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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 50
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Aus Krain.

Nachruf auf Preschern.Dr. Franz Preschérn (geb. 30. Dez. 1800 zu Verba in Oberkrain, als Advokat in Krainburg gest. 8. Febr. 1849) der hervorragendste slowenische Dichter der Neuzeit, ein vieljähriger Freund und einstiger Lehrer des Verfassers. Die gesammelten Dichtungen des Verewigten (Poezije usw. Laibach, 1847) sind, abgesehen von ihrem poetischen Werte, insbesondere für die Ausbildung und Bereicherung der Schriftsprache seines Volksstammes von großer und bleibender Bedeutung.

1849.

 
   »Kdo zna
Noč tamno rasjasnit', ki tare duha?
   Kdo vé
Kregulja odgnati, ki kluje sercé
Od zora do mraka, od mraka do dné!«
Prešérn.
    Wer kann
Erhellen die Nacht, die den Geist umspann?
    Wer jag'
Den Geier vom Herzen, daß er's nicht nag'
Vom Morgen zum Abend, vom Abend zum Tag!
                 
In würz'ger Luft, auf blumenbuntem Grunde
Ragt eine Linde neben einer Eiche,
Die Zweige sanft verschränkt zum grünen Bunde,
Als ob ein Freund dem Freund die Hände reiche;
Ob hier das Blatt gezackt sei, dort sich's runde,
Des Laubs und Schattens Farbe bleibt die gleiche.
Uns Nachbarkinder, spielend auf den Matten,
Umwölbt des grünen Doms vereinter Schatten.

Da ward kredenzt Glutwein vom letzten Jahre,
Der Keltersegen schwüler Sonnenbrände,
Und als ob Feuer in die Adern fahre
In Kampflust flogen an das Schwert die Hände;
Den Reigen löst das Volk, auf daß sich's schare
Zur Linde hier, sich dort zur Eiche wende;
»Hie Slawe!« – »Hie Germane!« scholl es grimmig,
Und Zornesworte brausten tausendstimmig.

Noch schwoll der Zwist; da strich ein flüsternd Klagen
Dahin durchs Säuseln der Slowenenlinde,
Ein Zittern ging, als mocht' ein Herz ihr schlagen,
Vom Stamm zum Wipfel ihr, vom Mark zur Rinde;
Von Männern ward ein Leichnam hergetragen,
Sie lehnten an den Stamm sein Haupt gelinde,
Ein Dichterhaupt! Dem Volke starb sein Seher;
Erschüttert trat ich von der Eiche näher.

Er war mein Lehrer einst! Aus dumpfen Hallen
Entführt' er mich zu Tiburs Musenfeste,
Zum Wunderstrand, wo Maros Helden wallen,
Zur Laube, wo der Tejer Trauben preßte,
Zum Kap Sigeums, dran die Wogen prallen
Wie Waffentosen, bis zu Priams Feste;
Sein Geisterschiff trug keine Flagg' am Ständer,
Nicht blaurotweiß', nicht schwarzrotgoldne Bänder.

Wir sahn der Griechenfreiheit Todesbette,
Wir sahn im Blachfeld Rom und Hellas ringen,
Den Sieger dann, sich schmückend mit der Kette,
Um des Besiegten Haupt den Lorbeer schlingen,
Den Kriegspfeil sinken vor des Marmors Glätte,
Vom Hauch der mildern Sitte morsch die Klingen!
Im Glast zerbrochner Römerschwerter gleiten
Mir Spiegelbilder spätrer Kämpferzeiten.

Auf dieses Toten Herz, – das nie gewittert,
Geleuchtet nur, – leg' ich die Hände gerne;
Die Weltenseele quillt, vom Markt zersplittert,
Ins Dichterherz zu ruhigem, klarem Kerne;
Das Licht. das rings verirrt in Funken zittert,
Im Dichterherzen sammelt sich's zum Sterne;
Wenn Haß zum Streit hinaus das Volk getrieben,
Vergräbt's, wie Gold, ins Dichterherz sein Lieben.

Was dieses Leichenmundes heitrer Friede
Sein Volk gemahnt, der Tod kann's nimmer schwächen:
»Die Zunge löst' ich dir mit meinem Liede,
Wie Christ den Stummgebornen lehrte sprechen;
Ich war der Schmied, der dir die Pflugschar schmiede,
Der Sprache langverödet Feld zu brechen;
Und willst du froh ans Erntefest schon denken,
Noch manches Korn mußt du zur Furche senken.

Der goldne Eimer geht im Völkerringe
Von Hand zu Hand, aus deutscher dir zu tauen;
Du zückst das Schwert, daß deinen Dank es bringe,
Die Hand, doch nicht die Wohltat, kann's zerhauen!
Der Hauch der Zeiten fährt in Faust und Klinge,
Wenn Haupt und Herz den Eingang ihm verbauen;
O töricht eitles Mühn, des Geistes Blitze
Ablenken wollen in die Degenspitze!

Das Weltgestirn entsteigt atlant'scher Welle
Glanzvoll, unhemmbar deinem Widerstreben:
Der West ward Ost! Liebst du die Morgenhelle,
Gen West, zum Aufgang, mußt dein Haupt du heben;
Willst du den reinen Born, schöpf an der Quelle,
Der Rheingott keltert nicht bloß ird'sche Reben;
Behagt dir nicht die kunstreich goldne Schale!
So trink aus holzgeschnitztem Feldpokale! –

Es geht vom Hunnenkampf ein altes Sagen;
So rast der Grimm, daß, die im Feld gefallen,
Als Schatten noch fortkämpfen, lustgetragen,
Die Geisterfaust noch in den Wolken ballen!
Ein milder Kampfrecht gilt in mildern Tagen:
Das Licht vereint die Streiter, und es wallen
Versöhnte Geister durch die Feuerwolke,
Im Stern des Ruhms vorleuchtend allem Volke.«

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