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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 27
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Der Lesehalle deutscher Studenten in Prag

zur 25jährigen Feier ihres Bestehens.

Pfingsten 1873.

        Glückauf! Die Stufen sind erklommen
Zum ersten Halt, zur schönen Rast!
Die eurem Zug vorangeglommen,
Die Leuchte flammt noch unverblaßt;
Sie ist im Ältsten wie im Jüngsten
Zur Glut des einen Geists entbrannt,
Der einst, ein neues andres Pfingsten,
Den Hader Babels siegreich bannt.

Wenn heut die Jubelbecher klingen,
Wenn heut die Bundesfahnen wehn,
Nachhallen rings wird euer Singen,
Und jedes Herz auch wird's verstehn.
Doch von der Warte, die erklommen,
O blickt aufs bunte Feld der Zeit,
Seht die da gingen, die da kommen,
Die Wandrer vor euch weit, gar weit!

Das junge Völklein eurer Ahnen,
Die Tausend', die sich selbst verbannt,
Sie nahmen auf des Elends Bahnen
Im Busen mit solch leuchtend Pfand;
Drum, wo sich ihre Pfade wanden,
Zog Lichtgeleis die helle Spur,
Und wo ihr neues Heim sie fanden
Glühn Ruhmessterne im Azur.

Die spätre Schar an ihrer Stelle,
Die rüstig zu dem Bauwerk stand,
Sie führt' in einer Hand die Kelle,
Das Schwert doch in der andern Hand.
Zum mächt'gen Quadernbau im Grunde
Wahrzeichen legt' sie in den Stein:
Gepräg' vollgültig noch zur Stunde,
Den Freibrief für ein stolzes Sein.

Sie baut' in deutscher Art und Sitte;
Der Mörtel, erst noch mild und weich,
Erhartet bald zum festen Kitte,
Der aufrecht hält den Bau: dies Reich. –
So baut auch ihr! Denn nicht verderbe
Der alte Feind das Werk aufs neu;
Der deutschen Väter heilig Erbe
Behüten wollt ihr wach und treu.

Ein Erbe, nicht bloß einem Stamme,
Der ganzen Menschheit kostbar Gut,
Des Völkerbundes Oriflamme,
Nur anvertraut der treu'sten Hut.
Mit allen wollt ihr freudig teilen
Das lautre Gold, wonach ihr grabt;
Das Weh auch andrer soll er heilen,
Der Jungborn, der euch stählt und labt.

Deutsch sein heißt: offne Freundesarme
Für alle Menschheit ausgespannt,
Im Herzen doch die ewigwarme,
Die einz'ge Liebe: Vaterland!
Deutsch sein heißt: sinnen, ringen, schaffen,
Gedanken sä'n, nach Sternen spähn
Und Blumen ziehn, – doch stets in Waffen
Für das bedrohte Eigen stehn.

Im Zweifel stark, im Glauben schwächer,
Festhalten, was als wahr erfaßt,
Gebeugtem Recht erstehn als Rächer,
Zur Tat voll Kraft, doch ohne Hast;
Nicht blind auf stolze Größen bauen,
Nur hoch die ehren, die erprobt;
Erst strenges Prüfen, dann Vertrauen,
Ist deutsche Weise hochgelobt.

Drum in den Waffen, die euch schmücken,
Die schärfer doch als schärfster Stahl,
Seh' ich das Leuchten bloß; es zücken
Die Musen nur des Lichtes Strahl.
Die blanke Wölbung eurer Schilder
Sie wird ein aufgeschlagnes Buch,
In das die Schönheit ihre Bilder,
Die Wahrheit eingrub ihren Spruch.

Dem Wald verkündet Wipfelsausen
Im Morgenhauch den nahen Tag;
So zieht durch Völkerstämm' ein Brausen
Und weckt, was noch im Schlummer lag.
Der Priester grüßt die heil'gen Brote
Schon in der grünend weh'nden Saat;
Es krönt manch Festkranz heut' als Bote
Schon künft'ge, kranzeswürd'ge Tat.

So zieht denn ins Jahrhundert weiter,
Der Väter, wie der Enkel wert,
Bauleute ihr und Glaubensstreiter,
Friedsinnend und doch kampfbewehrt.
Hinan! Voran! so gehn die Bahnen,
Die euch der Gott im Busen weist,
Der deutsche Geist rausch' in den Fahnen,
Denn er auch ist ein heil'ger Geist.

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