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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 81
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Mumie.

        Frühlingslüfte, weiche, milde,
Streichen um Ägyptens Lande,
Hauchen in das Saatgefilde,
Fächeln über starrem Sande;
Was da wallt, soll frischer wallen,
Was da lebt, soll doppelt leben,
Doch was tot ist, soll zerfallen,
Sich verjüngt einst zu erheben.

Frühlingslüfte wollen haschen
Flücht'ge Keime halberstorben,
Selbst des Grabs zerstreute Aschen
Unverloren, unverdorben;
Jedes finde seine Stätte
In des Niltals reichen Schollen,
Wo Gestad' und Strom zur Wette
Volle Segenswogen rollen.

Und sie wehn unaufgehalten
Um die alten Nekropolen,
Durch der Pyramide Spalten
Schlüpfen sie hinein verstohlen,
Durch der Gänge Schlangengleise
Bis zum Zellengrab zu schleichen,
Rütteln an den Särgen leise,
Flüstern in das Ohr der Leichen.

Und die Königsmumie drinnen,
Prunkversteint und unverwittert,
Fühlt den Hauch zum Herzen rinnen,
Daß ein Zucken sie durchzittert:
Möcht' entraffen sich den Grüften,
Nicht zu leben, nicht zu wallen,
Nein, hinaus nur, an den Lüften
Zu verwehn und zu zerfallen:

»Frühling, Frühling! Auch den Toten
Stillersehnt und süßwillkommen!
Sendest uns auch deine Boten
In die Haft, die uns beklommen;
Ja, schon fühl' ich deine Quellen
Leis in meinen Adern rinnen,
Mein Verlebtes fortzuschwellen,
Mir ein neu Gewand zu spinnen.

Weh, vergiftet meine Säfte,
Daß daran der Frühling machtlos;
Und betäubt die tiefsten Kräfte,
Selbst des Auferstehens achtlos!
Mit den Harzen und Balsamen
Eingeträuft in meine Adern,
Starb des Lebens letzter Samen,
Ward ich stumpf wie diese Quadern!

Sklaven, die mit feigem Bangen
Meinem Augenwink gezittert,
Halten mich im Schlaf gefangen,
Angefesselt und umgittert;
An die eherne Erstarrung
Haben sie mich festgekettet,
Zu lebendiger Verstarrung
In den Zedernschrein gebettet.

Der mich zu vergöttern glaubte,
Knechtsinn, hat mich hingerichtet,
Mir, da er mein Welken raubte,
Lenzjahrtausende vernichtet.
Larve, laß hinaus den Falter!
O zerschmettert diese Hallen!
Tilgt mein unehrwürdig Alter!
Laßt verwehn mich und zerfallen!

Bald an deinem Borne tränken
Meine Fasern sich zu Halmen,
Und mein Herz wird sich versenken
In das Mark der sonn'gen Palmen;
Mein verdunkelt Aug', entsiegelt,
Labt sich bald an Licht und Ruhme
Wenn im heil'gen Nil sich's spiegelt,
Eine fromme Lotosblume.

Meine weichen Locken wallen
Bald in säuselnden Mimosen,
Tropfen meines Blutes fallen
In der Tulpen Kelch und Rosen.
Und was Staub soll werden, fliege
Durch die Lande mit dem Winde,
Bis es einst befruchtend liege
Und den Heimatboden finde.

Frühling, Frühling! Deinem Winken
Folgt mein süßgeheimstes Beben;
Aber weh, ich kann nicht sinken,
Kann empor zu dir nicht schweben.
Wehe, starr und festgebunden,
Gurt' an Gurte, Bind' an Binde,
Arm und Bein und Brust umwunden
Hilflos gleich dem Windelkinde!«

Und die Pyramid' erzittert
Tief zum Grund von solchem Hader,
Wie die Zeder, wenn's gewittert.
Oben löst sich eine Quader,
Kollert an den Steingerüsten,
Springt und prallt in Sand und Dorne,
Staub erregend, der den Wüsten
Sage von des Toten Zorne.

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