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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 25
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
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Die Republikaner.

Musterhafte Ordnung hielt unterdes Porfeirio Diaz in der Stadt; die kleinste Übertretung der gegebenen Befehle wurde aber auch auf das strengste bestraft, und die Soldaten wußten recht gut, daß der General nicht mit sich spaßen lasse.

Äußerst achtungswert betrug er sich ebenfalls gegen die fremden Truppen, während sich der österreichische und belgische Konsul auf das niedrigste benahmen, und deshalb auch Proteste von allen Seiten hervorriefen. Oberst Kodolich und Graf Khevenhüller hatten (getrennt von dem mexikanischen Oberbefehlshaber – jetzt General Tavera, da General Marquez nirgends mehr zu finden war) direkt mit Porfeirio Diaz unterhandelt, und es wurde ihnen ehrenvoller Abzug, nach Kriegsgebrauch, in ihre Heimat gestattet.

Lerdo de Tejada protestierte allerdings später dagegen, aber Porfeirio Diaz hielt das gegebene Wort aufrecht, oder drohte selber seine Stelle niederzulegen, und Juarez wußte, welchen Einfluß gerade dieser General im ganzen Lande hatte, wenn er ihn eben benutzen wollte. Die fremden Truppen, die schon aus Mexiko ausmarschiert waren, wurden allerdings, infolge davon, noch in Puebla zurückgehalten, aber man erwartete wenigstens jeden Tag die Zusicherung des Präsidenten, daß ihrem Weitermarsche nichts mehr im Wege stehen sollte. –

Die Familie Roneiro hatte indessen, nachdem sie ihr altes, bequemes Haus verlassen, die ganze Zeit über jene gemietete und höchst unbequeme Etage bewohnt, die damals leergestanden. Sennora Roneiro drängte allerdings fortwährend in ihren Gatten, ein neues Haus zu kaufen, damit sie sich dort wieder behaglicher einrichten konnten, aber einesteils waren Roneiros Einkünfte im letzten Jahr wirklich so beschränkt worden, daß er mit den verschiedenen Anleihen und Marquez' letzter Erpressung von 6000 Pesos nur auf das Notwendigste angewiesen blieb, und anderenteils mochte er auch sein wohlerworbenes Eigentum – und wenn es die Kirche beanspruchte – noch nicht für verloren geben. Die Verhältnisse in Mexiko standen das ganze Jahr so ungewiß und schwankend, daß man gar nicht voraussagen konnte, wie sich alles wenden und gestalten würde.

Allerdings ließ der Klerus ihn verschiedene Male drängen, das Grundeigentum, um nur sein Gewissen zu befreien, einer geistlichen Person zuzuschreiben, und zwar dem Erzbischof als Oberhirten, da das Gesetz noch nicht geregelt war, welches die Güter der toten Hand dem Klerus zurückgab, aber er wich immer aus – versprach es allerdings, und weshalb nicht – ließ sich aber auf nichts Bestimmtes, und besonders nichts Schriftliches ein, und wartete eben seine Zeit ab, bis denn auch richtig die Liberalen wieder an das Ruder kamen.

Indessen hatte sich aber in Roneiros Familie alles freundlicher gestaltet, denn Inez' größter Schmerz war überwunden. Sie beweinte ihren jungen Gatten wohl noch zuweilen, aber sie war doch wieder heiterer geworden, und hatte sogar die Trauerkleider schon abgelegt. Da traf die Kunde von der Hinrichtung Maximilians in Mexiko ein, und wirkte besonders niederdrückend auf die Frauen der besseren Kreise, und überhaupt solche, die dem Hof nähergestanden hatten. Die meisten Familien legten auch in der Tat um den geliebten Monarchen, dessen Verlust sie erst jetzt recht schmerzlich fühlten, tiefe Trauer an, und man sah in der Zeit fast keine Dame in ganz Mexiko, die nicht vollkommen schwarz gekleidet ging.

Und eine Trauerkunde jagte dabei die andere, denn jetzt erst, mit freigegebener Kommunikation, wurden die Einzelheiten jener furchtbaren Kämpfe bekannt, die dort im Innern das Schicksal des ganzen Landes entschieden hatten.

Auch Rodriguez' Familie hatte einen schweren Verlust erlitten, denn der immer heitere und wackere Feliciano war bei der Verteidigung von Queretaro und einem Ausfall, bei dem er sich ganz besonders hervorgetan, durch einen Schuß in die Stirn getötet worden. Und wie viele Familien hatten liebe Tote zu beklagen!

Die Familie saß bei ihrem Mittagsmahl, als sich die Tür öffnete und ein General der Liberalen auf der Schwelle stand. Roneiro sah allerdings rasch und erstaunt empor, denn seine Diener hatten strengen Befehl, niemanden unangemeldet hereinzulassen, die Essensstunde aber überhaupt nie zu stören, doch im Nu erkannte er den Fremden, und aufspringend rief er, indem er ihm die Hand entgegenstreckte:

»Don Porfeirio! Lassen Sie sich auch einmal bei uns sehen?«

»Wie geht es, Don Bautista?« lächelte der General, indem er die gebotene Hand nahm und herzlich schüttelte – »und die Damen? – Wir sind uns lange nicht begegnet, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich freue. Sie alle hier wieder zu begrüßen.«

»Und viel hat sich in der Zeit verändert.«

»Viel!« nickte Porfeirio bedeutungsvoll.

»Und mit wieviel Blut!« seufzte die Sennora. » Mußte denn der arme Kaiser sterben? Er hat es so treu – so ehrlich mit dem Land gemeint.«

»Sennora,« sagte der General ausweichend – »ich verstehe wohl nicht genug von der hohen Politik, und weiß nicht, ob es nötig war, – ich bedaure aber selber seinen Tod und möchte von Herzen wünschen, daß ein anderer Ausweg möglich gewesen wäre. – Doch es ist einmal geschehen und nicht mehr zu ändern und – vielleicht auch gut für das Land, denn wir haben jetzt nicht mehr zu fürchten, daß es noch einem anderen fremden Fürsten gelüsten sollte, die Hand nach unserer Oberherrschaft auszustrecken.«

»Und hört denn das Blutvergießen selbst jetzt noch nicht auf?« klagte Inez, – »mir bebt es immer durch das Herz, wenn ich einen Schuß höre.«

»Nur noch zwei sind es, die wir haben müssen,« sagte General Diaz ernst – »General Marquez, der nicht allein uns, sondern auch seinen Kaiser verraten hat, und den Schurken O'Horan, den bisherigen Präfekten von Mexiko – Marquez' Helfershelfer, wo es galt, die liberal Gesinnten zu plündern und zu bestehlen, während er indessen heimlich mit unseren Truppen draußen verkehrte und ihnen jeden beabsichtigten Ausfall verriet. – Aber seine Stunden sind gezählt, wenn wir ihn erwischen, und daß er sich, hier noch in der Stadt versteckt hält, weiß ich gewiß. Er hat mehrmals versucht, Unterhandlungen mit mir anzuknüpfen. Bis jetzt war er mir freilich zu schlau, aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. – Doch lassen Sie uns von etwas anderem reden als diesen traurigen und trotzdem nicht zu vermeidenden Dingen. Ich bin so glücklich darüber, daß der entsetzliche Bürgerkrieg vorüber ist und es keine zwei Parteien mehr im Lande gibt – keine wenigstens, die sich, Bruder gegen Bruder, mit den Waffen in der Hand bekämpfen können und dürfen.«

»Man erzählt sich in der Stadt, daß Sie die größten und gerechtesten Ansprüche auf den Stuhl des Präsidenten hätten,« sagte Roneiro, »und wenn Sie ein Wort sprächen –«

»Wenn es nur von dem einen Wort abhängt,« erwiderte Porfeiro Diaz ernst, »so wird es nie gesprochen werden, denn Gott wolle verhüten, daß ich die kaum gelöschte Fackel des Bürgerkrieges mutwillig selber und von neuem entzünden sollte. Nein, Bautista – das Volk mag wählen – ich habe meine Schuldigkeit getan, und möchte nicht auf eine Liste mit den Namen Marquez, Vidaurri und Lopez kommen.«

»Und wo ist Lopez?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Porfeirio Diaz mit finster zusammengezogenen Brauen. »Er war hier, und hätte ich meinen Willen gehabt, so mußte er hängen, der zehnfache Verräter, aber – er hat einen Paß von Escobedo, und da dieser außerdem nicht besonders freundlich auf mich zu sprechen ist – und ich weiß eigentlich nicht, weshalb – so mochte ich ihm nichts zuleide tun. Seit gestern ist der Verräter übrigens auch verschwunden, und niemand weiß, wohin er sich gewandt. Doch, was ich fragen wollte, Compadre – weshalb sind Sie denn aus Ihrem großen, hübschen Hause aus- und in diesen Winkel hineingezogen? Ich hatte Mühe, Sie nur aufzufinden.«

Roneiro sah etwas verlegen nach seiner Frau hinüber. »Es sind das eigentümliche Umstände,« sagte er, »die sich nicht so rasch erzählen lassen. – Wir – wir hatten so viele Schwierigkeiten im Haus – unangenehme Störungen mit –«

»Der Geistlichkeit, wie?« lächelte der General.

»Nun ja – die Geistlichkeit machte uns in vielerlei Art solche Schwierigkeiten, daß ich es endlich satt bekam und hier herüberzog.«

Porfeirio Diaz warf einen Blick auf die Sennora, denn er konnte sich recht gut denken, was ihn dazu getrieben hatte; endlich sagte er:

»Und wissen Sie nicht, daß wir jetzt wieder die Herren im Land sind und nicht der Klerus? Heute ist der Befehl vom Hauptquartier eingetroffen und wird morgen veröffentlicht werden, daß alle die alten, diesem gegenüber gegebenen Gesetze in Kraft treten. Der Klerus darf kein Grundeigentum besitzen, die Klöster sind sämtlich aufgehoben, die Geistlichen dürfen sich nicht mehr im Ornat auf der Straße blicken lassen – sämtliche Prozessionen außerhalb der Kirchen sind verboten – das ewige Läuten mit den Glocken, das einen zur Verzweiflung bringen kann, wird auf das Notwendigste beschränkt –«

»Aber wir haben ein Zeichen des Himmels gehabt, Sennor!« rief die Sennora, die sich nicht länger halten konnte, »wir durften nicht länger in dem Gott geweihten Hause bleiben.«

»Ein Zeichen des Himmels!« sagte der General erstaunt, »wie versteh' ich das?«

»Eine Erscheinung – der Prior des alten Klosters.«

Der General warf fragend den Blick auf Roneiro, und dieser sagte achselzuckend:

»Es war in der Tat etwas, das ich selber nicht verstehe – eine Erscheinung bei vollkommen verschlossener Tür, die von drei oder vier verschiedenen Personen zu gleicher Zeit gesehen wurde. Ich habe dabei selber alles auf das genaueste untersucht, aber auch nicht die geringste Erklärung für das mir selber Unerklärliche gefunden, und – den Frauen wurde es danach so unheimlich in dem alten Gebäude, daß ich des lieben Friedens wegen endlich diese Wohnung suchte, wo wir wenigstens Ruhe gefunden haben.«

»Also eine Erscheinung,« sagte Porfeirio Diaz, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten gelauscht hatte – »und wie sah sie aus? – Bitte, beschreiben Sie mir einmal dieselbe, Sennora – Sie glauben nicht, wie ich mich dafür interessiere.«

»Mich schaudert es jetzt noch, wenn ich nur daran zurückdenke,« sagte zitternd die Frau, »es war ein Mönch in seinem langen, grauen Gewand, aber mit totenbleichen Zügen und ordentlich funkelnden Augen.«

»Ein Mönch?«

»Ja – noch sehe ich sein weites, wallendes graues Gewand vor mir, und fahre manchmal in der Nacht mit einem Schrei empor, wenn ich davon träume und die fürchterlichen Worte höre, die er damals gesprochen.«

»Und was waren die Worte, Sennora?«

»Ich werde sie ewig im Gedächtnis tragen,« stöhnte die Frau. »Die Strafe Gottes hat euch erreicht,« sagte er mit hohler, geisterhafter Stimme, »und seine Hand liegt auf diesem Hause – Glied nach Glied wird abfallen. Wehe euch – wehe!« und erbebend barg sie ihr Gesicht in den Händen.

»Wer wohnt jetzt dort drüben, Bautista?« fragte jetzt Porfeirio, sich zu diesem wendend – »Geistliche?«

»Nein – niemand – ich habe die Schlüssel noch nicht aus den Händen gegeben.«

»Sehr gut,« nickte der General, »und könnten wir nicht einmal einen Spaziergang hinüber machen?«

»Gewiß könnten wir das – aber weshalb?«

»Das sage ich Ihnen nachher – vielleicht begleiten uns die Damen?«

»Ich kann die Schwelle nicht wieder überschreiten,« rief die Sennora entsetzt.

»Und dennoch bitte ich Sie darum,« erwiderte der General, »denn es wäre doch möglich, daß wir dort den Schlüssel zu einem Geheimnis fänden.«

»Den Schlüssel zu einem Geheimnis?«

»Vertrauen Sie sich mir getrost an – ich – habe einige Erfahrung in derlei Dingen, und Sie selber brauchen nichts zu fürchten. Außerdem ist es sehr zu wünschen, daß Freund Bautista das Haus nicht ohne alle Aufsicht läßt, denn – doch davon später. Kommen Sie nur, Sennorita – der kleine Spaziergang wird Ihnen ganz gut tun, und am hellen Tage fürchten Sie sich doch wahrhaftig nicht, die Räume wieder zu betreten, in denen Sie so manche Nacht ruhig und ungestört geschlafen haben?«

Er ließ auch nicht nach, bis sich die Damen zum Ausgehen rüsteten – verlangte nur noch von Roneiro ein Licht, das er entzweibrach und in die Tasche steckte, und begleitete sie dann ohne weiteres hinüber in das altbewohnte Haus. Unterwegs aber, als er dem ersten Offizier begegnete, beorderte er eine kleine Patrouille, die dort unten an der Tür auf seine weiteren Befehle warten sollte.

Roneiro öffnete indessen unten, und die Sennora hing sich zitternd an des Generals Arm, der nur Mühe hatte, sie zu beruhigen. So stiegen sie die Treppe hinauf und erreichten jenes Zimmer, in dem sie damals die furchtbare Erscheinung gehabt.

Porfeirio Diaz betrat es zuerst und warf den Blick überall umher.

»Und wo erschien der Mönch?«

»Dort in jenem Vorhang.«

»Und die Tür hier war von innen verschlossen?«

»Ja, denn als ich unmittelbar danach kam, mußte sie erst geöffnet werden, ehe ich Einlaß bekommen konnte.«

» Bueno – dann werden wir einmal sehen, was das benachbarte Kabinett birgt, denn hier ist er doch auch wahrscheinlich wieder verschwunden?«

»Allerdings!«

General Diaz fragte nichts weiter, betrat den benachbarten kleinen Raum und sah sich aufmerksam darin um. Es war hier übrigens ziemlich dunkel – ein vergittertes Fenster führte allerdings auf den Korridor hinaus, ließ aber, mit den Gardinen davor, nur wenig Licht herein. Porfeirio zögerte auch nicht lange – er dachte an seine Erscheinung in dem alten Kloster von Puebla; zündete eins der Lichter an und begann bei dem Schein desselben die Wände des kleinen, eichengetäfelten Gemachs auf das sorgfältigste zu untersuchen. Er brauchte nicht lange Zeit dazu – in der einen Blume fand er einen eisernen Schieber, der jedenfalls einen Zweck haben mußte, und als er etwa eine halbe Minute lang daran probiert und gedrückt, wie geschoben, fühlte er, wie das ganze Getäfel sich bewegte und zugleich eine schmale, etwa vier Fuß hohe Tür aufsprang, aus der ihm eine dumpfe, kellerartige Luft entgegenwehte.

»Caramba,« rief Sennor Roneiro, »was ist das? – Eine Tür hier, in dem Garderobe- und Ankleidezimmer meiner Tochter!«

»Und ein Gang darunter,« lachte der General – »aber wir wollen bald dahinter kommen, wohin er führt. Sie, meine Damen, sehen hier aber, auf welche natürliche Weise die Erscheinung, wie Sie glaubten, bei Ihnen eingetreten und – trotz der verschlossenen Tür wieder verschwunden ist. Auf gleiche Weise kam in dem Kloster, in dem ich in Puebla gefangen saß, ein Mönch zu mir und mußte mich sehr gegen seinen Willen befreien, und es sollte mich gar nicht etwa wundern, wenn Padre Zaloga auch bei dieser Komödie die Hand im Spiel gehabt hätte.«

»Padre Zaloga?« rief die Sennora erstaunt.

»Allerdings, und ein Schuft durch und durch,« nickte der General, »den Labastida zu allen schmutzigen Arbeiten gebrauchte, und der nicht selten noch schmutzigere auf eigene Hand unternahm – aber der hat wenigstens seinen Lohn, denn es ist der nämliche, den ich neulich, als wir ihn mit verräterischen Briefen erwischten, hängen ließ.«

»O heilige Jungfrau!« rief die Sennora entsetzt – »einen Padre?«

»Wir haben keine Umstände mit ihm gemacht,« nickte der General; »aber jetzt wollen wir doch einmal untersuchen, wohin dieser Gang führt, und mit welchem anderen Hause er noch in Verbindung steht. Dies war ein Franziskanerkloster, nicht wahr, Bautista?«

»Es war dem heiligen Sebastian geweiht, wurde aber von Franziskanermönchen bewohnt.«

»Ganz richtig, bueno – veremos –« und sich über die Veranda nach dem Hof zu beugend, rief er zwei von seinen Soldaten herauf, entzündete die Lichter und stieg dann mit ihnen die allerdings sehr enge und versteckte, aber doch bequeme Treppe hinab. Unten fanden sie noch eine Auszweigung, der eigentliche Hauptweg führte aber tiefer hinab in einen Keller oder einen tiefer gelegenen und sehr niederen gewölbten Gang, der etwa dreihundert Schritt in gerader Richtung fortlief und endlich wieder eine Treppe erreichte. Dieser auffolgend, kamen sie zu einer anderen verschlossenen Pforte, an der sich aber auch ein noch recht gut erhaltener, nur ein wenig rostig gewordener Drücker befand, und als es ihnen gelang, diesen, allerdings mit einiger Mühe, zu öffnen, sahen sie sich in den jetzt öden und unbenutzten, weil verlassenen Räumen des alten Ursulinerinnenklosters am anderen Ende der nächsten Quadra.

Die Untersuchung hatte eine reichliche Stunde gedauert, und Roneiro war schon ungeduldig geworden. Die Damen füllten jedoch ihre Zeit indes sehr leicht damit aus, die alten Räume, in denen sich noch manche von ihren Sachen befanden, einmal zu revidieren. Da stellte sich denn die allerdings nicht angenehme Tatsache heraus, daß einige ihrer Schränke gewaltsam geöffnet und dann wieder ins Schloß gedrückt waren. Ob ihnen Sachen fehlten, ließ sich allerdings nicht so rasch bestimmen, aber eine fremde Hand, und zwar keinesfalls die eines Geistes, war unzweifelhaft dabei beschäftigt gewesen, und da man diese natürlich nur dort suchen konnte, wo die damals geglaubte Erscheinung herrührte, so fühlten sich auch selbst die Damen über solchen Eingriff in ihr Privateigentum empört.

Endlich kehrte Porfeirio von seiner Entdeckungsreise zurück und berichtete, wo sie den Ausgangspunkt gefunden hätten.

»Sehen Sie, Sennora,« sagte er dabei tief aufseufzend – »mit solchem Gesindel haben wir es hier zu tun, und nur den einzigen Trost, daß wir das Unglück mit vielen anderen Staaten teilen. Diese Klöster sind nur der Aufenthaltsort von faulen und leider zu oft gefährlichen Müßiggängern. Eine Religion der Liebe haben sie auf den Lippen, und Haß, Unfrieden und nicht selten sogar Sünde tragen sie in die Welt hinein. Und glauben Sie nun, daß Gott, der Allwissende und Gerechte, in solche Hände die Kraft zu segnen und zu fluchen legen würde? Es ist nicht gut denkbar, und wenn auch nicht in allen Stücken, darin stimme ich gewiß mit Juarez überein, daß die faulen Nester von der Erde weggefegt werden müssen, damit eine freiere, gesündere Luft über das Land wehe.«

»Aber wenn sie uns allen geistlichen Trost, alle kirchlichen Verrichtungen versagen –« klagte die Frau in Angst.

»Sie werden gezwungen werden,« sagte Porfeirio Diaz bestimmt, »und wenn Freund Bautista meinem Rat folgt, so läßt er hier vor allen Dingen diesen Gang, dort wo er an der Grenze seines Hauses abschneidet, zumauern, und bis das geschehen ist, den Eingang hier oben verbarrikadieren oder vernageln, und zieht dann ruhig wieder in sein Eigentum. Ich garantiere Ihnen auch, daß Sie keine weiteren Erscheinungen haben sollen, weil die Geister von jetzt an gezwungen werden, die natürlichen Ein- und Ausgänge zu benutzen – und das paßt ihnen nicht, denn dabei könnte ihnen einmal der Rückzug abgeschnitten werden. Doch adios – ich habe noch viel zu tun, da wir in den nächsten Tagen Juarez erwarten, und bin noch nicht einmal imstande gewesen, selbst meine besten Freunde aufzusuchen.«

»Waren Sie schon bei Rodriguez?«

»Nein, noch nicht; ich will aber noch heute abend oder doch spätestens morgen früh zu ihm. – Was ich Sie fragen wollte. – O'Horan ging ja wohl dort häufig ein und aus?«

»Allerdings, aber nicht Rodriguez zuliebe; er bewarb sich vielmehr um ein junges, sehr hübsches und reiches Mädchen – eine Verwandte Rodriguez', die schon längere Zeit dort wohnt – Ricarda San Blas.«

»Von Mazatlan?« ries Porfeirio rasch.

»Allerdings.«

»Und ist San Blas hier?«

»Erst kürzlich gekommen, ja.«

»Und der hätte seine Tochter dem Schurken geben können? Da sind wir vielleicht noch gerade zur rechten Zeit gekommen.«

»Ich glaube kaum, daß ihn das Mädchen genommen hätte.«

»Ich hoffe doch nicht, daß ihn Rodriguez bei sich versteckt hält?« rief Diaz, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, rasch. »Die Möglichkeit ist da, denn er scheint wie in den Boden hinein verschwunden, und dort ist allerdings noch nicht nach ihm gesucht worden. Kehrt aber erst Juarez hier nach Mexiko zurück, und wird er dann bei ihm gefunden, so kann es ihn in schlimme Verlegenheiten bringen.«

»Es wäre ein verwünschter Streich!« sagte Roneiro – »wenn Sie nun einmal zu ihm gingen und mit ihm sprächen – ihn warnten? Er kennt selber O'Horan nicht so genau und läßt sich vielleicht aus Rücksicht für San Blas zu einem gefährlichen Schritt verleiten.«

»Gut, dann werde ich ihn jetzt aufsuchen,« nickte Porfeirio Diaz – »ich möchte ihn nicht in Verlegenheiten bringen und – muß doch meine Pflicht tun. Also, Sennora, richten Sie sich nur auf meine Verantwortung hier wieder häuslich in Ihrer alten Wohnung ein. Daß Sie von Geistererscheinungen nicht wieder belästigt werden, dafür stehe ich Ihnen, und sollte es in anderer Weise geschehen, so wenden Sie sich direkt an Juarez, und Sie werden sehen, wie rasch er Ihnen Hilfe schafft. Das Reich der Pfaffen in diesem Lande ist zu Ende, und gebe nur Gott, daß wir auch in anderer Hinsicht einer Besserung entgegengehen!«

*

In Rodriguez' Hause hatte die Familie ein paar recht trübe Tage verlebt, denn die Nachricht von des Sohnes Tod, so ehrenvoll er auch immer gefallen und so wacker er sich benommen, schlug ihnen eine tiefe Wunde. – Aber selbst der Kaiser hatte ja sterben müssen und der Tod eine furchtbare Ernte in dem schönen Land gehalten – durften sie da murren, daß der Unerbittliche auch in ihren Kreis den Arm gestreckt? – Welche Familie im ganzen weiten Reich war verschont geblieben? Fast keine von allen, die sie kannten – eine jede hatte ihr Opfer bringen müssen, in dieser oder einer anderen Art, und die Hand des Schicksals lag schwer auf dem weiten Land.

Insofern nur hatte die augenblickliche Situation eine Besserung erfahren, daß den Räuberbanden, die sich bis dahin überall gezeigt, ein Vorwand genommen war, bewaffnet das Land zu durchziehen. Die Liberalen waren Sieger und jetzt die Herren im Reich, und unter ihrem Banner konnten keine Plünderungen mehr verübt werden, ja Porfeirio Diaz' Scharen machten sogar mit einigen Horden, die sie trotzdem noch abfingen, so kurzen Prozeß, daß die übrigen doch scheu wurden und – wenn sie das Stehlen nun einmal nicht lassen konnten, einen anderen Schauplatz suchen mußten als die Straße zwischen Mexiko und Vera-Cruz.

Sennor San Blas beschloß auch deshalb jetzt seine Reise nach der Küste anzutreten, denn man wußte ja gar nicht, wie lange dieser verhältnismäßig sichere Zustand dauern würde. Sein Hausgepäck befand sich ja noch außerdem in der Hafenstadt, und wenn er sich jetzt mit einigen Maultieren einem der nach Vera-Cruz fast allwöchentlich ein paarmal abgehenden Militärzüge anschloß, durfte er darauf rechnen, unterwegs nicht belästigt zu werden. Nur der Gesundheitszustand seiner Tochter ängstigte ihn, und er wußte nicht einmal recht dabei, ob er es einem körperlichen oder geistigen Leiden zuschreiben sollte.

Van Leuwen, der junge belgische Offizier, hatte nämlich wenige Tage vor der Übergabe der Hauptstadt ganz offen bei Ricardas Vater um die Hand der Tochter angehalten, um die sich in der gleichen Zeit O'Horan bewarb, war aber von San Blas in wohl sehr artiger, aber auch ebenso entschiedener Weise abgewiesen worden. Van Leuwen gehörte allerdings, wofür er ihm selbst hier die Beweise zu bringen sich erbot, einer reichen und angesehenen Familie in seinem Vaterlande an, aber der Mexikaner hatte nun einmal eine Abneigung gegen alle Fremden, und trotzdem er recht gut fühlte, wie auch seiner Tochter der junge Mann nicht gleichgültig sei, konnte er doch das Vorurteil nicht überwinden, und beging sogar die Unvorsichtigkeit, die Werbung O'Horans gegen Ricarda zu befürworten.

Ricarda war außer sich – mit Abscheu wies sie die Verbindung mit einem Mann zurück, den sie – wenn sie auch keinen Grund dafür angeben konnte – aus voller Seele haßte, und geriet dabei in eine solche Aufregung, daß sie Krämpfe bekam und so wohl zwölf Stunden in einem nicht unbedenklichen Zustande verharrte. Davon hatte sie sich jetzt allerdings wieder erholt, aber sie blieb seit der Zeit bleich und in sich gekehrt, ja selbst teilnahmlos gegen alles, was sie umgab, und der Vater, der mit voller Liebe an seinem Kinde hing, hoffte jetzt nur noch von einem Szenen- oder Luftwechsel Heilung für das schwere Leid, das auf ihrem Herzen lag.

Van Leuwen selber betrat, nach der Abweisung, Rodriguez' Haus nicht wieder, und vermied es auf das sorgfältigste, selbst Ricarda zu begegnen. Er hatte sich auch überhaupt noch nicht vollständig von seinen Wunden erholt, und als die Fremdenlegion, oder vielmehr die fremden Regimenter, unmittelbar nach der Kapitulation, Erlaubnis und zugleich Befehl erhielten, gegen Puebla abzumarschieren, verwandte sich sein Arzt für ihn bei Porfeirio Diaz, der es gern bewilligte, daß er wenigstens noch acht oder zehn Tage in Mexiko bleiben durfte, um sich erst zu kräftigen. Nachher konnte er dann den Seinigen folgen, die ja auch bald danach, auf Befehl des Präsidenten, in Puebla interniert wurden und jetzt dort noch immer auf dessen weitere Befehle warteten.

Aber auch von O'Horan wurde Ricarda nicht weiter belästigt, denn schon während die Unterhandlungen über die Übergabe im Werke waren, kam er noch einmal zu San Blas, hatte mit diesem eine geheime, aber sehr hastige Unterredung und blieb von dem Augenblick an, ebenso wie Marquez, mit dem er überhaupt sehr häufig zusammen gewesen, vollständig verschwunden.

Die Tage vergingen indessen den Bewohnern der Stadt merkwürdig still. Sie waren gewohnt gewesen, den ewigen Kanonendonner draußen und das Einschlagen der Kugeln im Innern, durch die Straßen klappernde Kavalleriemassen, Trompetengeschmetter und Trommelrasseln zu hören. Jetzt plötzlich war alles still – die Soldaten der Liberalen, die sehr streng unter Aufsicht gehalten wurden, bekam man fast gar nicht zu sehen, und es gab Stunden am Tag, in denen die Stadt wie ausgestorben lag.

Es war heute so. In der sonst so belebten Calle San Francisco ließ sich fast kein Mensch sehen – nur ein paar Leperos schlenderten da und dort hinab, denn sie fühlten sich jetzt sicher, daß sie nicht mehr aufgegriffen und mit einer Muskete in der Hand gegen den Feind geschickt wurden.

Die Familie Rodriguez hatte sich in dem Salon versammelt, denn Bastiani, der alte Freund des Hauses, der selber nach Queretaro gereist, um dort Genaueres über die stattgehabten Vorgänge zu erfahren, war zurückgekehrt und berichtete die einzelnen Umstände von des Kaisers Tod, wie edel er sich noch benommen, wie heldenmütig er seinem Schicksal die Stirn gezeigt, und wie wahr und aufrichtig er von den Bewohnern Queretaros betrauert werde.

Die Frauen besonders lauschten den Worten mit der größten Aufmerksamkeit, und Tränen standen in Ricardas Augen. Da öffnete einer der Diener die Tür und meldete: »Sennor Lucido.«

»Laß ihn eintreten, muchacho laß ihn eintreten!« rief Rodriguez, »wozu denn nur die Anmeldung – du weißt doch, wie befreundet wir sind.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als der Diener zurücktrat und statt des Erwarteten Mauricio Lucido auf der Schwelle stand.

» Buenos dias Sennoritas y caballeros!« sagte der Eintretende, nach allen Seiten freundlich und zutraulich grüßend, indem er den Hut, den er noch in der Hand hielt, gegen die Damen schwenkte. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, Sie nach so langer Zeit einmal wiederzusehen. Wie geht es Ihnen allen?«

Totenstille herrschte in dem Raum – niemand rührte sich, nur Ricarda war, ihren Augen kaum trauend, von ihrem Sitz emporgefahren. Mauricio selber schien das aber gar nicht zu bemerken, denn mit seiner selbstgefällig lächelnden Miene fuhr er fort: »Das war allerdings eine böse und schwere Zeit, aber wir haben die vermaledeiten Franzosen wenigstens aus dem Land gejagt und diesen deutschen Kaiser, der sich hier ein Recht über freie Mexikaner anmaßte, durch ein halb Dutzend Kugeln zur Räson und zur Ruhe gebracht, und jetzt wollen wir einmal den sehen, der es wieder wagen wird, ins Land zu kommen, wenn wir ihn nicht darin haben wollen. Caramba, den Spaß in Queretaro hätten Sie mit durchmachen sollen – Sennor Rodriguez, ich freue mich herzlich, Sie begrüßen zu können,« und er reichte dabei dem alten Herrn die Hand, der so verblüfft über das Ganze war, daß er sie ihm nicht verweigerte.

»Sieh da!« fuhr jetzt der unverwüstliche Mauricio, indem er sich im Kreis umsah und Ricarda bemerkte, fort »da finde ich ja auch noch eine alte Bekannte, Donna Ricarda – como está Sennorita! Wenn Sie wüßten, wie ich mich danach gesehnt habe, Sie wieder begrüßen zu dürfen!«

Ricarda hatte ihr Auge fest auf ihn gerichtet, aber keine Muskel ihres Angesichts rührte sich, und ihre Augensterne blitzten und funkelten ihn an, als ob sie ihn damit durchbohren wollte. Mauricio schien das alles aber nicht zu fühlen, oder absichtlich zu ignorieren, denn mit lächelnder Miene begrüßte er jetzt die übrigen Damen, bis sich Rodriguez doch endlich so weit von seinem Staunen erholte, daß er eine Frage an ihn richtete:

»Aber Don Mauricio! – Wo kommen Sie her? – Wo waren Sie so lange?«

»Ich?« sagte der junge Mann vergnügt, »bei Juarez natürlich – etwas wie Geheimsekretär und völlig im Vertrauen des Präsidenten, zugleich aber auch Oberst bei den Truppen – hatte eine besondere Guerillaschar unter mir – prächtige Jungen, Cara – Caramba, nur ein bißchen wild!«

»Und jetzt?«

»Da wir nun siegreich in die Hauptstadt eingerückt sind, hat mir der Bürgerpräsident, in Anerkennung meiner Verdienste um die gute Sache,« sagte der junge Mann stolz, »die Präfektur in Tejaliska, der zweitgrößten Stadt Durangos, gegeben, und ich bin nur hierher gekommen, um meine Familie einmal wiederzusehen und meine Geschäfte zu arrangieren.«

»In der Tat? – Eine Präfektur?« sagte San Blas, dem Sennora Rodriguez leise und rasch die früheren Erlebnisse des jungen Herrn zugeflüstert, »das muß ich gestehen.«

»Und warum nicht?« fragte Mauricio, ihm den Kopf zuwendend, »ah, Don Rodriguez, mit wem habe ich dort die Ehre?«

»Sennor San Blas aus Mazatlan – Vater der Sennorita –«

»Ah, wirklich? Sehr angenehm, verehrter Herr, in Ihnen den Vater einer so liebenswürdigen Tochter kennen zu lernen; doch was finden Sie darin Auffälliges? Wir, die wir aufrichtig und treu an der Sache des Vaterlandes gehangen haben, müssen doch auch jetzt, da uns der Sieg geworden, dafür belohnt werden, während man natürlich die kaiserlichen Beamten und Verräter über Bord wirft. Der Staat braucht jetzt tüchtige und ehrliche Kräfte, um sich von seinen langen Leiden zu erholen.«

»Und deshalb hat man Sie zum Präfekten gemacht, Mauricio?« sagte Bastiani trocken, der bis dahin etwas abseits gestanden.

»Ah, Sennor Bastiani!« rief Mauricio, der rasch den Kopf dahin drehte und die Worte überhört zu haben schien – » amigo mio», wie freue ich mich, Sie wieder begrüßen zu können,« und er trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der alte Bastiani legte aber die seinigen, ohne die Bewegung zu beachten, auf den Rücken und sagte ruhig:

»Die Freude ist dann jedenfalls eine ausschließliche, Sennor, denn ich empfinde nicht das geringste davon.«

»Sennor!« fuhr Mauricio auf, der diese Andeutung nicht falsch verstehen konnte, »was wollen Sie damit sagen?«

»Für den Augenblick,« erwiderte der alte Herr ernst, »und in dem Hause des Sennor Rodriguez gar nichts; wünschen Sie aber wirklich zu wissen, was ich über Sie denke, Sennor, dann kann das vielleicht unten auf der Straße geschehen, denn ich hoffe wenigstens, daß Sie mein Haus nicht mit Ihrem Besuch beehren werden.«

»Caramba – das ist stark!« rief Mauricio, doch außer Fassung gebracht und sich in seiner Verlegenheit an Ricarda wendend, rief er: »Haben Sie schon etwas Ähnliches gehört, Sennorita?«

»Gehört ja,« erwiderte aber die junge Dame, sich hoch emporrichtend, »doch noch nie eine solche Frechheit gesehen, daß ein Straßenräuber es wagte, das Haus achtbarer Leute zu betreten, während er genau weiß, daß sie ihn kennen und – verachten

»Sennorita!« rief Mauricio, und seine Augen funkelten in verhaltener Wut, der er aber doch keinen weiteren Ausdruck zu geben wagte – »also das nennen Sie Straßenraub, wenn sich wackere Patrioten zusammenscharen, um die frechen Eindringlinge und Feinde des Landes zu vernichten? Das nennen Sie Straßenraub, wenn diese Märtyrer der Freiheit –«

»Koffer plündern und selbst den Damen Schmuck abnehmen,« unterbrach ihn mit tiefer Stimme Bastiani.

»Sennor Rodriguez!« rief Mauricio halb außer sich, »dulden Sie, daß man in Ihrem Hause –«

»Meiner Seel', Sennor,« sagte aber selbst der alte gute Rodriguez achselzuckend – »Sie waren töricht, dies Haus wieder zu betreten. Ich hoffe, Sie reisen bald nach Tejaliska, wie?«

Mauricio warf einen Blick im Kreis umher. In allen Familien, die er bis jetzt aufgesucht, war er, als Lucidos Sohn, auf das zuvorkommendste empfangen worden, und niemand hatte auch nur eine Andeutung auf frühere kleine Unannehmlichkeiten, dem Präfekten von Tejaliska gegenüber, gewagt – und hier? – Aber er fühlte, daß gerade hier, wo er früher Versäumtes wieder gutzumachen hoffte, seine Rolle ausgespielt sei, und mit einem stolzen Blick im Kreise umher, der aber leider keine Anerkennung fand, blieb er noch einen Moment stehen, drehte sich dann um und verließ, den Kopf erhoben, ohne weiteren Gruß den Raum.

Sein Abgang erlitt aber noch eine Störung. Er hatte mit voller, vernichtender Würde diese Gesellschaft verlassen wollen, wie er aber nun die Tür öffnete, trat ihm der General Porfeirio Diaz entgegen, und vollkommen aus der Rolle fallend, grüßte ihn der »freie Republikaner« auf das untertänigste. Porfeirio Diaz war jetzt der – man konnte recht gut sagen – beliebteste Mann im Reich, ja hier in Mexiko zweifelte sogar niemand daran, daß er bei der nächsten Präsidentenwahl die Stimmenmajorität bekommen würde.

Porfeirio Diaz nahm übrigens sehr wenig Notiz von ihm. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf den an ihm Vorbeigleitenden, und trat dann, herzlich begrüßt von allen, in den Salon, während Mauricio, heimlich die Zähne zusammenknirschend, die Treppe hinabeilte und sich in den Sattel des unten am Hause angebundenen Pferdes schwang.

»General Diaz – Caramba!« rief Bastiani, ihm entgegeneilend und ihm die Hand reichend – »wie lange haben wir einander nicht gesehen! Wie geht's, hombre – schwere Zeiten durchgemacht, wie?«

»Schwere Zeiten, Bastiani,« sagte der General herzlich; »wie geht's, Rodriguez? San Blas! Alter Freund! Sehen wir uns auch einmal wieder? Sennoritas, ich hoffe nicht, daß ich Sie störe.«

»General,« sagte Rodriguez treuherzig – » Sie sind in jedem Haus willkommen, und doppelt hier, unter alten Freunden.«

»Wer war der junge Mann, der da an mir vorüberfuhr? Er sah auffallend blaß aus.«

»Der junge Lucido, der hier wegen Straßenraub eingefangen wurde,« sagte Bastiani trocken, »dann entfloh und jetzt mit Juarez als Präfekt von Tejaliska zurückkehrt. Die Stadt kann sich gratulieren – und der Staatsschatz auch.«

Porfeirio Diaz zuckte mit den Achseln. »Mein lieber Bastiani,« sagte er lächelnd, »wenn Sie verlangen, daß alle unsere Beamten ehrliche Leute sein sollen, so würden Sie sehr viele Stellen unbesetzt lassen müssen. Die ewigen Revolutionen haben unser junges Volk demoralisiert, und wir brauchen lange Jahre der Ruhe, um das wieder auszugleichen – doch, Rodriguez, amigo, ich möchte nur zwei Worte mit Ihnen unter vier Augen sprechen – nur eine Frage an Sie richten, denn meine Zeit ist beschränkt.«

Rodriguez schritt mit ihm zu einem entfernten Fenster, und er fuhr hier leise fort: »Wissen Sie, wo sich O'Horan aufhält?«

»Der Präfekt? – Nein,« lautete die ruhige Antwort.

»Er hat sich also nicht bei Ihnen verborgen, amigo!?«

»Bei mir? Wahrhaftig nicht. Aber was haben Sie gegen ihn? Ist denn nicht schon genug Blut geflossen?«

»O'Horan ist ein nichtswürdiger Schurke,« sagte Diaz, »ein Verräter an beiden Teilen. Er hat –«

»Wenn das ist, lieber General,« unterbrach ihn Rodriguez, mit einem Blick auf San Blas, »dann bitte, sagen Sie, was Sie zu sagen haben, laut. Sie sind hier unter Freunden, und – mir liegt viel daran, daß gerade San Blas da drüben erfährt, was Sie zu sagen haben. Er hält viel von O'Horan und hätte ihn sogar gern in seine Familie aufgenommen.«

»Den Schurken?« rief Porfeirio. – »Aber Sie haben mich jetzt beruhigt,« setzte er laut hinzu, »und ich kann Ihnen nun auch sagen, weshalb ich wünsche, auf die Spur dieses Buben zu kommen. O'Horan hat nicht allein, als er Präfekt in Tlalpam war, zwölf Liberale morgens überfallen und nur deshalb hängen lassen, weil er fürchtete, daß seine eigenen Umtriebe dem Kaiser zu Ohren kämen, sondern auch den Unseren wieder während der Belagerung fortwährend genaue Kunde gegeben, wann und wo die Besatzung einen Ausfall beabsichtigte, so daß wir die letztere jedesmal mit blutigen Köpfen zurückweisen konnten. Wir haben allerdings seinen Verrat benutzt, aber dem Verräter trotzdem nicht seine übrigen Verbrechen vergessen. Ich glaube kaum, daß es, selbst Lopez und Marquez nicht ausgenommen, einen nichtswürdigeren Halunken in Mexiko gibt als diesen O'Horan. Doch, lieber Rodriguez – Sennoritas, ich muß fort. – Es ist schon spät geworden – Apropos! Ich komme eben aus Roneiros altem Haus. Haben Sie einmal von der dortigen Geistergeschichte gehört?«

»Von der Erscheinung? Gewiß!« riefen die Sennoras, »hat sie sich wiederholt?«

»Das nicht,« lachte Porfeirio Diaz – »aber wir haben die geheime Tür gefunden, die durch einen versteckten Gang das Ursulinerinnenkloster mit dem der Franziskaner verbindet; und gerade diese Tür liegt in dem Kabinett, in dem sich der angebliche alte Prior des Klosters gezeigt und seine Mummerei abgespielt hat. Nun, den Herren ist das Handwerk jetzt gelegt, und sie werden – wenigstens in Roneiros Hause, gewiß nicht wieder Geister und Versteckens spielen.«

Porfeirio Diaz hatte hierauf das Zimmer verlassen, und San Blas, der schweigend seinen Worten gelauscht, sagte endlich:

»Gibt es denn noch einen Menschen hier in ganz Mexiko, dem man trauen könnte? Ist es denn nicht entsetzlich, daß unser Volk derartig gesunken ist, und dürfen wir es den Fremden verdenken, wenn sie die Achseln über unsere Zustände zucken?«

»Ich wußte es,« Vater,« sagte Ricarda, sich an ihn schmiegend, »sein Gesicht, sein scheuer, ewig ausweichender Blick konnte nicht lügen; O'Horan war ein böser, schlechter Mensch; ich wäre mein ganzes Leben unglücklich geworden – und du wolltest es haben, Vater.«

San Blas nickte selber, traurig zustimmend, mit dem Kopf. – »Wer konnte es denken,« sagte er – »wer konnte es denken! – Aber ich mache es gut, Ricarda – ich werde dir nie wieder im Wege stehen.«

» Nie, Vater?« sagte Ricarda bewegt; ehe aber San Blas etwas darauf erwidern konnte, öffnete ein Diener die Tür und bat Sennor Rodriguez, einmal in sein Zimmer hinüberzukommen – es sei ein Herr dort, der ihn zu sprechen wünsche.

»Ein Herr? – Drüben in meinem Zimmer? Wer ist es, und weshalb kommt er nicht herein?«

»Er – bat mich, den Sennor nur zu rufen.«

Rodriguez ging kopfschüttelnd hinaus – draußen auf dem Korridor stand van Leuwen, streckte ihm die Hand entgegen und sagte bewegt:

»Sennor, ich wollte diese Stadt – dieses Land nicht verlassen, ohne wenigstens von Ihnen, in dessen gastlichem Hause ich so viele frohe Stunden verlebte, Abschied genommen und Ihnen nochmals von Herzen dafür gedankt zu haben.«

»Mein lieber, guter Hauptmann,« sagte Rodriguez freundlich – »aber weshalb kommen Sie nicht herein?«

»Ich wollte Sie bitten, den Damen nachher meine Grüße auszurichten, Sie wissen, was –«

»Sie sind vollständig geheilt?« sagte Rodriguez, der ihn genau und forschend betrachtet hatte.

»Wenigstens so weit, um ungefährdet den Marsch antreten zu können. Ich habe ein gutes Pferd und hoffe die Freunde bald einzuholen.«

»Und sind Sie gezwungen, heute abzureisen?«

»Gezwungen? – Nein – General Diaz hat sich so anständig gegen uns alle benommen, daß von Zwang, besonders den Verwundeten gegenüber, gar keine Rede ist, aber mich drängt es selber fort – der Heimat wieder zu.«

Rodriguez sah ihm ein paar Sekunden ernst ins Auge, dann nahm er plötzlich seinen rechten Arm und sagte:

»Kommen Sie einmal mit.«

»Wohin, Sennor?«

»Kommen Sie nur mit – meiner Frau wenigstens dürfen Sie nicht so davonlaufen –«

»Ich wünsche niemandem mehr lästig zu fallen,« sagte van Leuwen zögernd. Rodriguez ließ aber gar keine Einwendung gelten, sondern zog den jungen Mann, mehr als dieser eigentlich freiwillig ging, in den Salon hinüber. Dort öffnete er auch ohne weiteres die Tür, und, ihn vorstellend, rief er:

»Sennoritas, ein junger Mann, der treu bei seinem wackeren Kaiser ausgehalten und sein Blut hier im Land vergossen hat, will Mexiko wieder verlassen. – Er soll aber nicht daheim erzählen können, daß die Partei der Liberalen den Kaiser erschossen habe und wir anderen uns dieser dann ohne weiteres zugeneigt und denen den Rücken gewandt hätten, mit denen wir früher befreundet gewesen. Nehmen Sie wenigstens die Versicherung mit sich, Sennor, daß brave Männer hier in Mexiko auch Ihrem braven Kaiser ein warmes und treues Andenken bewahren, und dabei recht gut fühlen, was er gewollt hat, und weshalb er es leider nicht ausführen konnte.«

Van Leuwen hörte kaum, was er sprach, sein Auge war Ricardas Blick begegnet, und wie gebannt stand er an der Schwelle. O, er hatte sie ja nicht wiedersehen – sich und ihr den Schmerz, die Pein der Trennung ersparen wollen, und trotzdem segnete er jetzt den Augenblick, der ihm noch einmal, und wenn es auch das letztemal sein sollte, gestattete, in ihre treuen, guten Augen zu schauen.

San Blas hatte indessen ebenfalls gesucht, dem Auge der Tochter zu begegnen, aber sie wandte sich ihm nicht zu; mit halbgeöffneten Lippen, mit ernsten, fast wehmütigen Blicken hing Ricarda an der edlen Gestalt des jungen Mannes.

»Sennoritas – Sennor San Blas,« sagte er endlich mit leiser Stimme – »es war nicht mein Wille, Sie nochmals zu belästigen; Sennor Rodriguez mag mir bezeugen, daß er mich – halb mit Gewalt – hier hereingeführt. Und doch bin ich ihm dankbar dafür,« setzte er fast noch leiser hinzu, »denn er gibt mir dadurch Gelegenheit, auch Ihnen, Sennora, ein letztes Lebewohl zu sagen und – Ihnen für das Wohlwollen zu danken, mit dem Sie einen armen Fremden in Ihr Haus aufgenommen. Ich reite morgen nach Puebla, um mich dort unserem Zug anzuschließen und in Vera-Cruz das Schiff zu erreichen, das mich der Heimat wieder entgegenführt. Leben Sie wohl und – bewahren Sie mir ein freundliches Andenken, denn – seien Sie versichert – meine Gedanken werden oft bei Ihnen weilen, und nie werde ich die – glücklichen Tage vergessen, die ich in Ihrer Mitte verlebt.« – Noch einmal wandte er sich zu Rodriguez und schüttelte ihm, gegen das in ihm aufsteigende Gefühl ankämpfend, tiefbewegt die Hand.

Ricarda war schon lange von ihrem Stuhl aufgestanden und langsam, während er sprach und wie von einer inneren Gewalt getrieben, um den Tisch herumgeschritten. Jetzt stand sie neben ihm – vor ihm, den Blick aber zu Boden gesenkt, und während ihre Farbe rasch wechselte, jetzt schwand, jetzt wiederkam, sagte sie leise, mit kaum hörbarer Stimme:

»Und Sie wollten fort von hier, Sennor – fort, ohne mir auch nur die Hand zum Abschied zu reichen?«

»Sennorita,« bat van Leuwen, und ein tiefer, schmerzlicher Seufzer rang sich aus seiner Brust – »wenn ich mir dieses Glück versagte –«

»Mein Vater,« unterbrach ihn da das junge Mädchen, ohne aber noch den Blick, selbst nur auf einen Moment, zu ihm zu erheben, »hat mir kurz vorher, ehe Sie kamen, oder vielmehr in demselben Augenblick, ein Versprechen gegeben, und – daraufhin wage ich es. Ihnen ein Andenken anzubieten.«

»Ein Andenken, Sennorita – und glauben Sie, daß es dessen bedürfe?«

»Lassen Sie mich ausreden,« sagte sie, indem sie wie abwehrend die Hand gegen ihn hob und dann langsam und gedankenvoll den nämlichen goldenen Reif vom Finger zog, den er selber ihr damals zurückgebracht-, »kennen Sie diesen Ring? – Nehmen Sie das –«

»Sennorita –«

»Aber es knüpft sich eine Bedingung daran,« fuhr das junge Mädchen jetzt tief errötend fort, »ich habe, als ich den Reif aus Ihrer Hand erhielt, einen heiligen Schwur bei mir selber getan, mich nie wieder von diesem Kleinod zu trennen, und – wenn Sie den Ring nehmen – so – müssen Sie mich – selber mitnehmen.«

»Ricarda!« rief van Leuwen in Aufregung und seinen Sinnen kaum trauend aus.

»Ricarda!« rief aber auch der Vater, »was tust du?«

»Das einzige, Vater,« sagte da die Jungfrau, sich hoch und stolz emporrichtend, »was ich tun kann, um uns beide nicht elend für ein ganzes Leben zu lassen. Dein Wort hab' ich, und wie ich weiß, daß dies brave Herz in treuer und wahrer Liebe an mir hängt, so brauche auch ich mich der Neigung nicht zu schämen, die mich zu ihm zieht. Dein bin ich, Guillelmo, für mein ganzes Leben – willst du mich haben?«

»Ricarda!« jauchzte da van Leuwen in voller Seligkeit empor, »mein Mädchen, mein?«

»Dein für immer!« hauchte die Jungfrau und neigte, während er sie in jubelnder Lust umschlang, ihr Haupt an seine Brust.

Rodriguez rieb sich vergnügt die Hände. »Das ist gescheit,« rief er aus, »ich habe es dem armen Ding an den Augen angesehen, wie sie sich gegrämt und gehärmt hat, und doch ist nie eine Klage über ihre Lippen gekommen, und daß sie den Schuft, den O'Horan, nicht wollte, kann ihr wahrhaftig niemand verdenken.«

»Und fort aus Mexiko,« bat da das junge Mädchen, noch immer an der Brust des Geliebten, »fort aus dem Lande des Blutes und der Verräterei – seine Berge sind schön, und blau ist sein Himmel, aber sein Boden ist rot gefärbt, und ich sehne mich nach Frieden.«

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