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In Mexiko. Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Zweiter Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
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Ricarda.

Ricarda San Blas war jetzt volle sechs Monate in Rodriguez' Haus, und durch ihr liebes, heiteres Wesen so der Liebling der Familie geworden, daß man sich eine Trennung von ihr gar nicht mehr denken konnte, und doch drohte diese, denn der alte Sennor San Blas hatte von Mazatlan geschrieben, daß er mit dem nächsten Monatsdampfer von dort abreisen und über Vera-Cruz nach Mexiko kommen würde, denn die Wege im Innern waren jetzt so unsicher geworden, daß er hätte fest darauf rechnen können, auf der Tour – wenn ihm nichts Schlimmeres geschah, wenigstens drei- oder viermal ausgeplündert zu werden.

Und doch schien Ricarda nicht mehr das fröhliche, sorglose Kind, dem Glück und selbst Übermut aus den Augen lachte, wie sie es gewesen, als sie Rodriguez' Haus zuerst betreten. Sie war in den kurzen Monden zur sinnigen Jungfrau herangewachsen, und manchmal hatte es sogar den Anschein, als ob eine Art von Schwermut Gewalt über sie gewinne, die sie nur wieder mit Gewalt von sich abschütteln konnte. Aber trotzdem zeigte sie sich selbst in diesen Stunden immer so engelsgut gegen alle, daß man ihr gern die kurze Zeit, die sie sich in sich selbst verschloß, nachsah – leuchtete ihr Lächeln doch nachher um so freundlicher.

Nur in einer Sache harmonierte sie nicht ganz mit dem alten Rodriguez und hatte da auch manchmal die Frauen gegen sich. Sie war nämlich eine entschiedene Verehrerin des Kaiserpaares sowohl als auch des Kaiserreichs, und nicht etwa deshalb, weil sie von den Herrschaften besonders ausgezeichnet worden, sondern weil ihr klarer, einfacher Sinn es bald erkannte, daß es der Kaiser wirklich gut mit dem Land meine und alles tat, was in seinen Kräften stand, um es zu heben und vorwärts zu bringen.

Sennor Rodriguez konnte nichts, was sie ihm zu des Kaisers Gunsten sagte, leugnen, denn die Tatsachen sprachen für sich selbst, aber er behauptete, – und das von dem Standpunkt seiner Partei aus – daß er in eine sehr schiefe Richtung hineingeraten sei, aus der es ihn Mühe kosten würde, sich wieder herauszufinden. Er bekämpfte die Liberalen und regierte mit ihnen zu gleicher Zeit, also er erkannte dadurch stillschweigend an, daß ihre Grundsätze die richtigen wären. Weshalb aber war er dann nach Mexiko gekommen, hatte sich zu einem Werkzeug Napoleons gebrauchen und Tausende von Menschen noch mit hinschlachten lassen? – Es lag kein Sinn darin.

»Aber war er nicht vom Volk selber gewählt?«

Don Jose zuckte die Achseln. »Meine liebe Ricarda,« sagte er, »du kannst zweimal in jedem Monat in Mexiko über ein Oberhaupt abstimmen lassen, und du wirst genau so viel verschiedene Resultate wie Abstimmungen bekommen. Abstimmung in Mexiko! – Es ist das etwa das nämliche, als ob du die genaue Zahl der Hirsche angeben wolltest, die du in unseren Wäldern findest – es ist eben eine Unmöglichkeit, denn das eigentliche Volk entscheidet sich erst, wenn es einen wirklichen Erfolg sieht. Alles, was vordem geschieht, ist entweder Komödie oder die Stimmung eines Augenblicks, die schon wieder keine Geltung mehr hat, bis nur das Resultat verzeichnet werden kann.«

»Und ist dann aber nicht der Kaiser durch Mexikaner getäuscht worden, die also doch ebenfalls wissen mußten, wie es in ihrem Lande stand?«

»Das mag sein, aber wenn er sich täuschen ließ, war es seine Schuld, und die muß er jetzt büßen.«

»Und er meint es so gut – alle seine Gesetze, die er erläßt, sind so rein menschlich und vernünftig – nie für ihn selbst, nur immer zum Besten des Volkes berechnet.«

»Aber Ricarda,« sagte Sennor Rodriguez, der damit in eine Sackgasse geriet, »wer ist denn das Volk eigentlich, wer hat denn die leitende Hand im gesellschaftlichen Leben sowohl als auch das Kapital, um unsere Hilfsquellen zu verwerten? Die konservative Partei, und mit der hat sich Seine Majestät die größte Mühe gegeben, sie vor den Kopf zu stoßen, wo sich ihm nur irgendeine passende Gelegenheit dazu bot.«

»Und kann man es allen Menschen recht machen, guter Onkel?«

»Nein, mein Kind,« erwiderte Rodriguez, »aber der arme Kaiser, dem ich nicht den Willen abspreche, ehrlich zu handeln, hat es mit einer unglückseligen Geschicklichkeit dahin gebracht, es auch keinem, ohne Ausnahme, recht zu machen.«

»Und sucht er nicht die unteren Volksklassen zu heben? – Was hat er alles für die Indianer getan? Er hat die Sklaverei gebrochen, die nicht dem Namen mehr, doch der Tat nach auf den Unglücklichen lag, und dadurch Tausende und Tausende glücklich gemacht.«

»Und auch das nur, wie alles übrige, halb,« entgegnete Rodriguez. »Er hat die Peonerie von ihnen genommen, ja, aber ohne ihnen etwas anderes dafür zu bieten, und für den Augenblick sind sie frei, aber auf wie lange? Anstatt ihnen Land anzuweisen, auf dem sie sich niederlassen konnten – und wenn sie auch anfangs nur das bauten, was sie selber notdürftig zum Leben brauchten, tat er nichts, als die Besitzenden zu ärgern, indem er ihre eingegangenen Verpflichtungen aufhob und damit eine Menge von Menschen schädigte, ohne denen, welchen er Gutes tun wollte, den geringsten Nutzen zu bringen. Ein oder zwei Jahre, ja, sind sie vielleicht noch ihre eigenen Herren, dann aber muß nach und nach wieder das nämliche Verhältnis eintreten, was vorher bestand, und was dann?«

»Aber hat er nicht ein Gesetz erlassen, das ihnen auch Grundeigentum zusichert?«

»Ja, aber sich auch wieder von dem Klerus beschwatzen lassen, es zurückzunehmen. Das ist es ja, Ricarda, was uns im Lande unsicher macht, das ewige Schwanken von seiner Seite, bald nach da- bald nach dorthin, weil er allen gerecht werden will und es dadurch keinem wird. Dem Klerus ist er, weil er einsah, daß er das Land sonst in die größte Verlegenheit brächte, fest entgegengetreten, aber dann auch wieder gibt er ihm in einer Menge von Stücken nach und macht ihn dadurch nur natürlich wieder übermütig.«

»Und glaubst du, Onkel,« rief Ricarda bewegt, »daß irgendein Mensch der Welt Mexiko besser regieren könnte, als es Maximilian tut?«

»Hm,« sagte Sennor Rodriguez ausweichend, »besser? das will ich nicht sagen – aber jedenfalls geschickter, mein Herz.«

»Erfüllt er nicht treu und brav alle seine übernommenen Pflichten?«

»Nichts dagegen einzuwenden, mein Schatz – ich bin fest überzeugt, daß er mehr arbeitet, als alle seine Minister zusammen. Er sollte aber weniger arbeiten und mehr tun – er sollte energischer handeln.«

»Energischer handeln? Und habt Ihr nicht selber gegen das Oktober-Dekret gesprochen, weil es zu blutig wäre?«

»Ja, aber da es einmal erlassen ist, sollte es auch ausgeführt werden. So hat er es aber schon nach allen Seiten hin widerrufen lassen, ohne daß sich jedoch die Franzosen daran kehren, und wo ihn jemand um Gnade bittet, läßt er ihn laufen.«

»Und sollte er das nicht tun, Onkel? Ist nicht die Gnade gerade das schönste und herrlichste Vorrecht der Krone?«

»Ja – aber,« – rief Don Jose, der jetzt keinen Ausweg mehr sah. » Er hat recht und du hast recht – ich habe aber auch recht. Caramba, ich danke meinem Schöpfer, daß ich nicht Kaiser von Mexiko bin; ich wüßte am Ende selber nicht, wie ich es machen sollte.«

»Und noch immer kein Frieden im Land!« seufzte Ricarda.

»Frieden?« rief Rodriguez, »jetzt geht der Teufel erst wieder recht los. Daß die Franzosen nächstens mit all' den fremden Hilfstruppen abmarschieren, ist nur noch ein öffentliches Geheimnis. – Juarez sollte dabei nach Nordamerika hinein geflohen sein! Jawohl, sein Kriegsminister Negrete hat schon wieder eine Armee zusammen, und statt in Paso del Norte rückt er aufs neue scharf gegen Chihuahua herab, und im Süden steht es nicht besser. Wenn es wahr ist, was man darüber hört, so hat Porfeirio Diaz auf seiner Flucht Guerrero glücklich erreicht, und rüstet da unten wieder aus Leibeskräften. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn es der Kaiser nächstens wie Juarez selber macht, und nur statt nach Norden hinauf, nach Süden hinunter geht und sich in Yucatan festsetzt. Es wäre, nebenbei gesagt, das klügste, was er überhaupt tun könnte, denn dann fräßen sich hier in kurzer Zeit die Liberalen selber auf, und nachher wäre es möglich, daß er zuletzt, aus lauter Verzweiflung, vom Volk selber zurückgeholt würde. Gott bessere es – aber ich will einmal einen Augenblick hinüber in die Lonja, Kind, und ein paar Zeitungen lesen. Gutes steht natürlich nicht darin, aber man erfährt doch einmal wieder etwas Neues.«

»Der Kaiser hat Almonte nach Paris geschickt?« sagte Ricarda.

»Ja,« nickte Rodriguez, »und das ist schon ein böses Zeichen. Hol' der Böse die Franzosen! sag' ich – sie haben unser Land an den Rand des Verderbens gebracht und werden jetzt Maximilian ebenfalls in der Patsche sitzen lassen – und geschieht ihm recht,« setzte er unwirsch hinzu, griff seinen Hut auf und verließ den Salon.

Ricarda war allein darin zurückgeblieben, wie sie ihr Onkel verlassen, die Hand auf den Tisch gestützt, den Kopf gesenkt, und ohne daß sie es selber wußte, traten ihr ein paar Tränenperlen in die Augen und tropften unbeachtet, ungehindert auf ihr Kleid nieder. Hatte der Onkel etwas gesagt, das sie gekränkt oder bekümmert? Wenn so, gab sie sich selber keine Rechenschaft darüber, aber das Herz war ihr recht schwer geworden, und langsam, ja wie unwillkürlich schritt sie hinüber zum Instrument, öffnete es und – wußte selber nicht, wie es kam, daß sie heute gar so ernste und schwermütige Weisen spielte.

Die Tür öffnete sich vorsichtig und einer der Diener schaute herein.

»Sennorita!« sagte er leise – er wollte die junge Dame anreden, mochte sie aber doch nicht stören, und wußte nun nicht recht, wie er es anfangen sollte – »Sennorita!«

Ricarda, ganz im Spiel vertieft, hörte ihn gar nicht, bis er doch endlich sah, daß er auf diese Weise nie zum Ziel kommen würde, sich ein Herz faßte und auf sie zukam.

»Sennorita!«

Ricarda sah die sich bewegende Gestalt, und den Kopf dorthin wendend, unterbrach sie ihr Spiel.

»Willst du etwas von mir, Pablo?«

»Ja, Sennorita – ist ein Sennor unten.«

»Sennor Rodriguez ist ausgegangen; ich glaube hinüber in die Lonja.«

»Nein – will nicht zu Sennor Rodriguez – will Sennorita sprechen, ein französischer Offizier.«

»Ein französischer Offizier, mich?« sagte Ricarda erstaunt, »das ist jedenfalls ein Irrtum – vielleicht die Sennora – aber auch diese ist noch nicht zurückgekehrt.«

»Nein, nicht die Sennora,« behauptete aber Pablo, »sondern die Sennorita Ricarda, wie er mir selber gesagt hat.«

»Das ist merkwürdig. Und wie heißt er?«

Pablo kratzte sich mit der linken Hand hinter dem rechten Ohr – er hätte es bequemer haben können. Endlich sagte er – »ja Caramba, den Namen hat er mir genannt, aber er klang so wunderlich, ich habe ihn wieder vergessen.«

»Nun,« sagte Ricarda, »irgendeinen Grund muß der Besuch doch haben, also führe den Herrn nur hier herauf – vielleicht kommt auch die Sennora bald zurück.«

Der Diener verschwand wieder, Ricarda schloß das Instrument und blieb erwartungsvoll mitten in der Stube neben dem großen Tisch stehen. Was in aller Welt konnte ein französischer Offizier ihr zu sagen haben, daß er sie, und gerade sie zu sprechen wünschte!

Die Teppiche, die den Vorsaal deckten, dämpften den Schall der Tritte, aber deutlich hörte sie das Klirren der Sporen, jetzt öffnete sich die Tür, und Ricarda faßte krampfhaft die Tischplatte, denn auf der Schwelle, bleich wie ein Toter, mit eingefallenen Wangen und hohl liegenden Augen, stand van Leuwen – sie hätte ihn kaum wiedererkannt, und hatte doch so oft – so oft an ihn gedacht.

»Sennorita,« sprach da der junge Offizier, indem er auf sie zuschritt und ihr treuherzig die Hand reichte – »ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten.« –

» Mich, Sennor?« sagte da Ricarda, die sich Mühe geben mußte, sich zu fassen, und dabei doch fühlte, wie ihr das verräterische Blut zurück in die Schläfe schoß.

»Daß ich mein Ihnen gegebenes Wort nicht früher eingelöst,« erwiderte der junge Mann, »aber fast,« setzte er wehmütig lächelnd hinzu – »wäre ich es gar nicht imstande gewesen, denn erst gestern erklärte mir der Arzt, daß er glaube, ich könne Cuernavaca ohne Gefahr verlassen, und selbst jetzt noch –«

Ricarda sah, wie sein Antlitz plötzlich eine aschfahle Färbung annahm, und behielt kaum Zeit, ihm einen Stuhl hinzuschieben, in den er sinken konnte. Dann griff sie rasch nach der Glocke und wollte den Diener herbeirufen; van Leuwen wehrte aber matt lächelnd ab und sagte bittend:

»Lassen Sie es sein, Sennorita – es ist schon vorüber – es war nur eine augenblickliche Schwäche; der große Blutverlust hat mich ein wenig matt gemacht, und die Anstrengung der Reise, die Nacht hindurch, war vielleicht zu viel.«

»Sie sind erst heute angekommen?«

»Vor etwa einer Stunde.«

»Sie hätten ruhen sollen.«

»Es ist schon vorüber und – ließ mir eben keine Ruhe mehr.« Er nahm dabei von seinem kleinen Finger den Ring mit dem Smaragd, und ihn dem jungen Mädchen überreichend, sagte er mit mattem Lächeln: »Hier, mein Fräulein, wenn auch spät – viel später, als ich selber gehofft – löse ich mein Wort und bringe Ihnen den geraubten Ring zurück. Der Bube selber ist freilich – dank unserer schlechten Polizei – entkommen, aber seine Helfershelfer haben wenigstens ihre Strafe erlitten.«

»Schon am nächsten Morgen hatten Sie das Rencontre mit den Räubern?« fragte Ricarda, indem sie den Ring, aber doch wie halb unschlüssig nahm – »o, wie danke ich Ihnen, daß Sie mich von der Angst befreit haben, dieses liebe Andenken an der Hand jenes Buben zu wissen!« – und unwillkürlich fast hob sie den Ring an ihre Lippen.

»Wir fanden in des jungen Lucido Tasche einen Brief, der ihn aufforderte, an jenem Raub teilzunehmen, und kamen dadurch auf die richtige Spur.«

»Großer Gott, so hatte der Verbrecher jenen Brief schon bei sich, während er hier noch mit uns verkehrte. – Wie ist es möglich und denkbar – und aus solcher Familie!«

»Sennorita,« sagte van Leuwen düster – »was ich bis jetzt hier von Land und Leuten gesehen, hat einen traurigen Eindruck auf mich gemacht. Sie selbst sind Mexikanerin und ich glaube, daß das Volk von Natur auch brav und gut ist, aber diese ewigen Kriege und Revolutionen haben es verdorben – es herrscht kein Ehrgefühl mehr unter den Männern, kein Bewußtsein, was ein gegebenes Wort bedeutet, was sie ihrer Stellung im Leben schuldig sind. Ein Mexikaner verspricht alles, was man von ihm verlangt, aber meist immer nur aus einer gewissen Artigkeit, um dem, mit dem er gerade zusammentrifft, etwas Angenehmes zu erzeigen und ihm ein Verlangen nicht abzuschlagen. Aber damit glaubt er auch allen Forderungen genügt zu haben, denn daß er das Versprochene dann halten müsse, fällt ihm gar nicht ein.«

Ricarda nickte mit dem Kopf, und van Leuwen, der erst wieder eine kurze Zeit Atem schöpfen mußte, fuhr langsam fort:

»Und wie unzuverlässig im äußersten Grad sie dabei in ihren Charakteren sind, habe ich erst wieder deutlich während meiner langen Krankheit in Cuernavaca gesehen. Ich lernte dort viele Mexikaner genauer kennen, als es mir unter anderen Umständen möglich gewesen wäre, denn sie gaben sich mir ganz, wie sie wirklich sind, und ich fand unter ihnen liebe, gute Menschen, herzlich, gefällig, zutraulich und ehrlich, und alle hingen sie mit voller Liebe an dem Kaiserpaar, das ja so oft auch dort zwischen ihnen weilt. Aber dabei besprachen sie mit der größten Unbefangenheit auch wieder den baldmöglichen Wechsel einer Regierung und überlegten sich schon in voller Ruhe, wie sich dann alles wohl für Cuernavaca gestalten würde. – Von einer Treue und Anhänglichkeit an das Kaiserhaus keine Spur. – Nur das wirklich Bestehende hat deshalb auch für sie eine Berechtigung – ist es beseitigt, so gehört es eben nur der Vergangenheit an.«

»Armer Kaiser!« sagte Ricarda, »ich fürchte selber, daß Sie recht haben, und es wird ihm nichts übrigbleiben, als sich auf die zu stützen, die ihm in ein fernes Land gefolgt.«

Van Leuwen seufzte wehmütig auf. – »Und selbst das ist ein schlechter Trost für ihn,« sagte er, »denn mit Ausnahme seiner ihm treuen Soldaten und einiger wenigen, die es wirklich ehrlich mit ihm meinen, ist er fast nur von abenteuerlichem Gesindel umgeben, die in dem Glauben nach Mexiko gingen, hier eine Fortsetzung der alten, früher erbeuteten Schätze zu finden. Die Leute sehen sich getäuscht und schimpfen jetzt entweder auf das Kaiserreich oder plündern und stehlen in ihren Ressorts, auf was ihnen gestattet wird, die Hand zu legen. Ich weiß nicht, ob alles wahr ist, was man mir darüber erzählt hat, aber wenn es auch nur die Hälfte wäre, würde es hinreichen, um die Hälfte seiner Umgebung ins Zuchthaus zu bringen. Er ist im wahren Sinne des Wortes von Diebesgesindel umgeben, und leider finden sich selber im Offizierstande eine Menge von unbrauchbaren Abenteurern, die sich jetzt nur die größte Mühe geben, den guten Namen, den bis dahin die Fremden, und besonders die Deutschen, im Land gehabt haben, völlig zu untergraben. Uns Belgier,«, setzte er dann lächelnd hinzu, » haßt das gewöhnliche Volk nur deshalb, weil es uns für Franzosen hält – aber Sennorita,« brach er ab, »ich fürchte, daß ich Ihre Zeit zu sehr in Anspruch nehme.«

»O, wie dankbar bin ich Ihnen,« sagte das junge Mädchen bewegt, »daß Sie trotz Ihrer körperlichen Schwäche den Weg hierher nicht gescheut haben.«

»Gescheut?« sagte van Leuwen wehmütig – »wenn Sie wüßten, wie ich mich darauf gefreut habe, und mußte so lange, lange Monate darauf harren – ja hatte sogar noch fortwährend die Furcht, daß ich Sie nicht einmal mehr in Mexiko antreffen würde. Glauben Sie auch nicht,« fuhr er lebendiger fort, »daß Ihnen der Ring verloren gewesen wäre, wenn ich meine bösen Wunden etwa nicht überlebt hätte – wie es die Ärzte allerdings fürchteten. Dem französischen Oberarzt hatte ich das feste Versprechen abgenommen, den Ring nach meinem Tode sicher in Ihre Hände zu liefern – ich weiß, daß er es gehalten hätte,« setzte er hinzu, indem ein leises Rot seine Wangen färbte. »Wohl hätte ich ihn gleich von dort hierher senden sollen, einmal aber fürchtete ich die Unsicherheit der Straße, und dann – wollte ich ja doch so gern das Kleinod Ihnen selber überreichen. – Ihr Herr Onkel ist nicht zu Hause?«

»Nein – er ist ausgegangen. Er würde sich so freuen, Sie zu sehen – und auch meinen Vater,« setzte sie leise errötend hinzu, »erwarte ich in der nächsten Zeit.«

»Um Sie abzuholen von hier?« rief van Leuwen fast erschreckt.

»Er kommt in der Absicht hierher,« erwiderte leise das Mädchen.

Van Leuwen schwieg: er sah still und bewegt vor sich nieder, endlich sagte er:

»Wenn Sie es mir erlauben, Sennorita, so suche ich Ihren Onkel später noch einmal auf. Ich fühle,« setzte er rasch hinzu, »daß ich meinen Kräften ein wenig zu viel zugetraut – ich muß mich erst etwas erholen, aber ich hoffe, es wird nicht lange dauern. Ich war nie in meinem Leben krank, und mein Körper wird sich rasch wieder kräftigen!«

»Sie sind so schwach jetzt?« sagte Ricarda teilnehmend, »Sie können den Weg ja gar nicht allein gehen – o lassen Sie mich einen Diener rufen, daß er Sie führt.«

Van Leuwen schüttelte lächelnd den Kopf. – »Es geht schon,« sagte er, »nur noch ein wenig langsam; unten an der Plaza nehme ich mir dann einen Wagen. Leben Sie wohl, Sennorita,« und ihre Hand ergreifend, hob er sie leise an die Lippen und wandte sich zum Gehen.

»Aber haben Sie denn auch Pflege?« fragte das junge Mädchen mit zitternden Lippen, »wer ist um Sie, der Ihnen Hilfe leistet?«

»Ich habe meinen Burschen,« sagte der junge Offizier lächelnd, »der genügt. Mit einem Soldaten dürfen nicht zu viel Umstände gemacht werden, oder man brauchte nur die halbe Armee für die Verwundeten. Wenn wir uns wiedersehen, hoffe ich wieder kräftig auf den Füßen zu sein.«

Ricarda stand, als er schon lange das Zimmer verlassen hatte, noch immer auf derselben Stelle und sah ihm nach, und so wehmütig ängstlich ihre Züge bis dahin gewesen waren, einen so finsteren, ja fast ärgerlichen Ausdruck nahmen sie jetzt an, bis sie zuletzt die kleine Faust ballte. Mit dem Fuße stampfte sie dabei den Boden und rief aus:

»Ist es denn nicht abscheulich, daß wir uns nur durch die Konvenienz und das, was sich »schickt« oder nicht schickt, das Leben selber verbittern und vergällen und unseren Nebenmenschen gegenüber scheinbar kalt und teilnahmlos bleiben müssen, selbst wenn uns unser Herz noch so sehr dazu treibt, ihnen beizustehen. Wie gern hätte ich den armen jungen Menschen jetzt selber die Treppe hinab- und meinetwegen auch bis an sein Quartier geführt. – Ich bin gesund und kräftig und hätte es schon vermocht, aber das Geschrei und Gerede auch nachher in der Stadt darüber hören mögen. – Und weshalb kümmern wir uns eigentlich um das, was die Leute in der Stadt überhaupt reden? Sorgen sie sich um uns? Stehen sie uns bei, wenn wir leidend sind? Sie denken nicht daran. – Und jetzt liegt das arme junge Blut wieder da in der alten Kaserne, ohne einen Menschen um sich, der ihm zur Hand geht, als eben seinen Burschen – auch nur ein Soldat. – Und wie lieb von ihm, daß er mir den Ring gebracht – und ich habe noch dazu vergessen, ihn nur zu fragen, wie er ihn bekommen.« – Fast unbewußt hob sie ihn wieder an die Lippen und drückte einen Kuß darauf.

»Wenn es bei uns zu Hause wäre,« setzte sie dann überlegend hinzu, »dann wüßte ich auch genau, was ich täte – dann bäte ich Papa einfach, daß er den armen jungen Menschen, der so weit von seiner Heimat entfernt ist, zu sich ins Haus nähme, und an Pflege sollte es ihm schon nicht fehlen, dafür wollt' ich einstehen – aber hier – der Onkel? Er ist freilich immer so gut und behauptet, er könne mir gar nichts abschlagen und – das ganze Haus wäre zu meiner Disposition – wenn ich ihn aber nur um ein ganz kleines Zimmerchen bitte, so sagt er doch am Ende nein. Van Leuwen hat recht! Das ist eine recht schlechte Angewohnheit von uns Mexikanern, daß wir so viel höfliche Redensarten machen und doch im Grunde gar nichts dabei meinen. – Und wenn ich nun einmal den Versuch machte? – Er ist doch auch gut kaiserlich gesinnt – der junge Offizier ist ein Landsmann der Kaiserin und eigentlich nur verwundet worden, weil ich ihn in die Sache hineingebracht habe. Ach was! Ich versuch's – wenn er kommt, sag' ich's ihm – böse kann er nicht werden, und – vielleicht tut er's, und das wäre zu hübsch.«

Und in der Hoffnung flog sie wieder ans Instrument, und hatte sie vorher recht trübe und schwermütige Melodien gespielt, so glitten ihre Finger jetzt nur so über die Tasten, und die Kinder kamen herein und fingen im Zimmer an miteinander zu tanzen.

Nach einer Stunde etwa kehrte Sennor Rodriguez zurück, und seine Stirn, die recht ernst gewesen war, als er das Haus betrat, heiterte sich auf, als er, auf seiner Schwelle stehend, das fröhliche Leben überschaute, das sich vor ihm entwickelte.

»Das ist recht, Ricarda,« rief er lächelnd aus, »daran erkenne ich wieder mein altes Nichtchen, die Glück und Jubel hinbringt, wohin sie kommt. Wie lange habe ich nichts hören müssen als Trauermärsche, Abschieds- und Sehnsuchtslieder und Sonaten, bei denen man hätte vor Wehmut vergehen mögen. Das klingt wie alte Zeiten, und wir haben es auch nötig, mein Kind, daß wir uns wieder heitere Familienkreise schaffen, denn das Leben da draußen ist ernst genug und wird leider mit jedem Tag ernster.«

Ricarda war tief errötend vom Klavier aufgesprungen, denn zum erstenmal kam ihr selber in diesem Augenblick der Gedanke, weshalb sie denn eigentlich heute gerade so heiter und fast ausgelassen sei. War es nur der Wiederbesitz ihres Ringes? Wenn sie hätte aufrichtig sein wollen, so mußte sie sich gestehen, daß sie in der letzten Stunde gar nicht an den gedacht – und trotzdem brauchte sie ihn jetzt zum Vorwand.

»Rate einmal, Onkelchen, was ich bekommen habe,« rief sie, indem sie ihn schelmisch dabei ansah und ihre Hände hinter sich hielt.

»Was du bekommen hast?« fragte Rodriguez, während dessen Frau jetzt ebenfalls ins Zimmer trat – »und von wem?«

»Ja, das mußt du auch raten.«

»Aber wie kann ich das, Närrchen?«

»Meinen Ring hab' ich wieder,« rief sie, ihm die Hand mit dem Ring vor die Augen haltend.

»Den Ring,« rief Rodriguez rasch, »den dir Mauricio Lucido –«

»Den mir der Herr Räuber abgenommen hat und an dem ich ihn erwischte.«

»Und wer hat ihn gebracht?«

Jetzt wurde Ricarda in der Tat ein wenig rot, aber sie antwortete doch so unbefangen als nur möglich:

»Natürlich derselbe, der ihn dem Räuber wieder abgenommen hat – Hauptmann van Leuwen.«

»Van Leuwen? Lebt denn der noch?« sagte Rodriguez mit einer fast tödlichen Gleichgültigkeit, »ich glaubte, der wäre damals erschossen worden.«

»Aber Onkelchen,« rief Ricarda wirklich erschreckt aus, »was um der heiligen Jungfrau willen fällt dir nur ein; er war ja nur schwer verwundet.«

»Ja,« sagte Rodriguez, »aber mir wurde erzählt, er hätte drei Schußwunden erhalten und wäre ihnen erlegen. Nun das freut mich, da hat er es doch glücklich überstanden – zähes Volk, diese Fremden.«

»Aber überstanden hat er es noch lange nicht, Onkelchen – denken Sie sich nur, Tante, wie er vor etwa einer Stunde hier bei mir war und mir den Ring wiederbrachte, wurde er auf einmal totenbleich und konnte kaum auf einen Stuhl sinken, sonst wäre er zu Boden gefallen.«

»Das ist aber sehr leichtsinnig von ihm,« sagte die Dame, »schon Besuche zu machen, wenn man sich noch so schwach fühlt. Er hätte sich erst wieder ordentlich pflegen sollen, ehe er ans Ausgehen denken durfte.«

»Aber wo soll er sich pflegen, bestes Tantchen? Der arme Mensch hat ja hier keine andere Heimat als die Kaserne. Mir tat es in der Seele weh,« fuhr sie bewegt fort, »denn ich hatte ihn eigentlich an jenem Abend gebeten, mir den Ring wieder zu verschaffen. Ich bin also auch deshalb wahrscheinlich die Schuld, daß er so schwer verwundet wurde, und wenn Papa hier in Mexiko wohnte,« setzte sie halb schüchtern hinzu, »so wüßte ich wohl, was ich täte.«

»Nun, mein Herz?« sagte Rodriguez, dessen Gedanken aber indes schon wieder gewandert waren, denn was kümmerte ihn der verwundete belgische Offizier, »was würdest du also tun?«

»Ich würde Papa bitten,« sagte Ricarda entschlossen, »daß er ihn zu uns in das Haus nehme, damit er da seine ordentliche Pflege bekommen könnte.«

»Aber Ricarda, was fällt dir ein?« rief die Sennora, »einen wildfremden Menschen, mit dem man kaum drei- oder viermal gesellschaftlich zusammengekommen. Das ginge doch unmöglich an.«

»Und weshalb nicht?« sagte das junge Mädchen rasch, »gehört er nicht dadurch, daß er in der Armee des Kaisers dient, auch völlig mit zu uns?«

»Mein liebes Kind,« erwiderte Rodriguez bedächtig, »ich fürchte fast, daß die ›Armee‹ des Kaisers nicht von so gar langem Bestand mehr sein wird, denn die Anzeichen, daß uns wieder eine Krisis bevorsteht, mehren sich in erschreckender Weise.«

»Hast du neuere Nachrichten, José?« rief seine Frau besorgt.

»Allerdings,« nickte Rodriguez, »und nicht eben besonders günstige, denn wenn ich auch nicht weiß, ob schon ein bestimmter Armeebefehl dafür eingetroffen ist, so unterliegt es doch kaum noch einem Zweifel, daß der gute Kaiser Napoleon die Sache hier in Mexiko nicht etwa satt hat, aber doch von den amerikanischen Staaten so gedrängt und in der Tat mit einem Krieg bedroht wird, um wahrscheinlich in der allernächsten Zeit seinen Truppen Marschbefehl zu geben und sie in Vera-Cruz wieder einzuschiffen. Dann aber befinden wir uns hier in der sehr angenehmen Lage, die Liberalen unmittelbar darauf in der Hauptstadt erwarten zu dürfen, und die ganze Geschichte mit dem Kaiserreich war nichts, als eben ein etwas sehr kostspieliges und nachher mißlungenes Experiment.«

»Aber das ist nicht möglich!« rief Ricarda erschreckt. »Der Kaiser hat doch seine eigenen Truppen und alle die mexikanischen Regimenter, die ihm Treue geschworen haben. Wenn wir selber seine Sache nicht aufgeben, so kann Juarez auch gar nicht wagen, mit seinen wilden Banden auch nur gegen Mexiko anzurücken.«

»Mit dem Anrücken,« erwiderte Rodriguez achselzuckend, »scheint er schon auf dem besten Weg zu sein, denn die Zeitungen berichten, daß sich die französischen Truppen im Norden sehr passiv verhalten, und dabei ist Mejia in Matamoras fast eingeschlossen, Negrete dagegen, Juarez' Kriegsminister, rückt schon wieder gegen Chihuahua vor, und wir erleben jetzt zum dritten Male die nämlichen Kämpfe, die wir nun in jedem Jahr seit 1863 gehabt haben. Daß darüber das Land total zugrunde geht, versteht sich außerdem von selbst, und ehe wir einen solchen Zustand permanent machen, wäre es doch in der Tat wünschenswert, Seine Majestät – zögen mit den Franzosen wieder friedlich ab.«

»Aber Onkel!« rief Ricarda entsetzt, »und habt Ihr nicht alle ihn mit zum Kaiser gewählt und ihn veranlaßt, seine friedliche Heimat zu verlassen, um heraus in dies stürmische, unselige Land zu kommen?«

Sennor Rodriguez zuckte mit den Achseln. »Wir glaubten, daß die Sache gehen würde, und sie wäre auch gegangen, wenn Maximilian die Leitung der Geschäfte denen anvertraut hätte, die früher für ihn eingestanden waren. Er hat das aber nicht für gut befunden, und ich sehe nun gar nicht ein, weshalb wir jetzt die Verantwortung auf unsere Schultern nehmen sollten.«

»Aber Napoleon hat doch einen Vertrag mit ihm abgeschlossen,« bemerkte schüchtern Ricarda, »er darf ihn doch gar nicht im Stich lassen und seinen Feinden in die Hände geben?«

»In der Politik, mein liebes Kind,« erwiderte ihr Onkel, »geht eben alles, und was man in bürgerlichen Verhältnissen manchmal einen Schurkenstreich nennen würde, das kann dort zur gerechtfertigten Notwendigkeit werden.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ja,« lachte Rodriguez, »das geht manchen gescheiteren Leuten so, mein liebes Herz.«

»So hältst du die Sache des Kaiserreichs für verloren?«

» Das will ich noch nicht sagen,« bemerkte der Onkel, »wer weiß denn, wie sich alles gestalten mag, aber bedroht ist sie jedenfalls, und ich – möchte jetzt keine Aktien zu fünfzehn Prozent darauf nehmen – ich fürchte, es wäre ein schlechtes Geschäft.«

»Aber das, Onkelchen,« sagte Ricarda nach einer kleinen Weile, indem sie gewaltsam heiter zu scheinen suchte, »hat doch eigentlich gar nichts mit dem zu tun, worüber ich vorhin mit dir sprach.«

»Und was war das, mein Herz?«

»Hast du es schon wieder vergessen?« erwiderte Ricarda errötend – »wir – sprachen von dem so schwer verwundeten belgischen Offizier.«

»Nun? und –?«

»Und – daß er dort, wo er liegt, gar keine Pflege hat, und daß – daß es so gar hübsch wäre, wenn ihn – wenn ihn jemand zu sich ins Haus nehmen könnte.«

»Das würde allerdings ganz angenehm für ihn sein,« erwiderte Rodriguez ruhig, »aber wer soll das tun, mein Kind, denn alle Verwundeten können wir doch der Militär-Kommission nicht abnehmen. Erstlich würden wir unsere Häuser zu Spitälern machen, und dann – haben wir dazu auch nicht die geringste und denkbare Verpflichtung.«

»Ich dachte nur, Onkelchen,« sagte Ricarda, sich an ihn schmiegend, »weil Hauptmann van Leuwen doch eigentlich die Wunden meinetwegen bekommen hat.«

»Deinetwegen?«

»Ich war wenigstens die Veranlassung, daß er von der ganzen Sache etwas erfuhr und sich hineinmischte.«

»Hm – und also auf den Hauptmann van Leuwen speziell geht die Frage?« sagte Rodriguez, indem er sie forschend ansah – »wenn er dir aber heute seinen Besuch gemacht hat – und es tut mir leid, daß ich gerade nicht zu Hause war – so muß er doch auch wieder hergestellt sein?«

»Ja – so halb und halb, aber so schwach war er noch, daß er, wie ich dir ja schon gesagt habe, beinahe ohnmächtig geworden wäre.«

»Hm!« – nickte Rodriguez langsam vor sich hin – »ich hätte gegen den Mann gerade nichts – er soll sich überall sehr anständig und bescheiden benommen haben, und ist auch wahrscheinlich ein tapferer Soldat, aber die Sache, in die er da gerade durch dich verwickelt wurde, ist mir, wie ich dir offen gestehen muß, nicht besonders angenehm, denn obgleich ich vollkommen unschuldig dabei bin, hat sich doch Lucido auffällig kalt gegen mich seit der Zeit gezeigt. Außerdem scheint er sich gerade in den letzten Monden den Klerikalen mehr zugeneigt zu haben, denn der Erzbischof war neulich unendlich freundlich gegen ihn. Nähme ich jetzt aber den nämlichen Offizier zu mir ins Haus, auf dessen Anklage hin damals sein Sohn verhaftet wurde und mit genauer Not nur durch die Flucht einem schimpflichen Tod entging, so würden sie das sicher als eine ganz entschieden ausgesprochene Billigung eines Vorfalls betrachten.«

»Aber Onkel, war es denn nicht ein ganz gemeiner Raubanfall!« rief Ricarda bestürzt aus.

» Quien sabe!« sagte Rodriguez, »in jetziger Zeit weiß man Guerillas und Ladrones kaum noch voneinander zu unterscheiden, und wenn wir auch die Wirkung sehen, es ist unmöglich, die Beweggründe dafür genau festzustellen.«

»Und das ist allein die Rücksicht, die dich davon abhält?« sagte Ricarda leise.

»Ja und nein,« erwiderte ihr Onkel, »ich möchte mich außerdem auch nicht entschiedener, als es irgend nötig ist, gerade jetzt auf die Seite irgendwelcher Partei stellen, wo die nächsten Wochen schon vielleicht imstande sind, sie vollständig über den Haufen zu werfen. Nachher bin ich kompromittiert und habe mir selber die Schuld zuzuschreiben.«

Ricarda nickte langsam vor sich hin mit dem Kopf. »Ich begreife es,« sagte sie kaum hörbar. »Du willst abwarten, Onkel, auf welche Seite sich schließlich der Sieg neigt, um dann erst deinen Entschluß zu fassen.«

»Doch nicht so ganz. Doch nicht so ganz, Herz,« sagte Rodriguez rasch, denn er schämte sich vielleicht, sein politisches Programm mit so kahlen, einfachen Worten bloßgestellt zu sehen. »Ich bin dem Kaiser wirklich ergeben; ich sehe ein und fühle, daß er's gut mit dem Land meint, und ich – hoffe zu Gott, daß es ihm gelingen möge, das große Werk einer Reorganisation unseres Landes glücklich durchzuführen, aber ich – ich möchte auch nicht den Ereignissen, denen der einzelne ja doch nicht widerstehen kann, vorgreifen und bin es mir selber wie meiner Familie schuldig, nicht leichtsinnig und in den Tag hinein zu handeln.«

Ricarda hatte mit der rechten Hand an ihr Herz gefaßt und war recht still und nachdenkend geworden. Sie erwiderte auch keine Silbe, nickte nur, dabei vor sich auf die Erde sehend, daß sie die Gründe billige, oder doch wenigstens begreife, und zog sich dann auf ihr eigenes Zimmer zurück.

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