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In Nacht und Eis. Erster Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Erster Band - Kapitel 11
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authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1897
firstpub
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Neuntes Kapitel

Neujahr 1895.

Mittwoch, 2. Januar 1895. Nie zuvor habe ich mich bei Beginn des neuen Jahres in so seltsamer Stimmung befunden. Es muß uns jedenfalls einige wichtige Ereignisse bringen und wird möglicherweise eines der bemerkenswerthesten Jahre meines Lebens werden, möge es mich zum Siege oder zum Untergang führen. In dieser Eiswelt kommen und gehen die Jahre unbemerkt, und wir haben ebensowenig Kenntniß davon, was sie der Menschheit gebracht haben, als wir wissen, was die späteren Jahre uns bringen werden. In dieser schweigsamen Natur ereignet sich nichts; alles ist in Dunkelheit gehüllt, nur die Sterne funkeln in unermeßlichen Fernen durch die kalte Nacht, und das Nordlicht erglänzt in flackerndem Scheine. Die »Fram« ist gerade noch undeutlich wahrzunehmen; die schwarzen Masten ragen aus der dunkeln Einöde zum Lichtgewimmel der Sterne empor. Wie ein unsichtbarer Punkt liegt das Schiff da, verloren in dem unendlich weiten Reiche des Todes. Nichtsdestoweniger ist unter seinem Deck ein behagliches und geliebtes Heim für dreizehn Männer, die sich durch die Majestät jenes Reiches nicht schrecken lassen. Da drinnen pulsirt frisches Leben, während draußen ringsum bis in weite Ferne nichts als Tod und Schweigen herrscht, das nur hin und wieder in langen Zwischenpausen durch das heftige Getöse des Eises unterbrochen wird, wenn es in gigantischen Massen auf- und abwogt. In dieser tiefen Stille klingt es wie eine Drohung; man fühlt, dämonische Mächte sind in der Nähe, die Riesen der arktischen Regionen, mit denen wir vielleicht jeden Augenblick einen tödlichen Kampf zu führen haben werden. Wir fürchten sie aber nicht.

Oft denke ich an Shakespeare's Viola, welche klagte und mit melancholischer Geduld auf einem Marmor-Postament saß. Könnten wir nicht diese »Geduld auf dem Marmor« darstellen, die wir hier auf dem Eise sitzen und die Jahre vorüber rollen lassen und warten, daß unsere Zeit kommen soll? Ich könnte ein solches Monument wol entwerfen.

Es würde ein einsamer Mann sein, in zottigem Wolfsfell-Gewande, überall mit Reif bedeckt, der auf einem Eishügel sitzt, über die endlosen schweren Eismassen hinweg in die Dunkelheit hinausstarrt und die Wiederkehr des Tageslichts und des Frühlings erwartet.

In der Freitagnacht nach 1 Uhr war kein Eisdruck mehr bemerkbar, gestern Abend fing er aber plötzlich wieder an. Zuerst hörte ich draußen ein rumpelndes Geräusch, und aus der Takelung fiel Schnee auf das Deck des Zeltdachs, wo ich saß und las; es klang mir wie eine Eispressung. Dann erhielt die »Fram« einen so heftigen Stoß, wie wir ihn seit letztem Winter nicht verspürt hatten, sodaß ich auf der Kiste, auf der ich saß, hin und her geschaukelt wurde. Da das Schütteln und Rumpeln anhielt, ging ich hinaus. Im Westen und Nordwesten erscholl lautes Getöse des sich zusammenschiebenden Eises, das ein paar Stunden gleichmäßig anhielt. Soll das der Gruß des Eises zum neuen Jahre sein?

Wir verbrachten den Sylvesterabend behaglich bei Moltebeerpunsch, Pfeifen und Cigaretten, und ich brauche wol nicht zu erwähnen, daß wir Kuchen und dergleichen in Ueberfluß hatten und von dem alten und dem neuen Jahre, sowie von zukünftigen Tagen sprachen. Harmonium und Violine wurden gespielt. Mitternacht kam heran. Blessing holte aus seinem anscheinend unerschöpflichen Lager eine Flasche ächten Linien-Aquavit hervor, und in diesem norwegischen Liqueur tranken wir das alte Jahr zu Ende und in das neue Jahr hinein.

Selbstverständlich drängte sich uns beim Jahreswechsel mancher Gedanke auf, da es der zweite, den wir an Bord der »Fram« erlebten und aller Wahrscheinlichkeit der letzte war, den wir zusammen verleben würden. Natürlich dankten wir uns gegenseitig für Freundschaft und gute Kameradschaft; wol kein einziger unter uns hatte gedacht, daß die Zeit hier so gut hingehen würde. Sverdrup sprach den Wunsch aus, daß die Reise, die Johansen und ich im kommenden Jahre zu unternehmen im Begriff ständen, in jeder Beziehung glücklich und erfolgreich sein möge. Und dann tranken wir auf Gesundheit und Wohlergehen derjenigen, welche im kommenden Jahre an Bord der »Fram« zurückbleiben würden, da es sich so treffe, daß wir gerade beim Jahreswechsel im Begriff ständen, uns zu trennen. Derselbe Wind, der in der Takelung über uns pfeife, treibe uns nicht nur in unbekannte Regionen, sondern bringe uns auch in höhere Breiten, als je der Fuß eines Menschen betreten habe. Wir fühlten, daß das jetzt beginnende Jahr den Wendepunkt für die Expedition bringen werde, wo die reichste Ausbeute nahe sein werde. Möchte doch dieses Jahr sich als ein recht gutes für die Leute an Bord der »Fram« erweisen, damit sie vorwärtsdringe und ihre Aufgabe erfülle, wie sie es bisher gethan habe; dann könne keiner von uns daran zweifeln, daß die Besatzung ihrer Aufgabe gewachsen sei.

Der Neujahrstag führt sich mit demselben Winde, denselben Sternen und derselben Dunkelheit wie bisher ein. Selbst um Mittag kann man kaum die geringste Dämmerung im Süden wahrnehmen. Gestern glaubte ich, eine Spur davon entdeckt zu haben; ein schwacher Lichtschimmer dehnte sich über den Himmel aus, war aber von gelblichweißer Farbe und ragte auch zu hoch empor, sodaß ich eigentlich geneigt bin, diese Erscheinung für ein Nordlicht zu halten. Auch heute sieht der Himmel in der Nähe des Horizonts etwas heller aus, doch kann das kaum etwas anderes sein als der Schimmer des Nordlichts, das sich dicht über den Nebelbänken am Horizont rings um den Himmel ausdehnt und am stärksten am Rande ist. Ganz ähnliche Lichter können zu anderen Zeiten und an anderen Stellen des Horizonts beobachtet werden. Die Luft war gestern besonders klar; der Horizont ist aber stets etwas nebelig oder dunstig. Während der Nacht hatten wir ungewöhnlich starkes Nordlicht; in raschen Wendungen schossen wogenartige Lichtstreifen über den südlichen Himmel und näherten sich fast dem Zenith, und quer über jenen Streifen sah man eine Zeit lang ein Band mit einer prächtigen Krone, deren Reflex wie Mondlicht auf dem Eise lag. Der Himmel hatte zur Feier des neuen Jahres seine Fackel angezündet – ein feenhafter Tanz blitzender Lichtstrahlen in der Nacht. Oft kommt mir der Gedanke, daß das Nordlicht das Urbild des nordischen Menschen selbst ist. Dieser Contrast! Diese schwerlastende, schweigsame Natur mit all ihrer erstarrenden Kälte! Dieser Tanz der zitternden Lichtstrahlen, weist er nicht auf den ungestümen, sprungartigen Tanz des Nordländers hin? Seine wilden Gebirgsweisen, sind sie nicht die Strahlen des Nordlichts in seiner Seele, der Aasgaardsreigen der Geisteskraft tief, tief unter der Hülle des Eises? Da dämmert Leben in der schlummernden Nacht; wenn es doch nur über die Eisflächen hinaus in die Welt hinein reichen wollte. Und nun stellt 1895 sich ein:

Drehe, Fortuna, dein Rad, lasse dem Schicksal den Lauf;
Was du uns mögest bescher'n, uns regt's nicht sonderlich auf,
Sei es nun Regen und Wind, sei's, daß die Sonne uns scheint.
Ob du ein lächelnd Gesicht uns zeigst oder ob du als Feind
Uns mit dem Schlimmsten bedräu'st, nimmer ficht beides uns an,
Denn seines Glückes ureigenster Schmied war stets noch der Mann.

Donnerstag, 3. Januar. Ein Tag der Unruhe, ein veränderungsreiches Leben trotz all seiner Einförmigkeit; gestern noch Pläne für die Zukunft und heute möglicherweise ohne ein Dach über dem Haupte, verlassen auf dem Eise!

Um 4½ Uhr trat heute Morgen eine neue Eispressung in der offenen Rinne hinter dem Schiffe ein, und um 5 Uhr begann eine solche in der Rinne an der Backbordseite. Gegen 8 Uhr wachte ich auf und hörte ein Knirschen und Krachen des Eises, als ob wieder eine Pressung eintreten würde. Ein leichtes Zittern ging durch die ganze »Fram«, und man vernahm Krachen. Als ich an Deck kam, war ich nicht wenig überrascht, an der ganzen Rinne an der Backbordseite entlang, kaum dreißig Schritt von der »Fram« entfernt, einen großen Eishügel zu sehen, während die Risse an dieser Seite bis achtzehn Schritt von uns reichten. Alle losen Gegenstände, die an dieser Seite auf dem Eise lagen, wurden an Bord gebracht, die Bretter und Planken, die während des Sommers die Hütte der Meteorologen gestützt hatten, sowie das Gehäuse für die Instrumente wurden in Stücke zerlegt, weil wir nichts davon verlieren durften; dagegen war die Lothleine, welche wir mit dem Sacknetz in dem Lothloch gelassen hatten, in die Tiefe gerissen worden. Als ich kurz vor Mittag wieder an Bord gekommen war, hatte das Eis plötzlich aufs neue begonnen, sich zusammenzuschieben. Ich ging hinaus, um zuzusehen. Die Pressung fand wieder in der Rinne an der Backbordseite statt, wo der Hügel infolge des starken Druckes allmählich näher herangeschoben wurde. Etwas später ging Sverdrup an Deck, doch kam er gleich darauf zurück und berichtete, daß der Eishügel rasch auf uns zukomme; er brauche ein paar Mann, die mitkommen und helfen sollten, den Schlitten mit dem Lothapparat zu beladen und nach der Steuerbordseite herumzubringen, da das Eis in der Nähe geborsten sei. Der Eishügel kommt uns in besorgnißerregender Weise nahe und wenn er uns erreichen sollte, ehe das Schiff sich von dem Eise losgebrochen hat, dann kann die Sache sehr unangenehm werden. Das Schiff hat jetzt eine stärkere Neigung nach Backbord als je vorher.

Im Laufe des Nachmittags wurden verschiedene Vorbereitungen getroffen, um das Schiff zu verlassen, wenn das Schlimmste eintreten sollte. Alle Schlitten wurden an Deck bereit gestellt und die Kajaks klar gemacht, während 20 Kisten mit Hundekuchen an der Steuerbordseite auf dem Eise niedergelassen und 19 Kisten mit Brot aus dem Raume geholt und nach vorn gebracht wurden; auch vier Blechkannen mit zusammen 200 Liter Petroleum wurden an Deck geschafft. Zehn kleinere Blechkannen waren schon vorher mit 100 Litern »Schneeflocken«-Petroleum gefüllt und mit mehreren Gefäßen mit Gasöl an Deck gebracht worden. Als wir beim Abendessen saßen, vernahmen wir dasselbe Knirschen und Knistern des Eises, das immer näher kam. Schließlich hörten wir es gerade unter der Stelle, wo wir saßen, plötzlich krachen. Ich stürzte nach oben. Es fand eine Pressung in einer etwas entferntern Rinne, fast querab von unserer Steuerbordseite statt. Ich ging daher wieder hinab und setzte meine Mahlzeit fort. Bald nachher kam Peder, der auf das Eis hinausgegangen war, und sagte, wie gewöhnlich lachend: »Das Bersten ist gerade nicht übermäßig nett.« Das Eis sei keine Schlittenlänge von den Kisten mit Hundekuchen geborsten, und der Riß dehne sich bis hinter die »Fram« aus. Als ich hinaus ging, fand ich, daß der Riß wirklich sehr bedeutend war; die Kisten mit Hundefutter wurden daher der größern Sicherheit wegen etwas weiter nach vorn gebracht. Rund um das Schiff fanden wir auch mehrere kleinere Risse. Ich begab mich dann wieder hinunter, zündete mir eine Pfeife an und plauderte gemüthlich mit Sverdrup. Nachdem wir eine Zeit lang beisammen gesessen hatten, begann das Eis aufs neue zu bersten und zu pressen, und wenn ich auch nicht glaubte, daß der Lärm stärker sei als gewöhnlich, so fragte ich doch die andern, die im Salon Halma spielten, ob jemand an Deck sei, wenn nicht, möge einer von ihnen so freundlich sein und nachsehen, wo das Eis sich zusammenschiebe. Gleich darauf hörte ich oben eilige Schritte: es war Nordahl, der meldete, die Pressung sei an der Backbordseite; es wäre am besten, wenn jemand an Deck bliebe. Peder und ich sprangen sofort hinauf, und mehrere der andern kamen uns nach. Als ich die Leiter hinunterkletterte, rief mir Peder von oben zu: »Wir müssen die Hunde herauslassen; sehen Sie, da steht schon Wasser auf dem Eise!«

Es war hohe Zeit, daß wir kamen, da das Wasser schon in den Hundestall strömte und dort bereits hoch stand. Peder watete bis zu den Knien im Wasser und stieß die Thür auf. Die meisten Hunde stürzten heraus und rannten umher, daß das Wasser aufspritzte, während einige sich furchtsam bis in die innersten Winkel verkrochen und herausgezogen werden mußten, obwol das Wasser ihnen schon hoch an den Beinen hinauf reichte. Die armen Thiere! Es muß ihnen jämmerlich genug zu Muthe gewesen sein, bei dem Bewußtsein, daß sie in einen solchen Raum eingeschlossen waren, während das Wasser stetig an ihnen emporstieg; trotzdem machten sie aber nicht mehr Lärm als gewöhnlich.

Nachdem die Hunde in Sicherheit gebracht waren, ging ich um die »Fram« herum, um zu sehen, was sonst noch passirt sei.

Das Eis war an dem Schiffe entlang bis vorn in die Nähe des Steuerbordbugs geborsten, und aus diesem Riß war das Wasser nach der Backbordseite geströmt, wo die Scholle durch das Gewicht der sich stetig auf uns zuschiebenden Eishügel niedergedrückt war. Der Spalt war gerade unter der Feldschmiede durch gegangen, welche dadurch in Gefahr kam und daher auf einen Schlitten gesetzt und nach der großen Scholle an Steuerbord querab vom Heck geschafft wurde. Nach demselben Platze brachten wir auch 11 Kisten mit Pemmikan, sowie die Kisten mit Hundekuchen und 19 Kisten mit Brot. Wir haben jetzt also dort ein vollständiges Depot liegen, hoffentlich in völliger Sicherheit, da das Eis so dick ist, daß es vermuthlich nicht nachgeben wird. Das hat Leben unter die Leute gebracht; sie sind sämmtlich an Deck gekommen. Nachdem wir noch weitere vier Blechkannen mit Petroleum herausgeholt hatten, machten wir uns an die Arbeit und brachten 21 Kisten mit Brot und einen weitern Vorrath von Pemmikan, sowie Chokolademehl, Butter, »Bril«-Proviant, Suppentafeln u. s. w., nach unserer Berechnung für 200 Tage, aus dem Raum auf Deck zur weitern Fortschaffung; auch wurden Zelte, Kochapparat und dergleichen bereit gemacht, sodaß jetzt alles oben in Ordnung war und wir uns ruhig zum Schlafen niederlegen konnten. Doch war es nach Mitternacht geworden, ehe wir fertig waren.

Ich hoffe noch immer, daß alles blinder Lärm gewesen ist und wir keine Gelegenheit zum Verbrauch dieser Vorräthe haben werden; dessenungeachtet ist es unsere Pflicht, alles in Bereitschaft zu haben für den Fall, daß das Unerwartete eintreten sollte. Außerdem wurde der Wache dringend eingeschärft, auf die Hunde zu achten und scharf aufzupassen, falls das Eis unter unsern Kisten bersten oder die Eispressung aufs neue beginnen sollte. Wenn irgendetwas passire, sollten sofort alle geweckt werden, lieber zu früh als zu spät.

Während ich hier noch sitze und schreibe, höre ich das Knirschen und Krachen draußen wieder beginnen; es finden also noch immer Eispressungen statt. Alle sind in bester Stimmung, und es scheint fast, als ob sie dies als eine angenehme Unterbrechung der Einförmigkeit unsers Daseins betrachten. Nun, es ist 1½ Uhr; ich glaube, ich lege mich lieber in die Koje; ich bin müde, und der Himmel mag wissen, wie bald ich wieder geweckt werde.

Freitag, 4. Januar. Während der Nacht verhielt sich das Eis ruhig, aber den ganzen Tag über hat es mit Intervallen wieder gekracht und sich zusammengeschoben; heute Abend ist es wiederholt geborsten, und gegen 9 Uhr und später konnte man viele Eispressungen beobachten. Eine Zeit lang traten diese ganz leicht in regelmäßigen Zwischenräumen ein, zuweilen mit einem plötzlichen Stoß und mit ordentlichem Getöse; darauf nahmen sie wieder ab, um dann aufs neue zu tosen. Inzwischen wird der Hügel immer höher und rückt uns gerade auf den Leib, langsam, wenn die Pressung nur mit Zwischenpausen kommt, schneller, wenn der Andrang längere Zeit anhält. Man kann den Eishaufen thatsächlich näher und näher herankriechen sehen; jetzt, um 1 Uhr, ist er nur wenige, kaum fünf Schritt von dem Schneehügel in der Nähe der Bugpforten entfernt. Von dort bis zum Schiffe sind es kaum mehr als 3 Meter, sodaß es nicht mehr lange dauern wird, bis er uns erreicht. Inzwischen fährt das Eis fort sich zu spalten, während die solide Masse, in welcher wir eingebettet liegen, an Steuerbord wie an Backbord immer kleiner wird. Mehrere Risse reichen bis an die »Fram« heran. Da das Eis unter dem Gewichte des Hügels an der Backbordseite sich senkt und die »Fram« größere Neigung dort hinüber bekommt, so strömt mehr Wasser über das neue Eis, welches sich auf dem gestern ausgetretenen Wasser gebildet hat. Dies heißt beinahe Zoll für Zoll sterben.

siehe Bildunterschrift

Die »Fram« nach der Eispressung (10. Januar 1895).

Langsam aber sicher rückt der unheilbringende Hügel heran, der aussieht, als ob er direkt über die Rehling zu gehen beabsichtige. Aber wenn die »Fram« uns nur den Gefallen thun und sich aus dem Eis befreien wollte, dann bin ich gar nicht bange, daß dies noch gut ausgehen wird; freilich sieht es sich augenblicklich recht häßlich an. Wir werden vermuthlich noch einen recht harten Kampf haben, ehe sie sich losbrechen kann, wenn sie das nicht sofort thut.

Ich ging dann hin und schaute mir den Hügel an. Wie sicher er fortschreitet! Ich betrachtete auch die Risse im Eise, wie sie sich um das Schiff herum bildeten und ausdehnten; ich hörte zu, wie es im Eise unter meinen Füßen krachte und knisterte, und hatte wenig Lust, meine Koje aufzusuchen, ehe ich die »Fram« nicht ganz vom Eise befreit gesehen hätte. Während ich hier noch sitze, höre ich, wie das Eis einen neuen Augriff unternimmt und lärmt und preßt, woraus ich erkenne, daß der Eishügel immer näher kommt. Es findet auch eine merkbare Eispressung statt, die anscheinend nie wieder aufhören will. Ich glaube nicht, daß wir noch mehr thun können. Alles ist bereit, das Schiff zu verlassen, wenn es nöthig sein sollte. Heute wurden die Kleidungsstücke u. s. w. hinaufgebracht und für einen jeden in Säcken zur Fortschaffung bereit gelegt.

Eine eigentümliche Lage; die Möglichkeit ist unstreitig vorhanden, daß alle unsere Pläne durch unvorhergesehene Ereignisse durchkreuzt werden, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht groß.

Ich habe keine Angst; nur möchte ich gern wissen, ob wir wirklich alles auf das Eis bringen sollen oder nicht. Es ist aber nach 1 Uhr, und ich glaube daher, das Vernünftigste, was ich thun kann, ist, mich hinzulegen und zu schlafen.

Die Wache hat Ordre, mich zu wecken, sobald der Eishügel sich der »Fram« nähert. Ein Glück, daß wir jetzt Mondschein haben, sodaß wir wenigstens von allen diesen Gräueln etwas sehen.

Vorgestern erblickten wir den Mond zum ersten mal über dem Horizont, gestern schien er eine Zeit lang, und jetzt haben wir ihn Tag und Nacht. Eine höchst günstige Lage der Dinge. Es ist gleich 2 Uhr, ich muß jetzt schlafen. Ich höre, der Eisdruck ist wieder stärker geworden.

Sonnabend, 5. Januar. Heute Nacht schläft jeder in voller Kleidung, die unentbehrlichsten Gegenstände liegen zur Seite oder sind am Körper befestigt; jeder ist bereit, beim ersten Warnungsrufe auf das Eis zu springen. Alles sonst Nöthige, Proviant, Kleidungsstücke, Schlafsäcke u. s. w., ist bereits aufs Eis gebracht worden. Wir haben den ganzen Tag daran arbeiten müssen, sind jetzt aber in schönster Ordnung und vollkommen fertig, das Schiff im Nothfalle zu verlassen. Wie ich glaube, wird dies jedoch nicht eintreten, da der Eisdruck gestern so schlimm war, wie er nur sein konnte.

Ich habe gut geschlafen und bin nur einmal aufgewacht; ich horchte dann auf das Knirschen und Schieben und Krachen des Eises, bis ich wieder einschlief. Um 5½ Uhr morgens wurde ich von Sverdrup geweckt, der mir berichtete, daß der Eishügel jetzt die »Fram« erreicht habe und heftig gegen uns andränge, sowie daß das Eis bis zur Rehling hinausrage.

Ich blieb darüber nicht sehr lange im Zweifel, denn ich hatte noch kaum die Augen geöffnet, als ich es draußen im Eise donnern und krachen hörte, als ob der Tag des Jüngsten Gerichts gekommen sei. Ich sprang auf. Es blieb nichts weiter übrig, als die ganze Mannschaft zu wecken, allen noch übrigen Proviant auf das Eis zu schaffen und dann unsere Pelze und sonstigen Ausrüstungsgegenstände an Deck zu bringen, sodaß sie im Nothfalle jeden Augenblick über Bord geworfen werden konnten. Damit ging der Tag hin, doch blieb das Eis ruhig. Zuletzt wurde auch das Petroleumboot, das in den Davits an der Backbordseite hing, herabgelassen und nach der großen Scholle geschleppt. Gegen 8 Uhr abends, als wir glaubten, daß die Eispressung nachgelassen habe, begann das Donnern und Krachen noch ärger als je vorher. Als ich nach oben eilte, stürzten mittschiffs große Massen Schnee und Eis hoch über die Rehling und das Zelt. Doch Peder, der ebenfalls herauf kam, ergriff eine Schaufel und rannte vorn aus dem Zelt nach dem Vorderende des Halbdecks, wo er das Eis fleißig wegzuschaufeln begann. Ich folgte ihm, um mich selbst von der Sachlage zu überzeugen. Ich sah mehr, als mir lieb war. Es war hoffnungslos, gegen einen solchen Feind mit der Schaufel zu kämpfen, und ich rief daher Peder zu, zurückzukommen, und sagte: »Wir wollen lieber alles auf das Eis bringen.« Kaum hatte ich ausgesprochen, als das Eis mit erneuter Kraft heranschob und donnerte und krachte. Peder bemerkte darauf: »Da hätte mich bald mitsammt der Schaufel der Teufel geholt«, wobei er sich vor Lachen ausschütten wollte. Ich stürzte zurück nach dem Deck und begegnete unterwegs Mogstad, der ebenfalls mit einer Schaufel in der Hand herbeieilte, von mir aber zurückgeschickt wurde. Als ich dann nach vorn unter das Zeltdach zur Leiter lief, sah ich, wie ersteres sich unter dem Gewicht der Eismassen herunterbog und diese darüber hin fielen und über die Rehling stürzten. Es waren solche Mengen, daß ich jeden Augenblick zu sehen erwartete, wie das Eis hereinbrechen und den Eingang versperren würde. Als ich nach unten kam, rief ich alle Mann an Deck, sagte ihnen aber, daß sie nicht durch die Thür an der Backbordseite, sondern durch den Kartenraum und an der Steuerbordseite hinausgehen sollten. Zunächst mußten alle Säcke aus dem Salon hinaufgeschafft werden und dann hatten wir diejenigen, welche an Deck lagen, in Sicherheit zu bringen. Denn ich befürchtete, es könnte, wenn die Thür an der Backbordseite nicht geschlossen gehalten würde, das Eis, falls es durch das Zelt brechen sollte, über das Deck und durch die Thür dringen, den Durchgang füllen, die Treppe hinabstürzen und uns wie in einer Mausefalle einschließen. Allerdings war der Durchgang vom Maschinenraum nach oben für diesen Nothfall freigemacht worden, allein dieses Loch war zu eng, um mit den schweren Säcken durchzukommen, auch war nicht zu sagen, wie lange dieser Weg offen bleiben würde, sobald das Eis uns erst einmal ordentlich angriff. Ich sprang wieder hinauf, um die Hunde loszumachen, die wir in »Castle Garden«, einem Stall an Deck an der Backbord-Rehling, eingeschlossen gehalten hatten. Sie winselten und heulten ganz kläglich unter dem Zelt, da die Schneemassen dasselbe jeden Augenblick zu sprengen und die Hunde lebendig unter sich zu begraben drohten. Ich schnitt die Befestigungen mit einem Messer durch und riß die Thür auf, worauf die meisten von ihnen in voller Jagd an der Steuerbordseite herausstürmten. Inzwischen hatten die Leute mit dem Heraufschaffen der Säcke begonnen.

siehe Bildunterschrift

Alle Mann an Deck!

Es war unnöthig, sie zur Eile anzutreiben; das besorgte das Eis, das sich so gegen die Schiffsseiten preßte, daß ich glaubte, es sei alles aus. Es war in der Dunkelheit ein fürchterliches Durcheinander, und um allem die Krone aufzufetzen, hatte der Steuermann in der Eile die Lampen ausgehen lassen. Ich mußte nochmals hinuntergehen, nur etwas über die Füße zu ziehen, da meine finnischen Schuhe in der Kajüte zum Trocknen hingen. Als ich hinunterkam, hatte die Eispressung ihren Höhepunkt erreicht; die Balken des Halbdecks krachten über mir, daß ich glaubte, sie würden auf mich herabstürzen.

Bald waren der Salon und die Kabinen von den Säcken geleert, und ebenso auch das Deck, worauf wir uns daran machten, die Sachen auf dem Eise weiterzuschleppen. Dieses brüllte und krachte mit solcher Gewalt gegen die Schiffsseiten, daß wir kaum unser eigenes Wort verstehen konnten. Doch lief alles gut ab, und nach kurzer Zeit war das ganze Gepäck in Sicherheit gebracht.

Während wir die Säcke schleppten, hatte das Pressen des Eises endlich aufgehört, worauf alles wieder so ruhig war wie zuvor.

Aber welch ein Anblick! Die Backbordseite der »Fram« war vollständig unter Schnee begraben; das Einzige, was man sehen konnte, war das aus demselben hervorragende Zeltdach. Hätte das Petroleumboot noch in den Davits gehangen, wie ein paar Stunden vorher, es würde kaum der Vernichtung entgangen sein. Die Davits waren völlig von Eis und Schnee bedeckt. Ein merkwürdiges Boot! Feuer und Wasser haben sich dagegen als machtlos erwiesen; es ist unversehrt aus dem Eis herausgekommen und liegt jetzt mit dem Kiel nach oben auf der Scholle. Es hat bisjetzt ein stürmisches Dasein geführt und beständig Unfälle gehabt; ich bin neugierig, was ihm demnächst beschieden sein wird.

Es war, wie ich zugeben muß, eine höchst aufregende Scene, als die Situation am schlimmsten war und wir es für dringend nothwendig hielten, die Säcke mit größtmöglicher Geschwindigkeit aus dem Salon herauszuschaffen. Wie mir Sverdrup jetzt erzählt, war er gerade im Begriff gewesen, ein Bad zu nehmen, und hatte nackt, wie ihn Gott erschaffen, dagestanden, als er mich alle Mann an Deck rufen hörte. Da dies noch nie vorgekommen war, hatte er begriffen, daß etwas Ernstliches vorgehe, und war schleunigst in die Kleider gefahren. Auch Amundsen hatte sich gedacht, daß etwas nicht in Ordnung sei. Er war der erste, der mit seinem Sack nach oben kam; in der Verwirrung hatte er aber den von mir gegebenen Befehl, durch die Steuerbordthüre hinauszugehen, nicht verstanden oder vergessen, hatte sich daher an der Backbordseite entlang getappt und war in der Dunkelheit über den Rand des Halbdecks hinabgestürzt. »Nun, das schadete nichts«, meinte er, »an dergleichen bin ich schon gewöhnt.« Als er sich aber von dem Fall wieder etwas erholt hatte und noch auf dem Rücken lag, wagte er es nicht, sich zu erheben, denn es schien ihm, als ob das Zelt mit allem auf ihn herabstürzen wollte, und es donnerte und krachte gegen die Rehling und den Rumpf, als ob der jüngste Tag gekommen sei. Da begriff er endlich, weshalb er auf der Steuerbord- und nicht auf der Backbordseite hätte hinausgehen sollen.

Alles, von dem man denken konnte, daß es uns möglicherweise von Nutzen sein würde, wurde herausgeschafft. Den Steuermann sahen wir einen großen Kleidersack wegschleppen, sowie ein schweres Bündel Becher, die an der Außenseite des Sackes befestigt waren.

Später lief er mit allen möglichen Dingen umher, mit Fausthandschuhen, Messern, Bechern u. s. w., die an seinen Kleidern befestigt waren und an seinem Körper herabhingen, sodaß man das klappernde Geräusch schon aus der Ferne hören konnte. Er bleibt bis zuletzt der alte.

Abends begannen alle, ihren Vorrath an Kuchen, Confect und dergleichen aufzuessen; auch rauchten sie Taback und genossen das Leben in der aufgeräumtesten Stimmung. Offenbar meinten sie, es sei nicht sicher, wann sie wieder so gute Zeiten an Bord der »Fram« haben würden, und hielten es daher für besser, die Gelegenheit zu benutzen. Wir befinden uns jetzt auf Kriegsfuß in einem leeren Nest.

Zur Vorsicht haben wir den Durchgang an der Steuerbordseite, der als Bibliothek benutzt wurde und deshalb geschlossen war, wieder aufgesprengt und halten jetzt alle Thüren offen, sodaß wir stets die Gewißheit haben, hinaus zu können, selbst wenn irgendetwas brechen sollte. Wir möchten nicht gern, daß der Eisdruck uns die Thüren verschließe, indem er die Thürpfosten zusammendrückt. Die »Fram« ist unstreitig ein starkes Schiff. Wir haben einen mächtigen Eishügel an unserer Backbordseite, und es ist jetzt gerade die Zeit der Eispressungen. Das Schiff legte sich mehr auf die Seite als je, fast 7°, aber nach dem letzten Eisdruck, den es auszuhalten hatte, hat es sich wieder ein wenig gehoben, sodaß es sich vom Eise losgebrochen haben muß und sich aufzurichten begonnen hat; jetzt ist ohne Zweifel alle Gefahr vorüber. Die ganze Geschichte wird als »Viel Geschrei und wenig Wolle« enden.

Sonntag, 6. Januar. Ein ruhiger Tag; seit gestern Abend keine Eispressungen. Die meisten Leute schliefen heute Morgen gut. Am Nachmittag sind sie sämmtlich sehr eifrig beschäftigt gewesen, die »Fram« wieder aus dem Eise auszugraben; wir haben schon die Rehling von hinten bis zum Halbdeck freigemacht, doch ist ein beträchtlicher Haufen auch auf das Zeltdach gefallen. Das Eis reichte bis zur zweiten Webeleine der Fockwanten, volle 2 Meter über die Rehling. Unbegreiflich ist, daß das Zelt den Druck ausgehalten hat; es ist aber sehr gut, daß dies der Fall war, weil man sonst nicht gewußt hätte, was aus vielen der Hunde geworden wäre.

Heute Nachmittag nahm Hansen eine Meridianhöhe, die 83° 34' nördlicher Breite ergab. Hurrah! Wir kommen gut nach Norden weiter, 13 Minuten seit Montag, und sind jetzt auf der nördlichsten Breite, die je erreicht worden ist. Ich brauche wol nicht zu erwähnen, daß diese Gelegenheit bei einer Bowle, eingemachten Früchten, Kuchen und Cigarren vom Doctor gehörig gefeiert wurde.

Gestern Abend rannten wir mit unseren Säcken um das Leben, heute trinken wir Punsch und schmausen: das sind die Wechselfälle des Schicksals. All das Getöse des Eises während der letzten Tage war vielleicht nur ein Salut zur Feier der Erreichung einer so hohen Breite! Dann muß man zugeben, daß das Eis uns nach Möglichkeit Ehre angethan hat. Nun, es macht nichts; mag es krachen, wenn wir nur nordwärts weiterkommen. Die »Fram« hält es jetzt sicher aus; sie ist vorn um 30 Centimeter, hinten um etwa 15 Centimeter weniger belastet und sogar ein wenig zurückgegangen. Wir können nicht eine einzige Rehlingsstütze finden, die sich gelockert hätte; aber trotzdem werden heute Abend alle Mann in voller Ausrüstung sich schlafen legen, bereit, aufs Eis zu flüchten.

Montag, 7. Januar. Im Laufe des Tages fand gelegentlich etwas Eispressung statt, sie war jedoch nur von kurzer Dauer; dann war wieder alles ruhig. Offenbar hat das Eis sich noch nicht wieder gesetzt, und wir haben daher von unserm Freunde an der Backbordseite noch mehr zu erwarten, sodaß ich ihn ganz gern gegen einen bessern Nachbar vertauschte.

Es scheint, als ob der Eisdruck seine Richtung geändert hätte, seitdem der Wind nach Südost herumgegangen ist. Er beschränkt sich jetzt auf das Eis von vorn bis hinten leewärts vom Winde, während der Eishügel an der Backbordseite, der fast luvwärts liegt, sich ziemlich ruhig verhalten hat.

Alles hat ein Ende, sagte der Junge, als er die Ruthe bekommen hatte; vielleicht sind die Eispressungen jetzt zu Ende, vielleicht auch nicht; das eine ist ebenso wahrscheinlich wie das andere.

Heute wird die Arbeit des Ausgrabens der »Fram« fortgesetzt; jedenfalls wollen wir die Rehling vom Eise frei machen. Das Schiff bietet im Mondschein einen höchst imposanten Anblick. So sehr man sich auch seiner eigenen Kraft bewußt sein mag, kann man doch nicht umhin, einen Gegner zu achten, der über solche Gewalt verfügt und in wenigen Augenblicken so mächtige Kriegsmaschinen in Bewegung setzen kann. Wahrscheinlich soll das Eis irgendeinen Sturmbock darstellen. Aber die »Fram« ist ihm gewachsen; kein anderes Schiff würde indeß einem solchen Angriff haben Stand halten können. In weniger als einer Stunde kann das Eis eine Mauer neben und über uns aufbauen, aus der herauszukommen uns einen Monat und vielleicht noch mehr Zeit kosten würde.

siehe Bildunterschrift

Die »Fram« im Mondschein nach der großen Eispressung im Januar 1895.

Es ist etwas Gigantisches daran; es ist wie ein Kampf zwischen Zwergen und einem Riesen, in welchem die Zwerge zur Schlauheit und List ihre Zuflucht nehmen müssen, um aus den Händen des andern zu entkommen, der selten seinen Griff lockert. Die »Fram« ist das Schiff, das die Zwerge mit all ihrer Schlauheit gezimmert haben, um den Kampf mit dem Riesen aufzunehmen, und an dessen Bord sie mit ameisenartigem Fleiß arbeiten, während jener es nur der Mühe werth hält, hin- und wieder seinen Körper umzuwenden. Aber jedes mal, wenn er sich herumdreht, ist es, als ob die Nußschale zertrümmert und begraben werden und verschwinden sollte. Die Zwerge haben jedoch so geschickt gebaut, daß die Nußschale immer flott bleibt und sich der tödlichen Umarmung entwindet. Alle die alten Sagen und Mythen von den Riesen, von Thor's Kampf in Jotunheim, als die Berge donnernd einstürzten und die Felsen umhergeschleudert wurden, als die Thäler sich mit fallenden Felsstücken füllten, kommen mir in Erinnerung, wenn ich diese mächtigen Eismassen sehe, die sich rund herum im Mondschein bewegen. Und wenn ich die Leute betrachte, die auf dem Eishügel stehen und hacken und graben, um einen Bruchtheil davon zu entfernen, dann erscheinen sie mir kleiner als Zwerge, ja noch kleiner als Ameisen. Wenn die Ameisen aber auch nur ein einzelnes Korn tragen können, so bauen sie doch im Laufe der Zeit einen Ameisenhaufen, in welchem sie, geschützt gegen Sturm und Winter, behaglich leben können.

Wäre dieser Angriff auf die »Fram« von der Bosheit selbst geplant worden, er hätte nicht schlimmer sein können. Die 2,3 Meter dicke Scholle hat sich an der Backbordseite gegen uns herangeworfen, hat sich dann auf dem Eise, auf welchem wir liegen, in die Höhe geschoben und drängt es mit Gewalt in die Tiefe.

Zugleich mit diesem Eise wurde die »Fram« hinabgezwängt, während die andere Scholle auf dem Eise unter ihm in die Höhe drängte, sich gegen das Schiff warf und es mittschiffs angriff, solange es noch festgefroren war. Soweit ich es zu beurtheilen vermag, hätte das Schiff kaum eine stärkere Pressung erfahren können, und es ist daher kein Wunder, daß es unter derselben ächzte; allein das Schiff hielt den Druck aus, brach los und hob sich wieder. Wer wird jetzt noch sagen, daß die Form des Schiffes von geringer Bedeutung sei? Wäre die »Fram« nicht so wie sie ist entworfen, wir würden jetzt nicht mehr hier sitzen. Nirgends im Schiffe ist ein Tropfen Wasser zu finden ...

Seltsamerweise hat das Eis uns seitdem keine solche Quetschung mehr bereitet. War es der Todesgriff, den wir am Sonnabend gefühlt haben? Er ist schwer zu beschreiben, war aber kräftig genug.

Heute Morgen machten Sverdrup und ich einen Gang über das Eis, doch war keine Spur einer neuen Pressung zu bemerken, vielmehr war das Eis eben und ununterbrochen wie früher. Das Zusammenschieben hat sich auf einen kleinen Streifen von Osten nach Westen beschränkt, und die »Fram« hat gerade auf dem allerschlimmsten Punkte gelegen.

Nachmittags hat Hansen die gestrigen Beobachtungen ausgerechnet; das Resultat ist 83° 34,2' nördlicher Breite und 102° 51' östlicher Länge. Wir sind also seit Sylvester nach Norden und Westen getrieben, und zwar 28 Kilometer nach Westen und nur 25 Kilometer nach Norden, während der Wind meist aus Südwest wehte. Die Scholle scheint den Kurs nach Nordwesten entschiedener als je eingeschlagen zu haben, und es ist daher nicht zu verwundern, daß einiger Eisdruck stattfindet, wenn der Wind das Eis quer zu unserm Kurse treibt.

Ich glaube, daß wir kaum eine besondere Erklärung für die Pressungen brauchen, da wir offenbar wieder Packeis mit Spalten, Rinnen und Hügeln erreicht haben, wo der Druck einige Zeit anhält, wie wir es im ersten Winter erfahren haben. Auf dem uns umgebenden Eise haben wir beständig mehrere ähnliche Strecken angetroffen, selbst wenn das Eis sonst ganz ruhig war.

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Merkwürdige Mondhöfe.

Heute Abend zeigte sich eine ganz merkwürdige Helle gerade unter dem Monde. Sie erschien wie ein ungeheurer leuchtender Heuschober am Horizont und reichte mit ihrem obern Theile bis hinein in den Hof um den Mond; an der obern Seite des Hofes war der gewöhnliche umgekehrte Lichtbogen zu sehen.

Am nächsten Tage, 8. Januar, bemerkten wir hin und wieder Mahlen im Eise. Während Mogstad und ich an den Handschlitten im Raum arbeiteten, begann es über und unter uns im Schiffe zu krachen, was sich später noch mehrere male wiederholte; doch wurde es inzwischen ruhiger.

Ich habe auf dem Eise oft dem Mahlen desselben zugehört und seine Wirkung beobachtet, jedoch ging sie nie über Krachen und Knistern unter der Oberfläche und in den Eishügeln neben uns hinaus.

Vielleicht soll uns das warnen, allzu vertrauensvoll zu sein! Ich bin gar nicht so sicher, daß das unnöthig ist. In Wirklichkeit ist es, als ob man auf einem rauchenden Vulkan lebte. Die Eruption, die unser Schicksal besiegeln wird, kann jeden Augenblick eintreten. Davon hängt Erfolg oder Fehlschlag ab. Und was ist der Einsatz? Entweder wird die »Fram« heimkehren und die Fahrt durchaus gelingen, oder wir werden das Schiff verlieren und mit dem zufrieden sein, was wir erreicht haben, und können auf dem Heimwege vielleicht noch einige Theile von Franz-Joseph-Land erforschen. Das ist alles. Jedenfalls würde es aber sehr hart sein, das Schiff zu verlieren, und ein sehr trauriger Anblick, es verschwinden zu sehen.

Einige von den Leuten sind unter der Führung von Sverdrup beschäftigt, das Eis des Hügels an der Backbordseite wegzuhacken, und haben schon gute Fortschritte gemacht. Mogstad und ich sind fleißig dabei, die Schlitten in Ordnung zu bringen und für den Gebrauch vorzubereiten, da ich sie nöthig habe, mögen wir nach Norden oder Süden gehen.

Liv ist heute zwei Jahre alt. Sie ist jetzt schon ein großes Mädchen. Ich möchte wissen, ob ich sie wiederkennen würde; ich würde wol kaum einen bekannten Zug an ihr finden. Es gibt großes Fest mit allen möglichen Geschenken für sie. Mancher Gedanke wird sich nordwärts wenden, und doch wissen sie nicht, wo sie uns suchen sollen, denken nicht, daß wir hier im Eise eingebettet in den höchsten nördlichen Breiten treiben, in der tiefsten Polarnacht, in die man je eingedrungen ist.

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Winternacht (14. Januar 1895).

Während der nächsten Tage wurde das Eis stetig ruhiger.

In der Nacht des 9. Januar krachte und mahlte das Eis wieder ein wenig; dann hörte dies ganz auf, und am 10. Januar lautete die Meldung: »Eis ganz ruhig«. Wäre der Eishügel an der Backbordseite nicht gewesen, dann würde man gewiß nicht gedacht haben, daß hier ein solcher Bruch des ewigen Friedens stattgefunden hatte, so ruhig und friedlich ist es jetzt. Einige Leute hauen noch von dem Eise weg, das zusehends weniger wird.

Mogstad und ich sind im Raume fleißig an den Schlitten beschäftigt. Zwischendurch habe ich auch einen Versuch gemacht, die »Fram« im Mondschein von verschiedenen Punkten aus zu photographiren. Die Resultate haben meine Erwartungen weit übertroffen. Aber da die Spitze des Eishügels jetzt weggehauen ist, geben diese Aufnahmen kein genaues Bild davon, wie das Packeis über die »Fram« hingestürzt war. Dann brachten wir unser Depot auf der großen Scholle des Packeises an der Steuerbordseite in Ordnung, indem wir alle Schlafsäcke, Lappen- und Finnen-Schuhe, Wolfsfellanzüge in unser Focksegel einwickelten und im äußersten Westen niederlegten. Der Proviant wurde in sechs verschiedenen Haufen untergebracht und die Büchsen und Flinten auf drei der letzteren vertheilt und mit Bootssegeln umhüllt. Alsdann wurden Hansen's und mein Instrumentenkasten nebst einem Eimer voll Patronen unter einem Bootssegel verstaut. Die Schmiede und die Schmiedewerkzeuge wurden besonders untergebracht, und oben auf dem »Großen Hügel« ein Haufen Schlitten und Schneeschuhe deponirt. Sämmtliche Kajaks lagen umgekehrt nebeneinander; unter ihnen waren der Kochapparat und die Lampen. Die Gegenstände sind in dieser Weise vertheilt, damit unser Verlust nicht so groß ist, falls die dicke Scholle sich plötzlich spalten sollte.

Wir wissen alles zu finden; es mag nach Herzenslust wehen und schneien, wir werden nichts davon verlieren.

Am Abend des 14. Januar hörten wir, wie ich in meinem Tagebuch bemerkte, zweimal einen scharfen Knall im Schiffe wie von einem Kanonenschuß, worauf ein Geräusch folgte, als ob etwas zersplitterte; vermuthlich ist es das Bersten des Eises infolge der starken Kälte gewesen.

Es schien mir damals, als ob die Neigung des Schiffes zugenommen habe, doch war das vielleicht nur Einbildung.

Da die Zeit verging, machten wir uns allmählich wieder eifrig an die Vorbereitungen für die Schlittenexpedition.

Dienstag, 15. Januar, schrieb ich: »Heute Abend ertheilte der Doctor Johansen und mir eine Lection im Verbinden und Heilen gebrochener Gliedmaßen. Ich lag auf dem Tische und erhielt einen Gipsverband, während die ganze Mannschaft zusah. Schon der Anblick dieser Operation muß nothwendigerweise unangenehme Gedanken hervorrufen. Ein derartiger Unfall draußen in der Polarnacht bei 40° bis 50° Kälte würde alles eher als angenehm sein, denn, ganz davon zu schweigen, daß es sich dabei um unser beider Leben handeln würde, kämen wir mit dem Verbinden wol auch schlecht zurecht. Allein solche Dinge müssen nicht vorkommen und, was noch mehr ist, sie dürfen nicht vorkommen.«

Im weitern Verlaufe des Januar konnten wir um Mittag die schwache Dämmerung des Tages wahrnehmen – des Tages, bei dessen Grauen wir aufbrechen sollten.

Am 18. Januar schrieb ich, daß ich schon um 9 Uhr morgens die ersten Anzeichen der Dämmerung hatte unterscheiden können und daß es um Mittag sogar hell zu werden schien. Ich halte es aber kaum für möglich, daß es in Monatsfrist zum Reisen schon hell genug ist; und doch muß es der Fall sein. Allerdings ist der Februar ein Monat, den alte »erfahrene« Leute für viel zu früh und viel zu kalt zu Reisen halten, die auch im März noch kaum jemand unternehmen würde. Allein es läßt sich nicht ändern; wir dürfen keine Zeit mit dem Warten auf weitere Bequemlichkeit verlieren, wenn wir vor dem Sommer fortkommen wollen, in welchem das Reisen unmöglich sein würde. Ich fürchte die Kälte nicht; dagegen können wir uns stets schützen.

siehe Bildunterschrift

Cand. med. Henrik Blessing.

Inzwischen werden die Vorbereitungen fortgesetzt, und ich bringe alles in Bezug auf die Tagebücher, Beobachtungsjournale, Photographien u. s. w., die wir mitnehmen wollen, in Ordnung. Mogstad fertigt im Raume Unterkufen für die Schlitten an, während Jacobsen einen neuen Schlitten zusammenzusetzen begonnen hat. Pettersen ist im Maschinenraum mit der Herstellung von Nägeln beschäftigt, welche Mogstad beim Beschlagen der Schlitten braucht. Inzwischen haben einige der anderen aus Eisblöcken und Schnee auf der Scholle eine große Schmiede aufgebaut, und morgen wollen Sverdrup und ich die Kufen in Theer und Stearin tränken und so heiß, wie es in der Schmiede nur möglich ist, biegen. Hoffentlich wird es uns gelingen, trotz der 40° Kälte genügende Hitze zu bekommen, um diese wichtige Arbeit ordentlich auszuführen. Amundsen ist bei der Reparatur der Mühle, an der wieder etwas nicht in Ordnung ist, weil die Zahnräder sich ausgelaufen haben; er glaubt, sie vollständig wiederherstellen zu können. Eine ziemlich kalte Arbeit, im Winde da oben auf der Mühle zu liegen und beim Licht der Laterne den harten Stahl und das Gußeisen zu bohren bei einer Temperatur von einigen 40° Kälte, wie wir sie jetzt haben. Als ich heute stehen blieb und die Laterne dort oben beobachtete, hörte ich, wie der Bohrer arbeitete; man konnte es hören, wie hart der Stahl war. Als ich ihn dann seine Hände zusammenschlagen hörte, dachte ich bei mir: »Ja, du hast allen Grund, die Hände zusammenzuschlagen; es ist kein besonders warmes Stück Arbeit, da oben im Winde zu liegen.« Das Schlimmste ist, daß man bei solcher Arbeit keine Fausthandschuhe anziehen kann, sondern die bloßen Hände brauchen muß, wenn man weiterkommen will. »Es dauert nicht lange, dann sind einem die Hände erfroren, aber es muß gemacht werden«, sagt er, und er will es nicht aufgeben. Ein prächtiger Bursche bei allem, was er unternimmt; ich tröste ihn damit, es hätten nicht viele vor ihm bei solchem Frost nördlich von 83° oben auf einer Mühle gearbeitet. »Bei anderen Expeditionen«, sagte ich zu ihm, »haben sie es, wenn die Temperatur so niedrig war, vermieden, im Freien zu arbeiten.« »Wirklich?« erwiderte er, »ich glaubte, andere Expeditionen seien uns in dieser Beziehung voraus gewesen; ich meinte, wir hätten uns zuviel drinnen gehalten.« Ich zögerte nicht, ihn über diesen Punkt aufzuklären, da ich weiß, daß er stets sein Bestes thut.

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Sverdrup härtet die Schlittenkufen über dem Feuer.

Es ist für mich in der That jetzt eine merkwürdige Zeit; mir kommt vor, als ob ich mich auf eine Sommerreise vorbereitete, als sei der Frühling schon erschienen, und dabei sind wir noch mitten im Winter, und die Art dieser Sommerreise dürfte doch noch etwas zweifelhaft sein. Das Eis hält sich ruhig; das Krachen in demselben und in der »Fram« ist nur eine Folge der Kälte. Während der letzten Tage habe ich Payer's Bericht über seine Schlittenexpedition nach Norden durch den Austria-Sund nochmals gelesen; er ist nicht sehr ermuthigend.

Gerade das Land, das er als das Reich des Todes schildert, wo er und seine Gefährten, wie er glaubt, unbarmherzig umgekommen sein würden, wenn sie ihr Schiff nicht wieder gefunden hätten, ist es, worauf wir unsere Rettung bauen; dieses Land ist es, das wir zu erreichen hoffen, wenn unser Proviant aufgezehrt sein wird. Das mag leichtsinnig erscheinen, aber nichtsdestoweniger kann ich es nicht dafür halten. Ich kann mir nicht anders denken, als daß ein Land, das selbst im April von Bären, Alken und Lummen schwärmt und wo die Seehunde sich auf dem Eise sonnen, für zwei Männer, die gute Büchsen und ein sicheres Auge haben, ein »Kanaan, wo Milch und Honig fließt«, sein muß; es muß sicherlich nicht nur Nahrung liefern für den augenblicklichen Bedarf, sondern auch Vorrath für die Weiterreise nach Spitzbergen. Indeß kann einem zuweilen wol der Gedanke kommen, daß es manchmal vielleicht gerade dann sehr schwierig sein werde, Lebensmittel zu bekommen, wenn man sie am nothwendigsten braucht; aber solche Gedanken gehen vorüber. Nichtsdestoweniger brechen wir aber auf, und die Zeit naht rasch heran; vier Wochen oder etwas mehr gehen bald vorüber, und dann Lebewohl diesem behaglichen Nest, das anderthalb Jahr unsere Heimat gewesen ist. Wir ziehen hinaus in die Dunkelheit und Kälte, hinaus ins ganz Unbekannte:

Dunkel ist's draußen, mich dünkt, es sei Zeit,
Zu befahren das feuchte Gestein,
Zu reiten ins Riesenland;
Wir kehren beide zurück oder uns beide wird fangen
Der von Stärke strotzende Thurs.

Am 23. Januar schreibe ich: »Die Dämmerung hat so stark zugenommen, daß ihr Leuchten auf dem Eise wahrzunehmen ist; zum ersten male in diesem Jahre habe ich den rothen Schein der Sonne tief unten in der Dämmerung gesehen.« Wir nahmen, ehe ich das Schiff verließ, Lothungen vor und fanden 3450 Meter. Dann fertigte ich im Raum Schneeschuhe an, bei denen es von Wichtigkeit ist, daß sie glatt, zähe und leicht sind, damit man auf denselben ordentlich vorwärtskommen kann. »Sie müssen tüchtig mit Theer, Stearin und Talg eingerieben werden und es muß Fahrt in ihnen sein; dann kommt es nur noch auf den Gebrauch der Beine an, und ich zweifle nicht, daß dies besorgt wird.«

Dienstag, 29. Januar. Gestrige Breite 83° 30'. (Vor einigen Tagen waren wir nördlich von 83° 40', doch sind wir wieder südwärts getrieben.) Das Licht nimmt stetig zu, und um Mittag scheint es beinahe heller Tag zu sein. Ich glaube, ich könnte im Freien schon den Titel eines Buches lesen, wenn der Druck groß und scharf ist. Jeden Morgen mache ich einen Spaziergang, um den grauenden Tag zu begrüßen, ehe ich mich in den Raum zur Arbeit an den Schneeschuhen und der Ausrüstung begebe. Mit einem sonderbaren Gefühl gehe ich herum. Gewiß ist tief im Innersten jubelnde Siegesfreude verborgen darüber, daß alle meine Träume im Begriff sind, mit der höher kommenden Sonne, die nordwärts über die eisbedeckten Gewässer steuert, verwirklicht zu werden; aber während ich in der mir vertrauten Umgebung thätig bin, überkommt mich manchmal eine tiefe Wehmuth. Es ist wie beim Abschiednehmen von einem theuern Freunde und dem Heime, das mir lange unter seinem Dache Schutz geboten hat; mit einem Schlage sollen wir dieses Heim und unsere lieben Gefährten auf immer verlassen, soll ich nie mehr das schneebedeckte Deck auf und ab schreiten, nie mehr unter das Zelt kriechen, das Lachen im traulichen Salon hören und im Kreise der Freunde sitzen.

Und dann denke ich daran, daß, wenn endlich die »Fram« die Eisfesseln bricht und den Bug nach Norwegen zurückwendet, ich nicht dabei sein werde. Ein Lebewohl gibt jedem Dinge im Leben seine eigene wehmüthige Färbung, wie das Abendroth, wenn der Tag, mag er gut oder schlecht gewesen sein, thränenvoll unter den Horizont sinkt.

Hunderte von malen wandert mein Blick über die dort an der Wand hängende Karte, und jedesmal beschleicht mich ein kalter Schauer. Der Weg, der vor uns liegt, scheint so weit, der Hindernisse auf unserm Wege sind vielleicht viele. Dann aber kommt wieder das Gefühl, daß es gehen muß; es kann nicht anders sein, alles ist zu sorgfältig vorbereitet, um jetzt fehlschlagen zu können. Inzwischen pfeift der Südostwind über unseren Köpfen, und wir treiben beständig nordwärts, dem Ziele entgegen. Wenn ich an Deck gehe, und in die Nacht mit ihrem funkelnden Sternengewölbe und dem flammenden Nordlicht hinausschaue, weichen alle diese Gedanken, und es ist mir immer, als müßte ich ausruhen in diesem Heiligthum, dem dunkeln, tiefen, schweigsamen Raum, dem unendlichen Tempel der Natur, in welchem die Seele ihren Ursprung zu finden sucht. Strebsame Ameise, was bedeutet es, ob du mit deinem Korn dein Ziel erreichst oder nicht? Alles verschwindet im Meere der Ewigkeit, in dem großen Nirvana. Unsere Namen werden mit der Zeit vergessen, unserer Thaten gedenkt niemand, unser Leben fliegt vorbei wie eine Wolke und verschwindet wie der Nebel, der von der Sonne warmen Strahlen verjagt, von ihrer Hitze niedergedrückt wird. Denn unsere Zeit ist ein Schatten, der vorüber fliegt, und unser Ende zieht den Fuß nicht zurück, denn es ist besiegelt, und keiner kehrt zurück.

Zwei von uns werden bald noch weiter in diese ungeheure Wüste, in noch größere Einsamkeit und noch tiefere Stille hineinwandern.

Mittwoch, 30. Januar. Heute ist das große Ereigniß eingetreten, daß die Windmühle nach ihrer langen Ruhezeit zum ersten male wieder im Gange ist. Trotz der Kälte und Dunkelheit hat Amundsen die Zahnräder wieder in Ordnung gebracht, sodaß die Mühle jetzt so gleichmäßig und glatt läuft wie auf Gummi.

Wir hatten beständig Nordostwind und treiben wieder nach Norden.

Sonntag, 3. Februar. Wir sind auf 83° 43'. Die Zeit unserer Abreise naht heran, die Vorbereitungen werden mit Eifer betrieben. Die Schlitten sind vollendet; ich habe sie schon unter verschiedenen Verhältnissen probirt. Ich habe bereits die Unterkufen erwähnt, die wir aus Ahornholz angefertigt haben, um sie unter den neusilberbeschlagenen festen Kufen anzubringen; es geschieht, um die Schlitten sowol, als auch insbesondere die Kufen zu verstärken, damit sie zu Beginn der Reise, wenn die Lasten noch schwerer sind, durch die vielen Stöße, die sie wahrscheinlich erfahren werden, weniger leicht dem Zerbrechen ausgesetzt sind.

Später, wenn die Lasten leichter geworden sein werden, können wir die Ahornkufen, falls wir es für angezeigt halten, leicht entfernen. Außerdem leitete mich bei diesen Kufen noch eine weitere Erwägung. Ich war nämlich der Ansicht, daß in der niedrigen Temperatur, die wir im Winter haben, und auf dem trockenen, zusammengewehten Schnee, der dann die Schollen bedeckt, Metall nicht so leicht wie glattes Holz gleiten würde, namentlich wenn letzteres mit Theer und Stearin tüchtig getränkt ist.

Gegen den 8. Februar war einer der Schlitten mit hölzernen Kufen fertig, sodaß wir damit Versuche anstellen konnten; dabei fanden wir, daß er sich beträchtlich leichter ziehen ließ als ein ähnlicher Schlitten, der auf neusilberbeschlagenen Kufen lief, obwol die Last auf beiden genau dieselbe war. Der Unterschied war so groß, daß wir es fast um die Hälfte schwerer fanden, einen Schlitten auf neusilberbeschlagenen Kufen zu ziehen als auf den getheerten Ahornkufen.

Unsere neuen Schlitten aus Eschenholz waren jetzt beinahe vollendet und wogen ohne Kufen 15 Kilogramm. Alle Mann sind eifrig an der Arbeit. Sverdrup näht kleine Säcke oder Polster, die auf die Schlitten gelegt werden als Unterlage oder Griffe für die Kajaks; sie werden so gemacht, daß der Boden des Bootes hineinpaßt. Johansen und einer oder zwei der anderen stopfen die Säcke voll Pemmikan, der zu diesem Zwecke erwärmt, geklopft und geknetet werden muß, damit er eine gute Unterlage für unsere kostbaren Boote abgibt. Wenn diese viereckigen, glatten Säcke in die Kälte hinaus kommen, frieren sie so hart wie Stein und behalten ihre Form immer bei. Blessing sitzt im Arbeitsraum und copirt die Photographien, von denen ich keine Copien habe, während Hansen eine Kartenskizze unserer bisherigen Route zeichnet, seine Beobachtungen für uns abschreibt u.s.w. Kurz, es befindet sich kaum ein Mann an Bord, der nicht fühlt, daß der Augenblick der Abreise herannaht; vielleicht ist die Küche der einzige Ort, wo unter Lars' Regiment alles in der gewöhnlichen Weise seinen Gang geht.

Der Schiffsort war gestern 83° 32,1' nördlicher Breite und 102° 28' östlicher Länge, sodaß wir also wieder südlicher stehen; jedoch schadet das nichts, denn was machen ein paar Seemeilen mehr oder weniger für uns aus?

Sonntag, 10. Februar. Heute war so viel Tageslicht, daß ich um 1 Uhr »Verdens Gang« ziemlich gut lesen konnte, wenn ich die Zeitung gegen das Dämmerungslicht hielt; es war aber unmöglich, wenn ich sie gegen den Mond hielt, der tief im Norden stand. Vor dem Mittagessen unternahm ich eine kurze Fahrt mit »Gulen« und »Susine« (zwei von den jungen Hunden), sowie mit »Kaiphas«; »Gulen« war noch nie im Geschirr gewesen, ging aber ganz gut. Wenn er zu Anfang auch etwas widerspenstig war, so verschwand das doch bald, sodaß ich glaube, er wird ein tüchtiger Hund werden, wenn er erst gut angelernt ist. »Susine«, die schon im vorigen Herbst ein wenig eingefahren worden ist, benahm sich wie ein alter Schlittenhund. Die Bahn ist hart und für die Hunde nicht schwierig. Sie können leicht festen Fuß fassen, auch ist der Boden nicht allzu rauh für ihre Füße, doch ist er auch nicht übermäßig glatt. Das Eis ist eben und bequem zum Laufen, sodaß ich tüchtige Tagemärsche zu machen hoffe; wir kommen rascher vorwärts, als wir erwartet hatten. Ich kann nicht leugnen, daß es eine weite Reise ist. Nie hat irgendjemand je die Brücke hinter sich so entschieden abgebrochen. Wenn wir umkehren wollten, wir hätten absolut nichts, wohin wir uns wenden könnten, nicht einmal eine öde Küste. Es wird unmöglich sein, das Schiff wiederzufinden, und vor uns liegt das große Unbekannte. Und dort gibt es nur eine Straße: sie führt gerade aus, immer gerade durch, sei es Land oder Wasser, flach oder uneben, nur über Eis oder über Eis und Wasser, und ich bin fest überzeugt, wir kommen durch, selbst wenn wir das Schlimmste treffen sollten, nämlich Land und Packeis.

Mittwoch, 13. Februar. Die Pemmikan-Polster und die getrocknete Leberpastete sind jetzt fertig. Die Kajaks werden eine ausgezeichnete Unterlage erhalten, und ich wage zu behaupten, daß solche Fleischpolster eine absolute Neuheit sind. Unter jedem Kajak befinden sich drei, die genau zum Schlitten passen und, wie bereits erwähnt, nach dem Boden des Kajaks geformt sind. Sie wiegen je 50-60 Kilogramm. Die leeren Säcke haben ein Gewicht von 1½ Kilogramm. Das Fleisch (Pemmikan und getrocknete Leber) in allen dreien zusammen wiegt ungefähr 160 Kilogramm. Jeder von uns besitzt einen leichten Schlafsack aus Renthierfell, in welchem wir letzte Nacht draußen zu schlafen versuchten, doch sowol Johansen wie ich fanden es ziemlich kalt, obgleich wir nur -37° hatten. Vielleicht waren wir unter dem Wolfsfellanzug zu leicht gekleidet; wir wollen daher heute Nacht mit etwas wärmerer Kleidung einen neuen Versuch machen.

Sonnabend, 16. Februar. Die Ausrüstung macht weitere Fortschritte; doch sind noch verschiedene Kleinigkeiten zu erledigen, die Zeit erfordern, und ich weiß daher nicht, ob wir am Mittwoch, 20. Februar, schon zum Aufbruch bereit sein werden, wie ich es ursprünglich beabsichtigt hatte. Der Tag ist jetzt so hell, daß wir, soweit dies in Betracht kommt, sofort aufbrechen könnten; jedoch thun wir vielleicht besser, noch einen oder zwei Tage zu warten. Drei Schlittensegel (für einzelne Schlitten) sind jetzt fertig; sie sind aus sehr leichtem Baumwollenstoff hergestellt und haben eine Breite von 2,20 Meter bei 1,30 Meter Höhe; sie sind so gemacht, daß zwei davon zusammengeschnürt und als ein Segel auf einem Doppelschlitten benutzt werden können. Ich glaube, sie werden uns gute Dienste thun; sie wiegen je 600 Gramm. Außerdem haben wir jetzt auch den größten Theil des Proviants zum Verstauen in die Säcke bereit.

 

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

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