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In Mexiko. Erster Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Erster Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectid78b24b7f
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Beim Hoffriseur.

In der Calle de los Plateros, in einer sehr günstigen Lage und unfern der Plaza, wie überhaupt in dem Viertel, das die vornehme Welt am meisten besuchte, lag der kleine, aber sehr freundliche Friseurladen, inklusive Barbierstube des Don Pedro Gaspard.

Don Pedro war eigentlich von Geburt ein Spanier und gehörte deshalb schon seiner Abstammung nach zu den gentes con razon, wie sie sich früher selber nannten. Er war aber auch außerdem ein ganz kluger, gewitzter Kopf, und so sehr er die Kreolen, oder gar alles, was mit gemischtem Blut zusammenhing, verachtete, so ließ er sich in seinem Geschäft davon doch nichts merken. Er würde einen wirklichen Indianer mit der nämlichen Liebenswürdigkeit eingeölt und zugestutzt haben, wie einen Sohn echt kastilianischer Rasse – vorausgesetzt nämlich, daß er ihn pünktlich bezahlte – und derartige Fälle kamen ja auch überhaupt fast jeden Tag vor.

Übrigens brachte es die Landessitte mit sich, daß er die Aristokraten – die es in einer Republik genau so gut wie in jeder Monarchie gibt – meist zu Haus bediente, und deshalb Zutritt in sehr vielen vornehmen Häusern bekam. Er lernte aber die Herren und Damen derselben, nicht, wie sie sich vor der Welt zeigten, sondern auch in Schlafrock und Pantoffeln kennen, und zog davon – außerdem mit einem außerordentlichen Redetalent begabt – nicht geringen Vorteil.

Die halbe Stadt suchte ihn auf, denn wer liebte es nicht, kleine Skandalgeschichten zu erfahren, besonders, wenn man sie in einer Zeit zu hören bekam, wo man doch nichts anderes und Nützlicheres vornehmen konnte: beim Frisieren und Rasieren, und je mehr er in seiner Kundschaft stieg, d. h. je höhere Kunden er bekam, desto eleganter richtete er seinen Laden ein.

Noch vor der Okkupation hatte er sich hier in Mexiko selber, wo derartige Arbeiten besser geliefert und kunstvoller ausgeführt werden als selbst in Paris – zwei brillante Wachsköpfe in Lebensgröße modellieren lassen, der eine einen ältlichen Herrn – der andere eine junge Dame darstellend, und ordentlich rührend war es zu sehen, wie er das Haupt des ersteren so kunstvoll mit einer jugendlichen Frisur versehen hatte, daß er fast gar nicht mehr wie ein ältlicher Herr aussah. Die Dame ihm gegenüber – deren Büste nach obenzu alles versprach und nach unten gar nichts leistete – trug dabei das wahre Monstrum eines Chignons, das aber trotzdem wohl schon häufig genug die verlangenden Blicke vorüberwandelnder Schönen auf sich gezogen.

Inmitten des Fensters lagen dabei noch viele andere Gegenstände, die den Beschauer wirklich eher mit Entsetzen als Entzücken erfüllen konnten. Nämlich vortrefflich gearbeitete Hände und Füße aus Wachs und in natürlicher Farbe und Größe, so daß sie wie eben abgeschnitten aussahen. Aus den Händen wuchsen dabei künstlich eingesetzte Haare heraus – wahrscheinlich, um die Geschicklichkeit anzudeuten, mit welcher hier alle derartigen Arbeiten, wie Frisuren, Bärte, Locken usw. geliefert wurden. Die Füße dagegen hatten unangenehme Hühneraugen, so täuschend nachgeahmt, daß sie einem ordentlich weh taten. Die Mexikaner arbeiten ja ganz ausgezeichnet in Wachs.

Nur die beiden Köpfe übten wieder etwas Wohltuendes auf den Beschauer aus, der des ältlichen Herrn, der so zärtlich und ewig unerhört nach seinem dekolletierten Visavis hinüberschmachtete, und der der holden Dame, die, stolz den Blick über die rechte Schulter geworfen, zu sagen schien: »Schaut mich nur an, wie schön ich bin, aber ich verachte euch alle – und besonders den ältlichen Herrn da nebenan.«

Den Hintergrund zu diesen beiden Büsten, wie den Händen und Füßen (welche letztere auch auf chirurgische Operationen eines associierten Barbiers schließen ließen), wie das Ausfüllsel in dem großen Schaufenster, bildete ein wildes Konglomerat von Pomadenbüchsen, Odeurs und Ölflaschen, Seifen, Bürsten, Kämmen, Schwämmen, Spiegelchen, Puderbüchsen, Schmucknäpfchen, Quasten und zahllosen anderen, oft vollkommen rätselhaften Toilettegegenständen. Wie scherzhaft aber hingen darin, mit Zöpfen und Menschenhaaren drapiert, an welchen sogar feste Preise befestigt waren, eine Anzahl von teils kunstvoll gefertigten und geflochtenen, teils glatt herunter gekämmten Chignons, so daß es fast so aussah, als ob irgendein großer und tapferer Häuptling nordamerikanischer Indianer seine auf einem ganzen Kriegszug erbeuteten Siegestrophäen an Skalpen hier aufgehängt und ein paar Arme und Beine als Zugabe mit beigelegt habe.

Don Pedro selber, wie schon erwähnt, ein Altspanier von Geburt, war ein kleines, bewegliches Männchen mit einem vollkommen proportionierten Oberkörper, aber für diesen viel zu kurzen Beinen. Zu Pferd nahm er sich indessen sehr stattlich aus, und zu Pferd – denn Spazierritte machte er wie ein Mexikaner – hatte er sich auch das Herz seiner jetzigen Gattin, einer wunderhübschen jungen Mexikanerin, gewonnen, die seinem Anblick, wie später einer gesandten Schachtel mit gemischten Odeurs, nicht widerstehen konnte.

Bis zum Beginn des Kaiserreichs war aber sein Geschäft, wenn es ihn auch wohl anständig ernährte, doch nicht recht in Blüte gekommen, da eigentlich mehrere französische Friseure die meiste Kundschaft an sich rissen. Mit dem Kaiserreich aber begann auch eine neue Ära für Don Pedro, denn weder der Kaiser noch die Kaiserin neigten sich dem Franzosentume zu und duldeten auch in ihrer nächsten Umgebung keine einzelnen Exemplare der »großen Nation«.

Das alles scheint auch die Ursache gewesen zu sein, daß sich die Majestäten in der ersten Zeit vollständig ohne Friseur befanden, bis die Kaiserin, eines Abends durch die brillante Haartour einer mexikanischen Dame aufmerksam gemacht, sich nach dem Schöpfer derselben erkundigte und – glücklicher Don Pedro – ihn am nächsten Morgen zu sich bestellte.

Von dem Augenblick an begann für den kleinen, ehrgeizigen Mann ein neues Leben, denn er sah sich, wenige Wochen später, zum wirklichen Hoffriseur Ihrer Majestät ernannt, und seine Seligkeit kannte von da ab keine Grenzen mehr.

Ein Schild, das seinen neuen Rang bezeichnete, wurde natürlich augenblicklich, und doppelt so groß als nötig, über seiner Tür angebracht, aber jetzt auch der innere Laden vollkommen neu hergestellt, tapeziert und mit Goldleisten versehen, und heute gerade war er damit beschäftigt, das nach einer Photographie gemalte und von ihm selbst in fast Lebensgröße bestellte Bild der Kaiserin in seinem Laden, und zwischen zwei breiten Spiegeln, vor welchen er den Kreolen die Haare schnitt, zu befestigen, und dann einen großen, frischen Lorbeerkranz darüber zu hängen.

Die Umgebung der hohen Frau war allerdings nicht ganz appetitlich. Dicht unter dem Bilde befand sich, weil der Raum es nicht anders gestattete, und es von beiden Sitzen aus benützt werden mußte – ein Regal, allerdings aus Mahagoniholz, das aber wohl sehr nützliche, doch sonst gewöhnlich nicht öffentlich zur Schau ausgestellte Dinge trug, als da waren: einige im Gebrauch befindliche Flaschen mit wohlriechendem Öl, Haarbürsten, Kämme und ein paar Brenneisen, mit mehreren kleinen, nicht einmal besonders reinlich aussehenden Pomadenbüchsen und Schachteln.

Aber was kümmerte das Don Pedro! Draußen über seinem Laden hing das Schild, das ihn der ganzen Stadt als wirklichen Hoffriseur Ihrer Majestät denunzierte, während die Menschen – Kreolen, Soldaten, Indianer und Leperos, darum herstanden und die bunten Farben anstarrten. – Hier drinnen hing sie selber in einem Wald von Lorbeerblättern, in welchem sinnig einige Rosen eingeflochten waren; und die eintreffenden Kunden wurden heute mit einer Lust und Liebe bedient, die nichts zu wünschen übrig ließ und durch nichts unterbrochen wurde – nicht einmal durch die Erzählung seiner Auszeichnung, die er zahllose Male wiederholte.

Und dabei lebte und webte es in Mexiko von geschäftigen und aufgeregten Leuten, denn in der Tat schien auch heute gerade – wie das ja wohl manchmal geschieht – alles zusammenzutreffen, um die Stimmung in der Hauptstadt zu heben und die Worte des Kaisers, daß das Kaiserreich eine Wahrheit geworden sei, zu verwirklichen.

Vom Norden langten nur Siegesnachrichten an, und die französischen und mexikanischen Truppen jagten die – Republikaner, die sich dort oben noch hielten, von Ort zu Ort und schlugen sie, wo sie ihrer habhaft werden konnten. Cortina – ein gefürchteter Bandenführer, eigentlich nichts weiter als ein ganz gemeiner Bandit – war von Juarez, als seine Scharen besiegt worden, abgefallen und in das kaiserliche Lager übergegangen. General Quiroga ebenfalls. Noch operierte er mit mexikanischen Truppen, als er sich plötzlich gegen Negrete, einen kommandierenden General, warf und diesen, der auch von den Franzosen bedroht wurde, zur schleunigen Flucht zwang – ja, es hätte sogar nicht viel gefehlt, daß Quiroga selbst Juarez abschnitt und gefangen nahm.

Rojas, einer der blutdürstigsten Schufte, die je den Namen eines Soldaten geschändet, war ebenfalls geschlagen und erschossen worden, worauf allgemeiner Jubel im Lande ausbrach, und der »Expräsident« Juarez (wie er selbst von seinen früheren Anhängern genannt wurde, denn mit dem Erfolg geht ja doch die Welt) mußte nach dem äußersten Norden, nach Chihuahua flüchten; ja, man erzählte sich sogar schon in Mexiko, daß er über die Grenze in die »Vereinigten Staaten« gedrängt sei, was allerdings – der mexikanischen Konstitution nach – einer Abdankung gleichgekommen wäre.

Zu derselben Zeit aber waren auch schon die ersten Schiffe mit dem österreichischen Hilfskorps angelangt und ein Teil derselben in das Land befördert worden, so daß die Mexikaner, wenn man den Fremden auch im allgemeinen abhold blieb und nichts von ihnen wissen wollte, doch die Deutschen insofern auch wieder gern sahen, als man durch sie hoffte, die viel mehr verhaßten Franzosen loszuwerden.

Don Pedro Gaspard besonders verabscheute die Franzosen von Grund seiner Seele, denn erstlich machten sie ihm in der Stadt die gefährlichste Konkurrenz, und dann betrachteten sie alles, was nicht aus Frankreich stammte, mit unverhohlener Geringschätzung. Allerdings kränkte es ihn, daß er selber nicht einmal seinen eigenen Laden ohne französische Beihilfe erhalten und füllen konnte, denn zwei Drittel darin wenigstens hatten französische Etiketten; aber sein neues Schild verschmähte trotzdem jedes französische Wort, denn unter dem mexikanischen Wappen, das mit zwei gekreuzten Nationalfahnen in der Mitte prangte, stand pelugueria mejicana, und darunter sein voller Name wieder mit der Unterschrift: Hoffriseur Ihrer Majestät der Kaiserin Carlota, während dicht neben dem Namen der Fürstin rechts ein außergewöhnliches Chignon abgebildet stand, indessen links in der Ecke Schere, Brenneisen, Kamm, Haarbürste und zwei Rasiermesser zu einem symbolischen Pentagramm vereinigt wurden. –

Vor dem Fenster standen ein paar frisch angekommene Österreicher aus der zuerst eingetroffenen Legion, die heute Urlaub bekommen hatten, um sich die Stadt ein wenig zu besehen. Anfangs waren sie auch durch die bunten Gegenstände im Fenster zu der irrigen Meinung veranlaßt worden, es sei ein Konditorladen; bald erkannten sie jedoch ihren Irrtum, und während sie sich die verschiedenen Haartouren betrachteten und darüber ihre Bemerkungen machten, sagte der eine zum anderen in echt österreichischem Dialekt:

»Du, Sepperl, wie wär's, wenn wir uns hier eine Stange Bartwachs kauften – meine ist mir doch unterwegs abhandengekommen – das ist ja so ein Laden.«

»Der sieht aber verflixt fein aus,« meinte der andere, »da werden wir einen halben Gulden zahlen können.«

»Bah, Unsinn, das Wachs läuft hier aus den Bäumen,« lachte der erste wieder – »komm nur hinein – aber alle Wetter, wie heißt denn eigentlich Bartwachs auf Spanisch?«

»Ja,« lachte der zweite wieder – »das soll ich wissen, aber das tut nix – werden's ihm schon mit den Fingern begreiflich machen.«

Es waren ein paar schlanke Burschen, die beiden, und hatten etwas echt Martialisches in ihrem ganzen Wesen. Sie trugen blaue, militärisch zugeschnittene, aber weite und bequeme Blusen, die von einem Ledergürtel über den Hüften zusammengehalten wurden, grüne Hosen mit roten, schmalen Streifen daran, rote Mützen und hohe Reiterstiefel, und dabei als einzige Waffe einen ziemlich wuchtigen Kavalleriesäbel. Wie sie auch nur in den Laden traten, lockten sie die Aufmerksamkeit Don Pedros sofort auf sich, und, mit der Uniform, die übrigens noch ziemlich neu aussah, nicht bekannt, mochte er auch vielleicht glauben, daß er fremde Offiziere vor sich habe. Aber sie trugen keine französischen Abzeichen – keine, die er wenigstens noch je gesehen, und das gewann ihnen im Nu sein Herz.

»Caballeros, womit kann ich Ihnen dienen?«

»Hm, ja,« sagte Sepperl, indem er sich seinen langen ungarischen Schnurrbart strich, »a bißl Bartwachs für den da – verstanden?«

Don Pedro sah sie aufmerksam an.

» Cortar?« fragte er erstaunt.

»Wird wohl so heißen« – meinte Sepperl – »was kost denn das Stück?«

Don Pedro schüttelte mit dem Kopf – schade um den hübschen Schnurrbart, dachte er; aber vielleicht war es ein Militärbefehl – wer konnte das wissen, und mit einem sehr artigen » siente se« schob er ihm einen Stuhl hin. –

»Sakerment,« lachte der Soldat, »die sind artig hier,« – fuhr aber mit einem wahren Angstschrei empor, als Don Pedro eine große Schere vom Tisch nahm und dabei mit der linken Hand nach seinem Bart griff – »na ja, weiter hätt' mir nix gefehlt.«

Die übrigen lachten, und der kleine Spanier begriff jetzt allerdings, daß er falsch verstanden haben mußte. Mit einiger Schwierigkeit machte ihm aber doch jetzt der Ulan begreiflich, was er eigentlich haben wollte, in dem er auf eins der Seifenstücke zeigte und dabei fortwährend sein Bart strich, und er rief lachend aus:

» Ah caramba! cera, cera por et mostacho! bien! bien, agui es.«

Damit nahm er aus einem Fach eine kleine Stange Bartwachs und reichte es dem Soldaten hin, der vergnügt dazu mit dem Kopf nickte.

» Das ist recht – was kost das?«

»Was es kostet?« fragte Don Pedro, der aus der Frage vermutete, um was es sich hier handle – » un duro – no mas« – (einen Piaster, nicht mehr).

» Un duro – was ist das?«

» Un peso,« wiederholte Don Pedro, der wohl merkte, daß sie den Ausdruck duro nicht verstanden, indem er den Zeigefinger in die Höhe hob – » no mas!«

»Mehr nicht?« lachte Sepperl, der sich schon ein paar Worte Spanisch gemerkt hatte. »Du – weißt du, was der für das Dings da verlangt? Zwei Gulden Silber, mehr nicht.«

»Er ist wohl verrückt,« sagte sein Kamerad.

»Gott bewahre,« lachte Sepperl wieder, »er will nur zusehen, ob wir's sind. »Na, danke auch schön,« sagte er dann, indem er die Stange Bartwachs wieder auf den Tisch legte, »ich denke, wir können uns ohne das behelfen,« und, seinen Kameraden am Arm fassend, führte er ihn wieder mit hinaus auf die Straße.

» Pobrecitos,« sagte Don Pedro, als seine beiden geglaubten Kunden durch die Tür verschwanden, indem er ihnen mitleidig nachsah, »die armen Teufel haben vielleicht keinen Real in der Tasche, und noch gar keinen Peso in ihrem Leben gesehen. Nun, hier in Mexiko werden sie schon ihr Glück machen – sind jedenfalls Deutsche und Landsleute Seiner Majestät. Lauf ihnen nach, Pablo, und gib ihnen die Stange Bartwachs – kostet nichts – verstanden.«

Pablo – ein indianischer Bursch – und eben beschäftigt, die Haare unter den Stühlen wegzukehren, war über des Sennors etwas ungewohnte Großmut allerdings erstaunt, aber er gehorchte doch dem Befehl und überraschte dadurch die beiden Soldaten auf das vollkommenste. Sie wollten das Geschenk auch anfangs gar nicht annehmen, Pablo aber, der sich doch auf keine Unterhaltung mit ihnen einlassen konnte, ließ es in ihren Händen und lief zurück. –

Übrigens war das ein zu unbedeutender Gegenstand, um sich lange damit im Laden des Friseurs aufzuhalten, denn Wichtigeres beschäftigte in diesem Augenblick die Gemüter – oder wenigstens Interessanteres: Die letzte angekommene Diligence war nämlich zwischen Puebla und Mexiko wieder zweimal ausgeraubt worden, und die Räuber sollten sich dabei auf das frechste benommen haben.

Ein Kunde, der sich in Don Pedros Laden die Haare schneiden ließ, hörte eben mit äußerstem Erstaunen, was dieser ihm selber darüber erzählen konnte, denn es war heute morgen fast von nichts anderem in der Stadt gesprochen worden, – als ein Mestize, in einer alten, zerrissenen Serape, einen ebensolchen Strohhut auf dem Kopf, die weiten, unten aufgeknöpften Samthosen um das schmutzige Unterzeug schlenkernd, den Raum betrat, als ob er dort zu Hause wäre, und sich auf einen der leerstehenden Stühle warf.

»Caramba, Sennor,« sagte Don Pedro, dem eine solche Erscheinung in seinem sehr eleganten Laden keine besondere Freude zu machen schien, denn derartige Gäste scheuchten nicht allein anständige Kunden fort, sondern hatten auch gewöhnlich nicht einmal Geld in der Tasche – »was wünschen Sie?«

»Rasieren,« erwiderte aber lakonisch der Mestize, indem er sich den Hals frei machte und einen Teil des schon sehr getragenen Hemdkragens unter die Serape hineinstopfte – »aber ein bißchen schnell, ich habe nicht lange Zeit.«

Don Julio, wie der Barbier hieß, sah Don Pedro fragend an, und dieser zuckte halb vor sich hin die Achseln – dem Mestizen war aber die Zeichensprache nicht entgangen, und ob er den Sinn erriet, er griff in die Tasche, holte eine Goldunze heraus, warf sie auf den Tisch und sagte nur das eine Wort – »Wechseln«, dabei stand er noch einmal auf, ging ein paar Schritt in dem Laden herum und stellte sich ein halb Dutzend Pomadebüchsen, Flacons, wie einige Bürsten und Kämme usw. zur Seite.

»Und sollen wir das abziehen?« sagte Don Julio erstaunt, denn der Mann sah wahrlich nicht so aus, als ob er derartige Einkäufe machen könne; der Mestize nickte aber nur mit dem Kopf, fragte auch gar nicht nach dem Preis, und setzte sich wieder nieder, wo er denn jetzt auch ohne weiteren Widerstand von dem bereitwilligen Don Julio bedient wurde.

Don Pedro nahm indessen das Gespräch über die beraubte Postkutsche wieder auf und kümmerte sich nicht mehr um den Mestizen. Das Kaiserreich hatte auch in der Tat eine solche Masse von zweifelhaften Charakteren in die Stadt geworfen, die aber trotzdem nicht selten einen selbst bedeutenden Rang einnahmen. Man begegnete oft einer Persönlichkeit, die man für einen gewöhnlichen Peon oder Diener, ja vielleicht gar für einen Lepero hielt, und die sich dann plötzlich als General oder doch wenigstens als Oberst entpuppte. Wer wußte denn, von welchem Juaristischen Streif- oder Banditenkorps dieser Sennor gerade eingetroffen war, um vielleicht in dem gleichen Rang, den er dort bekleidet, hier in der kaiserlichen Armee weiter zu dienen. Es war jedenfalls geraten, solche Leute, wenn auch nicht gerade sehr zuvorkommend, doch wenigstens vorsichtig zu behandeln.

Während der Mestize rasiert wurde, betraten noch einige andere »Caballeros« den Salon des Friseurs und mischten sich rasch in das Gespräch über den Raub der Diligence. Die Passagiere waren zuerst von einem einzelnen Reiter angehalten worden, der ihnen nur 200 Duros abnahm und wie ein vornehmer Herr ausgesehen haben sollte: als sie aber der zweiten Bande in die Hände fielen, und diese erfuhr, daß ihnen schon jemand zuvorgekommen, plünderten sie, darüber ärgerlich, die armen Insassen derartig aus, daß ihnen kaum das Notwendigste selbst zur Bekleidung blieb. Der eine der Herren wollte selber dabei gewesen sein und beschrieb den Überfall auf das lebendigste, behauptete auch, daß die Räuber aus einer gut bewaffneten und berittenen Truppe von wenigstens dreißig Mann bestanden hätten.

Der Mestize hörte, mit einem halb spöttischen Lächeln um die Lippen, den Bericht mit an, ohne aber auch nur ein einziges Wort mit einzureden, ließ sich dann sein Geld herausgeben, packte die gekauften Sachen in den vorderen Teil seiner Serape und verließ mit einem sehr graziösen Caballeros, a Dios den Laden.

Die Mexikaner hatten ihn kaum beachtet, denn was kümmerte sie der Bursche. Der eine aber, der mit in der Diligence beraubt sein wollte, rief, als jener kaum die Tür hinter sich geschlossen:

»Caracho, wer war das? – Die Serape kenn' ich. – Ich will kein Ave Maria wieder beten, wenn ich nicht genau dieselben roten und gelben Streifen auf den Schultern desselben Schuftes gesehen habe, der uns gestern bis aufs Hemd ausplünderte – aber er trug einen Bart.«

» Santisima,« rief Don Pedro aus – »er hat sich eben hier rasieren lassen und mit einer Goldunze bezahlt. – Wenn Sie ihn festnehmen lassen, finden Sie den Raub noch bei ihm.«

» Was ich fände, wäre ein Messer zwischen die Rippen, amigo,« sagte der tapfere Mexikaner, »ich werde mich hüten; aber daß das einer von den Schuften war, ist außer allem Zweifel. Und diese Frechheit, hier öffentlich in den Laden zu kommen –«

»Es wird hübsch in Mexiko,« sagte ein anderer, »die Straßen sind jetzt so unsicher geworden, daß man, ohne ein paar Revolver im Gürtel, nicht einmal nach Tacubaja reiten kann. Neulich sollen sie sogar dem Kastellan von Chapultepec die Uhr unten im Garten unter den Zedern abgenommen haben, und oben im Schlosse saß der Kaiser indessen an seiner Tafel.«

»Und was für Silbergeschirr haben sie dem schon gestohlen,« lachte der andere – »wenn das so fortgeht, wird er sich bald neues kaufen müssen.«

»Bah,« sagte der erstere wieder, »das sind aber keine Mexikaner gewesen – weshalb hat er sich so viele Hungerleider mit von Deutschland herübergebracht. Die wollten alle hier in Mexiko Millionäre werden, und da sie jetzt merken, daß sie die Schätze nicht bei Tausenden auf einmal einbringen, fangen sie mit silbernen Löffeln an, um doch etwas zurückzulegen. Es soll schon eine schauerliche Wirtschaft eingerissen sein.«

»Wird noch besser kommen,« lautete die Antwort, »wenn erst die »Ratten« das Schiff verlassen, denn lange kann ja die Geschichte doch nicht dauern. Komödie, weiter nichts. Zum Teufel auch, ich möchte nur wissen, weshalb sich der Kaiser Napoleon so außerordentlich für uns interessiert, daß er so uneigennützig eine ganze Armee bezahlt, nur um uns im einzelnen totzuschießen und im ganzen glücklich zu machen. Wenn er aber glaubt, daß er das Land dabei für sich bekommt, ist er im Irrtum.«

Die beiden Mexikaner hatten ihre Geschäfte in dem Laden besorgt und verließen das Lokal wieder.

»Ob das Gesindel nur jemals zufriedenzustellen ist,« sagte Don Pedro, als die Herren den Laden geräumt hatten und er mit seinem Gehilfen, dem Barbier, allein war. – »Hundert Revolutionen haben sie hintereinander durchgemacht, und wo sie jetzt der heiligen Jungfrau auf den Knien danken sollten, daß sie endlich einmal eine tüchtige Regierung und so ein Kaiserpaar bekommen haben, wirkliche Fürsten und keine solche Indianerbande mit braunen Gesichtern und Pferdehaaren, da freuen sie sich schon wieder auf die Zeit, wo alles drunter und drüber geht, nur damit das Land um Gottes willen nicht zur Ruhe kommt. Lange kann die Geschichte nicht dauern? So, Caballeros?« setzte er mit einem triumphierenden Blick auf das über den Kämmen und Pomadenbüchsen aufgehängte Bild der Kaiserin hinzu, »na, wir wollen's einmal abwarten; aber wenn sich alle wirklichen Patrioten um ihren Kaiser scharen, dann, denke ich, treiben wir das Gesindel auch noch zu Paaren. He! Julio, was meint Ihr? Und wenn wir uns selber einen Säbel umschnallen und eine Muskete auf den Rücken nehmen sollten, wir lassen unseren Kaiser nicht im Stich.«

Don Julio, der angeredete Barbier und ebenfalls ein Spanier – ein noch sehr junger Mensch – war eine mehr humoristische als martialische Natur, und obgleich er gerade heute, wo das Bild der Kaiserin aufgehangen worden, nicht eben eine Mitwirkung zu ihrer Verteidigung ablehnen mochte, so dachte er doch ebensowenig daran, sich durch ein leichtsinniges Versprechen fest zu binden. Er war dazu noch zu wenig »Kolonist« geworden und sagte nun mit einem breiten Lächeln und in einer etwas zweideutigen Weise:

»Ich lasse sie alle zur Ader. Übrigens hat's auch keine Not, denn im heutigen Diario steht ja, daß eine ganze Anzahl von Schiffen mit Belgiern und Deutschen noch unterwegs sind; den Indianer haben sie schon aus dem Lande gejagt, und wer soll denn nachher noch Revolution machen? Die Art gewiß nicht, denn die sind froh, wenn sie ihre trockenen Tortillas in Ruhe verzehren können. Aber, was ich gleich sagen wollte, Don Pedro – werden Sie denn die beiden Bestellungen nach Cuernavaca und Queretaro ausführen? Dann bleibt uns verwünscht wenig im Laden, denn mit den feinen Seifen wird's jetzt überhaupt schon dünn, und Haaröl haben wir weiter nichts, als was eigentlich noch im Fenster und in den paar Fächern steht. Es fehlen überhaupt eine Menge Dinge, und seit Sie Hoffriseur geworden sind, kaufen die Leute ja rein wie toll.«

Don Pedro ging in dem kleinen Laden herum und rieb sich vor innerlichem Vergnügen die Hände – die befürchteten Revolutionen waren total vergessen. Endlich blieb er vor Don Julio stehen, sah ihn mit einer lächelnden Miene an und sagte:

» Hombre – wißt Ihr nicht, daß ich von Ihrer Majestät beauftragt bin, jene Rosenseife, welche sie in Österreich gekauft hat, von dort für sie kommen zu lassen, he?«

»Ja – allerdings – aber das hilft uns doch nichts?«

»Sieben Kisten sind dort schon bestellt,« sagte aber Don Pedro, ihm mit einem glücklichen Lächeln die Hand auf die Schulter legend, »sieben Kisten, sag' ich.«

»Mit Rosenseife?« rief Don Julio erstaunt.

»Schafskopf,« sagte Don Pedro, »mit Seifen, Pomaden, Kämmen, Bürsten und allem, was wir brauchen.«

»Und für die Kaiserin?« rief Don Julio erstaunt.

»Nun gewiß,« lachte Don Pedro – »das heißt, für die Adresse der Kaiserin, aber an mich, hombre, und alles geht frei ein, natürlich, und nicht einmal die Fracht auf dem Dampfer habe ich zu zahlen. – Alles auf Regimentsunkosten.«

»Caracho!« rief Don Julio erstaunt aus, »aber geht denn das?«

»Das laßt Euch gesagt sein, amigo – es geht alles, was man geschickt anfängt, aber geschickt anfangen muß man's eben.«

»Und gar keine Steuer zu bezahlen?«

»Nicht einen claco, und auch keine Fracht bis hier nach Mexiko – alles für kaiserliche Rechnung.«

»Na, das wird dem Staat aber einen schönen Dollar Geld kosten,« sagte der Barbier, – »und es geht so immer knapp her.« –

»Bah, auf die paar hundert Duros kommt's nun auch nicht an,« meinte Don Pedro, »das ist kaiserlich, und dafür ist der Thron da, daß die Strahlen desselben in die Herzen seiner treuen Anhänger ihr Gold werfen.«

»Und in die Taschen,« sagte Don Julio trocken.

» Que quieres, compannero,« sagte Don Pedro, »die Staatskasse hat jedes Jahr so und so viel Ausgaben – mehr nicht – und ist das außerdem etwas, was der Staat überhaupt bezahlt – die unbedeutende Fracht für ein paar Kisten vielleicht ausgenommen? – Die Steuer kostet ihn ja doch nichts – er bekommt nur nichts dafür, und wo so viel Geld an Lumpengesindel hinausgeworfen wird, da kommt es auch nicht darauf an, wenn treue Anhänger des Thrones und gute Untertanen einen kleinen Nutzen dabei ziehen.«

»Ave Maria,« sagte in diesem Augenblicke eine tiefe Stimme, während sich zugleich die Tür des Ladens öffnete und ein Mönch auf der Schwelle erschien.

» Purisima,« antwortete Don Pedro mit dem landesüblichen Gruß, »ah, como se va Padre Zaloga,« setzte er dann hinzu, als er den Eintretenden erkannte, ohne jedoch besondere Freude über das Erscheinen des ehrwürdigen Herrn an den Tag zu legen, »was treiben Sie?«

»Was sollen wir in jetziger Zeit treiben, Don Pedro,« sagte der Geistliche, indem er die Hände unter den langen Ärmeln, und aus alter Gewohnheit, nicht aus Frömmigkeit, faltete, »wir kämpfen gegen die Sünde an – unser altes Geschäft – und bitten Gott, daß er das Herz unseres verblendeten Monarchen erleuchten und auf den Weg des Heils zurückführen möge.«

»Zurückführen, frommer Padre?« sagte Don Pedro erstaunt, »ich denke doch, unser Kaiser ist ein gut katholischer Herr?«

» Wenn er das ist,« sagte der Geistliche, »so hat er es wenigstens bis jetzt noch nicht gezeigt, denn den an der Kirche geschehenen Raub läßt er ruhig in den Händen der Diebe, und wie es heißt, will er denselben sogar durch Gesetze sanktionieren. – Doch nicht um über Politik zu sprechen, bin ich hierher gekommen, Don Pedro; ist Donna Cornelia daheim? – Sie hat nach meinem geistlichen Zuspruch verlangt, und ich möchte ihr gern zu Willen sein. Es ist eine fromme, tugendsame Frau.«

»Donna Cornelia ist allerdings zu Hause, Padre,« sagte Don Pedro, und seine Brauen zogen sich dabei eben nicht freundlich zusammen, »aber soviel ich weiß, hat sie jetzt im Haus zu tun, und ist besonders mit den Arbeiterinnen beschäftigt. Sie wird in dieser Stunde wohl kaum Zeit zum Beten haben, und war ja auch heute morgen schon in der Messe.«

»Für Gott haben wir immer Zeit, Don Pedro,« sagte der Geistliche ernst, »denn Gott ist es allein, der sie uns gegeben hat und den weiteren Gebrauch derselben noch gestattet. Wer von uns weiß denn auch, wie bald seinem Leben ein Ende gemacht wird, und keinen Moment sollten wir versäumen, um uns darauf vorzubereiten. Ich werde die Sennora aufsuchen,« und mit einem mildfreundlichen Lächeln gegen den Friseur schritt er durch den Laden, dessen Ausgang er schon kannte, in das innere Haus hinauf.

Don Pedro sah ihm nach, solange er ihm mit den Augen folgen konnte, dann aber, als der Padre die Hintere Ladentür wieder geschlossen, fuhr er sich mit der rechten, sehr kleinen und weißen Hand durch die dunklen und außerordentlich reich geölten Locken und sagte, aber immer noch mit halb unterdrückter Stimme, als wenn der Geistliche vielleicht draußen gehorcht hätte:

» Ca – na, ich will nicht fluchen; wenn ich aber ein Land auf der ganzen Welt wüßte, wo diese gottverdammten Schleicher nicht herumkriechen – dahin ging' ich, und wenn die ganze Bevölkerung aus Kahlköpfen bestünde.«

»Das glaub' ich,« lachte Don Julio, »um für den ganzen Staat Perücken anzufertigen – wäre ein famoses Geschäft. Aber warum gehen Sie denn da nicht nach der Türkei? Da sind keine Pfaffen und lauter Kahlköpfe.«

»Don Julio,« sagte Don Pedro ernst und feierlich, »Sie sind der bornierteste Mensch, der mir in meinem ganzen Leben vorgekommen ist! – Haben sie in der Türkei nicht Derwische, und verrichten die nicht genau dieselben Dienste, wenn auch vielleicht in etwas anderer Weise als unsere Padres hier? Ich hasse den Indianer Juarez; aber wenn mich ihm etwas hätte geneigt machen können, so war es das Gesetz damals, als er den Herren ihre Quadratmeilen Land konfiszierte, ihre Klöster, wo lauter Müßiggänger gefüttert werden, aushob, und ihnen sogar verbot, in ihrem Ornat, in dem sie sich von allen Frauen die Hände ablecken ließen, herumzulaufen. Das ist auch der alleinige Grimm der Schwarzen gegen den Kaiser, daß er ihnen die Klöster und das andere nicht wieder zurückgibt.«

»Padre Zaloga kommt eigentlich ein bißchen oft zur Sennora,« sagte Don Julia, indem er sich abwandte und eifrig an einem seiner Messer strich. Don Pedro warf ihm einen mißtrauischen Blick zu, der aber an dem Barbier vollständig verloren ging – einen Moment schwankte Don Pedro auch, ob er auf diese, eigentlich ganz ungehörige Bemerkung seines Gehilfen etwas erwidern solle, denn recht hatte er; ihm kam der Padre Zaloga viel zu oft. Aber was ging das den Barbier an? Er schob beide Hände in die Taschen, schritt zweimal in seinem Laden mit finster zusammengezogenen Brauen auf und ab, griff dann seinen an einem Nagel hängenden, sehr breitrandigen mexikanischen Hut auf und verließ, ohne weiter ein Wort zu sagen, den Laden.

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