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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Sonette.

Aus Helgoland.

Erster Zyklus.

I.
                      Ein stilles Eiland in entlegnen Meeren,
    Ein Hort der Einsamkeit, den Störer mieden,
    Der liebste Traum der Herzen ist's, die Frieden
    Und tiefste Abgeschiedenheit begehren.

Ein Schiff, hinsteuernd in die schicksalschweren,
    Verhüllten Reiche der Okeaniden,
    Das lockendste der Bilder ist's hienieden
    Für Herzen, die im Drang zur Ferne gären.

Kein Zauber doch ist deinem gleich von allen,
    Umflorter Sarg! Im Banne deiner Truhe
    Vereint das Bleiben sich und Weiterwallen;

Du bist das Wanderschiff durch wilde Brandung,
    Du bist das stille Inselland der Ruhe,
    Bist Rast und Reise, Fahrt zugleich und Landung.

 
II.
Ein reizvoll Eiland lieblichster Umschränkung
    Dünkt das Sonett mir in der Dichtung Meere,
    Ein kunstreich Schiff, in dessen enger Fähre
    Den Weltenreichtum führt maßvolle Lenkung.

Ein Sarg auch ist's, des tiefere Versenkung
    Zur Ganzheit ein geschloßnes Sein verkläre;
    Der Bau der Bretter selbst und Brettchen kehre
    In das Sonett als sinn'ge Reimverschränkung.

Im Maß die Macht, Gewähren im Entbehren,
    Das ist sein Zauber, das ist auch der deine,
    Du roter Fels, selbst ein Sonett von Steine!

So will dein eigner Spiegel dich verklären,
    Dein Abbild wird zum Kranze deiner Ehren,
    Dir blühend aus dem eignen Widerscheine.

 
III.
Alt Heiligland, sieh, welch unheilig Hasten,
    Die große Meeresstraß' entlang welch Jagen!
    An dir vorbei in hohen Wogen schlagen
    Des Lebens tolle Wirbel, die nicht rasten.

Da steuern hin, die liebten und die haßten,
    Da segeln, die gewonnen, die noch wagen,
    Der Tor, der Weise, Hoffnung und Entsagen,
    Und des Verbrechens Last mit andern Lasten.

Doch du blickst ernst und streng ins Weltgetriebe
    Voll Ruh', fast priesterhaft, und wahrst beflissen
    Dein Rettungsboot und deines Leuchtturms Flamme;

So übst du still ein Priesteramt der Liebe,
    Bringst Hilf' in Nöten, Licht in Finsternissen,
    Ein heilig Land nicht bloß dem Friesenstamme.

 
IV.
Wer dieses Eilands Herr? Kein Mal gibt Kunde,
    Kein Pfahl in Landesfarben ist zu schauen,
    Kein Schilderhaus, kein Wappen steingehauen,
    Kein Mörser, der es spräch' aus eh'rnem Schlunde.

Nur Sonntags, mit den Glockenklang im Bunde,
    Aufsteigt die stolze Britenflagg' im Blauen;
    Hier bin ich! mahnt sie landwärts deutsche Gauen,
    Doch Schmerz und Scham nur grüßt aus deutschem Munde.

Mir soll's die kurze Sonntagslust nicht kränken,
    Zu freun mich solcher Macht und Kraft und Ehre
    Auch fremden Volks, als ob's das eigne wäre!

Der Abend wird die Flagge wieder senken;
    Dann gibt's sechs Tage schmerzlich zu bedenken:
    Warum's so kam? und wie's zum Bessern kehre?

 
V.
O stillen Fleißes rührend schöner Reigen,
    Wenn zarte Frauen hier mit schweren Lasten
    Hinan, hinab die Inseltreppe hasten,
    Wie ab und auf am Bronn die Eimer steigen!

Der Hochsinn ging in Dienstbarkeit sich neigen,
    Tatkraft und Schwäche sich so hold umfaßten,
    Herkulisch Tagwerk übend ohne Rasten
    Und magdlich fromm es bergend tief in Schweigen.

Sinnvoll, ihr Frauen, sprecht ihr's aus im Kleide:
    Des Hauptes schwarze Hülle sagt von Leide,
    Das euch in Dunkelheit die Tage spinnen;

Doch fürstlich schwebt der Fuß hinan die Treppe
    Im schönverbrämten Rot der Purpurschleppe:
    Demüt'ge Mägde, hohe Königinnen!

 
VI.
Der Geiger siedle und der Pfeifer blase,
    Zum Hochlandsreihn euch Mägdlein aufzufrischen,
    Daß die Gestalten sich, hinschwebend, mischen,
    Wie Gold- und Silberfischlein in dem Glase!

Gleicht ihr nicht selbst den Fischlein in der Vase?
    So was vom Nixenhaften, Meeresfrischen,
    Ein Zug der Sippe läßt sich nicht verwischen;
    Die Meerfei, traun, ist eure holde Base.

Mir sei's kein Wunder, wenn die Budenwände
    Mit einem Schlag als blanke Wogen steigen!
    Die Spielleut' stört es nicht, und nicht den Reigen:

Auf Muscheln blasen sie das Stück zu Ende,
    Ihr tanzt zu End' im Meerschloß von Kristallen,
    Und geht dann ruhn zum Lusthain der Korallen.

 
VII.
Der Lotse lehnt am Fall'm»Uep Fallem« oder, wie die Fremden meist sagen, »am Falm«, die schönste Straße des Oberlandes, die Bellevue Helgolands. Sie führt einige hundert Schritte längs der Ostseite der Insel hin und ist nach der Tiefe zu mit einer Brustwehr versehen, über welche man die prachtvollste Aussicht auf den Norder- und Süder-Hafen, auf das Meer und die Düne hat. Tief unten liegen die Häuser und Buden des Vorlandes; am Strande lagern zahlreiche Fischerboote; zwischen den roten Ziegeldächern strecken ein paar grüne Baumgipfel ihre verlangenden Zweige empor . . . Wendet man den Blick zurück, so erheben sich rechts die Häuser des Oberlandes, zum Teil mehrere Stockwerke hoch, mit Altanen und Flachdächern versehen, zum Teil niedrig, mit grünen Läden und Simsen geziert, teils dicht am Wege, teils hinter Gärtchen voll Blumen und Strauchwerk sich zurückziehend. (F. Oetker, Helgoland. Berlin 1855.) Sowohl für die nach Erwerb ausspähenden Helgoländer, wie für die zum Vergnügen promenierenden Badegäste bleibt der Aussichtspunkt »am Fall'm« der besuchteste Sammelplatz. mit seiner Sippe,
    Im Teergewand, nicht regend Arm' und Beine,
    So fahl und starr wie Stein von diesem Steine,
    Nur wachen Blicks, doch redescheuer Lippe.

So liegt der Robbe wohl auf fahler Klippe
    Mit klugen Äuglein träg' im Sonnenscheine,
    Lautlos und unbeweglich, daß man meine,
    Er sei ein Stück nur dieser Felsenrippe.

Da rauscht der Sturm und löst ihn aus dem Banne!
    Vielleicht entzaubernd – wie in alten Mähren
    Ein Held, ein Prinz ersteht aus Wolf und Bären, –

Verwandelt Hilferuf auch ihn zum Manne,
    Zum Lotsen, der da steure durch die Wetter,
    Dem Volk in Todesnot von Gott ein Retter.

 
VIII.
Nun auf dem Meer die Regenschauer lasten,
    Was sucht dein Lotsenaug' im Dunstgebraue?
    »Notflaggen, die mich rufen, morsche Taue,
    Verlorne Anker und bedrohte Masten!«

Wie kann dein altes Aug' durch Nebel tasten,
    Wo sich mein jüngres senkt am wirren Graue?
    »Das kommt, weil ich in See mein Lebtag schaue
    Und Eures auf Papier nur pflegt zu rasten.«

Ein Meer ist auch das weiße Blatt nicht minder,
    Hat reiche Frachter, kühne Weltenfinder,
    Manch treuen Lotsen, der zur Ferne schaue,

Hat Wolken auch, die um die Sterne lasten;
    Mein Auge sieht, wie deins, gefällte Masten,
    Zerbrochne Anker und zerrißne Taue.

 
IX.
Zum Fall'm, wo Lotsen in die erntereichen
    Meerfluren kühn und hoffnungsfreudig spähen,
    Auf Grabbesuch sieht man die Witwe gehen,
    Ihr trägt das Meer nur eines Friedhofs Zeichen:

Die weißen Segel Sterbelinnen gleichen,
    Und Mast' und Raan als Gräberkreuze stehen,
    Die Wellen sich zu Totenhügeln blähen,
    Ihr bergend tief die teuerste der Leichen. –

Ihr Lustgang doch führt an des Kirchhofs Schwellen;
    Dort im Gewoge grüner Rasenwellen
    Ein reiches Meer sieht ihre Sehnsucht wallen;

Sie grüßt die schwarzen Boote, die's befahren
    Hinsteuernd mit den stillen Wanderscharen,
    Und ihre Hoffnung läßt die Anker fallen.

 
X.
Dem Marinemaler und Ornithologen F. G . . . .
Mann mit dem schwarzen Bart und schwarzen Haar,
    Hinschreitend durch der Gäste bunte Reihn,
    Du scheinst von Art der Zaubrer mir zu sein,
    Die schwarze Blus' ein magischer Talar;

Was auf dem Eiland immer flüchtig war,
    Du bannst es fest mit deinen Zauberein:
    Die flücht'gen Vögel ausgebälgt im Schrein,
    Auf Leinewand der Wellen flücht'ge Schar.

Doch solch bezaubert Vöglein bist auch du!
    Vor jenem Schranke stehend fühlst du's klar:
    Kein Zaubrer, der nicht seinen Meister find'!

Ein Fremdling flogst du dieser Insel zu,
    Da hielt dich fest mit holdem Augenpaar
    Des Zaubereilands lieblich Feenkind.

 
XI.
Im Pred'gergarten prunkt ein grün Geschmeide,
    Der Maulbeerbaum, mit so laubvoller Krone,
    Wie keiner seiner Art in Südens Zone;
    Der Nord erließ ihm den Tribut von Seide.

Hier praßt der Flüchtling dem Geschick zum Hohne,
    Kein Seidenwurm wühlt seinen Schmuck zur Weide,
    Kein Messer droht, das Laub und Ast verschneide,
    Im Reich der Bäume doch ist er die Drohne.

Dem Baum im Süd riß man den Kranz vom Haupte,
    Doch reicher, stolzer ragt mir der Entlaubte,
    Ob sein Gezweig' auch kahl zum Himmel starre;

Er schattet fort im Baldachin der Throne,
    Er wipselt noch im Flug der Luftballone,
    Er rauscht im Band der tönenden Gitarre.

 
XII.
Zugvögel sanglos diese Lüfte teilen,
    Kein Sprosser flötet's hier durch laub'ge Äste,
    Kein Hänfling zwitschert's hier aus sichrem Neste,
    Das fromme Siedlerlied: »Da ist gut weilen!«

Wir ziehen! tönt's im Chor der flücht'gen Gäste,
    Die Wellen rauschen's, die den Strand zerfeilen,
    Die Wolken dröhnen rollend hin: Wir eilen!
    Wir fliehen! braust's im Ostwind und im Weste.

Leis in den Nebeln säuselt's: Wir zerrinnen!
    Zerrißne Segel flattern: Wir entwallen!
    Die Möwe kreischt im hast'gen Flug: Von hinnen!

Verwitternd springt der Stein vom Rand: Wir wandern!
    Vom alten Felsen klingt es: Wir zerfallen!
    Er singt es wohl sich selber und uns andern.

 
XIII.
Vom Felsen rieseln rote Steinchen leise,
    Als rinne Blut vom Eiland in die Fluten;
    Es stirbt langsamen Tod, wie jener Weise,
    Im Bad aus offnen Adern zu verbluten.

Doch grausam träg' ist der Zerstörung Reise,
    Kein rascher Untergang in Sturm und Gluten!
    Ein Sturz, der einst kein Wellchen regt im Kreise, –
    Wie herbes Menschenlos will mich's gemuten:

Wenn langsam niederrieselt ins Vergessen
    Das Dauerndste, was unser Herz besessen,
    Wenn unser Bestes Stück um Stück verwittert!

Wir müssen erst die bittre Welle trinken
    Der herben Flut, eh' wir in sie versinken, –
    Wir sinken ein, und keine Welle zittert.

 
XIV.
Du hältst dich gut im Kampf, o Inselfeste,
    Mit Wog' und Wind, mit Schmugglern und Korsaren;
    Doch schlimmer sind die schmeichelnden Gefahren,
    Drum fürcht' auch Rosenblätter, laue Weste!

Jetzt landen hier, Parfüm in Wort und Haaren,
    Mit seidnem Kleid und Sinn, die schlimmern Gäste;
    Wegspült das Meer vielleicht ihr Leibgebreste,
    Doch nicht, woran die Seele krankt den Scharen.

Der alte Feind nagt an dem Felsenneste,
    Der neue Freund an deiner alten Sitte,
    Doch Fels und Sitte ruhn in festem Kitte;

So wahrst du noch von beiden heil'ge Reste,
    Doch Stück um Stück zerbröckeln sie, und leise
    Ins Meer auch sinkt der Väter schlichte Weise.

 
XV.
Die Insel birgt ihr Haupt in Dämmernissen, –
    Der Sterbeschleier ist's der Todgeweihten,
    Den um ihr Antlitz Nebelflöre breiten;
    Das Opfer will im Opferkleid sich wissen.

Drum mag den Sonnengott sie gerne missen,
    Er lächelt ihr kaum im Vorüberschreiten,
    Wenn Ost, der Wolkenspalter, ihr zuzeiten
    Vom Haupt den Schleier frevelnd weggerissen.

Die milde Nacht doch kommt, ihn neu zu spinnen,
    Sie wirft ihr flatternd Mondlicht auf die Welle
    In blankem Streif als weißes Totenlinnen,

Verhängt mit schwarzem Tuch des Himmels Zinnen
    Und zündet Stern an Stern zur Lichterhelle
    Als Trauerkerzen einer Sterbkapelle.

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