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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 26
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
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Schluß.

Glückliche Menschen waren es, die an dem Abend um Rodriguez' Tisch versammelt blieben, denn San Blas, wenn er auch halb im Ernst, halb im Scherz meinte, seine Tochter hätte ihn so rasch nicht beim Wort zu nehmen brauchen, mochte doch auch fühlen, daß er durch sein Jawort das Glück des einzigen Kindes begründet, und da er selber gesonnen war, Mexiko zu verlassen, blieb es sich dann ziemlich gleich, ob er nach Spanien oder Belgien zog.

Nicht so friedlich und im Herzen froh und glücklich verbrachte eine andere Familie, in der Verlängerung der nämlichen Straße Die Straßen von Mexiko wechseln ihre Namen von einer Ecke zur anderen und erhalten dadurch – während sie schnurgrade die ganze Stadt durchziehen, oft 12-14 verschiedene Benennungen., diesen Abend, und zwar Don Pedro Gaspard, der frühere Hoffriseur. Erstens hatte er heute – um Unannehmlichkeiten zu vermeiden – sein Schild abnehmen müssen, damit er seinen Titel entfernen konnte, dann wieder einmal einen heftigen Auftritt mit seiner wohl sehr schönen, aber auch sehr reizbaren jungen Frau gehabt, und drittens – noch das schlimmste von allem – eine sehr unangenehme Nachricht erhalten.

Die bedeutende Warensendung nämlich, die er schon vor längerer Zeit von Europa verschrieben, war allerdings von dort gleich abgegangen und in Vera-Cruz angekommen. Die Verhältnisse hatten sich aber indessen schon so geändert, daß man die Güter, auf denen eine bedeutende Steuer lastete, nicht mehr zollfrei unter dem Namen der in Europa kranken Kaiserin abgeben wollte. Don Pedro sollte die Steuer bezahlen, weigerte sich und wandte sich deshalb an das kaiserliche Kabinett. Von dort erhielt er aber die Antwort, daß die Regierung keineswegs beabsichtige, eine Parfümeriehandlung anzulegen, also auch von sieben großen Kisten mit Pomaden, Haarölen und sonstigen Parfümerien keinen Gebrauch zu machen wisse.

Don Pedro nun, selber knapp an Geld, ließ die Waren monatelang in Vera-Cruz liegen, denn die Steuer betrug mehr als der Wert derselben, bis er endlich von dort Nachricht bekam, daß man die Güter verauktionieren würde, wenn er sich nicht bald darüber entscheide. – Was sollte er tun? – Die Sachen kosteten ihn wenigstens nichts, da sie auf den Namen der Kaiserin bestellt waren; er gab Auftrag, sie in Vera-Cruz für ihn zu verzollen, erhielt aber dabei zugleich die Rechnung für die Seefracht, und hatte jetzt auch noch die enormen Transportkosten von Vera-Cruz nach Mexiko, die ihm jetzt ebenfalls nicht geschenkt wurden, und alles das trug früher die kaiserliche Kasse.

Ein Unglück kommt aber nie allein. Wie er schon glaubte, daß nun alles in Ordnung wäre, erhielt er an dem nämlichen Abend die Nachricht, die Kisten wären allerdings in Mexiko angekommen, eine derselben aber auf dem Transport unterwegs durch Umschlagen der Fuhre geborsten und etwa um ihren halben Inhalt geplündert worden, und dann – da die Franzosen früher Beschlag auf die Douane in Vera-Cruz gelegt, müsse er auch hier die sämtlichen Waren noch einmal verzollen. Morgen früh um elf Uhr solle er nur auf die Steuer kommen, um dort alles in Augenschein zu nehmen und zu regulieren.

Don Pedro geriet in Verzweiflung: die Kaiserin war nach Europa gegangen und dort sterbenskrank oder gar wahnsinnig geworden – denn in Mexiko erhielt man bessere Nachrichten als oben in Queretaro – den Kaiser hatten sie ermordet – die ganze Monarchie wieder über den Haufen gestürzt und den früheren Hofstaat natürlich gründlich mit ausgefegt – was sollte da aus dem Hoffriseur werden! In Schulden stak er außerdem bis über die Ohren.

Don Julio lehnte in der Ecke und schliff, aus Mangel an anderer Beschäftigung, seine Messer. – Oben auf dem einen Balkon des Hauses stand die junge Sennora Gaspard, und die Straße herunter kam ein Sambo, sehr anständig gekleidet und mit einer großen, roten Rose vorn im Knopfloch, und warf den Blick hinauf. Die Sennora nahm ihr Weißes Taschentuch und ließ es einen Moment herunterhängen, dann trat sie in die Stube zurück, und der Sambo, ohne sich weiter umzusehen, ging unten in den Laden, wo er Don Pedro just mit dem nur mit seiner Arbeit beschäftigten Don Julio eifrig gestikulierend fand.

Etwa vierzig Schritte hinter ihm kam ein junger Caballero die Straße herab – er schritt an dem offenen Laden vorüber, sah hinein, verfolgte seinen Weg noch etwa zwanzig Schritte, drehte wieder um, passierte den Laden zum zweitenmal mit abgewandtem Kopf, und schlüpfte dann rasch in die Haustür hinein, an der gerade der Riegel zurückgeschoben wurde.

»Rasieren, Sennor?« fragte Don Julio im Laden und betrachtete sich den Burschen, der ihm so merkwürdig bekannt vorkam, wenn er sich auch nicht gleich erinnern konnte, wo er ihn wohl gesehen haben mochte.

»Ja, Compannero,« nickte der Sambo, indem er nach seinem Bart griff – »aber paciencia – nur einen Moment – ich möchte erst gern etwas Geschäftliches abmachen. Sennor,« wandte er sich dann an Don Pedro – »haben Sie Warenvorrat genug, um mir einen kleinen Laden für das Innere herzurichten? – Aber ich brauche ziemlich viel, und Sie müßten mir vernünftige Preise stellen.«

»Sennor,« rief Don Pedro, denn da öffnete sich eine ungeahnte Einnahmequelle, »werden sowohl mit meinen Waren wie Preisen zufrieden sein. Aber was wünschen Sie? – Ich habe eben frische Kisten bekommen, die noch auf der Steuer liegen, die ich aber morgen früh schon freimachen kann. Ich bin imstande, Ihnen damit sechs Läden einzurichten.«

»Das paßt vortrefflich,« nickte der Sambo, indem er eine Goldunze auf den Tisch warf. »Dann bitte ich Sie, mir heute nur einige Proben einzupacken und die Engrospreise dabei zu bemerken. – Ich wohne in Oajaca und beabsichtige mit meinem Kompagnon dort den Laden zu eröffnen. Können wir vielleicht einmal daran gehen, um die Proben auszusuchen? – O bitte, Sennor,« wandte er sich jetzt an Don Julio, der eben den Laden verlassen wollte, »vielleicht rasieren Sie mich, während Don Pedro die Sachen zusammenstellt – wie?«

»Gewiß – warum nicht,« erwiderte der Barbier, indem er fast mechanisch nach seinem Handwerkszeug griff, – bitte, setzen Sie sich.«

»Aber nicht wahr, Don Pedro, Sie stellen mir die Sachen gleich zusammen. Ich habe nicht lange Zeit.«

»Ich bin schon dabei, Sennor,« erwiderte der Hoffriseur, und begann jetzt seine verschiedenen Gefache durchzustöbern und die einzelnen Stücke auf den Ladentisch zu stellen, die sich der Sambo, während Don Julio seinen Bart operierte, von Zeit zu Zeit herüberreichen ließ.

Kaum zehn Minuten hatten indes für den geheimnisvollen Besuch genügt, der hinter Don Pedros Rücken dessen Haus betreten. Es war Mauricio Lucido, der jetzt die Treppe wieder herunter und aus der Tür glitt, und dann, ohne den Laden nochmals zu passieren, die Straße hinaufschritt.

Der Sambo war indessen rasiert, hatte sich seine Einkäufe zusammenpacken lassen und folgte nun der Richtung, die Mauricio vor ihm genommen. –

Die Nacht verging ruhig, und einzelne Patrouillen durchzogen wohl die Straßen, mehr aber aus alter Gewohnheit und der Ordnung wegen, als daß man irgendeine Störung der öffentlichen Ruhe befürchtet hätte. Sollte doch am nächsten Tage schon der Präsident Juarez wieder in seine Hauptstadt einziehen, und keine der ihm feindlich gesinnten Parteien hatte die geringste Macht mehr in Händen, um selbst nur eine Gegendemonstration, viel weniger denn etwas wirklich Feindliches zu wagen.

Das Kaiserreich war gestürzt, Juarez bis zur nächsten Wahl unbestreitbar Präsident, und weder Klerikale noch Konservative dachten auch nur für einen Moment daran, sich dem durch Wort oder Tat zu widersetzen.

Der nächste Morgen dämmerte – den Kanal herein, der die Indianer aus den zahlreichen kleinen Dörfern an den Seen herüberbrachte, kamen ihre schmalen frucht- und blumenbeladenen Boote angeschwommen und sammelten sich an dem dafür bestimmten Markt, während die Wasserträger – jene eigentümliche Klasse von Menschen, die selbst ohne Last mit vorgebeugtem Körper gehen und sich auch durch ihre Kleidung, wie besonders durch ihre runde Mütze von allen übrigen Mexikanern unterscheiden, schon lange an der Wasserleitung unten ihre irdenen Gefäße gefüllt haben und jetzt mit langsamem, aber festem Gang, eine mächtige Steinkruke mit einem Tragband über den Kopf auf dem Rücken liegend, eine andere um das Gleichgewicht herzustellen, vorn hängend, ihre verschiedenen Kunden aufsuchen und mit Wasser versorgen.

Da donnern die Hufe eines Pferdes in gestreckter Karriere durch die noch immer stillen Straßen, und die darauf verkehrenden Indianer weichen scheu zur Seite, als sie einen der wilden Lanzenreiter, die ihnen Escobedo aus den Bergen heruntergesandt, in ihm erkennen. Er fliegt über die Plaza und der dortigen Hauptwache zu.

In derselben Zeit fast gleitet eine scheue Menschengestalt, in eine zerlumpte Serape gehüllt, daß sie das Gesicht verdeckt und nur ein Paar wild umherfliegende Augen sichtbar läßt, barfuß wie ein Lepero und den Kopf mit einem zerdrückten Filzhut bedeckt, die Calle San Francisco schräg hinauf.

Rodriguez Haus ist schon geöffnet, denn eben lenkt ein Maultiertreiber sein Tier dort hinein, und zwar mit einem wunderlichen Fuhrwerk – eine Kuhhaut hinten nachschleifend, mit der er im inneren Hof verschwand. Auf solche Weise werden nämlich gefallene Tiere aus den Häusern fort und hinaus vor die Garrita oder das Tor geschafft, und gerade die Leute, die sich mit dieser Arbeit beschäftigten, wurden jetzt von allen Seiten in Anspruch genommen. Eine Menge von Tieren, Pferde sowohl wie Hunde und Esel, waren während der Belagerung von eingeschlagenen Kugeln verwundet, viele auch in der Straße getötet worden, ja sogar hier und da wegen Futtermangel vor Ermattung zusammengebrochen und verhungert, und diese mußten alle jetzt fortgeschafft werden, damit sie die Luft nicht verpesteten.

Rodriguez selber hielt sich einen Esel, mit dem einer seiner Leute jeden Morgen nach der Wasserleitung ging, um den ziemlich bedeutenden Wasserbedarf für sein Haus herbeizuschaffen. Der arme Esel war nun, gerade am letzten Tag der Belagerung, nachdem er den Weg so oft ungefährdet zurückgelegt, von einer Kugel in die Hüfte verwundet worden und trotz aller Pflege gestern eingegangen. Natürlich mußte er aus dem Hause geschafft werden, und die Kuhhaut wurde zu dem Zweck bestellt. Aber hinter ihr glitt der Lepero, oder wer er sonst war, den Filzhut tief in die Augen gedrückt, in das Haus, und auf einen der Leute zueilend, flüsterte er diesem hastig zu:

»Wo ist Sennor Rodriguez?«

»Jesus!« rief der Bursche erschreckt aus – »Sennor O'Horan!«

»Ruhig, muchacho, ruhig,« drängte aber der Flüchtige, indem er dem Indianer einen Peso in die Hand drückte – »ich werde von den Liberalen verfolgt – du bekommst mehr, wenn du mich nicht verrätst. – Wo ist dein Herr?«

»Er kommt eben die Treppe herunter, um auszureiten,« flüsterte der Bursche, »da steht schon sein Pferd gesattelt.«

O'Horan warf einen Blick auf das Pferd, aber in diesem Aufzug auf dem silberbedeckten Sattel wäre er, mit den Verfolgern ohnedies auf den Fersen, wohl sicher in den Straßen aufgefallen – und doch schien es seine einzige Rettung. Er warf die Serape über die rechte Schulter hinauf und sprang zum Pferd, um den Zügel aus dem Ring zu lösen – da klapperte eine Patrouille die Straße herab und hielt vor dem Haus, und als er erschreckt hinüber horchte, hörte er, wie Gewehrkolben vor dem Torweg aufgestoßen wurden – zu spät. – Selbst die Treppe konnte er jetzt nicht mehr erreichen, ohne, vor der offenen Hausflur vorüber, den Augen der Verfolger preisgegeben zu werden, und in Todesangst glitt er in den Stall hinein, in welchem der Indianer gerade den gefallenen Esel bei den Beinen vorziehen wollte, um ihn auf die Kuhhaut zu werfen. Dort wurde ein solches gefallenes Tier dann mit einer zweiten bedeckt, damit das Aas, während man es durch die Stadt schleifte, den Vorübergehenden keinen eklen Anblick bot.

In demselben Moment, in dem Sennor Rodriguez, ohne eine Ahnung, was in seinem Hause vorging, die Treppe langsam herunterkam und, seine Reitpeitsche unter dem linken Arm, sich noch die Handschuhe anzog – marschierte die Patrouille in das Haus herein, und Rodriguez blieb erstaunt auf der unteren Stufe stehen.

»Caballeros,« sagte er überrascht, »welcher Ursache verdanke ich die Ehre Ihres gemeinschaftlichen Besuches?«

»Sennor,« sagte der Offizier, der die Patrouille führte, indem er militärisch grüßte, »wir sind einem Verräter auf der Spur, der sich vor wenigen Minuten in dieses Haus geflüchtet hat.«

»In dieses Haus?«

»Ja – die Leute auf der Straße haben ihn bemerkt.«

»Kenne ich ihn?«

»Der Präfekt O'Horan.«

»O'Horan? Caramba!« rief Rodriguez wirklich erschreckt – »aber Sennores, ich komme eben von oben, und gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich niemanden gesehen habe – das ist ein Irrtum.«

»Es ist möglich, Sennor,« erwiderte der Offizier, »aber er kann sich noch hier unten befinden. Übrigens stehen vor den Nachbarhäusern und auf deren Azoteas jetzt ebenfalls Wachen, so daß er uns nicht mehr entgehen kann. Meine Pflicht aber ist, Ihre Wohnung zu durchsuchen – ich bedaure sehr, jedoch Sie wissen –«

»Tun Sie Ihre Schuldigkeit, Sennor. – Mateo, spring hinauf zu den Damen und sag ihnen, daß sie sich augenblicklich ankleiden – sie bekämen Besuch –«

Mateo sprang, was er laufen konnte, denn er hatte nicht einmal eine Tasche, wo er den eben erhaltenen Peso hineinstecken konnte, und fürchtete sich, ausgefragt zu werden. – Aber er wußte ja auch, daß gerade der Präfekt ein Freund des Hauses sei, und durfte den doch nicht verraten.

Im Hof wurden jetzt Wachen postiert, um dort die Untersuchung der unteren Räume vorzunehmen, während der Offizier selber die Visitation der oberen leiten wollte. Nur zwei Mann wurden vorausgesandt, um die Tür nach der Azotea oder dem flachen Dach zu besetzen.

Vor dem Stall stand noch immer das Maultier, neben der halbangelehnten Tür. Diese wurde jetzt aufgestoßen, und der Junge, der die Leitung der Aasfuhre hatte, nahm sein Maultier am Zügel, um es aus dem Hof zu lenken.

» Cuidado Caballeros!« rief er dabei, da ihm die Soldaten im Weg standen, und diese wichen lachend zur Seite. Sie kannten derartige Frachten gut genug; gewöhnlich fingen die toten Geschöpfe, die man solcherart aus dem Weg schaffte, auch schon an zu riechen, und ihre Nachbarschaft war deshalb nicht angenehm. Ja, die Felle selber, die zu solchen Transporten so lange benutzt wurden, als sie noch zusammenhielten, stanken ebenfalls und sahen außerdem höchst unappetitlich aus.

Der Bursche trieb sein Maultier schärfer an, die Last holperte über die hohe Stallschwelle herunter auf das Pflaster des Hofes, durch diesen hin und den Haupteingang, und hinaus auf die Straße. Dort angekommen, sprang aber der Bursche noch außerdem selber auf sein Tier und schlug es dann mit beiden Hacken, um so viel rascher aus der Garrita hinauszukommen.

Unten bei den Soldaten blieb noch ein Leutnant, ein junges Offizierchen von kaum mehr vielleicht als höchstens 17 Jahren, ebenso ein Posten von vier Mann auf dem Hof aufgestellt, und die übrigen wurden nun in Küche, Vorratskammer und die anderen unteren Räume herumgeschickt, um dort überall genau zu revidieren. – Der Stall stand jetzt offen und war vollkommen leer, denn Rodriguez' Pferd befand sich noch draußen im Hof angebunden.

Der junge Leutnant warf selber einen Blick in den Stall hinein, aber dort hätte sich niemand verstecken können. Nur ganz hinten in der einen Ecke lag ein kleiner Haufen zusammengekehrter Mist mit etwas Stroh. Er trat hinein, sah sich darin um und kam nach wenigen Minuten wieder heraus.

Auf dem Hof stand ein kleiner, brauner Junge von fünf bis sechs Jahren, in einem kurzen Hemdchen, das fast die Farbe seiner Haut hatte, und betrachtete sich halb scheu, halb neugierig die Soldaten, die über sein verdutztes Gesicht lachten.

» Buenos dias muchachito,« sagte der junge Offizier, der wieder aus dem Stall kam, zu dem Kleinen und bog sich zu ihm nieder. – »Wie geht es dir, mein Jüngelchen?«

»Gut,« sagte der Junge, sich verlegen mit seinem Hemdärmel die Nase wischend.

»Sage mir einmal, mein Junge, wieviel Esel sind euch denn krepiert?«

»Esel,« erwiderte der Junge, ihn anstarrend – »nur einer – wir haben doch nur den einen, den Burrito, und den haben sie totgeschossen.«

»Ah, hm!« nickte ihm der Offizier zu und sprang dann nach der Haustür, wo noch eine Kavalleriepatrouille von acht Mann hielt. »Rasch, muchachos,« rief er dieser zu – »vier von euch, so schnell euch eure Pferde tragen, hinter dem Lepero her, der eben mit dem toten Esel dieses Haus verließ. Wohin zu hat er sich gewandt?«

»Dort hinunter, Sennor – wahrscheinlich nach der Garrita de Peralvillo zu. Was sollen wir mit ihm? Bringen wir ihn zurück?«

»Das ist nicht nötig. – Seht nur nach, was er unter der Haut hinten herschleift. – Ist es der Entflohene, so kommt einer hierher, um augenblickliche Meldung zu machen, und die anderen schaffen ihn gleich auf die Hauptwache.«

»Caracho!« rief der eine Soldat – »so ein Halunke« – und wie ein Wetter sausten die Burschen ihrer Beute nach. –

*

In dem kleinen Laden des Don Pedro Gaspard ging der Besitzer desselben mit raschen und ungeduldigen Schritten auf und ab, und jedesmal, wenn er zurück in die halbe Glastür kam, sah er nach seiner Uhr und murmelte dann leise, zornige Flüche zwischen den Zähnen durch. Endlich – endlich öffnete sich diese, und herein, mit wie immer hastigem und geschäftigem Schritt, ein Lächeln auf den Lippen, trat Don Julio, der Barbier.

»Aber jetzt bitte ich Sie um alles in der Welt, Don Julio,« rief Don Pedro, sich mit der ganzen ausgespreizten linken Hand durch die Locken fahrend, »Sie wissen doch, daß ich um elf Uhr auf die Steuer muß, und es fehlen kaum noch zehn Minuten daran. Wo haben Sie denn nur gesteckt?«

»Don Pedro!« rief Julio, sich in etwas theatralischer Stellung vor ihm postierend. Don Julio hatte früher wirklich einmal auf der Bühne gemimt. »Der heutige Morgen war tausend Pesos wert. Wissen Sie, was ich gesehen habe?«

»Einen Esel in jedem Spiegel, an dem Sie vorbeigingen,« knurrte der Hoffriseur – »habe ich Sie ausgeschickt, um Maulaffen feilzuhalten?«

»Die Exekution O'Horans, des Präfekten,« rief aber Don Julio mit Pathos – »eben hatten sie ihn erwischt.«

» Das geschieht ihm recht!« rief Don Pedro, durch die Nachricht etwas milder gestimmt – »Präfekt, ein schöner Präfekt – der selber mit in die Häuser geht und stehlen hilft.«

»Das war der Hungersnot wegen,« sagte Don Julio.

»So?« rief Don Pedro, »meine Pomade und Seife haben sie dann wohl gegessen, wie? Aber wo ist er erwischt worden?«

»Dicht vor der Garrita del Peralvillo,« erzählte Don Julio, jetzt ganz in seinem Element. »Ich kam gerade die Straße herab, wo mir einer von den ekelhaften Kerlen begegnete, die das Aas aus der Stadt auf einer alten Kuhhaut hinausfahren. Ich wich ihm auch schon sorgfältig aus, als ich plötzlich vier Cazadores de Galeanos die Straße heraufsprengen sah und sehr erstaunt war, daß sie neben dem schmierigen Lepero anhielten; der Bursche schien auch keine besondere Lust zu haben, sich mit ihnen einzulassen, denn er peitschte nur schärfer auf sein Maultier ein, aber die Soldaten machten verwünscht wenig Umstände. Einer sprang vor und nahm den Zügel des Tieres, das jetzt wohl stehen bleiben mußte, ein anderer riß die alte Kuhhaut herunter, die sonst immer auf dem Kadaver liegt, und Caramba! darunter steckt der Präfekt, und Santisima! wie sah der Bursche aus! Im Nu hatten sie ihm aber die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, und jetzt ging's auf die Hauptwache.«

»Und Sie natürlich mit?«

»Nun, versteht sich! Gehört denn das nicht mit zu meinem Beruf? Ich muß ja doch wissen, was in der Stadt vorgeht und so was kriegt man natürlich im Leben nicht wieder zu sehen.«

»Nun? Und weiter?« rief Don Pedro, der selber neugierig wurde.

»Na, Sie können sich etwa denken, was der Schuft O'Horan für ein Gesicht machte; kreideweiß sah er aus, und dann erklärte er in seiner Todesangst selbst den indianischen Soldaten, die sich den Henker darum scherten, auf welcher Partei er gestanden, daß er immer ein guter Liberaler und während der Belagerung wie oft bei ihnen draußen gewesen wäre, um ihnen anzuzeigen, wann ihnen Gefahr drohte.«

»Die Kanaille!« rief Don Pedro.

»Ja, und indessen hatten sich doch eine Menge Leute gesammelt, und auch Caballeros zu Fuß und zu Pferd dazwischen, und wie die das hörten, fingen die auf den Schuft zu schimpfen an, und die Soldaten hatten Mühe genug, sich freie Bahn zu halten. Aber wie das Wetter banden sie ihn zwischen die Pferde, und der muchacho mit dem Maultier, der ihm forthelfen gewollt, huschte indessen um die nächste Ecke und machte, daß er aus dem Weg kam.«

»Nun? Und was wird jetzt mit ihm?«

»Mit dem Jungen? – Fort ist er. Den finden sie nicht wieder.«

»Esel! Ich frage mit dem Präfekten?«

»Mit dem? Was soll da weiter werden? Kaum hatten wir ihn auf die Plaza gebracht – und das Verhör konnte kaum zehn Minuten gedauert haben, denn ich überlegte mir gerade noch, ob ich die Sache abwarten oder nach Hause gehen sollte, da kamen sie schon wieder mit ihm heraus; ein Karren, der gerade vorbeifuhr, wurde angerufen und der Gefangene darauf geworfen, und fort ging's in Karriere über das Pflaster, daß ich kaum nachkommen konnte und der Gebundene wie ein Klumpen Elend auf dem Karren in die Höhe flog – blau und braun muß er gewesen sein, als er draußen ankam, aber lange Umstände machten sie nicht mit ihm. Er hatte, wie sie sagten, den armen Menschen, die er in Tlalpam aufhängen ließ, auch keine Zeit gelassen, ihre Sünden zu beichten, weil er recht gut wußte, daß sie dann erzählen würden, wie er selber ebensogut zu ihnen gehört, und da sollte er ebensowenig Zeit zum Beichten bekommen. Gleich vor der Garrita draußen machten sie Halt, warfen ihn vom Wagen herunter, ließen ihn draußen, mit dem Gesicht nach dem See zu, niederknien und schossen ihn von hinten, wie einen Verräter, der er war, tot.«

»Hol ihn der Teufel!« sagte Don Pedro an Stelle der Grabrede, »aber jetzt muß ich fort, Don Julio, um meine Sachen von der Steuer zu holen, und wenn der Sambo indessen kommen sollte – wie heißt er gleich?«

»Ja, ich weiß seinen Namen gar nicht,« sagte Don Julio.

»Na, das ist einerlei, dann sagen Sie ihm, daß er eine halbe Stunde wartet – ich bin gleich wieder da.«

Damit ging er hinauf, um seinen Hut zu holen, und fand seine Frau schon fertig wie zum Ausgehen angezogen.

»Willst du in die Stadt, mein Leben?« fragte er freundlich, denn die beiden Gatten hatten sich heute morgen wieder versöhnt, und Cornelia sah wirklich reizend aus. Es war eine der hübschesten Frauen in Mexiko und blühte wie eine Rose.

»Nein, Pedro,« sagte Cornelia freundlich, indem sie ihm die Lippen zum Kuß bot – »ich warte, bis du wieder nach Hause kommst, und vielleicht gehen wir dann den Nachmittag zusammen auf die Alameda.«

»Gewiß, mein Schatz, gewiß – alles was du willst,« erwiderte ihr zärtlicher Gatte – »wie schön du heute wieder aussiehst, du bist doch die Perle der Stadt, Geliebte.«

»Du Schmeichler,« sagte sie lächelnd und gab ihm einen kleinen Schlag auf die Wange, »aber bleibe nicht zu lange fort. Die häßliche Douane hält dich immer auf Stunden von Haus entfernt.«

»Ich werde die Herren heute zusammentreiben, Kind,« rief Don Pedro, »daß wir sobald als irgend möglich zustande kommen, adios Querida – adios!«

Cornelia stand auf dem Balkon, als er seine Wohnung verließ, und winkte ihm noch zu, so weit sie ihn auf der Straße sehen konnte; dann trat sie ins Zimmer zurück, schrieb einen kleinen, sehr kurzen Brief und sah dann wieder die Straße hinauf, als ob sie ihn erwarten wollte, – aber er konnte ja seine Geschäfte noch nicht beendet haben.

Etwa eine halbe Stunde mochte noch vergangen sein, da rasselte ein kleiner, von zwei kräftigen Pferden gezogener Wagen herbei und hielt vor dem Haus. Darauf saß, mit einem jungen Burschen als Kutscher, der Sambo, den Don Julio kaum erspäht hatte, als er auch schon die Tür aufriß.

»Don Pedro zu Hause?« fragte dieser, sprang vom Bock und trat zugleich in den Laden.

»Bitte sich nur ein halb Stündchen zu gedulden, Sennor,« bat Don Julio, »holt gerade die Güter von der Steuer. Sie haben den Wagen gleich mitgebracht, wie?«

»Allerdings,« nickte der Sambo – »und kann mir die Sachen indessen wohl noch einmal betrachten.«

Während er den Barbier unten im Laden beschäftigte, hatte die Sennora oben eine große Tätigkeit entwickelt. Mit Hilfe des Pferdeknechtes im Hause und ihres Mädchens ließ sie zwei nicht sehr große Koffer hinabschaffen und auf den Wagen stellen, dann nahm sie selber darauf mit dem Mädchen Platz, und der Sambo drinnen, der sein Geschirr fortwährend im Auge behalten, sah das kaum, als er zu Don Julio sagte:

»Nun auf Wiedersehen, Compannero, – ich muß jetzt fort – kleine Spazierfahrt mit den Damen – viele Grüße an Don Pedro – bitte mich bestens zu empfehlen –« und ihm freundlich zuwinkend, sprang er auf den Wagen, und fort rasselte das kleine Fuhrwerk, was die Pferde laufen konnten.

Don Julio blieb mit offenem Mund in der Tür stehen. Wohin fuhr denn die Sennora – und das Mädchen? – Und zwei Koffer hatten sie auf dem Wagen stehen – und der Sambo? – Caramba, hatte er denn nicht Pomade, und Gott weiß was sonst noch, auf seinen Wagen laden wollen?

Aber was ging's ihn an – die Sennora hatte ihn wahrhaftig noch nie gefragt, ob sie irgend etwas tun oder lassen solle, und er auch nicht die Aufsicht weder über sie noch das Mädchen. Wer konnte denn auch sagen, ob Don Pedro nicht von der Reise wußte und vollkommen damit einverstanden war? Wenn er nach Hause kam, fand sich das alles.

Don Pedro blieb aber lange, und als er eintraf, schien er in furchtbarer Aufregung.

»Wissen Sie, Don Julio,« rief er, vor dem Barbier stehen bleibend und ihm die Hand auf die Achsel legend, »daß man mir meine Waren nicht ausliefern will!«

»Ihre Waren! Weshalb nicht?«

»Das schurkische Handlungshaus oder die Fabrik hat Beschlag darauf gelegt, weil sie noch nicht bezahlt sind und die Kaiserin nicht mehr in Mexiko ist. – War der Sambo hier?«

»Ja,« sagte Julio trocken, »und ist mit Ihrer Frau davongefahren.«

Don Pedro sah ihn starr und verwundert an. »Von was reden Sie jetzt wieder – was faseln Sie? – Was hat meine Frau mit dem Sambo zu tun?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Don Julio trocken, »aber fortgefahren ist sie mit ihm, und die Juana auch, und haben auch zwei Koffer mitgenommen.«

Don Pedro fuhr wie ein Blitz zum Laden hinaus und die Treppe hinauf. Dort oben blieb er etwa eine halbe Stunde; als er wieder zurückkam, sah er etwas blaß und sehr ernst aus und schritt auf Don Julio zu. Er hielt ein kleines Briefchen in der Hand.

»Don Julio,« sagte er mit fast tonloser Stimme.

»Sennor?« sagte dieser bestürzt.

»Don Pedro machte eine Pause, als ob er über etwas nachdenke, dann fuhr er langsam und feierlich fort:

»Wie gefällt Ihnen Kalifornien?«

Don Julio starrte ihn verblüfft an. War die »Meisterin« durchgegangen und hatte der Meister darüber den Verstand verloren?

»Wie gefällt Ihnen Kalifornien?« wiederholte dumpf Don Pedro.

Don Julio erschrak, aber Leute in einem solchen Zustand darf man, wie er aus seiner ärztlichen Erfahrung wußte, nicht reizen, und er erwiderte deshalb, anscheinend auf die Unterhaltung eingehend:

»I nun, es soll ganz hübsch in Kalifornien sein – nur daß die Leute dort alle lange Bärte tragen.«

Don Pedro sah wieder eine Weile vor sich nieder, endlich sagte er, seinem Gefährten den Brief hinreichend:

»Da lesen Sie, Don Julio, was mir meine Gattin schreibt – lesen Sie laut – ich möchte es gern noch einmal hören.«

Don Julio las: »Sennor – wenn Sie diese Zeilen erhalten, bin ich außer dem Bereich Ihrer Macht und in den Armen wie unter dem Schutz des Geliebten – Caramba,« unterbrach er sich dabei – »doch nicht etwa des Sambo?«

»Bitte, fahren Sie fort,« sagte Don Pedro, »es kommt noch hübscher.«

»Ich habe Sie nie geliebt – ich würde Sie nie lieben, und Ihre rauhe, unmännliche Behandlung hat sogar die geringe Neigung, die ich früher für Sie gefühlt, in Haß verwandelt – Sie sind ein Scheusal.«

Don Julio sah den Friseur verdutzt an, dieser winkte ihm aber nur weiterzulesen, und er sagte: »Ja, nun sind wir gleich fertig; hier steht nur noch – »lebe wohl auf ewig – Deine Cornelia.« – Deine? Jesus! Der Brief ist nicht übel – aber wenn Sie sich jetzt auf Ihr Pferd setzen, holen Sie sie gewiß noch ein – da sind sie hinuntergefahren.«

»Seien Sie kein Esel, Don Julio,« erwiderte Don Pedro ruhig – »ich denke gar nicht daran, sie wieder zu holen – Don Julio, haben Sie Lust, mit nach Kalifornien zu gehen?«

»Nach Kalifornien?« rief Don Julio erstaunt, »aber was fällt Ihnen denn ein?«

»Das will ich Ihnen sagen – meine Frau ist treulos und – fort, – ich reiße die Natter aus meinem Herzen, – meine Waren bekomme ich aber auch nicht, trotzdem ich die Steuer in Vera-Cruz dafür bezahlt habe. – Jetzt wäre ich ruiniert – verschuldet bin ich bis über die Ohren, das letzte mögliche habe ich heute auf mein Warenlager aufgenommen – sechshundert Dollars – es ist aber nicht zwei mehr wert, und ich ginge hier meinem Ruin entgegen. Dawider gibt es aber nur ein Mittel – Kalifornien – gehen Sie mit?«

»Hm – die Sache wäre nicht so übel, aber – erstlich habe ich nicht genug Reisegeld, und dann: wie kommen wir hier fort?«

»Mit dem Geld, womit ich heute die Steuer bezahlen wollte. Wir gründen in San Francisko eine Barbierstube – »Hoffriseur der Kaiserin von Mexiko« – nach und nach zahlen Sie mir das Reisegeld ab. – Wenn Sie jetzt auf die Diligence-Office gehen, können Sie zwei Plätze nach Cuernavaca nehmen – einen für sich und einen für den Jungen. Ich mache morgens meinen gewöhnlichen Spazierritt und begleite Sie – mein Pferd nehme ich mit.«

»Hm – das ginge vielleicht – und Sie wollen die Frau im Stich lassen?«

»Ich?« sagte Don Pedro – »hat sie mich nicht im Stich gelassen?«

»Und wenn Ihre Gläubiger Wind bekommen?«

»Dann sind wir über alle Berge nach Acapulco – dort treffen wir gerade den Dampfer nach San Francisco! – Don Julio, in Kalifornien blüht unser Glück.«

»Und unser Gepäck?«

»Was wir noch mitnehmen können, nehmen wir mit – vier kleine Koffer – was wir jetzt einpacken, ist alles reiner Verdienst, und mit etwas Geld kommen wir auch noch hin.«

»Einverstanden!« sagte Don Julio, in die dargebotene Hand schlagend – »dann werden sich unsere Kunden morgen selber rasieren müssen. Da reißt also die ganze Barbierstube aus, Junge und alles.«

»Hier haben Sie Geld – zwei Plätze auf der Diligencia – nach Cuernavaca – aber Maul halten und meinen Namen nicht nennen – verstanden?«

Don Julio brauchte keine weitere Ermahnung. In Mexiko sah es doch jetzt schlecht genug aus, verdient wurde fast gar nichts mehr, und je eher er selber hier fortkam, desto besser.

Am nächsten Morgen früh um sechs Uhr verließ die Diligencia voll mit Passagieren, und drei außerdem oben an Deck, die Hauptstadt. Voraus sprengte ein kleiner Caballero in mexikanischer Tracht mit großen Sporen, riesigem Filzhut und kurzer, reich mit silbernen Knöpfen besetzter Jacke.

Derartige Reiter gab es jetzt, wo die Passage vor die Tore der Stadt erst seit wenigen Wochen wieder freigegeben worden, in Menge, und es war natürlich, daß sie die frühen kühlen Morgenstunden zu ihren Ausflügen benutzten. Gepäck führte er außerdem nicht bei sich – nicht einmal eine Satteltasche – wie hätte er jemandem, der ihm begegnete, auffallen können!

Das war der letzte Morgen, an dem Don Pedro Gaspard in Mexiko gesehen wurde. –

Aber das Leben in den Straßen, als es später wurde und nun jedermann erwarten konnte, daß Juarez, der hartnäckige indianische Präsident, der nur ausgehalten hatte, weil er sein Volk genau kannte, bald seinen Einzug halten würde.

Die Stadt zeigte sich auch heute wieder festlich geschmückt – die Balkone waren mit Kränzen und Girlanden geziert, von sehr vielen Häusern wehten mexikanische Flaggen nieder, und in den Straßen, in denen die Armee der Liberalen Spalier bildete, drängte sich das Volk und wogte langsam herüber und hinüber.

Endlich donnerten die Kanonen, das Zeichen, daß der Präsident das Weichbild seiner »getreuen Stadt« betreten habe, und die Bewegung wurde lebendiger.

Auf einem braunen Hengst, mit Lerdo de Tejada, seinem Staatsminister, neben sich und von seinem ganzen Stab gefolgt, ritt Juarez langsam ein. Hier und da von den Balkonen flogen ihm einzelne Sträuße zu – die unvermeidlichen Hofpoeten waren ebenfalls wieder tätig: auf weißen, grünen und roten Bändern standen daraufgedruckte Gedichte, die immer nur einer kleinen Änderung bedurften, um auf alle Gelegenheiten zu passen, aber das eigentliche Volk – die Indianer – verhielt sich still.

Der ganze Einzug glich mehr einer Leichenzeremonie, wie dem versprochenen Beginn einer neuen Ära oder der sogenannten neugewonnenen Freiheit und Unabhängigkeit des Landes.

Es mochte dem Präsidenten selber unheimlich vorkommen, denn er gab Befehl, daß die Musik spielen solle.

Das Musikkorps der Cazadores de Galeano sprengte voraus, und bald schmetterte der mexikanische Jubelmarsch, der Marsch von Zaragoza, durch die bis dahin so stillen Straßen; hinter dem Präsidenten aber, acht Mann hoch, ritten die Cazadores in ihren grauen, ziemlich kleidsamen Uniformen, ihre achtschüssigen Büchsen über die Schultern gehangen, und jetzt erst kam ein wenig Leben in die Straße, denn die Musik regte auch die Zuschauer auf.

Die Glocken läuteten dabei von allen Kirchen – es sollte ja von nun an Frieden im Land herrschen – aber gab es irgend jemanden, der daran glaubte? – Wer wird nun als erster Präsident auftreten? war die Frage, die man sich überall zuflüsterte – Porfeirio Diaz? – Ortega? – Quien sabe! Damit trösteten sie sich – aber die Republik war vorderhand wenigstens wieder hergestellt, und der Kaiser? Seine hohe, edle Gestalt schritt wohl vor manches Augen vorüber, als er den kleinen, braunen Indianer da mit düster zusammengezogenen Brauen auf seinem großen Pferd hängen sah, aber – er war trotzdem der Sieger – der Tag gehörte ihm, und die bei allen solchen Aufzügen üblichen Festlichkeiten mußten ihren Fortgang haben.

Feuerwerke wurden von zwei Uhr nachmittags bis spät in die Nacht noch abgebrannt, und dann fanden, wie es dunkelte, auch wieder die gewöhnlichen phantastischen Umzüge statt. Ja der nämliche Wagen, in dem bei des Kaisers Einzug das kleine Kaiserpaar en miniature gesessen, fehlte ebensowenig, nur daß er eine Umwandlung erfahren.

Statt des Kaiserpaares von damals saß jetzt ein in die mexikanischen Farben gekleidetes Kind darin – vielleicht und sehr wahrscheinlich das nämliche, das damals die Kaiserin vorgestellt – als Republik Mexiko. Auch selbst der nämliche Engel schwebte noch darüber – nur die Krone hatten sie ihm abgeschraubt und dafür eine Jakobinermütze aufgesetzt, doch trug er noch immer dieselbe mexikanische Fahne in der einen und den Lorbeerkranz in der anderen Hand. Das paßte ja auf alles.

Die nächste Zeit verlief still genug, und noch immer lag eine drückende Schwüle auf der Stadt; denn es war nicht möglich, sich so rasch wieder in die neuen Verhältnisse hineinzuleben – selbst nicht in dem an solchen Wechsel doch gewöhnten Mexiko. Viele aber, die sich kompromittiert glaubten, verließen auch die Hauptstadt, um der liberalen Regierung wenigstens unter den Augen wegzukommen, manche sogar das ganze Land, denn wenige nur glaubten an einen dauernden Frieden für das arme, in seinen innersten Tiefen zerrüttete Reich, und doch waren selbst von den durch die Intervention hereingeführten Fremden manche zurückgeblieben – besonders Ärzte, auch französische Schneider und Friseure, denen dabei nicht das geringste in den Weg gelegt wurde.

Der letzte fast, der aus des Kaisers engerer Umgebung das Land verließ, war Padre Fischer, der allerdings noch hochfahrende Hoffnungen gehabt und auf den Bischofssitz von Queretaro spekuliert zu haben scheint. – Wie ihn aber die Konservativen hatten fallen lassen, als er ihnen nichts mehr nützen konnte, so kehrte ihm auch jetzt der Klerus den Rücken. Er war nicht mehr zu brauchen und konnte gehen.

Übrigens schien er die letzten Monate in Mexiko recht gut angewendet zu haben, denn so leicht er in die Hauptstadt gekommen, mit so vielem Gepäck beladen verließ er dieselbe wieder. Aber niemand kümmerte sich darum, und besonders eine Anzahl schwerer Bücherkisten schaffte er fort. Auch hatte er in der letzten Zeit wieder einigen Verkehr mit der Regierung, und man erzählte sich in der Hauptstadt, daß er dem Präsidenten einen Teil des geheimen Archivs Maximilians um 3000 Pesos verkauft habe. Unmittelbar darauf veröffentlichte dieselbe jedenfalls die Schriften, die er unter den Händen gehabt, unter dem Titel: Documentos oficiales de los traidores, para servir a la historia de la intervencion. Offizielle Dokumente der Verräter – zur Geschichte der Intervention. – Von ihm selber nahm natürlich niemand mehr Notiz.

Das Kaiserreich war tot, und die Republik hatte gesiegt, aber des Kaisers Andenken war deshalb noch nicht erloschen. Juarez ließ allerdings in der nächsten Zeit überall und von allem, was Maximilian gestiftet – selbst von der Statue, die er dem Unabhängigkeitshelden Morelos gesetzt, seinen Namen entfernen und, wo das nicht anders ging, selbst aus den Steinen herausmeißeln, aber trotzdem bewahrte man überall im weiten Reich die Erinnerung an den Geschiedenen.

In der Hauptstadt gab es fast keinen einzigen Laden, wo nicht die Photographien des Kaisers und der Kaiserin, ja selbst in Apotheosen, in den Fenstern ausgestellt gewesen wären – ebenso die Bilder von Miramon, Mejia und Mendez. Ein Calendario Maximiliano, der eine Geschichte des mexikanischen Kaiserreichs gab, und des Kaisers Wirken in den lebendigsten und anerkennendsten Worten schilderte, wurde überall in den Straßen verkauft, und war rasch schon in zweiter Auflage vergriffen.

Und Mexiko selber? Juarez erhielt bei der nächsten, bald danach stattfindenden Wahl wieder die meisten Stimmen, und der einzige wirklich gefährliche Gegner, den er dabei hatte, Porfeirio Diaz, dachte zu edel, um einen neuen Bürgerkrieg heraufzubeschwören – der Frieden war vorderhand gesichert – aber auch nur vorderhand. Im Norden tauchten bald wieder Pronunciamentos auf, und einzelne Banden durchzogen und brandschatzten das Land und hoben Levas aus – ja selbst Juarez' eigener Kriegsminister aus schwerer Zeit, der bis dahin immer treu zu ihm gehalten, Negrete, konnte der Versuchung von zwei Millionen Pesos nicht widerstehen. Er warf sich, als die Conducta mit dem Gold von der Hauptstadt abgegangen war, nach Puebla und suchte sie abzufangen, wurde aber freilich darin gestört und mußte mit seiner Bande nach Michoacan hinein flüchten, wo er der Regierung Trotz bot.

Mexiko! – Kann man es den Indianern verdenken, wenn sie behaupten, daß ihr Land das schönste und von Gott am meisten bevorzugte der Erde wäre? Es ist in der Tat ein wirkliches Paradies und mit allem ausgestattet, um Millionen von Menschen eine glückliche Heimat zu gewähren; mit einem herrlichen Klima, mit metallreichen Bergen, fruchtbaren Triften, kostbaren Waldungen – und was war es bis jetzt, seitdem die Spanier den Fuß daraufgesetzt? Ein Tummelplatz wilder, zügelloser Leidenschaften, ein Feld, das nur immer mit Blut gedüngt und nie geerntet wurde, eine Zuchtstätte von Mischlingsrassen, die, anstatt das Volk zu veredeln, nur immer schlechtere Exemplare zutage förderten und in der Anarchie allein ihre Freiheit fanden.

So liegt es jetzt – so liegen fast alle südamerikanischen Republiken, von ewigen Bürgerkriegen blutgetränkt, von Stellenjägern ausgesogen, von Pfaffen durchwühlt, ein lebendiges Beispiel, in was solche Menschen selbst ein Paradies zu verwandeln imstande sind!

 

Ende.

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