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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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An Franz Grillparzer.

Zu dessen 80. Geburtsfeste, 15. Januar 1871.
 

                  In der Nähe, in der Ferne, welch' ein frohbewegt Getriebe!
Wie sich's regt und rührt und hastet zu dem schönen Fest der Liebe!
Pilger eines ew'gen Glaubens scharen sich im Zug die Gäste,
Wer das Sinnigste jetzt brächte, böte wohl der Gaben beste.

All' voran die holden Frauen, die vertraute Blicke tauschen,
Daß durch Blumenflor und Lorbeer geht ein ahnungsvolles Rauschen;
Frauenart ist's, auf die Häupter ihrer Teuren Kranz und Segen,
Frauenart, die weißen Hände mild auf wunde Herzen legen.

Sänger stimmen Ruhmesharfen zu des Meisters Ehrenfeste,
Spielleut' üben sich und Redner, Mimen proben Wort und Geste,
Unterm Meißel klingt der Marmor, stolz, des Dichters Bild zu bringen,
Und wer selbst nicht singt und klinget, läßt die Pfropfe knallend springen.

Doch der Dichter still und einsam sinnt in stiller lieber Zelle,
Über Zeiten schwebt und Welten sein Gedanke, schön und helle,
Schön und einsam wie der Vollmond über stillen Meeresweiten,
Nur ein Strom des reinsten Lichtes sagt, wo seine Bahnen gleiten.

Einsam ist dies Stübchen, stiller als des Wiegleins stille Klause,
Das gewiegt die treu'ste Mutter einst im stillen Bürgerhause,
Ahnend süß, daß in dem Kinde schon ein Herz, ein großes, schlage,
Das in sich ihr teures Östreich, ja noch mehr, die Menschheit trage.

Kaum im Fürstenhaus gebrochen war das Herz dem Habsburgsohne,
Der ein Bürger war im Purpur, der ein Weiser mit der Krone,
Jenes Herz, das für sein Östreich, für die Menschheit auch geschlagen,
Das in sich so viel der Liebe, doch auch bittern Leids getragen.

Seine Sterbenshauche wehten fast noch auf dein Wieglein nieder,
In dein Schlummerlied, o Meister, klangen noch die Trauerlieder.
Achtzig Jahre – schwere Zeitlast, Menschenstirnen tief zu neigen,
Achtzig Jahre – nur ein Lenzhauch, wenn ein Reich im Blühn und Steigen!

Rings im Land noch wuchs den Erben reiches Saatkorn, das er streute
Seinem Volk zum Erntesegen. – O wer's pflegte und erneute!
Weithin glänzten noch die Stapfen, die sein Fuß in Bahnen drückte,
Deren Ziele Ruhm und Größe. – O wem's treu zu folgen glückte!

Ja, ein Östreich, wie er's wollte, wie's dein Herz und Lied durchglühte,
Frei in Eintracht, jung an Tatkraft, fest und froh in Macht und Blüte,
Könnte dir solch Bild entrollen unsre Liebe, o wo fände
Süßrer Augentrost sich heute, wo dir schönre Festtagsspende?

Glücklich, als im Feldherrnlager du dies Reich noch sahst geborgen!
Doch wer sagt, wo heut wir's finden? wo wir's suchen sollen morgen?
In die leidgewohnte Seele schnitten dir auch diese Schmerzen;
Auch zum Vaterland die Liebe kennt und nennt gebrochne Herzen.

Jenes Saatkorn ward zertreten, jene Stapfen längst verschüttet,
Ein zerbrochner Zauberspiegel liegt der Heimat Bild zerrüttet. –
Still davon, o still! Wenn Liebe heitre Feste geht zu feiern,
Will sich ziemen, Trauerbilder zu verhängen tief mit Schleiern.

Nicht was du und wir verloren, wollten heut in Gram wir denken,
Nur was du so reich gegeben, soll sich in die Seelen senken;
Deine Helden, deine Frauen sollen heut' den Reigen führen,
Uns erschüttern und erheben, uns ermahnen, läutern, rühren.

All die Perlen des Empfindens auf der Herzen Meeresgrunde,
All das Gold der Lebensweisheit, dunklen Schachtes lichte Funde,
All die funkelnden Kristalle sitt'ger Schalkheit, holden Witzes,
Edlen Reichtums welche Fülle, stolz' Entzücken des Besitzes!

Laut im Volk wird Dank und Freude, wächst und schwillt zum Jubelschwalle,
Und die Liebe wird zum Sturme, mit sich reißend alle, alle;
Wie das wogt und braust und flutet! Sieh', der Liebe mächt'ge Welle
Steigt hinan und stürmt des Meisters einsam stille Dichterzelle.

Schlichter Mann der stillen Größe, fast erschreckt von all den Ehren,
Heil'ge Flammen, die als Priester du entzündet, laß gewähren!
Ja, mir ahnt, du freust dich ihrer; nicht weil Ehren du erfahren,
Doch weil deines Volks Erglühen gilt dem Guten, Schönen, Wahren.

Bald verquollen ist die Sturmflut, still und einsam bald die Zelle,
Durch die Wände jetzt und Decke bricht olymp'sche Tageshelle;
Gäste noch im Lichtgewande senden dir die ew'gen Sterne,
Hellas' lorbeerreiche Muse lächelt dir aus Zeitenferne.

Aus der Wolke reicht Altmeister Goethe dir die starke Rechte;
Deinen Namen lehrt die Nachwelt sprechen Byron, »Feind der Knechte,«
Und Beethoven, daß des Wohllauts Siegerkraft die Feier kröne,
Hält umströmt dich, wonneschauernd, mit der Fülle seiner Töne. –

Still und einsam schwebt dein Sinnen wieder über Welt und Zeiten,
Schön und klar und still wie Mondlicht über stillen Meeresweiten.
Daß die Herzen höher schlagen, noch manch edles Aug' sich feuchte,
Wandle lang die goldnen Bahnen, leuchte, Sohn des Lichtes, leuchte!

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