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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 30
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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An Nikolaus Lenau.

1845.

 
    »Das Menschenherz hat keine Stimme
Im finstern Rate der Natur.«
Lenau.
I.
              Als wettergleich fernher ertönt die Kunde,
    Daß du geschmiedet an den Fels der Leiden,
    Da fühlt' ich durch das eigne Herz mir schneiden
    Ein großes Unglück, eine tiefe Wunde.

Ich sprieße gern für mich allein im Grunde,
    Doch mocht' an dir zu ranken ich nicht meiden,
    Ein Gottesurteil war mir dein Entscheiden,
    Mein liebster Kranz das Lob aus deinem Munde.

Du sprachst mir Mut, als Unmut mich gebogen,
    Du hieltst mich wert; dein Mund, der nie gelogen,
    Er lehrte mich an eignen Wert noch glauben.

Und wollten dich mir die Dämonen rauben,
    Zerbrochen wär' mein Stab, mein Kranz zerrissen,
    Und tot in dir mein Hoffen – mein Gewissen.

 
II.
Es kam der Herbst. Zu jedem Sonnenstrahle
    Sprach ich: Was lachst du mir? Zieh hin, vermähle,
    Du Klarer, dich der kranken Freundesseele,
    Ihm keltre du den Heiltrank in die Schale.

Der Winter kam. Ich bat ihn: Mir nicht male
    Die Wangen rot, nicht mir die Sehnen stähle!
    Den kranken Freund dir zur Verjüngung wähle,
    Härt ihm den Leib, der Rüstung gleich von Stahle.

Es kam der Lenz. Ich sprach: Nicht mich umschmeichle!
    Die schwarzen Locken aus den Augen streichle
    Dem kranken Freund, und seine Stirne kühle!

Das Schönste deiner Flur sollst du erlesen,
    Ans Herz ihm legen Blumen der Gefühle,
    Und kann er's, wird an ihnen er genesen.

 
III.
O hört' ein Lied ich deinem Mund entklingen!
    Genesung ist's, blühst du in Sängen wieder;
    Des Dichterbaumes Blüten sind die Lieder,
    Kein kranker Baum wird solche Blüten bringen.

Sei's auch ein düstres Lied, wenn nur dein Singen!
    Die dunkle Tanne blüht nicht hell wie Flieder,
    Selbst deine Lerchen tragen schwarz Gefieder,
    Nur Morgenrot vergoldet ihre Schwingen.

Es ist dein Lied der rätselvolle Falter,
    Der einen Totenschädel trägt zum Schilde;
    Doch nur durch schöne Frühlingsnächte wallt er!

Der Passiflore gleicht's, ein Kreuz umschwankend,
    Ein göttlich Leiden formt ihr Blühn zum Bilde;
    Doch nur in Frühlingssonnen blüht sie rankend.

 
IV.
Winnental.
Welch Wiedersehn! Zerstörung und Entsetzen!
    Ein prächt'ger Vollmondhimmel war dein Träumen;
    Jetzt prasseln Sterne, fallend, in den Räumen,
    Durchrast von Blitzesknäueln, Wolkenfetzen.

Ich beb' – und soll vielleicht dich glücklich schätzen!
    Krankheit vielleicht ist höhern Lebens Schäumen.
    Wir sehn das schwarze Zauberroß sich bäumen,
    Wild reißt es aus, gespornt, in scheuen Sätzen.

Ein kühner Reiter ohne Zaum und Decken,
    Sprengst du dahin durch ungemeßne Weiten
    Und wirfst uns zu im Flug gepflückte Sterne.

Gelähmt ist die Bewundrung uns vom Schrecken;
    Dem Auge, das noch zagt dich zu begleiten,
    Verschwand dein Flug im Nebelgrau der Ferne.

 
V.
Im Hofraum flüstert noch der alte Bronnen
    Wie einst, als diese Mauern Klosterhallen,
    Er sah im Zwangshabit einst Mönche wallen
    Und sang sie ein in der Verzückung Wonnen.

Doch andern Kultus hat der Herr ersonnen,
    Ihn preist der Mönchchor, preist des Wahnsinns Lallen;
    Noch wohnen hier, die mit der Welt zerfallen,
    Im Zwangshabit, von glüh'ndem Traum umsponnen.

Sie haben eingekleidet dich der Zelle,
    Klausur verschloß das Pförtlein, da wir harrten;
    O sink' in himmlischer Verzückung Wonnen!

Ist's auch nur Traum, sei er doch süß und helle;
    Die alten Blumen säuseln noch im Garten,
    Im Hofraum flüstert noch der alte Bronnen.

 
VI.
O träume, was dein Herz einst mocht' erregen,
    Schau in Ekstasen, was versagt dem Wachen,
    Besieg im Traum den alten Sündendrachen;
    Schütt aus den edlen Zorn in Wetterschlägen;

Doch sieh auch deines, unsres Zornes Segen:
    Das Wort, entknechtet, große Tat entfachen,
    O sieh des Vaterlands glorreich Erwachen,
    Den Saatenjubel nach Gewitterregen!

Das schöne Deutschland einig, frei und mächtig;
    Die Weisheit hält das Buch, das Recht den Degen,
    Den Hader nur ließ sie in Ketten legen.

O schwelgerisches Wahnbild, stolz und prächtig!
    Das Fieber nur darf dran die Augen weiden –
    Weh, der Gesunde muß den Kranken neiden.

 
VII.
Döbling.
1848. 1849.
»Deutschland ist frei!« Im Jubelsturm nur leise,
    Dich nicht zu schrecken, klang's aus Freundesmunde;
    Der Lenzstrahl doch, an dem dein Herz gesunde,
    Ach, er durchdrang nicht deines Geistes Eise.

»Deutschland ist frei!« So scholl die stolze Weise,
    Dich zu erwecken, donnernd in der Runde;
    Der beste Heilquell ist solch große Stunde –
    Doch sie zerbrach nicht deines Bannes Kreise.

Des ehrnen Kaiserbilds will mich's gemahnen,In den Wiener Märztagen des Jahres 1848 hatten begeisterte Verehrer Kaiser Josefs II. die Reiterstatue dieses unvergeßlichen Monarchen mit einem Kranze geschmückt und ihr eine Fahne mit der Aufschrift »Preßfreiheit« in die Hand gegeben.
    Dem in die Hand sein Volk zurückgegeben
    Die heil'ge Fahne, der einst galt sein Ringen,

Hoch flattert sie, die Fahne aller Fahnen,
    Ins starre Erzbild doch facht sie kein Leben
    Und jener Tote wird sie nimmer schwingen.

 
VIII.
Um einen Frühling ist mein Leben ärmer!
    Ein Lenz verblühte unbemerkt, verlassen,
    Umsonst ließ er die Luft sein Gold verprassen,
    Im Wald sich heiser schmettern bunte Lärmer.

Traun, jenes Jahr hat keinen Frühlingsschwärmer;
    Da stimmten vollern Chor die Völkermassen,
    Da blühten schwarzrotgolden selbst die Gassen,
    Im Volksrat die Gestirne flammten wärmer.

So ganz vergaß ich, daß Natur auch blühte!
    Ich frug um ihren Lenz erst, als schon Flocken
    Das Schneegewölk auf dürre Stoppeln sprühte. –

Lenz kam aufs neu; ich aber fühl' erschrocken,
    Daß Duft und Blütenspiel mich wieder locken,
    Waldstimmen wieder rühren mein Gemüte!

 
IX.
Du aber siehst es nicht, was wir beklagen:
    Jetzt Nebel schleichend, wo's so schön gewittert,
    Der Zeit Panier in Kot geschleift, zerknittert
    Von Händen, die's zu Sternen sollten tragen;

Der Einheit Ring am Mäkelsinn zersplittert,
    Wie Liebesglut am Ehepakt zerschlagen;
    Doch Leichen, die schon auf der Bahre lagen,
    Zur Lebenslüge neugeschminkt, beflittert;

Die wilde Freiheit nur der Leidenschaften,
    Blutwunden, die durch Bruderliebe klafften,
    Despoten, die das Purpurkleid nur meiden,

Verrat und Schmach mit unsrer Flagge fahren,
    Das Sternenbanner, deckend den Korsaren! –
    Noch muß den Kranken der Gesunde neiden.

 
1850.
X.
Und als der Sturm vorbei und sie vom Zittern
    Genesen, da erstarkten sie zum Schmähen,
    Und dich und uns, die ihn vorausgesehen,
    Urheber schalten sie von den Gewittern. –

Sturmvogel warnt, bevor die Masten knittern;
    Er weiß: der Seemann wird den Ruf verstehen,
    Sich rüsten, treu nach Tau und Segel spähen,
    Daß der Orkan sein Schiff nicht schlag' zu Splittern.

Und wollt' ein Bube oder Fremdling wagen
    Den Vogel mit dem Feuerrohr zu messen,
    Der Schiffer wird es aus der Hand ihm schlagen;

Denn heilig hält den Warner er in Ehren,
    Der ein geheimniskund'ger Bote dessen,
    Der bald in Wettern spricht zu Land und Meeren.

 
XI.
Dein Arm zuckt fiebernd auf der Seidendecke:
    Er sucht den Reisestab, so will's mir scheinen,
    Und daß die Zeit der Kleinen und Gemeinen
    Die Wanderlust der Großen, Edeln wecke.

Wie blähn sich hoch die erst so winzig Kleinen,
    Wie klingt der erst so Zahmen Wort so kecke,
    Scheintote springen dreist aus dem Verstecke,
    Seit sie gebändigt die Unbänd'gen meinen.

Vergrabnen Truh'n entsteigt in welken Flittern
    Manch abgestreifter Balg von Mönchen, Rittern; –
    Gelernt, vergessen nichts! gleich jenen andern.

Wo Unkensang sich mengt dem Wolfsgeheule,
    Und in den Wipfeln Kuckuck thront und Eule,
    Da müssen Nachtigall und Adler wandern.

 
XII.
Helgoland.
Ich stand auf Helgoland. Aus schwanken Booten
    Kam neuer Gäste Schar zum Strand geschritten:
    Da rief mir's zu: »Dein Freund hat ausgelitten!
    Tod löste mild den dunkeln Lebensknoten.« – –

Fürwahr, der düstre Fels in Meeresmitten,
    Ein Ort ist's, recht zu denken dieses Toten!
    Und solcher Kunde könnt' ihr bessern Boten
    Als sein geliebtes Meer wohl nicht erbitten;

Dies Nordmeer, das umwölkt, in Trauerschleiern,
    Mit Klaggestöhn' scheint seinen Tod zu feiern,
    Und an mein Herz sich wirft mit lautem Greinen;

Wie eine Witwe stürzt vom Todesbette
    Des Gatten an des Bruders Brust, die Stätte
    Erlesend, ihren Jammer auszuweinen.

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