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In Nacht und Eis. Erster Band

Fritjof Nansen: In Nacht und Eis. Erster Band - Kapitel 10
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authorFridtjof Nansen
titleIn Nacht und Eis. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1897
firstpub
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Achtes Kapitel

Vorbereitungen zur Schlittenreise.

Wer sollen nun die beiden Theilnehmer an der Schlittenreise sein?

Sverdrup und ich haben uns beide schon früher an solcher Arbeit versucht und würden sehr gut fertig werden; allein beide zusammen können wir die »Fram« nicht verlassen, das ist ohne weiteres klar. Einer von uns muß zurückbleiben und die Verantwortung übernehmen, die anderen wohlbehalten wieder heimzubringen. Ebenso klar ist es aber auch, daß einer von uns die Führung der Schlittenreise übernehmen muß, da nur wir die nöthige Erfahrung besitzen.

Sverdrup möchte sehr gern mitgehen, allein ich kann mir nicht anders denken, als daß mehr Gefahr beim Verlassen der »Fram« ist als beim Anbordbleiben. Wenn ich ihn daher gehen ließe, würde ich ihm die gefährlichere Aufgabe übertragen, während ich die leichtere für mich behielte. Würde ich es mir, wenn er umkäme, je verzeihen können, daß ich ihn hatte gehen lassen, wenn es auch sein eigener Wunsch gewesen war? Er ist neun Jahre älter als ich; ich würde es jedenfalls als eine sehr unbequeme Verantwortung empfinden.

Was die Uebrigen anlangt, welcher von uns würde im Interesse der andern an Bord zu behalten sein? Ich glaube, sie haben Vertrauen zu uns beiden, und ich bin überzeugt, daß ein jeder von uns im Stande sein würde, die Kameraden sicher wieder nach Hause zu bringen, sei es mit der »Fram« oder ohne sie. Von einem andern Gesichtspunkte aus liegt es am nächsten, daß Sverdrup das Schiff führt, während mir die Leitung des Ganzen und namentlich der wissenschaftlichen Untersuchungen obliegt.

Danach scheint es also meine Pflicht zu sein, die Aufgabe, bei welcher wichtige Entdeckungen gemacht werden sollen, zu übernehmen. Diejenigen, welche mit dem Schiffe zurückbleiben, werden, wie ich schon früher bemerkt, die Beobachtungen fortsetzen können, die an Bord vorgenommen werden müssen. Es ist daher meine Pflicht, zu gehen, und die Sverdrup's, zurückzubleiben. Er hält dies ebenfalls für vernünftig.

Ich habe Johansen zum Gefährten erwählt, der sich in jeder Beziehung für die Aufgabe sehr gut eignet. Er ist ein vollendeter Schneeschuhläufer, und in Ausdauer kommen ihm wenige gleich – ein prächtiger Mensch in physischer und geistiger Beziehung. Ich habe ihn noch nicht gefragt, gedenke dies aber bald zu thun, damit er sich bei Zeiten vorbereiten kann.

Blessing und Scott-Hansen würden mich sicherlich ebenfalls sehr gern begleiten, allein Scott-Hansen muß zurückbleiben, um die Beobachtungen zu übernehmen, und Blessing kann seinen Posten als Arzt nicht verlassen. Auch mehrere von den Uebrigen würden sich sehr gut eignen und ohne Zweifel sofort bereit zum Mitgehen sein. –

Vorläufig ist diese Expedition nach Norden also beschlossen. Ich will sehen, was der Winter uns bringt; wenn das Licht es gestattet, würde ich am liebsten schon im Februar aufbrechen.

Sonntag, 18. November. Mir scheint, daß ich mich noch nicht recht in den Gedanken hineinfinden kann, daß ich wirklich aufbrechen werde, und zwar schon in drei Monaten. Manchmal ertappe ich mich in reizenden Träumen von meiner Heimkehr nach schwerer Arbeit und Sieg, und dann ist alles klar und hell; dann aber folgen Gedanken über die Ungewißheit und die Täuschungen der Zukunft und was in deren Schoß auf uns lauern mag, und die Träume, blaß und farblos, verlöschen wie das Nordlicht.

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!

O, diese ewigen Anfälle des kalten Zweifels! Vor jedem endgültigen Entschlusse muß der Todeswürfel fallen. Ist dort zu viel zu wagen und zu wenig zu gewinnen? Auf alle Fälle ist dort mehr zu gewinnen als hier. Ist es dann nicht meine Pflicht? Außerdem gibt es auch nur einen Menschen, dem ich verantwortlich bin, und sie ...? Ich werde wiederkehren, ich weiß es. Ich fühle es in mir. Wenn die Rosen wieder blühen ... »Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.«

siehe Bildunterschrift

Lieutenant Fredrik Hjalmar Johansen.

Wir sind höchst wunderlich gebaute Maschinen. In einem Augenblick alles Entschlossenheit, im nächsten alles Zweifel ... Heute scheint unser Verstand, unser Wissen, all unser Leben und Treiben nichts als elendes Philisterthum, keine Pfeife Taback werth, morgen stürzen wir uns, von brennendem Durst verzehrt, gerade in diese Forschungen, um alles in uns aufzunehmen. Das Verlangen erfüllt uns, neue Pfade zu erspähen, und nagende Unzufriedenheit quält uns ob unserer Unfähigkeit, das Problem ganz und vollständig zu lösen. Dann sinken wir wieder herab, und Ekel überfällt uns über die Werthlosigkeit von allem.

Einem Stäubchen auf der Wagschale gleicht die ganze Welt, einem Thautropfen, der am Morgen zur Erde fällt.

Wenn zwei Seelen in uns wohnen, welche ist die rechte?

Es ist nichts Neues, darunter zu leiden, daß unser Wissen Stückwerk ist, darunter, daß wir nie ergründen können, was im Hintergrunde verborgen liegt. Aber angenommen, wir könnten es ausrechnen, sodaß das innerste Geheimniß von allem klar und offen wie ein Regeldetri-Exempel vor uns lüge, wären wir darum glücklicher? Vielleicht das Gegentheil. Besteht nicht eben in dem Kampfe um das Wissen das Glück? Ich bin sehr unwissend, also sind die Vorbedingungen des Glückes bei mir gegeben.

Laßt mich eine Friedenspfeife stopfen und glücklich sein.

Es geht nicht mit der Pfeife! Rollentaback ist nicht sein genug für luftige Träume. Laßt mich eine Cigarre rauchen. O, wenn ich nur eine echte Havana hätte!

Hm, als ob nicht gerade Unzufriedenheit, Entbehrung und Leiden die Voraussetzung des Lebens wären. Ohne Entbehrung gäbe es keinen Kampf, ohne Kampf kein Leben, das ist so gewiß, wie zwei mal zwei vier ist. Aber nun soll der Kampf beginnen, dort im Norden wird er anheben. O, den Kampf zu genießen, ihn aus vollen Schalen zu trinken! Kampf ist Leben, und nach ihm winkt uns der Sieg.

Ich schließe die Augen und höre eine Stimme singen:

Unter den grünenden Birken allein.
Unter den duftenden Blumen am Rain
Und in dem Schatten der Fichten im Hain.

Montag, 19. November. Eine verwünschte Stimmung dieser ganze Weltschmerz!

Du bist ja ein glücklicher Mensch. Und wenn du dich bei schlechter Laune fühlst, kannst du an Deck gehen und den sieben jungen Hunden zuschauen, die um dich herum springen und jagen und dich aus lauter Freude am Leben in Stücke zu zerreißen bereit sind. Das Leben ist Sonnenschein für sie, obgleich die Sonne längst verschwunden ist und sie an Deck unter einem Zeltdach leben, unter dem sie nicht einmal die Sterne sehen können.

Da ist auch »Kvik«, die Familienmutter, mitten unter ihnen; dick und vergnügt wedelt sie mit dem Schweif. Habe ich nicht Grund, ebenso glücklich zu sein wie die Hunde? Und doch haben auch sie ihre Unglücksfälle gehabt.

Als ich vorgestern Nachmittag bei der Arbeit saß, hörte ich, wie die Mühle sich fortwährend drehte und Peder Futter den Hunden brachte, die sich wie üblich ein wenig um den Fleischtopf stritten; dabei kam mir der Gedanke, daß die ohne Schutzbekleidung gelassene Welle der Mühle doch ein äußerst gefährliches Ding für die jungen Hunde sei. Zehn Minuten später hörte ich einen der Hunde heulen – es war eine langgezogenere, unheimlichere Art des Heulens als sonst –, und in demselben Augenblick begann die Mühle langsamer zu laufen.

Ich stürzte hinauf und sah einen der jungen Hunde direct auf der Welle liegen und mit dieser herumwirbeln, wobei er in so mitleiderregender Weise heulte, daß es einem ins Herz schnitt. Bentsen hing an der Bremsleine und zog mit aller Gewalt daran, aber die Mühle ging weiter. Mein erster Gedanke war, eine in der Nähe liegende Axt zu ergreifen und den Hund, dessen Geschrei herzzerreißend war, von seinen Leiden zu befreien. Nach kurzem Ueberlegen beeilte ich mich aber, Bentsen zu helfen, worauf wir die Mühle zum Stehen brachten.

In demselben Augenblick kam auch Mogstad, dem es gelang, den Hund zu befreien, während wir die Mühle festhielten. Da anscheinend noch Leben in dem Thiere war, machte er sich daran, es zu reiben und sich um dasselbe zu bemühen.

Die Haare des Hundes waren irgendwie an der glatten Stahlwelle festgefroren, die das arme Thier mit herumgeschwungen und bei jeder Umdrehung auf das Deck geschlagen hatte. Endlich erhob es wirklich den Kopf ein wenig und blickte betäubt umher; es hatte ziemlich viel Umdrehungen mitgemacht, sodaß es kein Wunder ist, wenn es anfänglich einige Mühe hatte, sich in seiner Umgebung wieder zurechtzufinden. Dann erhob es sich auf die Vorderpfoten, ich trug es nach dem Halbdeck und streichelte es. Bald darauf stand der Hund auf seinen vier Füßen und begann umherzutaumeln, ohne zu wissen wohin.

»Es ist gut, daß der Hund beim Haar erfaßt worden ist«, meinte Bentsen, »ich dachte, er hinge an der Zunge, wie der andere neulich.«

Man stelle sich einmal vor, mit der Zunge an einer sich drehenden Welle fest zu hängen; es gruselt einem dabei! Ich trug das arme Thier in den Salon hinab und that alles, was ich konnte, für dasselbe. Bald war es wieder ganz wohl und begann mit seinen Kameraden zu spielen wie früher.

Ein wunderliches Leben, in der Dunkelheit und Kälte an Deck herumzustöbern. Sobald jemand mit der Laterne hinaufgeht, kommen die Hunde angerannt, starren in das Licht und beginnen miteinander um dasselbe herumzujagen, zu tanzen und Luftsprünge zu machen wie Kinder um den Weihnachtsbaum. So geht das Tag für Tag; sie haben noch nie etwas anderes gesehen als dieses Deck mit dem Zeltdach darüber, ja nicht einmal den klaren blauen Himmel, ebenso wie wir Menschen nie etwas anderes gesehen haben als diese Erde! –

Jetzt ist der letzte Schritt über die Brücke des Entschlusses gethan! Vormittags habe ich Johansen die ganze Sache mit ziemlich denselben Worten, wie ich sie vorstehend gebraucht habe, auseinandergesetzt, die denkbaren Möglichkeiten vorgeführt und insbesondere die Gefahren betont, auf die man vorbereitet sein müsse.

Es sei eine ernste Sache, eine Frage von Leben und Tod, das dürfe man sich nicht verheimlichen. Er solle sich die Sache gut überlegen, ehe er sich entscheide, ob er mich begleiten wolle oder nicht. Wenn er geneigt sei, mitzukommen, würde ich mich freuen, ihn bei mir zu haben; jedoch würde ich es am liebsten sehen, wenn er sich einen oder zwei Tage Zeit nähme, sich die Sache wohl zu überlegen, bevor er mir seine Antwort ertheile.

Er brauche keine Zeit zum Ueberlegen, erwiderte er; er gehe gern mit. Sverdrup habe schon vor längerer Zeit über die Möglichkeit einer solchen Expedition gesprochen; er habe gehörig darüber nachgedacht und sei zu dem Entschlusse gekommen, daß, wenn meine Wahl auf ihn fallen solle, er es als eine große Gunst betrachten würde, wenn ich ihn zum Begleiter nähme.

»Ich weiß nicht, ob diese Antwort Sie befriedigen wird und ob Sie nicht lieber sehen, daß ich die Sache noch weiter überlege; sicherlich würde ich aber meine Ansicht nicht ändern.«

»Nein, wenn Sie schon ernstlich darüber nachgedacht haben, welchen Gefahren Sie sich aussetzen – daß vielleicht keiner von uns beiden einen Menschen je wiedersehen wird – wenn Sie erwogen haben, daß, selbst wenn wir sicher und wohlbehalten durchkommen, Sie nothwendigerweise auf einer Expedition wie diese eine Menge Leiden zu ertragen haben werden – wenn Sie sich alles das klar gemacht haben, dann bestehe ich nicht darauf, daß Sie sich die Sache noch länger überlegen.«

»Ja, das habe ich.«

»Nun gut, dann ist das erledigt. Morgen wollen wir mit den Vorbereitungen für die Reise beginnen. Hansen muß sehen, daß er einen neuen meteorologischen Assistenten ernennt.«

Dienstag, 20. November. Heute Abend hielt ich an die ganze Schiffsmannschaft eine Anrede, in welcher ich den Entschluß, zu dem wir gekommen waren, mittheilte und ihnen die geplante Expedition erklärte.

Zunächst ging ich in Kürze die ganze Theorie unseres Unternehmens und die Geschichte unserer Expedition von Anfang an durch, wobei ich besonderes Gewicht auf die Idee legte, auf welcher ich meinen Plan aufgebaut hatte, nämlich daß ein Schiff, welches im Norden von Sibirien einfröre, quer durch das Polarmeer und auf der andern Seite wieder hinaus in den Atlantischen Ocean treiben und irgendwo nördlich von Franz-Joseph-Land zwischen diesem und dem Pol hindurchkommen müsse.

Die Aufgabe der Expedition sei daher, diese Drift quer über das unbekannte Meer auszuführen und dort Untersuchungen anzustellen. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen von gleicher Wichtigkeit seien, ob die Expedition thatsächlich den Pol selbst passire oder in einiger Entfernung von demselben. Nach unseren bisjetzt gemachten Erfahrungen zu urtheilen, könnten wir keinen Zweifel daran hegen, daß die Expedition die Aufgaben, die sie sich gestellt habe, lösen werde; alles sei ja bis zu diesem Augenblicke unseren Erwartungen entsprechend gegangen, und es sei zu hoffen und zu erwarten, daß das auch für den Rest der Reise der Fall bleiben werde. Wir hätten daher alle Aussicht, den Haupttheil unserer Aufgabe auszuführen. Nunmehr entstehe aber die Frage, ob nicht noch mehr gethan werden könne, und darauf begann ich den Leuten auseinanderzusetzen, wie das durch eine Expedition nach Norden ausgeführt werden könne.

Ich gewann den Eindruck, daß alle tiefes Interesse an der Expedition nahmen und es für höchst wünschenswerth hielten, daß der Versuch gemacht würde.

Der Haupteinwand, den sie dagegen erhoben haben würden, wenn ich sie gefragt hätte, wäre meiner Ansicht nach wol der gewesen, daß sie nicht selbst daran theilnehmen könnten. Ich stellte ihnen jedoch eindrücklich vor, daß, wenn es auch gewiß eine schöne Sache sei, so weit wie möglich nach Norden vorzudringen, es doch ein nicht um das geringste weniger ehrenvolles Unternehmen sei, die »Fram« wohlbehalten quer durch das Polarmeer und auf der andern Seite wieder heraus zu bringen, und wenn nicht die »Fram«, so doch sich selbst ohne Verlust an Menschenleben. Wenn dies geschehen sei, dann könnten wir, ohne Widerspruch befürchten zu müssen, sagen, daß alles wohlgethan sei. Ich glaube, sie sahen sämmtlich die Richtigkeit davon ein.

Der Würfel ist also gefallen, und ich muß selbst glauben, daß die Expedition wirklich stattfinden wird.

Nunmehr machten wir uns allen Ernstes an die Vorbereitungen. Ich habe schon früher erwähnt, daß ich gegen Ende des Sommers mit der Herstellung eines Kajaks für eine einzelne Person begonnen hatte, dessen Gerippe aus sorgfältig zusammengebundenem Bambus bestand.

Es war eine langsame Arbeit, die mehrere Wochen dauerte; dafür erwies das Gestell sich aber auch als leicht und stark; als es vollendet war, wog es 8 Kilogramm. Später wurde es von Sverdrup und Blessing mit Segeltuch bekleidet, worauf das ganze Boot 15 Kilogramm wog. Nachdem es fertig war, hatte ich Mogstad mit der Aufgabe betraut, ein zweites, ähnliches Boot zu bauen. Jetzt machten Johansen und ich uns daran, die Bekleidung für dasselbe herzustellen.

Die Kajaks waren 3,70 Meter lang, in der Mitte ungefähr 70 Centimeter breit und das eine 30 Centimeter, das andere 38 Centimeter tief; das ist erheblich kürzer und breiter als ein gewöhnliches Eskimo-Kajak, infolgedessen waren diese Boote auch nicht so leicht durch das Wasser fortzubewegen. Da sie aber hauptsächlich dazu dienen sollten, Rinnen und offene Stellen im Eise damit zu kreuzen und an etwaigem Lande entlang zu fahren, so spielte die Schnelligkeit keine große Rolle.

Die Hauptsache war, daß die Boote stark und leicht und dabei im Stande waren, außer uns selbst Proviant und Ausrüstungsgegenstände für eine längere Zeit zu tragen. Hätten wir sie länger und schmäler gemacht, so würden sie nicht nur schwerer geworden, sondern auch beim Transport über das unebene Eis Beschädigungen mehr ausgesetzt gewesen sein. Wie sie waren, erwiesen sie sich als für unsern Zweck wunderbar geeignet. Als wir sie sorgfältig beluden, konnten wir Proviant und Ausrüstung auf mindestens drei Monate für uns, sowie ein ziemlich großes Quantum Hundefutter verstauen und außerdem noch einen oder zwei Hunde auf dem Verdeck mitführen. In allen sonstigen Beziehungen waren sie im wesentlichen wie die Eskimo-Kajaks und voll gedeckt, bis auf eine Oeffnung in der Mitte, in welcher der Ruderer saß.

Diese Oeffnung war nach Eskimoart von einem hölzernen Ringe eingefaßt, über welchen wir den untern Theil unserer Seehundpelze schieben konnten, die zu diesem Zwecke besonders eingerichtet waren, sodaß die Verbindung zwischen Boot und Kragen wasserdicht war. Wurde der Seehundpelz um die Handgelenke und das Gesicht dicht zugezogen, dann konnte sich die See vollständig über uns ergießen, ohne daß ein Tropfen Wasser in die Kajaks gelangte. Wir mußten uns mit solchen Booten ausrüsten für den Fall, daß wir auf unserm Wege nach Spitzbergen oder, wenn wir die andere Route wählten, zwischen Franz-Joseph-Land und Nowaja Semlja offene Strecken Wassers treffen sollten.

Außer der Oeffnung in der Mitte hatten die Boote vorn und hinten im Deck kleine Klappen, durch die wir die Hand stecken, den Proviant verstauen und leichtere Gegenstände herausholen konnten, ohne den ganzen Inhalt durch die mittlere Oeffnung herauszunehmen, wenn das, was wir brauchten, am Ende des Fahrzeugs lag. Diese Klappen konnten so geschlossen werden, daß sie vollständig wasserdicht waren.

Um das Segeltuch völlig undurchdringlich für das Wasser zu machen, wäre es am besten gewesen, wenn wir es mit Leimwasser getränkt und dann von außen mit gewöhnlicher Oelfarbe angestrichen hätten; allein einestheils war dies bei der außerordentlichen Kälte (im Raume –20° C) sehr schwierig auszuführen, anderntheils befürchtete ich, daß die Farbe das Segeltuch zu hart und spröde machen würde, sodaß beim Transport über das Eis leicht Löcher hineingestoßen würden. Ich zog daher vor, es in eine Mischung von Paraffin und Talg zu tauchen, wodurch allerdings das Gewicht der Kajaks etwas vergrößert wurde, sodaß sie jetzt im ganzen je ungefähr 18 Kilogramm wogen.

Ferner ließ ich für diese Expedition einige Handschlitten besonders anfertigen; sie waren biegsam und stark und bestimmt, die harten Prüfungen auszuhalten, denen sie auf einer Expedition mit Hunden und schweren Lasten auf dem unebenen Treibeise notwendigerweise ausgesetzt werden mußten. Zwei von den Schlitten waren ungefähr von derselben Länge wie die Kajaks, d. h. 3,6 Meter.

Ich stellte auch mehrere Versuche mit der Bekleidung an, die wir tragen wollten, und war besonders bestrebt, festzustellen, ob es sich empfehlen würde, in unsern dicken Anzügen aus Wolfsfell zu gehen; ich kam aber stets zu dem Resultate, daß sie zu warm seien. So schrieb ich am 29. November darüber:

»Machte wieder in meinem Wolfsfellanzug einen Gang nach Norden, doch ist es noch immer zu milde (-37,6° C) dafür. Ich schwitzte wie ein Pferd, obgleich ich mit nüchternem Magen aufbrach und ganz langsam ging. Es geht sich in der Dunkelheit ziemlich schwer im Schnee, wenn man die Schneeschuhe nicht gebrauchen kann. Ich bin neugierig, wann es kalt genug wird, um jenen Anzug zu tragen.«

Am 9. December war ich wieder auf Schneeschuhen draußen. Kälte -41° C. Ich ging im Wolfsfellanzug, doch rann mir der Schweiß in solchen Strömen vom Rücken, daß man eine Mühle hätte damit treiben können. Noch zu warm; der Himmel mag wissen, ob es je kalt genug dafür werden wird.

Natürlich haben wir auch das Zelt und den Kochapparat probirt. Am 7. December schrieb ich:

»Ich habe das seidene Zelt, das wir mitnehmen wollen, aufgeschlagen und den Kochapparat darin probirt. Aus wiederholten Versuchen ging hervor, daß wir aus Eis von -35° C in anderthalb Stunden 3 Liter kochendes Wasser erhielten und gleichzeitig bei einem Verbrauch von 120 Gramm Petroleum 5 Liter schmolzen. Am nächsten Tage kochten wir in einer Stunde 2½ Liter Wasser und schmolzen ebensoviel mit 100 Gramm Petroleum, während wir gestern etwa 2 Liter ausgezeichneten Hafermehlbrei in etwas über einer halben Stunde bereiteten und gleichzeitig etwas halb geschmolzenes Eis und ein wenig Wasser mit 50 Gramm Petroleum erhielten.«

Wir werden also keinen sehr großen täglichen Verbrauch an Feuerungsmaterial haben.

Dann stellte ich allerlei Berechnungen und Untersuchungen an, um ausfindigzumachen, welches die vorteilhafteste Art von Proviant für unsere Expedition sein würde. Denn es war von der größten Wichtigkeit, daß die Nahrung der Hunde wie der Menschen möglichst nahrhaft war und dennoch nicht mehr wog, als absolut nothwendig war. Ich werde später in einer Liste unserer Ausrüstungsgegenstände die Resultate meiner Untersuchungen in dieser Frage mittheilen.

Außerdem hatten wir natürlich die mitzunehmenden Instrumente zu prüfen und uns mit vielen Kleinigkeiten zu beschäftigen, die aber doch gleichfalls nothwendig waren. Gerade von der glücklichen Zusammenstellung aller dieser Kleinigkeiten hängt der schließliche Erfolg ab.

Wir beide verbrachten den größten Theil unserer Zeit mit diesen Vorbereitungen, die selbstverständlich auch einige der anderen den Winter hindurch ziemlich stark in Thätigkeit hielten. Zum Beispiel war Mogstad fortwährend beschäftigt, Schlitten anzufertigen, sie zu beschlagen u. s. w. Sverdrup nähte Schlafsäcke, während Juell zum Hundeschneider ernannt worden war und in der Zeit, wenn er nicht in der Küche zu thun hatte, von Maßnehmen, Anfertigung von Hundegeschirr und Probiren desselben in Anspruch genommen wurde.

siehe Bildunterschrift

Premierlieutenant Sigurd Scott-Hansen.

Blessing hatte uns eine kleine, leichte Apotheke einzurichten, die ausgewählte Medicamente, Bandagen und andere Dinge enthielt, welche uns von Nutzen sein konnten. Ein Mann war beständig damit beschäftigt, alle unsere Journale und wissenschaftlichen Beobachtungen u. s. w. auszugsweise auf dünnes Papier zu copiren, da ich für alle möglichen Fälle eine Abschrift davon mitnehmen wollte. Hansen war eifrig bei der Herstellung von Tabellen, die wir für unsere Beobachtungen, für den Gang unserer Chronometer und andere ähnliche Dinge brauchten, und mußte außerdem eine Karte unserer ganzen Reise und der bisherigen Drift anfertigen.

Ich konnte jedoch seine werthvolle Zeit nicht allzu stark in Anspruch nehmen, weil er seine wissenschaftlichen Beobachtungen ununterbrochen fortsetzen mußte.

Im Laufe des Herbstes hatte er es sich bei seiner Arbeit ganz erheblich bequemer gemacht, indem er mit Johansen eine Schneehütte gebaut hatte, die einer Eskimohütte nicht unähnlich war. Dort fühlte er sich sehr wohl. Vom Dache herab hing eine Petroleumlampe, deren Licht von den weißen Schneemauern wiedergespiegelt wurde und eine ganz brillante Beleuchtung gab. Hier konnte er in aller Ruhe und Bequemlichkeit mit seinen Instrumenten hantiren, ohne von dem draußen wehenden schneidenden Winde gestört zu werden. Er fand es hier auch ganz warm, wenn er die Temperatur bis auf einige 20° unter dem Gefrierpunkt treiben konnte, sodaß er ohne größere Unannehmlichkeit die Instrumente mit der bloßen Hand einzustellen vermochte. Tag für Tag arbeitete er hier unermüdlich an seinen Untersuchungen und beobachtete die oft geheimnißvollen Bewegungen der Magnetnadel, die ihm zuweilen viele Schwierigkeiten bereiteten.

Eines Tages – es war am 24. November – kam er etwas nach 6 Uhr ganz aufgeregt zum Abendessen und sagte:

»Soeben hat sich ein seltsamer Ausschlag der Nadel bis zu 24° gezeigt, und merkwürdigerweise zeigt ihre nördliche Spitze nach Osten.

siehe Bildunterschrift

Scott-Hansen's Observatorium.

Ich kann mich nicht erinnern, je einen solchen Ausschlag der Nadel beobachtet zu haben.«

Er hatte schon mehrere Beobachtungen von 15° gehabt. Gleichzeitig hatte er durch die Thüröffnung in seinem Observatorium bemerkt, daß es draußen ungewöhnlich hell und das Eis in der Ferne sowie das Schiff deutlich zu sehen waren, als wenn es Vollmond gewesen wäre. Nordlicht war dagegen durch die dichten Wolken, welche den Himmel bedeckten, nicht zu erkennen. Danach würde es also scheinen, daß der ungewöhnliche Ausschlag der Nadel in irgendeiner Weise mit dem Nordlicht zusammenhinge, obwol sie nach Osten und nicht, wie gewöhnlich, nach Westen gerichtet war.

Daß auf der Scholle, auf welcher wir lagen, eine Störung irgendeiner Art stattgefunden hätte, kann nicht in Frage kommen; alles war hier vollkommen still und ruhig gewesen, und es war nicht denkbar, daß eine Störung, welche innerhalb eines so kurzen Zeitraumes einen solch bemerkenswerthen Ausschlag von zwei Kompaßstrichen und wieder zurück verursachen konnte, an Bord nicht bemerkt und gehört worden sein sollte. Diese Möglichkeit ist daher vollständig ausgeschlossen, und die ganze Sache erscheint mir augenblicklich noch unbegreiflich.

Blessing und ich begaben uns sofort an Deck, um nach dem Himmel zu sehen; es war allerdings so hell, daß wir die Rinnen im Eise hinter dem Heck des Schiffes ganz deutlich sahen, jedoch war darin nichts Merkwürdiges, da das oft genug vorkam.

Freitag, 30. November. Gerade vor unserem Bug fand ich eine Bärenspur auf dem Eise. Der Bär war von ostwärts gekommen und ganz sachte auf dem frischgefrorenen Eise nach der offenen Rinne getrottet, mußte aber durch irgendetwas vor dem Schiffe erschreckt worden sein, da er sich mit langen Schritten in der Richtung, in welcher er gekommen war, wieder davon gemacht hatte.

Seltsam, daß er in dieser Einöde herumstreifen mochte; was konnte er hier zu thun haben? Mit einem solchen Magen konnte man mindestens eine Reise nach dem Pol und wieder zurück ohne Mahlzeit aushalten, aber wahrscheinlich werden wir den Burschen bald wieder zurückkommen sehen, d. h. wenn ich ihn richtig erkannt habe, und dann wird er vielleicht ein wenig näherkommen, sodaß wir ihn uns betrachten können. Er kehrte jedoch nicht wieder zurück.

Ich schritt die Rinne auf dem Eise vor dem Backbordbug ab; sie war 348 Schritt weit und behielt dieselbe Breite auch eine beträchtliche Strecke nach Osten bei, während sie nach Westen auf weite Entfernung hin auch nicht viel schmäler gewesen sein kann. Nun, wenn man berücksichtigt, daß die offene Rinne hinter uns von beträchtlicher Breite ist, so ist es doch wirklich tröstlich, denken zu können, daß solche große Oeffnungen im Eise sich bilden. Es muß Raum genug zum Treiben sein, wenn wir nur Wind erhalten, Wind, der niemals kommen will.

Im ganzen ist der November ein ungewöhnlich schlimmer Monat gewesen, da wir zurück, anstatt vorwärts getrieben sind – und doch war dieser Monat voriges Jahr so gut. Aber in diesem fürchterlichen Meer kann man sich auf die Jahreszeiten nicht verlassen; alles in allem wird der Winter vielleicht kein Haar besser sein als der Sommer. Und doch wird er sich hoffentlich noch bessern – ich kann es nicht anders glauben.

Der Himmel ist mit einem dichten Schleier verhüllt, welcher, wenn die Sterne hindurch funkeln, dunkler als gewöhnlich zu sein scheint, und in dieser ewigen Nacht treiben wir einsam und verlassen umher, »denn die ganze Welt war erfüllt von leuchtendem Licht und in ungestörter Thätigkeit. Ueber ihnen breitete sich erdrückende Nacht – ein Bild der Dunkelheit, in welche sie bald eingehüllt werden sollten.«

Diese dunkle, tiefe, schweigsame Leere ist gleich dem geheimnißvollen unergründlichen Born, in welchen man hineinblickt, nach jenem Etwas, das, wie man meint, dort sein muß, nur um den Widerschein der eigenen Augen zu sehen.

Ach, die gänzlich erschöpften Gedanken, die man niemals los werden kann, werden auf die Dauer doch eine sehr langweilige Gesellschaft. Gibt es kein Mittel, um vor sich selbst zu fliehen, um einen Gedanken zu erfassen, nur einen einzigen, der darüber hinaus liegt? Gibt es keinen andern Weg als den Tod? Aber der Tod ist sicher. Eines Tages wird er kommen, groß und still, er wird Nirvana's mächtige Pforte öffnen, und du treibst hinaus in das Meer der Ewigkeit.

Sonntag, 2. December. Sverdrup ist schon seit mehreren Tagen krank; er hat während der letzten ein oder zwei Tage im Bett liegen müssen und befindet sich noch im Bett. Hoffentlich ist es nichts Ernstliches; er selbst denkt nicht schlimm davon, aber nichtsdestoweniger ist es beunruhigend.

Armer guter Bursche, er lebt nur von Haferschleim! Es ist ein Darmkatarrh, den er sich wahrscheinlich durch eine Erkältung auf dem Eise zugezogen hat. Ich fürchte, er ist in dieser Beziehung ziemlich unvorsichtig gewesen. Jetzt ist er jedoch in der Besserung, sodaß es wahrscheinlich bald vorübergehen wird; aber es ist eine Warnung, nicht allzu vertrauensvoll zu sein.

Heute Morgen machte ich einen langen Spaziergang an der offenen Rinne entlang, die sehr ausgedehnt ist und in theilweise beträchtlicher Breite sich ein gut Stück nach Osten erstreckt. Erst wenn man eine Weile auf dem neu gefrorenen Eise, wo es sich so leicht und bequem wie auf einem gut ausgetretenen Pfade geht, weiter geschritten ist und dann wieder an eine schneebedeckte Fläche des alten Eises gelangt, wird man zum ersten mal gründlich gewahr, was es heißt, ohne Schneeschuhe zu gehen; der Unterschied ist geradezu wunderbar.

War mir vorher noch nicht warm gewesen, so sollte ich bald, nachdem ich erst eine kurze Strecke auf dem rauhen Eise zurückgelegt hatte, in Schweiß gerathen. Allein was sollte ich machen? Schneeschuhe konnte ich nicht benutzen, weil es so dunkel war, daß es schon Mühe genug kostete, auf gewöhnlichen Stiefeln sich entlang zu tasten, und selbst dann stolperte man im Düstern umher oder stürzte zwischen den schweren Eisblöcken hin.

Ich lese jetzt die verschiedenen Berichte über die englischen Expeditionen während der Franklin-Periode und die Nachforschungen nach ihm und muß gestehen, daß ich von Bewunderung erfüllt bin für die Leute und für die Summe von Arbeit, von der dort gemeldet wird. Die englische Nation hat wahrlich Ursache, stolz auf sie zu sein.

Ich erinnere mich, daß ich diese Geschichten als Knabe gelesen habe und meine jugendliche Phantasie vor sehnsüchtigem Verlangen nach der Natur und den vor mir entfalteten Bildern erschauerte. Jetzt lese ich sie wieder als Mann, der selbst ein wenig Erfahrung gesammelt hat, und nun, da Phantasien nicht länger mit Phantomen locken, beuge ich mich in Bewunderung. Es steckte Muth in den Leuten, in einem Parry, einem Franklin, einem James Roß, einem Richardson und schließlich, aber nicht zum mindesten, in M'Clintock und in all den Uebrigen. Wie gut war ihre Ausrüstung ausgedacht und mit den Hülfsmitteln, die sie zur Verfügung hatten, eingerichtet!

Wahrlich, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Das Meiste von dem, womit ich mich brüstete und was ich für neu hielt, finde ich schon hier; M'Clintock benutzte es schon vor 40 Jahren.

Es war nicht ihre Schuld, daß sie in einem Lande geboren waren, wo der Gebrauch der Schneeschuhe unbekannt ist und wo man während des ganzen Winters kaum Schnee findet. Welche Entfernungen haben sie zurückgelegt trotz der Thatsache, daß sie ihre Erfahrungen bezüglich des Schnees und des Reisens im Schnee erst während ihres Aufenthalts hier oben sammeln mußten, trotz der Thatsache, daß sie nicht im Besitze von Schneeschuhen waren und sich mit schmalkufigen Schlitten oft über schneebedecktes unebenes Treibeis durcharbeiten mußten, so gut sie konnten; welche Strapazen und Schwierigkeiten haben sie ertragen! Niemand kann sie übertreffen, kaum kann ihnen jemand gleich kommen, wenn nicht vielleicht die Russen an der sibirischen Küste. Doch diese haben den großen Vortheil, daß sie Eingeborene eines Landes sind, wo Schnee nichts Ungewöhnliches ist.

Freitag, 14. December. Gestern feierten wir ein großes Fest zu Ehren der »Fram« als des Schiffes, das die höchste Breite erreicht hat. (Vorgestern hatten wir 82° 30' nördlicher Breite erreicht.)

Das Menu beim Mittagsmahle war: gekochte Makrelen mit Butter und Petersilie, Schweinscotelettes und französische Erbsen, norwegische Walderdbeeren mit Reis in Milch, Kronen-Malzextract; später Kaffee. Zum Abendessen hatten wir frisches Brot, Rosinenkuchen u. s. w. Später war großes Concert, bei welchem Confect und eingemachte Birnen herumgereicht wurden. Der Glanzpunkt kam, als eine Bowle mit dampfend heißem, süß duftendem Kirsch-Punsch hereingebracht und unter allgemeiner Fröhlichkeit servirt wurde.

Unsere Stimmung hatte schon vorher fast den Höhepunkt erreicht gehabt, doch gab der Punsch erst der ganzen Feier die richtige Färbung. Den meisten von der Gesellschaft war es höchst räthselhaft, woher nur die Ingredientien zu dem Punsch und ganz besonders den Alkohol genommen hatten. Wir hatten zu diesem Zwecke unsern reinen Weingeist verwendet.

Dann kamen die Toaste. Zuerst eine lange Festrede auf die »Fram«, die jetzt gezeigt habe, was sie zu leisten fähig sei. Es seien viele kluge Leute gewesen, die bei unserer Abfahrt den Kopf geschüttelt und uns Unglück weissagende Abschiedsgrüße nachgesandt hätten. Ihre Herzbeklemmungen würden aber wol weniger stark und ihre schlimmen Vorhersagungen milder sein, wenn sie uns in diesem Augenblicke sehen könnten, während wir ruhig und in aller Bequemlichkeit über die nördlichsten Breiten, denen sich je ein Schiff genähert hat, und noch weiter nördlich treiben. Die »Fram« sei jetzt nicht nur das nördlichste Schiff auf der Erdkugel, sondern habe auch schon ein großes Gebiet von bisher unbekannten Regionen und viele Grade weiter nach Norden passirt, als in dem Ocean auf dieser Seite des Pols je erreicht worden sei. Hoffentlich werde sie aber hier nicht bleiben; hinter der nebligen Zukunft verborgen warteten viele Triumphe auf uns, Triumphe, welche einer nach dem andern sich vor uns zeigen würden, sobald ihre Zeit gekommen sei. Wir wollten jetzt aber nicht hiervon sprechen, sondern mit dem zufrieden sein, was wir bisjetzt erreicht hätten; jetzt sei ich überzeugt, daß das Versprechen, welches in dem Gruße Björnson's an uns und die »Fram« bei ihrem Stapellaufe enthalten gewesen sei, sich erfüllt habe; mit ihm könnten wir ausrufen:

Hurrah für das Schiff und die Reise so kühn,
Dorthin, wo zuvor nie ein Schiff noch erschien,
Wo niemals ein Name vorher ward genannt;
Für immer machst du unsre Heimat bekannt.

Wir könnten uns eines seltsamen Gefühls, fast ähnlich der Scham, nicht erwehren, wenn wir die Mühen und Entbehrungen, die oft unglaublichen Leiden u. s. w., welche unsere Vorgänger auf frühern Expeditionen auszustehen gehabt hätten, verglichen mit der gemächlichen Art, wie wir durch unbekannte Gegenden der Erdkugel weiter getrieben seien, als es den meisten, wenn nicht allen frühern Polarforschern beschieden gewesen sei, vorzudringen. Ja, wahrlich, ich glaubte, wir hätten alle Ursache mit unserer Reise und mit der »Fram« bisjetzt zufrieden zu sein, und ich hoffte, wir würden in der Lage sein, Norwegen etwas zurückzubringen für das Vertrauen, die Sympathie und das Geld, die es an uns gewendet habe. Aber nicht einen Augenblick sollten wir deshalb unserer Vorgänger vergessen; wir sollten bewundern, wie sie gekämpft und gelitten hatten, und uns daran erinnern, daß nur durch ihre Arbeit und durch das, was sie erreicht hätten, die Bahn für die gegenwärtige Reise vorbereitet worden sei. Ihren gesammelten Erfahrungen sei es zu danken, daß das Menschengeschlecht jetzt so weit sei, bis zu einem gewissen Grade mit dem zu kämpfen, was bisjetzt der gefährlichste und hartnäckigste Feind in den arktischen Regionen gewesen sei, mit dem Treibeise, und zwar in der sehr einfachen Weise, daß man mit ihm und nicht gegen ihn gehe und sich von ihm einschließen lasse, nicht unfreiwillig, sondern absichtlich, nachdem man sich vorher darauf vorbereitet habe. Auf diesem Schiffe versuchten wir, alle die Früchte der Erfahrungen unserer Vorgänger zu genießen; es habe Jahre gedauert, sie zu sammeln; allein ich fühlte, daß ich mit diesen Erfahrungen im Stande sein würde, allen Widerwärtigkeiten des Schicksals in den unbekannten Gewässern entgegenzutreten. Meines Erachtens seien wir bisher vom Glücke begünstigt gewesen, und ich glaubte, daß wir alle der Meinung seien, daß in der Zukunft keine Schwierigkeit und kein Hinderniß zu denken seien, die wir mit den an Bord befindlichen Mitteln und Hülfsquellen nicht zu besiegen im Stande sein sollten, und dadurch in die Lage kamen, schließlich mit reicher Ernte wohlbehalten und gesund nach Norwegen heimzukehren. Deshalb wollten wir einen vollen Humpen auf das Wohl der »Fram« leeren.

Dann folgten einige Musiknummern sowie eine Vorstellung von Lars, dem Schmied, der zum großen Vergnügen der ganzen Gesellschaft uns etwas vortanzte. Lars versicherte uns, daß, wenn er je wieder nach Hause zurückkehren und an einer Gesellschaft theilnehmen sollte, wie bei unserer Abfahrt in Christiania und Bergen, er seine Beine aufs äußerste anstrengen würde.

Dem Tanz folgte ein Toast auf diejenigen in der Heimat, die uns Jahr auf Jahr zurückerwarteten und nicht wüßten, wo sie uns in Gedanken suchen sollten, die sich vergeblich nach Nachrichten von uns sehnten, aber noch immer festes Vertrauen zu uns und unserer Reise hätten, sowie auf diejenigen, die unsere Abfahrt gestattet und die wol das größte Opfer gebracht hätten.

Die Festlichkeit währte mit Musik und fröhlicher Unterhaltung den ganzen Abend, und unsere gute Laune wurde gewiß auch dadurch nicht verdorben, daß unser vortrefflicher Doctor mit Cigarren herausrückte, einem Artikel, der hier in hohem Kurs steht, aber leider sehr knapp wird.

Die einzige Wolke in unserm Dasein ist, daß Sverdrup sich von seinem Katarrh noch nicht ganz wieder erholt hat. Er muß Diät halten, was dem armen Menschen nicht recht paßt; er darf nur Weizenbrot, Milch, rohes Bärenfleisch und Hafermehlbrei genießen, würde aber, wenn es nach seinem Willen ginge, alles essen, selbst Kuchen, Conserven und Früchte. Indeß geht es mit ihm wieder in die Höhe, und er hat auch schon eine Weile draußen sein können.

Es war bereits spät in der Nacht, als ich mich in meine Koje zurückzog; jedoch war ich noch nicht in der richtigen Stimmung, um zu schlafen. Ich mußte hinausgehen und im wundervollen Mondlicht umherschlendern.

Um den Mond war wie gewöhnlich ein großer Hof, doch befand sich über demselben ein Bogen, der gerade den obern Rand berührte, dessen beide Spitzen aber anstatt aufwärts abwärts wiesen. Es sah aus, als ob es ein Theil von einem Kreise sei, dessen Mittelpunkt tief unter dem Monde liege. Am untern Rande des Hofes war ein großer Nebenmond oder eigentlich ein großes leuchtendes Feld, das an der obern Seite, wo es den Hof berührte, am stärksten hervortrat und einen gelben obern Rand hatte, von welchem es sich in der Form eines Dreiecks nach unten ausbreitete. Er sah aus, als ob es ein Theil eines Kreisringes auf der untern Seite des Hofes sei und mit diesem in Verbindung stehe. Quer über den Mond trieben mehrere leuchtende Cirrus-Streifen. Das Ganze machte einen phantastischen Eindruck.

Sonnabend, 22. December. Derselbe südöstliche Wind; er hat sich in einen regelrechten Sturm verwandelt, der heulend und rasselnd durch die Takelung fährt; er ist ganz lieblich anzuhören und treibt uns sicherlich mit voller Geschwindigkeit nach Norden. Stecke ich den Kopf aus dem Zelte an Deck, so pfeift mir der Wind um die Ohren, der Schnee peitscht mir ins Gesicht, und in wenigen Minuten ist die ganze Gestalt weiß. Von dem Observatorium in der Schneehütte aus und selbst aus noch geringerer Entfernung ist die »Fram« auch nicht undeutlich mehr zu sehen, und man kann die Augen nicht offen halten, ohne sie voll Schnee zu bekommen.

Ich möchte gern wissen, ob wir den 83. Grad schon passirt haben, fürchte aber, daß die Freude nicht von langer Dauer sein wird, da das Barometer in Besorgniß erregender Weise gefallen ist und der Wind sich meist in einer Geschwindigkeit von 13–15 Meter in der Secunde gehalten hat.

Gegen 12½ Uhr nachts verspürte das Schiff plötzlich einen starken Eisdruck, der alles an Bord rasseln machte; ich konnte das Zittern unter mir noch lange nachher fühlen, als ich in der Koje lag. Endlich vernahm ich auch das durch die Pressung verursachte Getöse und Scheuern.

Ich befahl der Wache, nachzusehen, wo der Eisdruck stattfinde, und ob die Scholle, auf der wir lagen, wol bersten würde, sowie ob irgendetwas von unserer Ausrüstung in Gefahr sei. Der Mann meldete, er glaube das Geräusch der Eispressung sowol vorn wie hinten zu hören, doch sei es wegen des Lärms, den der Sturm in der Takelung mache, nicht leicht, Bestimmtes zu unterscheiden.

Heute gegen 12½ Uhr mittags erhielt die »Fram« einen zweiten heftigen Stoß, der noch stärker war, als der, den wir in der Nacht erfahren hatten. Auch später zitterte es noch, ein Zeichen, daß eine Pressung hinten stattfand; man konnte aber des Sturmes wegen nichts hören. Diese Pressungen sind sehr merkwürdig; man sollte meinen, daß sie zunächst den Wind zur Ursache hätten. Sie treten aber immer ziemlich regelmäßig ein, obwol jetzt die Springflut noch nicht eingesetzt hat; als die Pressung vor einigen Tagen begann, hatten wir sogar beinahe taube Gezeiten. Vorher hatten nur am Donnerstag morgens um 9½ Uhr und wiederum 11½ Uhr Eispressungen gehabt, die so stark waren, daß Peder, der sich am Lothloch befand, wiederholt aufgesprungen war, in der Meinung, das Eis werde unter ihm bersten. Es ist dies höchst seltsam; nachdem wir so lange Ruhe gehabt haben, werden wir jetzt fast nervös, sobald die »Fram« solche Stöße erhält und alles wie bei einem heftigen Erdbeben zu zittern scheint.

Sonntag, 23. December. Der Wind ist noch immer unverändert und weht gleich frisch mit einer Geschwindigkeit bis zu 12 und 14 Meter in der Secunde.

Es herrscht Schneetreiben, und der Schnee fegt dermaßen daher, daß nichts zu unterscheiden ist und tiefe Dunkelheit herrscht. Hinten auf Deck liegen um das Steuerrad und an der Rehling hohe Schneehaufen, sodaß wir beim Andeckkommen eine echte Probe eines arktischen Winters erhalten. Man schaudert und ist dankbar dafür, daß man nicht in solchem Wetter hinauszuziehen hat, sondern sich ins Zelt zurückziehen und durch die Luke in die warme Koje kriechen kann; allein bald wird vermuthlich die Reihe an uns kommen, selbst in solchem Wetter bei Tag und bei Nacht im Freien zu bleiben, ob wir wollen oder nicht.

Heute Morgen kam Pettersen, der in dieser Nacht die Hunde zu überwachen hatte, in den Salon und fragte, ob jemand mit einer Flinte mit ihm aufs Eis gehen wolle, er sei sicher, es sei ein Bär dort. Peder und ich gingen mit, konnten aber nichts finden, auch hörten die Hunde, als wir erschienen, auf zu bellen und begannen, miteinander zu spielen.

Darin hatte Peder aber recht: es war ein »fürchterliches Wetter«; es benahm einem fast den Athem, wenn man sich gegen den Wind richtete, und der Schneestaub drang in Mund und Nase. Das Schiff war nur in einer Entfernung von wenigen Schritten zu erkennen, sodaß es nicht rathsam war, sich weiter von ihm weg zu begeben. Dabei war es infolge der vorhandenen Schneewehen und Eishügel sehr schlecht zu gehen; bald stolperte man gegen einen Schneehaufen, bald fiel man in ein Loch. Rund herum war es stockfinster.

Das Barometer war stetig und tief gefallen, hatte endlich aber wieder ein wenig zu steigen begonnen und steht jetzt ungefähr auf 726 Millimeter. Das Thermometer beschreibt wie gewöhnlich die umgekehrte Curve; es stieg stetig, bis es nachmittags auf -21,3° C stand, jetzt scheint es wieder etwas zu fallen, obwol der Wind sich noch genau in derselben Richtung hält. Er hat uns sicherlich eine tüchtige Strecke nach Norden versetzt, ganz gewiß weit über 83° hinaus.

Es hört sich ganz angenehm an, wenn der Wind oben durch die Takelung heult und rasselt. Ach, wenn man nicht wüßte, daß alle irdischen Freuden von kurzer Dauer sind!

Gegen Mitternacht kommt der Steuermann, der die Wache hat, nach unten und meldet, daß das Eis in der Nähe des Thermometerhauses, zwischen diesem und dem Lothloch, geborsten sei. Das ist derselbe Riß, der schon im Sommer entstanden ist und sich jetzt aufs neue geöffnet hat. Vermuthlich ist die ganze Scholle, auf der wir liegen, von der vor uns befindlichen Oeffnung bis zu derjenigen hinter uns gespalten. Der Thermograph und die übrigen Instrumente wurden aus dem Hause genommen, damit wir nicht Gefahr liefen, sie im Falle einer Eispressung zu verlieren. Sonst ist aber kaum etwas da, was in Gefahr gerathen konnte, da der Lothapparat sich in einiger Entfernung von der offenen Rinne auf der andern Seite derselben befindet. Das Einzige, was zurückgelassen wurde, ist der über dem Loche stehende Bock mit der eisernen Winde.

Donnerstag, 27. December. Wieder ist Weihnachten vorüber gegangen, und noch immer sind wir so weit von der Heimat. Wie traurig ist es doch! Dessenungeachtet bin ich nicht melancholisch, eher mochte ich sagen, ich freue mich. Es ist mir, als ob ich auf etwas Großartiges warte, das noch im Schoße der Zukunft verborgen liegt. Nach den langen Stunden der Ungewißheit schaue ich jetzt das Ende der dunklen Nacht, und zweifle nicht daran, daß alles erfolgreich enden wird, daß die Reise nicht vergeblich gemacht ist und alle unsere Hoffnungen sich verwirklichen werden. Das Los eines Forschers ist vielleicht schwer und sein Leben, wie allgemein behauptet wird, voller Enttäuschungen. Aber es ist auch voll von schönen Augenblicken, wenn er den Triumph des menschlichen Willens und menschlicher Zuversicht erblickt und den Hafen des Glückes und des Friedens winken sieht.

Ich befinde mich augenblicklich in einer eigenthümlichen Gemüthsstimmung, einem Zustande der größten Unruhe. Schon während der letzten Tage habe ich mich nicht in der richtigen Laune zum Schreiben gefühlt; die Gedanken kommen und gehen und streben unermüdlich vorwärts. Ich kann mich selbst nicht begreifen. Allein wer kann die Tiefen der Menschenseele ergründen? Das Gehirn ist eine verblüffende Maschinerie!

We are such stuff as dreams are made of...

Ist das wahr? Fast glaube ich es; ein Mikrokosmos aus dem unendlichen Traumstoff der Ewigkeit.

Dies ist das zweite Weihnachtsfest, das wir fern in der Einsamkeit der Nacht, im Reiche des Todes verbringen, nördlicher und tiefer darinnen als je zuvor. Es ist ein seltsames Gefühl dabei, und zu denken, daß es unser letztes Weihnachten an Bord der »Fram« sein wird! Man wird fast traurig gestimmt, wenn man daran denkt. Das Schiff ist uns zur zweiten Heimat, es ist uns theuer geworden; unsere Gefährten werden vielleicht noch ein weiteres Weihnachtsfest, möglicherweise noch mehrere hier zubringen, aber ohne uns, die wir von ihnen in die Einsamkeit hinausziehen.

Das Weihnachtsfest verfloß uns diesmal ziemlich ruhig, aber sehr angenehm, und jeder schien sich wohl zu fühlen. Nicht zum wenigsten trug zu unserer Freude der Umstand bei, daß der Wind uns den 83. Grad als Weihnachtsgeschenk darbrachte. Unser Glück dauerte länger, als ich erwartet hatte; der Wind blieb auch am Montag und Dienstag frisch, schlief dann aber nach und nach ein und drehte sich nach Norden und Nordosten herum. Gestern und heute war Nordwestwind. Nun, wir müssen uns darein schicken, man kann nicht umhin, zu zeiten auch widrige Winde zu haben; wahrscheinlich wird es nicht lange dauern.

Der Weihnachtsabend wurde natürlich mit einem großen Festessen begangen. Die Tafel war in wirklich imposanter Weise mit Weihnachtskuchen geziert, wie z. B. mit Armen Rittern, Hirschhörnern, Honigkuchen, Makronen, Napfkuchen und anderen kleinen Sachen, sowie Confect und dergleichen; viele Leute sind gewiß schlechter daran gewesen. Außerdem hatten Blessing und ich im Laufe des Tages im Schweiße unsers Angesichts gearbeitet, um einen »Polar-Champagner 83. Grad« herzustellen, der geradezu Sensation hervorrief. Jeder von uns glaubte allen Grund zu haben, darauf stolz zu sein, da der Champagner ein Product aus der edeln Traubenbeere des Polargebiets, der Moltebeere, war. Den andern schien der Champagner auch zu schmecken, und es wurde daher mancher Becher dieses edeln Getränks geleert. Dann wurden ganze Haufen illustrirter Bücher herbeigebracht; dazu Musik, Vorträge und Gesang, sowie allgemeine Fröhlichkeit.

Am Weihnachtstage hatten wir natürlich ein besonders feines Diner und nach demselben Kaffee und an Bord hergestellten Curaçao, worauf Nordahl mit russischen Cigaretten erschien. Abends wurde eine Bowle mit Moltebeer-Punsch hereingebracht, die keineswegs unwillkommen zu sein schien. Mogstad spielte auf der Violine, was Pettersen dermaßen elektrisirte, daß er uns etwas vorsang und vortanzte. Er entwickelte in der That großes Talent zum Komiker und hat entschieden Anlage für das Ballet. Es ist erstaunlich, welche Vielseitigkeit er entfaltet: Maschinist, Grobschmied, Klempner, Koch, Ceremonienmeister, Komiker und Tänzer, und schließlich ist er auch noch in der Eigenschaft als Barbier und Friseur erster Klasse aufgetreten. Abends war »großer Ball«, zu welchem Mogstad aufspielen mußte, bis ihm der Schweiß von der Stirn lief; Hansen und ich hatten als Damen zu figuriren. Pettersen war unermüdlich; er verschwor sich hoch und heilig: wenn er bei seiner Rückkehr nach Hause noch ein paar Stiefel an den Füßen habe, wolle er tanzen, was die Sohlen hielten.

Tag für Tag wurden wir, während wir mit rasselndem Winde zuerst aus Südost und dann aus Ostsüdost und Ost vorwärtstrieben, neugieriger, zu erfahren, wie weit wir gekommen seien; doch war beständig Schneesturm, oder der Himmel war bewölkt, sodaß wir keine Beobachtungen anstellen konnten.

Wir waren sämmtlich der Ansicht, daß wir eine tüchtige Strecke nach Norden gekommen sein müßten, aber wie weit über 83° hinaus, wußte niemand zu sagen.

Plötzlich rief Hansen heute Nachmittag, es seien über uns Sterne zu sehen. Wir waren alle in der höchsten Erwartung, aber als er herunter kam, hatte er nur einen Stern beobachtet, der jedoch dem Meridian so nahe stand, daß er daraus entnehmen konnte, daß wir jedenfalls nördlicher als 83° 20' nördlicher Breite ständen, eine Mittheilung, die mit Freudenrufen aufgenommen wurde. Wenn wir noch nicht auf der höchsten nördlichen Breite waren, der je der Mensch nahe gekommen ist, so befanden wir uns jedenfalls nicht weit davon. Das war ja mehr, als wir erwartet hatten, und wir befanden uns daher in gehobenster Stimmung. Da gestern zweiter Weihnachtsfeiertag war, so hatten wir, zumal da auch Juell seinen Geburtstag feierte, natürlich ein ausgesuchtes Mittagsmahl, bestehend aus Ochsenschwanzsuppe, Schweinscotelettes, eingemachten Preißelbeeren, Blumenkohl, Fricandellen, Kartoffeln, eingemachten Johannisbeeren, sowie Torte und einem ganz wundervollen Mandelkuchen mit der Aufschrift: » Glædelig Jul« (Fröhliche Weihnacht), vom Bäcker Hansen in Christiania; außerdem Malzextract. Wir können nicht darüber klagen, daß es uns schlecht geht.

Heute Morgen gegen 4 Uhr erhielt das Schiff einen heftigen Stoß, der alles erzittern machte; doch vernahmen wir kein Geräusch von Eispressungen. Etwa 5½ Uhr hörte ich in Zwischenpausen das Krachen und Knistern des Packeises, das in der offenen Rinne auf- und abwogte. Abends vernahmen wir ähnliche Geräusche, doch war das Eis sonst ruhig; der Spalt an der Backbordseite hatte sich wieder völlig dicht geschlossen.

Freitag, 28. December. Am Morgen ging ich hinaus, um mir den Riß an der Backbordseite anzusehen, der sich jetzt wieder dermaßen erweitert hat, daß er eine offene Rinne bildet. Natürlich folgten mir sämmtliche Hunde. Noch war ich nicht weit gekommen, als ich eine dunkle Gestalt vor mir verschwinden sah: es war »Pan«, der den hohen, steilen Rand des Eises hinabgerollt und ins Wasser gefallen war. Vergeblich quälte er sich ab, wieder herauszukommen: rundherum war nichts als Schneeschlamm, der nirgends festen Fuß bot. Es war kaum ein Laut zu hören, nur hin und wieder ein schwaches knisterndes Geräusch. Ich beugte mich über den Rand des Eises, um mich ihm zu nähern, doch war es zu hoch, und ich wäre ihm beinahe kopfüber nachgestürzt. Was ich herauszog, waren nur lose Eisstücke und Schneeklumpen. Ich rief daher nach einer Eisaxt, allein noch ehe sie mir gebracht werden konnte, war »Pan« allein herausgeklettert. Um wieder warm zu werden, sprang er mit aller Macht auf der Scholle hin und her, gefolgt und umkreist von den laut bellenden übrigen Hunden, die damit offenbar ihrer Freude über seine Rettung Ausdruck geben wollten. Als er ins Wasser gefallen war, waren sie herbeigerannt und hatten mich winselnd angeblickt. Er that ihnen offenbar leid und sie wollten, daß ich ihm helfen solle; sie konnten nichts sehen, rannten aber immer am Rande auf und ab, bis er wieder heraus war. Zu andern Zeiten würden einige von ihnen vielleicht sehr bereit sein, ihn in Stücke zu zerreißen; so sind nun einmal wir Geschöpfe dieser Erde. »Pan« durfte sich den ganzen Nachmittag im Salon trocknen.

Kurz vor 9½ Uhr abends erhielt das Schiff einen fürchterlichen Stoß. Ich ging hinaus, vermochte aber kein Geräusch von Eispressungen zu hören. Der Wind heulte in der Takelung dermaßen, daß es nicht leicht war, einen andern Ton zu unterscheiden. Um 10½ Uhr erfolgte ein zweiter Stoß; später fühlte man von Zeit zu Zeit Schwankungen im Schiffe, und gegen 11½ Uhr wurden die Stöße noch heftiger. Offenbar schob sich das Eis an irgendeiner Stelle in der Nähe zusammen. Ich war gerade im Begriff, mich anzuziehen und nachzusehen, als Mogstad meldete, daß sich vor dem Schiffe ein hoher, abscheulicher Hügel gebildet habe. Wir nahmen dann Laternen und gingen hin. 56 Schritt vor dem Bug erhob sich ein steiler Haufen, der sich an der offenen Rinne entlang erstreckte, wo eine fürchterliche Pressung stattfand. Das Eis rasselte und krachte und knirschte in der ganzen Länge der Rinne; der Lärm nahm ein wenig ab, worauf es in regelmäßigen Pausen wie taktmäßig aufs neue zu tosen anfing. Es schien meist neugefrorenes Eis aus den offenen Rinnen zu sein, welches den Hügel gebildet hatte, doch sah man auch einige schwere Eisblöcke dazwischen. Es schob sich langsam, aber sicher vorwärts dem Schiffe zu, wo das Eis schon auf einer beträchtlichen Strecke nachgegeben hatte und noch immer nach und nach tiefer hinabgedrückt wurde. Die Scholle rund um das Schiff war nahe an demselben geborsten, und diejenige, in welcher wir eingebettet lagen, hatte sich zu verkleinern begonnen. Es würde uns nicht lieb sein, wenn jener Eishügel bis dicht unter den Bug der »Fram« käme, weil er dort bald Schaden anrichten würde. Obwol kaum Aussicht ist, daß er sich so weit vorwärtsschieben wird, habe ich doch der Wache befohlen, scharf aufzupassen und mich sofort zu wecken, falls der Eishaufen sehr nahe kommen oder das Eis unter uns bersten sollte. Wahrscheinlich wird die Pressung, nachdem sie jetzt mehrere Stunden angehalten hat, bald aufhören. In der Nacht ¾1 Uhr fühlten wir wieder mehrere heftige Stöße auf der »Fram«, auch vernahm ich, während ich in der Koje lag, das Getöse der Eispressungen trotz des Heulens des Windes in der Takelung.

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