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In Mexiko. Erster Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Erster Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectid78b24b7f
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Am heiligen Abend.

An der südwestlichen Seite der großen Plaza in Mexiko beginnen die Kolonnaden, die sich, gerade fortlaufend, noch weit hinein in die nächste Straße ziehen, und dann rechts ab in eine andere einbiegen.

Diese, unter denen sich auch die elegantesten Läden befinden, sind bei gutem wie schlechtem Wetter der Hauptverkehrsplatz für reich und arm, und besonders bei Regen mit hin und her strömenden Menschen angefüllt. In der Weihnachtszeit aber, und vorzüglich in den letzten Tagen, ist dort kaum durchzukommen, und wer eilig seinen Weg verfolgen wollte, mußte jedenfalls hinaus aus die Plaza oder Straße, um dort nur etwas freiere Bahn zu finden.

Wenn das aber schon in früheren Jahren um diese Zeit an dieser Stelle so wogte und drängte, so läßt es sich denken, welche Menschenmenge sich dort am ersten Weihnachten des Kaiserreichs einfand, denn alle Fremden wollten doch auch das Christfest in Mexiko kennen lernen, und hierher strömten deshalb alle, oder wurden schon von selber dahin gedrängt. – Es gab da auch in der Tat genug dem Lande Eigentümliches zu sehen, und gerade die Fremden waren hier die besten Kunden.

Unter den Kolonnaden, in den Häusern selber, befanden sich die oft recht hübsch eingerichteten Läden, die Hälfte aber auch von allen mit Hüten gefüllt, denn hier besonders hatten sich die Hutmacher hergewandt, und außerdem ganz vorzugsweise deutsche Hutmacher, die aber echt mexikanische Hüte fabrizierten und sehr gutes mexikanisches Geld damit verdienten.

Der mexikanische Hut ist übrigens ein Monstrum, und wenn man, durchschnittlich angenommen, fast immer wohl daran tut, in dem Lande, in dem man sich gerade befindet, auch die Landestracht anzunehmen, oder sich wenigstens die dem Klima abgelauschten Vorzüge anzueignen, so kenne ich selber nichts Unpraktischeres, ja Ungeschickteres auf der ganzen weiten Welt, als einen solchen echt mexikanischen Hut.

Der Hut selber besteht aus festem und schwerem Filz, oder er würde sonst nicht das Gewicht des Randes tragen, der bei sehr vielen einen vollen Fuß und immer wenigstens zehn Zoll breit ist und steif abstehen muß. Das Gewicht des Hutes wird dadurch ein enormes, und wenn man sagt, daß er gleich gut gegen Regen wie Sonnenstrahlen wäre, so könnte man sich zu dem Zweck ebensogut eine Tafel Eisenblech auf den Kopf binden. Er gestattet im Gegenteil dem Kopf gar keine Ausdünstung und ist beim Gehen, Reiten wie Fahren gleich unbequem. Beim Gehen nämlich, weil sich Begegnende fortwährend mit den Köpfen auszuweichen haben, um nicht anzustoßen, beim Reiten, weil der Wind fortwährend unter die große Fläche greift und ihn abzureißen droht, wie man ihn auch schon auf dem Kopf im Gleichgewicht halten muß, und beim Fahren, weil man nicht damit sitzen kann und stets gezwungen ist, ihn bei bloßem Kopf auf dem Schoß zu halten. Er sieht zu der übrigen mexikanischen Reittracht, den kurzen Jacken, den gestickten Hosen und dem breiten Gürtel ganz hübsch und originell aus, und macht sich deshalb auf Bildern sehr gut, das ist aber auch die einzige gute Eigenschaft, die er hat. Außerdem aber noch mit dicken Gold- und Silberstickereien förmlich wuchtig gemacht, kostet er zu alledem eine Masse Geld, und es gibt Hüte, die mit 50 bis 80 mexikanischen Dollars bezahlt werden.

Aber auch andere Kaufleute haben dort ihren Stand: Quincaillerieläden, die mit allem gefüllt sind, was Europa in geschmackvollen Luxusgegenständen fabriziert; Ausschnittwaren mit Fabrikaten von Deutschland, England und Frankreich; Juwelen und tausend Dinge, die wohl die Augen der Eingeborenen des Landes anziehen, aber die Europäer und Fremden kalt lassen. Das sind Gegenstände, die sie von Jugend auf gesehen und gekannt haben, was kümmern sie die – nein, dicht daneben und unmittelbar in der Nähe entwickeln sich andere Schätze – nicht so kostbar vielleicht an Gold und Edelsteinen oder kunstvoller Arbeit (wobei es die Silberschmiede Mexikos mit manchem europäischen Arbeiter aufnehmen könnten), aber unerreichbar in manchen anderen originellen Dingen, die gerade hier, und fast hier allein, ihren Markt finden.

Schon unmittelbar vor den Läden an der rechten Seite, wenn wir daran hinaufgehen, sehen wir eine Reihe kleiner Stände, die so viel Anziehungskraft haben, daß man nicht allein eine Weile bei ihnen stehen bleibt, sondern auch immer und immer wieder zu ihnen zurückkehrt und kauft und wieder kauft, ohne gerade sehr viel Geld auszugeben.

Dort besonders sitzt eine alte Frau mit einem Tischchen; aber alles, was darauf steht, ist dir fremd und neu, und doch wie zierlich und allerliebst gemacht, ja fast vollkommen in dieser Diminutivarbeit. Kleine Gruppen, kaum zwei Zoll hoch, mit kleinen Figuren, in der Landestracht, und die verschiedenen ländlichen Gebräuche, Sitten und Verrichtungen darstellend, Prozessionen, Maultiere mit Arrieros, Stiergefechte, Fischer, Verkäufer, Pulquesammler usw., alles aus Wachs, naturgetreu gemalt und für wenige Groschen zu erstehen. Daneben kleine Sachen, aus Alabaster oder Holzkohle geschnitten, besonders Totenköpfe – die eine Seite den Kopf im Leben, die andere ihn skelettiert zeigend –, kleine, winzige Vögel, aus wirklichen Federn dargestellt und in aller ihrer natürlichen Pracht erglühend, auf Papier geklebt, oder auch in ihrer wirklichen Gestalt, nur bis ins äußerste verkleinert, auf einem Draht befestigt – dann größere Figuren, aus Wachs oder Lumpen gleich kunstvoll hergestellt und jeden Muskel am Körper richtig zeigend, Modelle von Pflügen und Handwerksgerät und tausend andere allerliebste Dinge.

Gegenüber, unter den Bogen der Kolonnaden, sitzen die Spielwarenverkäufer mit ordinären Kinderspielsachen, wie sie auch bei uns genügend angefertigt werden; aber auch darunter finden sich eigentümliche Dinge, wie z. B. ganze Herden kleiner Rinder, aus natürlicher roher Haut nur ausgeschnitten, zusammengebogen und getrocknet, so daß sie vollkommen die Form des Tieres zeigen, und dabei unverwüstlich sind.

Dicht neben der Alten stehen auch einige Tische mit Silberwaren, besonders in Filigranarbeit, in welcher die Mexikaner Außerordentliches und zu sehr billigen Preisen leisten.

Weiterhin kommen wir zu den Ständen, an welchen nur mexikanisches Sattel-, Reit- und Zaumzeug verkauft wird, und darin treiben sie allerdings einen bedeutenden Luxus, denn zu reich mit Silber verziert und beschlagen können sie es kaum bekommen. – Dann kommen Stände mit Zuckerwerk: in Zucker trocken eingekochte Ananas, Bananen, Orangen, Kaktusfeigen, Trauben, Nüsse, Birnen, Pflaumen usw. – dann irdene Geschirrwaren aus dem dieser Arbeiten wegen berühmten Guadalajara, bemalt und vergoldet und oft in grotesken Formen, an japanische Spielereien erinnernd; und Kleinverkäufer oder wandernde Händler drängen sich dazwischen herum, bieten Schildpattkämme wie andere zierliche Dinge aus, und machen alle mit den zahllosen Fremden, die ihnen dieses Jahr auf den Markt geworfen wurden, brillante Geschäfte.

Und wie preßte das in den engen Kolonnaden hin und wieder, denn wenn man draußen seine Bahn suchen wollte, sah man ja nichts von den ausgestellten Herrlichkeiten – und wie blitzte der lange, eingeschlossene Weg von den bunten Uniformen der verschiedenen Staaten, von den noch bunteren Roben der vielen französischen »Damen«, die der »glorreichen« Armee nach Mexiko gefolgt waren, um ihre Triumphe zu teilen. Das rauschte ordentlich von Seide und Bändern – und was für Schleppen wurden in dem menschengedrängten Raume abgetreten.

Aber auch die mexikanischen Damen fehlten nicht, denn da sich so viele Offiziere unterwegs befanden, war es den liebenswürdigen Geschöpfen wirklich nicht möglich, zu Haus zu bleiben. Zweierlei Tuch und einen Säbel an der Seite – ändere nun einmal jemand die Welt! – Es geht eben nicht.

Es war heiliger Abend, und viele der frommen Herren befanden sich ebenfalls auf den Füßen, um ihre verschiedenen Kirchspiele aufzusuchen – nicht, um Einkäufe zu machen, denn einesteils bot ihnen der Weihnachtsmarkt von Mexiko nichts Neues mehr – dann hatten sie keine Familien – einige wenige ausgenommen – und außerdem waren sie gewohnt, daß sie Geschenke bekamen und nicht solche austeilten – es wäre unnatürlich gewesen.

Ein älterer Padre, in seinem langen Talar, die Hände gefaltet und die Augen weder rechts noch links wendend, schritt durch die Menschenmenge, in der ihm die unteren Klassen wenigstens willig Raum gaben und ehrerbietig die Hüte abzogen. Die Offiziere der verschiedenen Nationen nahmen allerdings keine Notiz von ihm, wichen ihm aber doch aus alter Gewohnheit aus, während die französischen Damen ihren Platz voll beanspruchten und das Ausweichen von ihm erwarteten.

Es war eine derbknochige Gestalt mit stark markierten Zügen und kleinen, fast stahlgrauen Augen, die aber, während er gebeugten Hauptes durch die Menschenmenge schritt, unablässig und auch fast wie unwillkürlich herüber und hinüber zuckten und keinen Moment auf einem Platz zu rasten schienen.

Ziemlich nahe an der Stelle, wo die Kolonnaden auf die offene Plaza ausmündeten, begegneten ihm zwei sehr vornehm gekleidete mexikanische Damen, es waren die beiden Sennoras Roneiro und Zamacona, die noch einige etwas verspätete Weihnachtseinkäufe nachholten und sich jetzt nur, anstatt einen bequemen Heimweg zu suchen, ebenfalls in das Menschengewühl hineinwagten – lag doch auch wirklich ein eigentümlicher Reiz darin, diese bunte Mischung von Gestalten zu betrachten und in ihr, wie in einem Meer von Seltenheiten, umherzuschwimmen.

Der Padre verfolgte schweigend seinen Weg, bis er die beiden Damen bemerkte, und ein freundliches Lächeln zog sich jetzt über sein Antlitz. Er hielt auch unwillkürlich seinen Gang inne, und die Sennoras lenkten ebenfalls, wie sie nun seiner ansichtig wurden, auf ihn zu.

»So geschäftig?« sagte der geistliche Herr mit einem milden Lächeln, »aber das heutige Fest entschuldigt das wohl.«

Er reichte dabei den Damen seine Hände, die diese ehrfurchtsvoll an die Lippen hoben und küßten.

Ein paar französische Offiziere gingen gerade vorüber.

»Sieh, George,« sagte der eine zum anderen, »wie diese beiden sehr vornehm gekleideten Sennoras dem schmierigen Pfaffen die Hände küssen – ist es nicht rein zum Tollwerden?«

Sein Kamerad wandte den Kopf dorthin, grüßte aber rasch und artig. Die eine Dame erwiderte huldvoll den Gruß, ohne aber ihre Aufmerksamkeit von dem Padre abzulenken.

» Sapristi,« sagte der Offizier, als sie vorüber waren, »das ist Sennora Roneiro, eine der angesehensten Damen der Stadt, ihre Tochter ist Ehrendame der Kaiserin – das Pfaffentum steckt dem schönen Geschlecht doch hier in Mexiko noch tüchtig in den Gliedern.«

»Und bei uns wohl nicht?« entgegnete der andere, »nur die Beruhigung habe ich, daß uns die Schwarzen hier wie Gift hassen, seit ihnen Bazaine einmal einen so hübschen Strich durch die Rechnung machte und ihren Erzbischof zwang, das eben erst exkommunizierte Heer öffentlich einzusegnen. – Die Unverschämtheit war aber auch ein wenig zu groß gewesen.«

»Unverschämtheit, amigo?« sagte der andere französische Offizier, derselbe Graf Deverreux, den wir schon bei Roneiro fanden, indem er sich langsam mit dem Kameraden durch das Gedränge arbeitete. – »Du kannst es kaum so nennen, denn sie betrachten sich als die Herren des Landes, die nichts von uns zu erbitten, sondern nur zu fordern und zu befehlen haben – aber hol sie der Teufel! Solange wir hier im Lande stehen, halten wir sie schon unter dem Daumen, und nachher – mag Maximilian sehen, wie er mit ihnen fertig wird. Daß sie ihm aber noch zu schaffen machen, darauf darf er sich verlassen.«

Ihnen entgegen kamen ein paar österreichische Offiziere und grüßten kameradschaftlich – die Franzosen dankten, doch etwas vornehm, und gingen vorüber. Die Deutschen nahmen übrigens ebensowenig Notiz von ihnen, denn sie kamen jetzt gerade an das mexikanische Sattelzeug, bei dem sie stehen blieben, es betrachteten und sich nach dem Preis erkundigten; der Bursche forderte aber so unverschämt, daß sie – mit der Landessitte noch nicht vertraut, getrost den vierten Teil des geforderten Geldes zu bieten – lachend weitergingen.

»Für das, was der Schlingel hier für einen Zaum verlangt, kauf' ich ein Pferd,« sagte der eine. »Die Kanaillen wollen alle an uns in ein paar Wochen reich werden.«

Sein Kamerad zuckte mit den Achseln. »Und macht es unsere Gesellschaft besser?« sagte er; »das ist eine hübsche Sippe, die sich der Max da mit von Deutschland herübergebracht hat, und er wird noch seine liebe Not damit bekommen.«

»Herüber gebracht hat er sie gar nicht,« erwiderte der erste, »sie sind eben von selber gekommen und haben nur Passage für sich bezahlen lassen.«

»Ich hätte mich aber gehütet, die zu zahlen.«

»Was wollte er machen – Dienerschaft und dergleichen mußte er haben, und wer sein festes und gutes Auskommen daheim hatte, ging nicht mit, denn eine unsichere Geschichte bleibt das Ganze immer. Natürlich lief nur hauptsächlich solches Volk herzu, das zu Hause nichts zu verlieren hatte und hier alles zu gewinnen glaubte. – Mexiko – was hatten die Menschen seit der Eroberung durch Cortez von Mexiko wieder gehört – sie wußten kaum, wo es lag, und manche mögen wohl ganz wunderliche Ideen mit herübergebracht haben.«

»Und indessen stehlen sie, was sie bekommen können.«

»Was sie bekommen können,« nickte sein Kamerad, »und sobald sie merken, daß ihnen das nicht genug einbringt, suchen sie sich wieder freie Rückpassage zu verschaffen und gehen heim. Was schiert sie das Kaiserreich – aber wohin geraten wir hier?«

»Laß uns einmal hinüber zu Dolmozk gehen, der hat guten Wein.«

»Den Catalan? – Ich weiß nicht, mir schmeckt er nicht.«

»Gott bewahre – er bezieht seine Weine vom Kellermeister Seiner Majestät.«

»Vom Kellermeister? – Das wäre nicht übel.«

»Und weshalb nicht – der Kellermeister hat nebenbei ein kleines Weingeschäft und bezieht alle seine Weine natürlich steuerfrei.«

Der Offizier schüttelte mit dem Kopf. »Armer Kaiser,« sagte er, »wenn er einmal in die Wirtschaft hineingucken könnte – aber wer will's ihm sagen – wen geht es auch an?«

»Was ist denn da drüben für ein Gedränge? Sieh nur, wie die Menschen alle dorthin strömen.«

Die beiden jungen Offiziere blieben einen Moment stehen und sahen auf die Plaza hinaus, nach den Buden hinüber, als der erste wieder ausrief:

»Wahrhaftig! Der Kaiser mit der Kaiserin – sie besehen sich das Gewühl des Weihnachtsmarktes.«

»Und in Zivil?«

»Gewiß – er geht immer so und – hat auch recht. Zuerst ist er Kaiser und nachher erst, wenn es not tut, Soldat. Ich bin selber Militär, aber ich mag es nicht leiden, wenn ein Fürst unter seinem Volk fortwährend in Uniform herumläuft. Es gehört sich, meiner Meinung nach, auch nicht.«

Lauter, donnernder Jubel schallte von dort drüben herüber, wo die Herrschaften gingen – das Volk schwenkte die Hüte und jubelte – und als sie an den Ständen mit Bäumen und Moos vorübergingen, boten ihnen die Indianer, die dort feilhielten, Blumen.

Im Publikum hatte es sich allerdings schon ausgesprochen, daß der Kaiser nicht geneigt sei, den kategorischen Forderungen Roms nachzugeben, und man war entrüstet darüber, wie rücksichtslos Monsignore Meglia, stets unter dem nichtigen Vorwand, erst Instruktionen vom Heiligen Stuhl einholen zu müssen, sich fortwährend weigerte, auf irgendeine Unterhandlung einzugehen. Was half ein Runtius von dort, wenn er keine Vollmachten mitbrachte, und hatte er sie trotzdem – wozu denn dieses ewige Hinauszögern, durch welches die Bevölkerung nur in steter Aufregung gehalten wurde, und alle diese ungeheuren, früher der Kirche gehörenden Grundstücke unbenutzt und tot liegen blieben. Wer durfte auch wagen, auf solchem Boden eine Verbesserung vorzunehmen, wo jeder Tag ein Gesetz bringen konnte, das alle schon gesetzlich geregelten Käufe wieder umwarf und zunichte machte.

Kriegerische Musik erschallte – ein lustiger Marsch wurde gespielt, und eine Kompagnie französisches Militär marschierte vorüber. Das Kaiserpaar, das dicht an der Seite stand, sahen sie wohl gar nicht, oder doch zu spät; es wurde wenigstens keine Notiz von ihm genommen, und nicht einmal die Offiziere grüßten mit den Degen – aber der Kaiser selbst hatte sich auch abgewandt und schien sich mit einem der Indianer über die wirklich prachtvollen Fichtenbäume zu unterhalten, die da zu Markt gebracht wurden.

Es war 6 Uhr und die Sonne schon hinter dem den Westen begrenzenden Gebirgszug verschwunden – die Dämmerung, die in diesen Breiten rasch hereinbricht, legte sich in die Straßen, und im Osten fingen schon an die Sterne herauszublitzen.

In der Calle Jesus hielt ein Reiter in seinem breitrandigen Hut, die bunte Serape um die Schultern geschlagen, daß sie den unteren Teil des Gesichtes vollständig verhüllte – was nirgends auffällt, denn der Mexikaner ist auf der Hochebene sehr empfindlich gegen die kühlere Abendluft und hält sich dann fast stets den Mund bedeckt.

Der Mann in der Serape ritt langsam und im Schritt die Straße hinab, aber er schien jemanden zu erwarten, denn er drehte mehrmals den Kopf zur Seite, als ob er die Straße hinab horche.

In der Tür des einen Hauses stand eine fest in ihren dunklen Rebozo eingeschlagene schlanke Frauengestalt und hielt sich durch den steinernen Pfosten gedeckt, bis der Reiter seinen Weg eine Strecke verfolgt hatte – jetzt glitt sie heraus und schlug langsam die nämliche Richtung ein, die er genommen. Da klapperten rasche Hufschläge die Straße herauf, von der Plaza her, und als die Frauengestalt den Kopf dorthin wandte, schien sie den zweiten Reiter zu kennen, denn sie drehte sich wieder halb zur Seite, als ob sie nicht von ihm gesehen sein wollte. Das aber war unnütze Vorsicht, denn er achtete gar nicht auf sie, sondern sprengte nur an das andere Pferd hinan, und beide zusammen hielten jetzt die Richtung, bis sie, in einem scharfen Trab, an der nächsten Quadra rechts einbogen und dort verschwanden.

Die Frauengestalt folgte ihnen jetzt mit rascheren Schritten bis zur nächsten Ecke – aber sie waren dort schon lange aus Sicht, und mit einem recht aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer wandte sie sich, und kehrte den Weg, den sie gekommen, zurück – bis sie in eins der Gebäude – das nämliche, das Mauricio damals betreten – eintauchte.

Auf der Plaza hatte sich indessen das Bild verändert, und die vornehme Welt sich in ihre eigenen Wohnungen zurückgezogen, um dort das schöne Fest zu feiern – die Geburt des Heilandes.

Die Geburt des Heilandes! Der Welt den Frieden zu geben, war sein ganzes Streben gewesen – Frieden und Versöhnung fast jedes seiner Worte kündend – und was taten die Priester dieses selben Gottes in der nämlichen Zeit, wo sie seine Geburt feierten und sich seine Diener und die Verbreiter seiner Lehre nannten? – Haß und Unzufriedenheit säeten sie, und allein des Besitzes irdischer Güter wegen; Feindschaft und Zwietracht, um eine Macht zu behaupten, die Christus selber nie beanspruchte, ja immer, wenn sie ihm aufgedrungen werden sollte, von sich gewiesen hatte. In den Familien bohrten und hetzten sie, von der Kanzel predigten sie offen die Lehre, daß sich die weltliche Macht beugen müsse vor der Macht der Kirche, und von einem Schattenbild in Rom aus wurde die Komödie hier in Mexiko weiter gespielt, nur um ein von Gott selber mit allen Gütern und Schätzen gesegnetes Land aufs neue in Wirrwarr und Krieg zu stürzen und seine Gefilde mit Blut zu tränken.

Noch schlummerte allerdings das Feuer unter der Asche, aber die Flamme konnte zu jeder Stunde fast verzehrend emporlodern, und was in den Kräften der Geistlichkeit stand tat sie in der Tat, um sie anzufachen und den Moment zu beschleunigen. – Und stand das Volk auf ihrer Seite?

Da und dort über die Plaza glitten Mönche in ihren langen Kutten, aber das eigentliche Volk nahm fast keine Notiz von ihnen oder spöttelte wohl sogar zuweilen über ihr Aussehen. Man wußte nur zu gut, auf was die ganze Körperschaft in dieser Zeit hinarbeitete; und wenn sich die Unwissenden auch anfangs wohl hatten einschüchtern lassen, daß Gott selber seine Donner niederschmettern würde, wenn die Hand eines Laien »Kirchengut« berühre, so war doch das von dem Indianer Juarez gegebene Gesetz damals voll in Kraft getreten, die Klöster wurden geöffnet – und trotzdem blieb der Himmel blau und rein.

Welch ein wildes, malerisches Bild bot aber jetzt der Weihnachtsmarkt, der, von den wunderlichen Gestalten der Indianer und Mestizen belebt, überall nur von dunkelrot glühenden und qualmenden Kienfackeln erleuchtet wurde. Die vornehme Welt hatte allerdings den Platz verlassen, aber das Gedränge hatte deshalb nicht abgenommen, denn Tausende von über Tag beschäftigt gewesenen Arbeitern strömten jetzt herzu, um zuerst ihre Abendmahlzeit an einem der Eßstände zu halten, und sich dann ebenfalls ein kleines Nacimiento zu kaufen, um es in der ärmlichsten Hütte selbst aufzustellen, denn ohne ein solches durften sie an diesem Abend nicht sein. Bestand es dann auch nur aus einem einzelnen Fichtenzweig, mit ein paar kleinen Lichtern darangesteckt, und einem roh aus Lehm zusammengekneteten und bemalten Heiligenbild – was tat das. Im Herzen feierte der Arme ebensogut fein Fest wie der Reiche, wenn auch mit bescheideneren Mitteln.

Der Geruch allerdings, der von den Eßständen aus, von geschmortem und verbranntem Fett, mit dem Kienqualm dabei, über die ganze Plaza zog, und sich dann, von der Luft niedergedrückt, wie ein Nebel darauf lagerte, war kein ganz angenehmer, und die einzelnen Fremden, die noch darüber hinstreiften, um sich das Leben auch bei Nacht anzusehen, fanden kein großes Behagen daran; aber dem Volk selber bot er trotzdem einen Genuß, denn es roch darin seine Lieblingsgerichte, und hatte heute gewiß ein paar Clacos übrig, um selber darin zu schwelgen.

*

In dem elegant eingerichteten Hause, das General Bazaine bewohnte, war heute ebenfalls eine kleine Feier arrangiert, die aber das Gemütliche des heiligen Abends, das traute Beisammenleben im Familienkreise, natürlich nicht bieten konnte und sollte, sondern nur eine Gesellschaft von Herren aus der vornehmen Welt zu einer Soiree vereinigte. Es versteht sich von selbst, daß die Herren, mit Ausnahme von ein paar Konsuln, ausschließlich höhere Militärchargen bekleideten. Es war auch nur eigentlich ein Beisammensein mit aufgestelltem Büfett und ringsum arrangierten Spieltischen, denn ohne Spiel fühlt sich der Mexikaner nun einmal nicht wohl.

Bazaine selber beteiligte sich nicht an dem Spiel; als aufmerksamer Wirt verkehrte er bald da, bald dort mit seinen Gästen, oder stand auch wohl dann und wann in einer Fensternische, mit dem und jenem plaudernd, bis seine Gegenwart auf einem bestimmten Punkt verlangt wurde, oder ein neuer Ankömmling seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Auffällig war, daß sich so sehr wenig belgische oder österreichische Offiziere in der Gesellschaft befanden, dagegen verschiedene mexikanische, auch mexikanische Beamte, die ja aber auch noch aus früherer Zeit fast sämtlich Generalsrang hatten und Uniform trugen. Die Geistlichkeit dagegen war gar nicht vertreten; mit dieser stand der General auf einem gespannten Fuß, da er seine Abneigung gegen die Klerikalen und seine gänzliche Mißachtung ihrer Drohungen schon verschiedene Male und offen genug gezeigt. Er wollte mit den »Schwarzröcken«, wie er sie nannte, nichts zu tun haben, und sie haßten ihn so viel, wie sie ihn fürchteten; kommandierte er doch nun einmal die siegreiche Armee der Fremden in Mexiko, und solange er den Posten inne und dadurch die Macht in Händen hielt, ließ sich eben nichts gegen ihn ausrichten.

Unter den Offizieren herrschte aber heute ein besonderes Leben, da vielen von ihnen erst an diesem Morgen – und alle diese waren eingeladen worden – die Kunde zugekommen, daß sie den General in den nächsten Tagen auf seinem Zug gegen Porfeirio Diaz begleiten sollten, um durch neue Siege im Süden, wie die Armee das Land von Feinden im Norden fast gesäubert, Mexiko endlich von den Insurgenten zu befreien und die letzte Macht des vertriebenen Präsidenten Juarez zu brechen.

Daß die Franzosen auch diesen Zug wie einen Triumphmarsch betrachteten, liegt schon in ihrer Natur. Sie waren außerdem besser bewaffnet und besser organisiert als die Mexikaner, und befanden sich hier als Eroberer vollkommen in ihrem Element. Wie es nachher mit dem Behaupten aussah, war freilich eine andere Frage, kümmerte sie aber nicht im mindesten. Damit mochte später der Kaiser sehen, wie er fertig wurde.

Unter den eingeladenen Gästen befand sich auch Velasquez de Leon, ein Mitglied der früheren Regentschaft, und Bazaine hatte den alten Herrn, den er auch seines schlichten, offenen Charakters wegen schätzen lernte, besonders gern. In der eigenen Familie aber heute abend festgehalten, folgte er der Einladung erst etwas später, um wenigstens den General zu begrüßen und nicht unartig zu erscheinen. Er war peinlich in Beobachtung jeder Form und verlangte das auch von allen denen, mit welchen er selber persönlich verkehrte.

Bazaine begrüßte ihn herzlich, denn es lag dem General selber gerade in jener Zeit daran, sich mit der Aristokratie des Landes auf freundschaftlichem Fuß zu halten, und zwar schon aus dem Grunde, weil er sich täglich mehr dem Kaiser wie der kaiserlichen Regierung entfremdete. Allerdings herrschte in seinem Verkehr mit dem Hof noch immer die größte Artigkeit vor – es verstand sich von selbst, daß er zu allen Hoffesten geladen wurde, und der Kaiser selber schrieb an ihn stets in der freundlichsten Weise. Aber Bazaine befand sich einesteils, schon seiner ganzen Stellung nach und dem Kaiser gegenüber, in einer oft unangenehmen Lage, und verstand außerdem nicht, sie zu mildern, oder – hielt es auch vielleicht in seinem französischen Übermut nicht für der Mühe wert.

Die französische Armee kam nach Mexiko, angeblich, um die Schuldforderung eines französischen Untertanen, eines Schweizer Hauses Jecker u. Komp. Daß dieser Fall nur vorgeschoben wurde, um selber festen Fuß in Mexiko zu fassen, beweist schon das zur Genüge, daß der Schweizer Jecker nur Hals über Kopf französischer Untertan werden mußte. Als Mexiko jenen wucherischen Kontrakt mit dem Hause abschloß, war er noch Schweizer Bürger, und in den Vereinigten Staaten z. B. würde sich Napoleon wohl gehütet haben, sich zu dem Beschützer eines Schweizer Hauses aufzuwerfen., beizutreiben. Da aber Kaiser Napoleon nicht daran denken konnte, das ungeheuer ausgedehnte Reich selber besetzt zu halten, so war Erzherzog Maximilian ausersehen worden, um den mit französischen Bajonetten eroberten Thron einzunehmen, und man mochte sich das wohl in Paris ganz hübsch ausgemalt haben, so mit leichter Mühe und auf fremde Kosten die alte Gloire zu erneuern und die Geldauslagen dafür von dem eingesetzten Herrscher des neuen Reiches zurückgezahlt zu erhalten. Aber man hatte sich dabei in Maximilian selber geirrt, der, als er die Krone annahm und sein neues Reich betrat, nicht daran dachte, ein Vasall Frankreichs zu bleiben, sondern selbständig zu regieren und das Volk, dem er mehr als sein Leben, dem er seine Ehre geweiht, glücklich zu machen.

Dem Kaiser von Mexiko aber mußte dann auch der General der französischen »Hilfstruppen«, die Maximilian nie als etwas anderes betrachtete, natürlich untergeordnet werden, und das vertrug Bazaines Stolz nicht, der sich schon selber als halber Herrscher des Landes betrachtet hatte. Wie sich deshalb Maximilian bald nach den ersten Monaten von ihm freizumachen suchte, versäumte Bazaine kaum eine Gelegenheit, um ihn – wenn auch stets mit Höflichkeit – fühlen zu lassen, daß er trotzdem von ihm abhängig sei und die französische Hilfe nicht entbehren könne.

Daß dadurch ein gespanntes Verhältnis zwischen der mexikanischen Regierung und dem französischen Generalstab entstand, läßt sich denken, aber man gab sich auf beiden Seiten Mühe, um es vor den Augen der Welt zu verbergen. Außerdem drangen die Franzosen ja auch gerade jetzt an allen Seiten siegreich vor, und leisteten dem Kaiserreich nicht allein die größten Dienste, sondern machten es dadurch erst überhaupt möglich. Man hätte sie jetzt keinesfalls entbehren können.

»Mein lieber Sennor,« sagte Bazaine, als er mit dem alten, würdigen Herrn den Saal durchschritten und ein kleines Kabinett erreicht hatte, wo sie, wenigstens für den Augenblick, ungestört blieben; »ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, Sie noch einmal, ehe ich in das Lager von Oaxaca abgehe, zu sprechen, denn ich weiß, daß Sie es nicht allein gut mit dem Kaiser, sondern auch mit dem Land meinen, und das können leider in Mexiko nur wenige von sich sagen.«

»Sie haben keine besondere Meinung von meinen Landsleuten, General?« lächelte der alte Herr, indem er sich in dem ihm zugeschobenen Fauteuil niederließ.

Bazaine schüttelte mit dem Kopf. »Nach dem, was ich bis jetzt hier von ihnen gesehen,« sagte er dann, »allerdings nicht. Der Charakter Ihres Volkes ist nicht allein schwankender, sondern auch völlig sorgloser Art, und eigentlich durchaus egoistischer Natur. Es gibt Ausnahmen,« setzte er rasch hinzu, als er sah, daß Delasquez einen Einwand erheben wollte – »ehrenvolle Ausnahmen, wie ich Ihnen gern zugestehen will, und zwar unter allen Parteien, aber es sind eben Ausnahmen und bestätigen deshalb nur die Regel.«

»Und wozu ist diese Vorrede, lieber General?« lächelte Velasquez, »denn auf irgend etwas anderes wollen Sie doch damit übergehen.«

»Allerdings,« nickte Bazaine, »nämlich darauf, daß ich zu Ihnen besonderes Vertrauen habe und sie gerade bitten wollte, dem Kaiser – während ich nach dem Süden gehe, um seine Feinde dort auszurotten – einmal ernstlich ins Herz zu reden und ihm – seine Lage etwas klarzumachen.«

»Seine Lage

»Ja – seine Lage sowohl, als die Wege, die er einschlägt, um sie seiner Meinung nach zu befestigen.«

»Und diese sind?«

»Täuschen wir uns nicht über die Verhältnisse in Mexiko,« fuhr Bazaine fort. »Die Parteien, selbst hier in der Hauptstadt, stehen jetzt nur scheinbar vereint, und es ist unter ihnen weit eher ein Waffenstillstand als wirklicher Friede geschlossen worden, der aber jeden Tag, jede Stunde wieder gebrochen werden kann. Daß es der Kaiser mit dem Lande gut meint, davon bin ich fest überzeugt; aber, mein lieber Velasquez, er handelt, als ob er im alten Europa einen Staat von zivilisierten Menschen zu ordnen und ihnen nur gute und passende Gesetze zu geben habe, um damit alles Erforderliche zu leisten. Hier aber hat er zum großen Teil noch Halbwilde vor sich, die nicht einmal diese zahllosen Gesetze verstehen, viel weniger denn daran denken, sie zu befolgen. Und darauf scheint es auch nicht einmal abgesehen, denn kaum hat er einen Geschäftszweig auf rein theoretische Art und Weise und nur auf dem Papier organisiert, und schon geht er wieder zu etwas anderem über – mit dem nämlichen Erfolg.«

»Und ist nicht selbst das eine verdienstliche Arbeit, vernünftige und freisinnige Gesetze auszuarbeiten, auf denen man später weiterbauen kann?«

»Aber, bester Freund,« rief Bazaine, »wenn ich Feuer im Hause habe, so tapeziere ich mir doch nicht mein Zimmer, sondern lösche erst, oder die neuen Tapeten gehen mit dem alten Plunder und dem ganzen Hause zugrunde. Es brennt noch aller Ecken und Enden, und die paar Provinzen, die wir bis jetzt für den Kaiser erobert haben und noch für ihn halten, tapeziert er nicht etwa, nein, er entwirft erst Zeichnungen für Tapeten, und tut genau so, als ob er sich auf alle die Leute und Beamten, die ihm jetzt gerade, und wenn auch mit den heiligsten Eiden, Treue versprochen haben, auch fest verlassen könne. Kaum aber wenden wir einem Ort den Rücken, so ist der Teufel schon wieder los. Pronunciamentos folgen, die mexikanischen »Generale« – und Gott weiß es, was für Bande oft mit dem Titel herumläuft – die eben erst mit Sack und Pack zu uns übergegangen sind und in unserem Namen ihre Landsleute geplündert haben, drehen sich auf den Hacken herum und kämpfen gegen uns, um jetzt auch für Juarez plündern zu können, und die Behörden wissen oft selber nicht, wem sie zuletzt den Eid der Treue geschworen haben.«

Velasquez zuckte die Achseln. »Das sind die unseligen Folgen der wirklich zahllosen Revolutionen, die wir in den letzten Jahrzehnten durchgemacht, wer kann es ändern. Bis sich das Volk nicht einmal an ein ruhigeres Leben gewöhnt, werden wir das auch noch oft wiederholt sehen.«

»Bis das aber geschieht,« sagte Bazaine düster, »fürchte ich, daß kein Kaiser Maximilian mehr auf mexikanischem Boden steht. – Doch, wie dem auch sei, wenn er uns wenigstens das Vertrauen schenkte, das wir uns mit unserem Herzblut verdient haben; doch im Gegenteil; ewige Häkeleien beginnen, die unter den höheren kaiserlichen Beamten ihre Urheber haben. Ich weiß gut genug, daß uns Mexikaner wie Deutsche hassen, aber das sollte sich nicht in so kleinlicher Weise zeigen, und jetzt gerade, wo wir wieder im Begriff stehen, dem von allen Seiten bedrohten Kaiserreich den wichtigsten Dienst zu leisten, laufen von allen Orten Verleumdungen gegen unsere Tätigkeit ein, und – machen uns dadurch eben nicht williger, unser Leben für Maximilians Sache einzusetzen.«

»Aber Sie glauben doch nicht etwa, daß etwas derartiges vom Kaiser selbst ausgeht?«

»Nein – ich denke nicht daran, aber daß er es nur annimmt, beweist das Mißtrauen, welches er gegen uns selber hegt.«

Velasquez schwieg und sah still vor sich nieder. Er selbst wußte recht gut, daß sich gerade Bazaine oft rücksichtslos gegen den Kaiser benommen hatte, und geriet in einige Verlegenheit, was er dem leicht reizbaren Mann darauf erwidern solle. Aber der Franzose erwartete gar keine Antwort, denn was er hier sagte, war seiner Meinung nach so sonnenklar, daß es keiner Bestätigung bedurfte. »Und das nicht allein,« fuhr er nach einer kurzen Pause, in welcher er aufgestanden und durch das Zimmer geschritten war, fort, »wo wir einen Eingeborenen des Landes begünstigen, können wir uns auch fest darauf verlassen, daß er vom kaiserlichen Ministerium so rasch als möglich beseitigt oder wenigstens zur Disposition gestellt wird – ich erinnere Sie an den Präfekten von Tepeji und könnte manche andere dergleichen Beispiele aufzählen. Alles aber, was zu unseren Ungunsten, von uns böswillig Gesinnten, dem Kaiser hinterbracht wird, glaubt er, und wenn er auch nicht rasch danach handelt, läßt er doch den Samen des Mißtrauens in seinem Herzen zurück und erweitert dadurch den Riß zwischen beiden Höfen mehr und mehr –«

Bazaine schwieg, als ihn Velasquez plötzlich mit leiser, aber deutlich vernehmbarer Stimme fragte:

»Und glauben Sie, General – auf Ihr Ehrenwort und als ein Mann, dem ich keine Lüge zutraue, aufrichtig, daß es Kaiser Napoleon vollkommen ehrlich mit Maximilian meint?«

»Wie verstehen Sie das?« fragte Bazaine, den alten Herrn betroffen ansehend.

»Das verstehe ich sehr einfach so,« entgegnete Velasquez ruhig, »ob Sie glauben, daß Ihr Kaiser dem unsrigen seiner selbst, oder seines eigenen Interesses wegen hält, in welchem letzteren Falle er ihn dann auch natürlich augenblicklich wieder im Stich ließe, sobald die Veranlassung nachläßt, die ihn dazu vermochte, ihm den Thron anzubieten.«

Bazaine schwieg und wandte sich halb zur Seite.

»Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage,« erwiderte er endlich, »daß ich in die Politik unseres Hofes als einfacher, nur seinem Befehl gehorchender Soldat nicht eingeweiht bin, aber bis jetzt liegt auch nicht der geringste Grund vor, nur zu vermuten, daß es meinem Kaiser nicht vollkommen Ernst mit allem sei was er getan hat. Zu viel französisches Blut ist geflossen, zu viel französisches Kapital in diese Intervention gesteckt, um auch nur einen Zweifel zu gestatten. Unsere Ehre ist engagiert, und wir sind nicht allein vor der Welt, sondern auch vor uns selbst verpflichtet, das Begonnene durchzuführen. Aber Ihr Kaiser,« setzte er dann hinzu, »muß uns das auch erleichtern. Hoffentlich ist die Zeit nicht fern, in der er sich sein eigenes Reich gebildet und begründet hat, denn er kann nicht erwarten und wird es nicht wünschen, daß eine französische Armee in Mexiko bleibe. Aber bis dahin muß er uns auch vertrauen und uns nicht, wenn auch nicht direkt, doch durch seine höheren Beamten, die Hände binden wollen. Wir brauchen unsere Arme, um ihn selber zu schützen.«

»Und glauben Sie, daß das je beabsichtigt war?«

»Ich weiß, daß Intrigen gegen uns gesponnen werden, und vermute sogar die Partei der Klerikalen diesen Bemühungen nicht fern. Ich habe auch an den Kaiser wie die Kaiserin selbst geschrieben und dabei die Wahrheit nicht zurückgehalten; mein Wort aber gilt, wie ich fast fürchte, nicht so viel bei beiden, um sie auch davon zu überzeugen. Dazu wollte ich Ihre Vermittlung erbitten, und nicht etwa meinetwegen, denn ich selber bin nur meinem Kaiser Rechenschaft schuldig, sondern um Maximilians selbst wegen. Er muß sich auch ändern – er muß handeln, oder aus der ganzen Sache hier wird nichts. Aus seinem Arbeitszimmer heraus kann er dies Mexiko nicht regieren, das muß mit dem Säbel in der Faust geschehen, und je eher er den ergreift, desto besser. Was helfen Gesetze, die nur für den Frieden und geregelte Zustände berechnet sind, mitten im Krieg, was seine schönen Reden und Phrasen, von denen ein paar umstehende Müßiggänger entzückt werden, während die feindlichen Banden in den Bergen sich darüber lustig machen. Das mexikanische Volk versteht noch gar nicht, was Freiheit ist – oder versteht wenigstens nur darunter, daß es in einem solchen Zustand frei und ungestört rauben, plündern und morden kann. Wissen Sie, wer ein Mann für diese Bande wäre? General Marquez, mit einem Gewissen wie ein Wolf, und ebenso nachsichtig! Wer diese Nation mit Glacéhandschuhen anfassen will, der ist verloren, und wenn das der Kaiser nicht bald einsieht, so wird er eines schönen Tages die ganze Sache satt bekommen und wieder nach Hause gehen. – Haben Sie übrigens etwas Bestimmtes über seine Absichten mit dem Nuntius gehört?«

»Nichts weiter, als was in der Stadt darüber auch bekannt ist. Der Kaiser hat sich noch nicht bestimmt geäußert, und ich glaube, er will erst das Fest vorüberlassen – aber er ist empört über das rücksichtslose Betragen dieses Nuntius, und wenn ich mich nicht sehr irre, so überrascht er den Herrn nächstens.«

»Das gescheiteste, was er tun könnte,« nickte Bazaine, »denn das ewige Warten tut doch nicht gut. Allen kann man es nicht recht machen, und braucht es nicht, und die nie Zufriedenen sind gerade die Klerikalen, aber – er ist auch da auf einer gefährlichen Bahn, denn er liebäugelt zu viel mit der liberalen Seite, und – soweit ich überhaupt mit der besitzenden Klasse, den Konservativen, zusammenkomme, fürchte ich, daß man nicht recht zufrieden ist. Doch das betrifft die Politik und geht mich nichts an, und nur in einzelnen Fällen, wie ich vorhin erwähnte, und wo gerade uns freundlich gesinnte Beamten – aus keinem anderen Grund, als eben deshalb entlassen und durch obskure Menschen ersetzt werden, stört es unsere Wirksamkeit, die ja doch nur allein das Beste des Landes bezweckt. Außerdem aber erzeugt das auch fast unwillkürlich ein bitteres Gefühl bei dem Offizierkorps selber. – Wir setzen unser Leben ein und haben keinen Dank dafür – ja, wir müssen sogar fühlen, daß wir nicht besonders gern im Land gesehen sind. Soweit das nun die liberale Partei betrifft, könnten wir uns allerdings darüber trösten; gerade dort aber, wo wir das Gegenteil erwarten sollten, kränkt es uns und erleichtert uns unsere harte Aufgabe wahrlich nicht, sondern erschwert sie uns. Doch genug davon, lieber Freund – es war mir ein Bedürfnis, mich darüber einmal gegen Sie auszusprechen, und da ich jetzt – vielleicht auf längere Zeit – von der Hauptstadt abwesend sein muß, glaube ich unsere Interessen, und damit die Interessen des ganzen Landes, Ihnen vor allen anderen ans Herz legen zu müssen – und nun lassen Sie uns zurück zur Gesellschaft gehen, der ich Sie nicht länger entziehen möchte.«

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