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In Mexiko. Erster Band

Friedrich Gerstäcker: In Mexiko. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorFriedrich Gerstäcker
titleIn Mexiko. Erster Band
publisherVerlag von Neufeld & Henius
editorCarl Döring
yearo.J.
firstpub1871
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161028
projectid78b24b7f
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Die Post.

Es war ein prachtvoller Tag, etwa in der Mitte des Monats Januar, als die Diligencia, ein großes, ungeschickt aussehendes Fuhrwerk, aber stark und dauerhaft genug gebaut, um selbst den mexikanischen Wegen Trotz zu bieten, vor dem Postgebäude in Mexiko hielt und seine Passagiere erwartete. Drinnen in der Expedition wurde noch das Gepäck gewogen, denn dreißig Pfund waren nur einem jeden freigegeben, und was darüber war, mußte er mit schwerem Geld bezahlen. Wie das aber in so früher Morgenstunde in der ganzen Welt ist – die Beamten sahen schläfrig aus und waren grob, denn sie hielten sich für schlecht behandelt, daß sie einer Anzahl von Menschen wegen, die keine Ruhe an irgendeinem Platze hatten, zu so früher Stunde heraus und ihrer Bequemlichkeit entsagen mußten. Daß sie gerade dafür bezahlt wurden und sich vorher die größte Mühe gegeben hatten, um nur den Posten zu erhalten, kam dabei natürlich nicht in Betracht.

Die Zeit der Abfahrt rückte aber heran, und pünktlich sind diese Fuhrwerke – wie sich nicht leugnen läßt, gerade darin, wenn sie auch nie Voraussagen können, ob sie ebenso die Ankunft am Bestimmungsort einzuhalten vermögen.

Jetzt nahmen auch die letzten Passagiere ihre Plätze ein, und zwei waren sogar nach oben hinter den Kutscher, wo sie nur ein ganz niederes eisernes Geländer vor dem Abstürzen schützte, aufgestiegen.

»Alles fertig?« rief der Kutscher, als er den Wagenschlag zuwerfen hörte, indem er die Zügel fest in der linken Hand zusammennahm.

Acht Maultiere waren, wie vorher erwähnt, bestimmt, den Wagen bis zur nächsten Station zu ziehen. Zwei von diesen gingen, wie bei uns, rechts und links an der Deichsel – vier waren, in einer Reihe, vor diese gespannt, und vor diesen sollten noch zwei andere angehangen werden. Ein Bursche aus der Post aber hielt die Wage noch in der rechten Hand, mit der linken aber schon den eisernen Ring fest, der sie an die Kette hängen und dadurch mit der Deichsel vorn in Verbindung bringen sollte, – zwei andere Peons hatten die stampfenden und halb bäumenden Tiere vorn am Gebiß.

»Alles fertig!« tönte die Antwort von dem Postbeamten herüber, der in der Tür stand, um den ersten »Ruck« zu überwachen.

»Los!« schrie der Kutscher – der Bursche, der die Wage hielt, hakte sie im Nu ein und sprang in demselben Moment zur Seite, ebenso die beiden, welche die Tiere vorn zurückgedrängt, und darauf hatten diese nur gewartet. Mit einem gemeinsamen Sprung warfen sie sich in das Geschirr, und wenn dieses zu zerreißen gewesen wäre, der Ruck hätte es getan. »Ave Maria!« tönte das Jammergeschrei aus dem Innern des Wagens heraus, als die Passagiere, die sich noch nicht einmal ordentlich zurechtgesetzt, wild und wirr durcheinandergeworfen wurden – aber im nächsten Moment schon nahm der Wagen seinen regelmäßigen Flug – wer kümmerte sich überhaupt um die Passagiere. Im vollen Karriere rissen ihn die acht, in diesem Augenblick in Wirklichkeit durchgehenden Maultiere über das Pflaster der Straße hin und diese entlang – es wäre nicht möglich gewesen, sie wieder anzuhalten. Aber das beabsichtigte auch niemand, und laufen mochten sie, so rasch sie konnten, solange sie sich nur von den Zügeln lenken ließen.

Hui! Wie da die Milchverkäufer und Wasserträger aus dem Weg stoben, als die »Diligencia« wie ein Ungewitter über das Pflaster gedonnert kam, und Sätze dabei machte, daß andere Räder als von Hickoryholz rettungslos dadurch in Atome gestampft wären. Fort ging die wilde Jagd, und ein paar harmlose Hunde, die wahrscheinlich die Nacht auf der Straße zugebracht, hetzten dahinter her und schienen sich Mühe zu geben, die Tiere noch rasender zu machen. Ganz gut wäre das aber trotzdem gegangen, wenn man sie hätte können geradeaus laufen lassen, aber an der nächsten Ecke mußten sie umbiegen, und die obenauf sitzenden Passagiere, ein paar französische Offiziere, die nach Cuernavaca wollten und ihre Waffen mit oben hatten, klammerten sich entsetzt an der niederen Eisenstange an. Das konnte ja nicht gut gehen, und wenn die Kutsche, in dieser rasenden Flucht und bei der scharfen Biegung, umschlug, so mußten sie gegen die Häuser geschleudert werden. Es fehlte auch wahrlich nicht viel, schon hoben sich, an den Eckstein streifend, die linken Räder, und für einen Moment hingen Leben und Gliedmaßen sämtlicher Insassen an einem Faden – aber es ging – es passierte ja auch selten ein Unglück. Die Biegung war genommen, vor ihnen geradeaus lag jetzt die offene Landstraße, und der Kutscher, in tollem Übermut laut auflachend, hieb mit einem wie in Jubel ausgestoßenen Caracho! den Tieren die lange Peitsche dermaßen um die Ohren, daß jetzt an ein Halten gar nicht mehr zu denken war.

Alle acht Maultiere gingen durch, und in wirklichen Sprüngen – nicht fortrollend, wie ein gewöhnliches Fuhrwerk – setzte der schwere Kasten über das Pflaster dahin, daß selbst den Nachsehenden der Atem stockte. Und doch war das eine Szene, die sich hier jeden Morgen, und zwar nach verschiedenen Richtungen durch die Stadt hin, wiederholte; man mußte sich nur hüten, dem »wild gewordenen Omnibus« nicht in den Weg zu kommen, und hatten sich die Tiere dann erst einmal, draußen auf glatter Bahn vor der Stadt, ordentlich ausgerannt und waren müde geworden, dann ließ sie der Kutscher langsam die Zügel fühlen und bekam sie so nach und nach wieder in seine Gewalt.

Die Passagiere in und auf der Diligence saßen indessen, sich an Sitze und Lederriemen anklammernd, in steter Erwartung, daß weder Holz noch Eisen, weder Schrauben noch Reifen solcher Mißhandlung gewachsen sein könnten und rettungslos auseinanderbrechen müßten. Was aber dann mit ihnen selber geschah, war noch nicht abzusehen, und keiner kümmerte sich auch deshalb um den anderen: es hatte jeder mit sich selber genug zu tun.

So rasselte der Wagen in so früher Morgenstunde, daß eben erst der Tag dämmerte, aus Mexiko hinaus und in das wundervolle Land hinein; dort drüben lagen die schon im hellen Sonnenglanz strahlenden Gipfel der beiden mächtigen Vulkane, und ringsumher dehnten sich, sobald sie nur den Sumpf der unmittelbaren Nachbarschaft Mexikos hinter sich ließen, freundliche Haziendas und kleine Ortschaften aus, und die breite, mit großen Bäumen bepflanzte Straße zeigte sich von in die Hauptstadt strömenden Menschen – aber fast einzig und allein Indianern – belebt. Es war Friede geworden im Lande, wenigstens in diesem Teil desselben; die Franzosen hatten die Raubbanden der Liberalen weit in die pfadlosen Gebirge hineingejagt, und diese unglücklichen Menschen – Sklaven seit Jahrhunderten, ob unter ihren eingeborenen Kaziken, ob unter spanischer Herrschaft, ob unter Republik oder Kaiserreich, denn unter allen blieben sie die »Knechte des Landes« – konnten doch jetzt wieder hoffen, für ihre schwere, ununterbrochen geleistete Arbeit wenigstens so viel Lohn zu bekommen, um imstande zu sein, notdürftig davon zu leben.

Ganze Züge mit Eseln und Maultieren kamen auch die Straße herein, und die Arrieros mühten sich genug, ihre Tiere der wie rasend heranfegenden Diligence aus der Bahn zu halten, während die Indianer, die ihre Last auf dem Kopf oder auf den Schultern trugen, scheu vor dem rasselnden Fuhrwerk zur Seite und hinter einen Baum traten. Aber ihr Blick haftete dabei still am Boden, keinen Gruß, kein Wort hatten sie für die Fremden, ja die Frauen zogen sogar ihre Kinder an ihre Seite und wandten, wenn sie diese in Sicherheit wußten, den Kopf von der Straße ab.

Jetzt endlich, als die vorgespannten Maultiere in eine etwas mäßigere Gangart fielen, und keine unmittelbare Gefahr auf der hier ebenen und ziemlich gut gehaltenen Straße zu fürchten war, fingen die Passagiere auch an sich untereinander ein wenig zu betrachten, und eine bunte Mischung war es allerdings.

Unter den neun Personen, die im Innern des Wagens ihren Platz gefunden, befanden sich zwei mexikanische Frauen und ein junges Mädchen, ein sehr dicker Herr, ein Österreicher, und zwar ein Beamter des Kaisers, der zu der Hofverwaltung gehörte und in Cuernavaca einige Einrichtungen zu treffen hatte, und ein Untergebener desselben, dann zwei Mexikaner, ein französischer Friseur, der in Cuernavaca ein Zweiggeschäft gründen wollte, und ein alter spanischer Kaufmann, der in jener Stadt schon fast ein Lebensalter sein Geschäft betrieb.

Oben auf dem Wagen saßen, wie vorerwähnt, zwei französische und noch ganz junge Offiziere, ihre Revolver im Gürtel, und jetzt, da sie nicht mehr die Wahrscheinlichkeit vor sich sahen, jeden Moment von dort abgeschüttelt und auf die harte Straße geschleudert zu werden, sich voller Lust dem prachtvollen Anblick hingebend, den die Szenerie ihnen hier fortwährend bot.

Ein paar wunderliche Exemplare waren die beiden Deutschen, und nie im Leben würde man nach ihrem Äußern ihren Stand und gegenwärtigen Rang im Leben erraten haben.

Der Vornehmere der beiden, Herr von Belchmeier, wie er sich nannte, und jedenfalls nur mit dem österreichischen »von« vor seinem Namen, war eine dicke, aufgedunsene Gestalt mit einem ebensolchen roten Kopf und einem grundgemeinen Gesicht daran. Die grellblonden dünnen Haare hingen ihm dabei in einzelnen, von der ausgestandenen Angst feuchten Strichen über die auffällig zurückgehende Stirn, und die kleinen, milchblauen Augen zuckten fortwährend herüber und hinüber und hafteten auch für keinen Moment an ein und derselben Stelle. Er trug eine dicke, goldene Uhrkette, eine große Tuchnadel und Ringe an den Fingern, und die Mexikaner hatten sich schon einzeln den also zur Schau getragenen Schmuck betrachtet und dann untereinander darüber geflüstert. Der Dicke achtete aber nicht darauf, was kümmerte ihn das mexikanische »Gesindel«, an dessen Wohl sein Herr jetzt eben Leben und Ehre gesetzt hatte. Für ihn waren es eben nur »Indianer«, Weiße wie Rothäute durcheinander, mit unangenehmen Gewohnheiten und einer kauderwelschen Sprache, von der er nicht ein Wort verstehen konnte, und die er sich auch nicht einmal die geringste Mühe gab zu erlernen. Er gehörte zu der obersten Küchenverwaltung des Hofes, und wer von ihm etwas haben wollte, mochte eben einen Deutschen zu ihm schicken oder sich selber die Mühe geben, seine Sprache zu studieren.

Ganz von ihm verschieden war ein jedenfalls unter ihm stehender junger Mann, den er auch nur mitgenommen hatte, um für ihn zu dolmetschen, denn, mit verschiedenen Aufträgen für Cuernavaca versehen, durfte er dort keine zu lange Zeit versäumen. Dieser junge Mann sah gegen den »oberen« Beamten wie ein Graf aus und gehörte auch in der Tat einer altadeligen Familie an, der er aber wohl daheim nicht viel Freude und Ehre gemacht haben konnte. Man hatte ihm wenigstens Geld zur Überfahrt nach Mexiko gegeben, um hier sein »Glück« zu versuchen und – sich die Hörner ein wenig abzulaufen – mit dem letzteren war er eben in dieser Zeit beschäftigt. Das Geld, was er mitgebracht, schien er schon glücklich in den ersten Wochen durchgebracht zu haben, dann borgte er auf seinen Namen und sein Vaterland, und Deutsche hatten in der Tat in Mexiko, ehe die Intervention eine solche Masse von deutschen Abenteurern an diese Küste warf, vollen Kredit. Aber auch da fand man ihn bald aus. Er wollte jetzt in die Armee treten, doch war es ruchbar geworden, daß er auch auf sein Ehrenwort geborgt und nicht wieder bezahlt hatte, weil er eben nicht wieder bezahlen konnte, und zuletzt blieb ihm nichts anderes übrig, als den bescheidenen Posten eines Sekretärs des Küchenbeamten anzunehmen, der ihn auch nur deshalb engagierte, weil er spanisch sprach und schrieb. Baron Tromme legte also, um nur wenigstens auf kurze Zeit seinen Lebensunterhalt gesichert zu haben, den Baron vorderhand ab und wurde Herr Tromme, mußte sich aber auch, um nicht gleich wieder vor die Tür gesetzt zu werden, den oft unangenehmen Launen seines jetzigen und nicht besonders liebenswürdigen Vorgesetzten wohl oder übel fügen.

Sekretär Tromme ging übrigens, im Gegensatz zu Herrn von Belchmeier, der eine himmelblaue Seidenkrawatte, eine schwarz-gelbgestreifte Weste und großkarierte Beinkleider trug, sehr einfach, aber sehr anständig und ohne jeden Goldschmuck (was er freilich alles schon früher versetzt oder verkauft hatte) gekleidet, und schien sich eigentlich im stillen über den dicken Herrn, den die Diligencia auf das diligenteste durchgeschüttelt hatte, zu amüsieren, wenn er sich auch äußerlich nichts durfte merken lassen.

Die Frauen gehörten den mittleren Ständen an, nur die junge Dame schien aus vornehmerem Blut abzustammen und mit einer Art von Bonne zu reisen. Sie war auch, allem Anscheine nach, diese Fuhrwerke schon gewohnt und kein Klagelaut bisher über ihre Lippen gekommen. Schweigend hatte sie – die Gefahr, in der sie manchmal schwebten, vielleicht gar nicht ahnend – alle diese Mißhandlungen ertragen und sogar manchmal, wenn der Wagen gar zu furchtbare Sprünge machte und die Passagiere mit Gewalt gegeneinander geworfen wurden, gelächelt. War es ein Lachen der Verzweiflung? Aber sie sah gar so lieb und herzig dabei aus, und wenn dann das wie toll gewordene Fuhrwerk wieder eine etwas ruhigere Gangart annahm, hüllte sie sich allerdings fester in ihren Rebozo, die Mantille der Mexikanerin, aber ihre glänzend schwarzen Augen blitzten von einem zu dem anderen der Mitpassagiere hinüber und schienen sich an den verschiedenen Jammergestalten zu ergötzen. Ja, wenn sie auf den dicken, ihr gegenüber sitzenden Beamten fielen, preßten sich ihre Lippen fast krampfhaft zusammen, und es war unverkennbar, daß sie einen Ausbruch ihres Spottes kaum zurückhalten konnte.

Die Reisenden im Innern des Wagens waren übrigens noch nicht so weit zu sich gekommen, um nur einen einzigen Blick auf die sie umgebende reizende Szenerie zu werfen, und der mexikanische Teil derselben hatte das nämliche wundervolle Bild auch wohl schon zu oft gesehen, um viel darauf zu achten – man gewöhnt sich ja an alles, an Leid sowohl als Glück, an Kerkermauern wie an Gottes herrliche Natur. – Jetzt rasselte der Wagen über eine steinerne Brücke und gleich daraus in ein kleines indianisches Städtchen hinein, in dem die Tiere gewechselt werden sollten, denn selbst die Kräfte eines Maultieres gehen aus, wenn es in solcher Weise getrieben wird.

Die Diligencia, die in den letzten zwei Stunden wie der »fliegende Holländer« durch den Ozean, so hier, doch mit etwas mehr Geräusch, durch das Land gerast War, hielt – die Passagiere wurden nicht mehr hin und her geschleudert, die Achsen stöhnten und krachten nicht mehr, und an den vor Anstrengung und Erschöpfung zitternden Maultieren lief und tropfte der Schweiß in kleinen Strömen zu Boden nieder – aber sie wurden jetzt auch ausgeschirrt und durften einige Stunden rasten, bis die Post von Cuernavaca an dem Abend herüberkam, die sie dann wieder in die Stadt hineinziehen mußten.

Die Diligencia hielt vor einem breiten, aus ungebrannten Lehmsteinen ausgeführten Gebäude, das etwa achtzig Schritt in der Weite, doch nicht mehr Fenster hatte wie ein Mensch Augen – eins an der rechten, eins an der linken Seite. Das rechte leuchtete dabei in eine sogenannte pulperia, oder einen Schenkstand, das linke in einen ähnlichen kleinen Laden hinein, in dem sich Kunst und Natur mit Mehl, Gemüsen und Kartoffeln, wie Band, Knöpfen, Kämmen und anderen nützlichen Gegenständen in harmonischer und geschickter Weise vereinigte.

Die Passagiere waren ausgestiegen, um sich rechts in der pulperia durch eine Tasse Schokolade oder ein Glas agua ardiente wieder für neue Aufregungen zu stärken. Selbst zwei der älteren Damen hatten sich diesem Besuch angeschlossen, und auch die beiden Offiziere – blutjunge Menschen, die ihr Geschick hier nach Mexiko geworfen, kletterten von dem Marterkasten herab, um nur erst einmal wieder ihren Sehnen einige Ruhe zu gönnen.

Das Gebäude selber bestand, wie fast alle diese Posten, aus einem großen, wüst genug aussehenden Fronthaus, mit lauter weiten, aber vollkommen leeren Gemächern, die nur die kahlen, nicht einmal getünchten Wände zeigten und, ohne Tisch oder Stuhl, gar nicht dazu bestimmt schienen, bewohnt zu werden. Drinnen aber umschlossen ringsum gebaute offene Schuppen, unter denen die Tiere bei schlechtem Wetter wenigstens gegen Sturm und Regen geschützt standen, einen riesigen und ungepflasterten Hofraum, der sich in der nassen Jahreszeit zu einem Morast umwandelte, und dahinein ließ man jetzt die ausgeschirrten Maultiere, während die frischen schon wieder von damit betrauten Leuten hinausgetrieben und eingespannt wurden. Der Aufenthalt in solchen Orten dauerte immer nur wenige Minuten.

Draußen vor dem Haus, und kein Wort mit den Fremden, nicht einmal mit den die Pferde umspannenden Leuten wechselnd, standen ein halb Dutzend Burschen, die breiten Hüte in die braunen Gesichter gezogen, die bunten Serapen fest um Schultern und Kinn geschlungen, so daß sie den ganzen Oberkörper vollständig verdeckten. Die Beine übereinandergeschlagen, lehnten sie mit den Schultern an der Lehmwand, betrachteten sich die Passagiere und flüsterten nur manchmal, ohne aber dabei eine Miene zu verziehen, miteinander. Endlich, als die Post beinahe zum Abfahren fertig war, schritt der eine von ihnen langsam die Straße hinab und bog um die Ecke. Dort stand, an einem der überall an den Häusern angebrachten Ringe befestigt, ein gesatteltes Pferd. Der Bursche sah nach dem Gurt und zog ihn ein wenig fester an, warf die Leine los, die das Pferd hielt, war mit einem Sprung im Sattel, und fort, wie eine Wolke vor der Windsbraut, sprengte das wackere Tier mit seinem wilden Reiter die Straße entlang, und war bald, weit draußen den Bergen zu, in einer selbst aufgeschlagenen Staubwolke verschwunden.

Die Post zögerte noch ein wenig – der gastlichen mexikanischen Sitte nach mußte der Kutscher auch erst einmal mit den Passagieren trinken. Besonders in Erstaunen gesetzt wurde der junge Tromme aber, der sich hatte eine Tasse Schokolade geben lassen und diese jetzt bezahlen wollte. Der Wirt zuckte nämlich die Achseln und sagte:

»Ist schon bezahlt, Sennor.«

» Ist schon bezahlt?« fragte Tromme auf das äußerste überrascht zurück, denn es war zu undenkbar, daß Herr von Belchmeier etwas derartiges unternommen haben sollte – es wäre jedenfalls das erstemal in seinem Leben gewesen – »aber von wem?«

»Von jenem Herrn da,« erwiderte der Wirt und zeigte dabei auf einen der Mexikaner, der allerdings mit ihm in ein und demselben Wagen gekommen war, mit dem er aber noch kein einziges Wort gewechselt hatte.

Dieser aber, als er des jungen Mannes Blicke auf sich gerichtet sah, machte eine halb entschuldigende Bewegung, nickte ihm aber dann freundlich zu und hob sein Glas gegen ihn. Das Ganze geschah auch in einer so liebenswürdigen und graziösen Weise, daß ihm Tromme nicht böse deshalb sein konnte, und dennoch genierte es ihn, denn er war das von zu Hause nicht gewohnt. – Aber der Kutscher drängte zur Abfahrt – die Maultiere, ausgeruht und kräftig, standen schon angespannt und wollten nicht länger ruhig bleiben. – Die vorderen, die noch nicht angehangen waren, ließen sich kaum mehr halten, und die Passagiere mußten machen, daß sie auf ihre Plätze kamen.

Jetzt wiederholte sich die nämliche Szene wie bei der ersten Ausfahrt aus Mexiko, nur mit weniger oder gar keiner Gefahr, da die Straße breit und gerade vor ihnen lag. Die Tiere rissen allerdings wieder mit aller Macht in das Geschirr, aber die Stränge waren darauf gearbeitet und hielten, und weiter wurde von ihnen nichts verlangt. Alles andere besorgte der Kutscher, der mit einer bewunderungswürdigen Geschicklichkeit und Ruhe das Achtgespann regierte und lenkte.

Von hier an begannen die Berge; die Reisenden ließen das bebaute und dem Anschein nach auch nur kulturfähige Land hinter sich und wanden sich ziemlich steil in einer Schlucht hinauf, die auf beiden Seiten kahl aufstieg und hier noch, als im tieferen Land, mit der eigentlichen Magehpflanze bewachsen war; je höher sie aber stiegen, desto mehr nahm diese ab, d. h. desto seltener wurde sie, und an ihre Stelle trat dafür jene andere, etwas kleinere und nicht so gewaltig aufschießende Agavenart, die Mescalpflanze, die aber ganz den nämlichen Charakter trägt. Einzelne Kaktus wuchsen auch dazwischen, aber keine kandelaberartige Euphorbien-Art, überhaupt sah das ganze Land hier vielmehr kahl und dürr aus und bot, besonders wenn man direkt aus dem fruchtbaren Tale von Mexiko heraufstieg, einen nicht besonders tröstlichen Anblick.

Wie der Weg steiler auflief, stieg des Kutschers Assistent vom Bocke, ihm folgten die beiden Franzosen, und auch die Herren stiegen aus dem Wagen, um es den Tieren etwas leichter zu machen. Nur Herr von Belchmeier blieb mit den Damen sitzen, denn er hatte seine Passage bezahlt, oder sie war für ihn bezahlt worden, und er dachte gar nicht daran, sich wegen ein paar erbärmlicher Maultiere zu echauffieren.

Der breite Weg, der hier zwischen den Bergen auflief, zog sich aber so steil empor, daß die Tiere den halbgeleerten Wagen nur im Schritt vorwärts ziehen konnten. Da er sich in eine Schlucht hineinwand, sahen die Passagiere auch nichts als die kahlen Hänge und die staubige Bahn, bis sie plötzlich, nach einer kurzen Biegung der Straße, einen Punkt erreichten, von dem aus sie einen vollen Überblick über das eben erst verlassene Tal von Mexiko erlangten, und die Aussicht da hinüber war wirklich so entzückend, daß sie unwillkürlich stehen blieben und schweigend den Blick zurückwarfen.

Unmittelbar unter ihnen lag der Beginn des Tales mit seinen Hazienden und den lauschigen kleinen Dörfern – lauschig und hübsch allerdings in der Entfernung, wenn sie im Innern auch nur Schmutz und Armut bargen. Dort aber auf dem kleinen Hügel, von dem matten Grün der riesigen Zedern eingefaßt, hob sich das Lustschloß des Kaisers, und unmittelbar daran, von dort oben aus gesehen, und rechts von dem Chalco-, links von dem Tezcoco-See begrenzt oder vielmehr gedeckt, lag mit ihren geradwinkligen Straßen und Türmen die Hauptstadt, während darüber hinaus sich die lange vulkanische Gebirgskette als Hintergrund zog und die beiden mächtigen und prachtvollen Vulkane, der Popocatepetl und links von ihm der Ixtaccihuatl, mit ewigem Schnee bedeckt, emporstarrten. – Und der blaue Himmel, der darüber lag, die blitzende Sonne, die auf den Schnee da drüben niederfunkelte, die weißen, phantastischen Nebelstreifen, die sich aus jenen kalten Schluchten zu Gestalten hoben und wieder in nichts verschwammen, aber doch, wenn sie über die Täler hinstrichen, ein ganz eigenes mildes Licht darüber gossen. –

Die Passagiere wären auch noch wahrscheinlich gern länger dort stehen geblieben, um sich dem Genusse hinzugeben, den ihnen dieser Anblick bot, aber die Diligencia war doch indessen langsam vorgerückt, und sie durften sie nicht aufhalten – ja sie waren nicht einmal so recht fest überzeugt, ob der Kutscher überhaupt auf sie warten würde. Sie wandten sich deshalb von dem reizenden Bild ab, um der schon ziemlich weit vorausgeeilten Kutsche zu folgen. Aber durch diesen gemeinsamen Genuß schienen sie auch ein wenig besser miteinander bekannt geworden, wenigstens gerieten sie in ein Gespräch das sich zuerst nur über das, was ihnen am nächsten lag, erging: die reizende Aussicht über das Tal von Mexiko, dann aber auch auf andere Dinge übersprang, bei denen sich ebenfalls ihre gemeinschaftlichen Interessen begegneten – und das waren dann natürlich die verschiedenen Raubanfälle, welche hauptsächlich in der Nähe des deshalb verrufenen Puebla stattgefunden hatten.

Die beiden jungen französischen Offiziere sprachen schon etwas spanisch und konnten sich wenigstens verständlich machen, wie auch den Inhalt dessen verstehen, was erzählt wurde, aber die Mexikaner staken voll von solchen Berichten. Der eine von ihnen, ein kleiner, lebendiger Mann, mit gutmütigem Gesicht und ebensolchen dunklen Augen, war selber schon einmal als sogenannter Plagiar Das Wort Plagiar ist jenem System gegeben, das besonders von den Banditen in Italien ausgeübt wird, wonach sie einen Gefangenen oder Entführten nur gegen ein bestimmtes Lösegeld herausgeben, und im Fall der Verweigerung mit dessen Tode drohen. Woher das Wort Plagiar eigentlich stammt, konnte ich nie erfahren. Einige meinten: vielleicht von Plago, ziemlich gleichbedeutend mit unserem Plage; andere wieder, daß der erste Mann in Mexiko, der in solcher Art aufgegriffen worden sei, den oder einen ganz ähnlichen Namen gehabt habe. aufgegriffen und in die Berge geschleppt worden, um sich später durch ein bedeutendes Lösegeld freizukaufen.

Einmal angefallen oder ausgeraubt auf der Post schien übrigens ein jeder von ihnen, oder wußte doch sicher ein paar Räubergeschichten zu erzählen.

Als die Franzosen das Heft allein in Händen hielten, hatten diese Raubanfälle auch sehr nachgelassen, und im Beginn des Kaiserreichs konnte man die Umgegend der Stadt ziemlich ungefährdet bereisen; Bazaine war aber auch mit äußerster Strenge und erbarmungslos gegen jede derartige Verletzung der Gesetze vorgegangen. Wen man erwischte, hing oder erschoß man ohne weiteres, und die Diebsgesellen merkten bald, daß sie einem etwas sehr gefährlichen Handwerk folgten. Maximilian aber, der nicht gern seine Regierung mit ewigem Blutvergießen antreten wollte, und immer noch hoffte, das mexikanische Volk auch mit milder Hand regieren zu können, sträubte sich gegen diese rücksichtslose und unmittelbare Gerichtspflege, und kaum merkte dies das Gesindel, als es auch da und dort schon wieder auftauchte und kecker und kecker wurde. Besonders waren denn auch in letzter Zeit wieder zahlreiche Überfälle vorgekommen, und die Mexikaner selber tadelten die Milde des Kaisers, durch welche ehrliche Menschen, zum Besten der Wegelagerer, einer steten Gefahr für Gut und Leben ausgesetzt blieben.

Aber noch hatte sich Maximilian nicht entschließen können, ihnen zu willfahren, und der lässige Charakter der Mexikaner selber, die sich eher plündern ließen, als daß sie sich zur Wehr setzten, machte die Räuber mit jedem Tage übermütiger.

Hier und da gaben sie sich auch den Anschein, als ob sie nur Parteigänger seien, die jetzt, da Juarez' Heer besiegt worden, den Krieg im kleinen und auf eigene Hand fortsetzen wollten; sie beschränkten sich aber auch in dem Fall vorzugsweise auf den Raub und plünderten dabei höchst unparteiisch beide Parteien gewissenhaft aus.

Die mexikanischen Passagiere schienen sich übrigens durch die Mitfahrt der beiden bewaffneten Offiziere weit eher beunruhigt als gesichert zu fühlen, und versuchten auch jetzt, als sie auf der Straße zusammen fortschritten, dieselben zu überzeugen, daß sie im Falle eines wirklichen Angriffes viel vernünftiger handeln würden, sich nicht zu widersetzen, sondern den Wegelagerern ein paar Pesos zu geben, womit diese sich in den meisten Fällen beruhigten – ihre Waffen konnten sie ja da oben irgendwo verstecken.

Die jungen Offiziere lachten natürlich höhnisch über eine solche Zumutung, denn sie merkten recht gut, daß die Mexikaner diesen Rat nur ihrer eigenen werten Personen wegen gaben, damit nicht auf die Diligence gefeuert würde und sie selber etwas mit abbekämen; aber sie erklärten auch auf das bestimmteste, den Schuften, wenn sie sich in Schußnähe heranwagten, tüchtig einzuheizen, und forderten die anderen Mitpassagiere ebenfalls zum Widerstand auf. Sie waren, mit den beiden Kutschern, zehn Männer, und die konnten doch wahrlich gegen ein paar einzelne Strolche ihren Platz behaupten.

Die Mexikaner zuckten mit den Achseln, erwiderten aber nichts und wechselten nur untereinander einige leise Worte. Sie hatten auch nun den hier sehr langsam fahrenden Wagen erreicht und mußten, da sich der Weg jetzt auf einer weiten, kahlen Hochebene hinzog, wieder einsteigen.

Ihnen entgegen kamen dann und wann, gewöhnlich in kleinen Trupps oder ganzen Familien, Indianer, die ihre Packen – meist Holzkohlen – nach Mexiko hinabtrugen. Die Kohlen waren in eine Art Gras und in mächtige Lasten eingeschnürt, die so ziemlich die Form und Größe eines tafelförmigen Pianos hatten und auf dem Rücken der Träger hoch über diese hinausragten – aber selbst die Kinder gingen nicht leer und trugen eine ihren Kräften entsprechende, aber auch diese voll in Anspruch nehmende Ladung.

Stille, schweigsame Menschen, wie sie, im Schweiße ihres Angesichts, vorüber ihre Bahn zogen! Sie hoben den Blick nicht vom Boden, wenn sie den fremden weißen Männern begegneten, und besonders die Frauen nahmen, wenn sie auch deshalb mit ihrer Last ein Stück Wegs an einem Hang erklettern mußten, stets den entferntesten Fußsteig an, als ob sie sich vor der Möglichkeit fürchteten, nur angeredet zu werden.

Kleine Trupps von Eseln passierten ebenfalls vorüber, die Früchte aus dem wärmer gelegenen Land nach Mexiko schafften, besonders Orangen, aber auch Ananas, Bananen und vorzüglich in großer Menge Tomatos. Aber auch mit den Führern dieser Karawanen ließ sich kein Gespräch anknüpfen.

Des Kutschers Assistent, dem es besonders oblag, die Maultiere zu beaufsichtigen, wenn es irgend etwas zu ordnen gab, da der Kutscher den Bock nicht verlassen durfte – der auch zuweilen neue Hölzer für den Hemmschuh zurechthackte oder auch dann und wann das Geschirr in Ordnung brachte, schritt, solange der Weg noch langsam ging, neben der Kutsche her. Dieser hatte nun verschiedene Male versucht, ihnen begegnende Indianer nach dem oder jenem, besonders deshalb zu fragen, ob sie kein verdächtiges Gesindel am Wege gesehen, aber er erhielt gar keine oder nur ausweichende Antworten. Die Leute taten entweder, als ob sie gar nicht verständen, was man zu ihnen sage, oder zuckten auch nur die Achseln und eilten mit einem scheuen Quien sabe vorüber. Sie wären die Letzten gewesen, die sich herbeigelassen, wirklich am Wege lagernde Räuber zu verraten, denn welchen Dank durften sie dafür erhoffen. Sie blieben, da sie den Weg unausgesetzt passierten, dann nur der späteren Rache der Verratenen preisgegeben.

Die mexikanischen Kutscher wußten das auch schon und kümmerten sich selten um sie.

Von hier aus nahm überhaupt wieder der Weg selber ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch, denn die Passagiere waren eingestiegen, die Bahn lag frei und verhältnismäßig eben vor ihnen, und während die Maultiere die lange Peitsche fühlten, flogen sie im vollen Karriere mit dem rotlackierten Kasten vorwärts.

Die Szenerie bot hier wenig oder gar keine Abwechslung. In friedlichen Zeiten – das heißt, wenn dem Lande auf Jahrzehnte der Frieden gesichert gewesen wäre, hätten sich hier vielleicht überall fleißige Menschen niedergelassen und das weite Land in einen Garten verwandelt, jetzt aber entriß man sie ihrer Heimat und ihren Familien und benutzte sie dazu, die wilden Berge zwecklos mit ihrem Blut zu düngen und Aasgeier mit ihren Leibern zu füttern. Wären sie aber auch wieder, selbst nach einer beendeten Revolution, in ihre Hütten zurückgekehrt, was hätte es ihnen genützt – die nächste Leva würde sie doch wieder denselben entrissen haben. Das Ende ihres Elends war eben nicht abzusehen.

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