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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectiddb7e3891
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Fluchtversuche. Wenn ich hierbei manche Namen verändert habe, geschah es nur, um noch in Mexiko Lebenden keine Unannehmlichkeiten zu bereiten.

In derselben Zeit, in der Marquez sein frevelhaftes Spiel in der Hauptstadt trieb, und Menschenleben mutwillig in die Schanze schlug, nur um seine eigenen selbstsüchtigen Pläne zu fördern, erwartete Kaiser Maximilian im Gefängnis von Queretaro das Kriegsgericht seiner Feinde und hatte schon fast mit dem Leben abgeschlossen.

Der Kaiser war, da längerer Widerstand auf dem Cerro de las Campanas Wahnsinn gewesen, und das kleine Häufchen seiner Getreuen sich ergeben hatte, nach der Cruz, als dem festesten Platz, gebracht worden und wurde dort natürlich scharf bewacht, aber Escobedo selber hatte befohlen, ihm jede mögliche Bequemlichkeit zu gestatten, von denen ihm freilich wenig genug geblieben schien. Sein Zimmer hatte man, mit Ausnahme des Feldbettes und eines Fauteuils, rein ausgeplündert – seine silberne Waschtoilette stahl Lopez eigenhändig, aber man gestattete dem Kaiser wenigstens den Verkehr mit seinen getreuen Mitgefangenen und überhaupt jede Freiheit, die sich mit seiner Lage eben vertrug.

Freilich drängten sich auch viele Offiziere hinzu, um den Maximilian de Habsburgo mit eigenen Augen zu sehen, und viele waren ihm lästig – manche aber auch lieb, wie z. B. Oberst Gallardo, der nicht zuerst die Hand an den Monarchen legen wollte und ihn passieren ließ.

Alle diese Offiziere erzählten aber jetzt auch freimütig den schändlichen, nichtswürdigen Verrat, durch den sie, von Miguel Lopez geleitet, die Cruz und damit Queretaro genommen, was der Kaiser im Anfang gar nicht glauben wollte.

»Ist es denn möglich, ist es nur denkbar,« rief er aus, »daß Lopez, Lopez, an dem ich alles getan, ein solcher nichtswürdiger Schurke sein konnte! Und in demselben Augenblicke, wo seine Helfershelfer schon bereit standen, wo alles vorbereitet war, um mich, seinen Wohltäter, zu verderben, kommt er herein zu mir, nimmt von mir die Tapferkeitsmedaille und küßt mir die Hand – wahrlich ein Judaskuß dem, den er schon verraten hatte – pfui über den Menschen! – Und was wird jetzt mit ihm?«

» Que quiere, Majestät,« sagte Gallardo – »solche Menschen benutzt man, wenn man sie gerade braucht, aber gibt ihnen nachher einen Tritt. Ich traf ihn heute, und er hatte die Frechheit, mich anzureden und mich zu bitten, ihm zu einer Stelle behilflich zu sein – ich sagte ihm aber: die einzige passende Stelle, die ich für ihn wüßte, sei an einem Baum mit einem Strick um den Hals. Ich glaube, er wird uns hier nicht lange lästig fallen.«

»Und Marquez?«

»Hält sich noch in Mexiko mit Hilfe der europäischen Truppen und veröffentlicht alle Tage Berichte, daß Sie mit der Armee unterwegs wären und zum Entsatze kämen.«

»Aber er hatte neue, strengere Befehle, ohne Säumen hierher nach Queretaro mit der Kavallerie zu kommen.«

»War ein Glück für uns, daß er es nicht tat,« sagte ein anderer der Offiziere, »so hat er sich gefallen, selber Kaiser in der Hauptstadt zu spielen, über die er viel Elend gebracht. Ich weiß nicht, wer schlimmer ist, er oder Lopez.«

»Von allen verraten,« murmelte der Kaiser bitter vor sich hin, »von allen, auf die ich zählen mußte, weil ich sie für meine Freunde hielt. Von den Pfaffen – das wundert mich nicht – das ist deren Natur – von den Franzosen – ich war ein Tor, ihnen zu glauben – nur das schmerzt mich, solche Undankbarkeit von denen zu erleben, für die wir alles getan, was in unseren Kräften stand.«

Er blieb an dem Tag sehr niedergeschlagen. Überhaupt trat jetzt, nachdem die erste Aufregung vorüber war, ein Grad der Erschlaffung ein, indem sich auch sein altes Leiden wieder einstellte. Der mexikanische Militärarzt, den man Klugheit halber noch zugezogen, trug jetzt darauf an, daß der Kaiser eine andere Wohnung angewiesen bekomme, und man brachte die Gefangenen dann, aber unter strenger Bewachung, in das Kloster Teresita.

Ein Befehl war indessen erlassen, daß sich alle kaiserlichen Offiziere, die noch versteckt lagen, melden sollten, oder man würde sie, wenn sie nachträglich entdeckt würden, ohne weiteres totschießen. Einige taten es, Mendez aber, der recht gut wußte, daß sein Leben doch verfallen sei, sobald man nur seiner habhaft werde, blieb verborgen, wurde aber natürlich von seinem eigenen Diener für Geld verraten und augenblicklich zur Exekution hinausgeführt – und dazu schienen die Liberalen allerdings berechtigt.

Mendez war es gewesen, der nur nach dem Gerücht des Oktober-Dekrets, und ehe es noch selbst gesetzlich in Kraft getreten, die beiden mexikanischen Generale Arteaga und Salazar hatte erschießen lassen.

Man brachte ihn nach der äußeren Mauer der Plaza de Torros, in der Nähe der Alameda, wo er von einem Detachement der Cazadores de Galeano von rückwärts erschossen werden sollte, wie es in Mexiko mit Personen geschieht, die von der Gegenpartei des Verrates bezichtigt werden. Mendez wollte sich aber durchaus nicht in diese Stellung fügen. Auf einem Knie ruhend, drehte er sich um, als es knallte, hob den Hut in die Höhe, rief Viva Mexiko und fiel auf das Gesicht – war aber nicht tot und bei voller Besinnung, denn er zeigte mit dem Finger hinter das Ohr, um anzudeuten, daß man dorthin schießen und ihn töten möge – was auch einer der Cazadores tat. Prinz Salm: »Queretaro«.

Escobedo ist fast in allen über Mexiko erschienenen Büchern als ein grausames Scheusal dargestellt worden, dessen Drängen allein Juarez habe nachgeben müssen, um des Kaisers Tod zu befehlen. Nach allem aber, was ich selber an Ort und Stelle über ihn gehört, und was auch außerdem aus allen den Schriften, die ihn sonst schmähen, hervorleuchtet, ist das allein nicht der Fall, sondern er hat sich sogar in allem, was den unglücklichen Gefangenen betraf, höchst ehrenhaft und sogar teilnehmend bewiesen, und war entrüstet darüber, als er erfuhr, daß einer seiner Generale den Kaiser für eine Nacht in die Totengruft des Klosters gesperrt hatte.

Es war ihm auch von der höchsten Regierung anfangs der Befehl geworden, alle höheren Offiziere auf der Stelle erschießen zu lassen; aber er hatte sich nicht allein geweigert, ihn auszuführen, sondern machte Juarez selbst Vorstellungen, daß etwas derartiges ohne vorhergegangenes Rechtsverfahren nicht zulässig wäre.

Daß Grausamkeiten in seinem Heer verübt worden sind, liegt im mexikanischen Charakter, und er kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, denn es ist sehr die Frage, ob er darum wußte. Marquez ließ auch – auf dem Zug nach Queretaro die unterwegs gefangenen Guerillas, die den Zug aufhalten wollten, heimlich und gegen den Befehl Maximilians erschießen, und es wird niemandem einfallen, deshalb dem Kaiser einen Vorwurf zu machen. Außerdem liegt jeder Grund vor, zu glauben, daß Escobedo um spätere Fluchtversuche des Kaisers wußte und schwieg, oder doch nichts sah, so lange es eben möglich war.

Die Teilnahme, die des Kaisers Schicksal indessen im Land erweckte, war allgemein, und steigerte sich, als man anfing, an seiner Begnadigung zu zweifeln.

Nach Queretaro war indessen auch ein in Mexiko ansässiger amerikanischer Kaufmann Thomson gekommen, den seine Reisen bis nach San Louis und in das Hauptquartier von Juarez geführt. Er mochte auch dort wohl die Gewißheit erhalten haben, daß an eine Rettung Maximilians nicht mehr gedacht werden dürfe, wenn er nicht imstande sei, »sich selber zu helfen«. Man besprach es wenigstens dort ziemlich offen, daß Juarez wohl leicht bewogen werden könne, seinen Tod in Verbannung zu verwandeln, daß aber sein bei ihm allmächtiger Minister Lerdo de Tejada auf dem Tode Maximilians aus politischen Gründen fest bestehe und davon nicht wanken und weichen wolle.

Thomson, ein nichts weniger als poetischer, aber durchaus praktischer Kopf, faßte da den Entschluß, den Kaiser, wenn es irgend möglich sei – und was ist in Mexiko mit Geld nicht möglich – zu befreien, und reiste zu dem Zweck nach Queretaro, wo es ihm leicht gelang, Zutritt zu Maximilian zu bekommen. Escobedo legte niemandem etwas in den Weg, und wo er selber persönlich um eine Gunst für den Kaiser angegangen wurde, bewilligte er sie stets, ja er hatte sogar schon eine längere Unterredung mit Maximilian gehabt, um Unterhandlungen mit Juarez zu seinen Gunsten einzuleiten.

Der Kaiser empfing Thomson gütig wie alle übrigen, und schien nur stutzig zu werden, als dieser seinem Fluchtplan Worte gab. Stand es wirklich so schlimm mit ihm, daß man schon an etwas derartiges denken mußte? Thomson übrigens, auf einen Widerstand oder ein Zögern vorbereitet, ließ ihm den ersten Tag Ruhe, den Vorschlag zu überdenken, und kam erst am nächsten darauf zurück. Er selber hatte sich unterdessen mit den gewöhnlich Wache haltenden Offizieren bekannt gemacht, und sich bald überzeugt, daß es gar so keine große Mühe kosten würde, diese Herren zu kaufen.

Einmal gab es wirklich nur sehr wenig ganz rohes Offiziersvolk unter den Liberalen, das sich an der Gefangenschaft des Kaisers und auf seinen Tod freute – die meisten nahmen mehr oder weniger Teil an dem Schicksal eines Mannes, von dem sie von Tag zu Tag mehr gute und edle Züge erzählen hörten, und – hatten außerdem eine unüberwindliche Schwäche für die landesübliche Münzsorte.

Der Kaiser äußerte gleich anfangs zwei Bedenken gegen seinen Fluchtplan. Erstlich war es ihm, wie er sagte, ein unangenehmes Gefühl, »davonzulaufen« – und dann könne er gar nicht daran denken, ohne die mit ihm am meisten Gefährdeten, wie Miramon, Mejia und Prinz Salm, zu entfliehen, und das bot allerdings schon mehr Schwierigkeiten, war aber trotzdem durchzuführen.

Prinz Salm wurde mit in das Geheimnis gezogen und ging rasch und freudig auf den Plan ein. – Alles, nur nicht der Gefangene dieser Menschen und von ihrer Willkür abhängig bleiben – aber der Kaiser schwankte. – Er hielt es nicht mit seiner »militärischen Ehre« verträglich, und der Prinz hatte Mühe genug, ihn zu überzeugen, wie er, der gerade genug getan, und auch noch andere Pflichten habe, um sein Leben zu erhalten.

Dem Prinzen gelang es dabei, ohne besondere Schwierigkeit, den Offizier für sich zu gewinnen, der am häufigsten die Wache hatte. Die Garnison von Queretaro war nämlich schon sehr zusammengeschmolzen, da man alle entbehrlichen Truppen nach der Hauptstadt dirigiert hatte, um dort die Belagerung und Einnahme derselben zu unterstützen.

Der Kaufmann Thomson war indessen auch nicht müßig gewesen und hatte für Pferde und Waffen gesorgt, um sie zu der noch später zu bestimmenden Zeit bereit zu halten. Geld besaß der Kaiser noch für die nächsten Ausgaben, um seinen Rettern wenigstens eine Abzahlung zu machen. – Das übrige sollte dann angewiesen werden.

Der erste Offizier mußte übrigens noch einen zweiten gewinnen, ohne dessen Mithilfe die Flucht nicht bewerkstelligt werden konnte, und alles schien sich so günstig als möglich zu gestalten.

In dieser Zeit traf die Prinzessin Salm in Queretaro ein, der es nach unsagbarer Mühe und Überwindung aller möglichen Schwierigkeiten endlich gelang, ihren Gatten aufsuchen zu dürfen.

Thomson hatte davon gehört und sich wieder Zutritt zu dem Kaiser zu verschaffen gewußt, dem er einmal Bericht abstatten und dann eine dringende Bitte ans Herz legen wollte.

Der Kaiser empfing ihn wie immer freundlich, und nach kurzer Einleitung sagte er dann:

»Es steht alles gut, Majestät – Prinz Salm hat tüchtig vorgearbeitet, die nötigen Offiziere sind gewonnen, so daß wir bereit sein müssen, schon in nächster Zeit auszubrechen, aber eine Bitte habe ich an Sie.«

»Und die ist, lieber Thomson?«

»Wie ich heute gehört habe, ist eine Dame eingetroffen, die Prinzessin Salm. – Wenn Ihnen an dem Gelingen unserer Flucht auch nur das geringste liegt, so teilen Sie ihr keine Silbe über unseren Plan mit, oder gestatten ihr gar, daß sie sich hineinmischt.«

»Sie irren sich, Thomson,« sagte der Kaiser. – »Die Prinzessin ist uns treu und aufrichtig ergeben und an Verrat nicht zu denken.«

»Davon spreche ich nicht, Majestät, und fürchte keinen Verrat von ihrer Seite,« sagte Thomson, »wo aber bei einer solchen Sache Damen die Hand mit im Spiel haben, geht es jedesmal schief, denn sie können den Mund nicht halten.«

»Ich glaube, die Prinzessin kann schweigen, wo sie will.«

»Möglich,« sagte Thomson nach einigem Zaudern, »aber – ich habe in meinem Leben nichts Beweglicheres und Unruhigeres gesehen, als diese Dame ist – ich kenne sie schon von Mexiko her. Sie wechselte dort fortwährend aus der Stadt in das feindliche Lager und zurück –«

»Um Vermittelungsversuche zu machen.«

»Ich weiß es, aber sie trieb es in einer so rastlosen Weise, daß sie Porfeirio Diaz zuletzt ausweisen ließ und ihr nur schwer die Erlaubnis gab, nach Queretaro zu gehen. Sie würde, mit allem Eifer für die Sache, hier mehr verderben als gut machen, und ich bitte Euer Majestät dringend, mir nur hier zu folgen.«

»Wenn ihr nur der Prinz selber nicht schon davon gesprochen hat!«

»Dann gebe ich keinen Claco für unseren ganzen Plan.«

Der Kaiser lachte. »Sie haben schlechtes Vertrauen auf weibliche Bundesgenossen, und doch leisten sie manchmal vortreffliche Dienste.«

Thomson schüttelte mit dem Kopf. »Ich will wünschen, daß ich mich irre, Majestät,« sagte er, »aber das beste wäre, daß wir sie auf kurze Zeit von hier entfernten – es arbeitet sich besser.«

»Ich werde mit dem Prinzen sprechen,« sagte der Kaiser nach kurzem Nachdenken, »aber gerade die Prinzessin scheint mir sehr resolut.«

» Das ist sie,« bestätigte Thomson. – »Ich glaube nicht, daß es noch eine zweite Dame in Mexiko gibt, die mehr Strapazen erträgt – und durchmacht, und kein Kavallerist sitzt fester im Sattel als sie, aber alles, was ich fürchte, ist übertriebener oder verkehrter Eifer, und außerdem ist sie der spanischen Sprache gar nicht mächtig. – Wie gesagt – ich bitte Majestät dringend, sich nicht mit ihr einzulassen.«

»Schön, schön, lieber Thomson, wir wollen die Sache bedenken. Sie haben vielleicht recht, und wenn das Unglück nicht schon geschehen ist, soll sie von mir nichts darüber erfahren – oder doch jedenfalls zur Vorsicht ermahnt werden.«

Damit war vorderhand nichts weiter zu tun, und Thomson kehrte in die Stadt zurück, um noch nötige Anordnungen zu treffen.

Am nächsten Morgen besuchte die Prinzessin den Kaiser wieder, aber er brauchte nichts mehr an sie zu verraten, denn sie wußte schon alles von ihrem Gatten und – schien mit dem Plan nicht einverstanden. Sie hatte den einen Offizier gesehen und traute ihm nicht – die Leute wollten nur Geld erpressen, weiter nichts – bei einem solchen Vorhaben müsse man sich an höhere Offiziere wenden, die auch wirklich eine Flucht sichern könnten – diese unteren Offiziere hingen ja nur von einem Befehl ihrer Oberen ab, der – selbst zufällig gegeben, die ganze Sache über den Haufen werfen konnte. – Auch diesem Thomson, den sie kennen gelernt hatte, traute sie nicht – es war aber möglich, daß er es ehrlich meine, wenn auch immer mit ihm gewagt.

»Aber Prinzessin, Sie sehen zu schwarz,« sagte der Kaiser freundlich – »es ist wahr, ich bin jetzt von Verrat umgeben gewesen, aber soll es denn gar keine ehrlichen Menschen auf der Welt mehr geben?«

»Gut, Majestät,« sagte die Prinzessin, »alsdann versprechen Sie mir wenigstens, vorher nach Baron Magnus und einigen tüchtigen Rechtsgelehrten zu senden, und – hören Sie erst deren Meinung – ich will mit Freuden selber nach Mexiko reisen und sie holen.«

»Sie wollen diese böse und gefahrvolle Reise für mich machen?« sagte der Kaiser herzlich – »wie kann ich das alles Ihnen danken.«

»Alles, alles will ich für Sie tun,« rief die Prinzessin leidenschaftlich, »aber folgen Sie nur dieses Mal meinem Rat, Majestät. Mein Leben gäbe ich ja so gern für das Ihre hin, wenn ich es damit erkaufen könnte, aber – mir sagt eine Ahnung, daß Sie den Weg zur Flucht, den Sie mit Hilfe dieser Menschen suchen, nicht offen finden werden. Aber einmal die Sache mißglückt, und Sie sind verloren, denn ein zweites Mal wird man Ihnen keine Gelegenheit mehr geben. Warten Sie die Gesandten ab.«

»Aber indessen geht die Sache hier ihren Gang,« sagte der Kaiser. »Juarez drängt, und die Gesandten werden zu spät eintreffen.«

»Und ist es nicht möglich, Aufschub zu erlangen?«

»Man müßte sich an Juarez selber wenden – und wer kann das tun?«

»Das ist dann das Wichtigere,« rief die Prinzessin, augenblicklich bereit, irgendwelchen schwierigen Auftrag zu übernehmen. – »Lassen Sie mich machen, Majestät,« fügte sie mit herzgewinnendem Lächeln hinzu – »ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, Sie zu retten, und was ich unternehme, führe ich auch sicher durch.«

»Täuschen Sie sich nicht,« Prinzessin,« sagte der Kaiser gutmütig. – »Sie würden da vielleicht das Unmögliche versuchen – doch veremos – wunderbarere Dinge sind geschehen.«

Die Prinzessin führte ihren Vorsatz in der Tat durch. Der Oberst Villanueva bei den Liberalen, der aber ganz durch die Überredung der Prinzessin ihrer Seite gewonnen worden, riet jetzt selber dem Kaiser, ein paar Zeilen an Juarez zu schreiben und ihn um 14 Tage Aufschub zu bitten, um sowohl seine Verteidiger von Mexiko kommen zu lassen, als auch alles nötige Material herbeizuschaffen, und es gelang der Dame bei einer persönlichen Zusammenkunft mit Juarez, zu welchem Zweck sie besonders die beschwerliche Tour nach Luis Potosi machte, ihm, wenigstens drei Tage Aufschub abzuringen. Indessen war nach Mexiko telegraphiert worden, um den preußischen Gesandten herbeizurufen, da sich der österreichische als völlig unbrauchbar und nutzlos zeigte. Er war ein diplomatischer Schattenmann voller Furcht und Bedenken, eine adelige Puppe, wie sie leider nur zu oft in fremde Weltteile geschickt werden, um das deutsche Volk dort würdig zu vertreten. Diese Leute sind völlig nutzlos in der Heimat, und man ist da töricht genug, sie nach außen als Repräsentanten zu schicken, wo sie auch eine Weile eine Rolle spielen, bis wirklich einmal etwas Ernstliches von ihnen verlangt wird. Dann tritt ihre Nutzlosigkeit zutage, und sie ziehen sich später mit ein paar unverdienten Orden mehr und einer großen Pension ins Privatleben zurück.

Die Prinzessin kehrte nach sehr kurzer Zeit mit der Order des Aufschubs, der dem Prozeß eine längere Dauer gab, zurück, war aber sehr unglücklich, als sie hörte, daß die Flucht doch ausgeführt werden sollte, und versuchte nochmals aber umsonst ihre Beredsamkeit an dem Kaiser, der jetzt fest entschlossen schien, den Versuch zu wagen. Es war alles vorbereitet, auch die Reise der Prinzessin nach Mexiko sollte verschoben werden, bis man wußte, ob die Flucht gelingen werde oder nicht.

Ein dritter Offizier hatte indessen in das Geheimnis gezogen werden müssen, und am 2. Juni traf alles so günstig zusammen, daß diese drei gerade die Wache hatten. Es wurde nun auch definitiv festgestellt, daß die Flucht in der nächsten Nacht stattfinden solle.

»Außer durch die Kavalleriewache an der Treppe,« erzählt Prinz Salm, »und die Infanteriewache vor dem Tor des Klosters wurden die Gefangenen durch keine andere bewacht. Die Offiziere waren gewonnen, und die Soldaten folgten, ohne zu denken, den Offizieren. Der Rittmeister nahm sogar eine Eskorte mit. In der Stadt lagen nur einige Truppen in den Häusern zerstreut, und die Straßen wurden nicht später als bis elf Uhr von kleinen Infanterie-Patrouillen durchzogen. Vor der Stadt standen keine Posten und keine Truppe überhaupt zwischen dort und der Sierra Gorda.«

An diesem Tage kam Miramons Gemahlin nach Queretaro, und es wurde ihr gestattet, ihren Mann zu sehen, aber um ein Uhr traf eine Depesche von Mexiko ein mit der Nachricht, daß Baron Magnus mit den beiden ersten Advokaten Mexikos, Martinez de la Torre und Riva Palacio, unterwegs sei.

Die Prinzessin hatte sich die größte Mühe gegeben, den Kaiser noch zu bewegen, wenigstens die Ankunft der Gesandten und der Advokaten abzuwarten, aber er schien diesmal entschlossen zu fliehen, denn er ahnte, was ihm bevorstand, und wollte es nicht abwarten.

Unruhig ging er an dem Nachmittag in seinem Zimmer auf und ab – alle Vorbereitungen waren getroffen und nur die Nacht mußte abgewartet werden, um Queretaro unter starker Begleitung und fast ohne Gefahr zu verlassen. Da verlangte eine alte Frau zu dem Kaiser gelassen zu werden, die, wie sie sagte, einige Kuchen für ihn gebacken hatte und sie ihm selber bringen wolle. Er war immer gut mit den armen Leuten gewesen, und wenn sie auch arm sei, wolle sie ihm doch ihre Dankbarkeit zeigen.

Die Soldaten ließen sie durch, blieben aber – wie ihr Befehl lautete, bei der offenen Tür stehen, und die Alte reichte jetzt dem darüber allerdings überraschten Monarchen das kleine Körbchen, indem sie ihn bat, die dürftige Gabe freundlich anzunehmen. Von den Soldaten unbemerkt, schob sie aber dabei das eine Brötchen, während ihr Blick den Kaiser traf, ein wenig vor – es war das jedenfalls ein Zeichen, schüttete die Brötchen dann aus, und jedes Geschenk verweigernd, eilte sie, so rasch sie konnte, wieder zurück und auf die Straße.

Maximilian kannte aber schon diese Art, kleine Zettel in Brot zu verstecken – er hatte mehrere in der nämlichen Weise erhalten, und wie er sich nur unbemerkt wußte, brach er das bestimmte Brötchen auf. Ein unheimliches Gefühl beschlich ihn jedoch dabei – was für eine Nachricht konnte es sein, die ihm jetzt noch mit solcher Vorsicht gesandt wurde, wo er fast offen mit allen seinen Freunden verkehren durfte – etwas Gutes schwerlich – und seine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. In dem Brötchen war allerdings ein kleiner Zettel verborgen, auf dem aber nur, mit augenscheinlich verstellter Handschrift, die Worte standen:

»Hüten Sie sich – die Leute, mit denen Sie fliehen wollen, sind Verräter.«

Ein recht wehes, bitteres Lächeln zuckte um des Kaisers Lippen, als er die Worte las und den Zettel dabei fast unbewußt in lauter kleine Stückchen zerpflückte.

»Alles Verräter,« – murmelte er endlich halblaut vor sich hin – »alles Verräter – gibt es denn keinen ehrlichen Menschen mehr in Mexiko?«

Er ging von jetzt an mit raschen Schritten in seinem kleinen Gemach auf und ab – nachdenkend die Hände, wie er es gewöhnlich tat, auf den Rücken gelegt und den Kopf etwas gesenkt – endlich schickte er nach Prinz Salm, der rasch zu ihm eilte.

»Lieber Salm,« sagte er, jetzt wieder vollkommen ruhig, »da die Gesandten unterwegs sind, ist die Reise Ihrer Frau nach Mexiko unnütz geworden. Außerdem habe ich beschlossen, daß wir in dieser Nacht nicht fliehen wollen.«

»Majestät!« rief Salm wirklich erschreckt aus, »das kann nicht Ihr Ernst sein – alles ist vorbereitet – alles – Sie brauchen nur Ihr Zimmer zu verlassen, aufzusitzen und davonzureiten. Sämtliche Offiziere, die heute die Wache haben, sind gewonnen, ich bitte Sie dringend, von diesem unglückseligen Gedanken abzustehen.«

»Es geht nicht, lieber Salm,« entgegnete aber der Kaiser freundlich – »denken Sie nur, was die fremden Gesandten sagen würden, wenn sie von Mexiko hier ankämen und ich ihnen durchgegangen wäre.«

»Ihrem Gott würden sie danken,« rief Prinz Salm eifrig, »denn damit wäre ja alles erreicht, was sie jetzt nur vielleicht mit vieler Mühe – oder gar nicht – erstreben könnten. O, Majestät, ich bitte Sie dringend, folgen Sie nur dies eine Mal meinem Rate – Sie befinden sich in größerer Gefahr, als Sie vielleicht glauben!«

»So schnell geht es nicht, lieber Salm,« lächelte der Kaiser, »und dann – habe ich auch Ihrer Frau versprochen, hier zu bleiben, bis die Gesandten eintreffen – mein Versprechen muß ich doch halten?«

»Majestät!« rief Prinz Salm bewegt, »meine Frau kann Ihnen kein solches Versprechen abgenommen haben – und sicher nicht für den Fall, daß Sie sich früher retten würden. Alles, was sie will, ist ja doch auch nur, Sie in Freiheit und Sicherheit zu sehen.«

Der Kaiser schüttelte den Kopf. – »Bitte, sprechen Sie mit den Offizieren – wir müssen es auf einen anderen Abend verschieben, auf ein paar Tage kommt es ja doch nicht an.«

Prinz Salm ging, kehrte aber bald zurück, um dem Kaiser aufs neue Vorstellungen zu machen. Die Offiziere waren außer sich, denn sie wollten einmal das ihnen versprochene Geld verdienen, und dann lag ihnen auch daran, von hier fortzukommen. Es wußten zu viele Personen um den Fluchtplan – jetzt sei die Sache noch ein Geheimnis und die Ausführung so gut wie gelungen, allein eine Gelegenheit wie die heutige komme nie wieder.

Es war umsonst. So leicht sich der Kaiser sonst zu irgend etwas bereden ließ, heute gab er nicht nach.

»Wo ist Thomson?« fragte er nach einer kleinen Weile.

»Thomson, Majestät, ist heute mittag abgereist, um nicht nach gelungener Flucht in den Verdacht der Beihilfe zu kommen. Er konnte auch hier nichts mehr nützen, denn es ist alles so durchaus geordnet und vorbereitet, daß für ihn nichts mehr zu tun blieb. Wenn Majestät nur wollten –«

»Heute nicht, lieber Salm – heute nicht – die Herren müssen ja in den nächsten Tagen kommen.«

Die Nacht verging – und der Kaiser blieb Gefangener – der günstige Moment war verstrichen.

Wie er dem Drängen der treu an ihm hängenden Offiziere nicht nachgegeben hatte, als er noch aus Queretaro ausbrechen konnte – bis es zu spät war – so auch hier. Zu spät! zu spät!

Am nächsten Tage schon zeigten strengere Maßregeln und die Entfernung der früheren Wachen, daß Escobedo alles wissen mußte – wenn er es nicht schon früher gewußt hatte.

Prinz Salm wie alle übrigen Offiziere wurden von dem Kaiser getrennt und im Kasino untergebracht, wie ebenfalls unter strenge Bewachung und Aufsicht gestellt, die sogar so weit ging, daß man ihnen nicht einmal mehr ein Eßbesteck erlaubte.

Als Doktor Basch, der ebenfalls vom Kaiser getrennt gewesen war, aber sehr bald wieder die Erlaubnis erhielt, zu ihm zu gehen, bei ihm eintrat, sagte ihm Maximilian, indem er mit ihm über die jetzt vollständig gestörten Fluchtpläne sprach: »Das haben wir nur den Weibern zu verdanken – ich glaube, die Miramon muß geschwätzt haben.« Basch: »Erinnerungen«, Band II. 190.

Die nächsten Tage vergingen in großer Unruhe, denn das Kriegsgericht sollte seine Sitzungen beginnen, und zwar – als dem größten Raum in Queretaro, wo man auch dem Publikum den Zutritt gestatten konnte – im Theater Iturbide. Wie unwürdig das sei, dem Kaiser gegenüber, sah man natürlich nicht ein. Sowie man aber auch nur dem Kaiser die Mitteilung machte, erklärte er augenblicklich auf das bestimmteste, daß er nicht dort persönlich erscheinen würde, und dabei blieb es.

Die Gesandten gaben sich indessen im Verein mit den gekommenen Advokaten die größte Mühe, den Kaiser gar nicht vor ein Kriegsgericht zu bringen, sondern ihn den Zivilgerichten zu überweisen, wodurch die ganze Sache schon ein anderes Ansehen bekam, und nicht von unreifen mexikanischen Offizieren, sondern von wirklichen Juristen entschieden wurde. Man hatte den Kaiser allerdings mit den Waffen in der Hand gefangen genommen, aber doch nicht in der Schlacht besiegt, sondern nur von einem Verräter gekauft – aber Lerdo de Tejada wollte besonders das Oktober-Dekret gegen ihn als Hauptanschuldigung erhoben wissen, obgleich es der Kaiser selber fast nie hatte ausführen, sondern fast ohne Ausnahme Gnade walten lassen, und damit war das Urteil schon von vornherein gesprochen. Der Angeklagte sollte außerdem nach dem Gesetz vom 25. Januar gerichtet werden. Das Gesetz vom 25. Januar, in dem Juarez alle mit den Waffen in der Hand Betroffenen zum Tode verurteilte.

Sämtliche, dem Kaiser meist freundlich gesinnte Offiziere, die darüber befragt wurden, erklärten auch achselzuckend, daß sie die feste Überzeugung hätten, der Kaiser würde zum Tode verurteilt und das Urteil dann jedenfalls von Juarez bestätigt werden, und jetzt war es Prinzessin Salm, die auf Flucht drang und den Kaiser dahin zu überreden suchte.

Maximilian dagegen, dem man auch wohl diese schlimmen Anzeichen veröffentlicht hatte, vertraute immer noch fest auf die Hilfe des preußischen Vertreters und die seiner Advokaten, und wollte, als ihm die Prinzessin den Vorschlag machte, nichts davon wissen.

»Ich bin überzeugt, liebe Prinzessin,« sagte er, »daß Sie es gut und aufrichtig mit mir meinen, aber – Damen sind doch vielleicht für so etwas nicht die passenden Werkzeuge, und so sehr ich Escobedos Schonung nach dem ersten Fluchtversuche anerkenne, so würde ein zweiter, wenn entdeckt, unsere Lage sehr verschlimmern.«

»Aber ich gehe sicher, Majestät!« rief die Prinzessin, im Eifer für ihre Sache erglühend, »und alles ist schon vorbereitet. Den Oberst Villanueva, der in der Stadt befehligt, habe ich vollständig gewonnen und von ihm ist kein Verrat zu fürchten – nur noch ein anderer Oberst, der die Gefängnisse unter seiner Aufsicht hat, Riva Palacio, muß gewonnen werden, und alle diese Menschen sind mit Gold zu kaufen. Ich stehe Ihnen für den Erfolg, wenn Sie mich mit den entsprechenden Mitteln ausstatten.«

Der Kaiser hatte das Vertrauen verloren, aber dem dringenden Zureden der Dame konnte er zuletzt nicht widerstehen. Schon ihre Worte ließen ihn ahnen, daß seine Sache doch vielleicht gefährlicher stünde, als er anfangs geglaubt – er gab seine Zustimmung, und fröhlichen Herzens eilte die unermüdliche Frau an ihr Werk.

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