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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Neuntes Kapitel

Clarence, der sich mit einem jähen Ruck von all seinen Zukunftsplänen losgerissen fühlte, auf den der Mann an seiner Seite aber einen so beherrschenden Einfluß ausübte, daß er nicht gewagt hätte, Einsprache zu erheben, schwieg, bis er einige Minuten später, als das Ansteigen der Straße sie zwang, ihr rasendes Tempo zu mäßigen, wieder zu Atem und einigem Mut kam.

»Wo ist mein Vetter?« fragte er.

»In der südlichen Provinz – zweihundert Meilen von hier.«

»Gehen wir zu ihm?«

»Ja.«

Wieder galoppierten sie mit Windeseile dahin, und es dauerte fast eine halbe Stunde, bis es abermals bergauf ging. Es fiel Clarence auf, daß Flynn von Zeit zu Zeit unter seinem Schlapphut neugierig und prüfend nach ihm herüberschielte, was ihn wohl ein wenig befangen machte, aber doch kein Mißtrauen in ihm hervorrief gegen den Mann, der es ihm so merkwürdigerweise angethan hatte.

»Du hast deinen – Vetter wohl nie gesehen?« fragte er.

»Nein,« versetzte Clarence, »und er mich auch nicht. Ich glaube auch nicht, daß er viel von mir weiß.«

»Wie alt magst du wohl sein, Clarence?«

»Zwölf Jahre.«

»Nun, für so einen Grünschnabel bist du ganz tapfer« – Clarence war ordentlich bestürzt, Herrn Peytons erstes Urteil über ihn so wiederholt zu hören – »und ich denke, man kann dir schon etwas anvertrauen! Du wirst wohl nicht Angst kriegen oder den Kopf verlieren, oder die Flügel hängen lassen, schätz' ich, denn die Hasenfüße sind bei euch nicht daheim! Nun, und wenn ich dir sage, daß dieser – dieser – Vetter von dir der größte ungehenkte Schlingel unter Gottes Sonne ist – daß es noch nicht lang her ist, daß er einen tot geschlagen hat und sich deshalb aus dem Staub machen mußte, aus welchem Grund er sich in Sacramento nicht hat sehen lassen! Nun – und wenn ich dir das sagte, was dann?«

Clarence fühlte, daß darin irgend eine Uebertreibung war, und sagte, seine ehrlichen, offenen Augen voll Ernst und Wahrhaftigkeit auf den Sprecher richtend: »Ich würde denken, daß Sie ein bißchen wie Jim Hooker reden!«

Sein Begleiter war überrascht, hielt sein Pferd an und brach in ein lautes, wildes Gelächter aus, galoppierte dann rasch voran, schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, klatschte sich auf die Beine und erschütterte die schweigenden Wälder mit den geräuschvollen Ausbrüchen seiner stürmischen Heiterkeit. Dann war es, als ob er plötzlich in Nachdenken versänke; er ritt schweigend seines Weges und sprach nur, wenn er Clarence zu größerer Eile antrieb oder des Knaben Pferd durch einen Hieb in die Weichen zu stärkeren Leistungen anspornte. Zum Glück war der Junge ein trefflicher Reiter, eine Eigenschaft, die Flynn voll zu würdigen und hoch zu schätzen schien, sonst wäre er ein Dutzend Mal aus dem Sattel geflogen.

Endlich kamen die zerstreuten Hütten von der Buckeye-Mühle in purpurnem Abendlicht auf dem gegenüberliegenden Hügel in Sicht, und Flynn brach das Schweigen, indem er sein Pferd dicht an das des Knaben drängte und ihm die Hand auf die Schulter legte.

»Höre mal, mein Junge,« sagte er, sich Thränen aus dem Auge reibend, die von dem Lachen herrührten, »ich habe dich zum besten gehabt – wollte sehen, ob du Grütze im Kopf hast! Dieser Vetter von dir, zu dem ich dich bringe, ist so friedlich und sanftmütig und altväterisch wie du selber. Er steckt so tief in Büchern und Studien, daß er mutterseelenallein in einer großen › adobe rancherie‹ unter lauter spanischem Volk lebt und sich nichts um seine Landsleute schert! Ja, sogar seinen Namen hat er vertauscht und nennt sich Don Juan Robinson! Aber er ist steinreich, drei Stunden im Umkreis gehört ihm alles Land, und er hält Vieh und Pferde« – er warf einen befriedigten Seitenblick auf Clarences tadellosen Sitz im Sattel –, »und ich denke, daran wirst du deinen Spaß haben!«

»Aber« – Clarence zögerte; der Vorschlag, dahin zu gehen, erschien ihm wie eine Wiederholung von Herrn Peytons barmherzigem Anerbieten – »ich glaube, es wäre besser, ich bliebe hier und grübe Gold – mit Ihnen.«

»Und ich glaube, es ist viel besser, wenn du das hübsch bleiben läßt,« entgegnete der Mann mit einem Ernst, der von fester Entschlossenheit zeugte.

»Aber, mein Vetter ist nicht einmal meinethalben nach Sacramento gekommen, hat auch niemand geschickt, um mich abzuholen, und sogar nicht geschrieben,« versetzte Clarence entrüstet und beharrlich an seinem Lieblingsgedanken festhaltend.

»Dir hat er nicht geschrieben, mein Junge, aber dem Manne, der dich, wie er annahm, nach Sacramento bringen sollte. An Jack Silsbee hat er geschrieben und den Brief auf der Bank hinterlassen: Jack Silsbee aber war tot und konnte ihn nicht mehr abholen, und dir ist es nicht eingefallen, auf der Bank nach einem Brief an Silsbee zu fragen oder auch nur seinen Namen zu erwähnen. Somit haben sie den Brief an deinen Vetter zurückgeschickt und zwar durch mich, weil sie voraussetzten, daß wir hier seinen Aufenthalt kennen – ein Expreßbote hat ihn in den »Schlund« gebracht, wahrend du an dem Hügel eifrig dein neues Leben hast anfangen wollen. Eingedenk deiner Geschichte, habe ich mir die Freiheit genommen, den Brief aufzumachen, und habe daraus erfahren, daß dein Vetter angeordnet hat, Silsbee solle dich geradeswegs zu ihm bringen. Ich führe somit nur aus, was Silsbee hätte thun sollen.«

Jeder flüchtige Zweifel, oder Verdacht, der möglicherweise in Clarence aufgestiegen sein würde, verschwand vor einem Blick in seines Begleiters ruhiges, gebieterisches Auge, und sogar seine bittere Enttäuschung ließ sich unter dem Zauber dieser neu gefundenen Freundschaft und dieses Schutzes leicht überwinden. Während aber dieses Verhältnis mit einem ganz ungewohnten Mitteilungsbedürfnis von seiten des Knaben angeknüpft worden war, überkam diesen jetzt neben der Dankbarkeit die zaghafte Schüchternheit eines tieferen Gefühls, und seine alte Verschlossenheit kehrte zurück.

Sie hatten gerade noch Zeit, vor Ankunft des Postwagens in der Buckeye-Mühle hastig eine Mahlzeit einzunehmen, und Clarence konnte wahrnehmen, daß seinem Beschützer trotz seines verwilderten, gesetzwidrigen Aussehens von allen mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet wurde, worein sich vielleicht auch eine heilsame Furcht mischen mochte. Jedenfalls wurden ihnen ohne Widerrede im Postwagen die besten Plätze eingeräumt, und Flynns nachlässiger, fast hochmütiger Aufforderung zum Trinken wurde von allen Seiten mit besonderer Bereitwilligkeit entsprochen, wovon auch zwei elegant gekleidete und anfangs sehr zurückhaltende Mitreisende keine Ausnahme machten. Clarence freute sich über diesen Beweis von seines Freundes eigenartigem Uebergewicht mit knabenhaftem Stolz und machte unter den neugierigen Blicken der Passagiere, die gelegentlich auch auf ihn streiften, von seiner Vertrautheit mit diesem bärtigen Gewalthaber recht augenscheinlichen Gebrauch.

Am andern Tag verließen sie gegen Mittag auf einer kleinen Haltestelle den Postwagen, und Flynn teilte Clarence in kurzen Worten mit, daß sie ihre Reise nun wieder zu Pferd fortsetzen müßten. Das schien in der weltentlegenen Poststation, wo niemand außer ihnen ausgestiegen war, zuerst einige Schwierigkeiten zu haben, allein kaum hatte der Kutscher dem Posthalter ein paar Worte ins Ohr geflüstert, so wurden ihnen mit der üblichen vorsichtigen und geheimnisvollen Scheu zwei feurige Mustangs vorgeführt. Die nächsten beiden Tage brachten sie ganz im Sattel zu, und in der Nacht fanden sie bei einem oder dem andern Freund von Flynn in der Umgebung einer großen Stadt, wo sie stets nach Einbruch der Dunkelheit eintrafen und vor Sonnenaufgang wieder wegritten, Unterkunft.

Einem scharfsichtigeren und erfahreneren Beobachter, als der harmlose Knabe es war, hätte es auffallen müssen, daß Flynn absichtlich die belebteren Straßen und gewöhnlichen Beförderungsmittel vermied und daß, als sie am dritten Tag wieder die Pferde gewechselt hatten, er den Weg durch eine augenscheinlich unbetretene Wildnis einschlug, Clarence aber mit seiner pantheistischen Zuversicht und seinem fröhlichen Natursinn fand in dieser Abwechslung nur einen Grund zu überströmendem Jubel. Die weiten, an Seen gemahnenden Flächen wilden Hafers, die mit mannigfaltigen, ihm fremden Blumen bewachsenen Hügel, die jungfräuliche Frische der unberührten Wälder und ihre grünen Wölbungen, deren moosiger und mit dichten Laubschichten bedeckter Boden keine menschliche Fußspur aufwies, erfüllten ihn mit namenlosem Entzücken. Ueberdies lernte er sein scharfes Auge üben, und seine im Grenzleben gesammelten Erfahrungen kamen ihm sehr zu statten; seine angeborene Gabe, Entfernungen richtig zu schätzen, ein Jägerinstinkt und sein unfehlbarer Scharfblick für jene Zeichen, Grenzsteine und Wegweiser der Natur, die keinem außer den Vögeln, dem Wild und manchen Kindern erkennbar sind, leisteten nun seinem minder damit begünstigten Gefährten die wichtigsten Dienste, und in diesem Teil ihrer seltsamen Pilgerfahrt war es der Knabe, der die Führerschaft übernahm. Flynn, der sich seit zwei Tagen auf die Rolle eines zurückhaltenden, aufmerksamen Beobachters beschränkt hatte, nickte ihm wohlgefällig zu und bemerkte: »Diese Art von Sachen sind deine Stärke, mein Junge, halte dich daran! Menschen und Städte sind nicht dein Feld!«

Am nächsten Halteplatz erlebte Clarence eine große Ueberraschung. Sie waren wiederum bei sinkender Nacht in eine Stadt gekommen und fanden bei einem andern von Flynns Freunden Quartier, und zwar in Zimmern, die, wie sich aus verschiedenen Geräuschen entnehmen ließ, über einem Spielsaal gelegen sein mußten. Clarence schlief in den Morgen hinein, und als er dann auf die Straße trat, um sein Pferd für die Weiterreise zu besteigen, war er sehr bestürzt, auf dem andern Reittier nicht Flynn, sondern einen gut gekleideten, hübschen Fremden zu erblicken, der dessen Platz eingenommen hatte. Aber ein Lachen und der wohlbekannte Zuruf: »Sitz auf, mein Junge!« ließen ihn ein zweitesmal genau Hinsehen – es war Flynn, aber vollständig rasiert, mit kurz geschnittenem Haar und in einem modischen schwarzen Anzug.

»Du hast mich also nicht erkannt?« fragte Flynn.

»Nein, – erst an der Stimme,« versetzte Clarence.

»Um so besser,« bemerkte sein Freund bündig und gab seinem Pferd die Sporen.

Clarence, der sich an des Fremden zottigen Haarschmuck schon ganz gewöhnt hatte, empfand, als er jetzt an seiner Seite durch die Straßen galoppierte, eine weit größere Scheu vor ihm als je. Mund und Kinn, die er nun zum erstenmal sah, hatten im Profil etwas Herbes, Strenges und Mürrisches. Obwohl er zur Zeit nicht im stande war, dies Gesicht mit einem früher gesehenen in Einklang zu bringen, so hatte der phantasievolle Knabe doch das Gefühl, daß es mit einem traurigen Erlebnis seiner früheren Jahre im Zusammenhang stehe. Die Augen waren gütig und gedankenvoll, und Clarence sagte sich später, daß er dieses Gesicht hätte lieb gewinnen können, wenn es ihm vertrauter gewesen wäre, aber freilich war dies der erste und letzte Tag, an dem er es zu sehen bekam – gegen Abend erreichten sie nach langem staubigen Ritt auf mehr befahrenen Landstraßen das Ziel ihrer Bestimmung.

Es war ein großes, von Mauern umgebenes Gebäude mit rotem Ziegeldach, das sich farbig von dem dunkeln Grün ehrwürdiger Birn- und Feigenbäume abhob und in seinem Innern einen quadratischen Hof umschloß, wo sie abstiegen. Flynn sagte einem der umherlungernden Taglöhner ein paar Worte auf spanisch, worauf die Ankömmlinge in eine hölzerne Galerie und von dort in ein langes, niederes Zimmer geführt wurden, das für Clarences Begriffe geradezu mit Büchern und Kupferstichen vollgestopft war. Flynn befahl ihm eilig, hier zu warten, während er selbst den Hausherrn in einem andern Teil des Gebäudes aufsuchen würde. Clarence vermißte ihn nicht, ja, es ist anzunehmen, daß er sogar den ganzen Zweck dieser Reise vergessen hatte über den neuen Eindrücken, die mit einemmal auf ihn einstürmten, und dem knabenhaften Ausblick in die Zukunft, der sich vor ihm aufzuthun schien. Es schwindelte ihm und er war wie betäubt. So viele Bücher hatte er nie im Leben gesehen und von dem Vorhandensein so reizender Bilder nie eine Ahnung gehabt, und doch wollte es ihn schier bedünken, als ob er einst von solchen Dingen geträumt hätte. Er war auf einen Stuhl gestiegen und starrte wie von einem Zauber umfangen auf die Darstellung einer Seeschlacht, als er plötzlich Flynns Stimme hörte.

Sein Freund war geräuschlos wieder ins Zimmer getreten, aber nicht allein, sondern in Begleitung eines ältlichen, dem Ansehen nach halb ausländischen Herrn – offenbar sein Verwandter. Da Clarence keine Erinnerung besaß, die er hätte zu Hilfe rufen können, keine Möglichkeit, einen Vergleich anzustellen, und nur seine eigene unklare Idee, der Vetter werde ungefähr aussehen, wie er selber, stand der Knabe ziemlich trostlos vor ihm. Er war im stillen ganz darauf vorbereitet, daß ihm wieder ein Verhör über seinen Vater und seine Familie blühen werde, und es war ihm sogar schon der Gedanke gekommen, die Lücken seiner unvollständigen und unbefriedigenden Erinnerung durch ein paar frei erfundene Einzelheiten auszufüllen, allein zu seiner großen Ueberraschung entdeckte er beim ersten Blick in des Vetters Gesicht, daß dieser mindestens ebenso verlegen war, wie er selber.

»Natürlich habt ihr keine Erinnerung aneinander,« legte sich Flynn in seiner gewohnten herrischen Weise ins Mittel, »und von Familiengeschichten weiß der eine so wenig, wie der andere, denke ich mir. Da dein Vetter sich überdies Don Juan Robinson nennt,« setzte er zu Clarence gewendet hinzu, »so wird es am besten sein, du läßt den ›Jackson Brant‹ ganz beiseite. Ich kenne ihn besser als du, aber du wirst dich bald an ihn gewöhnen und er sich an dich – wenigstens wäre es das Gescheiteste, was ihr thun könnt,« schloß er mit der eigentümlichen ernsthaften Würde, die gelegentlich in seinem Wesen lag.

Da er eine Bewegung machte, als ob er das Zimmer sofort mit Clarences Vetter verlassen wollte – was augenscheinlich diesem Herrn eine große Erleichterung gewesen wäre – sah der Knabe zu diesem auf und fragte schüchtern: »Erlauben Sie, daß ich mir die Bücher ansehe?«

Der Vetter blieb stehen und betrachtete den Knaben zum erstenmal mit einem Anflug von Teilnahme.

»Ach! Du kannst lesen – hast du Freude an den Büchern?«

»Ja,« erwiderte Clarence und setzte, da der Vetter ihn noch immer nachdenklich ansah, rasch hinzu: »Meine Hände sind zwar rein, aber wenn es Ihnen lieber ist, will ich sie erst noch einmal waschen.«

»Sieh dir die Bücher nur an,« versetzte Don Juan lächelnd, »und da sie sehr alt sind, wirst du gut thun, deine Hände nachher zu waschen.«

»Ich will Ihnen sagen, was ich thun werde,« wandte er sich dann plötzlich ganz erleichtert an Flynn, »ich werde den Jungen Spanisch lehren!«

Die beiden Herren verließen nun miteinander das Zimmer, und Clarence machte sich eifrig an die Bücherbretter, die mit alten, zum Teil sehr alten, wunderlich gebundenen, wurmstichigen Bänden gefüllt waren. Einzelne waren Bücher in fremden Sprachen, aber andre in kräftigem, kühnem englischen Druck mit seltsamen alten Holzschnitten und Illustrationen. Eines schien eine Chronik von Schlachten und Belagerungen zu sein mit bunt bemalten Darstellungen, worauf man mit Pfeilen gespickte Kämpfer erblickte, während andern die Glieder ganz reinlich vom Rumpf getrennt waren oder ein deutlich sichtbarer Kanonenschuß sie über den Haufen warf. Er war ganz in dies »Schmökern« versunken, als er plötzlich im Hof Pferdegetrappel und Flynns Stimme vernahm. Rasch lief er ans Fenster und erblickte zu seiner Bestürzung, daß sein Beschützer bereits gestiefelt und gespornt im Sattel saß und eben von dem Hausherrn Abschied nahm.

Einen Augenblick empfand Clarence jenen jähen Aufruhr der Gefühle, wie er der Jugend eigen ist, den er aber sonst immer scheu unter trotziger Ruhe zu verbergen pflegte. Flynn, sein einziger Freund, der einzige, der sein knabenhaftes Vertrauen genoß, sein Held und Beschützer ging und wollte ihn ohne ein Wort des Abschieds verlassen! Freilich war Flynns Aufgabe mit der Ablieferung an seinen Pfleger erledigt, aber deshalb brauchte er ihn doch nicht ohne ein Wort des Trostes und der Ermutigung im Stich zu lassen! Bei jedem andern würde sich Clarence wohl wieder einmal in seinen gewöhnlichen Indianerstoicismus gehüllt haben, aber derselbe Trieb, der ihn gezwungen hatte, Flynn bei der ersten Begegnung sein Herz zu erschließen, war auch jetzt mächtiger als sein Stolz. Er warf das Buch weg, lief in den Flur hinaus und gelangte im selben Augenblick, als Flynn zum Thorbogen hinaustrabte, in den Hof.

Ein Verzweiflungsruf des Knaben drang bis ans Ohr des Reiters; dieser parierte sein Pferd, warf es herum, hielt und blickte Clarence ungeduldig entgegen. Um Clarences Befangenheit noch zu erhöhen, war der Vetter, als er den Reiter umkehren sah, in der hölzernen Galerie stehen geblieben, und ein Knecht, der am Thor herumlungerte, griff diensteifrig nach Flynns Zügeln. Dieser winkte ihm rasch ab und fragte, sich Clarence zuwendend, mit herbem Ton: »Nun, was ist denn jetzt los?« »Nichts,« versetzte Clarence mühsam seine Thränen zurückhaltend, »aber Sie wollten ja fortgehen, ohne mir lebewohl zu sagen – und – und Sie sind sehr gut gegen mich gewesen – da hätte ich Ihnen gern gedankt!«

Eine dunkle Röte ergoß sich über Flynns Gesicht; er warf einen mißtrauischen Blick nach der Galerie hinüber und fragte hastig: »Hat er dich hergeschickt?«

»Nein, ich bin von selber gekommen, weil ich Sie gehen hörte.«

»Schön – leb wohl!« Er beugte sich vor, als ob er Clarences ausgestreckte Hand ergreifen wollte, zog sich aber mit einem bittern Lächeln zurück, griff in die Tasche und reichte dem Knaben ein Goldstück.

Clarence nahm es, schleuderte es mit einer hochmütigen Bewegung dem daneben stehenden Knecht zu, der es geschickt auffing, trat einen Schritt zurück und sagte: »Ich wollte nichts, als Abschied von Ihnen nehmen.«

Er war sehr blaß geworden; seine geröteten Augen suchten den Boden, und er schien selbst nicht zu wissen, ob er es war, der diese rasche Bewegung ausgeführt hatte, und seine Stimme klang ihm wie die eines Fremden.

Zwischen dem abziehenden Gast und dem Hausherrn wurde nun ein rascher, vielsagender Blick gewechselt, wobei in Flynns Augen ein seltsamer Stolz aufleuchtete, aber als Clarence seinen Blick erhob, war der Reiter schon zum Thor hinaus. Gebrochenen Herzens wandte sich der arme Knabe nach der Galerie zurück, da legte ihm der Vetter die Hand auf die Schulter.

» Muy hildagamente, Clarence,« sagte er wohlgefällig. »Ja, ja, aus dir werden wir schon etwas machen.«

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