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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 56
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Malplaquet.

      Im Blachfelde ringen
Die ehernen Geschwader
Zu rächen, zu sühnen
Der Könige Hader.
Und wieder verkünden
In Waffen zwei Heere
Die blutige Mahnung,
Die bittere Lehre:
Daß seit jenen Tagen,
Da Kain im Grolle
Den Bruder erschlagen,
Kein Retter erstand,
Kein Weiser sich fand,
Der Meinungen Streit,
Des Zwiespalts Brand
Zu lösen, zu löschen
Mit heilender Hand,
Daß der Bluttat Erbe
Nicht die Enkel verderbe.
Es wußten der milden
Gesittung Apostel
Nur umzubilden
In grimmere Waffen,
In Eisen und Flammen,
Die Keule des Wilden,
Daß, die einst zu Tode
Den einen nur traf,
Jetzt Tausende schleudert
In ewigen Schlaf.
Des Himmels Blitze,
Des Donners Grollen
Äfft ihrer Geschütze
Aufleuchten und Rollen.
Die Gottes Gebote
Nur machen zunichte,
Ihr Würgen und Schlachten
Sind Gottes Gerichte!
O herrlicher Richter,
Die tobenden Horden,
Die rauben und sengen,
Verstümmeln und morden,
Bis unter der Last
Der Greu'l und Verbrechen
Gelähmt und erschöpft
Sie zusammenbrechen!
Dann rufen sie jammernd,
Den sie töricht verbannt,
Den Frieden, ins Land.
Doch kehrt er nicht wieder
Als der himmlische Bote
Von den Göttern entsandt
Mit des Füllhorns Brote.
Auf Flügeln von Blei,
Mit schwarzem Gefieder
Und heiserem Schrei
Schwebt er hernieder,
Ein Leichenrabe,
Der Totes begrabe.
Die Faust bleibt König
Dem späten Geschlecht,
Dem größern Verderber
Das bessere Recht.
            Hüben am Waldessaum von Sart
Steht Eugen an Malb'roughs Seite,
Drüben, auch ein Held im Streite,
Macht Villars, ihr Gegenpart;
Wie auf der Parketten Glätte
Ohne Straucheln, ohne Gleiten,
Weiß er auch gewandt zu schreiten
Auf der schlüpfrig blutigen Stätte.

Über den kämpfenden Scharen,
Leitend der Schlachten Geschicke,
Gleich blitzschleudernden Aaren
Schweben der Feldherrn Blicke,
Ruhn auf dem eigenen Volke,
Spähn nach des Feindes Fahnen,
Bohren durch Risse der Wolke,
Staubs und Rauches die Bahnen,
Mühn sich, bis in die Seele
Selbst des Gegners zu dringen,
Daß auch, was er verhehle,
Sichre ihr eignes Vollbringen.
Trefflich hat in Busch und Feld
Vorhut und Massen der Feind gestellt,
Reitervolk und Geschütze klug
Dem entscheidenden Punkt gesellt,
Wald und Lichtung gut benützt,
Daß sich der Kolonnen Zug
Frei bewege und doch geschützt;
Und wie wohlberechnet schlau
Schanzen errichtet und Verhau,
Selbst des Stroms treulose Wogen
Dienstbar in seinen Bund gezogen!
Doch was klar der Meister erdacht,
Groß und ganz sein Geist erschaut,
Wird, der Menge anvertraut,
Leicht zerbröckeln unvollbracht;
Ist ein Faden nur gerissen,
Schwer wird das Geweb' ihn missen;
Und versagt nur eine Hand,
Locker wird das ganze Band. –
Jetzt im Feindesheere Lücken
Sieht und nützt der Feldherr hüben:
»Auf! Jetzt muß das Wagnis glücken!
Rasch den Stoß in Feindesrücken!«
Rasch doch ist auch jener drüben,
Führt mit Wucht den Gegenzug,
Füllt die Lücken wie im Flug;
Durch den trüben Nebeltag
Dringt sein Falkenaug' und mißt
Jedem Schlag den Gegenschlag,
Jeder List die Gegenlist.
Aber Eugen kann's nur loben,
Was mit Leid er soll erproben,
Und den Geist, mit dem er ringt,
Fühlt er eignem Geist verwandt,
Reichte, die das Schwert jetzt schwingt,
Jenem gern als Freundeshand,
Neigt die Stirne kranzumlaubt
Vor dem edlen Feindeshaupt.
Wer den Schwächern niederzwang,
Ward darum nicht selber stark,
Leichter Sieg wird Untergang,
Lähmt den Arm und frißt am Mark;
Doch wer mit dem Stärkern ringt,
Selbst ein Starker, fühlt die Kraft
Frisch am Widerstand beschwingt,
Wachsen an der Gegenkraft. –
Stund' um Stunde währt das Ringen,
Unermüdlich mähn die Klingen
Und die Menschengarben fallen,
Doch ersteht ihr Rächer allen.
Horch, ein Prall in dem eisernen Knäule!
Sieh, welch mächtige Staubessäule!
Ha dort sprengt mit Wetterstreichen
Eugens Panzerschar die Flanken,
Und der Franzmann kommt ins Wanken,
Die gelösten Rotten weichen.
Mitten doch im Kugelregen,
Im Gewog' und Kampfgedränge
Leuchtet Villars' Heldendegen,
Lenkt sein Wort die flüchtige Menge,
Rückzugswege macht er frei,
Springt Verwundeten hilfreich bei,
Bleibt in Siegen und Niederlagen
Eingedenk, daß er im Sohne
Auch ein Mutterleben schone.
Plötzlich rings um ihn welch Klagen,
Welch ein markerschütternder Schrei!
Weh, den Feldherrn traf das Blei.
Noch, auf der Sänfte fortgetragen,
Wacht er über jedem Leben,
Das in seine Hut gegeben;
Denn das Eigen ist's so vieler,
Das auf diesem Zahltisch gilt,
Das Gepräg' mit Gottes Bild
Viel zu gut für wüste Spieler! –
Und es sieht der Feldherr hüben
Ihn die milden Taten üben;
Auch der Gegner muß es preisen,
Daß der tapfre Mann von Eisen
In der Brust ein Herz auch trägt,
Wie's ihm selbst im Busen schlägt,
Das im rauhen Werk der Schlacht
Menschlich fühlt und liebvoll wacht;
An solch Herz wohl möcht' er fliegen
Und in jenen Armen liegen.

Wo sich große Seelen messen,
Ist der Kleinen Zwist vergessen;
Während sich die Massen morden,
Sind die Feldherrn Freunde worden;
Und das ganze Schlachtenwetter,
Trommelgewirbel und Horngeschmetter,
All dies Rasseln, Knattern, Rollen,
All dies Jauchzen, all dies Grollen
Schmilzt im großen Weltakkord
In ein einzig glorreich Wort,
In den Vollklang aller Ehren,
In den Seelengruß zusammen,
Den sich über kämpfenden Heeren
Gottverwandte Herzen senden.
Und die Zungen lodernder Flammen
Und die Blitze von leuchtenden Bränden,
All die glühenden, sprühenden Schrecken
Werden feurige Freundesarme,
Die sich über dem tobenden Schwarme
Geister des Lichts entgegenstrecken.

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