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In Mexiko. Erster Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Erster Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectid78b24b7f
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Pläne.

Am dritten Tage nach Bazaines Heirat, etwa morgens elf Uhr, hatte sich in Almejas Hause eine kleine Gesellschaft von Herren zusammengefunden, die aber wohl kaum der Drang, sich zu amüsieren, hierher geführt.

Der noch nicht große Kreis gehörte jedenfalls den höheren Ständen an. Es waren, unseren alten Freund Zamacona ausgenommen, der eher einem wohlhabenden, etwas schwammig gewordenen Pächter glich, lauter vornehm aristokratische Gestalten; aber ein düsterer Ernst lag heute in den Zügen aller, und ihr Gespräch, während die Diener noch ab und zu gingen und Wein und Gebäck auf den Tisch stellten oder Zigarren herumreichten, wurde zum großen Teil in einzelnen Gruppen und flüsternd geführt. Es schien auch, als ob sie noch irgendeine wichtige Person erwarteten, denn es geschah nichts, und Don Juan Almeja schritt nur manchmal zu dem geöffneten Fenster und sah hinaus.

Die kleine Gesellschaft bestand, mit Ausnahme von Zamacona, der sich bis jetzt mehr zu den Konservativen gehalten, ausschließlich aus festen Anhängern der klerikalen Partei, und eine allgemeine Bewegung entstand unter ihnen, als plötzlich der Erzbischof Labastida, den Almeja erwartet hatte in seinem Wagen vorfahren zu sehen, von Silvestre Almeja und einem anderen jungen Mann, namens Ordonoz, gefolgt, in die Tür trat.

»Monsennor!« rief Almeja erstaunt aus, indem er auf ihn zueilte und ihn ehrfurchtsvoll begrüßte – »Sie sind doch nicht zu Fuß gekommen?«

»Allerdings,« sagte der Erzbischof, indem er seine Hände segnend gegen die sich tief vor ihm neigenden Herren ausstreckte – »ich wollte so wenig Aufsehen als möglich erregen, denn leider sind wir in jetziger Zeit überall von Spionen umgeben – doch, wie ich sehe, haben die Herren meiner Einladung Folge geleistet, und ich kann Ihnen nur sagen, daß ich es dankbar anerkenne.«

»Und haben Monsennor daran gezweifelt?« fragte General Juan de la Parra, eine hohe, stattliche Figur, und mit dem Prälaten eng befreundet. »Wie konnten wir zurückbleiben, wo unser schönes und reiches Vaterland seinem Verderben entgegengeht, indem es den Fluch der Kirche und des Himmels auf sich herabzieht? Wollte Gott, wir könnten mehr tun, als nur einer einfachen Einladung Folge leisten.«

»Und wenn ich nun gerade deshalb gebeten hätte, sich in Freund Almejas Hause einzufinden?« fragte der Erzbischof und warf seinen Blick forschend im Kreis umher. »Doch ich will Ihre Neugierde nicht etwa rege machen,« setzte er dann hinzu, »sondern nur rasch und einfach zur Sache kommen. Wir können doch nicht gestört werden, Sennor Almeja?«

»Nein, Monsennor,« sagte kopfschüttelnd der Herr des Hauses, »die Diener haben strengen Befehl, den Saal nicht eher wieder zu betreten, bis sie gerufen werden, und indessen niemanden einzulassen – wer es auch sei – und wenn es der Kaiser selber wäre.«

Der Erzbischof nickte zufrieden mit dem Kopf. Den Fauteuil annehmend, den ihm Almeja hinschob, winkte er freundlich der übrigen Gesellschaft, sich ebenfalls niederzulassen, und sagte dann nach einer kleinen Pause, in welcher er schweigend vor sich niedergesehen hatte:

»Sennores, Sie werden mir zugestehen, daß die Kirche mit einer beispiellosen Geduld die Mißhandlungen ertragen hat, welche seit dem Jahre 1861 unablässig auf sie gehäuft wurden, aber auch die Geduld eines Lammes hat seine Grenzen, und gerade die Undankbarkeit dieses jetzigen Kaisers zwingt uns eine Waffe in die Hand, um unsere eigenen Rechte, ja vielleicht unsere Existenz zu verteidigen.

Wer hat diesen Kaiser in das Land gerufen? Wer hat ihm seinen Thron hier gebaut und seinen Weg geebnet? – Wir, die Partei der Kirche, und zum Teil mit die Moderados. – Sie alle, Sennores, haben dabei geschafft und gearbeitet und Opfer gebracht, Sie alle hätten von seiten dieses übermütigen Prinzen wenigstens einen Dank verdient, und was hat er zum Lohn dafür getan? Nichts, als gerade die Partei, deren Führer noch bis zu diesem Augenblick gegen ihn in Waffen stehen, begünstigt, sein ganzes Ministerium fast aus liberalen und uns natürlich feindlichen Elementen zusammengesetzt – uns beiseite geschoben und sogar die vor Gott und den Menschen bindenden Versprechungen gebrochen, die er in Rom Seiner Heiligkeit dem Papst gegeben. Den Raub, den unser gemeinsamer Feind, der Indianer Juarez, der Kirche abgenommen – alle die Kirchen- und Klosterschändungen hat er durch neue Gesetze nicht allein sanktioniert, sondern befestigt, und den Hohn gegen den Heiligen Stuhl sogar so weit getrieben, daß er sie erließ, selbst während er eine Gesandtschaft an den heiligen Vater abschickte. Haben wir noch irgendwelche Hoffnung, daß er im Guten zurück auf die Bahn des Rechtes und der Pflicht geführt werden könnte? – Nein, denn jede Woche, die verstreicht, bestärkt die Feinde des wahren Glaubens nur mehr in ihrer Verblendung und macht eine Annullierung jener fluchwürdigen Gesetze schwieriger, wenn nicht zuletzt ganz unmöglich. Wir dürfen deshalb nicht länger säumen, wenigstens die Schritte vorzubereiten, die uns wieder in Besitz der Macht setzen und dem Lande den ihm schändlich gestohlenen Frieden zurückgeben sollen.

Lassen Sie mich Ihnen – und das ist der Grund, weshalb ich Sie heute hier zusammengerufen habe, mit kurzen Worten unsere augenblickliche Situation vor Augen führen. Solange die französischen Heere in Mexiko stehen, sind wir natürlich nicht imstande, auch nur auf einen Erfolg hoffen zu dürfen, denn welches Christentum diese Herren ihr eigen nennen, haben sie uns bewiesen. Kaiser Napoleon – der »allerchristlichste Kaiser«, wie er sich gern nennen hört, spielt dabei eine fast mehr als zweideutige Rolle, denn während er in Rom selber seiner Pflicht folgt und den Heiligen Stuhl gegen die Meutererbanden Italiens schützt, tut er hier genau das Gegenteil, aber – seine Rolle ist hier bald ausgespielt.

Wir selber verfügen natürlich über keine Macht, um gegen Franzosen und Liberale zugleich zu kämpfen, aber neben den offenen Berichten über Nordamerika, daß dort die Revolution vollkommen niedergeworfen, das Heer der Konföderierten besiegt, der Präsident gefangen ist, habe ich zuverlässige Kunde von meinen Agenten dort erhalten, daß schon jetzt direkte Forderungen der Union an Frankreich abgegangen sind, seine Truppen aus Mexiko herauszuziehen und es den Mexikanern selber zu überlassen, sich eine Regierungsform zu wählen und ihre staatliche Einheit auszubilden. Die Sache wechselt allerdings noch zwischen den Kabinetten, aber sie kann nicht mehr lange geheimgehalten werden, denn die Vereinigten Staaten geben nicht nach, und Napoleon wird jedenfalls gezwungen werden, seine Soldaten, und das sehr bald, zurückzuziehen. Nun ist es allerdings möglich, daß bis dahin die Liberalen total auseinandergesprengt und vernichtet sind, und wir selber hätten dann ein leichtes Spiel, denn in Mexiko herrscht noch zu viel religiöser Sinn, um nicht das Volk ohne große Mühe zu seiner Pflicht zurückzurufen, aber wir müssen auch den anderen Fall ins Auge fassen, und der ist: daß die Liberalen unter Juarez dann neue Kräfte sammeln und das verlorene Terrain wiederzugewinnen suchen.«

Der Erzbischof schwieg einen Moment, und de la Parra sagte:

»Aber ich möchte Monsennor daran erinnern, daß Juarez' Amtstermin schon am 30. November dieses Jahres abgelaufen ist, und er danach nicht das geringste Recht mehr hat, dem Kaiser als Präsident der Republik entgegenzustehen.«

»Täuschen wir uns darüber nicht,« erwiderte Labastida. »Juarez ist viel zu ehrgeizig, um nicht den Versuch zu wagen, selbst nach Verlauf seiner Präsidentschaft den Kampf fortzusetzen, wenn es auch nicht einmal unter dem Namen eines Präsidenten wäre. Und würden wir etwa gebessert, wenn selbst Jesus Gonzales Ortega als Vizepräsident an seine Stelle rückte? Nein – die Sache bliebe genau dieselbe, ob unter Ortegas, ob unter Juarez' Namen, denn beide sind die Feinde der Kirche und des wahren Glaubens, und beide müssen deshalb untergehen.«

»Aber wen anders können wir ihnen entgegenstellen?«

»Miramon!« rief der Erzbischof, und wieder flog sein Blick im Kreise umher, um die Wirkung zu beobachten, welche der Name auf die Versammelten mache. Miramon war aber gerade in diesem Kreise eine zu beliebte Persönlichkeit, um den geringsten Widerspruch wachzurufen. Aber Miramon befand sich über dem Atlantischen Ozean drüben in Europa, selbst in dem Auftrag und in Diensten des Kaisers – wie ihn bekommen, wenn er gerade notwendig gebraucht würde?

Zamacona gab dem Gedanken, der sie alle erfüllte, Worte.

»Monsennor erlauben, aber General Miramon hält sich jetzt in Europa auf, und wenn wir hier –«

»Sorgen Sie nicht deshalb,« sagte der Erzbischof; »ich glaube,« fügte er mit einem forschenden Blick auf Zamacona hinzu, »wir sind hier unter lauter treuen Anhängern der Kirche, denn die letzten Geständnisse, die Sie selber mir neulich gemacht, Sennor Zamacona, lassen mich bestimmt hoffen, daß Sie ein früheres – ich will es nur Schwanken nennen – bereut und eingesehen haben, wie nur im Schoße der heiligen Kirche das alleinige Heil möglich ist.«

»Monsennor,« sagte Zamacona, der von den Frauen in seinem Hause so mürbe gemacht worden war, daß er sich um den Finger wickeln ließ, »Sie dürfen sich auf mich verlassen, und werden finden, daß Sie keinen eifrigeren Vertreter unserer Religion haben als gerade mich.«

»Ich glaube es Ihnen,« nickte der Erzbischof, .und beweise Ihnen das schon jetzt, indem ich Ihnen vollständig vertraue. Die Sache ist also die – ich habe an Miramon sowohl wie Marquez geschrieben und ihnen genaue Instruktionen erteilt – Miramon erhält in Europa die Nachricht von dem bestimmten Abzug der Franzosen jedenfalls noch eher als wir selber hier, und kann sich bereithalten; an uns ist es aber dann, ihm den richtigen Zeitpunkt anzugeben, wann er hier eintreffen muß, und das ist der, wo die letzten französischen Soldaten das Land verlassen, oder die Franzosen ihre Armee doch schon so geschwächt haben, daß sie sich nicht wieder von der Küste entfernen und in das Land hineinwagen dürfen.«

»Und wird Maximilian ihm die Rückkehr gestatten?« fragte de la Parra.

»Mit oder ohne Erlaubnis – er sowohl wie Marquez müssen zurückkehren, wenn sie hier gebraucht werden.«

»Und dann?«

»Es ist nicht möglich, jetzt schon zu sagen, was in jener Zeit geschehen soll, denn wir kennen die Stimmung nicht, die dann im Volke herrschen wird. Aber deshalb gerade habe ich Sie, die einflußreichsten Männer unserer Partei, in Mexiko, zusammengerufen, um von diesem Augenblick an alles zu tun, was in Ihrer Macht steht, das Kaiserreich zu brechen und unserer Sache den Sieg zu verschaffen. Lassen Sie die Franzosen, wie diesen Maximilian jetzt ihre äußersten Kräfte anspannen, um die Liberalen zu vernichten – sie arbeiten dann nur für uns, und ist die Frucht reif, so können wir sie mit leichter Mühe pflücken.«

»Und in welcher Weise glauben Monsennor, daß wir das auf das beste und einfachste bewerkstelligen können?«

»Einfach ist die Sache nicht,« sagte der Erzbischof nachdenkend – »ich habe die Indianer schon sondieren lassen, aber, von ihrem alten Aberglauben dabei unterstützt, halten sie den langbärtigen Kaiser für den ihnen verheißenen Befreier. Es wird schwerhalten, sie eines Besseren zu belehren, und besonderer Ausdauer von Ihrer Seite bedarf es, Ihre Untergebenen zu unterrichten und zu dem Verständnis zu bringen, daß alle ihre lange zerstörten Götzen ihnen nichts helfen können, wenn eben der alleinige und wahre Gott seine Hand von ihnen abzieht. Doch das nicht allein – auch in Ihren Kreisen müssen Sie wirken, im Bürgerstande sowohl als im Militär, und haben wir erst bestimmte Nachricht von Rom, dann können wir auch entschiedener auftreten. Mit einem Wort, seien Sie bereit, allen Feinden der Kirche, wie diese auch heißen mögen, im richtigen Moment scharf und entschieden entgegenzutreten – auch opferbereit, denn Gott verlangt Opfer von uns, damit wir ihm beweisen, daß wir seiner Liebe würdig sind.«

»Wollen mir Monsennor noch erlauben, ein einziges Bedenken zu äußern,« sprach de la Parra, nachdem der finstere Prälat eine Weile geschwiegen und alle über seine drohenden Worte nachgedacht hatten.

»Ich höre gern jeden Einwand,« entgegnete Labastida nicht eben freundlich.

»Es ist eigentlich kein Einwand,« sagte der schon etwas ältliche Herr, der ein sehr aristokratisches Äußeres hatte – »es ist nur etwas, das wir, wie ich meine, nicht außer acht lassen dürften, da es wunderbarerweise schon tiefe Wurzeln in dem so gern an äußerem Glanz hängenden Volk geschlagen – ich meine das Kaisertum überhaupt – nicht etwa Maximiliano als alleinigen Träger desselben. Es gibt eine sehr große Zahl von Menschen, sowohl im Lande drin, als aber ganz besonders in der Hauptstadt, die sich in der kurzen Zeit schon außerordentlich mit dem Gedanken an ein Kaiserreich befreundet haben, und ich muß selber eingestehen, daß ich es für die beste und für uns geeignetste Regierungsform halte, da es nicht fortwährend durch neue Wahlen neuen Umwälzungen Tor und Tür öffnet –«

»Und sollte das – wenn es sich später wirklich so herausstellt, für uns zu einer Schwierigkeit werden können?« sagte Labastida lächelnd – »steht es nicht in unserer Macht, unseren künftigen Präsidenten ebenfalls zum Kaiser zu machen, und wäre Miramon, aus edlem Geschlecht entsprossen, mit allen körperlichen und geistigen Vorzügen begabt, nicht gerade die dazu passendste Persönlichkeit? Ich muß gestehen,« fuhr er nach einer kleinen Weile fort, »daß ich früher andere Pläne und Hoffnungen hatte und mein Auge besonders auf einen der gut katholischen spanischen Prinzen richtete. Nach den bitteren Erfahrungen aber, die wir jetzt hier gemacht, dürfen wir uns nicht der Gefahr aussetzen, aufs neue betrogen und hintergangen zu werden. In Miramon wissen wir genau, was wir haben; wir kennen seine Gesinnungen, denen er allen Verführungen zum Trotz treugeblieben. Er wird und kann nie von der Kirche abfallen und hat bewiesen, als er nach dem nichtswürdigen Commonfort die Regierung antrat, daß er sich nicht durch die Gunst einzelner einschüchtern und betören ließ. Als Präsident oder Kaiser dürfen wir in ihm eine feste Stütze erwarten, und hat erst einmal das Volk selber gesprochen, haben wir hier in Mexiko einen Mann zu unserem Oberhaupt, der im Lande selber geboren ist und nicht allein durch fremde Bajonette gehalten wird, dann fügen sich auch unsere nördlichen Nachbarn in das Geschehene, denn ihr Grundsatz, Amerika sich selber zu überlassen, ist erfüllt, und nicht fremde Nationen sind es, die uns einen Kaiser aufzwingen und ihn, mit Strömen mexikanischen Blutes, auf seinen Thron festzukitten suchen.

»Sie haben jetzt, Sennores, das gehört, was in unserem ganzen Episkopat beschlossen ist, und ich muß Ihnen dabei bemerken, daß wir die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben haben, Maximilian der Kirche wiederzugewinnen. Wir erwarten viel von der Botschaft aus Rom und werden indessen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln versuchen, auf sein religiöses Gefühl einzuwirken. Sollte es uns gelingen, was wir recht aus vollem Herzen von Gott und der heiligen Jungfrau erbitten, dann wären wir die Letzten, die neuen Kampf in unserem schönen Vaterland heraufbeschwören möchten, denn es braucht Frieden, um sich nach allen den Leiden der letzten Jahrzehnte wieder zu erholen. Sollte es aber fehlschlagen und der Kaiser hartnäckig und blind gegen sein eigenes Wohl auf dem einmal eingeschlagenen Wege verharren, dann frage ich Sie jetzt und bitte Sie, mir frei und aus eigener Überzeugung Antwort zu geben: wollen Sie mir dann beistehen und mich mit allen Kräften, in dem unterstützen, was ich zum Besten des Staates wie der Kirche für unerläßlich halte?«

»Das wollen wir, Monsennor – das wollen wir mit freudigem Herzen,« rief Zamacona, dem vor allen anderen daran gelegen war, seine Bereitwilligkeit zu erklären – »Sie können fest und sicher auf uns zählen.«

»Das wollen wir in der Tat,« bestätigten jetzt auch die übrigen.

»Und was an uns liegt, um für die Kirche einen festen Boden zu gewinnen, soll außerdem geschehen,« sagte de la Parra – »ich sehe auch selber ein, daß es keine Ruhe im Lande wird, bis der Kirche ihr Recht geworden, denn daß der heilige Vater nicht nachgibt, ist gewiß, und die unter ihm stehende Geistlichkeit muß sich dem wohl fügen. – Wenn uns nur nicht die Liberalen einen Strich durch die Rechnung machen!«

»Sie sind jetzt schon aufgerieben,« sagte der Erzbischof, »und beinahe jede Woche kommen neue Überläufer im Lager der Fremden an. – Je weiter Juarez nach Norden hinaufgetrieben wird, desto spärlicher bevölkert sind die Distrikte, und ohne Heer bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen, wenn er das nicht schon jetzt getan hat. – Doch die Zeit vergeht, und ich habe noch eine wichtige Konferenz abzuhalten. Nur was ich Sie noch fragen wollte, lieber de la Parra, – könnten Sie mir vielleicht über eine Sache Auskunft geben?« – Der Erzbischof stand dabei auf und trat zu dem einen Fenster – ein Zeichen, daß er mit dem genannten Herrn eine kurze Besprechung unter vier Augen wünsche, und dieser folgte ihm auch dahin.

»Und was wünschen Sie, Monsennor?«

»Im Vertrauen möchte ich Sie um Ihren Rat bitten,« sagte Labastida mit halb unterdrückter Stimme – »es – liegt mir daran – im Interesse unserer Sache, einen ganz tüchtigen und braven Mann – von rein christlicher Gesinnung natürlich, dem Kaiser zu empfehlen und denselben bei ihm anzubringen. Wie aber Seine Majestät jetzt mit uns steht, werden Sie wohl begreiflich finden, daß eine Empfehlung von unserer Seite dem Betreffenden mehr schaden als nützen könnte.«

»Aber Monsennor,« sagte de la Parra, »wie Sie wissen, habe ich selber gar keine Beziehungen zum Hof.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« nickte Labastida, »von Ihnen selber ist auch gar keine Rede; ich halte es sogar für wünschenswert, daß es durch eine dritte, ganz unverfängliche Person geschehe, die außerdem keine Ahnung haben dürfte, daß ich mich dafür interessiere, weil – ich etwas derartiges streng zu vermeiden wünsche.«

»Und wer ist es, Monsennor?«

»Ein Weltgeistlicher, ein Deutscher – sein Name ist Padre Fischer.«

»Ich erinnere mich,« nickte de la Parra – »ich habe von ihm gehört.«

»Es ist ja noch möglich,« fuhr Labastida fort, »den Kaiser in Güte von seiner irrigen Bahn abzulenken, und unsere Pflicht dabei, alles zu versuchen, was dahin einen Einfluß auf ihn ausüben und vielleicht großes Unheil von diesem Lande ablenken könnte. Ich halte diesen Padre für die richtige Person dazu, aber mir fehlt, wie gesagt, ein Anknüpfungspunkt mit dem Hof dafür.«

De la Parra sah eine Weile schweigend vor sich nieder, endlich sagte er:

»Es wäre vielleicht möglich, daß sich die Sache arrangieren ließe, und zwar durch die Kaiserin.«

»Das wäre das Beste!« rief Labastida rasch.

»Dann möchte ich den betreffenden Herrn aber am liebsten selber einmal sprechen, um ihn in allem Nötigen zu instruieren.«

»Er soll sich morgen früh bei Ihnen einführen.«

»Schön, Monsennor,« nickte de la Parra, »ich glaube, ich habe eine unverfängliche Persönlichkeit, die dazu passend wäre – kann Ihnen aber für den Augenblick keine ganz bestimmte Zusicherung geben.«

»Das ist nicht nötig, lieber General – das ist gar nicht nötig. Ich weiß die Sache jetzt in besten Händen, und überlasse mit dem größten Vertrauen alles Ihrem eigenen Scharfsinn.« Dabei drückte er dem General die Hand und wandte sich jetzt wieder zu der übrigen Gesellschaft, die ebenfalls aufgestanden war.

»Sennores,« sagte er hier, »ich glaube, wir haben vorderhand nichts weiteres zu besprechen, und möchte Ihnen nur, um Ihr Ziel fest im Auge zu behalten, anraten, sich zu einer festen, nur unseren Zweck im Auge haltenden Gesellschaft zu konstituieren, um von Zeit zu Zeit imstande zu sein, Ihre gegenseitigen Beobachtungen und Erfolge auszutauschen. Ich verkenne dabei nicht, daß wir vorsichtig zu Werke gehen müssen, um nicht den Feind zu früh zu warnen und behutsam zu machen, aber wir gehen auch dann um so sicherer. Ein Erfolg kann uns nicht fehlen, wenn wir, mit Gott, die gute Sache unterstützen.«

Die Sitzung war aufgehoben, der Erzbischof verließ bald darauf das Haus, und ihm folgten nach und nach die übrigen Herren, die sämtlich mit dem Klerus in enger Beziehung standen und – Zamacona vielleicht ausgenommen – die feste Überzeugung hatten, daß sie, von dieser Regierung vollständig vernachlässigt, jedenfalls in der nächsten sowohl das Ministerium bilden als auch die hervorragendsten Stellungen bekleiden würden.

Zamacona selbst hatte keinen Ehrgeiz – er schwamm mit der Menge, aber er wollte auch seinen Frieden im Hause haben, und der war in der letzten Zeit – Dank den frommen Padres – dermaßen durch seine Frau, Töchter, Schwägerin und Schwiegermutter gestört worden, daß er es zuletzt nicht mehr aushalten konnte. Er machte sich gar nichts aus dem Klerus, ja er besaß genug gesunden Menschenverstand, um die Pläne des ehrgeizigen Bischofs zu durchschauen, und haßte dabei die untere Geistlichkeit, der er mit Recht den Unfrieden im eigenen Hause zuschrieb.

Aber er besaß auch nicht Willenskraft genug, sie einfach aus der Tür zu werfen, wie es ein anderer an seiner Stelle getan hätte, und da blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ihnen zu fügen.

*

Almeja war mit seinem Sohn allein im Saal zurückgeblieben, und wenn der Vater auch von jeher – wenigstens seit einer längeren Reihe von Jahren – der klerikalen Partei angehörte, so hielt der Sohn doch offen und aufrichtig zu der kaiserlichen, denn sein jugendlicher Sinn für das Rechte freute sich an den Reformen, die dem Land teils gegeben, teils erst zugesichert wurden, und in der Roneiroschen Familie hörte er fast nur die nämlichen Gesinnungen aussprechen. Aber war es wirkliche Teilnahme an seinem Vaterland, die ihn zu der Partei des Kaisers führte? War es ein volles Verständnis der Vorgänge und eigene Überzeugung? Es wäre zu viel gewesen, das von einem jungen Mexikaner zu verlangen, denn nichts auf der Gotteswelt trieb ihn dazu an, als die eigene Freude teils, die er an dem Glanz des Hofes fand, teils die schon fast gesicherte Verbindung mit Roneiros Tochter, wie auch ein alter Haß, den er und seine ganze Familie persönlich gegen Juarez empfanden. Was war ihm das Vaterland, wenn es ihm nicht alles bot, was er verlangte; was eine Regierung, wenn sie seine Interessen nicht förderte – aber w o sie das tat, und dann auch noch in zeitgemäßen und nützlichen Reformen vorschritt, da glaubte er desto sicherer zu ihr halten zu dürfen – bis ihm einmal etwas in die Quere kam, und das war eben jetzt geschehen.

Ein Franzose – mit denen er sich bis jetzt ganz gut gestanden, hatte ihm die Geliebte – ja, er konnte fast sagen, die Verlobte abwendig gemacht, und jetzt erst überlegte er sich, welches Recht diese überhaupt hatten, hier in ihr Land zu brechen und einen Ausländer auf dem Thron zu halten, der solche Menschen wie Roneiros begünstigte.

Es war für einen Mexikaner vollkommen natürlich, daß er in dem Moment die Partei wechselte, wo er sich von der, zu der er bisher gehalten, schlecht behandelt glaubte – ob das nun von der ganzen Partei oder einer einzelnen Person geschehen sein mochte. E r wollte Rache haben, und da er gut genug wußte, daß es sein Vater ernstlich mit den Klerikalen hielt, hatte er sich diesem zur Verfügung gestellt. Aber die heutige Versammlung und der da entworfene Plan gefielen ihm nicht. Mißmutig, mit ineinandergeschlagenen Armen, ging er in dem weiten Gemach auf und ab, bis sein Vater, der noch mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt gewesen, auf ihn aufmerksam wurde.

»Und was sagst du dazu, Silvestre?«

»Ich? Zu den Plänen Monsennors und seiner doppelten Verschwörung gegen den Kaiser und Präsidenten zu gleicher Zeit?« lachte Silvestre – »es bestätigt nur die Meinung, die ich immer von dem Herrn Erzbischof gehabt habe, daß er nämlich ein sehr frommer und nur für das Seelenheil seiner Beichtkinder besorgter Herr ist.«

»Du sprichst das so bitter aus, Silvestre?«

»Ei zum Teufel, Vater!« fuhr der junge Mann zornig auf, »die Galle muß einem ja überlaufen, wenn man von solchen Lippen solche Pläne entwerfen hört.«

»Silvestre!« rief Sennor Almeja erschrocken aus, »ich habe dich der Versammlung beiwohnen lassen, weil du mich fest versichertest, daß du mit der kaiserlichen Partei gebrochen hättest und zu uns treten wolltest. – Wenn nun jetzt ein einziges unglückliches Wort über deine Lippen –«

»Sorge dich nicht, Vater,« unterbrach ihn, abwehrend, der Sohn. »Ihr habt von mir wahrhaftig keinen Verrat zu fürchten, aber verlange auch nicht, daß ich mich einer so langweiligen Verschwörung anschließen soll, die darauf warten muß, bis ein Pfaffe das Zeichen gibt.«

»Aber es wäre doch blanker Wahnsinn, jetzt schon loszubrechen!« rief Almeja aus.

»Und wir sollen Geduld haben,« lachte Silvestre, »bis es dem Kaiser Napoleon da drüben gefällig ist, seine Kolonnen hier in Ordnung zusammenzuziehen und fest geschlossen nach der Küste marschieren zu lassen? Wahrhaftig nicht, Vater, denn in dem Falle hätten wir nur das leere Nachsehen.«

»Aber was willst du – was kannst du anderes tun?«

»Was ich tun kann und tun will, das werde ich dir sagen. – Des müßigen Lebens hier bin ich doch zur Genüge satt – ich gehe hin und schließe mich den Guerillaschwärmen an, die jetzt, wo sie ihnen beikommen können, auf die Franzosen fahnden.«

»Zu Juarez' Partei wolltest du gehen?« rief Sennor Almeja erschrocken aus – »und weißt du denn, daß unsere Familie gerade keinen unerbittlicheren Feind hat als ihn?«

»Was kümmert mich Juarez!« rief Silvestre trotzig aus – »nicht eine Hand würde ich für den rothäutigen Indianer heben, und wenn ich ihn damit vom Verderben retten könnte – die Sache ist es, an die ich mich halte, die Personen sind es, an denen ich Rache nehmen will, und wenn wir sie so nach und nach aufreiben, ihnen nirgends Ruhe lassen, so daß sie jeden Moment den Knall unserer Revolver fürchten müssen, dann, hoff' ich, wird ihnen, der Platz hier in Mexiko bald zu heiß werden.«

»Und kennst du die Strafe, welche neuerdings für solche hier in der Nähe herumtreibende Banden bestimmt ist? – der Strick.«

»Bah,« lachte Silvestre – » so viel für ihre geschriebenen Gesetze, und Maximilians hat darin das möglichste geleistet. Wenn ich meinen wackeren Rappen unter mir habe, will ich den sehen, der mich dann einholt, und die Berge kenne ich alle wie meine eigene Tasche.«

»Silvestre!« bat der Vater – »laß um Gottes willen solche wahnsinnige Gedanken fahren, denn du machst dich und uns alle unglücklich. Was kannst du damit bezwecken, wenn du ein paar einzelne Franzosen tötest; der Masse bist du doch nicht imstande einen merklichen Schaden zuzufügen. – Versprich es mir, daß du davon abstehen willst – denk an den heutigen Tag – deiner seligen Mutter Geburtstag.«

»Gerade recht, Vater, mahnst du mich an den heutigen Tag,« lachte der junge Mann bitter auf. »Weißt du, was heute, vielleicht in dieser selben Stunde, geschieht? Graf Deverreux führt Inez Roneiro zum Traualtar, und mir willst du vorpredigen, ich soll Geduld haben und meine Zeit abwarten, während mir das Blut wie Feuer in den Adern kocht? Was kümmert mich der Klerus, was der Kaiser! Die Franzosen wollen wir aus dem Land haben, oder noch besser hier im Land vernichten.«

»Und wenn es hier bekannt wird,« sagte Sennor Almeja ängstlich, »daß mein eigener Sohn ausgezogen ist, um mit des Indianers ordnungslosen, räuberischen Schwärmen gemeinsame Sache zu machen? – Wenn es der Erzbischof erfährt –«

Ein verächtliches Lächeln zuckte um Silvestres Lippen, aber er erwiderte ruhig: »Und wäre das der einzige Fall, Vater, wo in unseren Bürgerkriegen die nächsten Verwandten auf verschiedenen Seiten gekämpft haben? Aber ich gehe nicht zu Juarez – nur gegen die Franzosen kämpfe ich, und haben wir die verjagt, dann – darauf hast du mein Wort, kehre ich ungesäumt zu dir nach Mexiko zurück, und was dann geschieht? Veremos! Wer wollte sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen.«

Silvestre verließ rasch das Gemach, um seine Vorbereitungen zu treffen, und Sennor Almeja sank auf einen Stuhl, faltete die Hände und sah still und stier vor sich nieder.

Das war der Fluch dieser ewigen Bürgerkriege, dieses in zahllose Parteien gespaltenen Landes, und kein Ende dabei abzusehen – kein Ende.

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