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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 29
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Aus Helgoland.

Zweiter Zyklus.
Nachklänge.

I.
                Öd' ist dies Eiland, baumlos, windversengt,
    Die starre Burg und Warte der Orkane;
    Bleifarbig um die morschen Zinnen hängt
    Das Nordgewölk, wie eine graue Fahne.

Lenzschwalbe flieht, aus ihrem Nest verdrängt,
    Der tolle Bube Sturm warf's vom Altane,
    Er brach die jungen Wipfel und versprengt
    Zerpflückte Blumen überm Ozeane.

Wild ist dies Meer, unwirtbar, unbezwinglich,
    Schiffsrümpfe schwanken auf dem unruhvollen,
    Mastlos und schwarz, gleich fortgeschwemmten Särgen;

Es rauscht empor, wie Wände undurchdringlich,
    Als dunkler Vorhang muß die Woge rollen,
    Der Tiefen Grauenvollstes zu verbergen.

 
II.
Doch wenn einmal verbraust des Sturmes Schwinge
    Und Ruh', so tiefe seltne Ruh' im Alle,
    Daß störend dir der eigne Atem walle,
    Und daß dir bang' vor jedem Schmetterlinge;

Wenn klar und rein und glatt im weiten Ringe
    Das Meer, wie eine Scheibe von Kristalle,
    Daß du am Grunde zählst die Steinlein alle,
    Dann steig ins Boot, seewärts dein Ruder schwinge!

Die Sage führt dich an die heil'ge Stelle
    Im Meer weit draußen; dort zur Tiefe schaue!
    Du siehst, o Wunder, Wald und grüne Wiese,

Siehst fruchtbeladne Bäume, Blütenbälle,
    Und Palmen fächernd über goldner Aue,
    Ein wonnig Stück versunkner Paradiese.

 
III.
Ob dir die Brust unstet und stürmisch schwelle,
    Gleich jenem Meer im rauhen Nordensunde,
    Wohl kommt dir einst solch seltne gute Stunde,
    Wohl blüht auch dir noch jene heil'ge Stelle.

Verbrausen laß der Leidenschaften Welle,
    Was sie verdeckt, wird dir zu neuem Funde;
    Ein mild Vergessen schließe deine Wunde,
    Die Liebe dein Umwölktes dir erhelle.

Und still in dir, so still und klar soll's werden,
    Daß bis zum Grund der Seele du kannst sehen,
    Dann senke dich in deiner Brust Verliese!

Es ist kein Herz so krank und arm auf Erden,
    Dem dort nicht Palmen noch des Friedens stehen
    Und Stücke blühn versunkner Paradiese.

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