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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 79
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Bildhauer.

            »Habt mich mit Speis' und Trank gelabt,
Gern dankt' ich's durch die Tat, Herr Abt,
Will drum zum Abschied nicht verschweigen,
Welch Schatz Euch unbewußt zu eigen.
Der Stein, den ich im Hof dort schaue,
Ein Rest wohl noch vom Klosterbaue,
Der Marmorblock ist's, den ich meine:
Es steckt, weiß Gott, in diesem Steine
Ein prächt'ger Christus fix und fertig,
Des tücht'gen Armes nur gewärtig.
Laßt, wenn ich rückkehr, mich verdienen
Nebst Eurem Lob ein paar Zechinen,
Und bei des Klosterkellers Tropfen
Will ich ihn gern heraus Euch klopfen.«
Ein Künstler sprach's im Sammetrock,
Sah scheidend noch zum mächt'gen Block,
Voll Lebenswärme ward die Quader,
Voll edlen Bluts die blaue Ader.

Das »Klopfen« und die »Tropfen« klangen
Im Ohr des Abts und blieben hangen.
Er denkt: Ei, die Zechinen kann
Ersparen schier ein kluger Mann!
Er winkt den Kellermeister leise
Und wählt dann aus der Brüder Kreise
Der stämmigsten Gesellen vier:
»Wohlauf! Ihr seht den Steinblock hier,
Drin steckt, des tücht'gen Arms gewärtig,
Ein prächt'ger Christus fix und fertig:
Den sollt ihr jetzt heraus mir klopfen,
Gestärkt von diesen goldnen Tropfen!«

Hei, an ein Hau'n und Hämmern ging's!
Die Stücke flogen rechts und links,
Das dröhnt und hallt wie ein Gewitter,
Dem Abbas sprang ins Aug' ein Splitter,
Den Mönchen dampft das Haupt von Schweiß,
Vom Staub sind schon die Kutten weiß,
Der Block wird kleiner, immer kleiner,
Den prächt'gen Christ doch sieht noch keiner!
Nur frisch drauf los! Von ihrem Klopfen
Verschwinden Stein und goldne Tropfen,
Zum Bröcklein schmilzt die Quader ein,
Kein Christus doch entstieg dem Stein!
In Splittern liegt die Marmormasse
Verstreut als Bauschutt auf der Straße;
Der Abt verwünscht die Künstlerbluse,
Er selbst ein Steinbild der Meduse.

Und als der Mann im Sammetrock
Rückkehrt und späht nach seinem Block,
Ach, er erkennt vom Lieblingssteine
Ringsum die bleichenden Gebeine,
Und edlen Zorns und Unmuts schwer
Den frommen Pred'gern predigt er.
»Mein Heiland, seh ich, ist erstanden,
Hat selber sich befreit aus Banden,
Dabei doch Hals und Bein gebrochen,
Und ihr zerschlugt ihm Haupt und Knochen!
Weh über euch! Doch merkt euch das:
Wes Aug' nicht klar, gleichwie durch Glas,
Sein Werk schon fertig sieht im Stein,
Der lasse nur das Bilden sein!
Wes Hand nicht, fest und zart zugleich,
Sich weiß mit wucht'gem Hammerstreich
Um geist'gen Umriß weich zu schmiegen,
Der laß den Schöpfermeißel liegen!
Zerfallen mußt' in plumper Hand
Selbst euer Christ zu Straßensand;
Statt Bildner wart zum Hohn der Lacher
Ihr leidlich gute Wegemacher.
Nur Geist zeugt Geist! Die Höh'n umkreist,
Zur Tiefe taucht der Sehergeist,
Und weckt auf kaum betretnen Bahnen
Zur schönen Tat ein träumend Ahnen;
Wer sein entbehrt, der sitz' am Raine
Und klopf im Tagwerk ihm die Steine.«

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