. Mogstad kommt hinein und sieht die ganze Wand mit dunkelrothen Flecken bespritzt. Er rennt zu Nordahl mit der Nachricht, er glaube, Juell habe sich erschossen, aus Verzweiflung über die unerträgliche Hitze, über die er so empfindlich geklagt habe. Ein blutiges Revolverdrama an Bord der »Fram« – – –! Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, daß das »Blut« von einer Chokoladendose herrührt, die im Schranke umgeworfen worden war.

In die Nähe des Landes wagten wir uns des Nebels wegen nicht; wir mußten den Kurs seewärts beibehalten, bis der Nebel sich endlich gegen Morgen lichtete und der Lootse bei Farsund und Hummerdus Land in Sicht bekam. Wir steuerten in den Lister-Fjord, um dort zu ankern und uns besser seeklar zu machen; da aber das Wetter sich besserte, fuhren wir weiter. Erst am Nachmittag steuerten wir bei schwerer Regenluft und starker Brise nach Ekersund hinein und ankerten in der Hovlandsbucht, wo unser Lootse Hovland Sowol dieser, der uns von Christiania nach Bergen lootste, als auch Johann Hågensen, der uns von Bergen nach Bardö führte, waren uns seitens der Nordenfjeld'schen Dampfschiffgesellschaft in Drontheim mit großer Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt worden. seine Heimat hatte.

Am nächsten Morgen wurden die Bootsklampen und sonstige Sachen in gehörigen, seeklaren Stand gesetzt. Die »Fram« war jedoch zu sehr überlastet, um sich auf See gut zu halten, woran aber nun einmal nichts mehr zu ändern war.

Was wir mit uns hatten, hatten wir nöthig, und wenn wir nur unsere Lasten auf Deck ordentlich verwahrten und festmachten, konnten die Wellen uns nicht viel anhaben, wenn das Wetter auch noch so stürmisch werden sollte; denn daß Fahrzeug und Takelage halten würden, wußten wir.

Es war spät am Abend, am letzten Tage des Juni, als wir bei Kvarven eine Wendung machten und in der düstern, dämmernden Nacht auf Bergen zuhielten. Sonnig und prächtig lag der Hafen am andern Morgen (1. Juli) vor mir, als ich auf Deck kam. Es war ein wahres Sonnenfest in der Luft, die Berge Ulriken, Flöien und Lövstakken glitzerten und funkelten – ein von früher her vertrauter Gruß. Ein wunderbarer Ort, diese alte Hansastadt!

Am Abend sollte ich einen Vortrag halten, kam jedoch eine halbe Stunde zu spät. Als ich im Begriff war, mich zum Fortgehen anzukleiden, liefen nämlich eine Menge Rechnungen ein, und wenn ich die Stadt als solventer Mann verlassen wollte, mußte ich bezahlen – und das Publikum mußte warten. Schlimmer war es, daß der Salon mit den ewigen reisenden Fragezeichen angefüllt war. Ich konnte hören, wie eine ganze Gesellschaft Engländer die Thür zu meiner Kabine belagerte, während ich mich ankleidete; sie wollten durchaus »shake hands with the doctor«. Eine Engländerin guckte mir sogar durch die Ventillöcher zu, hörte ich später von meinem Secretär, der den Vorgang beobachtet hatte. Einen netten Anblick mag die junge Schöne gehabt haben! Wie verlautet, zog sie ihr Näschen schleunigst zurück.

Wir waren in der That an allen Orten, wo wir anliefen, wie wilde Thiere in einer Menagerie. Man ging ungenirt umher und beschaute uns in den Kabinen wie Bären und Löwen in Käfigen, discutirte so laut, daß wir es hören mußten, ob wir es seien oder nicht, und kritisirte die Bilder unserer Angehörigen, die an den Wänden hingen.

Als ich fertig war, öffnete ich vorsichtig die Thür und war mit ein paar Sätzen draußen und auf Deck, an den Gaffern vorbei, die einander zuriefen: »There he is, there he is!« Und die ganze Gesellschaft polterte hinterdrein. Ja, im Handumdrehen war er weg, auf der Landungsbrücke und im Wagen, lange ehe sie das Deck erreicht hatten.

Um 8 Uhr abends großes Fest; viele schöne Reden, gutes Essen und Trinken, hübsche Damen, Musik und Tanz bis in den hellen Morgen hinein.

Am nächsten Vormittag (2. Juli) um 11 Uhr – es war ein Sonntag – dampften wir mit vielen Freunden an Bord bei sonnigem Wetter durch den Fjord von Bergen nach Norden. Es war ein unvergeßlich schöner Sommertag. Nördlich im Herlö-Fjord, bei den Schären draußen im Meer, schieden die Freunde von uns; Hüte und Taschentücher wurden geschwenkt. Lange noch sahen wir das kleine Hafenboot mit seiner dunkeln Rauchsäule sich von der glänzenden Wasserfläche abheben. Draußen rollte die See im Sonnendunst, und drüben lag das flache Mangerland mit all seinen Erinnerungen an ein Naturforscherleben vor vielen Jahren, bei Sonnenschein und Regenwetter. Hier hat einer der größten Naturforscher Norwegens, Michael Sars, als einsamer Pfarrer fern von dem Getriebe der Welt seine großen Entdeckungen gemacht. Hier that ich selbst die ersten tastenden Schritte auf der schmalen Bahn der Naturforschung.

Der Abend war wunderbar schön. Nordwärts die Röthe des verschwindenden Tages, hinter uns der Mond groß und rund über den Bergen. Vorn ragten Alden und Kinn wie ein Märchenland aus der See empor. So müde ich auch war, konnte ich mich doch nicht entschließen, meine Koje aufzusuchen; ich mußte all diese Schönheit in langen erfrischenden Zügen einfangen. Wie Balsam legt es sich auf die Seele nach all den Schwierigkeiten und all dem Aerger mit fremden Menschen. –

So fuhren wir denn, meistens bei schönem Wetter, seltener in Regen und Nebel, zwischen Sunden und Inseln hindurch längs der norwegischen Küste nach Norden. Welch herrliches Land! Ich möchte wissen, ob es in der ganzen Welt ein Fahrwasser gibt wie hier. Unvergeßlich sind diese Morgenstunden, wenn die Natur aus ihrem Schlummer erwacht, Nebelheim weiß und silberglänzend auf den Bergen liegt, deren Gipfel wie Meeresinseln darüber emporragen!

siehe Bildunterschrift

Abschied von Bergen.

Dieser strahlende Tag über den weißen, schimmernden Schneebergen! Und dann die Abende mit ihrem Sonnenuntergang und dem bleichen Monde, Berge und Inseln schweigend und träumend wie ein Sehnen der Jugend. Hin und wieder geht es vorüber an freundlichen Gärtchen und Häusern, von grünen Bäumen lachend umgeben. Ach, wie wecken sie wieder die Sehnsucht nach Leben und Wärme, diese friedlichen Wohnungen im Schutze der Inselchen! Man mag über Naturschönheiten die Achseln zucken, es ist doch herrlich für ein Volk, ein schönes Land zu besitzen, wenn es auch arm ist. Nie ist mir dies klarer geworden, als in dem Augenblicke, da ich es verlassen sollte.

Ab und zu ein Hurrah vom Lande, bald von einem Schwarm Kinder, bald von Erwachsenen; aber meistens staunende Bauern, die lange dem seltsamen Schiffe nachschauen und über die räthselhafte Fahrt nachsinnen. Und in Jachten und Ruderbooten sitzen Frauen und Männer in ihren rothen Hemden, die in der Sonne leuchten; sie hören auf zu rudern, um nur zu sehen und zu staunen. Aus den Städten, an denen wir vorbeifahren, kommen Dampfschiffe voller Menschen, uns mit Musik, Gesang und Kanonenschüssen zu begrüßen. Die großen Touristendampfer begrüßen uns mit Flaggen und Salutschüssen, ebenso die Jachten. Es ist ein drückendes Gefühl, Gegenstand solcher Huldigungen zu sein, ehe noch etwas vollbracht ist. Ein alter Spruch sagt:

Am Abend lobe den Tag; wenn sie Asche geworden, die Frau;
Den Degen, den du erprobt; die Dirne, wenn sie vermählt;
Wenn dich's trug, das Eis; wenn du's trankst, das Bier. Aus dem Havamal, einem Liede der ältern Edda. S. »Edda. Die Lieder der sogenannten ältern Edda. Uebersetzt von H. Gering,« (Leipzig 1892).

Am rührendsten war das Interesse und die Huldigung, die die armen Fischer und Bauern uns entgegenbrachten. Es setzte mich dies oft in Erstaunen; ich fühlte, sie verfolgten uns mit Spannung.

Ich erinnere mich eines Tages, es war nördlich von Helgeland, daß eine ältere Frau auf einem nackten Felsenvorsprung stand und winkte.

»Ich möchte wissen, ob die dort uns zuwinkt«, sagte ich zum Lootsen, der neben mir stand.

»Ja freilich«, antwortete dieser.

»Ja, aber wie kann sie denn etwas über uns erfahren haben?«

»O, hier kennen sie die ›Fram‹ und ihre Fahrt schon in jedem Stübchen und sie werden schon darauf warten, daß Ihr wieder zurückkommt, darauf könnt Ihr Euch verlassen«, antwortete er.

Wahrlich, wir gehen an eine verantwortliche Arbeit, wenn wir auf solche Weise das ganze Volk mit uns haben. – Wenn nun das Ganze eine einzige große Täuschung würde! –

Am Abend saß ich auf dem Deck und schaute hinaus in die Gegend. Einsame Hütten lagen hier und dort zerstreut auf Landzungen und Inseln. Dort verbringt das norwegische Volk sein einsames mühevolles Dasein im Kampfe mit dem Gestein, im Kampfe mit dem Meere. Dieses Volk sendet uns hinein in das große wagnißreiche Unbekannte – dieses Volk, das dort in den Fischerbooten steht und der »Fram« staunend nachschaut, wie sie schwerbeladen langsam gen Norden dampft. Manche schwingen den Südwester und rufen Hurrah; andere haben nur Zeit, verständnißlos zu gaffen. Drüben auf der Landspitze ein Schwarm Weiber, die winken und rufen; draußen einige Boote mit Damen in hellen Sommertoiletten und plaudernden Herren, sie winken mit Sonnenschirmen und Taschentüchern.

Ja, diese sind es, die uns hinaus senden. Ein wehmüthiges Gefühl regt sich beim Gedanken an die Zukunft. Niemand unter ihnen weiß wol, warum er sein Geld opfert. Vielleicht haben sie gehört, daß es ein ehrenvolles Unternehmen gilt; aber was ist sein Zweck, was sein Nutzen? – Ist so etwas nicht Betrug? – Trotzdem zieht es ihre Blicke nach dem Fahrzeug, und vor ihrem geistigen Auge dämmert vielleicht einen Augenblick lang eine neue, unfaßbare Welt; es entsteht der Drang nach etwas, das ihnen fremd ist.

Und hier an Bord Männer, die Frau und Kind zurücklassen. Welche Schmerzen verursacht nicht die Trennung, welche Sehnsucht und Entbehrungen birgt nicht die Zukunft! Und nicht des Verdienstes wegen geschah es. Galt es denn Ehre und Ruhm? Auch damit dürfte es knapp genug bestellt sein. Derselbe Drang nach Thaten, dasselbe Trachten hinaus über die bekannten Grenzen, das in diesem Volke schon in sagenhaften Zeiten gärte, treibt wol auch heute noch Schößlinge. Trotz all unserer materiellen Sorgen, trotz all unserer Bauernpolitik ist der Gedanke an Vortheil vielleicht doch nicht so allgemein.

Da die Zeit kostbar war, ging ich nicht, wie ursprünglich bestimmt war, bis Drontheim, sondern nur bis Beian, wo Sverdrup zu uns stieß. Hier kam auch Professor Brögger an Bord, um uns bis Tromsö zu begleiten. Gleichzeitig erhielt unser Arzt drei »ungeheure« Kisten mit Medizinvorräthen, eine Gabe von Apotheker Brunn in Drontheim.

Darauf ging es nordwärts, an dem herrlichen Nordland entlang. An einigen Plätzen hielten wir an, um gedörrte Fische als Proviant für die Hunde an Bord zu nehmen.

Wir fuhren vorüber an Torghatten, den Sieben Schwestern, Hestmandö, an Lovunden und Threnen, weit draußen im Meere, an den Lofoten und wie alle diese schönen Punkte heißen.

Eine kühne Riesenform wilder und schöner als die andere. Es ist eine Märchenwelt für sich – ein Traumland. Wir fürchteten zu schnell zu fahren, in dem Gefühl, von diesem Genusse etwas zu verlieren.

Am 12. Juli kamen wir nach Tromsö, wo wir Kohlen und sonstige Ausrüstung an Bord nehmen sollten: Pelze der Lappen (Päsken), Schuhe aus Renthierfell (Komagen), Finnenschuhe, Sennegras ( Carex vescaria), gedörrtes Renthierfleisch u. s. w.; alles war durch Vermittelung von Rechtsanwalt Mack, dem unermüdlichen Freunde der Expedition, besorgt worden.

Tromsö bereitete uns einen kalten Empfang: ein heftiger Sturm aus Nordwest mit Regen und Schneetreiben hatte sich eingestellt. Berge, Felder und Dächer waren am nächsten Tage mit Schnee bedeckt. Es waren die ungemüthlichsten Julitage, die ich je erlebt habe. Die Bewohner von Tromsö behaupteten, sich eines solchen Julimonats nicht entsinnen zu können. Das geschah aber vielleicht aus Furcht, der Ort möge in schlechten Ruf gerathen; denn in einer Stadt, wo man am Johannistage Schneeschuhrennen abhält, kann man auf allerhand gefaßt sein.

In Tromsö wurde am folgenden Tage ein neues Mitglied der Expedition angeworben. Es war Bernt Bentsen, ein strammer Bursche. Er sollte vorläufig bis zur Jugor'schen Straße mitfahren, nahm jedoch an der ganzen Fahrt theil und war durch seine Tüchtigkeit, seinen heitern Sinn und die vielen lustigen Einfälle eine willkommene Ergänzung unsers Personals.

Nach zweitägigem Aufenthalt fuhren wir weiter.

Oestlich vom Nordcap oder Magerö bekamen wir in der Nacht zum 16. Juli so heftige See und so viel Wasser über Bord, daß wir in den Kjölle-Fjord einliefen, um die Lasten der »Fram« nochmals besser zu vertheilen, indem wir Kohlen u. s. w. hinten in den Bunkern unterbrachten.

Zwei volle Tage waren wir damit beschäftigt, uns völlig seeklar zur Reise nach Nowaja Semlja zu machen. Ich hatte zuerst daran gedacht, in Bardö noch Kohlenvorrath einzunehmen; da die »Fram« aber schon zu stark belastet war, und die Jacht »Urania« uns in der Jugor'schen Straße mit Kohlen treffen sollte, hielten wir es für das Richtigste, uns mit dem zu begnügen, was wir an Bord hatten, denn wir mußten im Weißen Meer und in der Barents-See auf schlechtes Wetter gefaßt sein.

Um 10 Uhr abends lichteten wir den Anker und kamen in Bardö am nächsten Abend an, wo uns ein großartiger Empfang bereitet wurde. Ein ganzes Musikcorps auf dem Molo, der Fjord voll von Booten; Flaggenschmuck und Salutschüsse. Man hatte, wie uns gesagt wurde, seit dem vorhergehenden Abend auf uns gewartet, ja es waren sogar Leute von Vadsö gekommen, um uns zu sehen. Bei dieser Gelegenheit wurde eine Sammlung veranstaltet, um dem städtischen Musikcorps »Nordpol« eine große Trommel zu verschaffen. Ehe wir Norwegen das letzte Lebewohl sagten, gab man uns zu Ehren ein großartiges Fest, bei dem Reden und Champagner in Strömen flössen.

Die letzte Arbeit, die nun mit der »Fram« vorgenommen werden mußte, war die Reinigung des Schiffes von Muscheln und Wasserpflanzen, um eine möglichst schnelle Fahrt zu erzielen. Diese Arbeit wurde von Tauchern ausgeführt, die uns vom Chef des dortigen Hafenamts mit Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt wurden.

Aber auch unsere eigenen Körper bedurften eines letzten civilisirten Reinigungsfestes, ehe unser Leben als »Wilde« begann. Das städtische Bad ist ein kleines Blockhaus. Der Baderaum selbst ist niedrig und mit Bänken versehen. Während man auf diesen liegt, wird man von heißen Dämpfen gekocht, die fortwährend erneuert werden, indem glühende Steine in einem der Hölle würdigen Badeofen mit Wasser begossen werden. Dabei wird man von jungen quänischen Mädchen mit Birkenreisern gepeitscht, dann in anmuthiger und zierlicher Weise geknetet, gewaschen und abgetrocknet. Die ganze Procedur ist ebenso reinlich als behaglich. Ob nicht am Ende der alte Vater Muhammed eine solche Einrichtung in seinem Paradiese getroffen hat?

siehe Bildunterschrift

Kapitän Sverdrup in seiner Kajüte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.