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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectiddb7e3891
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Bergunter.

Wenn es eine peinliche Zeit in der Geschichte des Kaiserreichs gibt, so sind es die Monate von Juli bis Oktober des Jahres 1866. In diesen konzentrierte sich alles Unheil, was über den Kaiser hereinbrechen sollte, in einzelnen, bald kleineren, bald größeren Schlägen, und es gehörte wahrlich ein starker Geist dazu, um, ohne imstande zu sein, da selber einzugreifen, ihnen ruhig die Stirn zu bieten und darunter auszuhalten.

Die Kaiserin hatte sich unter der innigsten Teilnahme des Publikums selbst in Vera-Cruz, das sich bis dahin dem Kaiserreich gegenüber ziemlich abwartend verhalten, nach Europa eingeschifft, und die Ungewißheit über ihre Sendung kam noch dazu, die Lage quälend, ja zuletzt fast unerträglich zu machen.

Vorher, ehe Napoleon mit schroffer Hand den Vertrag von Miramare einfach brach, herrschte Zuversicht im Reich, daß sich, trotz allen einzelnen Unglücksfällen, doch noch alles günstig gestalten müsse – später, als alle Hoffnungen zusammengebrochen waren, stand man wohl einem Unheil, einer Gefahr entgegen – aber man stand ihr doch entgegen – sie war da und drohte nicht nur immer in einzelnen kleinen Zeichen und schwärzer und schwärzer aufsteigenden Wolken.

Gerade in jenen Monaten aber kam alles zusammen, was imstande ist, selbst den Mut eines Helden aufzureiben, denn Tropfen nach Tropfen fiel auf den einen Punkt, Stern nach Stern erlosch, und Maximilian zeigte da wahrlich mehr Mannesmut und Ausdauer als später, wo er sich unbekümmert dem feindlichen Feuer aussetzte und dem Tode kaltblütig ins Auge schaute.

Dieser Rückzug der Franzosen war Tatsache geworden. Bazaine hatte sich allerdings noch einmal an die Spitze gestellt, um angeblich den Norden wieder von Juaristischen Banden zu befreien, in Wirklichkeit aber nur, um die Konzentration seiner Heeresmassen zu überwachen und überall hin, wo diesen Gefahr drohen könne, gleich selber kräftig einzugreifen.,

Das Verhältnis zwischen dem Kaiser und dem Marschall war denn auch schon, trotz aller höflichen Briefe, die sie noch wechselten, ein sehr gespanntes und unerquickliches geworden. Als der Marschall die Hauptstadt verließ und sich beim Kaiser verabschieden wollte, nahm ihn dieser gar nicht mehr an, was natürlich den stolzen Feldherrn auf das äußerste erbitterte.

Von überall, aus allen nördlichen und südlichen Provinzen trafen dabei die Nachrichten ein, daß sich die Städte, wie sie von den Franzosen nach und nach geräumt wurden, augenblicklich für die Republik erklärten, denn ohne weiteren Schutz wären sie auch sonst von den nachrückenden Liberalen einfach besetzt und ausgeplündert worden. Die belgischen Truppen, von dem französischen Oberkommando schon seit längerer Zeit auf das schlimmste behandelt und in einzelnen kleinen Korps an die gefährlichsten Stellen gesandt, wo sie aufgerieben werden mußten, und auch aufgerieben wurden, dabei mit Löhnung und Lebensunterhalt gekürzt, fingen an, gegen diese Behandlung zu rebellieren. Die mexikanischen Truppen dagegen wurden von gewissenlosen Führern, die jetzt den Sieg auf der anderen Seite sahen, gleich bataillonsweise zu den Liberalen übergeführt und hatten selber nicht das geringste dagegen einzuwenden.

Am 15. August war der Kaiser, dem jetzt nur daran lag, die Dinge hier einfach zu halten, bis er gewisse Nachrichten von Europa bekam, wieder von Cuernavaca, wo er kurze Zeit verweilt, zurückgekehrt und im Palacio in der Stadt abgestiegen, als ihn sein Minister Escudero um ein kurzes Gehör bat, da er ihm etwas Wichtiges zu sagen habe.

»Gewiß nichts Gutes, mein lieber Escudero,« lachte der Kaiser, »darauf wollte ich wetten, selbst wenn Ihr Gesicht nicht schon Ihr Verräter wäre. – Aber kommen Sie; was es auch sei, ich bin es schon gewohnt, fast an jedem Tag meine Portion verschlucken zu müssen, und die Franzosen tragen dazu, das weiß der Himmel, das meiste bei. – Das sag' ich Ihnen aber,« setzte er mit finster zusammengezogenen Brauen hinzu – »wenn es mir die Herren zu bunt machen, stecke ich meine Krone in die Tasche und lasse mich zum Präsidenten wählen. Ich weiß dann wenigstens, daß ich meinem treuen Freund Napoleon wie seinem biederen Marschall einen dicken Strich durch die Rechnung mache.«

»Majestät,« sagte Escudero ernst – »es betrifft diesmal nicht die Franzosen, sondern Leute, auf die wir bis jetzt geglaubt haben, uns fest verlassen zu dürfen. Haben Sie das Manifest Santa Annas gelesen?«

Der Kaiser lachte laut auf und rief aus: »Dem Himmel sei gedankt, wenn Sie nichts Schlimmeres für mich haben – da – da ist es,« rief er, indem er in die Tasche griff und eine Druckschrift herausholte. »Hier haben Sie seine denkwürdigen Worte, mit denen das alte Chamäleon den Mantel nach dem Winde hängt, hier: »Landsleute! Am denkwürdigen 2. Dezember 1822 machte ich die Worte zu meinem Motto: »Nieder mit dem Kaisertum, es lebe die Republik! und jetzt wiederhole ich mit Enthusiasmus die nämlichen Worte, aber von einem fremden Boden aus, auf dem ich als Verbannter lebe.« Daß dieser Mensch keine Scham mehr im Herzen hat, liest man aus jedem Buchstaben, oder glaubt er, das mexikanische Volk habe ein so schlechtes Gedächtnis, um sich nicht zu erinnern, daß er auch mehrere Male rief: »Nieder mit der Republik!« und sich selber schon »Hoheit« nennen ließ? Ist es denn möglich, daß es solche verächtliche Charaktere gibt, – und glauben Sie wirklich, daß der Mensch noch eine Zukunft in Mexiko hat? Wonach ich Ihnen denn freilich gestehen müßte, daß ich darauf verzichten möchte, über ein solches Volk zu regieren.«

»Nein, Majestät,« sagte Escudero, »daß Santa Anna noch eine Zukunft in Mexiko hat, glaube ich nicht, aber trotzdem doch noch einen kleinen Anhang, der insofern nicht ohne Einfluß ist, da er zu den Besitzenden gehört und sich an die Kirche anschließt.«

»Aha – jene »kleine aber mächtige Partei«, die wir schon aus Erfahrung kennen – eine saubere Gesellschaft gewöhnlich, die das Wort Patriotismus stets im Munde führen, ohne nur einmal zu wissen, was es bedeutet. Aber lassen Sie die Herren gewähren. Ich kenne sogar eine ganze Gesellschaft derselben hier in der Stadt, die mir schon lange denunziert wurde, aber sie sind vollständig ungefährlich, denn was können sie bezwecken – was wollen sie nur?«

»Das, Majestät,« erwiderte Escudero, »muß ich gestehen, weiß ich auch nicht und begreife es nicht, wenn sie nicht noch Geheimeres im Hinterhalte haben; aber daß jene Verschwörung, von der Majestät schon, wie ich glaube, unterrichtet sind, wirklich in allernächster Zeit, sogar am morgenden Tage, einen Ausbruch beabsichtigt, der nichts Geringeres bezweckt, als eine Regentschaft einzusetzen und sich indessen der Person Eurer Majestät zu versichern, dafür hier diese Beweise, die sogar zwei Herren aus Eurer Majestät nächster Nähe kompromittieren.«

Der Kaiser nahm schweigend die Papiere, aber er hielt die Unterlippe zwischen die Zähne gezwängt, und sein sonst so gutes Auge hatte etwas Finsteres, fast Feindseliges. War es doch auch fast zu viel für eine Menschennatur, sich nur immer von Verrat umgeben zu wissen, wo er selber noch dazu allen denen nur Liebes und Gutes erzeigt, und sie schon aus Dankbarkeit an sich gekettet glaubte.

Still und lautlos übersah und prüfte er die Papiere, und leise und langsam nickte er dazu mit dem Kopfe, aber immer drohender wurde sein Antlitz. Endlich sagte er langsam:

»Wo sind die Herren jetzt?«

»In diesem Augenblick, wie ich bestimmt weiß, in de la Parras Haus zu einer letzten Beratung versammelt.«

»Dann lassen Sie augenblicklich das Haus umzingeln und sämtliche Verräter binden und in das Gefängnis werfen.«

»Sie haben den Tod verdient.«

»Nein!« – rief der Kaiser rasch und fast wie erschreckt – »kein Blut mehr – es ist Blut genug geflossen meinethalben. In der Schlacht, ja, wenn es sein muß – aber kein Justizmord mehr.«

»Und wollten sie nicht unsagbares Elend wieder über die Hauptstadt bringen? Das ist die Partei, Majestät, die damit prahlte. Sie gewählt zu haben, und von dem ersten Moment an, wo Sie nicht ihren trügerischen Ratschlägen folgten, nichts getan haben, als gegen Sie zu intriguieren.«

»Ich weiß es – ich weiß es,« nickte der Kaiser, »aber ich will kein Blut mehr. – Sie sollen verbannt werden. Sie sollen nach Vera-Cruz geschickt und nach Yucatan transportiert werden – nur kein Blut mehr.«

»Und wenn sich Monsennor zwischen ihnen finden sollte?«

»Dann lassen Sie ihn mit den anderen« – rief der Kaiser in erster Aufwallung, aber er unterbrach sich rasch – »nein,« sagte er ruhiger – »es geht nicht. Die Kaiserin ist jetzt selber auf ihrem Weg nach Rom – ich will nicht hier ihrer Friedensmission entgegenwirken. Der Pfaffe mag laufen. Der Klerus überschätzt außerdem die Macht, die er im Lande zu haben glaubt, oder das Volk würde nicht zu seinen ärgsten Feinden, den Liberalen, in solchen Massen überlaufen. Was die Menschen wollen, begreife ich auch nicht, denn so weit ich es übersehen kann, haben sie niemanden, als diesen alten Blutsauger Santa Anna, auf den sie sich möglicherweise stützen könnten. Doch wie dem auch sei, lieber Escudero – versäumen Sie keinen Moment Zeit, um das kostbare Nest auszunehmen, und – statten Sie mir nachher Bericht ab. Ich werde Sie später hier wieder erwarten.«

*

Escudero, früher der liberalen Partei angehörig, jetzt aber dem Kaiserreich, dem er schon wichtige und wirklich treue Dienste geleistet, warm ergeben, säumte nicht, den Befehl gegen die Häupter der konservativen und klerikalen Partei auszuführen, hatte er doch schon in der Tat vorher alle Vorbereitungen dazu getroffen und de la Parras Haus scharf und genau bewachen lassen.

Die Überraschung gelang auch vollständig; nicht allein die Treppen, sondern auch die Azoteas der nächsten Häuser waren besetzt, ehe die Verschwörer nur eine Ahnung der Gefahr hatten, in der sie sich befanden.

In dem Augenblick, wo die Polizei das Haus betrat, wollte es der Erzbischof verlassen und erschrak sichtlich, als er die bewaffnete Schar erblickte. Er drehte auch augenblicklich wieder um, aber einer der Leute, der dahin schon seine Vollmacht hatte, trat ihm in den Weg und sagte sehr artig und vollkommen bestimmt:

»Monsennor, wir haben Auftrag, jeden zu verhaften, den wir da oben finden. Um Ihnen Unannehmlichkeiten zu ersparen, mochte ich Sie ersuchen, jetzt gerade nicht wieder zurückzugehen.«

»Und würden Sie mich hindern?« sagte der Erzbischof scharf und stolz.

»Allerdings, Monsennor,« erwiderte der Offizier, »schon Ihres eigenen Besten wegen. Nützen können Sie den Herren da oben doch nichts mehr.«

»Und auf wessen Befehl geschieht das?«

»Auf Seiner Majestät Befehl und Anklage wegen Hochverrats.«

Der Erzbischof erbleichte, aber er erwiderte kein Wort mehr, drehte sich ab und schritt die Straße hinab.

Indessen hatte die Dienerschaft oben schon zitternd Bericht erstattet, daß das Haus besetzt und alle Ausgänge versperrt wären, und die Verschworenen sprangen entsetzt von ihren Stühlen auf. Nur de la Parra behielt seine volle Ruhe.

»Was wollen Sie, Sennores,« sagte er lächelnd – »Sie sind meine Gäste; mehr Wein und Gläser herein, muchacho; wollen die Herren ein Glas mit uns leeren, so sollen sie uns willkommen sein,« – aber seine Ruhe sollte ihm diesmal nichts nützen.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgestoßen und der junge Offizier trat, von etwa zwanzig Bewaffneten gefolgt, in den Saal.

Ohne sich hier aber nur mit irgendeiner Frage oder Antwort aufzuhalten, rief er, unfern der Tür stehen bleibend:

»Im Namen des Kaisers verhafte ich Sie alle wegen Hochverrats. Der erste, der sich widersetzt, wird niedergeschossen. Sie sind meine Gefangenen.«

»Caramba, Sennor,« rief de la Parra lachend aus – »Sie müssen aus Versehen in ein falsches Haus geraten sein. Hier wohne ich – General de la Parra, und diese Herren –«

»Sind jetzt, wie Sie selber, meine Gefangenen. Vorwärts, Companneros, bindet den Herren die Hände auf den Rücken und sechs bleiben im Anschlag. Es ist bitterer Ernst, Sennores.«

Ein Tumult entstand jetzt – Ordonoz als Priester trat den Soldaten entgegen, aber im Nu hatten sie ihn gefaßt und gebunden, und mit allen Türen besetzt, selber waffenlos und der Übermacht gegenüber, hätte Widerstand ihre Lage nur verschlimmern können. In wenigen Minuten waren sie sicher verwahrt, und eben sollten sie hinab eskortiert werden, als die Damen vom Hause in Todesangst herbeistürzten und durch ihr Geschrei sich das auf der Straße schon zusammenlausende Volk noch mehr da sammelte.

Die Gendarmerie ließ es aber gar nicht heran, und nur ein Trompetensignal, das vor dem Haus gegeben wurde, rief Hilfe herbei, falls die Volksmasse es versuchen sollte, die Gefangenen zu befreien. Aber man hatte sich in dem Charakter des gefürchteten Aufruhrs vollkommen geirrt, denn auf der Straße setzte sich von Mund zu Mund der Schrei fort, man habe den Kaiser ermorden wollen – das seien die Mörder, und die Wut der Indianer wäre den Gefangenen bald verderblich geworden. Trotzdem gelang es der Gendarmerie, sie sicher in das Gefängnis abzuliefern, und wenige Tage später wurden sie, diesmal in rascher Gerichtspflege, nach Vera-Cruz hinab eskortiert und von dort auch wirklich, trotz aller Bittschriften um Gnade, mit denen man jetzt den Kaiser überschüttete, nach ihrem Bestimmungsort Yucatan abgeführt.

Der Kaiser war hart geworden, er fing an einzusehen, daß er diesem Volke gegenüber mit Milde nicht länger regieren konnte, und doch auch wieder hielt ihn die Ungewißheit, in der er noch immer über den Erfolg der Kaiserin schwebte, von weiteren entscheidenden Schritten zurück. Er schwankte in seinen Entschlüssen und wurde mißtrauisch gegen seine ganze Umgebung, ja zuletzt selbst gegen sein Ministerium, das ihm eben alles versprochen und nichts gehalten – als ob ein anderes Ministerium, aus anderen Elementen zusammengesetzt – so lange es eben Mexikaner blieben – anders gehandelt hätte. Es lag einmal in dem Blut dieser Menschenrasse, und so guten Willen sie auch manchmal zeigen mögen, ein solcher Charakter läßt sich eben nicht so rasch ändern und ist nicht abzuschütteln.

Und trotzdem versuchte er eine Änderung herbeizuführen, denn mit den Liberalen, die ihm überall feindlich entgegentraten, glaubte er nicht länger regieren zu können.

Er nahm jetzt für Justiz und Finanzen zwei höhere französische Beamte in sein Kabinett und schien auch mit diesen energisch vorgehen zu wollen. Aber auch hier kreuzte Amerika und, von diesem eingeschüchtert, der wortbrüchige Napoleon seine Pläne. Die Franzosen wurden nicht bestätigt, und eine kurze Zeit schwankte der Kaiser zwischen beiden Parteien, bis endlich der indes zurückgekehrte Padre Fischer, der in Rom natürlich gar nichts ausgerichtet und wohl auch kaum je dazu die Absicht gehabt hatte, den Ausschlag gab.

Wunderbarerweise setzte der Kaiser in diesen Menschen, in jener Zeit wenigstens, ein unbeschränktes Vertrauen, und unter seinem Einfluß wurde jetzt Teodosio Lares, der ganz dem Klerus ergebene Präsident des obersten Gerichtshofes, mit der Bildung eines neuen Ministeriums betraut, wobei es sich von selbst verstand, daß er nur seine eigenen Gesinnungsgenossen dort hinein nahm.

Maximilian selber leugnete allerdings, daß es ein vollständiger Systemwechsel sei, den er damit beabsichtige, und sprach auch wohl darin die Wahrheit – es sollte vielleicht nur ein Versuch sein, ein Schwanken zwischen den beiden Elementen, mit einem Wort, ein Hinauszögern der Katastrophe, bis bestimmte Nachricht von Europa eintreffen konnte.

Dabei scheint den Kaiser auch besonders der Wunsch, ja die Sehnsucht geleitet zu haben, das französische Heer, das jetzt untätig dalag und dem Land nur eine Last war, endlich loszuwerden und, trotz Frankreich, Mexiko mit Mexikanern weiter zu regieren. Ein Kabeltelegramm über Amerika hatte schon Gerüchte gebracht, daß der Kaiserin Mission in Frankreich selber als gescheitert betrachtet werden könne – jetzt war Maximilians einzige Hoffnung eine Aussöhnung mit dem Papst, auf die er, nach Padre Fischers Berichten, fest rechnete, und Klerus wie Konservative säumten denn auch nicht, ihm mit Versprechungen reichlich Trost einzuflößen – mexikanische Versprechungen!

So nahte der 16. September heran – das drittemal, daß ihn der Kaiser als das Unabhängigkeitsfest der Mexikaner feierte. Sonderbarerweise aber hatte sich in der Hauptstadt selber das eigentümliche Gerücht verbreitet, der Kaiser werde diesen Tag und diese Gelegenheit ergreifen, um seine Krone niederzulegen und dem Lande seine wirkliche Unabhängigkeit – d. h. seine gewöhnliche Anarchie zurückzugeben.

Daß die Kaiserin in Paris ihren Zweck nicht erreicht, ja sogar eine stürmische Zusammenkunft mit Louis Napoleon gehabt habe, wußte man schon aus französischen Zeitungen, und der Papst? – Was konnte der Papst ihr helfen, wo die Liberalen, die sich noch nie um den Klerus gekümmert, jetzt mit jedem Tage an Macht wuchsen und die eigentlichen Zentralstaaten Mexikos enger und enger einschlossen.

Die ganzen nördlichen Provinzen befanden sich wieder in ihren Händen, und Juarez war zum viertenmal nach Chihuahua zurückgekehrt. Im Süden stand Porfeirio Diaz wieder mit einer starken Armee, die von Woche zu Woche, von Tag zu Tag wuchs. Im Westen hatten die Dissidenten sämtliche Hafenstädte besetzt, und selbst in dem Nachbarstaat rüstete sich Alvarez, um die Republikaner zu unterstützen. – Und welche Macht hatte er selber ihnen entgegenzustellen? Seine wackeren österreichischen Husaren, ja und vielleicht die belgischen Truppen, aber auf alles andere durfte er sich nicht verlassen, denn selbst die in Cazadores-Bataillone eingereihten Mexikaner zeigten sich unzuverlässig, und sogar oft gefährlich ihrer Desertionen wegen. War es da denkbar, daß der Kaiser, nur von seinem ritterlichen Geist getrieben, trotz allem und allem aushalten würde aus seinem Posten? Die Mexikaner konnten sich das nicht denken, denn sie begriffen ein solches Gefühl nicht einmal, waren also auch gar nicht imstande, es in dem Herzen eines anderen vorauszusetzen.

In dem eigentlichen geknechteten Volksstamme Mexikos, den Indianern, erwachte aber mit der Furcht vor dem Verlust des einzigen Mannes, der je Teil an ihnen genommen, auch die Liebe zu ihm. Rührend waren die Zeichen von Anhänglichkeit und Vertrauen, die sie ihm schon an seinem letzten Geburtstag gegeben und jetzt wieder erneuten. Blumenspenden brachten sie ihm, und ihre Oberhäupter hielten Anreden an den Herrscher, in denen sie ihm sagten, wie er ihre alleinige Stütze sei, und ihn baten, bei ihnen auszuharren.

Möglich, daß diese Beweise einfachen Vertrauens den schon schwankenden Monarchen bewogen, dem Schicksal trotzig die Stirn zu bieten. Kehrte er jetzt nach Europa zurück, was erwartete ihn dort? Das Bewußtsein eines verfehlten Lebens, zertrümmerte Hoffnungen und der Spott der Menge, die nicht beurteilen konnte oder wollte, wie wacker er hier gekämpft. – Möglich auch, daß der Klerus noch außerdem alles aufbot, ihn gerade in diesem Augenblick zum Ausharren zu bewegen, denn die Kirche hatte niemanden, um ihn gerade jetzt zu ersetzen, und die Macht der Liberalen wuchs erschreckend an.

Der Kaiser blieb und sprach im großen, dicht von Menschen gedrängten Iturbide-Saal des kaiserlichen Palastes jene denkwürdigen, aber für ihn verhängnisvollen Worte:

»Noch stehe ich fest auf dem Platze, auf welchen der Wille der Nation mich berufen, ungeachtet aller Schwierigkeiten, ohne in meinen Pflichten zu schwanken, denn ein rechter Habsburger verläßt seinen Posten nicht im Momente der Gefahr

»Behalt es wohl – wir werden's nicht vergessen,« sagt der Mephisto im Faust und – die Geistlichkeit stand dabei und hörte es.

Von jetzt an zog sich der Kaiser nach Cuernavaca zurück, und wenn er auch versprochen hatte, auf seinem Posten auszuharren, so deutete doch schon der ganze Charakter der Rede an, für wie verzweifelt und hoffnungslos er selber die Lage hielt. Er war sich auch von dieser Zeit an wohl klar bewußt, daß er nicht lange mehr Kaiser von Mexiko bleiben werde, aber auch ebenso fest entschlossen, nicht lebend der Gewalt oder dem feigen Drängen des französischen Kaisers zu weichen. In ehrenvoller Weise wollte er das Land verlassen, und deshalb tauchte wieder die Idee eines allgemeinen Kongresses – einer wirklichen Abstimmung in ihm auf.

Von allen Provinzen sollte das mexikanische Volk frei und ungehindert seine Vertreter senden – im offenen Kongreß sollten diese erklären, welche Regierungsform und wen zum Oberhaupt sie verlangten, und dann konnte er mit gutem Gewissen, und frei das Haupt erhoben, einer Krone entsagen, die für ihn bis jetzt nur Dornen, aber keine Rosen getragen.

Die Idee eines solchen Kongresses war so schön als edel gedacht, und kam allein aus seinem eigenen Herzen, aber sie scheiterte an zwei unüberwindlichen Schwierigkeiten, oder wurde vielmehr vorderhand hinausgeschoben.

Die erste war die nämliche, welche nicht einmal eine Eroberung, viel weniger denn Besetzung und Erhaltung des ganzen Reiches gestattet hatte: die ungeheure Ausdehnung desselben, wozu jetzt noch die vollständige Unsicherheit sämtlicher Straßen im Innern kam, wie daß sie außerdem noch in der Regenzeit unpassierbar wurden. Die zweite der Widerstand, den der Gedanke selbst bei seinem jetzigen Ministerium und der Partei fand, welcher dasselbe angehörte. Jetzt hielten sie, wie sie glaubten, das Heft in Händen und wollten sich dasselbe nicht durch eine Abstimmung, wenn solche selbst möglich gewesen wäre, entreißen lassen. Was galt ihnen der Kaiser – die Person? – Nichts – ihre Sache aber alles. Mochte das Land darüber zugrunde gehen, wenn sie sich nur ihre Vorrechte sicherten. Die »kleine« Partei war wieder einmal mächtig geworden und der Kaiser in ihren Händen – mehr verlangten sie nicht, und sie wären die Letzten gewesen, auch nur ein Jota freiwillig davon abzutreten.

Der Kaiser, der, wohin er griff, auf nichts als Schwierigkeiten stieß, ermüdete zuletzt. Seine Minister wie der Klerus wiegten ihn derart mit Versprechungen ein, daß er, wenn er nicht selber daran glaubte, doch wenigstens beschloß, der Sache vorderhand ihren Lauf zu lassen. Endlich mußte ja doch auch bestimmte Nachricht von der Kaiserin kommen.

Zu dem Ministerium wurde unter dem Präsidenten Lacunza und ganz nach Vorschlag des Padre Fischer, der sich dem Kaiser bald unentbehrlich zu machen wußte, ein neuer Staatsrat aus rein konservativen Elementen ernannt, und der Kaiser erfreute sich indessen wenigstens seines Sommeraufenthalts in Cuernavaca, aus dem er aber auch in trüber Weise aufgerüttelt werden sollte.

Eine neue Verschwörung war entdeckt worden, bestimmt, ihn auf dem Weg von Cuernavaca aufzuheben. – Zu welchem Zweck? Kein Mensch wußte es, und der Präfekt von Tlalpam, General O'Horan, der sie entdeckt haben wollte, gebrauchte die Vorsicht, sämtliche »Mortimers« gleich hängen zu lassen, so daß eine weitere Untersuchung unmöglich wurde.

Aber den Kaiser litt es auch nicht mehr in Cuernavaca, wo er sich außerdem noch so viel weiter außer dem Bereich eines jetzt täglich erwarteten Kuriers bestand. Er kehrte nach Chapultepec zurück, wurde aber hier bald von einem heftigen Wechselfieber erfaßt, das sein Arzt, der erst kürzlich bei ihm eingetretene Doktor Basch, der ungesunden Lage des von Sümpfen umgebenen Chapultepec zuschrieb. Er drang in den Kaiser, seine Residenz nach der Hauptstadt selber zu verlegen, wo er sich jedenfalls in gesünderer Luft befand.

In den ersten Tagen des Monats Oktober siedelte der Kaiser in den Palacio von Mexiko über, und erhielt hier bald die Nachricht, daß mit dem am 10. eintreffenden Postdampfer General Castelnau, Personaladjutant des Kaisers Napoleon, mit für ihn jedenfalls wichtiger Botschaft ankommen werde.

Am 14. hätte der Herr mit der gewöhnlichen Diligence in Mexiko sein können – aber er kam nicht – Tag nach Tag verging und er ließ nichts von sich hören. Gutes verkündete das keineswegs, und schon diese Rücksichtslosigkeit des Abgesandten übte auf die Gemütsstimmung des Kaisers einen höchst nachteiligen Einfluß aus.

Doktor Basch schildert diese Tage in seinem Buch mit den wenigen, aber treffenden Worten: »Die, wenn auch nicht bedeutende Erkrankung des Kaisers, die wirren politischen Zustände, die Geldverlegenheit, die Zögerung Castelnaus, die Unzufriedenheit mit dem konservativen Ministerium, dessen Repräsentanten ihm nie recht behagen wollten, erzeugten in diesen Tagen im Kaiser eine tiefe geistige Verstimmung und Abspannung.« – Und doch war das alles nur das Vorspiel zur Katastrophe.

Bergunter! der Stein rollte. Der arme Kaiser stand allein, verraten fast von allen Seiten, an die er sich vertrauend wendete, und die wenigen Menschen, die es wirklich treu und ehrlich mit ihm meinten, besaßen keinen Einfluß und konnten ihm nicht helfen – und ihr Rat? Padre Fischer war der Geheimsekretär des Kaisers und lenkte jetzt das lecke Staatsschiff mit kundiger und ruhiger Hand – dem Abgrund entgegen!

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