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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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                              Ille ego qui quondam – –
 

            Der ich einst spazieren ging,
Raste nun in grünen Lauben;
In dem wechselvollen Ring
Blieb mir eines doch: mein Glauben!

Glauben an die Sonnenkraft,
Die im Menschengeiste lodert;
Glauben an den Lenz in Haft,
Der sein Recht des Freien fodert;

Glauben an das Vaterland,
An das große, deutsche, eine,
Ob auf ein gerißnes Band
Heute noch manch Auge weine.

Vor mir liegt, wie sonst, das Feld,
Doch kein Halm ist mehr der alte;
Andre Saat ist ihm bestellt,
Daß es andre Ernten halte.

Hier noch rauscht im Tal der Fluß,
Noch derselb' und doch ein andrer,
Der stets fliehn, stets bleiben muß,
Jede Well' ein flücht'ger Wandrer!

Von Granit der Alpen Wand
Dort am Talsaum, wie seit Jahren;
Doch wie oft ihr Laubgewand
Tauschten die Unwandelbaren!

Über mir in festem Fug
Die gewölbte Himmelshalle;
Sternenzug und Wolkenflug,
Wechseln all' und wandern alle!

Ihr Gesetz übt die Natur
Unerbittlich und gewaltsam;
Durch mein Herz auch zieht die Spur
Ew'gen Wandels unaufhaltsam.

An dem Ast im Laubgewind'
Ließ ich meine Harfe hängen;
Dämm'rung wird's; der Abendwind
Streift und weckt sie noch zu Klängen.

Klang von Bechern, längst geleert,
Fernen Donners harmlos Rollen,
Klang der Zeit, die nimmer kehrt,
Altes Lieben, altes Grollen.

Wenn ihr Ton als Pfeil sich schwingt,
Trifft er nimmer Ziel und Feinde;
Wenn er mild wie Glocken klingt,
Fehlt dem Rufe die Gemeinde.

Dort und da vielleicht von fern
Kommt ein Graukopf halbverdrossen;
Einst, wie lauschten mir so gern
Meines Morgenlieds Genossen!

Nimmer hören sie den Ton,
Das Gebraus' der Lebenswogen;
Haben Schlummerdecken schon
Über Haupt und Brust gezogen.

An den Dom zur Leidenszeit
Mahnt in Wehmut mich dies Wandern,
Wenn sie Kerzen lichtgereiht
Eine löschen nach der andern.

Flackernd tropft die letzte ab,
Wie von Tränenfall befeuchtet;
Ach, so löschte mir das Grab,
Die mein Leben einst umleuchtet. – –

Doch sieh da, ein Lockenhaupt
Naht zu lauschen meinen Saiten;
Freundlich, wie ich kaum geglaubt,
Nickt es Beifall gar zuzeiten.

Fühlt das Kind der neuen Zeit
Heute noch, wie wir gesungen?
Klingt der Alten Lust und Leid
Tönend fort durchs Herz der Jungen?

Jetzt entlockt des Frühlings Sohn
Selbst den Saiten neue Lieder;
Fremd nicht klingt's; bekannter Ton
Weckt den eignen Lenz mir wieder.

Neue Flut im alten Strom,
Neue Saat aus altem Grunde,
Neu Gestirn am Himmelsdom,
Neues Grün dem Alpenrunde.

Unauslöschbar quillt das Licht,.
Ob die Kerzen auch zerbrochen;
Wort der Wahrheit modert nicht
Gleich den Lippen, die's gesprochen.

Der durchs Weltall bebt, der Hauch,
Muß die Äolsharfen finden!
In den flieh'nden Klängen auch
Tönt unsterbliches Empfinden.

Wechsle was da ist und war,
Eins blieb ewig ohne Wanken;
Aufrecht steht noch mein Altar,
Nur umblüht von andern Ranken.

Schon im Alten blüht das Neu',
Und im Neu'n fortlebt das Alte:
Jung verbleibt ein Herz, das treu
Jener Glut, die nie erkalte.

Was da strebt, blüht und gedeiht,
Spiegle klar und treu mein Auge,
Das die junge, neue Zeit
Voll und freudig in sich sauge.

Dieses Bild, noch halt' ich's fest
Mit den frischen Farben allen,
Wenn die müde Wimper läßt
Drüber ihren Vorhang fallen.

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