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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 70
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Fels im Strom.

            Die Elbe fließt so still, so glatt,
Die Sonne scheint so helle,
Kein Lüftchen weht, es bebt kein Blatt,
Es regt sich keine Welle.
So liegt das Land seit Wochen schier
In Sonnenglut und Ruhe,
Doch ist's, als läg' ein Leichnam hier
In einer gold'nen Truhe.

Der Brunn versiegt, der Strom verrinnt,
Daß seine Spiegel sinken,
Doch wie das Wasser fällt, beginnt
Gestein emporzublinken,
Als Eiland steigt's, zum Fels versteint,
Drauf alte Schrift zu schauen:
»Wer einst mich sah, der hat geweint«
Solch Wort ist drein gehauen.

»Ei, hast so kläglich du's gemeint,
Wir wollen's lust'ger machen;
Wer einst dich sah, der hat geweint,
Wir sehn dich jetzt und lachen!
Versiegt der Brunn, so quillt doch frisch
Ein edles Naß im Keller;
Du Felsen trag' als Freudentisch
Mir Flaschenkorb und Teller!«

Der Landesfürst im Übermut
Er sprach's und rief zum Feste;
Zum Felsen mitten in der Flut
Wiegt schon sein Kahn die Gäste.
Der Becher schäumt, die Schüssel dampft,
Musik ertönt im Runde,
Daß üpp'ger Tanz den Boden stampft
Wohl bis zur Morgenstunde.

Noch fiel der Strom, fällt fort und fort,
Der Fels wächst mittlerweile,
Und sichtbar unter jenem Wort
Wird eine zweite Zeile.
Die Schar, zur Heimfahrt jetzt vereint,
Mag's lesen aus den Steinen:
»Wer einst mich sah, der hat geweint,
Wer jetzt mich sieht, wird weinen.«

Sie lassen an das Ufer sacht
Den schmucken Nachen gleiten;
Wie sie zum ersten Wort gelacht,
So lachen sie zum zweiten:
»Als Pred'ger kamst du schon zu spät,
Dein Sprüchlein halt' in Ehren;
Laß sehn, ob du dich als Prophet
Wohl besser magst bewähren.«

Der Strom doch fließt so still, so glatt,
Die Sonne scheint so helle,
Kein Lüftchen weht, es bebt kein Blatt,
Es regt sich keine Welle. –
Solch Stillestehn ist schlimmrer Sturm,
Solch Ruhn ist langsam Sterben,
Der Friede wird zum Nagewurm,
Der Glanz wird zum Verderben.

Die Sonne liegt, ein Glutvampir,
Schwer auf der Brust der Erde,
Saugt ihrer Ströme Blut mit Gier,
Verschlingt ihr Saat und Herde;
Der Hochwald sieht in Kümmernis
Vom Haupt die Locken fallen,
Die Trift zerbarst, als sei's ein Riß
Von jenen Feuerkrallen.

Gerippen gleich starrt Busch und Dorn,
Den keine Regen streiften;
Vom Baum die Frucht, vom Halm das Korn,
Sie fallen, eh' sie reiften.
Der Hunger zieht durch Stadt und Land
Und sein Gefolg', die Seuchen,
Daß durch die Fluren kahlgebrannt
Nur Not und Jammer schleichen.

Gedeihn nur will ein einzig Naß
Am Südhang in den Reben,
Doch wird ein böser Tropfen das,
Wird Gift statt Labung geben;
Das grimme Feuer, das ihn kocht,
Fließt in die Menschenader;
Daß Hunger noch als Tollwut pocht,
Daß Zorn entbrennt und Hader.

Der Aufruhr stürmt ans Fürstentor;
Zwar weiß der Held zu siegen,
Doch will ein andrer dunkler Flor
Ihm nicht vom Auge fliegen.
Des Volkes Elend unerreicht,
Wo einst so reicher Segen!
Da wird des Fürsten Auge feucht,
Das war der erste Regen.

Wohl folgt dem auch der andre nach,
Sanft tauend aus der Wolke;
Es grünt der Wald, es rauscht der Bach
Und Glück erblüht im Volke.
Doch ob die Wasser Schrift und Stein
Längst überquollen haben,
Das Felsenwort blieb fest und rein
Ins Fürstenherz gegraben.

Und fließt so glatt der Zeiten Flut,
So still als ob sie schliefe,
Doch weiß er: das Verhängnis ruht
In seiner dunklen Tiefe.
Weh, wenn die Zeichen, die er meint,
Am Licht des Tags erscheinen!
Wer sie schon sah, der hat geweint,
Wer einst sie sieht, wird weinen.

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