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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 76
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Sturmsegen.

              Der Sturm braust über Helgoland,
Und kann er nicht splittern Eich' und Palme,
So rüttelt und knickt er verdorrte Halme
Und ächzt im Schlot und wühlt im Sand
Und schleudert hinan, die rote Wand
Mit mauerbrechenden Widdern zu fällen,
Wutschäumende, weißbeflieste Wellen.

Der laute Sturm ist ein schlimmer Gast,
Ein schlimmrer doch sein stummer Begleiter,
Der Hunger. Er zieht euch so bald nicht weiter,
Wenn ihm dies Eiland zur Wohnstatt paßt.
Er hat die Schlüssel der Hausfrau erfaßt,
Er löscht des Herdes Glut, die ihm peinlich,
Und scheuert die Schüsseln graunhaft reinlich.

Der Lots' am Fall'm blickt auf ins Meer,
Ins Meer, das er sonst mit Wohlgefallen
Sah als sein Kornfeld wogen und wallen;
Die Ernte versagt's jetzt. – Sorgenschwer
Späht er nach Verdienst, nach Brot umher;
Zwar ruft ihn manch Schiff in Not und Bedrängnis,
Ans Land doch bannt ihn des Sturms Verhängnis.

Dort steht sein Weib, sonst unverzagt;
Jetzt denkt's an die leere Vorratkammer,
Ein gräßlich Bild, wie der »lange Jammer!«»Der lange Jammer« ist die volkstümliche Benennung des Armenhauses auf Helgoland.
Ihr Kind hat die letzte Kartoffel genagt;
Kein Schiff aus Elb' und Weser sich wagt
Zur Insel herein, zu stillen den Mangel,
Kein Boot kann hinaus mit Netz und Angel.

Das Eiland umgürtet der tosende Wall,
Schon Wochen währt's und noch kein Ende.
Wie Sterbende drücken sich Männer die Hände,
Die Kinder vergaßen Spiel und Ball:
Kein Rauch entsteigt den Kaminen all,
An Salz nur fehlt's nicht; Salzschäume stürzen
Wie Hohn, wo keine Speise zu würzen.

Fort braust der Sturm. – Sieh, dort im Orkan
Rollt näher ein schwarzes Ungeheuer,
Ein Riese von Wrack, ohne Mast und Steuer;
Zum Eiland treibt's, an Bord ist kein Mann.
Jetzt bäumt sich's zum letzten Sprung hinan
Gleich einem zu Tod getroffenen Rosse,
Dann fällt's! – Rings schäumen die Wogenkolosse.

Ein Krach! Geborsten stößt's auf den Strand,
Rotdunkles Blut entströmt der Wunde,
Doch lieblicher Weinduft quillt im Runde.
Ein Ruck! Da rollen in roten Sand
Bordüber die Tonnen aus Cypern entsandt,
Da kollern bis vor des Lotsen Schwelle
Granaten und goldne Orangenbälle.

Da rieselt das blonde Reiskorn sacht,
Da taucht viel Edelfrucht aus dem Raume
Von Dattelpalm' und vom Feigenbaume.
Messina lud und versandte die Fracht,
Die Rettung der Frieseninsel gebracht;
Dem Nord füllt Süd die Vorratkammer,
Sein Teil auch fällt dem »langen Jammer«.

Nun übe dein Strandrecht, Helgoland,
Befrachte die Körbe und fülle die Flaschen!
Die Alten zechen, die Jungen naschen
Und spielen Granatenball am Strand.
Ein Zauber verwandelt das Inselland,
Daß wie ein Orangenhain in Düften
Es schwimmt, umhaucht von italischen Lüften.

Am Fall'm lehnt, nicht mehr sorgenschwer,
Doch wortkarg stets und unbeweglich
Der Lotse heut noch wie alltäglich,
Berechnet stumm Gewinn und Beschwer',
Und blickt hinaus ins weite Meer
Und sieht mit stillem Wohlgefallen
Sein reiches Kornfeld wogen und wallen.

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