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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Der Flüchtige.

Der zur Hinrichtung Mauricios bestimmte Morgen brach an, aber in dem Gefängnis selber herrschte die größte Verwirrung und alles lief durcheinander. – Soldaten hatten sämtliche Ausgänge um das drei- und vierfache wie gewöhnlich besetzt, und ein französischer Oberst wetterte in dem Raum auf französisch und spanisch umher – der Gefangene war entflohen.

Allerdings ging das Gerücht, er sei einer Patrouille begegnet, und diese jetzt unmittelbar auf seinen Fersen, so daß man hoffen dürfe, ihn wieder zu bekommen, aber die Sache an und für sich blieb dieselbe, denn der Gefängniswärter hatte sich mit ihm aus dem Staub gemacht, und der Franzose jetzt nicht einmal jemand Bestimmtes, an den er sich mit seinem Grimm wenden konnte. Es blieb ihm nichts übrig, als die ganze mexikanische Nation in Grund und Boden hinein zu verdammen und zu verfluchen – und das tat er redlich.

Reiter sprengten jetzt durch die Straßen nach allen Richtungen hin – Patrouillen wurden ausgesandt, um sämtliche Wege dicht um Mexiko, wo ein Ausweichen nicht gut möglich war, fest zu überwachen, und strenger Befehl gegeben, den Flüchtigen, wie es sei, tot oder lebendig wieder abzuliefern, während zu gleicher Zeit Lucidos Haus von einer Abteilung Polizei bis in die letzten Räume durchsucht und, als man dort nichts fand, ein Doppelposten vor die Tür gestellt wurde, der strengen Befehl hatte, niemanden weder aus- noch einzulassen.

Sennor Lucido, über diese Beschränkung seiner Freiheit entrüstet, wollte dagegen protestieren, wurde aber mit der größten Strenge abgewiesen, und der Offizier sagte es ihm auf den Kopf zu, daß nur er allein den Wächter mit Geld bestochen habe, um den Sohn zu retten – und wer hätte es dem Vater verdenken können!

Bazaine war außer sich, denn gerade die Konservativen, obgleich er eine Tochter aus ihrer Mitte zum Weib genommen, hatten ihn trotzdem in der letzten Zeit nur zu deutlich fühlen lassen, daß ihnen der französische Übermut doch mit der Zeit lästig wurde. Sie sprachen es offen aus, daß sie die französische Regierung zu Ende wünschten, und zogen sich mehr und mehr von den Franzosen zurück. – Und wie würden sie jetzt im stillen jubeln, daß sie den lästigen Gästen eine schon sicher geglaubte Beute entrissen hatten!

Und doch schien ihr Triumph noch keineswegs gesichert, denn wenn es auch Mauricio gelungen war, aus dem Gefängnis selber zu entkommen, so sah er sich dadurch doch noch immer nicht gerettet, denn ein ganz eigentümlicher und unglücklicher Zufall brachte nämlich die Verfolger, ohne zu ahnen, wer er wirklich sei, noch in den Straßen der Stadt auf seine Fährte.

Dicht vor dem Gefängnis hatte er sich von seinem Retter getrennt, weil er überzeugt war, seine Flucht allein viel ungefährdeter fortsetzen zu können. In den Straßen von Mexiko gab es allerdings sogenannte serenos oder Nachtwächter, die in unruhigen Zeiten auch wohl Vorbeipassierende anriefen, sie aber nie anhielten, und da noch niemand um seine Flucht wissen konnte, war auch eine Entdeckung nicht zu fürchten. Er brauchte nur langsam seinen Weg zu verfolgen, um sich, erst einmal aus der Stadt, in die Berge zu wenden; ja er wußte selbst in den kleinen benachbarten Ortschaften überall Bekannte, die nie daran gedacht hätten, ihn an die Franzosen auszuliefern.

Unglücklicherweise für ihn war aber gerade in dieser Nacht und in einer kleineren Straße, die hinter der Kirche San Augustin hin und mit der Straße Plateros parallel lief, ein Ermordeter von den Serenos gefunden worden – und derartige Fälle kamen allerdings nicht etwa selten vor.

Das aber brachte die Leute auf die Füße, denn man hoffte den Mörder noch unterwegs zu finden, und Patrouillen waren requiriert worden, um sie zu unterstützen. Da, als Mauricio gerade in die Straße einbog, kam diese Patrouille um die andere Ecke und rief ihn an, und davon erschreckt, trieb ihn sein böses Gewissen, sein Heil in der Flucht zu suchen.

Glücklich für ihn dämmerte gerade der Tag, und Indianer wie Milchverkäufer waren schon in die Stadt gekommen. Ein solcher Milchkarren hielt auch gerade vor dem Hause des Hoffriseurs Don Pedro Gaspard, und die Soldaten, denen schon der Befehl geworden, auf den Flüchtigen zu feuern, drückten nicht ab, weil sie dann bestimmt auch den armen, unschuldigen Händler mit getroffen hätten. Außerdem konnte ihnen der Flüchtige auch gar nicht entgehen, denn unten von der Kirche herauf kamen ebenfalls Serenos, und ein in die Luft gefeuerter Schuß gab denen das Zeichen, bei der Hand zu sein, während sie jetzt zusprangen, um den zu verhaften, der sich ihnen nicht hatte stellen wollen.

Hinter dem Milchkarren kam er aber nicht wieder vor, und als sie diesen jetzt in vollem Ansturm umzingelten, erklärte der bestürzte Indianer, ein Mann sei allerdings hier eben in das Haus hineingesprungen und habe die Tür hinter sich zugeschlagen, das Hausmädchen aber sei nicht zurückgekehrt, um die Milch abzuholen, und er wisse nichts weiter. Da drin mußte er noch stecken.

Dort drinnen also, und die Patrouille machte auch gar keine Umstände, sich den Eingang zu erzwingen. Mit den Kolben donnerten sie gegen die von innen verschlossene Tür an, daß das ganze Haus davon erzitterte, und es dauerte auch gar nicht lange, so öffnete sich oben ein Fenster, und Don Pedro selber, aus festem Schlaf aufgestört, eine weiße Nachtmütze über sein schwarzgelocktes Haar gebunden, woran er in der Eile nicht gedacht hatte, sah heraus und fragte, was es ins Himmels Namen gäbe.

» Abra! policia!« (öffne, Polizei) war aber das einzige, was ihm erwidert wurde, und daß sich die Leute da unten nicht auf eine Unterhandlung einlassen würden, bewiesen sie schon durch die unausgesetzten und ihre Ungeduld kennzeichnenden Kolbenstöße. Wenn er aber wirklich nicht gleich öffnete, wußte er gewiß, daß sie ihm die Tür einschlagen würden, womit sie außerdem schon beschäftigt schienen, und mit dem reinsten Gewissen von der Welt flog er mehr als er ging die Treppe hinab, um die Störenfriede einzulassen. Es war einmal kaiserliche Polizei, und der konnte er sich gerade als Hoffriseur nicht widersetzen.

Wenige Minuten später schob er den Riegel zurück und wollte aufschließen – aber es war schon aufgeschlossen, und die Patrouille drang, während natürlich der Ausgang scharf bewacht blieb, in das Haus hinein.

Daß nun der kleine Spanier nichts von dem Flüchtling wissen konnte, davon waren die Soldaten selber überzeugt, denn dieser hatte jedenfalls nur das erste beste offene Haus benützt, um augenblicklichen Schutz darin zu finden. Der junge Offizier, der die Patrouille führte, sagte deshalb auch nur ganz kurz:

»Sennor, eben hat sich ein Verbrecher in Ihr Haus geflüchtet.«

»In mein Haus?« rief Don Pedro bestürzt, »aber wie ist das möglich, es war ja von innen zugeriegelt.«

»Das Haus stand gerade offen, weil das Mädchen Milch holte – er wird selber wieder zugeriegelt haben. Wir müssen Ihre Wohnung von oben bis unten durchsuchen.«

» Alle Zimmer?« fragte Don Pedro, der an seine noch nicht angekleidete Frau dachte.

»Alle, das heißt, bis wir den Burschen haben – entgehen kann er uns nicht, Ihre Azotea Azotea, das flache Dach des Hauses, zu dem stets eine Treppe hinaufführt. ist doch zugeschlossen?«

»Sicherlich und verriegelt dazu. Dahinaus kann er nicht, wenn er nicht weiß, wo der Schlüssel hängt.«

»Nehmen Sie den Schlüssel gleich an sich, damit wir vollkommen sicher sind.«

»Aber er hängt in meinem Schlafzimmer.«

»Gut, dann fassen wir ihn auch. Hat Ihr Haus noch einen Ausgang nach hinten?«

»Nein – wir sind vollkommen abgeschlossen.«

»Desto besser und nun en avant! Jedes Zimmer, was durchsucht ist, wird fest verschlossen und der Schlüssel abgezogen.«

»Das wird nachher eine schöne Konfusion mit den Schlüsseln geben,« dachte Don Pedro, hütete sich aber wohl, etwas zu sagen und äußerte nur – »bitte, Herr Hauptmann oder Oberst – entschuldigen Sie, wenn ich Ihren Rang nicht kenne – das ganze Haus steht zu Ihrer Disposition – Seine Majestät der Kaiser hat keinen treueren Freund in Mexiko als mich.«

»Sehr schön, Monsieur,« nickte der Offizier, ohne von den Worten weiter Notiz zu nehmen, denn ein Teil der Soldaten stürmte schon die Treppe hinauf, während sich die anderen unten verteilten, um ihre Nachforschungen gleich dort zu beginnen.

Don Pedro eilte jetzt, so rasch er konnte, zu dem Schlafzimmer seiner Frau hinauf, um sie aufzufordern, sich rasch anzuziehen, denn dem Besuch entging sie nicht – aber er fand die Tür von innen verriegelt und rief durchs Schlüsselloch:

»Öffne, Cornelia – wir müssen uns rasch ankleiden – das Haus wird durchsucht – es hat sich ein Verbrecher hereingeflüchtet!«

Keine Antwort. Er legte sein Ohr an die Tür und glaubte, daß er jemand flüstern höre. War das Mädchen darin? »Cornelia!« rief er nochmals – »öffne, liebes Kind – sie werden gleich auch zu dir kommen, und wenn du dann nicht aufmachst, schlagen sie die Tür ein – wahrhaftig, sie tun es!«

Wieder das Flüstern – aber weshalb antwortete seine Frau nicht? ...

»Zwei Mann auf die Azotea!« dröhnte da die Stimme des Offiziers durch das Haus, und dieser wandte sich jetzt an den noch immer an seiner eigenen Tür Pochenden, um zu erfahren, wo der Aufgang dazu sei.

»Ja, ich will ja eben hinein,« sagte der unglückliche Mann – »aber meine Frau zieht sich gerade an und macht nicht auf.«

»Und führt keine andere Tür auf die Azotea, als durch Ihr Schlafzimmer?«

»Doch – diese hier gleich nebenan – aber die ist von innen doppelt verriegelt.«

»Ersuchen Sie die Sennora, augenblicklich zu öffnen,« rief aber der Offizier – »es sollte mir leid tun, Gewalt brauchen zu müssen, aber ich habe meine Pflicht zu erfüllen.«

»Cornelia – Herz – mach' auf!« bat ihr Gatte; »du mußt aufmachen – die Polizei, der Kaiser verlangen es!«

Keine Antwort – es war, als ob da drinnen eine Tür ginge und wieder geschlossen würde, aber weiter kein Laut, und jetzt wurde der Offizier selber mißtrauisch.

» Abra la puerta!« rief er seinen Soldaten zu, und er brauchte keinen zweiten Befehl zu geben. Der erste Kolbenstoß, den der Soldat – ein breitschulteriger Bursche – gegen das Schloß tat, sprengte die Tür auseinander, als ob sie von Glas gewesen wäre, und mit einem Aufschrei flüchtete Donna Cornelia, die unfern davon stand, in die entfernteste Ecke des Gemachs. Ein Blick umher überzeugte die Leute nun allerdings, daß sich niemand weiter im Gemach selber befand, aber mögliche Verstecke gab es doch genug, die alle durchforscht werden mußten.

»Wo ist die Tür zur Azotea?« fragte der Offizier, ohne bis jetzt von der Dame die geringste Notiz zu nehmen.

»Durch diese Kammer hier, Sennor – es ist mein Ankleidezimmer – und dann über den kleinen Vorplatz,« rief Don Pedro.

»Die Türen sind auf –«

»Wohl der Kühle wegen aufgelassen, Sennor,« sagte Don Pedro, aber doch selber etwas erstaunt, wenn er sich auch davon nichts merken ließ, denn vorher waren sie fest verschlossen gewesen, und was konnte seine Frau dort zu tun haben? Hatte sie sich vielleicht vor dem Lärm verstecken wollen? Der junge Offizier aber, den blanken Degen in der Faust, schritt rasch hindurch, hatte aber kaum den sogenannten Vorsaal betreten, dessen Tür ebenfalls weit aufstand und von dem aus eine, aber wie Don Pedro versichert, doppelt verriegelte Pforte nach dem Entree führte, als er seinen Leuten zurief: »Hierher, Kameraden – die Türe der Azotea ist geöffnet – der Vogel ist da hinaus; besetzt das Schlafzimmer – keiner hinaus – und sechs von euch hier hinauf!«

Wie ein Wetter stürmte er die etwas steile Stiege hinan und erreichte gleich darauf das offene, flache Dach, das aber mit den übrigen Dächern so weit in Verbindung stand, daß sich ein Mensch leicht von einem zum anderen schwingen konnte. Rasch sprang er dort auf eine der angebrachten Bänke, um einen besseren Überblick nach allen Richtungen hin gewinnen zu können, aber vergebens – nirgends ließ sich ein lebendes Wesen mehr erkennen – der obere Teil der Häuser, so weit er ihn von hier aus übersehen konnte, lag leer und öde, und wenn der Flüchtige hier hinausgestiegen, so hatte er auch einen Schlupfwinkel gefunden, um sich zu verstecken – und nach welcher Richtung sollte man ihn von hier aus verfolgen?

Der Offizier tat das einzige, was er unter diesen Umständen tun konnte, er ließ zwei Mann Wache oben und einen dritten an der Treppe, um augenblicklich den Alarm zu geben, wenn jene etwas Verdächtiges bemerken sollten. Danach beendete er seine Untersuchung des ganzen Hauses von oben bis unten, ohne jedoch das geringste zu finden, und das konnte natürlich seine Laune nicht verbessern. Er mußte seine Soldaten wieder abrufen – nur die Wachen auf der Azotea sollten noch bleiben, denn es war ja doch möglich, daß sich der Flüchtige wieder hervorwagte; ehe er aber Don Pedros Haus verließ, sagte er mit strenger Miene zu dem kleinen Spanier, der aber so zerstreut schien, daß er die Worte kaum vernahm:

»Sennor, die Sache mit der Azotea ist sehr verdächtig, – (Don Pedro gab ihm darin in seinem Herzen recht) ich fürchte, Ihre Frau Gemahlin hat sich verleiten lassen, einem Verbrecher zur Flucht zu verhelfen – ich werde jedenfalls die Anzeige meines Verdachtes machen müssen, und Sie haben das weitere darüber zu gewärtigen.«

»Sehr schön,« sagte Don Pedro – mit seinen Gedanken ganz wo anders, und der Boden brannte ihm unter den Füßen, daß nur das Militär erst das Haus verließe, denn er verlangte mit seiner Frau eine Privatbesprechung.

»Den Soldaten auf der Azotea,« fuhr dann der Offizier fort – »werden Sie nachher ein Frühstück besorgen, das sie einzeln einzunehmen haben, um ihren Posten nicht zu versäumen – Vorwärts, marsch – wir können hier vorderhand nichts mehr nützen.« Damit marschierte er mit seinen »Leuten« wieder auf die Straße hinaus, wo sich eine Menge Volk gesammelt hatte, um zu sehen, was es da gäbe, ließ sie dann in Reih' und Glied treten und kehrte auf die Hauptwache zurück, um dort Bericht abzustatten.

Kaum war er fort, als Don Pedro in das Zimmer seiner Frau trat, dort mit einer furchtbaren Ruhe aus einer Schublade seinen Revolver nahm und dann mit finsteren Blicken auf die Gattin zuging.

»Cornelia – Weib! Wer war der Mann, mit dem du hier geflüstert und dem du dann den Schlüssel zur Azotea gegeben?«

Die Frau zögerte einen Moment mit der Antwort, ohne jedoch im geringsten Furcht zu zeigen, denn sie wußte recht gut, daß der Revolver gar nicht geladen war – überlegte sie erst, ob sie leugnen oder eingestehen sollte? – aber es dauerte nicht lange. Verächtlich die Lippen aufwerfend, sagte sie: »Machen Sie sich nicht lächerlich, Don Pedro; was weiß ich, wer der Mann war. – Als das Mädchen, die Susa, unten auf der Straße die Milch nehmen wollte, sprang er an ihr vorüber ins Haus und die Treppe hinauf, und ehe ich nur schreien konnte, stand er mit einer großen Pistole vor mir und verlangte den Schlüssel zum Dach. Erst glaubte ich, es wäre ein Räuber und er wollte meinen Schmuck, als er aber nur den Schlüssel verlangte, gab ich ihn mit Vergnügen hin. Sollte ich mich des Schlüssels wegen totschießen lassen? Dir wäre es am Ende recht gewesen.«

»Und woher kannte der Fremde in solcher Weise Hausgelegenheit, daß er mir, der ich die große Treppe hinuntersprang, auf der kleinen auswich? – Was hattet ihr denn zusammen zu flüstern, als ich vor der Tür stand und Einlaß begehrte, he? Weshalb öffnetest du nicht, als du hörtest, daß ich es sei? – Weshalb habt ihr geflüstert? frag' ich.«

»Er sprach leise,« sagte Cornelia, sich stolz abwendend, »weil er wahrscheinlich fürchtete, draußen gehört zu werden. Glaubst du, daß ich allein mit einem Menschen, der von der Straße hereinspringt und mir die Pistole auf die Brust setzt, schreien soll? Ich konnte vor Angst kaum einen Laut über die Lippen bringen.«

»Und weshalb hast du das nicht dem Offizier gesagt, als er hier war – so daß ich jetzt noch gar in Verdacht komme, nicht loyal zu sein, und weshalb hat die Susa nicht geschrien? Warum, frag' ich, habt ihr beide das alles heimlich abgemacht?«

»Lege nur den Revolver fort und blamiere dich nicht,« sagte seine Frau, ein wirklich reizendes junges Weib von kaum achtzehn Jahren – »ich habe dir den Grund schon genannt, und gehe jetzt hinunter, denn ich muß mich anziehen. Du bist wohl am Ende gar eifersüchtig auf den Menschen und glaubst, er habe weiter nichts zu tun gehabt, als mir in den zwei Minuten eine Liebeserklärung zu machen? Es ist wahrhaftig zu absurd, und du wirst alle Tage unausstehlicher.«

Don Pedro steckte den Revolver in die Tasche, drehte sich um, verließ das Zimmer und stieg langsam die Treppe hinab. Unten aber traf er die Susa, die eben im Begriff war, das Haus auszukehren, und sich ungemein eifrig dabei zeigte.

»Susa,« sagte er mit finster zusammengezogenen Brauen, mit der Rechten in der Tasche noch immer den Revolver haltend, während er die Linke auf ihre Schulter legte – »wer war der Mensch, der heute morgen in unser Haus flüchtete?«

»Pero Sennor,« sagte das Mädchen, ein braunes junges Ding, aber mit verschmitzten Augen, die sie jetzt freilich nicht zu dem Herrn aufschlug, sondern um so viel eifriger in ihrer Arbeit fortzufahren suchte, – »wie soll ich das wissen? Ich war selber erschrocken genug, und er sprang so rasch an mir vorüber, und der Gang war auch so dunkel – und sie wollten ihn fangen, den armen, jungen Menschen.«

»Und woher weißt du, Susa, daß es ein junger Mann war, wenn du in dem dunklen Gang nichts sehen konntest?«

Susa wurde blutrot und wußte nicht gleich, was sie antworten sollte; da nahm Don Pedro langsam die rechte Hand aus der Tasche, hielt ihr den Revolver gegen den Kopf und sagte mit hohler Stimme:

»Susa, bereite dich vor, vor deinen Gott zu treten – Du hast keine zwei Minuten mehr zu leben. Wer war der Fremde

Die Indianerin warf einen scheuen Blick nach der Bewegung des Armes hin, erkannte aber kaum die drohend auf sie gerichtete furchtbare Waffe, als sie mit einem Aufschrei vor ihrem Herrn in die Knie brach und mit vor Angst fast erstickter Stimme ausrief:

»Gnade, Gnade! Sennor, ich will ja alles bekennen, o, nur um Gottes willen, töten Sie mich nicht!«

»Sage mir dann – wer war der Fremde?« murmelte Don Pedro düster.

»Susa! Susa!« rief die Stimme der Herrin von oben nieder.

» Wer war der Fremde,« sagte Don Pedro, und seine Stimme klang geisterhaft – »ich zähle eins, zwei, drei. Wenn du nicht antwortest, bist du bei drei eine Leiche.«

»Susa – Susa! so komm doch!« rief es wieder.

» Eins« – zählte Don Pedro – »zwei –«

»Don Mauricio Lucido,« stöhnte das Mädchen.

»Ha!« rief Don Pedro – »er war schon öfter hier im Hause?«

»Ja –«

»Meine Frau kennt ihn?«

»Ja.«

»Susa – Susa – kommst du denn noch nicht, oder soll ich dir Beine machen?«

Don Pedro stand vernichtet – er hätte in dem Augenblick das Mädchen noch viel mehr fragen können, aber der Kopf wirbelte ihm, und wie er nur die Hand von ihrer Schulter nahm, floh das scheue Ding wie ein Reh von ihm fort, die Treppe hinauf. Don Pedro achtete aber nicht mehr auf sie – er betrachtete die Waffe in seiner Hand, aber der Revolver war in der Tat nicht geladen; so ihn wieder in der Tasche bergend, schritt er hinüber in den Laden. Don Julio hatte diesen eben geöffnet und war gerade beschäftigt, Seife zu schlagen und sich selber zu rasieren. So früh kamen selten Kunden und er behielt da genügende Zeit für sich – was im Hause vorging, kümmerte ihn außerdem nicht.

Don Pedro – sehr häufig etwas feierlich in seinem ganzen Wesen, schritt ruhig und ohne an einen Morgengruß zu denken, zu einem der Kundenstühle, die jeder vor einem Spiegel standen. Er wählte den, von dem aus er das Bild der Kaiserin am besten erkennen konnte, warf noch einen langen Blick darauf, seufzte tief und sagte dann, während er seinen Hals entblößte, mit vollkommen ruhiger Stimme:

»Don Julio, seien Sie so gut und schneiden Sie mir den Hals ab!«

Don Julio, auf die Worte gar nicht achtend und am linken Daumen noch das Messing-Seifennäpfchen, ging ruhig auf den Prinzipal oder Kompagnon (man wußte eigentlich nicht recht, was er war) zu – Don Pedro rührte sich nicht – und strich ihm mit dem Pinsel ins Gesicht. Der Hoffriseur aber, als er die Seife spürte, fuhr in aller Wut in die Höhe und schrie:

»Esel! um mir den Hals abzuschneiden, brauchen Sie mich doch nicht vorher einzuseifen.«

»Um Ihnen was –?« rief Don Julio im höchsten Erstaunen aus.

»Den Hals sollen Sie mir abschneiden,« wiederholte da Don Pedro mit der größten Ruhe, indem er seinen Platz wieder einnahm. »Sie können nachher das ganze Geschäft übernehmen und meine Frau heiraten.«

»Sind Sie verrückt geworden?« rief Don Julio, in der Tat mit einiger Berechtigung, aus. – »Was fällt Ihnen denn ein? – Was ist denn geschehen? Das war ja ein Heidenskandal heute morgen im Haus.«

Don Pedro antwortete nicht; er sah still und düster vor sich nieder, endlich stand er auf, wischte sich die Seife aus dem Gesicht – gewaschen hatte er sich noch nicht, und tat das auch nie morgens vor dem Frühstück – und sagte dann, indem er dem Barbier die Hand auf die Schulter legte:

»Julio – wissen Sie, was es ist, zu lieben – und verraten zu werden? Kennen Sie die Schlange, die ich an meinem Busen groß gezogen? – Sie heißt Cornelia. Ich gehe jetzt aus,« setzte er dann ruhiger hinzu – »wenn jemand nach mir fragen sollte; ich komme vor zehn Uhr nicht wieder nach Hause!« – Und damit setzte er seinen breitrandigen Hut auf und verließ den Laden.

*

Die Sonne neigte sich dem Horizont, und in der Calle Jesus stand, wie an jedem Abend, eine schlanke Frauengestalt in ihren Rebozo eingehüllt und schaute harrend bald die Straße hinab, bald hinauf – und hatte da viele, viele Abende so gestanden. Aber vergebens horchte sie den klappernden Hufen eines herbeitrabenden Pferdes. Wenn ja eins kam, so war es nie das rechte, und leise und verstohlen wischte sie dann die verräterische Träne von den Wimpern.

Und die Sonne sank – der Himmel färbte sich in ein dunkles Blau, dem dann rasch jene bleigrauen Tinten folgten. Die Sterne funkelten nieder, und die Nacht hatte ihr Reich begonnen.

»Er kommt wieder nicht,« flüsterte das Mädchen mit einem recht tief aus der Brust hervorgeholten Seufzer – »arme Mercedes – und das sollte die Woche vor der Hochzeit sein, auf die ich mich nun die langen Monde so gefreut – hab' ich denn so harte Strafe verdient, Santisima?«

Noch einmal horchte sie hinaus. – »Noch bis hundert will ich zählen, und wenn er dann nicht da ist, kommt er auch heute abend nicht mehr. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs,« – immer langsamer zählte sie, um den Zeitraum recht hinauszudehnen – er kam nicht – »hundert« – sie horchte wieder – »hunderteins – hundertzwei, hundertdrei« – Die Straße lag totenstill, und fest in ihre Mantille eingehüllt, schritt sie durch das Haus, über den Hof und in ihr dunkles Kämmerlein. – Aber die Nacht war so lang – schlafen konnte das arme Kind ja doch nicht, denn Angst und Ungewißheit peinigten sie, und sie zündete sich die Lampe an, um noch ein wenig ihre Kleider auszubessern, oder auch in einem Gebetbuche zu lesen, das ihr Geronimo einst mitgebracht.

Die Öllampe verbreitete einen matten, düsteren Schein in dem Gemach, und wenn sie den Kopf manchmal wandte, schauderte sie vor ihrem eigenen Schatten zusammen. So saß sie eine Stunde – saß sie zwei, und das Herz war ihr so voll, so schwer, daß sie manchmal sich aufrichten mußte, um nur wieder einmal frei und ordentlich Atem zu schöpfen.

Jetzt legte sie ihre Arbeit zusammen und wollte eben die Lampe auslöschen, als sie zusammenschrak, denn es schien ihr fast, als ob sie draußen die Haustür hätte öffnen hören – es war nichts – sie hatte sich getäuscht – und doch trat sie zum Fenster hin und lauschte hinaus. – Da war richtig ein Schritt auf dem Pflaster des Hofes – doch wie viele Parteien wohnten dort gerade – noch fünf Familien außer ihr – es war jedenfalls jemand, der zu einer von denen gehörte – wer sollte zu ihr kommen. Sie schloß den Laden wieder und wandte sich aufs neue ihrer Lampe zu, als sie bis in die innersten Fasern ihres Herzens zusammenzuckte, denn mit leisem Finger pochte es an ihre Tür – deutlich konnte sie den Laut vernehmen, und nicht zu atmen wagte sie jetzt, denn sie fürchtete die Wirklichkeit und – fürchtete auch wieder, daß es in nichts zerfließen könne.

Da noch einmal – jetzt hatte sie sich nicht getäuscht – das war ein Finger gewesen, der ihre Tür berührt – aber wenn Geronimo, weshalb hätte er so schüchtern angepocht, und wer anders hätte sie um diese Stunde der Nacht aufgesucht – aufsuchen dürfen?

Einen Moment stand sie unschlüssig – aber sie mußte Gewißheit haben, und nur mit ihrer rechten Hand an die Seite fühlend, ob noch das kleine, aber scharfe Messer in ihrem Gürtel stak, schritt sie entschlossen auf die Tür zu und schob den Riegel zurück.

»Wer ist da? Was sucht Ihr hier so spät?«

»Ich bin es – Rodolfo, Sennorita,« flüsterte die Stimme zurück. »Seid ruhig – ich habe Euch eine Kunde zu bringen.«

»Eine Kunde von ihm, von Geronimo?«

»Bst – nennt den Namen nicht so laut,« sagte der Sambo, als er jetzt in die Tür trat, an der sie ihm Raum gab – »kann ich Euch auf wenige Minuten sprechen – meine Zeit ist gemessen.«

»Tretet ein,« sagte Mercedes, aber sie selber hörte kaum, daß die Worte über ihre Lippen glitten; der scheue Blick, den der Sambo zurück in den Hof warf, kündete Unheil.

Rodolfo schien sich auch wirklich nicht ganz behaglich zu befinden, denn wie er nur den Raum betreten hatte, drückte er die Tür wieder zu und schob den Riegel vor, und fast unwillkürlich zuckte des Mädchens Hand nach der Waffe – aber sie hatte von dem Burschen nichts zu fürchten, denn wie er sich nun sicher im Zimmer fand, warf er sich auch auf den einen Stuhl und sagte dann wild und verbissen:

»Weiß der Teufel, was heute da draußen los ist, aber alle Straßen wimmeln von Soldaten, und wohin mail tritt, begegnet man Patrouillen, denen man kaum wieder aus dem Wege schlüpft!«

»Woher kommt Ihr – weshalb sucht Ihr mich noch in der Nacht auf – wo ist Geronimo? Wißt Ihr von ihm?«

Der Sambo schwieg, er sah scheu und still vor sich nieder.

»Redet, Mann!« bat aber das Mädchen – »wenn Ihr wüßtet, was ich die letzten Tage ausgestanden, wo dunkle Gerüchte die Stadt durchliefen!«

»Gerüchte? – von was?« fragte lauernd der Sambo, und es war augenscheinlich, daß er selber sich fürchtete, mit der Sprache herauszukommen.

»Gerüchte,« sagte das Mädchen flüsternd – »die mich mit meiner dunklen und furchtbaren Ahnung gepeinigt haben, Gerüchte von einem versuchten Überfall auf die Post, von – einem erschossenen Offizier – von –«

»Von –?« sagte lauernd der Sambo.

»Von – gerichteten Verbrechern, die ihre Strafe erlitten – Ihr schweigt? Wißt Ihr die Wahrheit? Mensch, spannt mich nicht länger auf die Folter – wo – um der barmherzigen Mutter Gottes willen – ist Geronimo?!«

Der Sambo schwieg noch immer – es war, als ob die Worte nicht über seine Lippen wollten, endlich aber – was half es, das Geheimnis länger zu bewahren, denn erfahren mußte sie es doch, und deshalb war er ja eigentlich hierhergekommen, sagte er mit leiser Stimme:

»Er war dabei.«

»Wer? Geronimo!« kreischte Mercedes auf.

»Bst – um Gottes willen seid ruhig, oder Ihr selber wäret nicht vor dem französischen Lumpengesindel sicher – ja – Geronimo.«

»Und tot?«

»Tot,« wiederholte eintönig der Sambo. »Ich kam zu spät, sie zu warnen,« fuhr er dann scheu fort – »die Kanaillen hatten sich in den Hinterhalt gelegt, und als ich vorüber wollte, hielten sie mir ihre Gewehre vor und zwangen mich, bei ihnen als ihr Gefangener zu bleiben. Woher sie Wind bekommen haben mußten, weiß der Teufel – ich begreife es nicht, aber Geronimo hatte mich bestellt, und ein anderer, ein junger Caballero, sollte noch zu uns stoßen, denn wir waren diesmal schwach an Mannschaft.«

»Wie ist sein Name?« hauchte Mercedes, die mit halbgeöffneten Lippen und stieren Blicken den Worten gelauscht.

»Was kümmert Euch der Name,« brummte der Sambo – »aber er konnte nicht kommen, aus irgendwelchem Grunde hatten sie ihn an dem nämlichen Abend verhaftet, und heute morgen ist er, soviel ich weiß, erschossen. Der ganze Kram ist verraten gewesen – durch wen, kann ich selber nicht ergründen, und selbst meinen Namen wissen sie, denn als ich heute nachmittag in mein Quartier kam, waren sie dort gewesen und hatten nach mir gefragt. Da wird's Zeit, daß ich dem Platz hier Adios sage!«

Mercedes hörte nicht, was er sprach – die Worte klangen ihr nur wie dumpfes Meeresbrausen vor den Ohren. – Tot – der eine Gedanke umfaßte alles – tot. So stand sie, die Hand auf den Tisch gestützt, auf dem die Lampe brannte, minutenlang vor dem Mann, und der Sambo selber wagte nicht, das peinliche Schweigen zu brechen, bis endlich eine neue Frage von ihren Lippen glitt – »und seine Leiche?«

»Hm!« – brummte der Sambo verlegen, »die Franzosen, – Hunde, die es sind – wissen ja nicht, wie sie einen Christenmenschen behandeln müssen – sie hingen die Leichen an den Bäumen auf.«

» San-ti-si-ma,« stöhnte Mercedes. Aber es war zu viel für die Unglückliche gewesen, und ohnmächtig brach sie, wo sie stand, zusammen. Rodolfo sprang wohl zu, aber er kam zu spät, um sie aufzufangen.

Er war ein gewöhnlicher gemeiner Bandit, wie Tausende seiner Landsleute, und würde sich nicht das geringste Gewissen daraus gemacht haben, einen Fremden um einer Unze Goldes willen aus dem Hinterhalt niederzuschießen und zu berauben, und doch trieb ihn jetzt ein Zug von Mitleiden, der Unglücklichen beizustehen. Mit einer Zartheit, die man einem solchen Menschen kaum hätte zutrauen sollen, hob er sie in die Höhe und legte sie auf ihr Bett, dann nahm er den Wasserkrug, tränkte ein Tuch mit der klaren Flut und kühlte ihr die Schläfe, bis sie wieder zu sich kam. – Aber Mercedes erholte sich rasch – der Schlag war plötzlich gekommen und hatte sie niedergeworfen, aber ihr starker Geist raffte sich empor, und scheu vor der Berührung des Sambo zurückbebend, sagte sie:

»Ich danke Euch – es ist besser jetzt – mir wurde es plötzlich so schwarz vor den Augen – aber – was war doch gleich geschehen – ach mein Gott!« rief sie, als sie mit der Erinnerung an das Gehörte von ihrem Lager emporfuhr – »ich weiß, was Ihr mir sagtet – und die Leichen?«

»Den ersten Tag,« sagte der Sambo scheu – »getrauten wir uns nicht hinan, denn wir mochten gerade nicht bei der Arbeit erwischt werden, aber in der nächsten Nacht gewann ich eine Anzahl Indianer, mir zu helfen, und da – haben wir ihnen wenigstens ein »ehrliches« Begräbnis gegeben und ein Holzkreuz zu ihren Köpfen aufgestellt.«

»Wo war es?«

»An den Penuelos.«

»Weit unten?«

»Nein, gleich unterhalb da, wo der Weg die Biegung macht. Man kann das Kreuz vom Weg aus sehen, und die frisch aufgeworfene Erde zeigt ja deutlich genug das Grab.«

»Und was trieb Euch zu mir

»Euch Kunde zu geben von Geronimos Tod – denn erfahren mußtet Ihr es ja doch!«

Mercedes stand, das Antlitz in den Händen bergend – Tränen hatte sie nicht, ihr Schmerz war zu furchtbar und vernichtend. – Da wieder pochte ein scheuer Finger an den Laden, und Rodolfo selber fuhr erschreckt empor – was war das?

»Mercedes!« flüsterte von außen eine leise Stimme, »du hast noch Licht, Mädchen – um der heiligen Jungfrau willen, öffne deine Tür.«

»Wer ist das?« flüsterte Rodolfo und sah das Mädchen scheu an, aber Mercedes schüttelte den Kopf.

»Wer wird es sein? – ein Unglücklicher, der um der heiligen Jungfrau willen bittet – laß ihn ein.«

»Aber zu dieser Stunde der Nacht?«

»Und bist du nicht zu derselben Zeit gekommen?« – Sie schritt zur Tür und schob den Riegel zurück, aber einen leisen Schrei, einen Ruf von Schreck, Zorn und Staunen stieß sie aus, als sie Mauricio Lucido erkannte, der totenbleich, kaum noch imstande, sich auf den Füßen zu halten, hereintaumelte und in die Knie zu sinken drohte.

»Ich kann nicht mehr,« stöhnte er dabei – »die Verfolger haben mich den ganzen Tag gehetzt, und eben nur wieder entging ich mit genauer Not ihren Reitern – gönne mir ein Obdach, Mercedes – gönne mir Schutz, oder ich bin verloren.«

Das Mädchen hatte sich bei dem Anblick des jungen Verbrechers hoch aufgerichtet, ihr Auge blitzte, ihre ganze Gestalt hob sich, aber mit einem plötzlichen Griff ihrer Hand das verborgene Messer aus seiner Scheide reißend, rief sie aus:

»Wenn mich je in meinem Leben gelüstet hat, den Stahl in eines Menschen Brust zu stoßen, so ist es die deine, Bube. Geronimo war arm, mühselig mußte er sein Leben fristen und der Mammon verblendete ihn – er wurde schlecht. Du aber, in Glanz und Reichtum erzogen, mit allem umgeben, was dein Herz begehren oder erhoffen konnte – du mußtest auch noch den Unglücklichen verführen, dir zu helfen, um Mittel zu schaffen, deinen Lastern zu frönen. Fort! hinaus mit dir, Bube, oder mein Geschrei soll die Nachbarn herbeirufen, daß sie dich den Gerichten übergeben – Geronimo gehangen und du frei – fort, oder beim ewigen und rächenden Gott – ich selber vergreife mich an dir!«

»Mercedes!« bat Mauricio erschreckt.

»Hinaus!« schrie aber das Mädchen ganz außer sich, und der gellende Ton ihrer Stimme hallte so über den Hof, daß die Nachbarn in der Tat schon aufmerksam wurden und eine Tür sich öffnete. Dann aber fürchtete Rodolfo für seine eigene Sicherheit, und Mauricios Handgelenk ergreifend, flüsterte er ihm zu:

»Kommt – ich führe Euch – ich weiß einen sicheren Platz.«

»Ich kann nicht weiter,« stöhnte der junge Verbrecher – »laß sie mir das Messer ins Herz stoßen – was liegt daran – meine Kräfte sind erschöpft und die Straße draußen lebt von Soldaten.«

»Nur wenige Schritte noch –« drängte Rodolfo – »wir brauchen nicht auf die Straße – kommt!«

»Hinaus mit dir, Bube!« schrie da wieder das junge, jetzt zu rasender Wut entflammte Weib – »hinaus sag' ich!«

Rodolfo antwortete nicht mehr. Seinen rechten Arm um Mauricios Leib schlingend, hob er ihn fast mehr als er ihn zog, auf den Hof, über diesen hin und in den dunklen Gang – dort aber tappte er nach der Treppe, und langsam und mühsam führte er ihn hinan und höher und höher hinauf.

Mercedes warf, wie nur die Männer den engen Raum verlassen hatten, die Tür ins Schloß und schob den Riegel wieder vor – dann aber fühlte sie auch, wie ihre Kräfte von ihr wichen – sie taumelte aufs Bett, und jetzt erst, jetzt, wo sie sich allein mit ihrem Schmerz und Elend wußte, jetzt erst war das ganze Gefühl ihres Verlassenseins zu voller, furchtbarer Klarheit in ihr erwacht – jetzt fand sie Tränen, und ihr Antlitz in den Kissen bergend, schluchzte sie laut.

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