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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Bei Radetzkys Bestattung.

1858.

 
    »Die Meinungen der Zeit verschlingt die Zeit,
was aber alle Zeiten groß genannt haben, steht
unerschüttert in jedem Wechsel.«
Radetzkys Wiener Ehrenbürger-Diplom.
            Der Friede sei mein Wort, die Palme sei mein Zeichen
Den Lorbeer, blutgedüngt, umkreist ein Duft von Leichen,
Der Degen wäscht sich blank in Tränen und in Schweiß;
Doch dieser Lorbeer wuchs im schatt'gen Palmenhage,
Des Heiles Zeichen ward auf diesem Sarkophage
Der Lorbeerzweig gekreuzt mit einem Palmenreis.

Bei diesem Schwert, noch feucht von warmer Dankeszähre,
Versöhnend liegt ein Stab, – nicht jener schicksalschwere,
Der Schlachtenwetter lenkt, der ehrne Marschallstab, –
Ein schönrer auch, der einst die edle Fieberkranke
– Dich, Austria! – gestützt, daß sie dem Fall entwanke,
Dem Taumel, der sie zog ans schon gegrabne Grab.

Im schwarzverhangnen Saal entströmt den tausend Kerzen
Ein Licht so hell als mild: – o daß es in die Herzen
Die Größe dieses Manns uns schrieb' in goldner Schrift!
Der Friede sei mein Wort; doch wollt und müßt ihr schlagen,
Dann lob' ich guten Hieb, dann preis' ich kühnes Wagen,
Den Schild, der fester hält, den Arm, der besser trifft.

Nicht, daß er Welschlands Schwert entrang der Faust des Sarden
Und jenen Eisenreif, das Kleinod der Lombarden,
So stolz die Tat, sie macht allein ihn nicht so groß;
Der Steuermann umschifft in Stürmen kühn die Syrte,
Den eingebrochnen Wolf verscheucht ein guter Hirte,
Der treue Vogt beschirmt vor Raub des Burgherrn Schloß.

Er stand vor größerm Feind einst in des Weltkampfs Schranken,
Ein tausendgliedrig Heer bewegte sein' Gedanken,
Wie jeden Mörserpark, wie jeden Reiterarm;
Auch das erhob ihn nicht so hoch aus Heldenscharen,
An Tapfern und Getreu'n, an Kämpfen und Gefahren,
An grünen Kränzen war mein Österreich nie arm!

Der Glaube macht' ihn groß, – nicht nur der Jenseitsglaube,
Der sonnentrunkne Flug, verbrüdernd Aar und Taube, –
Ein Diesseitsglaube war's, doch drum nicht minder schön,
Der Glaube, den wir all', ich sag's mit Schmerz, verloren,
Als selbst die Besten frei von Schuld nicht, weise Toren
Und wache Träumer, – er doch schritt im Licht der Höhn!

Es stand ein Feind vor ihm, ein schlimmrer Feind im Rücken:
Die Heimat selbst, zerfleischt von Wahn und Zwiespalts Tücken!
Verrat und Ohnmacht dort, wo er die Rettung hofft,
Wo sie fürs All, nur nicht fürs Vaterland, entbrannten
Und tanzten um ein Bild, das sie die Freiheit nannten, –
Die alte Tyrannei trägt neue Larven oft.

Die Räte ohne Rat, von Greisenart die Jungen!
Sie sahn mit stumpfem Sinn die Würfel schon geschwungen
Zum Spiel um dein Gewand, zerrissnes Kaiserreich!
Da hat den Glauben er an Östreich festgehalten,
Der sprühte in sein Schwert, der machte jung den Alten,
Da war sein leuchtend Herz der Stern von Österreich.

Durch Güte ward er groß, durch Menschlichkeit und Milde!
Zwar war's ein festes Herz, kein biegsam Wachsgebilde;
Der Feldherr wie der Fürst bedarf ein Herz von Erz,
Das manchen Schlag und Brand ertrag' in starrem Gusse:
Der rechten Hochglut braucht's, dann rollt in goldnem Flusse,
Wie herrliches Metall, solch' schmelzend Eisenherz.

Du, Mailand, kennst dies Herz! Du sahst, den du verraten,
Im Wetterleuchten nah'n, im Sturmschritt seiner Taten;
Da auf dein zitternd Haupt legt' er Verzeihn und Huld.
Am Kaiser Rotbart so verbrachen deine Ahnen;
O möge dieser Sarg an jene Zeit dich mahnen,
An ungleich Strafgericht und an die gleiche Schuld!

In deinem Schutte stampft des Siegers wilder Renner;
Da knien, das Henkerschwert im Nacken, deine Männer,
Den Strick am Hals, das Haupt gefurcht von Not und Gram,
Sühnkerzen in der Hand, am Leib das Büßerhemde,
Das Leben zu erflehn, das bittre Brot der Fremde;
Das war die Rache, die der Hohenstaufe nahm.

Daß rings die Fluren blühn, die deine Seide spinnen,
Dir Kunst und Werkfleiß krönt die ungebrochnen Zinnen;
Daß jetzt im Prunkpalast, in Scalas Logen dann,
Auf euren Zauberseen, in seinen Marmorvillen
Ihr Enkel jenem Bild nachsinnen kann im stillen,
Das ist die Rache, die der Tote hier ersann.

In Schweigen trauerst du; doch an die Sargwand klopfen
Der Liebe Salven laut, die schweren Tränentropfen,
Die Volk und Krieger weint, des »Vaters« nun beraubt.
Traun, solche Lieb' und Macht im Volk kann nur gewinnen,
Wer mit dem Herzen steht im Volke mitten innen,
Doch aus der Schar emporragt mit dem ganzen Haupt.

Wo er als Wächter stand, fern an der Landespforte,
Dort sank der Marschallgreis mit einem Feldherrnworte:
»Den Rückzug tret' ich an! Lebwohl, du Kriegerschar!«
Nicht dort am Ländersaum sein Leib gebettet werde,
Er will den Schlummerpfühl von deutscher Heimaterde
Im Herzen dieses Reichs, des Herz er selber war.

Ein Rückzug war's, so schön, wie wenig Siegesfeiern,
Als er aus Mailands Tor im Sarg mit schwarzen Schleiern,
Mit Siegesfahnen zog und Helden seines Kampfs,
Und vom Tessin bis fern an die Karpathenhänge
Hinrollte Donnergruß und zogen Glockenklänge,
Und überm Zuge hoch die Säule weißen Dampfs!

So schwebte feierlich die dunkle Bundeslade
Durch das Lombardenfeld, die alten Siegespfade,
Dann durch den blauen Golf, das schöne Dogenlehn.
Sie sahn im Sonnenduft mit blanken Gletscherzinken
Tirol, das Land der Treu, von fern bedeutsam winken
Und fühlten Geistergruß aus Heldengräbern wehn.

Durch Krain und Steier dann. Aus den metallnen Gleisen
Und aus den Bergen klang der Tapfern Lust, das Eisen;
Im Ost war Ungarns Haupt ihm huld'gend zugekehrt.
Das alte Wien umhängt mit Flor die Mauerkrone,
Den Trauerschleier trägt die Anmut auf dem Throne,
Den Sarg des Dieners ehrt gesenkt ein Kaiserschwert.

Doch nordwärts zieht der Held; er grüßte noch von ferne
Sein klangvoll Böhmerland, die Heldenmutter, gerne,
Die Väterburg, wo einst sein Wiegenlied geschallt.
Jetzt stehn am Ziel gereiht Kolonnen und Standarten
Dort winkt das Mal des Ruhms, der Heldenberg, der Garten
Des Feldherrn Ruf gebeut zum letzten Male: Halt! – –

So wand der Trauerzug durch Östreichs blüh'nde Lande
Den dunklen Faden, gleich dem schwarzen Seidenbande,
Das sinnvoll ernst sich schlingt um einen Blumenstrauß,
Als ob der Tote selbst sorgsam zum Kranze winde
Die Länderblumen all, und sie noch fester binde
Mit seinem Totenflor, und spräch' es segnend aus.

»Seid einig! Daß sich keins in Hochmut überhebe!
Der Stärkste ist zu schwach, daß er vereinsamt lebe,
Schlicht ordne sich und treu ins Ganze jeder Teil:
So blüht aus Demut selbst dem Kleinsten stolze Größe,
Wenn Kraft die Schwäche schirmt und Überfluß die Blöße,
Die Buntheit wird zum Schmuck, die Vielheit euch zum Heil!

Seid eins in dem Beruf, dem unvergänglich schönen:
Die Freiheit mit dem Recht der Sitte zu versöhnen,
Der Zukunft Korn zu streu'n in kaum gepflügte Bahn;
Von Sternen seid ein Bund, das ganze Reich umspann' er!
Vielfarb'gen Lichts ein Kern, ein einig Sternenbanner!
Kein schönres glänzte dann selbst überm Ozean.« – – –

Das Hoffen eines Volks belebt die Heldensärge.
Ob jener Rotbart auch sich im Kyffhäuser berge,
Nach hundertjähr'gem Schlaf reibt er das Aug' sich klar,
Im Anblick seines Reichs, im Frührot es zu laben;
Er frägt: »Ist Deutschland eins?« und »Fliegen noch die Raben?«
Ich fürcht', er frägt umsonst und schläft noch hundert Jahr.

So wird einst Östreichs Held dem Heldenberg entsteigen;
Doch freudig soll er schau'n auf Habsburgs blühend Eigen,
Das er so reich getränkt aus seines Ruhmes Born!
Und fragen wird er wohl, ob Östreichs Lerchen fliegen?
Dann ruft: »Sie fliegen noch! sind sonnenhoch gestiegen!« – –
Ach, jetzt nur senkten sie sich trauervoll ins Korn.

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