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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 62
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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II.
»Auferstehn!«

Allerseelen 1866.

            Grau umflort schleicht die Novemberwolke,
Nebeldunst umqualmt die welke Flur;
Wäre nicht schon Trauer g'nug im Volke,
Trauern lehrt' es heute die Natur.

Wimmernd läuten jetzt die Glockenklänge
Aus dem Dorf den Tag der Toten ein,
Nach dem Friedhofgarten zieht die Menge,
Blumen trägt jetzt nur der Leichenstein.

In der Gräberzeil' am letzten Raine
Ist ein frisch Soldatengrab zu schaun,
Ein zerbrochnes Schwert ist roh dem Steine
Neben einer Trommel eingehaun.

Ja, der Tambour ist, die Inschrift sagt es,
Wieder hier in Reih und Glied gerückt,
Seine Wirbel schweigen, – wer beklagt es,
Den ein Leid, wie unsres, niederdrückt!

Denn ein Trauerfest der Allerseelen
Soll dies Jahr im ganzen Lande sein,
Wo an jedem Herd viel Liebe fehlen
Und nur Kränze trägt das Grab allein.

Sohn und Sohneskinder stehn am Hügel,
Weihn ein »Vaterunser« still dem Greis,
Ihre Seelen rührte wie Todesflügel,
Und der Vater spricht im Kinderkreis:

»Jene Kugeln fern im Böhmerlande
Schlugen hier zugleich ins treuste Herz;
Brüder gegen Brüder! Schmach und Schande!
Überleben konnt' er nicht den Schmerz.

Und mir war's, als sollten wir begraben
Dich, Altösterreich, zur selben Stund'!
Doch zu früh umkrächzten dich die Raben,
Als gesunken du auf blut'gen Grund.

Denn das blieb dein Los, daß stets im Fallen
Dir zu neuem Schwung der Fittich sprießt;
Daß wenn sich des Unheils Wetter ballen,
Deiner Saat nur milder Regen fließt.

Willst du danken stets nur der Bedrängnis,
Zittern stets vor lächelndem Geschick?
Ei so schmiede selber dein Verhängnis,
Sei dir selbst die Kraft, dir selbst das Glück!

Hast ein helles Aug', ins All zu wandern,
Hast zu Werk und Kampf gar rüst'gen Arm;
Trägst im Haupt ein Licht auch, wie die andern,
Hegst ein Herz, wie wen'ge, frisch und warm.

Sieh dein Land von Zauberhauch umquollen,
Sieh dein Volk von jugendfreud'gem Flug;
Lasse tief durch Seelen und durch Schollen
Furchen ziehn des Geistes Flügelpflug!

Rastlos gärt und drängt im Erdenboden
Keim und Blüt' und Frucht aus stiller Haft;
So im Volk auch lebt, nie auszuroden,
Was zur Freiheit strebt und wirkt und schafft.

Mag der Baum in seinen Wipfeln kranken,
Wenn nur Mark und Wurzeln noch gesund!
Mag im Sturm die Krone zitternd wanken,
Wenn nur unten fester, sichrer Grund!

Nein, dir will das Sterbehemd nicht taugen,
Denn du lebst in uns, mein Vaterland!
Dir nur gilt der Tau in Frauenaugen,
Dir zum Schwur streckt sich die Manneshand!

Auf den Arm dich stütze deiner Söhne,
Da du gramgebeugt und todeswund,
In dich quillt dann neue Kraft und Schöne
Aus dem alten deutschen Heimatgrund!«

Auf das Grab den Kranz von Immortellen
Läßt er jetzt dem Greise niederwehn,
Schwarze Lettern sprechen in dem hellen
Blumengold das Mahnwort: » Auferstehn!«

Schwarz und gelb, die Farben seiner Fahnen,
Schmücken noch im Kranz des Alten Gruft;
Doch das Wort soll die Lebend'gen mahnen,
Bis dereinst es auch die Toten ruft.

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