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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Überfall bei Soledad.

In den nächsten Tagen des September (1865) gelangten nur Siegesnachrichten nach der Hauptstadt, denn während die kaiserlich mexikanischen wie französischen Truppen mehr und mehr nach dem äußersten Norden hinaufrückten, zeigte es sich, daß es kein Heer mehr dort gebe, um sich ihnen entgegenzustellen, und Juarez entweder einen Zufluchtsort in den Gebirgen gesucht, oder – Mexiko ganz verlassen habe.

In der Hauptstadt folgten sich Fest auf Fest, so am 20. die Enthüllung der einfachen, aber hübschen Statue des Befreiers von Mexiko, Morelos', auf der kleinen Plaza Guardiola – Morelos, der arme Dorfgeistliche im Priesterrock, aber mit dem Schwert in der Hand – es war der hundertste Geburtstag desselben – und wie drängte sich das Volk bei dieser Gelegenheit um den Kaiser, in dem besonders die Armen und bisher Gedrückten ihren Beschützer erkannt hatten – wie jubelten die Massen ihm zu! War es da ein Wunder, daß er sich als den »Erwählten des Volkes« betrachten mußte, und sind unsere Fürsten daheim weniger von ihrer Unfehlbarkeit überzeugt, wenn sie sich von Jugend auf von Menschen umgeben sehen, deren einziger Beruf es ist, sie in die Wolken zu heben und vor ihnen zu kriechen?

Bazaine indessen, mit kaum überstandenen Flitterwochen, bekam es satt, ewig mit seiner Armee hinter einzelnen Banden herzuhetzen, die bald da bald dort auftauchten, und – je verzweifelter die Sache ihrer Partei stand, desto grausamer und raublustiger auftraten. Das war kein Krieg mehr mit einem geordneten Heer, das man besiegen oder von ihm geschlagen werden konnte, das waren nichts weiter als Gendarmeriekämpfe mit Räuberbanden, und mehr und mehr drängte er jetzt die Minister, ein schon lange entworfenes und von dem ganzen Ministerium durchberatenes Dekret, als dessen Urheber man mit recht gutem Gewissen ihn allein betrachten kann, dem Kaiser zur endlichen Unterschrift und Inkraftsetzung vorzulegen.

Aber noch immer, so oft ihm auch schon davon gesprochen war, hatte sich Maximilian dagegen gesträubt, es zu unterzeichnen – er kannte den Inhalt, ja er hielt sich auch für ein solches Dekret sogar in seinem vollen Recht, denn ein noch viel schärferes hatte Juarez selber im Jahre 1862 erlassen und mit voller Strenge häufig ausgeführt, aber er fürchtete, daß er dann keine Kontrolle mehr, weder über seine mexikanischen noch die französischen Truppen haben, und alles vergossene Blut nur diesem Gesetze zugeschrieben werden würde.

Bazaine wünschte es hauptsächlich, einesteils sowohl um mit dem wirklichen Raubgesindel fertig zu werden, das sich nur noch Dissidenten nannte und unter dem Schutz eines ehrlichen Namens alle nur erdenkbaren Schandtaten verübte, und andererseits auch um das Volk einzuschüchtern und zu verhindern, daß es noch immer wieder von Zeit zu Zeit sich unter Juarez' oder irgendeines anderen republikanischen Führers Fahne sammle, wodurch es den Krieg endlos machte.

Das Ministerium, das damals fast nur aus liberalen Elementen bestand, sah auch gar nicht etwa eine außerordentliche oder zu grausame Maßregel darin, und der ganze Widerstand dagegen lag nur allein noch in dem für Mexiko fast zu weichen Herzen Maximilians. Aber schon fühlte er selber, daß er endlich nachgeben müsse, und als sich die Unbilden häuften, als sich herausstellte, daß in diesem Augenblick wirklich nur noch Banden das Land durchstreiften, die wohl auf den Namen von Räubern, aber nie auf den von Soldaten Anspruch machen konnten, da gab er seine Zustimmung zu dem am 3. Oktober von seinem Ministerium erlassenen Dekret – ohne es aber noch zu unterzeichnen. Bazaine wollte es augenblicklich hinausgesandt haben, aber der Kaiser, der sich die schweren Folgen desselben nicht verhehlte, suchte das noch hinauszuschieben. Es sollte geschehen – ja – es mußte erlassen werden, er sah das selber ein, aber – er wünschte es doch noch auf einige Zeit hinauszuzögern.

Die Eisenbahn von Vera-Cruz nach der Hauptstadt war in Angriff genommen, aber bis jetzt erst die kurze Strecke dem Verkehr übergeben, welche die Franzosen nach ihrer Ankunft von Vera-Cruz nach Soledad gebaut, um ihren Truppen den furchtbar beschwerlichen Marsch durch die Sümpfe der Tierra Caliente oder des heißen Landes zu ersparen, wie auch um sie rasch aus dem vom gelben Fieber heimgesuchten Distrikt der Küste zu schaffen. Ebenso konnten sie nur mit Hilfe dieser Bahnstrecke darauf rechnen, Kriegsbedarf und Lebensmittel in das höhere Land zu schaffen, denn ein Transport dieser Gegenstände wäre in der Regenzeit durch die Sümpfe zur Unmöglichkeit geworden.

Es gibt kaum einen prachtvolleren Pflanzenwuchs, aber auch kaum ein wilderes Terrain als diese Strecke, und so wundervoll die Aussicht nach beiden Seiten des Weges ist, wenn man im bequemen Eisenbahncoupé hindurchfliegt, so undurchdringlich zeigen sich oft die Sümpfe für den Wanderer, der durch Schlamm und Schlingpflanzen, von Insekten gepeinigt, von giftigen Reptilien bedroht, seine Bahn da hindurch suchen müßte. Trockene Stellen höher gelegenen Landes finden sich aber trotzdem hier und da. In allen Ebenen, mögen sie von Bäumen bewachsen sein oder sich zu ungeheuren Llanos oder Prärien ausdehnen, ist das Land stets wellenförmig, und wie selbst das Meer keine vollkommen ebene Fläche kennt, und sich bei wochenlanger Windstille sogar in langsamen wohl, aber mächtigen Dünungen hebt und bewegt, so zeigen sich auch auf dem festen Land der niederen Distrikte stets höhere Streifen, die es nach bestimmten, der Lage angemessenen Richtungen durchziehen.

Auf diesen Strichen halten sich dann in der Wildnis, solange die Regenzeit dauert, die Tiere des Waldes auf, und auf ihnen siedelt sich der Mensch an, wenn er sich einen Platz zu einer Wohnung sucht. – Auf diesen Strichen ziehen sich auch die Verkehrswege hin, die einen Distrikt mit dem anderen verbinden, und schmale Pfade, mit dem Messer oder der »Macheta« ausgehauen, führen dann gewöhnlich auf Strecken hin, die grünen Bogengängen gleichen und von wehenden Palmenkronen und dicht ineinander verwachsenen und mit prachtvollen Blüten bedeckten Schlingpflanzen überwuchert sind.

Auf einem solchen Höhenstrich, der quer durch den weiten Sumpf führte und von prachtvollen Bäumen bestanden war, hatte früher eine kleine indianische Ansiedelung gelegen, von der aber jetzt nur noch einzelne Pfosten einer dort errichteten Hütte Kunde gaben. Der Boden war, wie überall in diesen Strichen, außerordentlich fruchtbar, und der jung aufgewachsene Urwald ringsumher zeigte deutlich, daß da auch früher ein ziemlich ausgedehntes Stück Land urbar gemacht worden – aber da kam die Seuche – die Frau starb, und zwei der Kinder, und der Indianer, in abergläubischer Scheu, verließ sein mit schwerer Arbeit hergestelltes Besitztum, um an einem neuen, noch nicht durch den Tod entweihten Platz von vorn zu beginnen.

Wir daheim verlassen nur, wenn wir müssen und mit schwerem Herzen die Gräber unserer Lieben – der Indianer in Südamerika meidet, wenn er das ihm Liebste hat begraben müssen, den Platz für immer, weil er fürchtet, daß böse Geister über der Stätte schweben.

Der Platz war jetzt zur Wildnis zurückgekehrt, und wäre lange wieder mit Palmen und anderen breitblätterigen Schößlingen überwuchert worden, aber die Linie des französischen Ingenieurs, der sich die Bahn zu den Höhen suchte, führte gerade hindurch, und breit ausgehauen dehnte sich die Strecke, die gegen Westen führte.

Wie still und öde aber auch sonst der Platz gelegen und nur dann und wann einmal für Momente belebt wurde, wenn der Zug vorüberbrauste und seine häßlichen Rußflocken hinein in die Wipfel der Palmen streute, so lebendig zeigte er sich heute, denn aus der Wildnis, dem kaum noch erkennbaren Pfad folgend, den die Hand des Menschen meist durch das Dickicht ausgeschlagen, drang es hervor in bunter, wilder Schar.

Die Guerillas Mexikos, wie sie sich nannten, aber fast nur Raubgesindel, der verdorbensten Menschenrasse angehörend, kamen dort heraus, mit zerfetzten Hüten und Kleidern, mit alten Serapen und bloßen Füßen, aber mit Musketen bewehrt, mit Revolvern besteckt und die wunderlichst geformten Säbel, Pallasche, Degen oder auch gewöhnliche Machetas unter den linken Satteldecken.

Das waren die Schwärme, die sich einem stehenden Heer entzogen, weil sie sich in keine Ordnung finden konnten. Das waren die Patrioten, die jetzt in Juarez' Namen plünderten, weil ihnen der Kaiser nicht gestattete, es in dem seinigen zu tun – Menschen aus der untersten Hefe, nicht des Volkes, nein, der menschlichen Gesellschaft – manche von ihnen mit selbst gemachtem Generalsrang und goldenen Epauletten, aber nichts weiter als gemeine Straßenräuber und Mordbrenner, und wenn sie die Fremden haßten, war es nur allein deshalb, weil diese ihre Wege kreuzten und Ordnung in ein Land bringen wollten, das gerade nur in der Anarchie zu atmen schien.

Als sie, aus dem Dickicht hervorbrechend, die Bahn erreichten, hielten die ersten mit ihren Pferden an und horchten aus, ob sie noch nicht das Rasseln des nahen Zuges vernehmen könnten, aber nichts war zu hören als der schnarrende Laut eines Volkes Guacharakas – des mexikanischen Fasans, das sich unfern davon in seiner geräuschvollen Art den besten Sitz in den Zweigen eines Baumes streitig machte, oder vielleicht ein Schwarm von Papageien, der mit scharfem Flügelschlag über die Baumwipfel dahinstrich. – Und mehr und mehr traten in den Sonnenschein der Lichtung, denn drinnen im Walde herrschte tiefe Dämmerung, bis sich etwa hundert Reiter auf kleinen und zähen Pferden dort versammelt hatten. – Und mehr und mehr folgten diesen zu Fuß – wilde Trupps, einer nach dem anderen drängte sich heraus – gelbbraune Gesichter, die wochenlang kein Wasser gesehen und den Begriff von Seife gar nicht kannten. – Neger, das weiße Auge vor innerlicher Lust rollend, denn ein ganz besonderes Vergnügen erwartete sie hier, Sambos und alle Mischlingsrassen dieser Länder, mit nur wenig wirklich Weißen dazwischen, aber fast keinem einzigen Vollblut-Indianer, so drängten sie hervor, mehr und mehr, bis sie den ganzen weiten Raum erfüllten und zuletzt etwa 250 Fußgänger und 100 Berittene auf dem Bahnkörper hielten, um die nächsten Befehle ihrer Oberen zu erwarten.

Wie sie aber da lauernd stand, die wüste, unheimliche Schar, paßte sie vortrefflich zu dem wilden Wald, der sie umgab, und bildete doch auch wieder einen Mißton in dem Bild stillen Friedens und heiliger Ruhe, in der die Natur hier schlummerte.

Doch bald kam Leben in den Schwarm. Es waren einzelne unter ihnen, welche genau wußten, in welcher Zeit der von Vera-Cruz erwartete Zug dort abging und hier eintreffen würde. – Die Sonne zeigte ihnen dabei sicher genug, inwieweit sie sich beeilen mußten, und jetzt gaben die Führer der Schar ihre Befehle, die auch pünktlich und ohne Widerrede befolgt wurden. Die Reiter führten ihre Pferde in das Dickicht hinein und banden sie dort an, ob sie etwas zu fressen fanden oder nicht, blieb sich gleich. – Sie hatten nicht einmal Gefühl für ihre Mitmenschen, viel weniger denn für arme Tiere – es waren ja nur »Bestias«, und so lange sie eben laufen und das Gewicht eines Reiters tragen konnten, wurden sie benutzt – brachen sie zusammen, nun gut, dann mochten sich die Zapolotas Die Aasgeier jener Gegenden, auch caring crows oder Zamuros genannt. an ihnen mästen und die nächste beste Hacienda mußte frische liefern.

Aber auch die Fußgänger hatten wenigstens zum Teil ihre Waffen beiseite gestellt und gingen dann an die ganz für sie passende Beschäftigung: die Eisenbahnschienen aufzubrechen und die herausgenommenen so zu legen, daß der Zug in sie einlenken, natürlich entgleisen und dann zum Teil umschlagen mußte – und nur kurze Zeit brauchten sie zu der Arbeit.

Die übrigen Gesellen machten sich indes daran, in der »toten Rodung«, wie man eine solche verlassene und verwilderte Ansiedelung in den Nordstaaten von Amerika nennen würde, nach dort noch übriggebliebenen Fruchtbäumen zu suchen. Aber die Ausbeute zeigte sich als eine sehr geringe, denn in dem dichten, darüber aufgewucherten Waldschatten wollten die früher da angepflanzten Früchte nicht mehr gedeihen, und außer einem einzigen Zapotabaum, an dem sie sich aber auch nur mit den abgefallenen Früchten begnügen mußten, da er zum Besteigen viel zu hoch und stark war, fanden sie gar nichts.

Die mit dem Schienenaufbrechen Beschäftigten entwickelten übrigens, so faul sie sich auch gewöhnlich zeigen mochten, eine ganz anerkennenswerte Tätigkeit, und machten ihre Sache dabei so geschickt, daß man unwillkürlich zu der Vermutung kam, sie wären nicht zum erstenmal dabei gewesen, und erst als sie sich fest vergewissert hatten, daß der Zug unmöglich wieder auf die anderen Schienen springen könne, wurden Posten ausgesandt, um das Nahen des erwarteten – den man indessen schon auf eine weite Strecke voraus auf den Schienen hören konnte, rechtzeitig anzumelden.

Die Truppe schien übrigens gewissermaßen organisiert und bestand aus zwei verschiedenen Banden, die sich unfern von dort vereinigt und beschlossen hatten, den Überfall gemeinschaftlich zu unternehmen. Man wußte allerdings, daß dem Zuge französisches Militär beigegeben sei, aber mehr als Polizei gegen einzelne Straßenräuber, als um einer wirklichen Guerillabande Trotz zu bieten, und fürchtete es deshalb nicht.

Die Führer der Schar hatten sich unter einer dicht am Weg stehenden Palme gelagert. Die beiden eigentlichen Bandenführer gehörten allerdings der Mischlingsrasse an, aber auch drei Kreolen, von rein weißem Blut, befanden sich unter ihnen, und einer besonders, der gar nicht in eine solche Gesellschaft zu gehören schien.

Er trug einen allerdings schon vom Wetter mitgenommenen, aber doch feinen Panamahut, eine kostbare Serape, wie sie sich eigentlich nur in den Händen der reicheren Mexikaner finden und oft so viel kosten wie ein echter türkischer Shawl, überhaupt sehr elegantes Reitzeug und hatte auch in seinem ganzen Benehmen etwas, das ihn wesentlich von der Menschenklasse, von der er sich hier umgeben fand, unterschied. – Und doch gehörte er zu ihnen, wenn auch nicht ihren Gesinnungen, doch ihren Zwecken nach, und konnte die Zeit kaum erwarten, daß der seinem Geschick verfallene Zug diesen für ihn verderblichen Platz erreichte.

Es war Silvestre Almeja, der Patriziersohn aus Mexiko, der sich hier einer Bande von Straßenrändern angeschlossen, nur um seiner Rache zu genügen.

Der junge Graf Deverreux war nämlich vom Oberkommando in besonderer Mission nach Vera-Cruz gesandt worden und mußte, wie Silvestre auf irgendwelche Art erfahren, heute wieder von dort abreisen, um zur rechten Zeit in der Hauptstadt einzutreffen. Der junge Tollkopf aber, in Eifersucht und Haß gegen die ganze Nation, hatte Kunde von dem Bestehen dieser Banden erhalten, und mit ihnen vereint jetzt beschlossen, den Zug aufzuheben.

Was konnte diesen Menschen auch Erwünschteres kommen, als ein solches Unternehmen! Allerdings zählten sie sich zu den dem Kaiserreich noch nicht Beigetretenen und nannten sich Republikaner, aber sie hatten auch keine andere Regierung über sich, oder wußten wenigstens nicht, wo sie sich befand und ob sie überhaupt noch bestehe. Und was tat das? – Mit dem weiten, wilden Land zum Schutz, wohin ihnen, wenn sie sich von den begangenen Straßen abzogen, die Gegner nur mit großen Anstrengungen und sehr schwerfällig folgen konnten, wußten sie sich ziemlich sicher, und verloren auch nichts bei einem solchen Leben.

Soldaten mußten sie doch sein. Hielten sie sich in der Nähe der Hauptstadt auf, so wurden sie von den kaiserlich mexikanischen Heerführern gepreßt und ohne weiteres in die Armee eingereiht, und zogen sie sich nach Norden hinauf, wo jetzt wieder der vom Kaiserreich abgefallene Cortina ein Heer sammelte oder Negrete an Banden zusammenzog, was er bekommen konnte, so half ihnen das auch nichts, denn denen entgingen sie noch weniger. Also war es für sie viel vorteilhafter, auf derartige Weise einen »kleinen Krieg« zu führen, der ihnen einesteils nicht einmal so viel persönliche Gefahr bot, als der größere, und dann – die Hauptsache – den ganzen Nutzen des Erfolges in ihre eigenen Taschen lenkte. Daß sie dabei Freund wie Feind plünderten und brandschatzten, kam gar nicht in Betracht.

Überhaupt war auch die ganze mexikanische Jugend fast in einem solchen Leben aufgewachsen und groß geworden, denn seit den letzten zwanzig Jahren fast hatten sie nichts als Revolutionen und Pronunciamentos in ihrem Land gehabt. Sie wurden verwildert und mußten verwildert werden, und wo sie mit Fleiß und Arbeit gar nichts verdienen konnten, sahen sie sich natürlich nach einer anderen, mehr lohnenden Beschäftigung um.

Der ganze Schwarm hatte sich bis jetzt bunt und wild über den Bahnkörper hin und her getrieben und dabei geplaudert und gelacht, als ob es sich hier um ein kleines unschuldiges Vergnügen handle, jetzt plötzlich aber standen alle still und regungslos, denn ein kurzer, kreischender Schrei tönte durch den Wald – es war das Zeichen, und wenn sie sich still hielten, konnten sie selber deutlich den dumpf rasselnden Laut hören, der in den Schienen zu vibrieren schien. – Der Zug kam.

Die Führer sprangen empor – rasche Befehle schallten durcheinander, und in die Büsche hinein tauchte das Gesindel nach beiden Seiten, so daß wenige Minuten später die durch den Urwald gehauene Bahn wieder so still und lautlos lag wie vorher. – Die einzigen sichtbaren lebenden Wesen waren ein paar Aasgeier, die den Menschenschwarm da unten in hoher Luft wachsam umkreisten. Es waren das alte Bekannte, und sie wußten aus Erfahrung, daß es in deren Nähe immer reichliche Nahrung gab – sei das nun an Tier- oder Menschengebein.

Immer noch dauerte aber das Nahen des bedrohten Zuges länger, als sie anfangs geglaubt, denn der Windzug strich von Osten herüber, und der Schall tönte weithin über das Land; aber lauter und deutlicher wurde auch das Geräusch der klappernden Räder, und jetzt endlich stieg der dunkle Qualm, den der Windzug in gleicher Schnelle mit dem Train dahintrieb, hoch über die Waldung empor.

Kaum noch zweihundert Schritt von der gefährdeten Stelle entfernt, tönte ein scharfer Pfiff. – Der Lokomotivführer hatte die Gefahr in dem unterbrochenen oder schräg abführenden Geleis erkannt – aber zu spät. Wohl ließ er den Dampf ausströmen und die Bremser taten ihre Pflicht, aber ehe sie imstande waren, den ganzen Zug zum Halten zu bringen, ja ehe er nur anfing, merklich langsamer zu gehen, erreichten schon die Räder der Lokomotive die aus der Richtung gelegten Schienen und schossen seitab – der Zug drängte nach und fing an zu holpern, die Maschine, in weichen Boden geraten, schlug um – die nächsten Wagen preßten darauf, und in das Angstgeschrei der Passagiere knatterten jetzt die Schüsse der im Hinterhalt liegenden Buben und trieben die Verwirrung in den Wagen auf den Gipfelpunkt.

Glücklicherweise zertrümmerten nur die ersten Wagen, in denen sich einzig und allein Güter und gar keine Passagiere befanden; zwei von den Passagierwaggons stürzten um, ohne aber schwere Beschädigungen zu veranlassen, dagegen wurden durch die Kugeln der Guerillas drei Passagiere auf der Stelle getötet und viele verwundet, und das Geschrei der zahlreichen Schar der Angreifer, die jetzt jauchzend und brüllend aus dem Wald herausbrachen, machte einen Widerstand der wenigen wirklichen Soldaten im Zug zur Unmöglichkeit. Diese wurden auch gleich entwaffnet und gebunden, und nun gingen die Banden vereinigt daran, die Passagiere regelrecht auszuplündern, als ob das notwendig mit zu einem Freiheitskrieg gehöre.

Das Gepäck luden die Räuber dann auf ihre Tiere, und damit die Beraubten nicht zu rasch den Unfall anzeigten und Verfolger auf ihre Fährte bringen könnten, trieben sie alle Gefangenen mit sich in den Wald hinein. Sie schieden dabei die Nationalitäten auseinander, ließen aber nur die Franzosen gebunden und schickten endlich die übrigen, als sie sich vollkommen sicher glaubten, zurück. Sie mochten sehen, wie sie den Weg wieder allein nach der Station fanden.

Die Franzosen hatten sich indessen rasch in ihr Schicksal gefunden; man konnte sie ja doch nur als Kriegsgefangene behandeln, und die Guerillas durften überhaupt nicht wagen, sie lange zurückzuhalten. Überall in den benachbarten Orten lagen starke Besatzungen ihrer Landsleute, und kamen die erst auf ihre Spur, so waren sie verloren.

Graf Deverreux marschierte mit den übrigen Gefangenen, allerdings nicht in sehr heiterer Stimmung. Es war mit zusammengebundenen Händen ein schlechtes Gehen auf den fast unwegsamen Pfaden in der Wildnis, und die Gefangenen wußten ja dabei nicht einmal, wohin man sie gegenwärtig schleppen wolle. Daß sie von der ganzen Nation gehaßt wurden, war ihnen außerdem kein Geheimnis.

Während sie so schweigend und finster vor sich hinbrütend weiterschritten, sprengte einer der Reiter dicht an den Trupp heran und lüftete sehr artig, aber doch mit unverkennbar höhnischem Zug um die Lippen, seinen Hut.

»Habe ich nicht das Vergnügen, Graf Deverreux hier zu begrüßen?«

Der junge Franzose sah erstaunt auf – »Sennor Almeja?« rief er aber im nächsten Moment überrascht aus – » Sie als Feind des Kaiserreichs und in dieser Truppe?«

»Das kommt Ihnen wunderbar vor, nicht wahr?« lächelte Silvestre; »Sie würden noch Wunderbareres erleben, wenn Sie Gelegenheit hätten, sich länger in Mexiko aufzuhalten.«

»Ich denke nicht daran, es so bald zu verlassen,« sagte der junge Graf finster – »doch ich appelliere jetzt an Sie, Sennor: Ist das eine Behandlung für Kriegsgefangene, sie gebunden und ausgeplündert durch solchen Wald zu führen? Es liegt doch hier wahrhaftig nicht die geringste Gefahr vor, daß wir entfliehen oder Widerstand leisten könnten.«

»Es ist Ihnen unbequem, wie?« lächelte der junge Mann, dessen Augen vor Genugtuung blitzten, »läßt sich aber freilich nicht ändern. Wie befindet sich Ihre Frau Gemahlin? Hoffentlich gut.«

Deverreux konnte der Hohn in der Frage nicht entgehen, aber einen scheuen Blick warf er zu dem jugendlichen Verbrecher empor, als dieser mit bedauernder Stimme und wie zu sich selber redend hinzusetzte: »Schade um das arme, bildhübsche Wesen-, so jung noch und schon Witwe!«

»Was wollen Sie damit sagen?« erwiderte er finster; »entweder die Schar hier ist eine Räuberbande, und dann kann ich doch nicht denken, daß Sie sich in Ihrer Stellung im Leben der angeschlossen hätten, oder es sind Guerillas, und dann können sie uns als nichts anderes als eben Kriegsgefangene betrachten.«

» Veremos,« lächelte Silvestre, »aber ich glaube, wir befinden uns an Ort und Stelle, denn ich sehe die Führer halten und die Vorderen sich um sie sammeln. Auf Wiedersehen, Herr Graf!« und damit gab er seinem Tier die Sporen und sprengte nach vorn, um sich der Beratung anzuschließen.

Deverreux blickte umher, konnte aber keine Spur von irgendeiner menschlichen Wohnung oder nur ein Zeichen von Kultur entdecken. Etwas höheres Land schienen sie hier erreicht zu haben; der Boden hob sich und die Vegetation zeigte sich von der in der Niederung verschieden; vor ihnen lag sogar eine kleine Waldblöße, die von hohen, mächtigen Laubholzbäumen eingefaßt stand – sonst war alles Wildnis wie bisher und der Platz konnte höchstens zu einem Rastpunkt ausgesucht sein.

Die Gefangenen wurden beordert, hier zu halten. Sie waren außerdem durch den langen Marsch und die Hitze zum Tode erschöpft, und die meisten warfen sich auch, wie ihnen nur der Befehl wurde, auf den Boden nieder.

Deverreux nur konnte sich eines Mißtrauens nicht erwehren, denn die Worte des Mexikaners hatten drohend geklungen, und er kannte ihn ja recht gut als seinen früheren und unglücklichen Nebenbuhler. Er blickte umher und bemerkte jetzt, wie sich die Banditen gleichenden Burschen mehr und mehr um sie sammelten, ohne jedoch bis jetzt noch irgendeine Spur von Feindseligkeit zu zeigen. Sie lachten im Gegenteil miteinander und schienen ganz besonders guter Laune.

Da ritt einer der Führer, welcher der Masse von Litzen und alter Stickerei nach, die er trug, und die er sich jedenfalls von französischen Uniformen heruntergetrennt und auf seine Jacke hatte setzen lassen, wenigstens ein General sein mußte, an die Gefangenen hinan und sagte finster:

»Franzosen, Ihr seid in unser Land gebrochen und habt es verwüstet, wie unsere Brüder und Kameraden erschlagen: Ihr müßt sterben!«

»Sennor!« rief da Deverreux, der hier seine schlimmste Befürchtung bestätigt fand, »Sie dürfen uns nicht töten. Wir sind nichts als Kriegsgefangene, und für jedes Leben, das Sie hier nähmen, würde der Marschall von Frankreich hundert der Ihrigen fordern!«

»Caracho,« lachte der Bursche, und sein Auge blitzte wild und tückisch über die Schar seiner Opfer, die aus etwa sechzehn Soldaten, Unteroffizieren und Gemeinen, bestand. – »Ich will euch zeigen, was wir dürfen, und was euren Marschall betrifft, so ist der Hanf, an dem er gehängt werden soll, wohl auch schon gewachsen. Ihr seid in das Land gekommen und in das Innere gedrungen, aber ihr werdet noch die heilige Jungfrau auf den Knien bitten, daß sie euch wieder hinaushilft – Adelante muchachos!«

»Sennor Almeja!« rief Deverreux. »Ich stelle uns unter Ihren Schutz. Sie werden nicht dulden, daß man uns hier mit kaltem Blut mordet!«

»Alles, was ich für Sie tun kann, Sennor,« sagte Silvestre, indem er ruhig seinen Revolver aus dem Halfter zog, während der jetzt auf die Franzosen eindringende Schwarm die Messer aus den Gürteln riß, »ist: daß ich Ihnen eine kleine Erleichterung verschaffe« – und damit feuerte er seine Waffe in kaum zwei Schritt Entfernung auf den Unglücklichen ab.

Es war dies das Zeichen für die Metzelei gewesen, und eine Szene begann jetzt, die zu beschreiben sich die Feder sträubt. – Aber nur mit Messern und Machetas wurden die armen, Verteidigungslosen, ja selbst gebundenen Menschen niedergemacht, und als am nächsten Morgen eine den Räubern nachgesandte Kolonne belgischer Truppen den Schauplatz erreichte, schauderten die doch an Schlachtszenen gewöhnten Soldaten zusammen vor dem furchtbaren Anblick, der sich ihnen bot. – Aber ein Rachegeschrei rang sich auch von den Lippen und sie nahmen die Verfolgung jetzt, von einigen Mexikanern geführt, mit einer Wut auf, die sie Müdigkeit und Anstrengung vergessen ließen.

Die beiden bis dahin vereinigten Banden hatten indessen, etwa eine Legua von dieser Mordszene, in deren Nähe sie sich doch nicht behaglich fühlten, an einem murmelnden Bergstrom, der aus dem höheren Land herabkam, Halt gemacht, um sich vor allen Dingen nach den gehabten Strapazen auszuruhen, wie auch in Ruhe die gemachte Beute zu teilen.

Silvestre Almeja hielt sich ziemlich fern davon. Er hatte, was er erstrebt, erreicht und als seinen Beuteanteil nur die beiden mit Silber reich beschlagenen Revolver seines Nebenbuhlers und – dessen Trauring zu sich genommen. Seine Rache war erst halb, wenn er nicht die treulose Geliebte ebenfalls elend machen konnte, und Gelegenheit fand sich leicht, ihr den Ring nach Mexiko zu senden.

Hier aber trennten sich die beiden Züge wieder, und General Sona, wie der Führer des einen hieß, beschloß, sich auf den Weg nach Puebla hin zu begeben, und dort an den Cumbres oder in jener Gegend zu wegelagern, wo die Straße aus dem Tal direkt an den Höhen hinan und auf die Hochebene steigt, während Xilla, der andere Bandenführer, den Staat San Luis Potosi zu erreichen gedachte, und dabei eine Menge eigener Pläne hatte. Seinen Leuten erklärte er übrigens, daß er sich mit einer der nördlichen Banden zu vereinigen wünsche.

Diesem schloß sich Silvestre an, und zwar mit dem festen Entschluß, den Kampf gegen die verhaßten Franzosen in allem Ernst fortzusetzen, und nach Norden zu mußte er ja mit Juarez' Truppen Zusammentreffen. Er war natürlich nicht gesonnen, sich bei den kleinen Raubzügen zu beteiligen, sah aber auch keine Möglichkeit, um allein und unberaubt durch das Land zu kommen. Xilla jedoch, obgleich er bestimmt erklärte, ebenfalls zu Juarez stoßen zu wollen, machte nicht die geringsten Anstalten, dies in Wirklichkeit zu tun, sondern befand sich hier als unumschränkter Herrscher und Gebieter einer Bande von jetzt fast zweihundert Mann viel behaglicher und zog sich nur langsam durch die Berge der größeren Stadt Jalacingo zu, die er durch einen Handstreich zu nehmen und zu brandschatzen hoffte.

Indes aber waren die Behörden nicht untätig gewesen, denn der Raubanfall der bis jetzt doch wenigstens vollkommen sicher geglaubten Eisenbahn hatte sie wachgerüttelt. Von Vera-Cruz selber ging ein starker Truppenkörper ab, um die Spur der Bande zu verfolgen; in Orizaba wurden Truppen aufgeboten, und aus Jalapa zog ebenfalls ein Korps dort stationierter belgischer Truppen aus, um die Gegend nach allen Richtungen hin abzuspüren. Es dauerte auch gar nicht lange, so kamen diese auf die Fährten der Marodeure, die schon dafür sorgten, ihren Weg mit niedergebrannten Hacienden und Blut zu kennzeichnen.

Nördlich von Orizaba, unmittelbar an der Grenze der beiden Staaten Vera-Cruz und Puebla, in einem wundervollen Tale, das sich schon gegen die Höhen von Perote anneigte und einen prachtvollen Blick auf den mit ewigem Schnee bedeckten Krater Orizaba gewährte, hatte Xillas Bande ihr Lager aufgeschlagen.

Die Szenerie war wahrhaft wundervoll; zu Füßen der Stelle, auf dem die Schar lagerte, brach sich ein wilder Bergstrom über mächtige Felsmassen die Bahn zu Tal, brausend und schäumend einem Abgrund zu, der den ganzen südwestlichen Hang begrenzte, während links davon eine mehr schräg abfallende Senkung, mit baumartigem Kaktus und stachligen Agaven bewachsen, einen fast undurchdringlichen Wall nach dieser Richtung hin bildete – im Norden aber, von Blütenbüschen übersäet, hob sich die erste Gebirgsschicht, von herrlichen Bäumen bedeckt, empor und zeigte oben an den Höhen schon dunkles Nadelholz, während tief unten, wenn das Auge dem Einschnitt folgte, noch breitblätterige Tropenpflanzen sichtbar waren. Das Ganze aber in unbeschreiblicher Majestät überragte der gewaltige Schneekegel, der Orizaba, der mit in der Sonne funkelndem und blitzendem Gipfel das weite Land beherrschte, während aus seinen kalten Schluchten fortwährend weiße bewegliche Nebel emporstiegen, sich um sein Haupt zu phantastischen Bildern und Figuren formten, und dann, wenn sie eine wärmere Luftschicht erreichten, zu Dunst auseinanderflossen.

Silvestre hatte sich von den übrigen abgesondert gehalten, denn er fing an, sich der Bande zu schämen, mit der ihn seine Leidenschaft vereint. Außerdem mußte er auch jetzt wohl merken, daß Tilla gar nicht beabsichtigte, weit nach Norden zu ziehen, sondern diese Gebirgskette eben nur aufgesucht habe, um von hier aus, wenn es ihm gerade passe, Raubzüge in die Nachbarschaft zu unternehmen – aber das lag wahrlich nicht in seinen Plänen.

Die Bande selber befand sich in vortrefflicher Laune. Sie hatte an dem nämlichen Morgen einem armen Indianer, der zwölf mit Pulqueschläuchen beladene Esel trieb, den ganzen Vorrat mit den Eseln abgenommen und hielt jetzt hier am grünen Waldessaume ein lang entbehrtes Gelage. Selbst Xilla schien dem doch immer berauschenden Getränk etwas stark zugesprochen zu haben, und als sich ihr »vornehmer Compannero«, wie sie ihn zuweilen nannten – ihnen gar nicht anschließen wollte, sondern allein und düster brütend unter dem Baum liegen blieb, da ging er mit einem gefüllten Horn zu ihm hinüber, und vor ihm stehen bleibend, sagte er lachend:

»Caracho! Compannero – du liegst ja da so allein und einsam, als ob du gar nicht zu uns gehörtest oder – am Ende gar nichts mit uns zu tun haben wolltest – he? Da trink einmal – famose Pulque, die die Rothaut nach Jalacingo hineinschleppen wollte – aber die können wir hier besser gebrauchen, he?«

»Ich will Euch etwas sagen, Compannero,« meinte Silvestre, ohne aber das gebotene Horn zu nehmen, »das Leben hier bei euch gefällt mir auch nicht, denn das Ganze läuft auf nichts als Rauben und Plündern hinaus, und deshalb bin ich nicht zu euch gestoßen.«

»In der Tat nicht, und zu was sonst, Sennor, wenn man fragen darf?« sagte der Bandenführer mit einem höhnischen Lächeln – »etwa den Damen unterwegs den Hof zu machen? Die jungen Sennoritas auf der letzten Hacienda schienen Ihnen sehr zu gefallen.«

»Geht zum Teufel,« brummte Silvestre – »Ihr wißt selber recht gut, weshalb – um französische Trupps zu überfallen und aufzureiben, und denen geht Ihr gerade auf das sorgfältigste aus dem Weg.«

»Und einfach genug, weshalb,« lachte Xilla, »weil bei denen nichts als Blei und kalter Stahl zu holen ist, und ich mein Heer vergrößern und nicht dezimieren lassen will. Morgen oder übermorgen jedoch, Compannero, denk' ich, machen wir einen guten Zug. Gestern ist uns ein Bursche aus Jalacingo zugelaufen. Dort liegt nur eine kleine Truppe Kaiserlicher, lauter Mexikaner, und die Gefängnisse stecken voll. Ich kenne das Nest gut genug. Mit Tagesgrauen fallen wir darüber her, brechen erst die Gefängnisse auf und dann –« er schwieg erschreckt, denn oben an dem über ihnen liegenden Bergeshang und im Wald drinnen ertönte in dem Moment ein scharf klingendes und herausforderndes Trompetensignal, und in wilder Hast sprang die Schar der Guerillas empor, denn hier gerade, den Abgrund und kaktusbewachsenen Hang vor sich, hätten sie keinem Feind begegnen mögen. Und doch klang das wie das Signal zum Angriff der Gegner, das sie gut genug kannten, und dem sie oft schon in wilder Flucht ausgewichen waren.

Die Leute griffen ihre in aller Ruhe beiseite gestellten Gewehre und Waffen auf; die Reiter sprangen mit zitternden Knien nach ihren Pferden. Diese aber scheuten vor dem plötzlichen Anprall, warfen ungebärdig die Köpfe in die Höhe und fingen an zu springen und zu stampfen, so daß eine völlige Verwirrung in dem überrumpelten Lager entstand.

Xilla, das Horn mit Pulque, das er noch immer in der Hand hielt, zu Boden schleudernd, war, den Degen aus der Scheide reißend, zu seinen Leuten zurückgesprungen und schrie seinen Befehl zum Sammeln über den Hang hin – das war aber kaum nötig, denn der Schwarm drängte sich von selber zusammen, um nur erst einmal zu sehen, mit welchem Feind sie es hier zu tun bekamen. Darüber sollten sie allerdings nicht lange in Ungewißheit bleiben. Von rechts und links und gerade über ihnen antworteten sich die Trompetenstöße – die Büsche raschelten und brachen, und heraus aus dem Wald, mit bunten, blitzenden Uniformen und Gewehren drangen die Rächer gegen die Bande vor.

Das belgische Korps war etwa anderthalb Stunden von dort entfernt, die Straße einhaltend, nach Norden marschiert, da sie die letzten Nachrichten vermuten ließen, daß sich die Guerillas nach jener Richtung gewandt. Da erreichten sie eine Hacienda am Weg, die das Raubgesindel erst an dem nämlichen Morgen überfallen und ausgeplündert hatte. Sie fanden auch den Platz noch in voller furchtbarer Aufregung, und von einer benachbarten Ortschaft waren sogar die Bewohner bewaffnet herübergekommen, um die Räuber, wenn nötig, mit vertreiben zu helfen. Das Landvolk bekam es endlich satt, von diesen zügellosen Banden heimgesucht zu werden, vor denen sie sich kaum eine Nacht ruhig auf ihr Lager werfen konnten, und oft jahrelange Arbeit in einer einzigen Stunde durch sie zerstört sahen.

Da gerade, während die belgische Kolonne dort hielt, der sich zwei französische Offiziere mit einer Patrouille abgeschlossen, traf der arme Indianer ein, dem die Räuber an dem Morgen seine Esel mitsamt ihrer Ladung weggenommen und sogar sein Leben bedroht hatten, wenn sie ihm noch irgend wieder begegnen würden. Der arme Teufel aber, dem alles, was er auf der Welt besaß, mit den Tieren verloren ging, dachte gar nicht daran, sein Eigentum aufzugeben, ohne wenigstens zu sehen, wohin sich die Räuber desselben wenden würden. Mit der seiner Rasse überhaupt eigenen Schlauheit folgte er ihnen deshalb, und als er – sich immer vorsichtig außer Sicht haltend, endlich sah, wo sie ihr Lager aufschlugen, eilte er zurück und nach Jalacingo zu, um von dort bei der kaiserlichen Garnison Hilfe zu suchen. Da traf er unterwegs auf der geplünderten Hacienda die belgische Truppe, meldete seinen Unfall und den jetzigen Aufenthalt der Räuber, und erbot sich natürlich mit Freuden, den Soldaten zum Führer zu dienen.

Denen schlossen sich aber jetzt sowohl die sämtlichen Leute von der Hacienda an, als auch die aus der Nachbarschaft herübergekommenen Bewaffneten. Der Indianer aber, der das Terrain genau kannte und wußte, daß die Guerillas von der Stelle aus, wo sie sich befanden, im Süden vollständig eingehemmt lagen, und nur den Bergstrom auf- oder abwärts, oder gerade in den Wald hinein entfliehen konnten, brachte die Belgier nicht allein zu dem richtigen Punkt, sondern teilte sie auch dort ein. Die Soldatentrupps sollten von rechts und links, den Bergstrom herauf und hinunter drücken; die Hacienderos aber blieben mit ihren Hilfsmannschaften im Zentrum, so daß sie den Feind, der nachlässig genug gewesen war, im Gefühl seiner Sicherheit auch nicht eine einzige Wache auszustellen, vollkommen umzingelten, ehe er nur eine Ahnung von ihrer Nähe hatte.

Jetzt erst wurde das Signal zum Angriff gegeben – zuerst von dem Zentrum aus, da den Hacienderos ein Signalist zugeteilt worden – und jetzt von links und rechts, während die Soldaten, ihre Gewehre gefällt, aus dem Dickicht herausbrachen und, sowie sie den Feind in einem wirren Knäuel zusammen fanden, sich ihres Sieges gewiß wußten.

»Halt, Feuer!« Eine Salve knatterte in die dicht gedrängten Massen hinein, die, von drei Seiten zugleich angegriffen, gar nicht gleich wußten, nach welcher Richtung hin sie ihre Gewehre abfeuern sollten, und als sie erst die Feinde genau erkannten, war es zu spät. Vereinzelte Schüsse gaben sie, aber meist ohne zu zielen, und jetzt, mit gefälltem Bajonette und dem donnernden Hurraruf, stürmten die wackeren Belgier hinein in die Räuberschar.

Flucht? – ja – aber wohin? Über den Abgrund in die stachligen Kaktus und Aloe hinein? Ehe sich die feigen Verbrecher besannen, waren die Rächer mitten unter ihnen, und »Gnade!« schrien die ihrem Geschick Verfallenen, indem sie ihre Gewehre fort- und sich auf die Knie niederwarfen.

Doch gerade diese Belgier waren es gewesen, die erst ganz kürzlich den Schlachtplatz und die scheußlich verstümmelten Opfer dieser Elenden gefunden, und Rache war jetzt ihr einziges Gefühl. Jetzt hatte das Glück des Krieges ihnen den Sieg in die Hand gegeben, und blutgierig, wie nicht ein Tiger, nicht ein Wolf, wie nur ein Mensch sein kann, wüteten sie unter ihren Opfern.

Diese flohen jetzt wohl nach allen Seiten, aber Rettung brachte ihnen das nicht. Viele sprangen in den Abgrund, aber das schroffe Gestein hielt sie nicht, und elend zerschellten sie in den Tiefen. – Andere rannten in ihrer Todesangst in den mit Kaktus dicht bewachsenen Hang, aber schon nach kurzer Strecke blieben sie zwischen den scharfen Dornen stecken und lieferten den nachspringenden Hacienderos ein treffliches Ziel für ihre Revolver und Schrotgewehre.

Zwanzig oder dreißig, meistens Verwundete, fielen in die Hände der Sieger; der belgische Oberst jedoch, der den Zug kommandierte, mochte nichts mit den Gefangenen zu tun haben. Den Tod hatten sie allerdings verdient, aber er scheute sich, Henkersdienste an ihnen zu verrichten. Nicht so die Mexikaner, deren Eigentum geraubt oder zerstört, deren Vieh weggetrieben, deren Frauen und Töchter mißhandelt worden. Im Nu hatten sie den Überwundenen die Hände zusammengeschnürt, und ohne weiteren Zeitverlust wurden Stricke herbeigeschafft, um sie an den nächsten Bäumen aufzuhängen.

Unter diesen befand sich Silvestre Almeja, der mit zerschossenem rechten Arm keinen Widerstand mehr hatte leisten können; aber sein Herz hörte auf zu schlagen, als er die furchtbaren Vorbereitungen zum Tode sah, und den belgischen Oberst anrufend, bot er ein Lösegeld für sein Leben.

»Wer sind Sie?« sagte der Oberst finster.

»Mein Name ist Almeja – mein Vater ist einer der angesehensten und einflußreichsten Männer in Mexiko – ich biete Ihnen zehntausend Pesos Lösegeld.«

»Und wie kommen Sie da zwischen diese Bande?«

»Durch Zufall – ich bin ihr Gefangener, nicht ihr Mitgenosse –«

»Caracho, das lügst du. Schuft!« schrie der schwerverwundete Xilla, der sich ebenfalls unter dem kleinen Trupp befand, »hast du uns nicht selber erst auf die Fährte gebracht, um den französischen Grafen abzufangen?«

»Deverreux!« schrie da ein französischer Offizier, – »er war mit auf dem Zug und, beim Himmel! der Schurke dort trägt noch immer einen seiner Revolver, die ich oft bei ihm gesehen.«

»Macht mit ihm, was ihr wollt,« sprach ruhig der belgische Oberst, indem er sich langsam abwandte – »er gehört mit zur Bande. Hauptmann Defour, geben Sie das Zeichen zum Sammeln, daß wir den Platz hier so rasch als möglich verlassen.«

»Herr Oberst,« rief Silvestre in Todesangst – »Sie können mich doch nicht den blutdürstigen Henkern hier überlassen? Mein Vater wird –«

»Sie haben sich der blutdürstigen Bande angeschlossen,« erwiderte der Oberst kalt, »so legen Sie sich auch jetzt mit der Gesellschaft, zwischen die Sie sich gebettet haben. Das ist kein Krieg mehr, das ist Raub und Mord, und Räuber und Mörder dürfen sich eben nicht beklagen, wenn sie den Strick als Lohn finden.«

»Ich wende mich an den Kaiser!« schrie Silvestre verzweiflungsvoll, »ich verlange ein Gericht –«

»Das soll dir werden, mein Bursche,« schrie einer der Hacienderos, indem er auf ihn losging und ihm einen Strick um die Kehle schlug. Der Oberst wandte sich schaudernd ab – aber er hatte hier nichts mehr zu tun – sein Auftrag war erfüllt, und die Gerichtspflege konnte er recht gut den Mexikanern überlassen.

Einige Minuten später hatte der Oberst seine Truppen wieder geordnet, die wenigen Verwundeten – Tote hatten sie nur zwei – wurden auf Tragbahren gelegt, um sie hinüber nach Jalacingo zu schaffen, und dem Fluß abwärts folgend, suchte er jetzt auch die Spur der anderen Bande aufzufinden.

Und die Gefangenen? – Es spielte sich mit ihnen nur eine jener Tausende von Greuelszenen ab, an denen das unglückliche Land so reich schon seit Jahrzehnten war. Die Aasgeier wußten wohl, weshalb sie den Trupps Bewaffneter auf ihren Wegen folgten.

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