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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Siebentes Kapitel

Mit diesem Jagderlebnis schloß für Clarence der erinnerungsreiche Teil seiner Reise, aber lange nachher erst sollte er erfahren, daß sich ihm damit auch etwas verschlossen hatte, was der Beginn einer neuen Laufbahn für ihn hätte werden mögen. Richter Peyton hatte die Absicht gehabt, nicht nur Susy an Kindesstatt, sondern zugleich auch den Knaben unter seine Vormundschaft und Obhut zu nehmen, vorausgesetzt, daß jener entfernte Verwandte, dem er zugesandt wurde, sich damit einverstanden zeigen würde. Nun aber machten ihn seine Frau und ihr Bruder darauf aufmerksam, daß die Beziehungen, die Clarence mit Jim Hooker unterhielt, ihn zu einem wenig wünschenswerten Gefährten für das kleine Mädchen machten, und der Richter mußte selbst zugeben, daß sein offenbarer Hang zu schlechter Gesellschaft mit seiner angeblichen Herkunft und Erziehung nicht im Einklang stehe. Unglücklicherweise war Clarence ganz davon durchdrungen, daß er keine Hoffnung habe, richtig verstanden zu werden, und war mit jener stummen Unterwerfung unter das Schicksal, die ein Hauptzug seines Wesens war, zu stolz, jene ungünstigen Eindrücke durch irgend eine kindliche Heuchelei zu verwischen. Auch hatte er ein dunkles Gefühl, daß Treue und Ehrlichkeit von ihm erheischten, zu dem in Ungnade stehenden Jim zu halten, obwohl er für diesen weder die Zuneigung einer verwandten Natur, noch die Leidenschaft eines Parteigängers empfand, sondern eher – wenn das von einem Knaben seines Alters gesagt werden kann – die Rolle eines wohlwollenden höher gestellten Beschützers spielte.

Er nahm demnach, als der Zug in Kalifornien angelangt war, ohne Murren die Mitteilung hin, daß man ihn mit einer Ausstattung und einem Begleitbrief von Stockton aus nach Sacramento befördern wolle, wobei verabredet wurde, daß er, im Fall der Verwandte nicht aufzufinden wäre, wieder zu den Peytons stoßen solle, die sich in einem der südlichen Thäler ankaufen wollten.

Mit dieser Aussicht und in der Erwartung von Veränderung, Unabhängigkeit und all den mannigfaltigen Möglichkeiten, die sich damit für einen phantasiereichen Jungen eröffnen, hatte Clarence den Rest der Reise entsetzlich lang und schleppend gefunden. Der Halt am Salzsee, der Zug durch die trostlose Alkaliwüste, ja sogar der gefahrvolle Uebergang über die Sierren hinterließen in seinem Gedächtnis nur halb verwischte Bilder; der Anblick des ewigen Schnees und das Rauschen der endlosen Fichtenwälder, das erste Auftauchen eines mit wildem Hafer bewachsenen Hügelabhangs und das belebte Bild eines reißenden gelben Stroms, dessen Färbung er dem darin befindlichen Gold zuschrieb, erregten ihn nur auf Augenblicke und waren schnell vergessen. Als er aber eines Morgens – der Zug hielt an der Umzäunung einer viel umkämpften jungen Niederlassung – die ganze Gesellschaft neugierig um einen vorbeireitenden Fremdling versammelt fand, der aus seiner Satteltasche ein wollenes Beutelchen nahm und eine Handvoll flimmernder Goldblättchen sehen ließ, da befiel Clarence zum erstenmal der fieberhafte, alles andre zurückdrängende Durst des Goldsuchers.

Atemlos lauschte er den gespannten Fragen und raschen Antworten. Das Gold war nur dreißig Meilen von hier in einem » placer« » Placer« heißen die Goldlager, wo das Metall sich weitverbreitet der Erde beigemischt findet. Anm. d. Uebers. gefunden worden – es mochte seine hundertundfünfzig Dollar wert sein – es war nur sein Anteil an der Ausbeute, die sie zu dreien in einer Woche gemacht hatten: viel war es ja nicht, »aber alle Tage kommen neue Grünschnäbel von drüben, die einem das Geschäft verhunzen«.

So erzählte gleichmütig und nachlässig der staubige, unrasierte, ärmlich gekleidete Mann, der eine langstielige Schaufel und eine Spitzaxt auf den Rücken geschnallt trug, während eine Bratpfanne an seinem Sattel baumelte, und in Clarences Augen hätte kein Ritter in voller Turnierrüstung halb so heldenhaft und unabhängig erscheinen können. Was konnte es Herrlicheres geben, als die stolze Verachtung, womit des Fremden Blick den Zug musterte, der in seinen wohlbedeckten Wagen alle Bequemlichkeiten und Lasten der Civilisation mit sich führte. »Den Plunder müßt ihr euch abgewöhnen, wenn ihr den Spaten nehmen und Gold graben wollt.« Welche Bestätigung von Clarences geheimsten Gedanken! Was für ein Bild der Freiheit und Ungebundenheit! Der malerische Kundschafter, der allmächtige Richter Peyton, der kühne junge Offizier, alle schrumpften sie zusammen und stürzten von ihren thönernen Altären angesichts dieses Helden im roten Flanellhemd mit den Wasserstiefeln! Den ganzen Tag in freier Luft umherstreichen, ohne Studium, ohne Kunst und System, die schimmernden Metallsplitter auflesen, das war Leben, wahrhaftiges Leben! Und dann eines Tages auf den großen Goldklumpen stoßen, den »ihr nicht aufheben könntet« und der so viel wert war wie der ganze Zug samt den Pferden, so einen Klumpen, wie erst neulich, der Fremde sagte es, bei Sawyers Bar einer gefunden worden war, das war ein Ziel, wofür man alles einsetzen konnte. Der ungehobelte Mann mit dem überlegenen, gleichgültigen Lächeln war ein lebendiges Glied zwischen Clarence und der Wunderwelt von Tausend und Eine Nacht, der Fleisch gewordene Alladin und Sinbad!

Zwei Tage darauf erreichten sie Stockton, wo Clarence, dessen einziger Anzug, vielfach geflickt und gestopft und durch eine ganz absonderliche Jacke aus Militärtuch von dem Regimentsschneider in Fort Ridge bereichert worden war, in einem Lager fertiger Herrenkleider neu ausgestattet werden sollte. Aber ach, so groß der Vorrat für Erwachsene war, schien man sich gar nicht für einen Kunden in diesen Jahren vorgesehen zu haben, und Clarence wurde zuguterletzt mit großer Schwierigkeit aus abgedankten Regierungsvorräten mit dem Anzug eines Schiffsjungen samt einer metallknöpfigen Seemannsjacke beglückt. Zu dieser Ausstattung fügte Herr Peyton eine kleine Geldsumme für seine Auslagen und einen erklärenden Begleitbrief an den Vetter.

Um Mittag sollte der Postwagen abfahren, und Clarence hatte nichts mehr zu thun, als von der Gesellschaft Abschied zu nehmen. Die endgültige Trennung von Susy war in den letzten Tagen mit etlichen Thränen, etwas Angst und vielen Umarmungen besprochen worden, und das kleine Mädchen hatte entschlossen erklärt, »mit ihm zu gehen«; aber das Ereignis der Ankunft in Stockton milderte und verwischte diese Gefühle um ein Beträchtliches, und ein bescheidenes Geschenk von Clarence, die erste Ausgabe, die er sich von seinem kleinen Kapital gestattete, bewirkte, daß man sich versprach, die Trennung nur als eine zeitweilige, vorübergehende anzusehen. Als aber des Knaben mageres Bündel unter seinem Sitz in der Postkutsche untergebracht worden war und man ihn sich selbst überlassen hatte, lief er doch noch einmal zu dem Zug zurück, um Susy noch einen Augenblick zu sehen. Atemlos und ein bißchen ängstlich drängte er sich an Frau Peytons Wagen.

»Ums Himmels willen! Bist du noch nicht fort?« rief diese mit Schärfe. »Soll die Post etwa ohne dich abfahren?«

Einen Augenblick vorher hätte er im Gefühl seiner Verlassenheit vielleicht mit »Ja« geantwortet, aber unter dem strengen Blick Frau Peytons und angesichts ihres merklichen Verdrusses über sein Wiedererscheinen fingen seine Beine zu zittern an, und die Stimme versagte ihm. Er wagte nicht, sich nach Susy umzusehen, aber ihr Stimmchen erklang ganz vergnüglich aus dem Hintergrunde des Wagens, wo sie behaglich saß: »Die Post fährt dir davon, Cla'ns.«

Auch sie! Die Beschämung über seine thörichte Schwäche dämmte das sehnsüchtige Blut zurück, das ihm in jäher Glut von dem wehen Herzen in die Wangen gestiegen war.

»Ich wollte nur – nur – nach Jim sehen, Frau Peyton,« sagte er endlich mit kecker Miene.

Der Widerwillen, den seine Worte bei Frau Peyton hervorriefen, entging ihm nicht und erfüllte ihn mit einer boshaften Genugthuung, womit er sich rasch umwandte und nach dem Postwagen zurücklief. Zu seiner Ueberraschung fand er dort richtig Jim, an den er in Wahrheit gar nicht gedacht hatte, und der mit finsterer Miene das Festschnüren der letzten Gepäckstücke mit ansah. In einer Art, die darauf berechnet war, den Mitreisenden die Ueberzeugung beizubringen, daß hier zwei Mitschuldige an einem Verbrechen sich trennten, wovon der eine womöglich auf seinem Weg ins Gefängnis war, schüttelte Jim dem Knaben vielsagend die Hand und warf unter seinen Haarsträhnen hervor einen lauernden Blick auf die Passagiere.

»Wenn du hörst, daß was passiert ist, so weißt du, wo du dran bist,« sagte er in leisem, heiserem, aber recht vernehmlichem Flüsterton. »Ich und du werden nicht mehr lang bei einander sein; sag den Burschen im ›Toten Schlund‹, sie können mich alle Tage erwarten.«

Obwohl Clarence nicht nach dem »Toten Schlund« ging und nichts von diesem Orte wußte, ja sogar den leisen Verdacht hegte, daß Jim ebensowenig davon wisse, empfand der Knabe, als er bemerkte, wie einer oder zwei von den Mitreisenden scheu auf den so gesittet aussehenden, grauäugigen Jungen blickten, der nach diesem unheimlichen Bestimmungsort zu reisen schien, eine gewisse bange Wonne, sein Leben mit dem Reiz vorgeblicher Schuld zu beginnen. Allein das kräftige Anziehen der feurigen Pferde, die rasche Bewegung, der funkelnde Sonnenschein und die Vorstellung, daß er nun alle Fesseln der Dienstbarkeit und Sitte hinter sich lasse, vertrieben ihm bald alle andern Gedanken. Nach einiger Zeit gab er jedoch das Nachsinnen über diese hoffnungsreiche gesegnete Zukunft auf und fing an, seine Fahrtgenossen mit knabenhafter Neugierde zu betrachten.

Er selbst saß eingezwängt zwischen zwei schweigsamen Männern, wovon der eine ein Farmer und der andre, seiner schwarzen Kleidung nach, ein »studierter Herr« zu sein schien, auf dem Vordersitz, bald aber fesselte ihn eine dunkelhaarige, barhäuptige Frau in einem schwarzen Mantel auf dem Rücksitz. Die dunkle Schöne war offenbar ganz Ohr für die scherzhaften Artigkeiten ihrer Begleiter und zweier Männer, die den mittleren Sitz inne hatten, und Clarence konnte von seinem Platz nicht viel mehr von ihr sehen, als die dunkeln Augen, die gelegentlich belustigt über seine unverhohlene Neugier aufleuchteten. Was ihn aber am meisten entzückte, war der reizende fremdländische Klang ihrer musikalischen Stimme, die mit nichts bisher Gehörtem zu vergleichen war und ihm – so unbeständig ist die Jugend! – viel schöner deuchte als die Frau Peytons. Plötzlich sah der Farmer an seiner Seite ihn wohlwollend an und bemerkte mit einem Blick auf Clarences Seemannsjacke und Metallknöpfe gönnerhaft: »Gerade von der See zurück, mein Söhnchen?«

»Nein, mein Herr,« stammelte Clarence. »Ich kam durch die Prairie.«

»Dann ist das vermutlich die Seemannstracht auf den Prairieschoonern, hm?«

Alle lachten, was Clarence sehr verblüffte, worauf der humoristische Herr ihn aufklärte, daß hier zu Lande der Ausdruck »Prairieschooner« für die Auswandererwagen gang und gäbe sei.

»Ich habe in Stockton,« erklärte Clarence, indem er voll Unschuld nach den schwarzen Augen auf dem Rücksitz blickte, »keinen andern Anzug bekommen können, als diesen: die Leute dort denken, scheint es, in Kalifornien gebe es keine Knaben.« Die schlichte Ehrlichkeit dieser Antwort schien auf die übrigen Eindruck zu machen, denn die beiden Männer auf dem Mittelsitz wandten sich flüsternd von der Dame ab und sahen ihn neugierig an. Clarence errötete ein wenig und wurde still. Bald darauf fuhr der Wagen langsamer; es ging bergauf und an beiden Seiten des Wegs standen große Silberpappeln, von denen da und dort Ranken von prachtvoll rot gefärbtem wilden Wein herabhingen.

»Ach, wie das ist hübsch!« sagte die Dame, das schwarzverschleierte Köpfchen vorbeugend. »Es gut steht in die Haar.«

Einer der Männer stellte einen ungeschickten Versuch an, vom Fenster aus einen Büschel zu erlangen, und dabei kam Clarence ein glänzender Einfall. Sobald die Kutsche wieder einen Hügel hinankroch, folgte er dem Beispiel eines Reisenden und stieg aus, um zu Fuß zu gehen. Als die Höhe erreicht war, stieg er erhitzt und keuchend wieder ein, hielt aber eine Ranke von dem wilden Wein in seiner übelzerkratzten Hand. Er reichte seine Beute dem Herrn auf dem Mittelsitz und sagte mit knabenhafter Ritterlichkeit ernsthaft: »Bitte – für die Dame.«

Ein leichtes Lächeln glitt über die Züge von Clarences Nachbarn, während die hutlose Dame ihm anerkennend zunickte und die Ranken kokett in ihren glänzenden Haaren befestigte. Der schwarzgekleidete Herr neben Clarence, der bisher noch nicht den Mund aufgethan hatte, wandte sich ihm zu und sagte trocken: »Wenn du auf dem Weg weiter machst, Söhnchen, so wirst du, schätze ich, bis du nach Sacramento kommst, schon einen Männeranzug finden, der dir paßt.«

Clarence verstand nicht ganz, was diese Worte bedeuten sollten, aber es entging ihm nicht, daß plötzlich ein seltsamer Ernst die beiden Spaßvögel auf dem Mittelsitz befiel, und daß sich die Dame zum Fenster hinausbeugte. Er zog aus alledem den Schluß, daß es ungeschickt gewesen sei, über seine Kleider und seine Größe zu sprechen, und nahm sich vor, sich fortan ein männlicheres Ansehen zu geben. Die Gelegenheit dazu schien geboten zu sein, als der Wagen zwei Stunden später vor einem Gasthaus hielt.

Zwei oder drei Passagiere stiegen aus, um sich am Schenktisch eine Erfrischung geben zu lassen, Clarences Nachbarn zur Rechten und Linken aber waren in ein endloses Gespräch über die Nachteile und Vorzüge der sandigen oder wasserhaltigen Baustellen in San Francisco vertieft, und die lustige Gesellschaft auf dem Mittelsitz bemühte sich immer noch um die Dame. Clarence stahl sich aus dem Wagen und trat mit dem Wunsch, Aufsehen zu erregen, in das Schankzimmer, wo er aber durch die völlige Nichtbeachtung, die ihm von Seiten des Wirts und seiner Gäste zu teil ward, einigermaßen aus der Fassung kam. Er blieb einen Augenblick unschlüssig stehen, dann kehrte er zum Wagen zurück und öffnete den Schlag. »Würden Sie so freundlich sein, ein Glas Wein oder Whisky mit mir zu trinken, mein Herr?« sagte er höflich zu dem vermutlichen Farmer, der ihm am meisten Wohlwollen gezeigt hatte. Eine tiefe Stille trat ein, und die beiden Männer in der Mitte drehten sich vollständig um und sahen den Knaben an.

»Der Kommodore hat Sie zu einem Trunk eingeladen,« erläuterte einer von ihnen diese Worte dem Gönner unsers jungen Freundes mit dem größten Ernst.

»So? O gewiß, ich werde so frei sein,« versetzte jener Herr und sah nun auch nicht mehr verwundert, sondern höchst ernsthaft drein, »da es der Kommodore wünscht.«

»Und vielleicht werden Sie und Ihr Freund mir auch die Freude machen?« sagte Clarence schüchtern zu dem Reisenden, der ihm als Dolmetsch gedient hatte. »Und – auch Sie,« setzte er zu dem schwarz gekleideten Herrn hinzu.

»Wahrhaftig, meine Herren, das können wir nicht ablehnen,« sagte dieser zu den andern, indem er selbst sich mit der größten Förmlichkeit erhob. »Eine so schmeichelhafte Artigkeit von seiten unsers vorzüglichen Freundes darf nicht leicht genommen werden.«

»Es ist mir nicht entgangen, daß der Kommodore ein feiner Geist ist,« erwiderte der andre mit gleicher Würde.

Es wäre Clarence lieber gewesen, die Herren hätten sein erstes gastfreundliches Anerbieten etwas minder feierlich behandelt, da sie aber, ohne aufzutauen, aus dem Wagen stiegen, führte er sie etwas zaghaft in die Wirtsstube. Da er unglückseligerweise kaum groß genug war, um über den Schanktisch wegzublicken, würde der Wirt ihn wahrscheinlich abermals übersehen haben, wenn der Schwarzgekleidete ihm nicht einen raschen Blick zugeworfen hätte, der selbst des Mannes berufsmäßiges Lächeln sofort in den feierlichsten Ernst verwandelte.

»Der Kommodore hält uns frei,« sagte der Schwarze, ohne mit der Wimper zu zucken, und deutete, ehrfurchtsvoll zurücktretend, auf Clarence. »Ich nehme ein Glas Whisky, der Kommodore wird sich wohl, da er sich noch nicht an unser Klima gewöhnt hat, mit Sodawasser und Limonade begnügen.«

Clarence hatte im stillen den Entschluß gefaßt, so gut wie die andern Männer Alkohol zu trinken, konnte aber nicht mit sich ins reine kommen, ob es höflich sein würde, seines Gasts Bestellung zu widerrufen. Auch setzte es ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß die sämtlichen übrigen Gäste sich um ihn und seine Gesellschaft geschart zu haben schienen und ihn mit ebenso unerschütterlichem Ernst ansahen, und so sagte er hastig: »Ja, ich bitte um Limonade.«

»Der Kommodore hat recht,« erklärte der Wirt, ohne eine Miene zu verziehen, indem er sich vornüber beugte und den Tisch mit berufsmäßiger Sicherheit abwischte. »Es kommt gar nicht darauf an, wieviel Alkohol ein Mensch vertragen kann; sobald er in ein andres Klima kommt, meine Herren, so heißt es: ›ich bitte um Limonade‹.«

»Vielleicht,« sagte Clarence aufleuchtend, »halten Sie auch mit?«

»Es wird mir eine Ehre sein, mein Herr.«

»Meine Herren,« begann der breitschulterige Mann immer noch so förmlich und feierlich wie je, »es kann hier nur von einem Trinkspruch die Rede sein – ich bitte Sie, mit mir anzustoßen auf das Wohl des Kommodore: möge sein Schatten sich nie vermindern!«

Ein feierlicher Umtrunk ward gehalten. Clarence fühlte, wie seine Wangen glühten, und in seiner Aufregung stieß er aufs eifrigste auf seine eigne Gesundheit an, und doch war er enttäuscht, daß so wenig Heiterkeit und Behagen unter der Gesellschaft herrschte, und dachte im stillen darüber nach, ob Männer immer so steif seien beim Trinken, auch fiel ihm jetzt ein, die Sache könne kostspielig werden. Nichtsdestoweniger hielt er seine Börse recht auffällig zahlbereit in der Hand, war doch das Bezahlen aus eignen Mitteln ein sehr wesentliches Vergnügen, von dem er sich einen recht männlichen und unabhängigen Eindruck versprach.

»Wie viel?« fragte er mit gut gespielter Gleichgültigkeit.

Der Wirt überflog mit sachverständigem Blick die Schenkstube. »Sie sagten ja wohl, daß Sie alle Anwesenden freihalten – wir wollen sagen zwanzig Dollars, dann gibt es eine glatte Rechnung.«

Clarence wurde das Herz schwer. Er hatte allerdings viel von der Steigerung der Preise in Kalifornien gehört – aber zwanzig Dollars! Das war genau die Hälfte seines Vermögens. Trotzdem wußte er sich mit übermenschlicher Anstrengung zu beherrschen, und seine Finger zitterten kaum merklich, als er das Geld hinzählte. Dabei kam es ihm höchst sonderbar, um nicht zu sagen unpassend vor, daß alle Umstehenden die Hälse reckten und über seine Schultern weg nach dem Inhalt seiner Börse blickten. Allerdings ward diese Neugier durch den starken Mann etwas erklärt.

»Der Kommodore, meine Herren, besitzt wirklich eine merkwürdige Börse. Erlauben Sie mir –« er nahm Clarence sein Beutelchen aufs artigste aus der Hand – »das ist der neueste Patentverschluß und in der That sehenswert.«

Er reichte es einem der hinter ihm Stehenden, der es nach genauer Untersuchung weitergab, und so wanderte das Geldtäschchen von Hand zu Hand, und Clarence konnte aus dem stets wiederholten: »Wirklich famos« – »das Allerneueste in der Art« stets erkennen, wo es sich gerade aufhielt. Schließlich gelangte die Börse auch an den Wirt, der noch besonders um Erlaubnis gebeten hatte, sie zu besehen, und der mit der Miene gewissenhaftester Höflichkeit darauf bestand, sie eigenhändig in Clarences Brusttasche zu schieben, als ob dieser Dienst zu seinen beruflichen Obliegenheiten gehörte.

Jetzt gab der Kutscher das Zeichen zum Einsteigen, die Reisenden nahmen eilig ihre Plätze wieder ein, und der Zwischenfall war erledigt und abgethan. Es überraschte Clarence ein wenig, daß seine verbindlichen Freunde von vorhin sich mit einemmal angelegentlich mit der Lokalpolitik von San Francisco und den darüber geäußerten Ansichten eines neu hinzugekommenen Passagiers befaßten, und er selbst gänzlich darüber vergessen wurde. Die Dame ohne Hut hatte sich anders gesetzt, und ihr Kopf war für ihn nicht mehr sichtbar. So ausschweifend seine Erwartungen und so kühn seine Hoffnungsfreudigkeit vorhin gewesen waren, so schmerzlich war die Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, die ihn nun befielen, als zum erstenmal seine gänzliche Unwichtigkeit in der Welt und seine eigne Unzulänglichkeit für dieses neue Leben ihm schwer aufs Herz fielen.

Die Hitze und das Stoßen des Wagens übten eine einschläfernde Wirkung auf ihn, und als er aus kurzem Schlummer erwachte, fand er, daß seine beiden Nachbarn auf einer Zwischenstation ausgestiegen waren – sie hatten es also nicht für der Mühe wert gehalten, ihn zu wecken und ihm lebewohl zu sagen! Aus der Unterhaltung der übrigen entnahm er nun, daß der große Mann ein berüchtigter Spieler, und jener, den er für einen Farmer gehalten hatte, ein früherer Schiffskapitän sei, der jetzt ein wohlhabender Kaufmann geworden. Clarence glaubte nun zu begreifen, warum der letztere ihn gefragt habe, ob er frisch von der See gekommen, und daß der Spottname »Kommodore«, den der andre ihm beigelegt hatte, ein auf des Kapitäns Beifall berechneter Scherz gewesen sei. Es that ihm leid, daß die beiden ausgestiegen waren, denn er hätte sich gern bei ihnen nach seinem Verwandten in Sacramento erkundigt, den er nun so bald zu sehen bekommen sollte. Endlich erreichte er zwischen Wachen und Schlafen unerwartet schnell das Ziel seiner Reise. Es war schon dunkel, da aber heute »Dampfernacht« war, das heißt, morgen in aller Frühe ein Dampfer auslief, standen Läden und Geschäftshäuser noch offen, und Herr Peyton hatte angeordnet, der Postkutscher solle Clarence an dem Haus seines Vetters in der J.-Straße, dessen Adresse der Knabe zum Glück nicht vergessen hatte, absetzen. Er war einigermaßen verblüfft, unter dieser Nummer ein großes Geschäftshaus oder eine Bank zu finden, stieg jedoch aus und betrat mit seinem kleinen Bündel in der Hand das Gebäude, während der Postwagen weiterrollte. Ein sehr geschäftig aussehender Kommis lief ihm in die Hände, den er sofort nach »Herrn Jackson Brant« fragte.

Es war kein Herr dieses Namens auf dem Comptoir, und es war auch früher kein solcher da gewesen. Die Bank hatte sich von jeher in diesem Hause befunden – konnte er sich nicht in der Hausnummer geirrt haben?

Nein! Name, Hausnummer und Straße waren unauslöschlich in des Knaben Gedächtnis eingegraben. Halt! Es konnte ja ein Kunde sein, der seine Adresse auf der Bank hinterlassen hatte! Der Kommis, der diese Vermutung geäußert hatte, verschwand rasch, um nachzusehen, und Clarence wartete mit wild pochendem Herzen. Der Kommis kehrte zurück – der Name fand sich nicht in den Büchern und ein Jackson Brant war der ganzen Firma nicht bekannt. Einen Augenblick war es dem Knaben, als ob der Zahltisch, gegen den er sich lehnte, unter seiner Last schwanke, und er mußte sich mit beiden Händen festhalten, um nicht zu fallen. Es war nicht die Enttäuschung – so furchtbar sie auch war – es war nicht der Gedanke an die Zukunft, so trostlos sie auch vor ihm lag; es war auch nicht verletzter Stolz bei der Vorstellung, er könnte Herrn Peyton als Lügner erscheinen – und das war doch das Schrecklichste – sondern die urplötzliche, ihn zum Wahnsinn treibende Erkenntnis, daß er selbst getäuscht, betrogen, zum Narren gehalten worden war! Wie ein Blitz durchfuhr es ihn, daß jenes unbestimmte Gefühl, es sei ihm Unrecht gethan worden, das ihn nie ganz verlassen hatte, richtig war, daß der abscheuliche Plan, ihn loszuwerden, in diesem Betrug gipfelte, und daß seine Angehörigen ihn mit Vorbedacht und Absicht in die Irre geführt hatten, um sich seiner zu entledigen, wie man einen wertlosen Hund oder eine Katze von sich stößt!

Vielleicht standen ihm diese jammervollen Gedanken auf der Stirn geschrieben, denn der Kommis sah ihn erschrocken an, bat ihn, sich ein wenig zu setzen, und verschwand abermals in den geheimnisvollen Innenräumen. Clarence hatte keine Idee, wie lange er ausblieb, ja, er bemerkte gar nichts als den Sturm in seinem Innern, und erst nachher fiel ihm ein, daß er sich gewundert hatte, weshalb der Kommis ihn durch eine Oeffnung im Zahltisch hatte eintreten lassen und ihn durch ein Zimmer mit vielen Pulten und dann wieder durch eine Glasthüre in einen kleineren Raum geführt hatte, wo ein übernatürlich beschäftigt aussehender Mann schreibend an einem Pult saß. Ohne aufzusehen, aber im Schreiben innehaltend, um einen Bogen Löschpapier auf das vor ihm liegende Blatt zu drücken, sagte der Herr: »Du bist an jemand gewiesen, der nicht aufzufinden ist? Thut nichts zur Sache« – Clarence hatte ihm Herrn Peytons Brief vorgelegt – »das kann ich jetzt nicht lesen. Vermutlich willst du nach Stockton zurückbefördert werden?«

»Nein!« versetzte der Knabe, mühsam den Gebrauch der Sprache wiederfindend.

»So? Ist deine Sache. Hast du Bekannte hier?«

»Keine Seele – darum haben sie mich hergeschickt,« sagte Clarence, von Verzweiflung überwältigt, die um so größer war, als er fühlte, wie ihm die Thränen in den Augen standen.

Diese Vermutung schien dem Mann einzuleuchten und ihn zu belustigen. »Ja, ja, es sieht ein wenig danach aus,« bemerkte er und lächelte seinen Brief grimmig an. »Hast du Geld?«

»Ein wenig.«

»Wieviel?«

»Etwa zwanzig Dollars,« erwiderte Clarence zögernd.

Der Mann zog mechanisch, ohne die Augen aufzuschlagen, ein kleines Schiebfach zu seiner Rechten auf und nahm zwei Zehndollarstücke in Gold heraus. »Mit zwanzig dazu kommst du weiter,« sagte er, die Goldstücke auf das Pult legend. »Damit hast du wenigstens die Möglichkeit, dich nach etwas umzusehen, und wenn es dir schlecht geht, so komm nur wieder hierher.«

Er tauchte die Feder ein und bedeutete dem Knaben, daß er die Unterredung für abgeschlossen halte.

Clarence schob das Geld zurück. »Ich bettle nicht,« sagte er trotzig.

Dieses Mal drehte der Mann seinen Kopf und sah ihm scharf in die Augen. »Du bettelst nicht? Nun, sehe ich vielleicht aus wie ein Bettler?«

»Nein,« stammelte Clarence unter dem Blick dieser hochmütigen Augen.

»So, aber wenn ich in deiner Lage wäre, würde ich das Geld nehmen und froh daran sein.«

»Wenn Sie mir erlauben, es Ihnen heimzuzahlen,« sagte Clarence, etwas beschämt und sehr erschrocken über den versteckten Vorwurf, den der Mann ihm gemacht hatte. »Das kannst du,« versetzte dieser und beugte sich wieder über seine Arbeit.

Clarence ergriff das Geld und zog unbeholfen seine Börse heraus, die er seit dem Aufenthalt im Wirtshaus nicht mehr berührt hatte. Es fiel ihm auf, daß sie sehr schwer war: sie schien ganz voll zu sein, so voll, daß ihm beim Aufmachen mehrere Münzen herausfielen und auf den Boden rollten. Der Herr am Pult blickte rasch auf.

»Du sagtest mir doch vorhin, du habest nur zwanzig Dollars?« bemerkte er unfreundlich.

»Herr Peyton hat mir vierzig gegeben,« erwiderte Clarence bestürzt und dunkelrot werdend. »Zwanzig Dollars habe ich für Getränke unterwegs ausgegeben – und – und« – er begann zu stottern – »woher das übrige kommt, weiß ich nicht.«

»Zwanzig Dollars hast du für Getränke ausgegeben?« fragte der Mann und legte sogar die Feder aus der Hand, um sich den Knaben näher anzusehen.

»Ja – das heißt – ich habe einige von den Herren aus dem Postwagen an Davidsons Kreuzung freigehalten.«

»Die ganze Reisegesellschaft?«

»Nein, mein Herr, nur etwa vier oder fünf Herren – und den Wirt. Aber in Kalifornien ist ja alles so furchtbar teuer, das weiß ich wohl.«

»Augenscheinlich. Doch hat das bei dir nicht viel zu sagen,« bemerkte der Mann mit einem Blick auf die gespickte Börse.

»Sie haben meine Börse der Reihe nach ansehen wollen,« beeilte sich Clarence zu erzählen, »und dabei muß der Irrtum vorgefallen sein. Irgend einer hat aus Versehen sein Geld in meinen Beutel gesteckt.«

»Versteht sich,« sagte der Bankier.

»Ja, ja, so ist es wohl gewesen,« versicherte Clarence etwas erleichtert, aber noch immer beunruhigt durch den unablässig auf ihn gehefteten Blick des Unbekannten.

»Unter diesen Umständen,« bemerkte jener gelassen, »wirst du mein Geld nicht mehr nötig haben.«

»Aber,« versetzte Clarence schüchtern, » dieses Geld gehört ja nicht mir, und ich muß herausbringen, wem es gehört, und es zurückgeben. Vielleicht,« setzte er zaghaft hinzu, »kann ich es hier bei Ihnen lassen und den Eigentümer herschicken, wenn ich ihn finde.«

Mit der größten Bedächtigkeit zählte er den Ueberschuß ab von dem, was ihm von Herrn Peytons Geschenk noch geblieben war, und die zwanzig Dollars des Bankiers legte er ebenfalls besonders. Das fremde Geld belief sich auf vierzig Dollars, die er auf das Pult vor den Bankier hinzählte. Dieser erhob sich, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und öffnete eine Thüre.

»Herr Reed.«

Der Kommis, der Clarence hereingeführt hatte, erschien.

»Eröffnen Sie ein Conto für –« er hielt inne und sah sich fragend nach dem Knaben um.

»Clarence Brant,« sagte dieser, vor Vergnügen errötend.

»Für Clarence Brant. Nehmen Sie dieses Depot,« er deutete auf das Geld, »und stellen Sie eine Bescheinigung darüber aus.« Er hielt inne und sah sich, während der Kommis mit verwundertem Gesicht hinausging, den Knaben noch einmal an, sagte dann: »Aus dir kann noch etwas werden!« und begab sich dann wieder in sein Privatzimmer, dessen Thüre er hinter sich zuzog.

Es war menschlich, daß der Knabe, der sich vor wenigen Augenblicken der Verzweiflung nahe und durch die schmerzlichen Enthüllungen über das Verfahren seiner Angehörigen aufs tiefste gedemütigt gefühlt hatte, jetzt plötzlich eine außerordentlich hohe Stufe von Unabhängigkeit und Männlichkeit erreicht zu haben glaubte! Er verließ das Bankhaus, worin er noch vor wenig Minuten als freundloser Knabe gestanden hatte, nicht als ein reich beschenkter Bettler – der gewichtige Mann hatte ja diese Anschauung ganz verworfen – sondern als ein richtiger Kunde, der ein Depot hinterlegt hatte; als ein Geschäftsmann gerade wie die erwachsenen Klienten, die sich im äußeren Comptoir drängten, und zwar unter den Augen jenes Kommis, der ihn so bemitleidet hatte! Und er, Clarence Brant, hatte die Ehre gehabt, mit einem Mann zu sprechen, dessen Name, wie er nun wußte, der nämliche war, der draußen auf dem kleinen Schildchen stand, und von dem seine Reisegefährten mit bewunderndem Neid als einem in ganz Kalifornien berühmten Bankier gesprochen hatten. War es nicht natürlich, daß dieser phantasievolle und hoffnungsreiche Knabe alles andre, sogar den Zweck seines Besuchs und den Umstand, daß er dieses Geld nicht als das seinige betrachtete, vergessend, sein Hütchen unternehmend schief auf die Stirn drückte und wohlgemut auf die Straße hinaustrat, die ihn der Zukunft entgegenführen sollte?

Zwei Stunden später empfing der Bankier einen andern Besucher, der zufällig jener nämliche, einem Farmer ähnlich sehende Mann war, der Clarence im Postwagen kennen gelernt hatte. Er war offenbar hier eine bekannte und bevorzugte Persönlichkeit, denn »Kapitän Stevens« wurde sofort bei dem Chef des Hauses gemeldet und vorgelassen. Als die übliche geschäftliche Besprechung beendigt war, fragte der Kapitän in nachlässigem Ton: »Sind Briefe für mich da?«

Der beschäftigte Bankier deutete nur mit dem Ende seines Federhalters nach dem Buchstaben S an einem Briefgestell mit alphabetisch geordneten Fächern. Nachdem der Kapitän seine Briefschaften an sich genommen und durchgesehen hatte, behielt er einen Brief nachdenklich in der Hand.

»Sehen Sie mal, Carden, da sind Briefe an einen gewissen John Silsbee, sie waren schon hier, als ich das letzte Mal bei Ihnen vorsprach – vor zehn Wochen.«

»Nun – und?«

»Es ist der Name jenes Menschen aus dem Bergland, der in der Prairie von den Indianern geschlachtet worden ist; die Friscoer Zeitungen von gestern abend haben es haarklein erzählt – vielleicht ist dieser Brief an ihn. Poststempel ist keiner darauf – wer hat ihn denn abgegeben?«

Herr Carden berief einen Kommis, und es stellte sich heraus, daß ein gewisser Brant Fanquier den Brief, der abgeholt werden sollte, hier hinterlassen hatte.

Kapitän Stevens lächelte. »Brant hat zu viel zu thun gehabt mit Pharaospielen und wird's vergessen haben, und seit der bösen Geschichte mit dem Schuß in Angels hat es ihn, soviel ich höre, irgendwohin an die südliche Küste verschlagen. Cal Johnson, sein alter Spießgeselle, war heute mittag auch in der Postkutsche von Stockton.«

»Sind Sie heute mittag mit der Post von Stockton gekommen?« fragte der Bankier aufblickend.

»Ja, bis nach Ten-mile Station – von dort bin ich vollends hierher geritten.«

»Ist Ihnen nicht zufällig ein kleines, altkluges Bürschchen aufgefallen – drei Käse hoch – etwas wie ein durchgegangener Schuljunge?«

»Ob ich den gesehen habe! Ja wahrhaftig – hat mich ja mit Whisky traktiert!«

Herr Carden sprang von seinem Stuhl auf. »Dann hat er also nicht gelogen!«

»Nein! Wir haben ihm seine Freude nicht verderben wollen, und haben ihn dann hinterdrein in andrer Weise schadlos, gehalten. Hallo! Was ist denn los?«

Aber Herr Carden stand schon draußen im äußeren Comptoir neben dem Kommis, der Clarence hereingeführt hatte.

»Sie erinnern sich des Knaben Namens Brant, der vorhin hier gewesen ist?«

»Gewiß, Herr Carden.«

»Wohin ist er gegangen?«

»Das weiß ich nicht, Herr Carden.«

»Gehen Sie ihm nach und treiben Sie ihn irgendwie und -wo auf. Suchen Sie in allen Gasthäusern, Restaurants und Branntweinschenken in der Nähe – nehmen Sie noch jemand mit, falls Sie es nicht allein fertig bringen, aber schaffen Sie mir den Jungen her – rasch!«

Es war nahe an Mitternacht, als der Kommis von seiner fruchtlosen Suche zurückkehrte. Im wilden Strudel der Dampfernacht schimmerten zahllose Lichter in Läden, Geschäftshäusern, Trinkstuben und Spielhöllen; die Straßen hallten wider von hastigen, lauten Fußtritten – alles jagte dem Glück, dem Ehrgeiz, Vergnügen oder Verbrechen nach, aber in diesem wogenden Getöse schien der leichtere, unschuldige Schritt des heimatlosen Knaben für immer verhallt zu sein.

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