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In der Veranda

Anastasius Grün: In der Veranda - Kapitel 13
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band III
authorAnastasius Grün
editorAnton Schlossar
firstpub1876
year1907
publisherMax Hesses Verlag
addressLeipzig
titleIn der Veranda
created20061004
sendergerd.bouillon
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Zeitklänge.

Ein Rätsel vom Zaren.

1842.

 
    Dans les grandes choses les hommes
se montrent, comme il leur convient de
se montrer, dans les petites ils se
montrent comme ils sont.
Chamfort.
                Ein seltsam unerschöpflich Schatzkästlein
Besitzt der Zar; man nennt es sonst Ural;
Er faßt mit sichrer Hand und kluger Wahl
Was jeden lockt, aus dem granitnen Schrein:
Platin und Silber, Edelstein und Gold,
Denn guten Diensten frommt auch guter Sold.
Die Kette kann ein Kranz sein erzgegossen,
Der Kranz ein Kettenring aus Blütensprossen;
Der Zar, indem er kränzt, weiß auch zu ketten,
Und Kreuze, Münzen, Tuladosen retten
Des Zaubrers Ehren, und vor allen mächtig
Der magische Vasenbau aus Malachit!
Wie des Versuchers Worte gleißend tritt
Des Nordens Kunstwerk, kalt und glatt und prächtig
Zum vielversuchten Kanzlergreis in Wien,
In Ludwigs Schloß, zum Schwager in Berlin,
Zur anmutreichen Britenmajestät.
Wer wüßte mit so guter Wahl zu schenken?
Dort prunkt das malachitne Angedenken
Ein Spiegel blank, drin euer Bild ihr seht;
So mildes Grün so zähem Stoff vereint,
Daß die Erinnrung selbst verkörpert scheint;
Des Erzes Wucht zu schlanker Form beschwingt,
Wie schweres Leid zu leichtem Hauch sie bringt;
Der grüne Schmelz voll Adern, wie in hellen
Erinnrungsbildern dunkle Schattenstellen. –
Daß von Bewunderung ihr ganz entflammt,
Werft eure Blicke nach den Arbeitstätten,
In Urals Schachte, draus das Kunstwerk stammt:
Seht, Künstlerhände schufen's, die in Ketten!
Des Kaukasus', der Stepp' und Polens Söhne
Begeistert Meister Zar dort für das Schöne.

Es hat der Wind, der Lüfte freier Sohn,
Der ungehemmt in Wäldern und Gehegen
Sich Land und Blumen pflückt zu Kranz und Kron'
Und kindisch dann verstreut auf seinen Wegen,
Es hat der Wind in noch nicht fernen Tagen
Ein Zeitungsblatt nach dem Ural verschlagen,
Und der Gefangnen einer hat's gefunden
Und liest's den Brüdern vor in Mußestunden:

»Vernehmt ein Beispiel von des Zaren Güte.
Es lenkt ins Schloßportal am Newastrand
Ein Reisewagen mit dem Sechsgespann;
Heimführt der Zarewitsch – den Gott behüte! –
Die Braut, ein Fürstenkind aus deutschem Land.
Nun sie die Marmortreppe steigt hinan,
Beschleicht ihr Herz Weh der Verlassenheit,
Fremd alles hier, die Heimat weit, so weit!
Erinnrung hat das deutsche Blut beflogen
Der Lieben in der Heimat rückgelassen
Als durchs Spalier sie goldbetreßter Massen,
Feinschlitz'ger Augen, stumpfer Nasen zogen.
Beugt alle Rücken krumm die Last der Tressen?
Treuherz'ger Mienen denkt sie ihrer Hessen,
Jolis des Hündleins selbst! Hier wär's zur Stunde
Der treuste, doch nicht hündischste der Hunde.
Da naht der Zar. Er führt, galant wie immer,
Die Schwiegertochter in ihr Wohngemach.
Wie ward ihr da! Das ist dasselbe Zimmer,
Das sie im Elternhaus verlassen kaum!
Da fehlt kein Möbelstück, kein Bild, kein Fach!
Dieselbe Prachttapete schmückt den Raum,
Dieselben Bilder zieren rings die Wände,
Im Rahmen dort das Bildwerk ihrer Hände
Halb fertig erst, gestört vom Hochzeittraum;
Hier kunstgeschnitzt die Mahagonistelle,
Modernstem Götzendienst ein Hausaltar,
Noch stehn die Götzlein in altgot'scher Zelle.
Die Rokokofigürchen blank und niedlich,
In Eintracht noch von Porzellan das Paar
Chines' und Gattin nickend unermüdlich;
Der Heimat Blumen dort in bunter Frische
Entgegenduftend ihr vom Blumentische,
Des Lieblingsdichters Liederbuch daneben,
Dort seine Büste in der grünen Nische
Von rankenden Kobän und Efeureben,
Ja alles rings wie in der Heimat eben,
Das Silberglöcklein auf dem Tisch sogar!
»Ob hell sein Klang geblieben?« frug der Zar,
Und prüfend schellt jetzt der Prinzessin Hand,
Aufspringt die Tür, es stürzt herein die Schar
Der alten Diener aus dem Hessenland,
Vom Marschall, der ihr dient' an Vaters Hofe,
Bis zu dem Musterbild der deutschen Zofe,
Joli bellt wedelnd durch die Menge dringend,
Vor Lust empor an seiner Herrin springend.
Da hat ein süßes Weh ihr Herz bezwungen
Und Tränen sprechen, wo gelähmt die Zungen.« –

Der Leser schwieg. Da sprach ein Gramgefährte:
»Wie fand solch Zartgefühl und jene Härte,
Die uns verdarb, in einem Herzen Stätte?
Mit Milde hat Zar Nikolaj, ich wette,
Auch in die Schellen unsres Arms gelegt
Die Wunderkraft, die jenes Glöcklein trägt:
Laßt einmal proben uns den Klang der Kette!«
Sie rasseln mit den Ketten, – seltsam Läuten!
Doch, traun, es wirkt! Aus dunkler Dämmrung schreiten
Hervor der Heimat Bilder wahr und licht,
Bekannte Städte, Täler, Ströme, Straßen,
Manch süßer Blick, manch teures Angesicht
Die Lieben all', die sie dort rückgelassen! – –
Trost der Gefangnen, milde Zarenspende!
Ihr Antlitz senken all' in ihre Hände,
Es hat ein herbes Weh ihr Herz bezwungen,
Und Tränen sprechen, wo gelähmt die Zungen.

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