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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
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Das Oktober-Dekret.

Das reizend gelegene Schloß Chapultepec hatte sich unter der schaffenden Hand des Kaisers sehr zu seinem Vorteil verändert. Die ganz geschickt im Innern angelegten Räume wurden, wenn auch nicht eben glänzend oder kaiserlich, doch ganz wohnlich und elegant hergerichtet, und der kleine Garten oben, auf der Höhe des Hügels, und eigentlich unmittelbar am Schloßhof, war von geschickten Händen fleißig restauriert oder, besser gesagt, neu geschaffen worden, während reiche Blumenbeete auch den breiten, in den Park hinabführenden Weg umgaben.

Auch unten im Park hatte man viel gearbeitet, die kristallklaren Quellen dort in großen gemauerten Reservoirs gefangen, die Wege ausgestochen und mit gelbem Kies bestreut, Blumenbeete überall angelegt, und selbst den unter den mächtigen Zedern gelegenen Rasen gepflegt und davor bewahrt, daß er von den Besuchern rücksichtslos zerstampft wurde.

Ebenso waren die Hallen oben, die nach dem Garten zu lagen, mit Freskogemälden aus der Mythologie geziert.

Bis dahin aber hielt sich Maximilian noch immer von größeren Gesellschaften zurück, denn seine Tätigkeit wurde in der Tat den ganzen Tag über, und gar nicht selten bis spät in die Nacht hinein, in Anspruch genommen. In den Abendstunden sehnte er sich dann aber nach Ruhe und wollte allein sein.

Ob er sich nicht manche von diesen Arbeiten hätte ersparen können, ist eine andere Frage, denn viele Gesetze entwarf er, die allein auf dem Papier blieben und sich, so segensreich sie in einem zivilisierten Land gewirkt haben würden, hier, und bei der noch immer herrschenden Gärung, als ganz unausführbar erwiesen.

Alles, was Maximilian tat und anordnete, zeugte wohl von dem aufrichtigen Interesse, das er an dem Land und seinen Bewohnern nahm, von dem guten, ehrlichen Willen, den er ihm entgegenbrachte, wie von einem wirklichen Studium seiner Bedürfnisse, aber – er täuschte sich entweder selber über den wirklichen, noch immer mehr als revolutionären Zustand seines Reiches, oder nahm auch alles, was er darüber hörte, viel zu leicht, indem er den Gegner unterschätzte. Er fing in der Tat an, sein Haus zu tapezieren, ehe er es unter Dach hatte. Die Sonne schien ja, und schlecht Wetter blieb vielleicht noch lange aus.

Jetzt, und auch nur erst in den letzten Wochen, gab er sich mehr einem geselligen Leben hin, und dazu trugen gewiß viel die guten Nachrichten bei, die von allen Seiten, und gar nicht selten zugleich, eintrafen. Kein Tag in der Woche verlief fast, wo ihm nicht eine neue Siegesnachricht oder – was mehr noch bedeuten wollte – Kunde hinterbracht wurde, daß sich diese oder jene Ortschaft, ja ganze Staaten für das Kaiserreich erklärt hatten und ihm huldigten.

Welches Gebiet hatte denn Juarez noch im Besitz, wenn er überhaupt das Reich wirklich nicht verlassen? – Keine Quadratmeile mehr von ganz Mexiko, die er wenigstens fest behaupten konnte. Heimatlos selbst wurde er von Ort zu Ort getrieben, und daß er dabei noch aushielt, ließ sich nur dadurch erklären, daß sein Präsidentschaftstermin noch immer nicht abgelaufen war, und er vielleicht einen Ehrgeiz darin suchte, sich nur eben solange noch, wenigstens dem Namen nach, zu halten. Kam aber der Zeitpunkt heran, der jetzt nur noch wenige Wochen, und zwar im November, entfernt lag, dann hatte er allerdings eine vollgenügende Entschuldigung, vom Schauplatz seiner bisherigen Taten abzutreten und die undankbare Arbeit, ein Reich ohne Land und Leute zu regieren, seinem Nachfolger zu überlassen – wenn sich wirklich jemand finden sollte, dem es nach einer solchen Ehre gelüstete. Allen menschlichen Berechnungen nach hörte aber dann auch der Widerstand, den die liberale Partei bis dahin hartnäckig genug geleistet, von selber auf, und dann durfte Maximilian auch mit vollem Recht hoffen, in seinem Reich an die inneren Reformen zu gehen, die er bis jetzt schon mit so vielem und noch immer nutzlosem Fleiß ausgearbeitet und vorbereitet.

Auch heute am 20. Oktober war wieder eine kleine Gesellschaft auf Schloß Chapultepec eingeladen worden, unter ihnen Oberst Miguel Lopez, zu dem sich der Kaiser sehr freundlich gestellt und ihm sogar an dem heutigen Tag sein erstes Kind aus der Taufe gehoben hatte. Auch Marschall Bazaine war zur Tafel gezogen worden, hatte sich aber entschuldigen lassen, da eine Anzahl wichtiger Depeschen erledigt werden mußten, und nur gebeten, später erscheinen zu dürfen, um dem Kaiser noch etwas vorzulegen, das keinen Aufschub mehr erleide.

Unter den Damen befand sich auch Ricarda San Blas – freilich nicht mehr das heitere, fröhliche Kind, das sie noch vor kurzer Zeit gewesen, denn sie sah so bleich und leidend aus, als sie am Arm ihres Onkels den Salon betrat, daß es der Kaiserin selber auffiel und sie sich teilnehmend nach der Ursache erkundigte. – Es war aber nichts von Bedeutung, wie Sennor Rodriguez entschuldigend sagte – ein wenig Migräne vielleicht oder eine Erkältung – das Wetter war so unstet gewesen in der letzten Zeit, und heiße Tage folgten kalten und stürmischen so rasch, daß überhaupt in der ganzen Stadt der Gesundheitszustand ein keineswegs günstiger genannt werden konnte.

Maximilian war heute außergewöhnlich heiter – er erzählte viel bei Tafel und lachte und scherzte, nannte Lopez seinen compadre und hatte jedem fast etwas Angenehmes zu sagen.

Nach der Tafel wurde der Kaffee unter der Vorhalle serviert und im Garten selber eingenommen, und der Kaiser stand mit den jungen Damen und schaute nach den immer herrlichen Bergen hinüber, die heute wieder einmal nach langen, stürmischen und wolkigen Tagen die Häupter frei und glänzend zum Himmel emporhoben.

Staatsminister Ramirez, der sich ebenfalls mit oben befand, hatte von einem aus Mexiko herauskommenden Boten eine Depesche und einige Privatbriefe für den Kaiser bekommen und brachte sie ihm jetzt.

»Gute Nachrichten, Majestät,« rief er ihm schon auf einige Schritte Entfernung entgegen, »sonst würde ich Sie auch heute nicht damit behelligen.«

»Was gibt es, Ramirez – woher?«

»Von Unter-Kalifornien, Majestät – der ganze Staat, den noch nie ein französischer oder kaiserlicher Soldat betreten, hat sich freiwillig der Regierung Eurer Majestät angeschlossen und bittet in den Staatenbund aufgenommen zu werden.«

»In der Tat?« sagte Maximilian, indem er die Depesche nahm, und ein glückliches Lächeln flog über seine Züge – »das ist ja eine unverhofft frohe Botschaft und eigentlich, neben Yucatan, der erste Staat, der mir ohne den geringsten Druck von außen mit offenem Herzen entgegenkommt. Ich kann Ihnen nicht sagen, mein lieber Ramirez, wie mich das freut – und das andere –«

»Einzelne Briefe an Eure Majestät – aber die werden Zeit haben.«

»Nein,« sagte der Kaiser freundlich – »wie böse Nachrichten und Unglücksfälle nie allein kommen und eins immer das andere mit sich bringt, so auch gute Kunde. Heute habe ich die feste Zuversicht, daß ich nichts Unangenehmes erfahren werde.« – Er öffnete den ersten Brief und sah dann gleich lächelnd zu den Damen auf. – »Sehen Sie, daß ich recht hatte? Mein alter Pfarrer aus Dolores schreibt mir, es sei unseren Truppen gelungen, einer größeren Bande nichtsnutzigen Gesindels, das sich raubend und wegelagernd dort herumtrieb, habhaft zu werden. Das Land wäre nun auch von dieser Plage befreit und hoffentlich ginge es jetzt ruhigeren Zeiten entgegen.«

Er hatte den Brief an Ramirez zur Durchsicht gegeben und erbrach den zweiten, den er ebenfalls mit zufriedenem Kopfnicken überflog.

»Ah, da ist auch etwas, was Sie vielleicht interessiert, Sennorita,« wandte sich der Kaiser jetzt an Ricarda, »oder was wenigstens mit jenem Unfall, der Sie in der Diligence betroffen, in Verbindung steht.«

» Mich, Majestät?« sagte das junge Mädchen erstaunt aufschauend, und ihr Antlitz färbte sich mit höherer Röte – »ich weiß nicht, inwiefern das möglich wäre?«

»Sie erinnern sich doch, daß sich in der Tasche jenes Menschen, der durch Sie entlarvt und wahrscheinlich an weiterem Frevel verhindert wurde, ein Brief vorfand, der auf ein neues Verbrechen schließen ließ. Es glückte ja auch der damals abgesandten Patrouille, die Bande so ziemlich zu vernichten.«

»Ich erinnere mich,« sagte Ricarda leise.

»Sie wissen aber wohl nicht,« fuhr der Kaiser fort, »daß bei jenem Streifzug ein junger belgischer Offizier, der sich als Freiwilliger der Patrouille angeschlossen, schwer und hoffnungslos verwundet und nach Cuernavaca geschafft wurde.«

»Ich erinnere mich, Majestät,« sagte Ricarda noch leiser als vorher, aber ihre Wangen hatte wieder jede Spur von Farbe verlassen, und fast unwillkürlich griff sie nach der hinter ihr befindlichen Banklehne, um sich daran zu stützen.

»Was fehlt Ihnen, Sennorita?« rief der Kaiser besorgt aus. – »Sie werden unwohl – die Eau de Cologne aus dem Haus – rasch!«

»Ich danke Ihnen,« sagte das junge Mädchen, sich gewaltsam fassend, indem sogar ein Lächeln um ihre Lippen spielte – »ich glaube fast, Majestät, das – eine Glas Champagner, das ich bei Tafel getrunken, ist mir ein wenig in den Kopf gestiegen – wenn Sie erlauben, daß ich mich setzen darf.«

»Aber bestes Fräulein,« rief Maximilian, wirklich um sie besorgt, und schob ihr selber rasch die Bank zurecht – »wie bleich Sie plötzlich geworden sind, aber da kommt eine Stärkung. – So – netzen Sie Ihr Tuch damit; das wird Sie erfrischen – mehr – noch mehr – es verfliegt sonst zu rasch –«

»Ich danke Ihnen herzlich, Majestät,« sagte Ricarda – »aber es ist schon vorüber – es war nur ein Moment – und ich habe Sie dadurch in Ihrer Rede unterbrochen.«

»Ach ja, so, – was ich Ihnen mitteilen wollte,« sagte der Kaiser, der sie aber jetzt fest ansah, während sich die umstehenden Damen mit ihr beschäftigten – »aber es betrifft jemanden, den Sie keinesfalls kennen werden – einen jungen belgischen Offizier – van Leuwen.« –

Ricarda konnte doch nicht so sehr unwohl sein, denn die Farbe kehrte wieder in ihr Antlitz zurück und sie sagte leise:

»Herr Hauptmann van Leuwen war bei meinem Onkel eingeführt.«

»Ach, dann wird es Sie gewiß freuen,« rief Maximilian, »zu hören, daß er sich gegenwärtig außer Gefahr befindet. Die eine Kugel, welche die Ärzte sehr beunruhigte – er hat zwei Schüsse bekommen – ist gefunden und beseitigt, und er kann hoffentlich bald wieder hergestellt sein.«

»Majestät kennen ihn?«

»Er ist uns von daheim warm empfohlen worden und aus einer dem belgischen Hof sehr befreundeten Familie. Ich fürchtete auch schon für ihn das Schlimmste, denn er hat lange krank gelegen. Was dieses Raubgesindel schon für Unheil angerichtet hat, ist unglaublich, und hier in der unmittelbaren Nähe der Stadt fangen sie jetzt ebenfalls an. Es wird wirklich Zeit, daß wir dem endlich einmal ein Ende machen. – Van Leuwen soll sich übrigens bei jener Attacke sehr ausgezeichnet haben, und ich freue mich darauf, ihn bald wieder in der Hauptstadt zu sehen. – Ah, Sie können schon wieder auf den Füßen stehen, Sennorita – wie?« lächelte gutmütig der Kaiser, »ja, junges Blut übersieht derartige Anfälle leicht; Sie sehen wieder blühend aus, wie eine Rose.«

Die Kaiserin, die sich im Saal befunden, hatte jetzt ebenfalls von dem leichten Unwohlsein ihres jungen Gastes gehört und war herausgekommen, sie zu sehen. Ihr folgten einige der Herren, Oberst Lopez und andere, und das Gespräch wurde jetzt bald allgemein, als ein Diener meldete, daß Marschall Bazaine eben unten eingetreten sei und augenblicklich erscheinen werde.

»Ach Bazaine,« sagte der Kaiser und setzte dann leise zu Ramirez hinzu: »wenn er uns heute nur nicht den guten Tag verdirbt, denn er kommt fast nie, ohne etwas Unangenehmes in der Tasche zu tragen.«

»Ich glaube doch,« lächelte der Minister, »daß Eure Majestät heute wenigstens vor ihm sicher sind, oder wenn er etwas bringt, wird es gewiß etwas Gutes sein.«

» Nie, Ramirez,« sagte der Kaiser bestimmt und finster, – »von Frankreich blüht uns nichts Gutes mehr, so viel ahnt mir, und Bazaine würde nie der Träger desselben sein.«

»Er ist Euer Majestät zu so großem Dank verpflichtet –«

»Gerade deshalb, Ramirez – gerade deshalb,« sagte der Kaiser rasch, – »haben Sie nie gefunden, daß selbstsüchtige oder ehrgeizige Menschen nichts weniger ertragen können, als Verpflichtungen gegen irgend jemand zu haben? Es ist ihnen das eine drückende Last, der sie sich aber selten auf die natürlichste Art, durch wirkliche Dankbarkeit, entledigen, sondern sie suchen das so viel als möglich abzuschütteln. Doch ich irre mich vielleicht und tue ihm möglicherweise unrecht – aber auf mich macht er den Eindruck, so oft ich mit ihm zusammenkomme, und – gebe Gott, daß wir ihn wie seine Truppen recht bald in Mexiko entbehren können!«

Durch den kleinen Garten, von der Treppe her, die von unten heraufführte, kam der Marschall in voller Uniform, und mit straffer Haltung auf den Kaiser zugehend, sagte er militärisch grüßend:

»Majestät bitte ich mir zu verzeihen, daß ich Ihrer gnädigen Einladung nicht früher Folge leisten konnte, aber es drängte sich gerade heute alles –«

»Keine Entschuldigungen, lieber Marschall,« sagte der Kaiser freundlich, »wir leben noch in einer bewegten Zeit, wo wir uns nicht immer, wenn wir es wohl möchten, von Geschäften losmachen können. Ich freue mich, Sie wenigstens noch hier zu sehen – und hoffentlich haben Sie heute alles erledigt und dürfen sich Ruhe gönnen. Mir selber,« setzte er vorsichtig hinzu – »ist wenigstens immer unendlich wohl zumute, wenn ich mich einmal auf kurze Zeit von allem Geschäftlichen losgemacht habe.«

»Und trotzdem werde ich Eure Majestät selbst noch heute mit etwas Derartigem behelligen müssen,« sagte der Marschall.

»Wenn die Sache nicht sehr dringend ist, lieber Marschall –«

»Sie ist sehr dringend, Majestät, oder ich würde mir sonst diese Freiheit wahrlich nicht erlaubt haben.«

Der Kaiser zögerte einen Moment mit der Antwort und sah sinnend und, wie es schien, nicht besonders guter Laune vor sich nieder – hatte er es denn nicht vorher gewußt? – Aber es war jedenfalls auch besser, was jetzt abgemacht werden mußte, gleich zu tun, um nachher den übrigen Abend frei zu haben, oder das Geschäft hätte bis zuletzt auf ihm gelegen und ihm richtig den Tag verdorben.

»Dann bitte, treten Sie hier einen Moment in den Salon, Herr Marschall – lieber Ramirez, wollen Sie uns nicht folgen? Und nun so rasch als möglich, daß wir wieder zu den Damen zurückkommen.«

»Majestät,« sagte der Marschall, als er sich mit dem Kaiser und dem Staatsminister allein sah – »das Räuberwesen nimmt im Lande dermaßen überhand, daß wir energische Maßregeln ergreifen müssen, oder es wächst uns über den Kopf. Sie haben doch jedenfalls über den Eisenbahnüberfall Bericht erhalten?«

»Allerdings,« sagte der Kaiser finster – »es war eine traurige Affäre, und ich hoffe nur, daß die Buben ihrer Strafe nicht entgehen.«

»Ein großer Teil der Bande ist vernichtet worden. Ich habe eben Depeschen von Jalacingo erhalten. Ein belgisches Korps hat sie erreicht.«

»Ich wünsche, daß man mir den Führer desselben nennt,« rief der Kaiser rasch – »er muß ausgezeichnet werden!«

»Ich habe seinen Namen hier bei mir, Majestät, und wollte Sie selber darum ersuchen.«

»War es das, weshalb Sie mich zu sprechen wünschten, lieber Marschall?« fragte der Kaiser, der neu aufatmete, rasch.

»Als Nebensache, ja,« erwiderte Bazaine, »die Hauptsache aber ist, Majestät, daß Ihre bisher geübte Milde jetzt zu unverzeihlicher Schwäche würde, wenn Sie noch länger darauf beharren würden.«

»Wie soll ich das verstehen? – Was meinen Sie damit, Herr Marschall?«

»Das Dekret,« sagte Bazaine, »das schon von allen Ihren Ministern unterzeichnet ist, auf dem aber noch immer der Name Eurer Majestät fehlt, um es rechtskräftig zu machen. Was aber Ihre Milde für Folgen hat und haben mußte, darüber erhielten wir gerade in letzter Zeit die deutlichsten Beweise. Erinnern Sie sich, Majestät, eines gewissen Bandenchefs Aniceto Guzmann, der von uns auf frischer räuberischer Tat ertappt wurde, und dem Sie im vorigen Jahre trotz meiner Abmahnungen das Leben schenkten? Seit der Zeit hat der Bursche nichts anderes getan als geraubt, Leute ermordet und Kontributionen erhoben, bis es den Hacienderos zu arg wurde und sie, ohne durch unsere Gesetze geschützt zu sein, über die Bande herfielen und ein blutiges Exempel statuierten. Sie sehen, das Volk nimmt zuletzt das Recht in seine eigene Hand, und wir zwingen es nicht allein dazu, sondern – das Schlimmste dabei – wir gewöhnen es dadurch selber wieder an die kaum vergessene Anarchie. Das ist auch nur ein Beispiel, ich könnte Euer Majestät aber zwanzig hernennen, und obenan den Schurken Cortina, der hier eine Zeitlang in seiner Generalsuniform herumstolzierte, uns den Eid leistete, und dann ruhig wieder hinauf gegen Norden zog, weil er hier nichts zu rauben und zu stehlen finden konnte.«

»Sie wissen, lieber Marschall,« sagte der Kaiser, »wie sehr ich mich stets gegen dieses unglückselige Dekret gesträubt habe.«

»Ja, leider Gottes weiß ich es, Majestät, aber wenn es nicht nötig wäre, würden dann Wohl Ihre sämtlichen Minister, die außerdem fast ohne Ausnahme der liberalen Partei angehören, ihren Namen darunter gesetzt haben? Da stehen sie alle nach der Reihe – hier Sennor Ramirez obenan, Escudero, Dios Peza, Esteva, Cesar, Pezuela und Siliceo. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Majestät, wenn Sie die Unterschrift ablehnen, so kann ich nicht länger für meine Truppen einstehen, denn immer wieder dieselben Banden zu verfolgen, die sie schon zwei- und dreimal in ihrer Macht gehabt, nur weil die Regierung sich sträubt, die Schuldigen zu bestrafen, während dadurch das Leben von so vielen unschuldigen und braven Menschen geopfert wird, geht endlich über menschliche Geduld.«

Bazaine hatte das Dekret auf dem Tisch ausgebreitet und der Kaiser, beide Hände aufgestützt, verfolgte es aufmerksam mit den Blicken.

»Ich fürchte, es wird uns falsch ausgelegt werden,« sagte er endlich – »die Leute draußen kennen unsere mißlichen Verhältnisse zu wenig und werden es nach ihrem Standpunkt beurteilen.«

»Aber, Majestät,« rief Bazaine, » wir haben es hier nur mit den Leuten drinnen zu tun, und wie mir von Seiner Majestät dem Kaiser Napoleon der ehrenvolle Auftrag geworden ist, das Land hier für Euer Majestät in Besitz zu nehmen, und die Feinde desselben zu schlagen oder zu vernichten, so muß ich dazu auch den Schutz der Gesetze haben oder meine Pflicht hier als erfüllt betrachten, denn ein wirkliches Heer steht uns nirgends mehr gegenüber.«

»Gut,« sagte der Kaiser endlich – »aber Artikel 14 hier muß noch eine Änderung erfahren – das Gesetz kann nicht in Kraft treten, bis Juarez' Präsidentschaftstermin abgelaufen ist, was mit dem 30. November geschieht. Hier steht der 15. November als äußerster Termin – setzen wir dafür den 30. oder noch besser, den 1. Dezember!«

»Es wäre nicht nötig, Majestät,« sagte der Marschall, »denn der Name Juarez ist doch nur noch ein Popanz, den diese Banden gebrauchen, um sich, wenn sie erwischt werden, aus gemeinen Straßenräubern in Dissidenten zu verwandeln und dadurch die Rechte der Kriegsgefangenen zu beanspruchen.«

»Aber wir müssen ihnen Zeit geben, sich zu unterwerfen.«

»Und was hilft das? sie laufen ja doch bei der ersten Gelegenheit wieder davon. Übrigens tut der Artikel 14 ja auch vollkommen dem Genüge. Es werden alle amnestiert, die, bewaffneten Banden angehörend, sich der Behörde vor dem 15. November stellen – selbstverstanden, daß sie seit Publikation dieses Gesetzes kein anderes Vergehen begangen haben.«

»So setzen wir statt des 15. November den 1. Dezember, denn das Dekret braucht überhaupt Zeit, bis es in die entfernteren Landesteile dringt.«

»Vollkommen einverstanden, Majestät,« rief Bazaine, der nur froh war, daß er den Kaiser wenigstens so weit hatte – »daß Sie aber die Unterschrift nicht bereuen werden, mögen Sie schon daraus ersehen, daß die Verdorbenheit selbst unter den höheren Klassen immer mehr überhand nimmt, so lange die bisher geübte Milde das Volk übermütig macht. Zuerst haben Sie das Beispiel an dem jungen Lucido hier in Mexiko selber – neulich wurde bei Puebla eine Räuberbande überrascht und teils erschlagen, teils gefangen genommen, unter den Räubern befanden sich aber zwei mit schwarz angestrichenen Gesichtern, und als man sie reinigte, erkannte man in ihnen zwei ganz angesehene Bürger aus Puebla, die sich in solch' bequemer Art einen kleinen Nebenverdienst gemacht. Ja noch mehr – der Sohn einer Familie in dieser Stadt, die Majestät selber mit Wohlwollen überhäuft, war bei dem Mord meiner Landsleute, die in dem Eisenbahnzug bei Soledad den Buben in die Hände fielen, mitbeteiligt, wurde aber von den wackeren Belgiern gefangen genommen und – nach vollem Recht an Ort und Stelle mit den übrigen gehangen.«

»Welcher Familie?« rief der Kaiser rasch.

»Der Familie Almeja,« sagte Bazaine – »Silvestre Almeja war der Name des Verblendeten, der, wie er noch vor seinem Tode trotzig gestand, den Grafen Deverreux mit eigener Hand ermordet.«

»Großer Gott!« rief der Kaiser, »ist es denn nur möglich und denkbar? Und diese Leute nennen sich auch Menschen

»Der arme Vater!« rief Ramirez aus – »ob er wohl schon davon Kunde hat?«

Bazaine zuckte die Achseln, »ich glaube kaum, denn ich habe erst heute morgen die Nachricht bekommen. Die Familie Roneiro weiß aber, daß ihr Schwiegersohn ermordet ist.«

»Silvestre Almeja war aber kein Räuber,« rief Ramirez erschüttert, »und wenn er den jungen Grafen erschlug, geschah es aus Eifersucht. Er hatte sich vorher um Roneiros Tochter beworben und Graf Deverreux nahm ihm die Braut weg.«

»Er scheint dann das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden zu haben,« sagte Bazaine kalt, »denn die silberbeschlagenen Revolver des Grafen wurden bei ihm gefunden, wie mir denn auch berichtet ist, daß keiner der Ermordeten auch nur noch eine Kupfermünze in den Taschen gehabt habe. Was tat denn jener Lucido? – um dem Raub einen Anschein von Patriotismus zu geben, erschossen sie zuerst die französischen Offiziere, und dann plünderten sie die Postkutsche.«

»Nein – nein, das geht nicht länger!« rief der Kaiser, »Sie haben recht, Herr Marschall – diesem Unwesen gegenüber müssen wir einmal Ernst zeigen, oder unsere guten Untertanen könnten uns mit Recht den Vorwurf machen, daß wir ihre Sicherheit vernachlässigt haben, nur um das Raubgesindel zu schonen.«

Er ging zu einem Seitentisch, auf dem ein Schreibzeug stand – noch zögerte er einen Moment – im Entschluß selbst war er schwankend geworden, dann aber setzte er mit sicheren Zügen seinen Namen unter die Schrift, faltete sie zusammen und reichte sie rasch dem Marschall, als ob ihn das Papier drücke und er es von sich schieben wolle.

»Ich danke Ihnen aufrichtig, Majestät,« sagte Bazaine, »und zwar in Ihrem eigenen Interesse, denn Sie sollen sehen, wie rasch sich die Banden auflösen und von der Amnestie Gebrauch machen werden, sobald es nur erst einmal im Land bekannt wird.«

»Aber es tritt vor dem 1. Dezember nicht in Kraft,« sagte der Kaiser bestimmt. »Ich will, daß dem Volk Gelegenheit geboten werde, auch die Milde des Gesetzes anzurufen.«

»Das ist ja schon in dem Gesetz selber ausgesprochen, Majestät, aber nur bekannt muß es werden, daß mit dem Aufhören von Juarez' Präsidentschaft keine weitere Entschuldigung für diese Banden bleibt, und dann dürfen Sie sich auch eines segensreichen Erfolges versichert halten.«

Der Kaiser strich sich mit der Hand über die Stirne und atmete tief auf.

»Es war ein so schöner Tag gewesen,« sagte er halblaut vor sich hin – »doch jetzt nichts mehr von Geschäften, Herr Marschall, wie? –«

»Gewiß nicht, Majestät,« erwiderte Bazaine.

»Ich liebe es überhaupt nicht,« setzte der Kaiser hinzu, »hier oben auf meinem »Bergschloß« damit bedrängt zu werden. Mein »Marterkasten« ist der palacio in der Stadt, denn wenn ich ihn betrete, geschieht es mit dem Bewußtsein und der Gewißheit, gequält zu werden. Hier dagegen möchte ich gern frische Luft atmen und heitere Menschen um mich sehen, möchte selber heiter sein, und das kann ich nicht, wenn ich ewig an den Krebsschäden des Landes arbeiten und doktern soll – Vamonoz Sennores, die Damen erwarten uns draußen, und wir dürfen sie nicht zu lange allein lassen.«

Die Kaiserin hatte sich indessen draußen im Garten mit dem Oberst Lopez unterhalten, der ihr von seinem Leben und überhaupt dem Treiben der früheren Kriege und Revolutionen erzählen mußte und dann nur hinzufügte, wie glücklich er sich jetzt und in der Gnade seines Kaisers fühle.

»O Sennor,« lächelte die Kaiserin dabei, »wir sind ja jetzt auch eigentlich halb Verwandte, denn ich weiß, was ein compadre hier in Mexiko bedeutet.«

»Majestät sind so gnädig,« sagte der Oberst, »und ich hoffe nur, daß mein Sohn einst sich der hohen, ihm heute widerfahrenen Ehre würdig zeigen und sein Blut so freudig für seinen erhabenen Monarchen vergießen wird, wie es sein Vater zu tun bereit ist.«

»Ich hoffe nicht, Oberst,« erwiderte die Kaiserin freundlich, »daß Sie Ihr Blut für uns opfern, sondern daß Sie es für wertvollere Dienste aufsparen sollen. Wir stehen am Ende des Krieges, und was uns noch zu tun bleibt, ist mehr friedlicher Art; aber es bedarf trotzdem treuer und guter Kräfte, besonders solcher, die es ehrlich mit ihrem Vaterland meinen, und ich weiß leider schon aus Erfahrung, Herr Oberst, daß deren nicht so viel in Mexiko zu haben sind. Können Sie es deshalb dem Kaiser verdenken, daß er sich die wenigen zu sichern sucht? – Doch ich begreife nicht, was Marschall Bazaine so dringendes mit meinem Gemahl zu besprechen hat. Sie scheinen da drinnen im eifrigen Gespräch begriffen zu sein.«

»Schwerlich etwas Gutes,« sagte finster der Oberst, der, wie alle Mexikaner, die Franzosen nicht leiden konnte – »wie glücklich wollte ich uns preisen, wenn wir die – Herren nur erst einmal wieder los wären!«

»Und doch haben sie das Land erobern müssen,« meinte Charlotte, die selber für die französischen Truppen viel mehr Sympathien hatte, als der Kaiser.

»Weil wir ihnen beistanden, konnten sie es,« nickte Lopez, mit dem eigentümlichen Stolz der ganzen mexikanischen Rasse, »glauben Sie mir, Majestät, Mexikaner können nur durch Mexikaner besiegt werden.«

Die Kaiserin lächelte, denn der Gegenbeweis war schon verschiedene Male geliefert worden, aber sie mochte den Oberst auch nicht kränken und erwiderte nichts darauf. In diesem Augenblick trat auch der Kaiser wieder, von Bazaine und Ramirez gefolgt, in den Garten – aber sein Antlitz hatte den glücklichen und zufriedenen Ausdruck von vorhin verloren. Er sah finster und in sich gekehrt aus, und das Lächeln war aus seinen Zügen gewichen. Er schritt auch zu einem entfernteren Teile der Mauer, auf die er sich mit dem rechten Ellbogen stützte und brütend nach den beiden, jetzt im Abendrot glühenden Vulkanen hinüberschaute.

Bazaine hatte sich der Kaiserin vorgestellt: diese unterhielt sich freundlich mit ihm und erkundigte sich nach seiner jungen Frau, über die der Marschall dann allerdings bald alles andere vergaß.

Lopez hatte sich dem Kaiser zugewandt, der aber auf nichts, was um ihn her vorging, achtete und nur still nachgrübelnd in das Leere schaute.

Zu Bazaine war auch jetzt der alte Vidaurri getreten, und die Kaiserin, die schon lange gewünscht, mit ihrem Gemahl zu sprechen, zog sich von den Herren zurück und ging zu ihm hinüber. Es mußte etwas Wichtiges vorgefallen und konnte dabei nicht gerade angenehm gewesen sein, der Kaiser hätte sich sonst nicht so zurückhaltend gezeigt. Was war es nur, und durfte sie es nicht wissen? Mit leisem Schritt näherte sie sich ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Was hast du, Max?« fragte sie schüchtern.

Der Kaiser erschrak, wie aus tiefem Nachdenken, empor, und ob es ihm fatal sein mochte, sich überrascht gezeigt zu haben, aber er fuhr in. die Höhe und sagte viel rauher, als es sonst seine Art war:

»Laß mich, mein Kind – laß mich – ich – werde gleich wieder hinüber zur Gesellschaft kommen.«

Die Kaiserin trat scheu zurück, und als sie das Antlitz wandte, sah sie unfern davon Oberst Lopez stehen, der mit finster zusammengezogenen Brauen die Szene beobachtet hatte. Ob sie nun fürchten mochte, daß sich der Oberst jetzt gerade an den Kaiser wenden wolle, der augenscheinlich allein zu sein wünschte, aber sie winkte ihm zurückzutreten, und als er sich ihr anschloß, sagte sie leise: »Lassen Sie den Kaiser jetzt – er hat jedenfalls eine unangenehme Nachricht erhalten und wünscht einen Augenblick allein zu sein – und Sie haben außerdem die Damen so ganz vernachlässigt, Oberst Lopez. Hat sich meine kleine Ricarda wieder erholt?«

»Vollkommen, Majestät,« erwiderte der Oberst – »bei so jungen Damen geht eine solche augenblickliche Schwäche rasch vorüber. Sie können von hier aus ihr heiteres Lachen hören.«

Das Antlitz der Kaiserin, das bis dahin ebenfalls in ernste Falten gezogen war, klärte sich auf; ein wehmütiges Lächeln zog darüber hin, und sie sagte seufzend: »Glückliche Jugend! Wie rasch die Sorgen an solch einer heiteren Stirn dahingleiten – aber Ricarda soll uns ein wenig musizieren. Sie ist Meisterin auf dem Instrument.«

Die Kaiserin tat das absichtlich, denn sie wußte, wie sehr der Kaiser Musik liebte, und hoffte ihn durch melodische Weisen wieder in ihren Kreis hineinzuziehen; aber Maximilian hielt sich entfernt, und als er sich wieder dem Garten zuwandte und dort auf den ebenfalls einsamen Vidaurri traf, schloß er sich ihm an und ging oben an der Mauer eine Zeitlang mit ihm und in ernstem Gespräch auf und ab.

So verfloß der Abend, und die Kaiserin, die jetzt wohl fühlte, daß ihr Gatte gern allein sein wollte, zog sich zurück – – das Zeichen für die Damen, daß die Gesellschaft aufgehoben sei.

Ramirez war der Letzte, der sich von dem Kaiser verabschiedete – da legte ihm Maximilian die Hand auf die Schulter und sagte mit halblauter Stimme:

»Habe ich es Ihnen nicht vorhergesagt, Ramirez? – ich wußte es, daß er mir den Abend verderben würde.«

»Aber ich glaube selber, Majestät, daß er diesmal recht hat.«

»Gott gebe es, alter Freund,« erwiderte der Kaiser, drehte sich ab und schritt langsam in das Schloß zurück.

Die Damen hatten in der Garderobe noch ein wenig gezögert, bis sie alle mit ihren Toiletten fertig waren, und Ricarda, welche die ihrige früher beendete, stand draußen an der Tür, die Sennorita Rodriguez erwartend, als der Kaiser vorüberkam. Sie verbeugte sich tief, Maximilian aber, freundlich ihren Gruß erwidernd, sagte lächelnd:

»Nun, wie ist es, Sennorita, soll ich es Sie wissen lassen, wenn ich wieder Nachricht von Cuernavaca bekomme?«

»O, Majestät,« sagte Ricarda, und es war gut, daß die Dunkelheit ihr Erröten verbarg, denn sie war bei den Worten blutrot geworden – mein Onkel würde Ihnen gewiß so dankbar sein.«

»Und die Nichte nicht?«

»Wir nehmen innigen Anteil an dem Verwundeten.«

»Schön – ich werde es nicht vergessen – buenas noches, Sennorita

Oberst Lopez schritt mit Uraga die breite Treppe hinab, die in den Schloßhof führte, wo ihre Pferde sie vor der Wache dort erwarteten.

»Merkwürdig,« sagte Lopez, aber mehr seinen eigenen Gedanken Worte gebend, als zu seinem Begleiter sprechend – »merkwürdig, wie gut der Kaiser gegen alle sein kann, und wie rauh er manchmal die edelste Frau im ganzen Land – die Kaiserin behandelt.«

»Rauh?« fragte Uraga erstaunt – »ich habe das noch nie bemerkt.«

»Rauh bis zum äußersten,« rief Lopez heftig aus, »und oft habe ich es schon gesehen – aber sie trägt es mit einer Engelsgeduld, und wenn diese Frau nicht Liebe und Verehrung verdient, welche dann?«

»Sie sind ja ganz begeistert, Oberst Lopez,« lächelte der alte Uraga, »aber,« setzte er ernster hinzu, »rechnen Sie das unserem Kaiser nicht an, denn wenn ein Mensch auf der weiten Welt Sorgen und den Kopf voll Gedanken hat, so ist er es!«

»Und weshalb?« rief Lopez – »geht ihm nicht alles nach Wunsch? Laufen nicht von allen Seiten Siegesnachrichten, Ergebenheitsadressen ein? Er hat jetzt das ganze weite Land in Besitz und keinen Gegner mehr, der es ihm streitig machen könnte – was will er mehr?«

»Die Jugend,« sagte Uraga ruhig, »hat den Vorteil, daß sie nur alles von der rosigen Seite sieht, und daher stammt ihr fröhliches Vertrauen auf die Zukunft; – im Alter aber lernen wir klarer sehen.«

»Aber der Kaiser ist ja auch noch jung?« sagte Lopez.

»An Jahren, ja,« nickte Uraga, »aber an Erfahrung altert er hier in einem Jahre zehn, und – glauben Sie mir, Oberst Lopez, wir gehen noch einer schweren Zeit entgegen.«

»Sie sehen Gefahren, General, wo keine sind.«

» Veremos amigo,« sagte der alte Mann ruhig, »aber da sind unsere Pferde und wir haben einen dunklen Ritt vor uns – auch nicht die Spur von Mondschein auf dem Weg. Doch was tut's, wir können nur die Tiere austraben lassen, und die finden dann schon von selber ihren Stall. Vamonos

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