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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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In Querétaro.

Mit Jubel wurde der Kaiser in Queretaro selber empfangen, denn die Stadt war gut kaiserlich gesinnt. Sie gerade, die sich durch einen großen Gewerbefleiß auszeichnete, brauchte und verlangte Ruhe und Ordnung, und wußte recht gut, daß beides unter den republikanischen Wirtschaften nicht möglich sei; von dem Kaiserreich dagegen erhoffte sie eine Besserung und hatte schon früher den kaiserlichen Herrn liebgewonnen, als er sie auf seiner ersten Reise besuchte. Wohin Maximilian auch kam, gewann er ja alles durch sein einfaches, offenes und unverkennbar redliches Wesen für sich.

»Queretaro Doktor Basch: »Erinnerungen«., eine Stadt von damals 40 000 Einwohnern bildet ein in schräger Richtung von NO nach SW liegendes Rechteck. Entlang der nördlichen Seite fließt der Rio-Blanco, ein kleiner aus der Sierra Gordo kommender Fluß. Nur gegen Westen schließt sich die Stadt an eine weit ausgedehnte Ebene, welche im Hintergrund mit den Bergen von Guadalajara abgeschlossen wird. In einem spitzen Bogen um die Stadt, der nur an einer Stelle durchbrochen wird, wo der Rio-Blanco sein Bett geebnet hat, liegen in der Richtung von Süd nach Nordost: der Cimentario, die Cuesta china, die Loma de gareta und die Canada – nördlich und westlich La Cantera und San Pablo. Der Stadt näher und parallel mit San Pablo ist der Hügel San Gregorio, das westliche Ende bildet der Hügel Jacal.

»Mitten aus der Öffnung dieses Gebirgsbogens erhebt sich am westlichen Ende der Stadt der Cerro de las Campanas. Von hier aus überblickt man, gegen Norden gewendet, den San Gregoria, San Pablo a la Contira, rechts die Stadt mit dem sich am äußersten Ende erhebenden Kloster Cruz und hinter diesem die Cuesta china – links die Ebene von Guadalajara.«

Alle diese Höhen waren während der Belagerung vom Feind besetzt, mit Ausnahme des Cerro de las Campanas und des am östlichen Ende der Stadt auf einem Felsen erbauten Klosters Cruz.

So weit die Einzelheiten der Stadt. Im ganzen eignete sich aber, wie man daraus ersehen kann, wohl kaum ein Platz in ganz Mexiko weniger dazu, eine Belagerung darin abzuwarten, als gerade Queretaro, denn in dem Talkessel lag es fast rings von Bergen eingeschlossen und den Geschützen der Belagerer vollkommen preisgegeben. – Aber den Fehler teilte es auch mit fast allen übrigen Städten des Landes, und Queretaro, das als »Schlüssel von Mexiko« galt, sollte nun einmal gehalten werden.

Der Kaiser hatte jetzt die Führung des Ganzen übernommen, und umsichtig wie tätig zeigte er sich dabei, und traf alle möglichen Vorbereitungen, um den Ort so gut und vorteilhaft als möglich zu befestigen. Draußen aber auf den umliegenden Höhen fingen die Truppen der Liberalen an sich zu sammeln, und es dauerte auch in der Tat nicht lange, bis sie einen gemeinsamen und heftigen Sturm gegen die schon fast eingeschlossene Stadt versuchten – das bekam ihnen aber übel. Durch die Tapferkeit der Führer, besonders des alten Indianers Mejia, der die Kavallerie befehligte, wie des Prinzen Salm, dem der Kaiser die Führung der Cazadores (Jäger) übertragen hatte, wurden sie in glänzender Weise zurückgeschlagen.

Wieder und wieder versuchten sie nun wohl Eingang zu gewinnen, aber wieder und wieder mußten sie sich mit Verlusten zurückziehen, doch – die Siege wurden nie verfolgt. Obgleich besonders Mejia dahin drängte, wußte Marquez, auf den der Kaiser außerordentlich viel gab, jeden solchen entscheidenden Schlag zu vermeiden, und die Liberalen behielten immer wieder Zeit, sich zu erholen und aufs neue zu sammeln, während die Belagerten Truppen verloren, die sie nicht wieder ersetzen konnten.

Was für ein buntes, reges Leben herrschte indessen in dem sonst so stillen Queretaro, und man hätte kaum glauben sollen, daß man sich in einer engbelagerten Stadt befand. Aber der gute Mut der kaiserlichen Truppen trug daran die Schuld, denn wo man auch noch mit dem Feind zusammengetroffen war, hatte man ihn geschlagen, und dadurch bekamen die Soldaten nicht allein ein Gefühl der Überlegenheit, sondern auch der Sicherheit, insofern sie sich jeden Augenblick bewußt waren, einen Ausgang aus der Stadt, wenn sie dieselbe einmal verlassen wollten, auch forcieren zu können.

Aber eine Verstärkung der Garnison schien trotzdem nötig, und Weisung war schon vor längerer Zeit an das Ministerium nach Mexiko gegangen, um die fremden Truppen, besonders Graf Khevenhüllers Husaren, mit Baron Hammersteins Bataillon und der gezogenen Batterie, nach Queretaro zu senden und dann einen entscheidenden und zugleich vernichtenden Schlag gegen Escobedos Armee zu führen; doch sie kamen nicht, und der Kaiser fing an ungeduldig zu werden.

An der Plaza befand sich ein von einem Franzosen gehaltenes Kaffeehaus, in und vor dem sich die Offiziere gewöhnlich zusammenfanden, um Neuigkeiten zu hören oder miteinander über die Tagesereignisse zu plaudern. War man doch stets sicher, dort wenigstens irgendwen zu treffen, mit dem man sich ein Stündchen unterhalten konnte.

Vor dem Kaffeehause aber schräg über die Plaza hinüberschneidend, gingen zwei mexikanische Offiziere im eifrigen Gespräch auf und ab – es waren General Marquez und Oberst Lopez, und Marquez' überdies finsteres und höchst unsympathisches Gesicht hätte sich heute in noch dunklere Falten gezogen, während Oberst Lopez, der ihn fast um eine Kopfhöhe überragte, die Sache, um die es sich handelte, viel ruhiger zu nehmen schien und nur dann und wann einmal einen vorsichtigen, wie forschenden Blick nach seinem Begleiter hinabwarf.

»Also die Sache ist fest beschlossen?«

»Ja,« nickte Marquez, »im Kriegsrat wurden die verschiedenen Anträge vorgenommen, ob und in welcher Weise wir einen Rückzug bewerkstelligen, oder uns in Queretaro halten wollen. Ich stimmte natürlich mit Mejia für das letztere – auch Miramon war dafür. Ferner wurde beschlossen, daß ich mit Vidaurri nach Mexiko durchbrechen solle, um Verstärkungen herbeizuziehen, welche die Herren da drinnen nicht von selber schicken wollen.«

»Und werden Sie gehen?«

»Gewiß –«

»Und wieder zurückkehren?« Die Frage war nur leicht hingeworfen, und Lopez sah dabei ruhig und unbefangen vor sich nieder, als ihn der rasch zu ihm aufgeschlagene Blick des Generals traf.

»Wie meinen Sie das, Oberst?« fragte er scharf.

»O nur, ob Sie die Verstärkungen selber herführen oder indessen den Oberbefehl in Mexiko übernehmen werden,« sagte Lopez, »oder ist vielleicht General Vidaurri dazu bestimmt? In letzter Zeit hat der Kaiser so häufig mit seiner Regierung gewechselt, daß man nie vorhersagen kann, was geschieht.«

»Ich werde selber zurückkehren,« erwiderte Marquez, durch die Antwort, wie es schien, beruhigt – »wenn sich – der Kaiser nämlich hier so lange halten kann; denn wie ich von Überläufern gehört, ist eine andere starke Kolonne der Liberalen im Anzuge – ich glaube, Riva Palacios Armee. Wir werden hier, selbst mit den Fremden, alle Hände voll zu tun bekommen.«

»Und der Kaiser,« sagte Lopez nachdenkend, »setzt sich dabei der Gefahr fortwährend auf eine fast unbegreifliche, jedenfalls törichte Weise aus. In den am schärfsten beschossenen Stellen verkehrt er mit einer Unbefangenheit, als ob er ein gefeites Leben hätte. Wenn er fiele, was würde dann?«

Marquez schwieg und sah still und brütend vor sich nieder – ob er seinem Begleiter nicht traute? – Ob ihn die eigenen Gedanken so weit beschäftigten? – Und Lopez fuhr lächelnd fort:

»Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es dann einen Streit unter den Generalen um die Oberherrschaft gäbe – Miramon ist sehr ehrgeizig, aber – bei einigen nicht besonders beliebt – Mendez haßt ihn.«

»Ich begreife Miramon überhaupt nicht,« sagte Marquez wieder nach einer kurzen Pause, und fast wie mit sich selber redend – »ob er auf etwas derartiges spekuliert? – Aber er könnte sich da verrechnet haben. Fällt der Kaiser, so ist die Armee demoralisiert, und er selber muß wissen, daß er keinen größeren Feind im ganzen Land hat als Juarez.«

»Er stützt sich auf den Klerus.«

»Der ihm verwünscht wenig in Queretaro nützen würde. Wissen Sie, Lopez, daß Santa Anna wieder unterwegs nach Mexiko ist?«

»Caramba!« rief der Oberst erstaunt aus, »daß er sich nur nicht die Finger verbrennt, denn ich glaube, der Kaiser würde wenig Umstände mit ihm machen.«

»Der Kaiser täte ihm nichts,« sagte Marquez verächtlich, »und wenn er ihn heute zum Gefangenen hätte – er schickte ihn höchstens wieder fort. Das ist auch keine Kriegführung, wie er sie treibt. Alle diese Führer, Escobedo, Cortina, Porfeirio Diaz und viele andere noch, hatte er in seiner Gewalt, aber anstatt sie unschädlich zu machen, ließ er sie wieder laufen und muß jetzt dafür bezahlen.«

»Und was glauben Sie, daß mit uns geschähe, wenn Escobedo die Stadt mit Sturm nähme?«

»Das will ich Ihnen nicht wünschen,« sagte Marquez trocken, »denn Sie würden nie Gelegenheit bekommen, die Sache später zu erzählen.«

»Glauben Sie wirklich?«

»Ich bin es fest überzeugt – ebenso,« setzte er mit finster zusammengezogenen Brauen hinzu, »wie ich die Schufte sofort erschießen ließe, wenn sie in meine Hände fielen.«

»Und wenn man sich nun durchschlagen könnte,« sagte Lopez nachdenkend.

»Wenn es zur rechten Zeit geschähe,« erwiderte Marquez mit scharfer Betonung der Worte, »ja. Der Kaiser hat aber wunderliche Begriffe von Ehre – Begriffe, die ihm hier in Mexiko noch großen Schaden tun werden. Er wird es nie allein versuchen, und da es mit der ganzen Armee im Kriegsrat abgelehnt wurde, werden Sie wohl aushalten müssen.«

Wieder sah Lopez den General von der Seite an, ohne aber etwas zu äußern – das Wort Sie klang gar nicht, als ob er sich selber dabei mit inbegriffen halte.

»Es ist doch sonderbar,« sagte Lopez nach einer Weile, »daß das jetzige Ministerium in Mexiko ebenso faul zu sein scheint als die früheren Liberalen. Uns haben sie alles versprochen, als sie den Kaiser zurückhaben wollten, und was geschieht jetzt? Gar nichts.«

»Das ist die alleinige Schuld des Kaisers,« brummte Marquez, »er hat ebenfalls dem Klerus Versprechungen gemacht und bis jetzt nichts gehalten. Hob er, sobald er nach der Hauptstadt zurückkehrte, die leyes de reforma direkt auf, so wußte der Klerus, woran er mit ihm war – jetzt trauen sie ihm nicht, bis sie erst Beweise in Händen halten.«

»Und die werden sie bekommen, wenn er unterliegt und Juarez wieder im Land regiert. Nachher dürften sie die Folgen ihrer Saumseligkeit bereuen.«

»Das geschieht nie, Lopez,« sagte Marquez rasch, indem er einen flüchtigen Blick umherwarf, ob sie von jemandem gehört werden könnten, »das geschieht nie – dagegen sind Vorsorgen getroffen.«

»Und glauben Sie, General, daß Miramon ihm in der Regierung folgen wird?«

Der General schwieg, endlich sagte er achselzuckend: » Quien sabe – wunderlichere Dinge sind geschehen, und Miramon hat jedenfalls einen großen Anhang – wenn auch vielleicht manche Feinde. Die Klerikalen halten besonders viel auf ihn, und es ist möglich, daß er es mit denen ehrlich meint.«

»Sie trauen ihm nicht recht?«

»Ich weiß es nicht – ja und nein – er hat sich in der letzten Zeit verändert und scheint dem Kaiser treu anzuhängen.«

»Und tun wir das nicht alle?« erwiderte Lopez unbefangen.

»Ja gewiß,« erwiderte zögernd der General, »aber das Vaterland geht wieder allem anderen vor, und zu dessen Besten müssen wir eben alles opfern – selbst unser eigenes Leben. Doch, amigo, die Zeit drängt – ich habe noch viele Vorbereitungen zu treffen, um meinen etwas gefährlichen Marsch anzutreten.«

»Wieviel Mann Eskorte nehmen Sie mit?«

»Es ist noch nicht bestimmt, zirka tausend.«

»Das wird unsere Besatzung sehr schwächen.«

»Sie behalten noch immer über sechstausend zurück – also adios! – Halten Sie aber die Augen offen, denn solange wir imstande sind, die Stadt Mexiko zu behaupten, haben wir nicht verloren und können, wenn wir wollen, den Kampf von neuem aufnehmen.«

»Und keine Nachricht ist von der Kaiserin eingetroffen?«

»Von der Kaiserin?« sagte Marquez, »nicht daß ich wüßte. Nur kurz vorher, ehe wir Mexiko verließen, traf ein Bericht ein, lautete aber sehr böse.«

»Der Kaiser selber scheint sich wenig darum zu kümmern,« sagte Lopez finster, »ich habe ihn nie so heiter gesehen als gerade jetzt.«

»Menschennatur,« lachte Marquez, »er war niedergeschlagen, wo er nichts zu tun hatte. Jetzt, in voller Beschäftigung, ist die Kaiserin längst vergessen«; und dem Obersten einen Gruß zuwinkend, schritt er die Straße hinab, seiner eigenen Wohnung zu.

*

In einer Seitenstraße, nicht weit von der Plaza, war Oberstleutnant Jablonsky vom Regiment der Kaiserin einquartiert.

Jablonsky trug allerdings einen polnisch klingenden Namen, war aber Vollblut-Mexikaner, sogar mit einer kleinen Mischung indianischer Rasse, und entstammte jedenfalls der untersten Schicht der Bevölkerung; aber er galt als der intime Freund des Oberst Lopez, mit dem er schon viele Gefahren geteilt, war deshalb in dessen Regiment getreten und rasch, viel rascher avanciert, als er es wohl seinen überhaupt sehr zweifelhaften Verdiensten zuschreiben konnte. Es war ein roher, ungebildeter Bursche, – ein echter mexikanischer Soldat, wie sie die ewigen Revolutionen ins Leben gerufen: tapfer, wo es das eigene Leben zu verteidigen galt, aber sonst rasch bei der Hand, wo es zu plündern und zu brandschatzen gab, und deshalb auch gar nicht mit der strengen Disziplin in dem kaiserlichen Heer einverstanden. Lopez selber wenigstens hatte oft Mühe genug, ihn von Ungehörigkeiten zurückzuhalten.

Jablonsky schien aber sein rauhes Wesen in diesem Augenblick ganz abgelegt zu haben, denn neben ihm, auf dem nämlichen Tisch, auf dessen eine Ecke er sich halb gesetzt, war ein junges, bildhübsches, aber bleich und ernst aussehendes Mädchen damit beschäftigt, die Wäsche des Kaisers und seiner nächsten Umgebung, die sie zu besorgen hatte, auszuplätten und zusammenzulegen.

»Aber Mercedes,« sagte der Oberstleutnant vorwurfsvoll, »du gibst mir auf alle meine Fragen keine Antwort. Denkst du denn, Mädchen, daß ich es nicht ehrlich mit dir meine?«

»Ich kann Euch nicht ins Herz sehen,« sagte das junge Mädchen ruhig, »aber ich bitt' Euch, mich zufrieden zu lassen. – Ob Ihr Ernst macht oder nicht, was kümmert 's mich – habe genug gehabt von Euresgleichen.«

» Caracho amiga,« lachte der Bursche. »Du sprichst ja verwünscht vornehm; weißt du, welchen Rang ich in der Armee habe?«

»Weiß es nicht und brauch' es nicht zu wissen,« sagte das Mädchen finster, »wenn es ein einfacher Handwerker wäre, ließe sich vielleicht ein Wort darüber reden – wenn auch nicht mit euch

»Hoho,« lachte Jablonsky, »möchtest wohl gar Kaiserin werden? Nun, der Platz ist bald frei, denn mit der Carlota geht's zu Ende.«

»Schämt Euch, von der armen, unglücklichen Frau so zu reden!« rief das Mädchen heftig – »habt ihr je Menschen wie dieses Kaiserpaar an der Spitze eurer Regierung gehabt? – Nie – denn ihr verdient sie nicht; aber Dank darf der Kaiser trotzdem nicht von euch erwarten, denn er läßt euch nicht rauben und plündern, wie ihr's von je gewohnt gewesen.«

»Caracho,« lachte der Herr Oberstleutnant, indem er scharf auf seinem Sitz herumrückte. – »Mädel, du hast eine scharfe Zunge und weißt, daß dir nichts geschehen kann – aber laß du das den Oberst hören.«

Das Mädchen warf verächtlich die Lippen empor, erwiderte aber kein Wort, sondern fuhr in seiner Arbeit fort, und Jablonskys Augen hingen in stiller Bewunderung an der schlanken und üppigen und dabei so geschmeidigen Gestalt. Da verdunkelte plötzlich der Körper eines Offiziers das Fenster – es war Lopez, und auf einen Wink von ihm sprang Jablonsky von seinem Sitz auf und eilte nach der Tür, ohne daß ihm Mercedes auch nur einen Blick nachgeworfen hätte – was kümmerte sie der Offizier – sie trug Haß und Bitterkeit im Herzen – keine Liebe.

»Nun, Oberst, wie stehen die Sachen?« fragte Jablonsky, als er hinaus auf die Straße kam – »etwas Neues?«

»Ja,« sagte Lopez finster, »aber ich weiß nicht, ob es etwas Gutes ist. Marquez geht nach Mexiko.«

»Caracho! Soll sich durchschlagen?«

»Ja, und Verstärkung bringen – die fremden Truppen.«

»Hm – und wird er es tun?«

» Quien sabe, – ich traue ihm nicht – er hat sich ein paarmal im Gespräch verschnappt. Wir werden wohl hier allein in der Falle sitzen bleiben.«

»Angenehm,« sagte Jablonsky, »und die Lebensmittel werden knapp, das Geld rar, und keine Gelegenheit, neues anzuschaffen. Ich wäre für's Hinausbrechen. Wenn wir uns jetzt in einer anderen Stadt festsetzen, können wir wieder von vorn anfangen.«

»Und wie wollen wir die Geschütze mit fortbringen? Es geht nicht.«

»Hier in dem verdammten Nest,« sagte der treue Freund des Obersten, »passiert uns noch ein Unglück. Ich traue der Bande nicht. Wenn uns Marquez im Stiche läßt, sitzen wir fest, und nachher unter der liberalen Regierung dürfen wir uns nach einer Anstellung als Lepero umsehen.«

»Du scheinst dir da schon eine Lepera ausgesucht zu haben,« sagte Lopez mit einem Seitenblick auf den Burschen, der in seiner Offiziersuniform ebenso aussah wie ein Hausknecht im Frack.«

»Hol der Teufel das stolze, hochnäsige Ding!« brummte Jablonsky; »merkwürdig übrigens, wie all das Frauenzeug hier in Queretaro an dem Kaiser hängt. Ich glaube, sie ließen sich mit dem größten Vergnügen alle miteinander für ihn totschlagen. – Was so ein Titel nicht tut!«

Lopez schwieg und schritt schweigend neben dem Gefährten die Straße hinab. – »Wir müssen's abwarten,« sagte er endlich – »aber – hast du lange keine Nachrichten von – draußen erhalten?«

»Es steht nicht besonders, wie es scheint. Die Soldaten bekommen schlechte Verpflegung, aber immer mehr neuen Zuzug. Hätte im Leben nicht geglaubt, daß Juarez noch so viele Leute auf die Beine bringen könnte.«

»Es sind viele Amerikaner darunter.«

»Eine ganze Menge, und verwünscht gute Schützen dazu. Sie haben uns schon einzelne Posten weggeputzt.«

»Der Bote ist noch nicht zurückgekehrt?«

»Nein – und wird auch nicht,« knurrte Jablonsky, »sie haben ihn gehangen.«

»Gehangen?« rief Lopez erschreckt.

Jablonsky nickte. »Ich weiß es von einem Deserteur. Sie hielten es für einen Vorwand und den armen Teufel für einen Spion – aber que importe – er hat's überstanden.«

Lopez nickte langsam vor sich hin, aber die Kunde schien einen unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Mit einem kurzen » Hasta luego« drehte er sich von Jablonsky ab und verfolgte seinen Weg allein die Straße hinan. –

Als Marquez den Oberst Lopez verlassen hatte, begegnete ihm bald darauf General Miramon zu Pferde, der ausgeritten war, um die Posten zu besichtigen. Als er Marquez bemerkte, stieg er ab, nahm sein Tier am Zügel und schritt neben dem Freund her.

»Nun, amigo,« sagte Marquez, »haben Sie noch Aufträge für mich in der Hauptstadt? Wie es scheint, werde ich vom Kaiser genug bekommen, um ein Lasttier damit zu beladen.«

»Keine von mir, Marquez,« sagte kopfschüttelnd der junge General, »als daß Sie selbstverständlich meine Frau aufsuchen und ihr sagen, wie Sie uns hier verlassen haben.«

»Und für das Ministerium? – für Monsennor?« sagte Marquez mit einem halb lauernden Blick.

Miramon schüttelte langsam den Kopf. »Nein, Marquez,« sagte er endlich, »ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß wir beide andere Pläne im Kopf hatten, als wir dem Kaiser nach Queretaro folgten. Ich kannte damals Maximilian wenig oder gar nicht, und was ich von ihm in Orizaba gesehen, konnte mich nicht besonders günstig für ihn stimmen – das Vaterland galt mir höher.«

»Und jetzt?« fragte Marquez leise.

»Jetzt,« rief Miramon, »bin ich fest entschlossen, bei ihm auszuharren in Freud' und Leid, und meine einzige Sehnsucht ist, daß wir die Hilfstruppen bald bekommen, um die liberalen Schufte zu Paaren zu treiben.«

»Und was wird Monsennor dazu sagen?«

»Monsennor,« erwiderte Miramon finster, »wird einsehen lernen, daß es sich noch immer besser mit dem Kaiser, als mit dem Indianer fährt. Maximilian ist ein Ehrenmann, und ich glaube und bin überzeugt, daß Mexiko noch kein würdigeres Oberhaupt gehabt.«

»Caramba,« lachte Marquez, »auch nicht unter Präsident Miramons Regierung?«

»Auch nicht unter der meinigen,« sagte der junge Mann entschlossen und bestimmt. »Ich habe selber diese ewigen und zwecklosen Revolutionen satt und fürchte, Monsennor tut nicht wohl daran, sie immer nur mehr zu schüren. Ich wenigstens möchte nicht Präsident werden und dabei die Pflicht übernehmen, die leyes de reforma aufzuheben, denn ich weiß, daß ich meinen Sitz nur mit den Waffen in der Hand zu verteidigen und keinen Augenblick Ruhe hätte.«

»Und glauben Sie, daß wir so bald Ruhe bekommen, amigo

»Ja,« sagte Miramon rasch und bestimmt. »Bringen Sie uns bald die nötige Verstärkung, dann zweifle ich auch keinen Augenblick daran, daß wir diese wild zusammengelesenen Schwärme Escobedos werfen und vernichten oder, noch besser, durch einen einzigen entscheidenden Sieg zu uns herüberziehen können. – Caramba, ich hatte den Indianer schon fest und hätte dem Kaiser wahrlich keine Gelegenheit gegeben, ihn zu begnadigen, denn darin ist er schwach – aber die Zeit kehrt vielleicht zurück, und dann mag er sich wehren.«

»Hm,« nickte Marquez leise vor sich hin, » so stehen also die Sachen – und wenn mich nun Monsennor direkt fragt, was soll ich ihm sagen?«

»Daß er auf mich für seine Zwecke nicht mehr zählen darf,« erwiderte Miramon bestimmt, »denn das einzige Ziel, dem er entgegenstrebt, könnte ich ihm so wenig erfüllen wie der Kaiser.«

»Und wenn er nun doch jemanden fände, der es unternähme?«

Die Frage war nur leicht und flüchtig hingeworfen, Miramon sah aber rasch und fast erschreckt den Freund an und rief:

»Santa Anna? Die Herren werden nicht wahnsinnig genug sein, den Erbfeind Mexikos wieder in das Land zu rufen – das Elend, das ihm folgen würde, wäre unabsehbar – aber Torheit,« setzte er gleich darauf verächtlich hinzu – »der Blutsauger wird sich hüten, mexikanischen Boden wieder zu betreten.«

»Und wenn er nun schon in diesen Tagen in Vera-Cruz gelandet sein sollte,« erwiderte Marquez – »die letzten Berichte, die ich erhielt, lassen es mich vermuten.«

»Berichte? Von wem?«

» Que importe.«

»Dann, beim ewigen Gott,« rief Miramon heftig aus, »sind die Priester Landesverräter, und damit haben sie auch ihr ganzes Spiel bloßgelegt. Maximilian – ich oder Santa Anna – wer ihnen nur ihre Macht sicherte, war ihnen gleich, und zu derselben Zeit hielten sie also drei Eisen im Feuer, um das zu schmieden, was ihnen nur den größten Nutzen versprach. Hätten Sie nicht Lust, Präsident zu werden, Marquez?« setzte er mit unverkennbarer Bitterkeit im Tone hinzu.

Marquez schüttelte lachend den Kopf. »Wüßte nicht, daß ich besonderes Verlangen danach trüge, und würde mich auf andere Weise zu versorgen suchen.«

Miramon sah den General bestürzt an. Es lag etwas in den boshaft lächelnden Zügen des Mannes; das ihm nicht gefiel. – »Sie kehren zurück, Marquez,« rief er heftig aus – »gewiß? Können wir uns fest darauf verlassen?«

»Caramba,« lachte Marquez, »schon die Frage ist eine Beleidigung – habe ich Ihnen nicht allen mein Ehrenwort gegeben, in spätestens vierzehn Tagen wieder mit den fremden Truppen in Queretaro zu sein? Glauben Sie, daß ich mich in Mexiko in die Ministerwirtschaft mischen möchte? So rasch ich die Leute rüsten kann, sitzen wir auf und denken den Herren Escobedo und Konsorten nachher eine kleine Überraschung zu bereiten.«

»Also ein Wort, ein Mann?«

»Nun, versteht sich von selber – in spätestens vierzehn Tagen bin ich zurück; halten sich aber die deutschen Regimenter dazu, so ist es sogar möglich, daß ich in etwa acht oder neun Tagen wieder da bin. Es soll uns schon kein Gras unter den Hufen wachsen.«

»Gut,« sagte Miramon, »dann kann sich noch alles glücklich gestalten, denn mit den Burschen da draußen werden wir fertig. Wohin gehen Sie jetzt?«

»Um meine Vorbereitungen zu treffen und den alten Vidaurri ein wenig anzutreiben. – Wir müssen jedenfalls in der Nacht aufbrechen, damit ich nicht die ganze feindliche Armee auf den Hals bekomme.«

*

Wenige Tage vergingen – Marquez war aus Queretaro mit etwa 1100 Mann und seinem wie Vidaurris Stab ausgebrochen, und Deserteure, von denen fast jeden Tag einzelne zu den Kaiserlichen überkamen, berichteten auch, daß er glücklich durchgeschlüpft sei. Hatte sich der Feind aber, der sogar vermutete, daß der Kaiser mit entkommen sei – über die Zahl der ausgerückten Truppen getäuscht, oder glaubte er vielleicht, Queretaro jetzt mit einem Handstreich nehmen zu können, wo die liberale Armee sogar noch Verstärkung durch Riva Palacio und zwei andere Bandenchefs erhalten, aber sie fingen an sich da draußen zu rühren. Am zweiten Tag fand ein allgemeiner und für mexikanische Verhältnisse ungemein stürmischer Angriff auf Queretaro statt, der freilich von dem kleinen Häuflein der Belagerten mit außerordentlicher Tapferkeit und so energisch zurückgeschlagen wurde, daß die weißgekleideten Soldaten da draußen die dunklen Hänge aller Orten mit ihren Leibern deckten. Escobedo mußte seine stürmenden Massen zurückziehen und ließ Tausende von Toten und Verwundeten auf dem Plan.

Prinz Salm, Mendez, Miramon, Mejia, sie alle hatten wie die Löwen gefochten, und wirkliche Begeisterung herrschte in dem kleinen Heer. Jetzt noch die deutschen Regimenter herbei, und Escobedo konnte, trotz seiner sechsfachen Überzahl, an seine eigene Sicherheit denken.

In Queretaro bereitete sich indessen ein ganz eigener Akt vor, nämlich die Ordensverleihung, die in solchen Fällen, so kindisch sie auch manchmal sein mag, ihre Weihe erhält.

Die Generale Miramon, Mejia, Castillo, Arellano, Mendez und Valdez – und als besondere Auszeichnung für bewiesene Tapferkeit auch Oberst Prinz Salm in der ersten Reihe, erhielten die bronzene Medaille für Tapferkeit – die auf der einen Seite das Brustbild des Kaisers, auf der anderen in einem Lorbeerkranz die Inschrift: Al merito militar (dem militärischen Verdienst) trug, und welche der Kaiser einem jeden selber an die Brust steckte; ebenso die übrigen Offiziere, die bei der Aktion beteiligt gewesen waren. Unteroffiziere und Gemeine erhielten die goldene und silberne Medaille, wie sie sich ausgezeichnet hatten.

Mit der bronzenen Medaille war der Kaiser am geizigsten, und sie wurde an einem roten Bande, das Brustbild nach außen, getragen.

Als sich der Kaiser nach Verteilung der Orden entfernen wollte, ging General Miramon auf Oberst Pradillo, der die Orden trug, zu, nahm eine bronzene Medaille, trat damit vor den Kaiser, und indem er sie demselben an die Brust steckte, sagte er folgende Worte:

»Eure Majestät haben Ihre Offiziere und Mannschaften dekoriert, als ein Zeichen der Anerkennung für Tapferkeit, Treue und Ergebenheit. Dem Tapfersten von allen, welcher uns stets in allen Gefahren und Entbehrungen zur Seite stand, und uns mit dem erhabensten, glänzendsten Beispiele stets vorangegangen ist, nehme ich mir hiermit im Namen Eurer Majestät Heeres die Freiheit, dieses Zeichen der Tapferkeit und der Ehre zu verleihen, welches Sie mehr als jeder andere verdienen.«

Der Kaiser war sehr überrascht und gerührt von dem sinnreichen und schönen Akte, umarmte den General Miramon, nahm die Medaille an und trug sie seitdem als seine erste und vornehmste Dekoration, allein gegen die Vorschrift, nicht das Porträt, sondern die Seite mit der Aufschrift nach außen. Prinz Salms »Queretaro«, in welchem umfassenden Buche der Prinz auch eine so detaillierte wie fesselnde Erzählung der einzelnen Kämpfe gibt.

Der Eindruck, den diese kleine, aber wirklich erhebende Feier auf das Militär nicht allein, sondern auf die ganze Stadt machte, war unbeschreiblich, Maximilian hatte sich ja schon durch sein schlichtes, freundliches Wesen die Herzen aller gewonnen, und überall jubelte man ihm jetzt entgegen, wo er sich nur zeigte. Das Militär brauchte viel, und den Einwohnern von Queretaro wurden schwere Opfer auferlegt, um nur die notwendigsten Bedürfnisse der Soldaten herbeizuschaffen, aber niemand weigerte sich zu geben, was in seinen Kräften stand; geschah es doch für den Kaiser, und ging er als Sieger aus diesem Kampfe hervor, so wußten sie auch, daß sie mit Vertrauen einer ruhigen und glücklichen Zeit für ihr Land entgegensehen konnten.

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