Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Anastasius Grün >

In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 67
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Eine Begegnung.

                  Zwei Lager stehn bei Nas'by auf der Heide,
Des Königs hier und dort des Parlaments;
Des Sturms Vorboten wandeln schon durch beide,
Wie durch die Hallen auch des Firmaments.

Im Lager sind's die wechselnden Gefühle,
Gestört Gebet, gelöster Liederschall;
In Lüften sind's Windstöße, dumpfe Schwüle,
Der Vögel Angstflug, irrer Blätterfall.

Ein alter Eichbaum mitten auf der Heide
Streckt rechts und links wie Arme sein Geäst;
Der Wind bewegt's, ein Drohen scheint's für beide,
Wenn's nicht ein Winken zum Versöhnungsfest.

Die Nacht bricht an, die Wetterwolken sinken,
Der Sturm ist los, die Tropfen fallen schwer,
Und immer heft'ger wird des Baumes Winken:
Vereint euch, Schutzbedürft'ge, um mich her!

Die Nacht ist schwarz gleich einem Leichentuche
Auf dem allein das Kreuz der Blitze ruht,
Der Tropfenfall erschwoll zum Wolkenbruche,
Zu Geißeln dreht der Sturm die Regenflut.

Zwei Krieger fliehn, gestört im Feindespähen,
Zum Eichbaum unter Schirm des Laubgeflechts;
Die Hast der Flucht, die Nacht ließ sie nicht sehen,
Daß links der eine kam, der andre rechts.

Des Sturmes Geister trieben so im Bunde
Zum Baum des Friedens zwei der Feinde jetzt,
Wie einst ein überfrommer Herr durch Hunde
Saumsel'ge Christen zum Altar gehetzt.

Erst stehn sie fern; doch Leib an Leib zu gleiten,
Sich zu umklammern drängt sie Sturm und Flut;
Des einen Reitermantel hüllt den zweiten,
Und jenen schirmt des andern breiter Hut.

Komm, Blitz des Herrn, von seinem Licht ein Funken,
Und leuchte hell in beider Angesicht,
Daß sie, erkennend sich, es schauen trunken,
Wie Stuarts Hand in Cromwells Hand sich flicht!

Vielleicht nicht auseinander grauend eilten
Die Hände, die der Sturm zum Bund gebracht;
Vielleicht, wie ihr Gewand sie schirmend teilten,
Auch täten sie mit Fetzen ird'scher Macht.

Komm, Blitz des Herrn, ein Pfeil aus seinem Grimme,
Und triff und schmettre nieder diese zwei!
Vielleicht, daß wenn verstummt des Feldherrn Stimme
Der Haß verkühl' und wieder Friede sei.

Nicht will's der Herr! Was reif zum Kampf soll kämpfen,
Was nicht verschmelzen kann, das bleib' entzweit!
Der Haß will auch sein Blühn; ihr sollt's nicht dämpfen:
Ein Gottesurteil nur dem Geisterstreit!

Der Sturm verbraust. Die beiden Krieger scheiden.
Im Herzen alten Haß und alten Mut
Ließ ungeschwächt der Schlachten Herr in beiden.
Die, nicht es ahnend, Herz an Herz geruht.

Wie aus der Scheid' ein blanker Degen flammte
Der Tag empor, – ihm nach der Schwerter Glanz!
Ein blut'ger Kampf! Aus bittern Wehn doch stammte
Ein löblich Kind: die Freiheit Engellands.

Der alte Eichbaum mitten auf der Heide
Streckt rechts und links wie Arme sein Geäst.
Er winkt; doch Staub sind längst die Heere beide;
Winkt er nur Toten zum Versöhnungsfest?

Dies Lied von fernem Land aus fernen Tagen,
Das wie ein Wandervogel niedersinkt,
Was will es hier? – Euch mahnen will's und sagen,
Daß mancher Baum in deutschem Land – noch winkt.

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.