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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 77
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Ein Liebesbote.

        Sehnsuchtskrank nach dem geliebten Jungen,
Dessen Blick ihr tief ins Herz gedrungen,
Sprach das Mägdlein beichtend zu dem Pater:
»Frommer Mönch, des Seelenheils Berater,
Wißt, so streng das Haus mein Vormund hütet,
Gegen jedes Männleins Einlaß wütet,
Wußte doch mein Liebster einzudringen,
Im Gewand der Magd mußt' ihm's gelingen.
Sagt ihm nun, daß er nicht wiederkehre,
Daß ich büßend ihm den Einlaß wehre;
Bringt dies Ringlein, das er mir gegeben,
Ihm zurück als Abschiedspfand fürs Leben.«
Ei, wie schlau sprach die so scheinbar Spröde,
Ei, wie war der Mönch so blind, so blöde,
Denn das Ringlein sagt ihm's selbst am Ende,
Daß es nicht geformt für Frauenhände.

Klar doch ward der Botschaft Sinn dem Jungen,
Dessen Herz ihr süßer Blick bezwungen;
Dem's noch nie gelang, zu ihr zu kommen,
Jetzt wohl weiß er's. Magdgewand wird frommen!
Händeküssend spricht er zu dem Pater:
»Frommer Mönch, Ihr, unsres Heils Berater,
Sagt der Maid, wie tief mich's schmerzt zu weichen,
Ihr Gebot doch ehr' ich; des als Zeichen
Bringt zurück dies Armband ihr von Golde,
Das mir einst als Huldpfand bot die Holde.«
Ei, wie ist der Knabe schlau nicht minder,
Doch wie blieb der Mönch ein Blöd' und Blinder,
Denn sonst müßt' ihm's selbst dies Armband sagen,
Daß nicht Männer solchen Goldreif tragen!

Abends als die Sternlein aufgegangen,
Halten Knab' und Maid sich liebumfangen,
Draußen blühn und glühn verschwiegne Rosen,
Innen blüht's und glüht's von Kuß und Kosen,
Lachend segnen sie die Liebesnoten
Ihres Witzes und den blinden Boten;
Doch die Täublein ahnen nicht im Neste,
Wer der Schlauste aller und der Beste.

Einsam an dem Fenster seiner Zelle
Lehnt der Mönch und blickt zur Sternenhelle,
Saugt den Würzehauch der Blumenglocken,
Hört des Sprossers Locken und Frohlocken,
Und er denkt der Maid und denkt des Knaben:
»Was mir selbst versagt, mag's andre laben!«
Gleichwie Rosenschein bei Sternenlichte
Spielt ihm Lächeln auf dem Angesichte:
»Bleibt nur in dem Wahn, ihr guten Kinder,
Daß ich nichts erriet, ein Blöd' und Blinder!«

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