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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 49
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Sprüche.

        Die Seele warm,
Das Auge klar,
Die Lippe wahr,
Von Stahl der Arm;
Fürs andre sorgen
Dein Heut', dein Morgen.
        Blumen sind an jedem Weg zu finden,
Doch nicht jeder weiß den Kranz zu winden.
        Nicht außen nur, auch innen soll blühen, was da blüht,
Nach außen für das Auge, nach innen fürs Gemüt.
        Dein »Ja« sei lang bedacht, doch heilig,
Dein »Nein« sprich mild, doch nicht zu eilig,
So wird das Ja den Freund erfreuen,
Das Nein dich selber niemals reuen.
        Auf eine weiche weiße Hand, wie viele
Dagegen zählst du mit der harten Schwiele!
        Wohlleben zehrt,
Wohlreden ehrt,
Wohlwollen währt,
Wohltun nährt.
        Des Daseins Kelch kredenzt bald süß, bald herb den Trank,
Der herbe heilt oft den, der von dem süßen trank.
        Sturmwinds Wirbel fegt die Straßen,
Staub und Kehricht mag er fassen,
Quadern muß er liegen lassen.
        Auf stillem Teich wird leicht dich tragen,
Den einzlen Mann, der schmale Kahn;
Doch durch den stürm'schen Ozean
Mußt du nach mächt'germ Fahrzeug fragen
Und mit Genossen dich vertragen.
        Kein Füllhorn, das von allen Schätzen regnet,
Ist reicher als die Mutterhand, die segnet.
        Die Blume, ob vergänglich selbst, erzähle
Vom Unvergänglichen im Herzensgrunde;
Sie bring', ob sprachlos selbst, die treuste Kunde
Vom Unaussprechlichen in einer Seele.
        Sei im Wünschen nicht zu karg,
Wünsche sind der Weg zum Siege;
Des Genügens üpp'ge Wiege
Ist der Tatkraft früher Sarg.
      Zog einer je durchs Alpenland,
Der dort nicht seine Rose fand?
        Kunst üben kann nur der Erkorne,
Kunst lieben jeder Erdgeborne.
        In jeder Menschenbrust klingt heimlich ein Gedicht,
Doch wo's am schönsten klingt, erfährt die Welt wohl nicht.
        Poesie, wo ist sie? und wo nicht?
Wenn sich Perl' und Demant sonnt im Licht,
Denke, wie viel ihresgleichen ruht
Ungehoben noch in Schacht und Flut.
        Götterruhm ist das Gelingen,
Menschenwert das treue Ringen.
    Ob Alltags- oder Festgewand
Die Liebe sich erwähle,
Sie bleibe niemals unerkannt
Dem Auge deiner Seele.
        Dem Kelch dein Leben gleichen soll,
Nie inhaltsleer, nie übervoll;
Kredenz und trink nur reinen Wein,
Nie fall' ein herber Tropfen drein.
        »Das Staatsschiff« – wie bezeichnend trifft
Das Bild hier den Gedanken!
Daß wir seit langem eingeschifft,
Man fühlt's am steten Schwanken!
        Ein Pfennig, in den Opferstock gerückt,
Wird lauten Klangs dein Loblied singen
Ein Goldstück, in die Bettlerhand gedrückt,
Wird nur beglücken, doch nicht klingen.
        Maienwonne, Maienblüte,
Auf den Fluren, im Gemüte,
Ach, so bald, so schnell vorbei!
Doch auch das ist Maiengabe,
Ging der eigne Lenz zu Grabe,
Freudig segnen fremden Mai.
        Wer den Göttern dankt für reichste Gabe,
Lass' im Schoß doch nimmer ruhn die Hände,
Daß er einst an seines Tagwerks Ende
Auch sich selbst etwas zu danken habe.
        Was du dankst der milden Göttergunst,
Drückt dein Haupt zu Boden nieder;
Was du dankst der eignen Müh' und Kunst,
Hebt es zu den Göttern wieder.
        In der Welt fährst du am besten,
Sprichst du stolz mit stolzen Gästen,
Mit bescheidenen bescheiden,
Aber wahr und klar mit beiden.
        Jung gefallen wollen, wer wird's schelten?
Alt gefallen können, mehr wird's gelten;
Daß dir Beifall jetzt und einst nicht fehle,
Das Arkanum such in deiner Seele.
        Glücklich heißt wer sorgenfrei,
Glücklicher doch, mein' ich, sei
Wer voll Sorgen, wenn's die rechten:
Sorgen, andrer Leid zu mindern,
Sorgen, Unrecht zu verhindern,
Fremdem Wert den Kranz zu flechten;
Sorgen, in den schwersten Tagen
Fremde Sorgen selbst zu tragen.
        In Einklang Kopf und Herz und Mund,
Klar, warm und wahr ein ein'ger Kranz,
Das ist der rechte Tugendbund,
Das ist die heiligste Allianz.
        Seelen gibt es, die an Sterne mahnen,
Unbemerkt auf sonn'gen Alltagsbahnen;
Dämmerung und Finsternis erst sagen
Euch, wie viel des Lichts sie in sich tragen.
        Sei mild im Tadel, karg im Lobe,
Das Schauen lerne nicht von Blinden;
Auch in des Weisen Garderobe
Wirst du ein Schellenkäppchen finden,
Und im Versteck der Narrentaschen
Ein Goldstück echter Weisheit haschen.
        Durch den Irrweg führt sein gutes Glück
Manchen auf die wahre Bahn zurück;
Doch den Irrweg drum zum Führer wählen,
Heißt erst recht den rechten Weg verfehlen.
        Wer groß sich dünkt, sucht kleine Geister,
Aus niedrem Kreis sich selbst zu heben;
Wer klein sich fühlt, wählt große Meister,
An sie geschmiegt emporzustreben.
        Viel tausend Quellen zählt die Krankheit und noch mehr,
Genesung sucht und trifft die eine, rechte schwer.
        Wer andern geben will, muß selbst empfangen haben;
Von Gotteshuld empfing Wohltätigkeit die Gaben,
Gott gibt den Quell, der Mensch den Becher nur zum Laben.
        Mildtätigkeit, du bist ganz wie des Sämanns Hand:
Wie oft aus wenig Korn die vollste Saat erstand!
        Dein Haus gleicht einem Buch, der Einband ist die Wand;
Ob schlicht von Pappe bloß, ob Samt und Goldschnittrand,
Nur dichte du hinein den Inhalt voll Verstand.
  Könne wollen,
Wolle können!
Götter zollen,
Menschen gönnen
Dann dem Wollen
Auch das Können.
        Zieht in die Welt ein weiser Mann hinaus,
Allüberall seine Schätze streut er aus,
Und kehrt doch reicher, als er ging, nach Haus.
        »Was ist für Keller, Haus und Herd
Dein Kranz, was Kunst und Ruhm mir wert,
Die ich nicht messen kann und wägen!«
Frau Agnes keift; doch Dürer spricht:
»Den Lorbeer, Freundin, sollst du nicht
Auf deine Küchenwage legen,
Nicht mit der Myrte Stuben fegen.«
    Am Demant brichst du Feil' und Messer,
Nimm etwas Staub, das hilft dir besser,
Doch Staub des Demants muß es sein!
Des Geistes Ecken wegzustreifen,
Des Geistes Lichter blank zu schleifen,
Durch seinesgleichen glückt's allein.
        Ein unklug Wort entschlüpft, wie aufs Papier ein Kleck,
Du wischest dran und reibst, nur breiter wird der Fleck;
Dann schabst du und radierst, nur schlimmer wird es noch,
Du hast den alten Kleck, dazu das neue Loch.
        Weh dir, wenn Menschen zu verachten
Du nur gelernt im Selbstbetrachten!
        Willst du Treue, so vertrau!
Dem Verrat kein Riegel wehrt;
Die du hüten mußt, die Frau,
Ist des Hütens nicht mehr wert.
        Bei der Arbeit magst du singen,
Das verleiht der Arbeit Schwingen;
Singen doch nie Arbeit sei,
Sohlen trägt sie dann von Blei.
        Versöhnen, Streit und Hader schlichten,
Wie schön! Doch gleiche du mitnichten
Dem Weizenkorn; das sah mit Leide
Zwei Mühlensteine, die sich rieben;
Da sprang's als Mittler zwischen beide:
Sie treiben fort, wie stets sie trieben,
Das Korn doch ist zu Staub zerrieben.
        Man schreibt auf manchen Stein:
»Er hatte keinen Feind!«
Als Lobspruch ist's gemeint,
Doch schließt's viel Schlimmes ein:
Es klänge just so gut:
Ihm fehlte Herz und Blut,
Er ließ wie Kies sich treten,
Er ließ wie Ton sich kneten,
Sein Aug' war blind dem Lichte,
Sein Mund war stumm für Wichte.

O raubt mir nicht am Grabe
Noch meine beste Habe:
Die Feinde, deren Zorn
Mein Schmuck, mein Stolz. mein Sporn;
Von jenem Worte rein
Laßt meinen Stein.

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