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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 65
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Jagello.

          Nachtigallenmacht
Füllt den Eichenwald,
Weithin widerhallt
Jauchzen der Liederschlacht.

Polens Heeresmacht
Lagert am Waldessaum,
Fürst Jagello, im Traum,
Ruht, vom Zelt umdacht.

Plötzlich ihn erweckt
Langentbehrter Klang
Ha, der Sprosser Sang, –
Hat ihn aufgeschreckt.

Durch Verhau und Wacht
Dringt's ins Königszelt,
Und ihn überfällt
Nachtigallenmacht.

Von dem Schilde dort
Als ein Echo prallt's,
In dem Helmrund wallt's
Tönend fort und fort;

Süßer Klang umspinnt
Ihm das Schwert ungleich,
Wie mit Watte weich,
Wie mit Seide lind.

»Klang der Seligkeit,
Längstvergessner Laut,
Wie erweckst du traut
Längstvergessne Zeit!

Meine Kinderzeit,
Als ich dir gelauscht,
Nachtigallberauscht,
Tief in Einsamkeit;

Mich im Forst verlor,
Bis mich Mütterlein
Fand in Todespein
Unter Busch und Rohr.

Dort ein muntrer Knab',
Hier ein müder Greis;
Dort das frische Reis,
Hier der morsche Stab!

Was dazwischen liegt,
Traurig sieht's mich an:
Dornenvolle Bahn,
Die der Fürst durchfliegt!

Kronen zwei vereint,
Länder doch entzweit,
Im Senate Streit,
Frieden nur vom Feind!

Blutumgrenzter Kreis,
Kampf um Reich und Thron,
Mühen ohne Lohn,
Kränze ohne Preis!

Hohes halb erreicht,
Schlimmes halb besiegt!
Staat und Macht erliegt,
Und der Purpur bleicht.

Gib mir dein Geleit,
Wonniger Waldchoral,
Tauche mich noch einmal
In die ferne Zeit!«

Und er stürzt zum Wald,
Nachtigallberauscht,
Horcht und wallt und lauscht,
Wo's am schönsten schallt.

Doch die Klänge scheu
Vor dem Lauscher fliehn,
Locken ihn und ziehn
Mit sich fort aufs neu;

Hier der rollende Fall,
Dort das flötende Flehn;
Holdes Irregehn!
Wohlklang überall! – –

Weißer Nebelflor
Hängt am Binsenstrauch,
Und mit qualmendem Hauch
Atmet schwer das Moor.

Kalt und scharf der Tau
Von den Blättern fällt,
Und der Irrwisch hält
Dort die Leuchte blau.

Durch das knisternde Rohr
Schleicht das Fieber sacht,
Auf den Lüften der Nacht
Schnellt's den Pfeil hervor;

Trifft ins Königsherz!
Greises Heldengebein
Ist nicht Stahl und Stein,
Nieder wirft ihn Schmerz.

An der Eiche Saum
Sinkt er todesmatt,
Letzte Liegestatt
Beut der alte Baum.

So im Kriegeszug
Polens König starb,
Den kein Feind verdarb,
Den kein Schwert erschlug;

Starb nicht auf dem Thron,
Starb im Wald und Rohr,
Noch in seinem Ohr
Nachtigallenton.

In Gesang gewiegt,
Eingesargt in Sang!
So verschönt der Klang,
Was dazwischen liegt.

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