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In Mexiko. Erster Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Erster Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectid78b24b7f
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Die Kirche und ihre Söhne.

Mexiko hatte einen Kaiser erhalten – zwar nicht einen Kaiser, wie man ihn damals in Iturbide nur flüchtig und unvollkommen aus einem General gemacht, sondern einen wirklichen, eigenen Fürsten; und all der Glanz und Prunk, mit blitzenden Uniformen, Orden, Bällen, brillanten Festen und Umzügen, war auf die Hauptstadt ausgeschüttet worden. Kein Wunder denn, daß sich die Bewohner derselben wohl darin fühlten, und es gab auch anscheinend wenigstens in dieser Zeit nur noch zwei Parteien im ganzen Lande: Kaiserliche und Republikaner, und die letzteren waren in verschwindender Minorität – und waren selbst diese letzteren wenigstens einig untereinander?

Fast täglich liefen Gerüchte ein, daß sich wieder ein oder der andere der Juaristischen Bandenführer von dem vertriebenen Präsidenten losgesagt habe und zu der kaiserlichen Partei offen übergetreten sei, und wenn man alledem glauben wollte, was man sich in der Residenz erzählte, so befanden sich die nördlichen Streitkräfte des Expräsidenten in voller Auflösung.

Aber auch in der Hauptstadt und zwischen der »kaiserlichen Partei« fingen kleine Zerwürfnisse an sich zu zeigen, die besonders zwischen den Franzosen und den Beamten des Kaiserreichs begannen. Die Festlichkeiten des Empfangs waren kaum vorüber, so traten Symptome ans Licht, die kein so inniges Zusammenwirken verrieten, als man es hätte zwischen Franzosen und Österreichern voraussetzen sollen, und doch waren sie natürlich genug. Die Österreicher nämlich fingen an sich als Herren des Landes zu betrachten, und die Franzosen, die sich darüber ärgerten, suchten sie fühlen zu lassen, daß sie das nur durch ihre Beistand wären und sein könnten. Selbst von den höchsten Kreisen ging ein solches Gefühl aus und pflanzte sich bis in die untersten Schichten hinab fort – und gerade deshalb so rasch und entschieden, weil es eben von oben kam und dadurch leichter alles erfaßte.

Bazaine nämlich, mit dem gewöhnlichen französischen Übermut, besaß sehr wenig Takt, um die Stellung eines Befehlenden und Untergeordneten miteinander zu vereinigen, und zwei Kaiser konnten doch nicht gut in Mexiko regieren. Aber der Franzose sah, daß er nach und nach seine Gewalt an den wirklichen Herrscher abgeben mußte, und suchte diesen deshalb fühlen zu lassen, daß er trotzdem von ihm abhängig sei, während Maximilian, mit dem Bewußtsein seiner schwierigen Stellung, das gerade am wenigsten vertragen konnte und wollte.

Beiden gegenüber fing auch die Geistlichkeit an zu ahnen, daß sie sich in dem österreichischen Prinzen, von dem sie alles erwartet, und dessen Wahl sie deshalb auch mit allen Kräften unterstützt hatte – vollständig getäuscht habe. Allerdings führte er ein etwas milderes Regiment ein – er gestattete Prozessionen und derartige Festlichkeiten auch in den Straßen der Stadt und erklärte offen, die katholische Kirche schützen zu wollen, aber das konnte ihnen natürlich nicht genügen: Sie verlangten volle Einsetzung in ihre Rechte – ein entschiedenes Brechen mit der republikanischen Vergangenheit, und schon daß der Kaiser zögerte, ihnen das zu gewähren, würde sie beunruhigt haben, hätten nicht auch andere Zeichen dahin gedeutet, daß er vielleicht gar daran denke, den Dank zu vergessen, den er ihnen schulde, um sich in voller Verblendung auf seine eigene Macht zu stützen.

Zahllose Bittschriften liefen in dieser Zeit im Palaste ein, und zwar Bittschriften des entgegengesetzten Inhalts, von denen aber die für die Kirche zugleich als eine Art von Demonstration gelten sollten. Man führte auch damit Schlag auf Schlag, um den Kaiser glauben zu machen, daß sich alle vornehmen und achtbaren Familien in Mexiko, mit einem Worte die ganze Aristokratie, in dieser Hinsicht vereinigt hätten. Aber das erreichten sie nicht, denn hier stand das eigene Interesse vieler zu schwer auf dem Spiel, um den eigenen Nutzen – selbst als gute Katholiken – völlig hintanzusetzen. Die Frauen gewannen die Priester allerdings. In ihren zahlreichen Bittschriften, wenn man sie genau kontrolliert hätte, fehlte vielleicht kein einziger angesehener oder bekannter Name der ganzen Stadt. Sehr häufig geschah es aber dabei, daß die eigentlichen Träger derselben – die Männer – gerade mit einer Gegeneingabe kamen, die nicht allein das Entgegengesetzte verlangte, sondern auch sogar dahin drängte, daß, neben Bestätigung der alten Käufe kirchlichen Eigentums, auch die übrigen Güter der »toten Hand« aus den Markt gebracht würden, um eine Masse leerstehender Räumlichkeiten zu verwerten und der Benützung der Stadt zu gewinnen.

Fast alle diese Bittschriften stimmten indessen darin überein: den Kaiser zu ersuchen, die Franzosen so rasch als irgend möglich wieder aus dem Lande zu schicken, indem man ihm wieder und wieder versicherte, wie er fest auf die Treue und Unterstützung der Mexikaner bauen könne.

Im ganzen herrschte auch in der Tat ein guter Geist in Mexiko vor. Man fing an einzusehen, daß es der Kaiser wirklich gut mit dem Lande meine, und schien fest entschlossen – die Monarchie zu halten? das wäre ein wenig zu viel gesagt gewesen – aber es doch wenigstens einmal mit ihr zu versuchen. Die Regierung konnte sich auch darauf verlassen, daß sie von den einzelnen auf das entschiedenste unterstützt werde, solange diese nämlich ihren eigenen Nutzen dabei sahen. Was dann weiter wurde? Wie hätte man von einem Kreolen oder Mestizen verlangen können, daß er sich um die Zukunft gekümmert hätte, wo er nicht einmal an den nächsten Tag dachte.

Nur allein die Geistlichkeit tat das und fühlte sich deshalb mehr als beunruhigt, denn was sie von dem Kaiser erhofft, schien sich keineswegs zu erfüllen.

Im Palast des Erzbischofs Labastida, in einem der großen, nach der Plaza hinausführenden Zimmer, ging der stolze Erzbischof, die Unterlippe fest zwischen die Zähne gepreßt, die Arme gekreuzt und den Blick auf dem Boden haftend, in seinem langen Priestergewand mit raschen Schritten auf und ab, während noch einige andere Herren im Zimmer verteilt und augenscheinlich in einer ernsten und wichtigen Beratung begriffen waren.

Zwei untergeordnete Geistliche standen leise flüsternd an einem der Fenster zusammen; an dem in der Mitte des Gemaches befindlichen Tisch, auf dem eine Menge von Schriftstücken zerstreut lagen, lehnte General Miramon und blätterte in einer kleinen Broschüre, und in einem Lehnstuhl an einem anderen Fenster saß Don Juan Almeja, der reiche Minenbesitzer, in voller Toilette, im schwarzen Frack und weißer Krawatte, mit Brillant-Tuchnadel, Ringen, Knöpfen, großen Berlocken, wie er eben gerade von der Tafel des Kaisers kam. Übrigens schien er keine besonders angenehmen Neuigkeiten in das Haus des geistlichen Fürsten gebracht zu haben; das wenigstens zeigte sich deutlich in dem Antlitz des Erzbischofs, wie in der ganzen Haltung der unteren Geistlichen. Almeja selber aber, davon auch vielleicht nicht so berührt, fühlte sich durch die lange Pause ein wenig angegriffen. Er mochte sehr gut diniert haben, und die Augen fingen an ihm schwer zu werden. Da weckte den schon im halben Einschlafen Begriffenen die Stimme des Erzbischofs, der in seinem finsteren Brüten unwillig ausrief – und die sonst sanfte Stimme klang scharf und schneidend:

»Das geht nicht länger, Sennores! Wir sind lange genug gefügig gewesen und haben eine fast beispiellose Geduld gezeigt, aber die Sache muß jetzt ein Ende nehmen, oder die ganze Autorität der Kirche leidet darunter. Wenn er nicht in Güte will, ei dann –«

Er schwieg plötzlich und warf einen mißtrauischen Blick nach Sennor Almeja hinüber; dieser war jedoch gänzlich harmlos und gab sich eben nur die größte Mühe, munter auszusehen; aber Miramon hatte sich ebenfalls gegen den Priester gewandt und sagte mit vollkommen leidenschaftsloser Stimme:

»Wir werden vorderhand nichts tun können, Monsennor, denn man betreibt, wie es scheint, die Sache systematisch. Der Feind ist vollkommen auf seiner Hut, und die augenblickliche Stimmung in Mexiko ist unseren Ansichten nichts weniger als günstig. Sie sehen außerdem, daß man auch nicht ganz ungeschickt zu Werke geht, und Fernando Ramirez hat dabei jedenfalls die Hand im Spiele. Wie uns Freund Almeja erzählt, ist meine Sendung ins Ausland, von der ich allerdings schon gehört, sie aber keineswegs für Ernst genommen, heute sogar öffentlich bei Tafel besprochen worden, also eine ausgemachte Sache. Außerdem sind die wichtigsten und unentbehrlichsten unserer Freunde – für den Moment wenigstens – ebenfalls außer Kurs gesetzt: Martinez nach der Türkei, Salazar nach Yucatan, Escondor nach Brasilien. Was sollen wir also tun? Die Franzosen haben noch das volle Heft in Händen, fast täglich werden neue Transportschiffe mit belgischen und deutschen Legionären in Vera-Cruz erwartet; selbst der Norden scheint die Armee nicht besonders mehr zu beschäftigen, und Porfeirio Diaz wird sich ebensowenig im Süden halten können. Unter solchen Umständen wäre es Wahnsinn, mit Gewalt auftreten zu wollen; wir könnten nie etwas gewinnen, aber müßten sicher und gewiß alles verlieren.«

»Wenn man vielleicht auf die Umgebung des Kaisers einwirken könnte,« bemerkte der Padre Miranda, von dem der Erzbischof sehr viel hielt, und der jetzt mit gefalteten Händen an dem einen Fenster stand, »ich fürchte fast, seine Umgebung ist nicht gerade die passende.«

»Das weiß Gott,« lachte der Erzbischof bitter, »anstatt sich mit den Leuten zu umgeben, die ihm den Thron angebahnt und seine Wahl mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gefördert haben, suchte er seine Freunde im Lager unserer grimmigsten Feinde, der Liberalen, und ist dabei töricht genug, zu glauben, daß diese ihn über Wasser halten können. Sein ganzes Ministerium könnte Juarez ebensogut akzeptieren, und hat es sogar eine Zeitlang in der Lehre gehabt. Dieser abtrünnige Bischof Ramirez, den er zum Almosenier ernannt, und mit dem wir nächstens ein sehr ernstes Wort reden werden, ist alles in allem bei ihm – und Escondero, Robles, Peza, Fernando Ramirez, – gehören sie nicht alle in das Lager der Liberalen? Es läßt sich da allerdings behaupten, daß seine Umgebung nicht die passende ist, aber welche Macht haben wir darüber?«

»So meine ich es nicht,« sagte Padre Miranda freundlich lächelnd; »es fehlt ihm ein Mann in seiner nächsten Umgebung, der auch spirituell imstande wäre auf ihn einzuwirken und sein Herz unserer heiligen Sache wieder zuzuwenden.«

»Und hat er sich denn nicht selber diesen Indianer, den Bischof Ramirez, ausgesucht?« sagte finster der Erzbischof.

»Ich meine, einen Mann, der, auch mit anderen Arbeiten betraut, fortwährend in seiner Nähe bliebe,« erwiderte der Geistliche, indem er, wie sinnend, vor sich niederschaute. Labastida schüttelte mit dem Kopf.

»Er duldet keinen der Kirche wirklich ergebenen Mann um sich, denn er weiß genau, wie die mexikanische Geistlichkeit über sein dem Papst gegebenes und – gebrochenes Wort denkt.«

»Monsennor gehen da vielleicht ein wenig zu weit,« fiel hier Miramon ein: »Einmal wissen wir nur, daß sich Maximilian daheim beim heiligen Vater verabschiedet, und gar nichts, was er ihm wirklich versprochen hat, und dann kann man auch eigentlich nicht sagen, daß er bis jetzt irgend etwas der Kirche Feindliches – weit eher, daß er in dieser Sache gar nichts getan hat.«

»Eben weil er bis jetzt noch nichts getan hat,« rief da der Erzbischof heftig, »weil er duldet, daß der nichtswürdige Kirchenraub ruhig in den Händen von unnatürlichen Söhnen der Kirche sowohl als selbst in denen von Ketzern und Antichristen bleiben darf, ohne mit aller Kraft und Energie dagegen einzuschreiten. Eben weil er das duldet, hat er sein Wort gebrochen, das er schon hier gegeben, indem er versprach, den katholischen Glauben hochzuhalten. Oder waren die Worte seiner Proklamation, in welcher er sich vermaß, dahinzustreben, um immer von religiösen Gefühlen beseelt zu sein, nur ebenso viele Tiraden, mit denen er dem Volke Sand in die Augen streuen wollte? Der jetzige Zustand könnte selber unter Juarez oder irgendeiner anderen Regierung der Welt kaum schlimmer sein; haben wir aber deshalb den Fremden in unser Land gerufen?«

»Es läßt sich aber doch auch nicht leugnen,« sagte Sennor Almeja, der aufgestanden, um nur vor allen Dingen den auf ihn einpressenden Schlaf abzuschütteln, »daß Maximilian dadurch in eine nicht geringe Verlegenheit gerät. Er fürchtet jedenfalls, die jetzt nun einmal bestehenden Besitzverhältnisse total um- und dadurch eine Menge von seinen jetzigen Anhängern vor den Kopf zu stoßen.«

»Aber das Heiligtum der Kirche vor den Kopf zu stoßen, davor fürchtet er sich nicht,« sagte Labastida höhnisch; »was aber vermag alle Macht der Menschen gegen die Macht Gottes?«

Almeja hätte gern etwas darauf erwidert, denn, einmal vollkommen munter geworden, fehlte ihm auch die Antwort nicht. Er war sich nämlich noch keineswegs klar, ob nach dem von dem Erzbischof aufgestellten und allerdings zweifellosen Satz der liebe Gott in diesem Fall auch die Partei der Kirche ergriffen und sich nicht vielleicht neutral verhalten hätte, aber er mochte den Erzbischof, der sich ihm wieder in mancher Hinsicht gefällig zeigte, auch nicht reizen. Unter seinen Minen befand sich nämlich eine, die zwar außerordentlich reich, aber sehr abgelegen war, und zu der er schwerlich genügend Arbeiter bekommen hätte, wenn ihn nicht »die Kirche« dabei unterstützte. Das geschah aber in der Tat, und zwar auf die einfachste Weise, indem man einen Wallfahrtsort dort ganz in die Nähe legte. Einige Reliquien, die von Gott weiß wem stammten, wurden in der Nachbarschaft der Minen deponiert, und Sennor Almeja hatte bald an Arbeitern, was er brauchte, und die Kirche ebenfalls ihren Nutzen dabei. Überwarf er sich aber mit derselben, so kostete es dem Erzbischof ein Wort, die »Reliquien« wurden fortgeschafft, und seine Mine lag wieder, wie vorher, in einer Wüste und Einöde.

»Monsennor haben doch vielleicht nicht recht verstanden, was ich eigentlich sagen wollte,« fiel da wieder, die Hände zusammengelegt und den Kopf leise geneigt, Padre Miranda ein. »Wenn ich vorhin äußerte, daß ein immer in der Umgebung des Kaisers befindlicher Priester einen wohltätigen Einfluß auf sein Herz und seine Gottesfurcht ausüben könne, so hatte ich dabei eine bestimmte Persönlichkeit im Auge, die ich wagen wollte Monsennor vorzuschlagen.«

»Eine bestimmte Persönlichkeit?« sagte der Erzbischof, indem er stehen blieb und Miranda scharf und forschend ansah.

»Allerdings,« nickte dieser, langsam das Haupt neigend, »einen deutschen Priester.«

»Der jetzt mit der Expedition herübergekommen?«

»Nein,« lautete die Antwort.

»Er lebt schon seit langen Jahren im Lande, Monsennor,« fiel hier der andere Padre, ein mexikanischer Geistlicher namens Zaloga, ein, »und ist, wenn ich nicht irre, vor etwa sechzehn Jahren aus den Vereinigten Staaten zu uns herübergekommen, der mexikanischen Sprache also vollkommen mächtig, und unserer Sache treu ergeben – jedenfalls« – setzte er vorsichtig hinzu – »sehr nützlich zu verwenden.«

»Und sein Name?«

»Fischer.«

Der Erzbischof sah eine Weile schweigend vor sich nieder und nickte dann leise mit dem Kopf.

»Ich glaube, ich erinnere mich,« sagte er endlich, »aber wenn ich nicht irre, so stand er in dem Verdacht, eine – etwas unlautere Handlung in seiner Diözese verübt zu haben. Betraf es nicht Juwelen?«

»Ich weiß, was Monsennor meinen,« sagte Padre Zaloga, »die Sache konnte aber nie bewiesen werden. Man behauptet allerdings, daß der Juwelenschmuck des Heiligenbildes in Parras früher und ursprünglich echt gewesen wäre, und da das jetzt nicht mehr der Fall ist, so müßte allerdings eine Täuschung und respektive Veruntreuung stattgefunden haben, denn ein einfacher Dieb hätte die Juwelen nur geraubt und nicht wieder durch falsche Steine ersetzt. Die Beweise aber, wann das geschehen sein möchte, sind nicht mehr zu führen, und Padre Fischer hat sich außerdem durch einen Eid gereinigt.«

»Er war früher Laie.«

»Allerdings, Monsennor, Advokat, aber von tüchtiger Bildung und besonders ein vortrefflicher Lateiner, was ihm den Eintritt in den Schoß der Kirche außerordentlich erleichtert haben soll.«

»Ich erinnere mich,« sagte der Erzbischof, und ein leises, spöttisches Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, »unter den Blinden ist der Einäugige König – also diesen Mann halten Sie für passend, Miranda?«

»Ich verweise Monsennor an das Urteil des Sennor Almeja, der ihn genau kennt,« sagte der Geistliche, auf diesen deutend, »er wird Ihnen alles bestätigen.«

Der Erzbischof warf einen fragenden Blick auf Almeja, der aber, also zu einem Urteil aufgefordert, zuckte mit den Achseln.

»Als ich noch mit meiner Familie oben in den Bergen und in der Nachbarschaft meiner Minen wohnte,« sagte er, »war Padre Fischer unser Beichtvater, und ich halte ihn allerdings für einen frommen und sehr – gescheiten Mann.«

»Sie sprechen das › gescheit‹ mit einer ganz besonderen Betonung aus,« sagte der Erzbischof; »hoffentlich nicht in irgendeinem bösen oder zweideutigen Sinne.«

»Gott soll mich behüten,« rief Sennor Almeja rasch und fast erschreckt. »Nein, ich – wollte nur sagen, daß er anfangs mit meiner Frau einen etwas schwierigen Stand hatte. Sie war in Vera-Cruz, und zwar in einer protestantischen englischen Familie erzogen, und kam mit entschieden zu freien Ansichten in die Berge, aber – Padre Fischer belehrte sie gründlich, und ich glaube fest, daß es in diesem Augenblicke keine aufrichtigere und strengere Katholikin in ganz Mexiko gibt, als meine Gattin.«

Der Erzbischof hatte eine Weile sinnend vor sich niedergeschaut, endlich sagte er leise und fast wie mit sich selber redend:

»Ich glaube kaum, daß es nötig sein wird. Der Gesandte des heiligen Vaters, Monsennor Meglia, muß in der allernächsten Zeit, vielleicht in den nächsten Tagen, eintreffen, und sich dann alles rasch – und wie ich fest hoffe – zum Guten entscheiden. – Übrigens werde ich den Padre Fischer einmal rufen lassen, um ihn selber kennen zu lernen – wir müssen genau erfahren, wer wirklich unsere Freunde sind, und sie fest zusammenhalten. Aus dem nämlichen Grund möchte ich auch Sie, General Miramon, ersuchen, Ihre Abreise noch um etwas hinauszuschieben – wenigstens, bis wir erfahren, welchen möglichen Erfolg die Sendung des päpstlichen Boten hier gewinnt. Man kann doch nicht wissen, und ich selber halte es für wünschenswert.«

Miramon schüttelte mit dem Kopf. »Das geht nicht, Monsennor,« sagte er. »Wie ich schon bei meinen letzten Zusammenkünften, und besonders gestern, bemerken mußte, traut mir der Kaiser nicht. Wer ihn gegen mich eingenommen hat, ist unschwer zu erraten, denn die Liberalen haben mir nicht vergessen, wie fest ich ihnen stets entgegengestanden und wie unverbrüchlich dabei an der Kirche gehangen. Die Tatsache steht also fest – aber außerdem halte ich auch nicht, wie es Monsennor zu tun scheinen, einen sehr raschen Umschwung der Dinge hierfür möglich und denkbar. Der Papst ist in Italien, Tausende von Leguas entfernt, der Kaiser dagegen, und noch dazu in etwas überschwenglicher Art das Herz von einer Menge phantastischer und volksbeglückender Ideen erfüllt, hier in Mexiko. Die verschiedenen Elemente müssen sich erst gegeneinander reiben und abnutzen, und mit Unterhandlungen und Depeschen-Herüber- und Hinübersenden können Jahre vergehen. Außerdem sind uns jetzt die Franzosen vollständig im Wege, denn daß sich unter dem jetzigen Regime nichts mit Gewalt, oder nur durch einen Machtspruch ausrichten läßt, hat Ihnen Bazaine zur Genüge bewiesen.«

»Aber die Franzosen müssen, den Verträgen nach, das Land wieder verlassen,« rief der Erzbischof. »Jedenfalls ist Bazaine nicht mehr Kommandierender in Mexiko, wie er es damals war.«

»Den Verträgen nach, nein,« sagte Miramon, »in Wirklichkeit aber doch und noch dazu ohne persönliche Verantwortlichkeit, da er sich fortwährend auf die Befehle des Kaisers der Franzosen stützt. Doch, wie dem auch sei, unter den jetzigen Verhältnissen würde ich selber um Urlaub gebeten haben, wenn man mir nicht in so freundschaftlicher Weise entgegengekommen wäre, aber verlassen Sie sich darauf, zur richtigen Zeit kehre ich zurück.«

»So wollen Sie die Sache der Kirche im Stich lassen, General?«

»Ganz abgesehen davon,« erwiderte Miramon, »daß mir augenblicklich gar keine Wahl bleibt, wenn ich mich nicht ernstlich widersetzen und dadurch ein nun doch einmal gefaßtes Mißtrauen nur bestätigen will, so könnte ich Ihnen auch hier vorderhand gar nichts nützen. Augenblicklich hat der heilige Vater die Sache in Händen, die man jetzt erst in der beliebten Art des Depeschenwechsels herüber- und hinüberzieht. Kommt es zu einem günstigen Ende, das heißt: willigt der Kaiser in das ihm jedenfalls anbefohlene Konkordat und Zurückgeben der Kirchengüter, dann – brauchen Sie selber mich nicht mehr. Käme es dagegen zu einem ungünstigen Ende, wobei wir den Krieg mit der Union auch nicht außer acht lassen dürfen, dann – nun dann werden wir ja sehen. Jetzt einen Plan für die Zukunft zu entwerfen, wäre töricht, denn tausend unberechenbare Zufälle können dazwischentreten. Nur wenn ich selber sehe, daß ich imstande bin, Ihnen – und meinem Vaterland etwas zu nützen, dann – darauf dürfen Sie sich fest verlassen – kehre ich – mit oder ohne Urlaub – ohne weiteres nach Mexiko zurück und kann dann, mit frischen Kräften sowohl als noch unbeteiligt den Parteien gegenüberstehend, für das Gute wirken – ja, Sie werden mir dann selber zugestehen müssen, daß ich indessen hier gar nichts versäumt oder vernachlässigt habe.«

»Sie fliehen aber bei alledem die Entwicklung,« sagte der Erzbischof.

»Ich fliehe sie nicht, ich gehe ihr nur, wie einem rollenden Felsblock, den ich doch nicht imstande bin aufzuhalten, aus dem Wege, und das zwar nicht einmal allein meiner selbst, sondern auch der guten Sache wegen. Mein Name käme hier jedenfalls in unangenehme Verwicklungen mit beiden Parteien, und ich bin sogar dem Kaiser dankbar, daß er mich dem enthebt.«

»Und wie denken die Konservativen darüber?« sagte der Erzbischof mit einem Blick auf Almeja, denn er wußte recht gut, daß der reiche Minenbesitzer die Stimmung eines großen Teils seiner Gesellschaftsschicht repräsentierte. –

Der Sennor zuckte mit den Achseln. »Wir müssen's abwarten,« sagte er, »denn für jetzt, kann ich aufrichtig gestehen, habe ich keine große Hoffnung. Der Kaiser probiert nach zu vielen Seiten zugleich und ist dabei von einer so rastlosen – Unruhe – andere Menschen nennen es vielleicht Eifer – daß er alle unbehaglich macht. Jetzt heißt es wieder, daß er die Indianer von jeder Zwangsarbeit völlig befreien will, und ich wäre den Augenblick damit einverstanden, wenn er uns für das faule, lässige Volk andere und bessere Arbeiter in unsere Minen schaffte. Kann er das aber nicht, so müssen wir uns eben mit den Indianern behelfen, und nimmt er uns die, oder pflanzt er ihnen tolle Ideen von Menschenrechten und Staatsbürgern in den Kopf, so dürfen wir nur einfach unsere Bude zuschließen und unsere Zahlungen einstellen; an eine Unterstützung der einen oder anderen Partei mit Geldmitteln ist aber nicht mehr zu denken. Meiner einfachen Meinung nach, Monsennor, müßte sich der Kaiser auch auf die Partei stützen, die ihn gewählt hat, auf die Konservativen, mit Hilfe des Klerus, und denen nachher die Rechte sichern, die sie notwendig zu ihrer Existenz brauchen. Unterläßt er das und fängt er an mit dem Volk und den Arbeitern zu liebäugeln, so untergräbt er sich eigenhändig seinen Thron, denn er wird doch nicht etwa denken, daß er so lange an der Regierung bleiben sollte, bis er sich die Indianer zu wirklichen Menschen herangebildet hat? Und kann er außerdem von denen Geld bekommen, wenn seine Kassen einmal leer sind? Nie! – Nein, bleibt er dabei, sich den Liberalen, also denen, die kein Geld haben, zuzuneigen, dann verfeindet er sich die, die nur allein den Willen und die Macht haben, ihn zu halten, und das Kaisertum nimmt ein so schmähliches Ende, wie alle die früheren Regierungen genommen haben.«

Miramon lächelte still vor sich hin, denn Sennor Almeja repräsentierte in diesem Augenblick allerdings die ganze Partei der Konservativen und sprach ihre politische Meinung, die nur allein in dem eigenen Interesse gipfelte, vollkommen aus. Auch durch des Erzbischofs Sinn mochten ähnliche Gedanken zucken.

»Und doch ist schon jetzt das »Kaisertum eine Wahrheit«,« bemerkte er endlich, mit einem sarkastischen Anflug im Ton, »denn also hat Seine Majestät, als er von der Reise zurückkehrte, in seiner letzten Proklamation gesagt.«

Almeja zuckte mit den Achseln. »Wenn ich eine reiche Mine habe,« sagte er, »aber dabei kein Geld, um sie in Angriff zu nehmen und zu bearbeiten, so ist die Mine allerdings eine Wahrheit, – aber sie hilft mir nichts, und ich kann mich oben daraufsetzen, um bei all den unter mir verborgenen Schätzen zu verhungern. Die Konservativen und Klerikalen müssen das Geld dazu hergeben, um die Mine des mexikanischen Kaiserreiches zu bearbeiten, und wenn die ihre Säckel zuhalten, dann liegt sie tot und unbrauchbar da – bis einmal ein anderer kommt, der es besser versteht und sie in Angriff nimmt.«

»Und würden die Konservativen wirklich mit Geld und Gut einstehen, wenn es einmal das Wohl des Landes erfordern sollte?« sagte der Erzbischof, nicht ganz ohne einen leisen Anflug von Ironie, denn die Gelegenheit hatte sich – seiner Meinung nach – schon früher mehrfach geboten und war nicht benützt worden.

» Veremos,« erwiderte ruhig Sennor Almeja, denn er war nicht der Mann, sich vorher durch ein leichtsinniges Versprechen in Unbequemlichkeiten zu bringen.

»Aber wann gehen Sie, Sennor Miramon? Ist Ihre Abreise schon bestimmt?«

»Ich habe, wie Sie wissen, noch gar keinen Befehl erhalten,« sagte der General.

»Und wenn in der Zeit doch etwas Wichtiges vorfallen sollte?« fragte auch der Erzbischof – »etwas zum Beispiel, das uns den Rat eines erfahrenen Soldaten wünschenswert machte?«

»Marquez bleibt, soviel ich weiß, hier,« sagte der junge General, »und mit mir selber in steter Korrespondenz. Sie können sich auf ihn so fest verlassen wie auf mich, denn er ist ein guter Soldat und der Kirche treu.«

»Marquez?«

»Allerdings: er mag oft rauh und rücksichtslos sein, aber Sie werden ihn stets zuverlässig finden.«

»Ich möchte nicht, daß wir je in die Notwendigkeit versetzt würden, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen,« sagte Labastida kopfschüttelnd, »unsere Sache ist eine Sache der Liebe und des Friedens, nicht des Blutvergießens, und ich hoffe, daß noch alles in Liebe und Frieden erledigt wird. Der Kaiser ist ja ein guter, katholischer Christ und kann als solcher nicht gegen sein eigenes Fleisch wüten – tut er es aber doch, dann – wird er zu spät einsehen, daß alle weltliche Macht gegen die Macht Gottes nur wie ein Hauch ist, den der Morgenwind über die Steppe fegt. Doch Sie entschuldigen mich, meine Herren. Nur Sie, lieber Miramon, bitte ich, mir noch für eine halbe Stunde in mein Kabinett zu folgen, da ich manches Wichtige mit Ihnen zu besprechen habe und wir nicht wissen, wie lange Ihr Aufenthalt hier noch dauern wird. Ihnen aber, lieber Almeja, möchte ich dringend ans Herz legen, auch in Ihren Kreisen dahin zu wirken, um besonders jenen passiven Widerstand gegen die Kirche zu brechen, der, anscheinend unschuldig, doch der gerechten Sache die größten und am schwersten zu beseitigenden Hindernisse in den Weg wirft.«

»Ich verstehe Monsennor nicht,« sagte Almeja etwas verblüfft, denn er hatte bis jetzt geglaubt, daß er mit dem Erzbischof auf einem vorzüglich guten Fuße stand, und selber noch nicht den geringsten Grund zu irgendeinem Mißtrauen, viel weniger zu einer Klage gegeben habe.

»Das bedaure ich sehr,« erwiderte das Oberhaupt der mexikanischen Kirche, »Sie wissen aber doch, daß vieles – sehr vieles Eigentum der Kirche in den Händen von Leuten ist, die mehr Christentum hätten zeigen sollen, als von einem solchen kirchenschänderischen Gesetz, wie die Beschlagnahme der »geistlichen Liegenschaften«, Nutzen zu ziehen. Roneiro, Santiago, Cortelas, Da Costa und wie sie alle heißen – einige sogar aus Ihrer eigenen Verwandtschaft –, sind sie nicht den fremden Ketzern mit sündhaftem Beispiel sogar vorangegangen, und haben nicht einige von ihnen selbst mit ihren Familien Wohnung auf solchem Grund und Boden genommen? Wie können wir erwarten, daß sich die Fremden freiwillig zu einer Rückerstattung solcher Güter bereit zeigen sollten, – solange sich noch katholische Mexikaner – und Mexikaner aus den ersten Familien des Landes – auf französische Bajonette stützen, nur um solch einen traurigen und sündhaften Gewinn zu behaupten. Aber genug und übergenug davon. Kommen Sie, Miramon – meine Zeit ist kostbar« – und sich mit einem leichten Gruß von Almeja verabschiedend, während er gegen die sich tief und ehrfurchtsvoll beugenden Padres nur die linke Hand, wie zum Segen, hob, verließ er, von dem jungen Offizier gefolgt, das Zimmer.

*

In Roneiros Hause war heute großer Familienrat, und zwar einer wichtigen wie unvorhergesehenen Sache wegen, die aber auch niemand Geringeres als die Sennorita Donna Inez, die Tochter vom Hause, betraf.

Doch vor allen Dingen muß ich hier eine kurze Einleitung über das Haus selber einschalten, da es mit dem folgenden in genauer Beziehung steht, und überhaupt die Lage mancher aristokratischen Familie in Mexiko kennzeichnet.

Das Haus, in welchem Roneiro mit seiner Familie wohnte, war ein prächtiges, altes Gebäude, noch aus der früheren spanischen Zeit her, von außen von oben bis unten mit Fliesen belegt, der Eckgiebel mit allerlei phantastischen Figuren geschmückt, die Vorsäle mit Marmor gepflastert, und die Türen aus dunklem, kostbarem Holz gefertigt. Die Räume im Innern entsprachen auch dem Äußern vollkommen: sie waren hoch und luftig, die Fenster sämtlich mit Balkonen versehen, während um den mit einem von Orangen umfaßten und mit einem Springbrunnen gezierten Hofraum galerieartige Säulengänge liefen, die außerdem durch Jalousien gegen die heißen Strahlen der Sonne abgeschlossen werden konnten.

Dieses unmittelbar an das Kloster von San Sebastian stoßende Haus hatte in früheren Zeiten aber, wie das Kloster selber, der Kirche gehört und war von einem Bischof bewohnt worden. Da warf Juarez' Dekret, das sämtliche Liegenschaften der Kirche in Staatsgut verwandelte, diese prachtvollen Baulichkeiten auf den Markt, und der reiche Roneiro, der sich mit seinem eigenen Gewissen leichter als mit seiner eigenen Frau darüber abfand, erstand und bezog es nicht allein, sondern richtete auch einen Teil des früheren Klosters zu Lagerräumen her. –

Was die politische Gesinnung Roneiros betraf, so hatte er darin, wie so viele seiner Landsleute, wohl kein ganz bestimmtes Glaubensbekenntnis. Er schwamm eben mit der Masse und fügte sich jeder Regierung, wenn er sich nicht durch sie in seinem Vermögen geschädigt fand, hatte auch deshalb einige Angst, als ein österreichischer Prinz den mexikanischen Thron besteigen sollte und das Gerücht die Hauptstadt durchlief, Maximilian habe sich vor seiner Einschiffung in Europa erst noch Verhaltungsregeln beim Papst geholt. Da sich aber seine gehabten Befürchtungen nicht bestätigten und der Kaiser keine Miene machte, die Geistlichkeit wieder in ihre früheren Rechte einzusetzen, befreundete er sich zwar mit der jetzigen Regierung, wenn er sich auch nicht besonders für das Kaiserreich begeistern konnte. Welchen Nutzen hatte er davon, und wer wußte überhaupt, wie lange es Bestand haben würde? Es war deshalb jedenfalls das beste, sich nicht voreilig zu kompromittieren, und lieber ruhig abzuwarten, wie sich alles mit der Zeit gestalten würde; dann behielt er freie Hand und konnte immer handeln. wie es seinen eigenen Interessen entsprach. Liebe zum Kaiser? Woher hätte er die nehmen sollen? War es nicht ein Fremder? Und wenn er ihm auch seine Stimme gegeben hatte, so schloß das natürlich keine weiteren Verbindlichkeiten ein.

Er mochte allerdings die Franzosen nicht besonders leiden und würde auch, unter anderen Umständen, ihren Umgang gemieden haben, aber die Umstände gerade brachten ihn wieder mit ihnen in Verbindung. Dadurch, daß er sich gegen das Verbot oder den Protest der Geistlichkeit, an dem Kauf der Kirchengüter beteiligt hatte, konnte er einer Berührung mit denen, die ihn darin beschützten, nicht gut und fortwährend ausweichen, und außerdem – waren es auch so nette Leute und benahmen sich, besonders im Anfang, mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit.

Sennora Roneiro nun, eine noch jugendliche und selbst edle Gestalt, während Inez, ihre Tochter, als eins der schönsten Mädchen in ganz Mexiko galt, war unglücklich darüber gewesen, daß ihr Gatte durch den Ankauf des Hauses und Klosters einen solchen fast feindlichen Schritt gegen die Kirche tat, und, von ihrem Beichtvater nur noch immer mehr dazu getrieben, verbitterte sie ihrem Gatten mit Klagen und Bitten fast das Leben.

Der Einzug des Kaisers unterbrach diesen für Roneiro nachgerade qualvoll werdenden Zustand ein wenig, indem die Damen der Hauptstadt einesteils in dieser Zeit zu sehr von den Festlichkeiten wie ihrer Toilette in Anspruch genommen wurden, andererseits aber selbst die Geistlichkeit in ihrem Eifer etwas nachließ, weil sie fest überzeugt war, daß »Seine katholische Majestät« nicht ein von dem kirchenschänderischen Juarez gegebenes Gesetz aufrechterhalten könne und werde, und deshalb bald der alte status quo wiederhergestellt werden würde.

Sie hielt in dieser Zeit ein wenig mit Bohren inne und erwartete geduldig, daß ihr die geraubten Güter wieder in den Schoß fielen – aber sie kamen nicht. Der Kaiser machte keine Miene, das Dekret von 1859 wieder aufzuheben, und ebensowenig entsprach die Wahl seiner Minister den Hoffnungen, die man auf ihn, von dieser Seite wenigstens, gesetzt hatte, so daß die alten Intrigen wieder von vorn beginnen mußten.

Die Damen, die vom ersten Einzug an für das Kaiserpaar im wahren Sinne des Wortes geschwärmt, fingen jetzt an, da die Kirchenfrage ihnen aufs neue von ihren Beichtvätern ans Herz gelegt wurde – eine Schwenkung zu machen. »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist,« hatten ihnen die Priester gesagt; aber die Klöster gehörten nicht dem Kaiser, sondern Gott, ebenso die der Kirche eigenen Gebäude, und Sennora Roneiro begann wieder ihrem Gatten in den Ohren zu liegen, daß er das »unrechtmäßig angekaufte« Grundstück aufgeben und es der Kirche zurückerstatten solle, damit sie nur endlich einmal Frieden vor ihrem eigenen Gewissen hätten. Vergebens warf ihr Roneiro ein, daß es sich hier wahrlich nicht um einen »Pappenstiel«, sondern um ein Vermögen von über 80 000 Piaster handle, und er nicht so reich sei, um so viel zu verschmerzen. Mexikanische Damen, besonders aus den höheren Ständen (und sollte es solche – einzeln natürlich – nicht auch vielleicht bei uns geben?), haben selten einen Begriff von Vermögensverhältnissen überhaupt; solange ihnen jeder Wunsch befriedigt wird, kümmern sie sich weder darum, woher das Geld eigentlich kommt, noch wohin es geht. Die Kirche hätte sich deshalb auch keine beredteren – und was mehr ist – ausdauernderen Fürsprecher wünschen können, als die Damen waren, bis plötzlich – wenigstens in Roneiros Hause – ein unvorhergesehener Fall der ganzen Sache eine andere Wendung gab und Sennor Roneiro vollständig Luft zu machen schien.

An diesem selben Morgen war nämlich ein eigenhändiges Schreiben der Kaiserin Carlota an Inez Roneiro eingelaufen, d. h. durch den Hofmarschall Almonte in eigener Person überbracht und mit freundlichen Worten begleitet worden, und in dem Schreiben stand nichts Geringeres, als daß Ihre Majestät die Kaiserin die Sennorita Donna Inez Roneiro da Silva zur Hof- und Ehrendame ernannt habe und sie freundlich und huldreich ihres Wohlwollens versichere.

Der Hofmarschall war ein alter Freund Roneiros und sogar Inez' Pate, was in den südlichen Ländern ja schon immer als ein nicht einmal ferner Verwandtschaftsgrad gilt. Ihm verdankte die junge Dame auch gewiß zum großen Teil diese Auszeichnung, die sie aber auch außerdem mit vollem Recht verdiente. Sie gehörte einer der ersten und edelsten Familien der Stadt an, und was körperliche wie geistige Vorzüge betraf, so durfte sie keck mit jeder Nebenbuhlerin in die Schranken treten.

Nach kurzem Glückwunsch mußte allerdings Almonte seinen anderen Geschäften nachgehen, aber er ließ die Familie über das Neue und kaum Geahnte einer solchen Auszeichnung in nicht geringer Aufregung zurück, und besonders die Mutter konnte sich kaum darüber fassen.

Inez – ihre Tochter, Hof- und Staatsdame der Kaiserin – es war ein zu unverhofftes Glück, um nicht wenigstens Sennora Roneiro in einen annähernden Grad von Verzückung zu heben, und leider vergaß sie in dem Augenblick, daß sie noch vor kaum einer Stunde, und ehe der Hofmarschall eintrat, ihren Gatten mit allen Künsten weiblicher Beredsamkeit ermahnt hatte, sich vollkommen unter den Schutz der Kirche zu stellen, und lieber weltlichen Gütern zu entsagen, ehe er sein eigenes Seelenheil in Gefahr und ewiges Verderben brachte.

Don Bautista, ihr Gatte, hatte den langen Sermon aber noch viel zu frisch im Gedächtnis, und – nennen wir es Instinkt oder Überlegung – aber während er mit auf den Rücken gelegten Händen über den Teppich auf und ab schritt und der Unterhaltung der Damen nur mit halbem Ohr lauschte, verarbeitete sein Geist die Frage, welche Wandlung dieser neue Umstand in seiner eigenen Familie und in seiner Stellung zu der jetzigen Regierung wie den Bearbeitungen der Geistlichen gegenüber haben könne.

Übrigens war er sich des Moments vollkommen klar bewußt, denn er wußte recht gut, daß es – wenn seine Tochter diese Bevorzugung annahm – auch ein ganz entschiedener, ja öffentlicher Schritt von seiner Seite zum Kaiserreich gewesen wäre, und entschiedene Schritte lagen überhaupt nicht in seiner Natur. Er hatte nichts dagegen, sich den Umständen zu fügen, und das von jeher auch getan, wie sich wohl dabei befunden. Schon damals aber, als ihm Juarez – oder vielmehr sein Minister Lerdo de Tejada – so lange zusetzte, bis er das allerdings zu einem Spottpreis ausgebotene Grundstück kaufte, war ihm die Sache nicht recht gewesen, denn er verdarb es nicht allein mit der Geistlichkeit, sondern bekam auch, wie er recht gut voraus wußte, dadurch Unfrieden in der eigenen Familie. Juarez lag aber in jener Zeit besonders daran, nicht etwa nur das Kloster zu veräußern, obgleich seine Regierung Geld außerordentlich notwendig brauchte, sondern – fast noch mehr als das – auch ein paar angesehene mexikanische Familien voranzuschicken, die überhaupt Kirchengüter kauften. Wußte er doch recht gut, daß niemand gern damit den Anfang machte, und Roneiro hatte sich endlich, da er außerdem dabei ein sehr günstiges Geschäft machte, gefügt. Das war indes einmal geschehen und ließ sich dieser Umstand nicht vielleicht benutzen, um das Frühere jetzt auszugleichen und wenigstens Frieden im eigenen Hause zu bekommen?

Kleine Ursachen haben manchmal große Wirkungen, und er schien jetzt nur noch nicht recht mit sich im klaren, wie das alles am besten zu erreichen sein könnte, als ihn seine Frau selber darauf brachte.

Inez, die eigentliche Hauptperson bei der ganzen Sache, auf welche das Neue auch fast bewältigend wirkte wußte allerdings noch selber kaum, ob sie sich über die Auszeichnung freuen solle oder nicht, ja, ob sie dieselbe überhaupt annehmen dürfe. Ihre Mutter dagegen, die unverhofft daraus ein glänzendes und genußreiches Leben für ihre ganze Familie erstehen sah, kam mit ihrem Entschluß viel rascher ins reine und erkannte danach auch keine Hindernisse oder Schwierigkeiten mehr an. Man konnte ja eine solche Ehre gar nicht zurückweisen, ohne die liebenswürdige Kaiserin auf das schwerste und ganz direkt zu beleidigen, und weshalb auch? Die Familie Roneiro da Silva gehörte zu den angesehensten und vornehmsten der Stadt, ja des Landes, und leitete ihre Abstammung sogar von einer Seitenlinie des Fernando Cortez her. Außerdem war ihr Gatte, wovon sie sich wenigstens überzeugt hielt, einer der reichsten Leute in Mexiko, und wenn sich das Kaiserpaar nicht unter solchen Kreisen seine Umgebung suchen wollte, wo dann?

Sennor Roneiro selber hatte, seit er den Hofmarschall Almonte bis zur Tür begleitet, noch keinen weiteren Anteil an dem indessen lebhaft geführten Gespräch zwischen den Damen – seiner Frau und Tochter und einer zum Besuch dort wohnenden Nichte – genommen. Er war auch in der Tat um seine Meinung bei dieser hochwichtigen Sache noch gar nicht gefragt worden, und ihm deshalb vollkommen Zeit geblieben, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Jetzt aber schien man seinen Rat zu verlangen, und die Sennora redete ihn selber an:

»Sage doch, Bautista, – um der Jungfrau willen, Mann, du machst einen ja durch dein ewiges Hin- und Herlaufen ganz nervös – meinst du nicht, daß Inez, um ihre nunmehrige Funktion anzutreten, eine ganz neue Toilette wird haben müssen? Außerdem kann sie unmöglich in der alten Kalesche bei Hof vorfahren. Die französischen Offiziere lachen überhaupt schon jedesmal, wenn wir uns damit nur im Paseo blicken lassen. Mit ihrem Schmuck sieht es ebenfalls sehr windig aus. Das Kind ist viel zu einfach und anspruchslos von uns erzogen und gekleidet worden.«

Sennor Roneiro blieb mitten in der Stube stehen, denn er sah plötzlich Licht in einer bis dahin noch ziemlich dunklen Sache – aber seine Frau durfte natürlich nicht ahnen, was in ihm vorging, und mit vollkommen ruhiger, aber auch ganz entschiedener Stimme erwiderte er ihr:

»Mein liebes Kind, das ist genau das nämliche, was ich mir eben in Gedanken überlegt und dabei hin und her erwogen habe. Die Annahme einer solchen bevorzugten Stellung für unsere Tochter würde allerdings, wie du ganz richtig bemerkst, eine derartige Veränderung, ja Umwälzung in allen unseren bisherigen, ziemlich einfachen Verhältnissen zur Folge haben müssen. Ich würde zu einzelnen und noch dazu nicht unbedeutenden Auslagen notgedrungen gezwungen sein. Das hilft uns deshalb auch leicht über eine mögliche Unentschlossenheit hinweg, denn es macht eine Annahme dieser Ehre unmöglich. Unter den jetzigen Umständen könnte ich solchem Luxus gar nicht begegnen.«

»Annahme der Ehre unmöglich?« wiederholte seine Frau, indem sie vor Erstaunen die Hände zusammenschlug – »solchem Luxus nicht begegnen? – Unter den jetzigen Umständen? Was, um Gottes willen, ist denn vorgefallen? Du hast die Mittel zu solchen Auslagen nicht?«

»Nein,« sagte auf das bestimmteste ihr Gatte, »denn wenn ich deinem, erst heute wieder so nachdrücklich und selbst unter Tränen befürworteten Verlangen nachgebe – was ich des lieben Hausfriedens wegen tun muß, – so bleibt mir unter den jetzigen Umständen kaum so viel Vermögen übrig, um nur noch anständig davon leben zu können – von vornehm wollen wir gar nicht reden, und ein solcher Luxus wäre außer aller Frage. Meine Minen können jetzt, der dort umherstreichenden Dissidentenbanden wegen, gar nicht bearbeitet werden: an unseren »Patriotismus« werden ebenfalls ununterbrochen Anforderungen gestellt, und 80 000 Piaster setzen mich mit allen meinen Berechnungen und Plänen vollständig an die Luft. Wir dürfen nicht daran denken, Dominga.«

»Aber von welchem Verlangen sprichst du nur?« sagte seine Frau, die in diesem Augenblick den Kopf wirklich nur von der neuen Hofcharge ihrer Tochter erfüllt trug, »ich verstehe dich gar nicht. Was hast du denn mit den 80 000 Piastern? Wenn du den zwanzigsten Teil der Summe daran wendest, haben wir alles, was wir brauchen.«

»Von welchem Verlangen, Dominga?« sagte ihr Gatte kopfschüttelnd; »du kannst doch nicht gut etwas vergessen haben, das bis jetzt unser Morgen-, Tisch- und Abendgespräch gewesen: die Rückgabe dieses Hauses und der sämtlichen, mit schwerem Geld erworbenen Grundstücke an die Kirche, – und was soll nachher werden? Du weißt, besser, als ich es dir sagen kann, was in jetziger Zeit, wo sich für den Generalstab der französischen wie deutschen Truppen kaum genügend anständige Wohnungen auftreiben lassen, ein solches Haus wie das unsere in Mexiko kostet. Ein elegantes und hübsch eingerichtetes Haus müßten wir aber haben, denn ich könnte mich nicht ärmlich zeigen, und wir wären jedenfalls gezwungen, dann und wann eine Gesellschaft zu geben. Du siehst also ein, Dominga, daß wir unter diesen Umständen die uns zugedachte Ehre – so leid es mir tut – ablehnen müssen, denn in Schulden kann und will ich mich nicht stürzen.«

»Ablehnen?« rief die Frau erschreckt aus, »aber du begreifst doch, Bautista, daß das unter den jetzigen Umständen ganz unmöglich, ja undenkbar ist. Die Kaiserin müßte sich ja dadurch gekränkt und beleidigt fühlen. Wie stünden wir auch allen bisherigen Freunden gegenüber? Ja, man würde es sogar als eine direkte und feindliche Demonstration gegen das Kaisertum selber ansehen, denn daß du in deinen Mitteln beschränkt wärest, glaubt dir ja doch kein Mensch. Es geht unter keiner Bedingung, wie du es auch drehen und wenden magst.«

»Mein liebes Herz,« sagte Roneiro achselzuckend, »es geht eben alles, was gehen muß, und davon haben wir genügende Beispiele sowohl im Staats- wie Familienleben. Ich gebe dir mein Wort, ich kann nicht anders, denn wo ich mich jetzt genötigt sehe, ein so bedeutendes Kapital, wenn auch nicht wörtlich auf die Straße, doch, was ebensoviel sagen will, der schon so übermäßig reichen Kirche in den Schoß zu werfen, darf ich mich nicht in demselben Augenblick in Ausgaben stürzen, deren Umfang man noch außerdem nicht einmal imstande ist auch nur annähernd zu berechnen. Eins zieht in solchen Dingen das andere nach, und wenn ich mich im vollen Frieden auch für einen reichen Mann halten und mir manches gestatten mag, was sich andere versagen müssen, – jetzt kann ich es nicht, und du selber würdest mir später mit Recht Vorwürfe machen, daß ich mich und euch ins Unglück gestürzt hätte.«

»Aber Bautista,« sagte Sennora Roneiro, allerdings mit einiger Befangenheit, »die Frage über die Kirchengüter liegt ja doch erst dem Kaiser vor, und eine – Überstürzung darin ist nirgends geboten. Es wird sogar erst ein Nuntius aus Rom erwartet, der mit der hiesigen Regierung darüber verhandeln soll, und ohne Entschädigung kann man ja doch auch von niemandem verlangen, daß er sein ganzes Vermögen hergeben solle, nur um den Staat aus einer Verlegenheit zu ziehen.«

Sennor Roneiro hätte sich gern vor innerlichem Vergnügen äußerlich die Hände gerieben; aber er versagte sich vorsichtigerweise den Genuß, denn er durfte ja nicht verraten, wie erfreut er über die Meinungsänderung seiner schöneren – und nicht selten stärkeren Hälfte war. Er zuckte deshalb vorderhand nur die Achseln und bemerkte:

»Aber du erinnerst dich doch, liebes Kind, daß du mir erst an dem heutigen Morgen – und zwar nicht zum erstenmal – vorhieltest, wie ich gerade mit einem guten Beispiel vorangehen müsse, um dem Staate zu zeigen, welche Verpflichtungen er gegen die Kirche habe. Ich begreife allerdings nicht recht, wie ich gerade –«

»Aber du hast mich da ja total mißverstanden, Bautista,« unterbrach ihn die Sennora, der gar nichts daran lag, eben jetzt alles wiederholt zu hören, was sie an Argumenten in ihrem Sinne und von ihrem Beichtvater gedrängt – etwa vorgebracht: »wenn ich von einem »guten Beispiel« sprach, so meinte ich damit, daß du gerade in deiner Stellung mit dahinwirken solltest, einen Vergleich zwischen Regierung und Kirche anzubahnen; denn wir dürfen doch wahrlich nicht in die Fußtapfen jenes nichtswürdigen Juarez treten – eine gemeine Indianernatur – ein Mensch ohne Vernunft Die Indianer wurden und werden noch häufig von den Weißen gentes sin razon – im Gegensatz zu ihnen selber als gentes con razon – genannt., der eben plündert, wo er etwas findet, und wenn es in der heiligen Kirche selber wäre. Jetzt ist das ja aber noch gar nicht so weit – wer weiß überhaupt, ob nicht noch Jahre darüber hingehen, ehe alles reguliert werden kann, und es wäre töricht, sich auf solche Aussicht hin schon jetzt unnötigerweise einzuschränken.«

»Ja, meine gute Candelaria,« sagte Don Bautista, der sich noch immer nicht recht sicher fühlte, wie lange diese Stimmung seiner Frau anhalten würde, »das ist alles recht schön und gut, aber – ich setze nun den Fall – wir nähmen die unserer Inez zugedachte Ehre wirklich an –«

»Wie wir das auch gar nicht anders können –«

»Ich stürzte mich dann,« fuhr Roneiro fort, »in allerlei neue Ausgaben, schaffte eine neue Equipage, Schmuck, Kleider und, was weiß ich, sonst noch an, und unmittelbar danach würde die Rückgabe der Güter dekretiert, während die Verhältnisse im Innern dieselben und meine Minen, wie im letzten Jahre, geschlossen blieben. Dann wäre ich geradezu bankerott, und wir könnten nachher nach Texcoco, Tectihuacan oder in sonst irgendein kleines Nest ziehen, nur um uns dort bis zum Notwendigsten einzuschränken.«

»Aber wer kann dich zwingen, das, was du rechtlich gekauft hast, ohne Entschädigung wieder herzugeben? rief die Sennora gereizt. » Daß du es hergibst, versteht sich von selbst,« setzte sie hinzu, denn sie fühlte doch wohl selber, wie sie von ihrer früheren Meinung ein wenig zu schroff eingelenkt sei. – »Die Gebäude gehören einmal der Kirche, und unrecht Gut gedeiht nicht; unrecht Gut ist aber Kirchengut in den Händen eines Laien; doch selbst die Kirche wird nicht von dir verlangen, daß du deine Existenz aufgibst, ehe dir nicht wieder die Mittel geboten werden, deinem Range nach zu leben – und das ist also in der Zeit, wenn du wieder imstande sein wirst, deine Minen zu bearbeiten. Dann aber leistest du der Kirche sogar noch einen Dienst, denn hättest du damals nicht das Kloster gekauft, so wäre es in die Hände eines Ketzers gefallen, und das war ja auch, wie du recht gut weißt, der einzige Grund, daß ich selber damals meine Einwilligung zu dem Kaufe gab.«

Sennor Roneiro wußte das nun allerdings besser, denn seine Frau gerade hatte ihn anfangs zu dem vorteilhaften Kauf gedrängt, da ihr das prachtvolle Haus in die Augen stach. Später aber, und durch den Pater Miranda unablässig dahin getrieben, hatte sie angefangen den ganzen Handel als Sünde zu betrachten. Übrigens hütete er sich wohl, derartiges jetzt zu erwähnen, denn es würde die Frau nur unnötigerweise gereizt haben. Vorderhand hatte er Frist und Ruhe im Hause bekommen – bis seine Minen wieder bearbeitet werden konnten, was noch im weiten Felde lag. – Außerdem war aber auch eine andere Strömung in seinem Hause zur Geltung gebracht worden, als die geistliche, und seine Frau auf andere Gedanken gekommen. Mit der Kirche hoffte er selber dann schon fertigzuwerden, denn sogar diese war – seiner Meinung nach – eher zu überzeugen als die eigene Frau, wenn sie sich nämlich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Inez selber kümmerte sich um die ganze Verhandlung, obgleich die Sache doch ihr eigenes Schicksal betraf, auch mit keiner Silbe und besprach nur indessen mit der Cousine auf das eifrigste ihre künftige Toilette. Ihre Mutter hatte sich ja, wie sie recht gut wußte, schon bedingungslos für die Annahme entschieden, und wenn ihr Vater dann auch noch vielleicht einige Einwendungen machte, so blieben das doch auch nur eben Einwendungen – an der Hauptsache änderte es nichts mehr.

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