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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Sechstes Kapitel

Dann folgten Tage und Wochen, die Clarence wie ein Traum erschienen. Erst eine Zwischenzeit voll scheuer, gedämpfter Zurückhaltung, wo er und Susy getrennt gehalten wurden und man ihnen eine seltsame, gekünstelte Teilnahme zeigte, was ihm zur Zeit keinen besondern Eindruck machte, ihm aber später, als die andern längst alles vergessen hatten, im Gedächtnis haftete; dann Frau Silsbees Begräbnis unter einer unregelmäßig aufgetürmten Steinpyramide, das mit einiger Feierlichkeit begangen wurde, und so einfach diese war, schien sie ihm und Susy doch das geheiligte Recht ihres persönlichen Schmerzes zu schmälern und ließ die Kinder kalt; dann Tage voll häufiger und heftiger Schmerzensausbrüche bei Susy, die mit der Zeit seltener wurden und schließlich – er wußte nicht mehr wann – ganz aufhörten, häufig auch nächtliche Schreckensstunden, wo jener Morgen mit den drei oder vier zerlumpten Kleiderhaufen ihn ängstigte und er sich Vorwürfe machte, sie nicht genauer untersucht zu haben: das nicht zu verwischende Bild grauenvoller Einsamkeit und Verlassenheit, worin der zertrümmerte und halbverkohlte Wagen beim Vorüberrollen des Zugs wie in stummem Gebet auf seinen Knieen zurückzubleiben schien, und das Hinterdreinrollen des verhängnisvollen, von allen mit abergläubischer Furcht gemiedenen Gefährts, worin Frau Silsbees Leichnam gefunden worden war, und dessen schließliche Uebergabe an die Behörden einer vorgeschobenen Garnison, womit das letzte Glied zwischen ihm und der nachschleppenden Kette der Vergangenheit gelöst erschien. Der flüchtige Blick, den die Kinder in jene Grenzgarnison thun konnten, war ihnen eine Offenbarung ganz fremder Lebensverhältnisse; der hübsche Offizier in schmucker Uniform mit Degen und Schärpe war eine ritterliche, heldenhafte Erscheinung, die man bewundern und nachahmen konnte; die plötzliche Bedeutung, die Susy und er als die »Ueberlebenden« gewannen, die Achtung, die man ihnen erwies, das teilnehmende Befragen und liebenswürdige Uebertreiben der Bedeutung ihrer Erlebnisse, worauf Susy rasch einging, alles dies erschien ihm, wenn er nachher daran zurückdachte, wie ein Traum.

Nicht minder fremdartig und traumhaft kamen ihm die thatsächlichen Veränderungen vor, die sie beim Vorwärtsschreiten des Zugs wahrnahmen. Eines Morgens vermißten sie die wechsel- und regungslose dunkle Linie am Horizont, und noch vor der Mittagszeit befanden sie sich zwischen Felsen und Bäumen an einem hell rauschenden Fluß. Dann tauchte ein paar Tage darauf ebenso plötzlich seitwärts von ihnen ein grauer in Wolken gehüllter Gebirgszug auf, der, wie sie fest überzeugt waren, nichts anderes sein konnte, als die dunkle Linie, die sie so lange vor sich gesehen hatten. Die Leute lachten sie aus und sagten, daß sie jene dunkle Linie seit drei Tagen überschritten hätten, und daß sie höher sei, als der große graue Bergkamm vor ihnen, der ihren Augen dadurch bis jetzt entzogen gewesen sei. Susy glaubte steif und fest, daß all diese Wandlungen nur vor sich gingen, wenn sie schlafe, denn sie fühle dabei immer »ein kurioses Krabbeln« und Clarence erklärte mit der glücklichen Unterschätzung erster Jugend »man sei kein bißchen« in die Höhe gekommen. Dabei wurde die Luft, obwohl es noch immer Sommer war, kalt, bei Nacht waren große Lagerfeuer unentbehrlich, und in das Zelt, wo Susy sich aufhielt, wurde ein Ofen gesetzt, dann verschwand das alles wieder und sie waren wieder auf sengend heißer, sonnvertrockneter Heide – das alles war wie ein Traum!

Mehr Wirklichkeit gewannen für sie die Menschen, woraus die Gesellschaft bestand, die sie von jeher gekannt zu haben schienen und die ihnen – so wunderlich sind unschuldige Kinderlaunen – wichtiger vorkamen, als die Verstorbenen es je gewesen waren. Da war zuerst Herr Peyton, dem, wie sie jetzt genau wußten, der Zug gehörte und der so reich war, »daß er gar nicht nach Kalifornien zu gehen brauchte, wenn er nicht wollte, und sich ein großes Stück davon kaufen konnte, wenn er mochte,« und der auch ein Advokat war und von den Soldaten des Vorpostens »Richter« genannt worden war, und also jedenfalls jedermann gefangen nehmen lassen konnte, wenn es ihm beliebte, und jeden beim Taufnamen kannte. Frau Peyton – das brachten sie auch in Erfahrung – war sehr leidend gewesen, und der Arzt hatte ihr verordnet, sechs Monate unausgesetzt in der frischen Luft zu leben und keinen Fuß in ein Haus oder eine Stadt zu setzen, und nun wollte sie Susy an Kindesstatt annehmen, sobald ihr Mann die nötigen Papiere beschafft und sich mit ihren Verwandten ins Vernehmen gesetzt haben würde!

»Harry« hieß eigentlich Henry Benham, war Frau Peytons Bruder und eine Alt von Geschäftsteilhaber ihres Mannes. Der Kundschafter hieß Gus Gildersleeve oder die »Weiße Krähe«, und man erzählte sich, daß nur seine anerkannte Unerschrockenheit einen Angriff auf den Zug abgewendet habe. Dann war noch »Bill« da, der Hüter ihres Viehstands und »Texas Jim«, der vaquero, Vaquero = Kuhhirt. Anm. d. Uebers. dieser fabelhaft und unerreicht als Reitkünstler.

Insgesamt waren sie den beiden Kindern wichtige und erstaunliche Persönlichkeiten, aber Clarence fühlte sich, sei es aus knabenhafter Neugierde oder einem Gefühl des Mißverstandenseins, am meisten zu den beiden hingezogen, die ihm am wenigsten freundlich begegneten, nämlich zu Frau Peyton und ihrem Bruder Harry. Nach Art der meisten Kinder und mancher Erwachsenen schätzte er Herrn Peytons gleichmäßige Güte geringer, als die einzelnen seltenen Augenblicke von Duldung, die ihm von Harry zu teil wurden, und die höflichen Zugeständnisse, die dessen Schwester ihm zuweilen machte. Mitunter kam ihm das selbst zum Bewußtsein und er fühlte, wie erbärmlich es war, und redete sich in die feste Ueberzeugung hinein, er würde, wenn er nur ein einziges Mal ein anerkennendes Wort von Harry oder ein Lächeln von Frau Peyton erringen könnte, sicherlich an sich selbst Rache nehmen und »durchgehen«. Ob er das wirklich gethan haben würde oder nicht, ist schwer zu sagen, denn bei einem thörichten, erregbaren, aufgeschossenen Jungen von elf Jahren ist im Gefühlspunkt nur die Unberechenbarkeit sicher.

Um diese Zeit geschah es, daß er einem andern Mitglied der Gesellschaft näher trat, dessen Stellung zu bescheiden und untergeordnet war, als daß er auf Erwähnung in der ersten Gruppe hätte Anspruch erheben können. Er unterschied sich in Größe und Kleidung nicht von den übrigen Fuhrleuten, und Clarence hatte anfangs nichts an ihm entdeckt, was ihm besonderen Anteil eingeflößt hätte, aber nach und nach stellte sich heraus, daß er thatsächlich nur ein Jüngelchen von sechzehn Jahren war, ein hoffnungsloser, unverbesserlicher Taugenichts aus St. Joseph, dessen Eltern es bei Herrn Peyton durchgesetzt hatten, daß er die Reise mitmachen durfte. Sie hofften dabei, daß die Trennung von seinen schlimmen Spießgesellen heilsam auf ihn wirken werde. Clarence war mit diesen Thatsachen anfangs unbekannt, und zwar nicht, weil der junge Mensch es an Offenheit hätte fehlen lassen. – Der erfindungsreiche Jüngling teilte ihm später unaufgefordert mit, daß er in St. Louis drei, in St. Jo zwei Männer erschlagen habe, und die Fahnder ihm auf den Fersen seien – augenscheinlich gingen die verfrühten Gewohnheiten des Trinkens, Rauchens, Tabakkauens und Kartenspielens auch mit einer bedenklichen Neigung zu Aufschneidereien Hand in Hand. Er war auch in der That unter dem Namen »Lügenjim« bekannt, und diese Mannigfaltigkeit seines Wesens bot Clarence ein Problem, das ihn fesselte und anregte und, so zweifelhafter Natur er war, einen bedeutenden Reiz für ihn hatte. Trotz der rauhen, heiseren Stimme frühreifer Schlechtigkeit und einer tiefen Verachtung für gute Sitten hatte Meister Jim ein rundes überaus gutmütiges Gesicht, und wenn er nicht gerade gereizt wurde, die selbstgewählte Rolle des Bösewichts zu spielen, war er von Natur eigentlich ein guter Kerl.

Wenige Tage nach der Niedermetzelung des Silsbeeschen Zugs, während die Kinder noch in der Atmosphäre düsterer Wichtigkeit und scheuer Zurückhaltung lebten, geschah es, daß der »Lügenjim« zum erstenmal Clarences besondere Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Kaum noch im Sattel hängend, tauchte der schlanke Jim plötzlich auf einem Indianerpony neben dem Wagen, worin Clarence saß, auf, jagte heftig hin und her und um den Wagen herum, zerrte verzweifelt an den Zügeln, gebärdete sich ganz, als ob sein tolles Pferd mit ihm durchginge und er nur durch die größte Unerschrockenheit und Geschicklichkeit seinen Sitz behaupten könne. Um und um ging es; bald hing der hilflose Reiter nur noch in einem Bügel am Boden, bald schwang er sich wieder mit einer Clarence übermenschlich erscheinenden Kraftanstrengung in den Sattel. Mit offenem Mund und vor Angst und Aufregung bebend, starrte Clarence hinaus, indes einige von den Fuhrleuten laut lachten und Herr Peyton schließlich vom Wagenfenster aus ganz ruhig sagte: »Nun ist's genug, Jim; gib es auf!«

Das wilde Roß und der Reiter waren im Nu von der Bildfläche verschwunden, und ein paar Minuten später sah Clarence zu seiner Verblüffung den unerschrockenen Reiter ganz ruhig an der Spitze des Zugs im Staub dahin traben, und sein feuriges, unbändiges Tier zeigte in diesem nüchternen Licht eine bemerkenswerte Aehnlichkeit mit einem alltäglichen Zugpferd. Im Verlauf des nämlichen Tages wandte er sich mit der Bitte um Aufklärung an den Reiter selbst.

»Ja, siehst du,« versetzte Jim Hooker mit düsterer Miene, »von all dem Gesindel merkt es ja keiner, was in dem Teufelsgaul steckt! Und wenn's einer merkt, traut er sich nicht, das Maul aufzuthun! Man soll's ja nicht schmecken, daß der Richter einen mexikanischen Durchgänger hat, der zwei Leute hin gemacht hat, ehe er ihn kriegte, und dem schon noch einer drauf gehen muß, ehe er Ruhe gibt! Grad in der Woche, eh wir euch aufgefunden haben, hat der Gaul gebockt, wie ich aufsitzen will, ausgeschlagen und mich geschmissen, aber ich hab' mich mit dem Fuß im Steigbügel gehalten – schau so! Zwei Meilen weit hat er mich mit dem Kopf zu unterst geschleift, und ich hab' mir mit den Händen die Felsen fernhalten müssen – schau, so!«

»Weshalb hast du denn den Fuß nicht aus dem Steigbügel gezogen und bist gelaufen?« fragte Clarence atemlos.

»So hättest du's gemacht,« versetzte Jim mit tiefster Verachtung, » meine Manier ist das nicht. Ich ließ mich schleifen, bis wir zu einem steilen Hügel kamen, und im Runterweg, wo der Gaul so zu sagen unter mir gewesen ist, stemmt' ich mich mit der Hand gegen den Fels – schau, so! – und damit warf ich mich ihm wieder auf den Buckel!«

Obwohl Jim die Hände wie Füße nach unten setzte und durch die gewaltsamsten Gebärden die Parabel einer Feder in der Luft versinnlichte, fand Clarence, daß dieser Vorgang über sein Verständnis ging, und griff schüchtern eine leichter faßliche Einzelheit heraus.

»Weshalb ist denn das Pferd zuerst scheu geworden, Herr Hooker?«

»Roch Indianer!« versetzte Jim gleichmütig, eine volle Ladung Kautabakbrühe aus einer Ecke des Mundes in kühnem Bogen ausspeiend, was eine seiner besonders anziehenden Fertigkeiten war. »Wahrscheinlich deine Indianer!«

»Aber« – Clarence machte seinen Einwand nur zögernd geltend – »Sie sagten doch, es sei eine ganze Woche früher gewesen.«

»Ein Mexikaner wittert Indianer auf fünfzig und hundert Meilen weit,« sagte Jim mit hochfahrender Ueberlegenheit, »und wenn der Richter mir gefolgt hätte und keine so dumme Angst hätte, daß seines Gauls Charakter an den Tag käme, so hätte er den Indianern Fallen gelegt, eh sie euch gefangen hätten. Aber,« setzte er düster und gedrückt hinzu, »es ist ja kein Saft und kein Kraft in dem Volk, keine Grütze, gar nichts, kann auch nicht sein, so lang Weiber und Wickelkinder und Frauenzimmerkram mitgeschleppt werden. Ich würde der ganzen Bande schon lang den Rücken gekehrt haben, wenn nicht vorher noch ein paar Sachen abzumachen wären,« schloß er finster.

Clarence übersah in der Aufregung, worein Jims geheimnisvolle Aeußerungen ihn versetzten, gänzlich, daß seine Anspielungen auf Herrn Peyton nichts weniger als ehrerbietig waren und daß ihm seine und Susys Anwesenheit offenbar ein Dorn im Auge war, und fragte hastig: »Was für Sachen?«

Jim that, als ob er in seiner wechselvollen Stimmung die Anwesenheit des Knaben gänzlich vergessen hätte, und zog mit zerstreuten Blicken ein blinkendes Bowiemesser Ein zehn bis fünfzehn Zoll langes Messer, das in Amerika häufig als Waffe getragen und nach seinem Erfinder, General Bowie, benannt wird. Anm. d. Uebers. aus seinem Stiefelschaft, worin er es nach einiger Zeit lautlos wieder verschwinden ließ.

»Zwei oder drei Geschichten stehen noch auf meinem Kerbholz,« fuhr er, obwohl sich kein Mensch in Hörweite befand, ganz leise fort, »eine oder zwei Rechnungen sind zu begleichen,« sprach er tragisch und wandte sein Gesicht ab, als ob er sich scharf beobachtet wüßte, »und zwar mit Blut, dann kann ich gehen. Einer oder zwei sind zu viel in der Bande, das heißt, so lange sie leben und atmen. Kann sein, Gus Gildersleeve ist der eine, kann sein Harry Benhams ist der andre, kann auch sein,« setzte er mit düsterer, aber edler Uneigennützigkeit hinzu, »ich bin's.«

»O nein,« versicherte Clarence mit verbindlicher Abwehr, was aber den unheimlichen Jim keineswegs zu beruhigen, sondern eher sein Mißtrauen wachzurufen schien. »Kann sein,« wiederholte er, indem er plötzlich von Clarence wegtänzelte, »kann sein, du denkst ich lüge. Kann sein, du denkst, weil du Oberst Brants Sohn bist, könntest du mich hunzen mit deinem Zug. Kann sein,« fuhr er, wieder herangaloppierend, fort, »du denkst, weil du durchgegangen bist und ein Wickelkind mit aufgepackt hast, könntest du auch mich auskundschaften, Söhnchen. Kann sein,« er beschrieb einen Achter in dem Sand und klatschte abwechselnd mit den Händen gegen seine Stiefelschäfte, »kann sein, du schnupperst hier nur so herum und klatschst hernach beim Richter.«

In der festen Ueberzeugung, daß Jim sich durch diese Art von indianischem Kriegstanz in die rechte Stimmung zu einem gefährlichen Angriff auf ihn hineinarbeite, aber tief verletzt von seiner letzten höchst ungerechten Verdächtigung, wußte Clarence nichts zu thun, als wieder einmal in sein eigensinniges Schweigen zu verfallen. Glücklicherweise ließ in diesem Augenblick eine gebieterische Stimme den Ruf ertönen: »Gib Ruhe, Jim Hooker« und der verzweifelte Bursche war, wie gewöhnlich, im Nu spurlos verschwunden. Trotzdem erschien er eine Stunde später neben dem Wagen, worin die Kinder saßen, und sein Gesicht trug ganz den Ausdruck gesättigter Rache und blutigen Schuldbewußtseins, wozu das nach Indianerweise bis auf die Augen hereingekämmte Haar nicht wenig beitrug. Da er sich jedoch großmütig an einer hingeworfenen, höhnischen Kritik des kindlichen Kartenspiels, womit Susy und Clarence sich unterhielten, genügen ließ, so kam dieser zum erstenmal auf den Einfall, daß ein großer Teil von Jims Bosheit in dessen Haaren stecken müsse. Bei reiferer Überlegung fand er es dann recht seltsam, daß Herr Peyton keinen Versuch machte, die Besserung des jungen Sünders vermittelst einer Schere ins Werk zu setzen, obwohl er selbst vorher mindestens vier Tage lang sich alle Mühe gegeben hatte, Jims Frisur auf seinem eigenen Kopf nachzubilden.

Einige Zeit darauf beglückte Jim ihn abermals durch eine vertrauliche Unterredung. Clarence hatte die Erlaubnis erhalten, sich als Postillon auf eines der Wagenpferde zu setzen, und befand sich infolgedessen auf gleicher Höhe mit Jim, der sich ihm auf seinem mexikanischen Durchgänger anschloß – das Tier sah übrigens heute äußerst folgsam, schwerfällig und sogar ein wenig lahm aus, was aber sicher nur eins von seinen satanischen Kunststücken war.

»Wie viel hast du dir gedacht,« sagte Jim in einem Ton finsterer Vertraulichkeit, »Söhnchen, daß du mit dem Stehlen des kleinen Mädchenbalgs machen wirst?«

»Gar nichts,« versetzte Clarence lächelnd.

Möglicherweise war es schon ein Symptom des bedeutenden Einflusses, den Jim auf ihn gewann, daß er gar keinen Versuch machte, sich gegen die Andichtung verbrecherischer Handlungen aufzulehnen.

»Wenn's nicht Rache war, so sollt' es ein gutes Geschäft werden,« fuhr Jim, vor sich hinbrütend, fort.

»Nein, Rache war es nicht,« versicherte der Knabe hastig.

»Dann hast du wohl gerechnet, du werdest von dem Alten und seinem Weib hundert Dollars Finderlohn einstreichen, wenn sie nicht wären vorher skalpiert worden?« bemerkte Jim. »Das war verfluchtes Pech! Auf alle Fälle wirst du die Frau Peyton schwer einhängen, wenn sie die Kröte haben will. Sieh mal an, Bürschchen,« sagte er plötzlich zusammenschreckend und mit dämonischen Blicken unter seinen angeklebten Stirnlocken um sich spähend, »du wirst mir doch nicht weis machen wollen, daß die ganze Geschichte nicht abgekartet, eine rechte Buschklepperei war?«

»Eine was?« fragte Clarence.

»Willst du etwa behaupten,« – es war merkwürdig, wie seine Stimme von Sekunde zu Sekunde heiserer klang, – »willst du mir vorschwindeln, du hättest die Indianer nicht auf die Silsbeebande gehetzt und sie abthun lassen, damit du der Frau Peyton ein richtiges Waisenmädchen verschaffen kannst – hm?«

Jetzt mußte Clarence denn doch entrüsteten Widerspruch erheben, was Meister Jim aber verächtlich überhörte.

»Nur mir nichts vorgeflunkert,« wiederholte er geheimnisvoll. »Ich bin vom Handwerk und habe den Rummel los – wir verstehen uns,« und mit diesem durchtriebenen Vorgeben, im Besitz von Clarences verbrecherischem Geheimnis zu sein, verließ er ihn, ehe sein Vorgesetzter »Phil«, der oberste Fuhrmann, ihm die gewohnte Rüge erteilen konnte.

Aber nicht Clarence allein unterlag dem verderblichen Zauber; trotz Frau Peytons zärtlicher, eifersüchtiger Sorgfalt und dem häufigen Verkehr mit Clarence, sowie dem kleinen Kreis bewundernder Verehrer, der Susy immer umringte, ward es nur zu bald klar, daß der teuflische Jim sich dieser kleinen Eva insgeheim genähert und sie in Versuchung gefühlt hatte. Einmal fand es sich, daß sie Reiherfedern im Besitz hatte, womit sie ihr Köpfchen schmückte, ein andres Mal hatte sie sich Gesicht und Arme mit rotem und gelbem Ocker eingerieben und bekannte, daß diese Schönheitsmittel Geschenke von Jim Hooker waren, deren tieferen Sinn und Zweck sie aber nur Clarence allein offenbarte.

»Jim hat mir's geschenkt,« sagte sie, »und Jim ist selber so eine Art Indianer, der mir nichts thut, und wenn die bösen Indianer kommen, so werden sie denken, ich sei Jims Indianerkind, und davonlaufen, und Jim sagt, ich hätte nur zu sagen brauchen, daß ich ihm gehöre, wie sie gekommen sind, um Papa und Mama tot zu machen, dann wären sie fortgelaufen.«

»Aber,« bemerkte Clarence sachlich, »das hättest du nicht können, denn du warst ja um diese Zeit bei Frau Peyton.«

»Cla'ns,« sagte Susy, das Köpfchen schüttelnd und die runden blauen Augen mit unerschrockenem Lügenmut auf den Knaben heftend, »mach mir doch nichts weis – ich war dabei

Clarence fuhr zurück und wäre in seinem Entsetzen über Susys plötzlich zu Tage tretenden Hang zum Schwindeln um ein Haar aus dem Wagen gefallen.

»Aber« – es benahm ihm ordentlich den Atem – »aber – du weißt doch, Susy, daß wir vorher ausgestiegen waren.«

»Cla'ns,« entgegnete Susy mit Seelenruhe, indem sie eine Falte ihres Röckchens glatt strich, »schwatz doch nicht so. Ich war dabei. Ich war ein Üblebender. Der Mann in der Festung hat's gesagt. Die Überlebenden sind immer, immer dabei und wissen immer, immer alles.«

Clarence war zu verblüfft, um hier zu widersprechen. Es fiel ihm nun wieder ein, daß er damals schon bemerkt hatte, wie wichtig sich Susy durch die ihr in Fort Ridge zu teil gewordene Bezeichnung als »Ueberlebende« vorgekommen und wie sie seither in kindischer Weise bestrebt gewesen war, sich dieser Rolle würdig zu zeigen, wozu sie offenbar von dem boshaften Jim aufgestachelt worden war. Ein oder zwei Tage empfand Clarence eine wahre Scheu vor ihr und kam sich einsamer vor, denn je.

In dieser Stimmung und mit dem dumpfen Bewußtsein, daß sein Verkehr mit Jim bei Frau Peyton und ihrem Bruder sehr zu seinen Ungunsten sprach, so daß die erstere ihn auch für Susys unerfreulichen Umgang verantwortlich machte, geschah es, daß er sich einen jener jugendlichen Streiche zu Schulden kommen ließ, die von Erwachsenen oft streng und nicht immer richtig beurteilt werden. Da er sich, wie so viele andre, einbildete, man kümmere sich nur um ihn, soweit es sich darum handle, ihn im Zaum zu halten, und da er mit dem Scharfblick des Kindes, den wir in unsrer Selbstgefälligkeit so lange unterschätzen, herausgefunden hatte, daß Liebe und Bevorzugung in keinem logischen Zusammenhang mit Verdienst und Charakter stehen, wurde Clarence keck und knabenhaft frech. Als dann eines Tages das Gerücht ging, eine Herde Büffel sei in der Nähe, und der Zug werde am nächsten Morgen später als sonst vom Lager aufbrechen, weil Gildersleeve, Benham und einige andre ein Jagen veranstalten wollen, so ging Clarence bereitwillig auf Jims Plan, den Jägern insgeheim zu folgen, ein.

Die Verwirklichung dieses kühnen Gedankens erforderte Mut und Verschlagenheit. Sie verabredeten, daß Clarence bald nach Aufbruch der Jagdgesellschaft um die Erlaubnis bitten solle, auf einem der Zugpferde Reitübungen zu machen, eine Vergünstigung, die ihm schon häufig gewährt worden war. Er sollte sich dann das Ansehen geben, als ob der Gaul außerhalb der Umzäunung des Lagerplatzes mit ihm durchginge, worauf Jim ihm sofort nachsetzen würde. Da die Gesellschaft durch die Abwesenheit der Jäger und ihrer Pferde sehr zusammengeschmolzen war, würde die Möglichkeit, weitere Leute zu ihrem Beistand zu entsenden, ausgeschlossen sein.

Sobald sie außer Sicht sein würden, wollten sie der Spur der Jäger nachreiten und beim Zusammentreffen mit ihnen die nämliche Ausrede vorbringen mit dem Zusatz, daß sie den Weg zum Lager nicht mehr finden konnten. Der Plan war gut ausgedacht, und seine Einzelheiten wurden fast zu wirkungsvoll ausgeführt, da Jim, wie sich später herausstellte, um der scheinbaren Widerspenstigkeit von Clarences Pferd mehr dramatische Wirklichkeit zu verleihen, ihm einen Stechapfel unter den Sattel geschoben hatte, was der Knabe erst entdeckte, als er nahe daran war, im vollen Ernst abgeworfen zu werden. Vorwärts getrieben durch sehr auffällige Haltrufe und verschiedene Hiebe, die Jim dem Durchgänger von hinten erteilte, befanden sich Verfolgter und Verfolger bald jenseits des halb ausgetrockneten Flußbetts und des Erlengebüsches, das die Lagerstätte umgab, in Sicherheit. Niemand folgte ihnen. Sei es, daß die Fuhrleute die Absicht der Knaben durchschauten und ein Auge zudrückten, sei es, daß sie der Ansicht waren, die jugendlichen Reiter sollen selbst zusehen, wie sie zurechtkommen, kurz, man beunruhigte sich ihretwegen offenbar nicht.

Nachdem sie sich darüber vergewissert und sich eine allgemeine Idee von der Richtung der Jagd gebildet hatten, trabten die beiden Knaben seelenvergnügt vorwärts. Ein weiter Thalgrund öffnete sich vor ihnen, der sich allmählich bis zu einer halb mit Wasser gefüllten Lagune hinabsenkte, die durch den Austritt des Stroms, in dessen Gebiet sie heute gelagert hatten, gespeist wurde. Der Tümpel war von Baumstämmen und Buschwerk halb versteckt, und jenseits des Gewässers erstreckte sich als unbegrenzter Weideplatz ihres gewaltigen Wildes die weite, endlose Prairie. Hierher kamen die Büffel, wie Jim seinen Zögling mit krächzender Stimme belehrte, zur Tränke; etliche hundert Fuß weiter schreckte er theatralisch zusammen und stieg ab, um bedächtig den Boden zu untersuchen, der über und über mit halbkreisförmigen Eindrücken besät war, die er geheimnisvoll als Büffelspuren bezeichnete. Für Clarences unerfahrenes Begriffsvermögen hatte die Oberfläche der Heide große Aehnlichkeit mit einer gewöhnlichen Viehweide, was ein wenig erkältend auf seine romantische Stimmung wirkte. Die beiden Spießgesellen machten jedoch Halt und nahmen eine zunftmäßige Untersuchung ihrer Waffen und Ausrüstung vor.

Die ersteren waren zwar in großer Mannigfaltigkeit vorhanden, aber weder ausreichend noch zweckmäßig. Bei der Notwendigkeit eines geheimen, fluchtartigen Aufbruchs hatte Jim sich auf eine alte doppelläufige Vogelflinte, die er in der Regel auf der Schulter zu tragen pflegte, beschränken müssen, dazu kam ein altmodischer Revolver, dessen sechs Läufe nur gelegentlich und dann immer zu ganz unerwarteter Zeit losgingen und der wegen seiner täuschenden Aehnlichkeit mit einem Küchengeräte unter dem Namen »Allens Pfefferbüchse« ging, und ein Bowiemesser. Clarence führte einen Indianerbogen und Pfeile bei sich, womit er sich im Schießen geübt hatte, und außerdem hatte er ein Beil unter der Satteldecke versteckt. Jim überließ ihm großmütig den Revolver und nahm dafür das Beil, ein Tausch, der Clarence zuerst hoch beglückte, bis er bemerkte, wie kriegerisch und malerisch sich das in Jims Gürtel steckende Beil ausnahm. Die Flinte, die, wie Jim ihm indessen auseinandersetzte, »extra geladen« und bis in die Mitte mit Bleistücken und Revolverkugeln vollgestopft war, konnte von niemand außer ihm selbst abgefeuert werden, was übrigens, wie er dunkel andeutete, sogar für ihn gefährlich war. Die Armseligkeit dieser Ausrüstung wurde aber reichlich ausgeglichen durch die Wunder, die nach Jims Bericht von »Kerls, die er kannte«, mit ebenso mangelhaften Waffen verrichtet worden waren. Er selbst hatte einmal einen »Bullen« durch einen kühnen Revolverschuß in das offene Maul, der sein »Inneres« durchbohrt habe, niedergestreckt, und ein Freund von ihm, wirklich einer von seinen intimen – er saß jetzt in Louisville im Loch, weil er einen Amtsdiener erschlagen hatte – war eines Tages ganz allein und unberitten mit einem einfachen Taschenmesser und einem Lasso unter eine Büffelherde geraten; er war dann ganz ruhig einem der gewichtigsten Vierfüßler auf den Rücken gesprungen, hatte sich mit seinem Lasso an dessen Hörnern festgeknüpft und sich, ihn mit dem Messer vorwärts treibend, tagelang von dem Fleisch ernährt, das er dem lebenden Tier ausschnitt, bis dieses, von seinen Gefährten verlassen und von Blutverlust erschöpft, schließlich an der Umzäunung des Lagers, wohin er es mit Schlauheit gelenkt hatte, zusammenbrach und seinem Besieger unterlag. Allerdings benahm diese Erzählung Clarence einigermaßen den Atem, und er hätte große Lust gehabt, etliche Fragen auszuwerfen, allein sie waren mutterseelenallein in der Prairie und waren Verbündete in einem gemeinsamen Unternehmen: die glorreiche Morgensonne ging sieghaft auf, die reine kühle Morgenluft war berauschend und stärkte jeden Nerv – in solch wonniger Jugenddämmerung hält man kein Ding für unmöglich!

Der Thalgrund, durch den sie ritten, war da und dort durch Erdspalten und Wasserlachen zerklüftet, und einige Vorsicht in Bezug auf den Weg war geboten. Als sie einmal Halt machten, fiel Clarence ein dumpfes, eintöniges Geräusch auf, das mit dem schweren, regelmäßigen Fall einer Wassermasse über einen Damm große Aehnlichkeit hatte. So oft sie dem Lauf ihrer Pferde Einhalt thun mußten, wurde das Geräusch wieder hörbar und nahm an Stärke zu. Schließlich gesellte sich ein leises, aber unverkennbares Zittern des Erdbodens hinzu, das vollends die Nähe eines Wasserfalles zu verraten schien. Diese Erscheinung machte sie etwas unsicher über die Richtung, die sie eingeschlagen hatten, und während sie zögernd überlegten, ob sie auch wirklich auf der richtigen Fährte seien, machten sie die erschreckende Wahrnehmung, daß das Geräusch sich ihnen näherte! Einer natürlichen Regung gehorchend, galoppierten sie rasch dem Wassertümpel zu, und als das Gehölz sich vor ihnen aufthat, stieß Jim einen verzückten Schrei aus: »Himmel, sie sind's!«

Auf den ersten Blick kam es Clarence vor, als ob der Erdboden zerklüftet sei und sich in hochgetürmten Wogen auf sie zuwälze, ein zweiter Blick zeigte ihm die wiegenden Häupter einer riesigen Büffelherde und da und dort, aus ihrer Menge hervortauchend oder halb in die hinter ihnen aufwirbelnde Staubwolke gehüllt, wilde Gestalten und das rasche Aufblitzen eines Schusses. Er konnte den Eindruck von Wasserwogen noch nicht los werden, und es wollte ihn jetzt bedünken, als ob eine stürmische Hochflut sich unsichtbar auf den Wassertümpel zuwälze und alles, was ihr in den Weg kam, mit sich forttrüge. Gespannten Blickes sah er sich in sprachloser Erwartung nach seinem Gefährten um.

Aber ach! Dieser tollkühne Held und mächtige Weidmann war allem Anschein nach nicht minder verblüfft als er selbst! Allerdings blieb er wie festgewurzelt im Sattel und saß als schlanke, regungslose Heldengestalt zu Roß, wobei er krampfhaft mit einer merkwürdigen Regelmäßigkeit abwechselnd nach seinem Beil und nach seiner Flinte griff. Wie lang diese halbe Lähmung bei ihm angehalten haben würde, ist nicht zu sagen, denn im nächsten Augenblick brach die ganze Herde mit betäubendem Getöse durch das Buschwerk und stürmte, rechts von dem Gewässer abschwenkend, geradeswegs auf sie los. Nun waren alle Zweifel und alles Zögern zu Ende. Der weitblickende mexikanische Durchgänger drehte sich, fürchterlich schnaubend, herum und flog samt seinem Reiter rasend davon, und Clarences bescheidenes Zugpferd folgte, ohne Zweifel aus rührender Anhänglichkeit, sofort seinem Beispiel, so daß beide verständige Tiere gleich darauf in edlem Wetteifer Kopf an Kopf dahinsausten.

»Warum reiten wir denn davon?« fragte der harmlose Clarence keuchend.

»Da hinten sind Peyton und Gildersleeve, sie könnten uns sehen,« erwiderte Jim, gleichfalls nach Luft schnappend.

Es fuhr Clarence wohl durch den Sinn, daß die Büffel ihnen weit näher waren als die Jäger und daß die stampfenden Hufe von einem Dutzend Bullen unmittelbar in ihrem Rücken vernehmbar waren, aber alle Kraft seiner angestrengten Lungen zusammennehmend, rief er wohlgemut: »Wann jagen wir sie denn?«

»Sie jagen?« kreischte Jim mit einem krampfhaften Anfall von Wahrheitsliebe, »meiner Seel, sie jagen uns – hol's der Henker.«

Es war in der That kein Zweifel möglich, daß die vor Angst tollen Pferde in wilder Flucht vor den gleichfalls angstgescheuchten Büffeln dahinjagten. Durch das Durchreiten einer Erdspalte, die von den Büffeln umgangen werden mußte, gewannen sie einen augenblicklichen Vorsprung, allein wenige Augenblicke nachher überholte sie ein Teil der Herde, der jener Wasserlache auf der andern, kürzeren Seite ausgewichen war, und nun waren sie mitten drin. Die Erde erbebte unter den stampfenden Hufen, der qualmende Atem der Tiere, vermengt mit dem feinen stechenden Staub, der die Luft erfüllte, erstickte und blendete Clarence fast. Nur undeutlich konnte er erkennen, daß Jim verzweifelnd sein Beil nach einer Büffelkuh warf, die ihm hart an den Flanken war, und als sie wieder in eine Vertiefung hinabtauchten,, sah er den Freund in äußerster Verzweiflung die verhängnisvolle Flinte erheben. Clarence lag fest an seines Pferdes langgestreckten Hals geklammert; ein blendend heller Lichtblitz flammte auf: ein einziger betäubender Knall aus beiden Läufen, Jim taumelte nach der einen Seite hin fast aus dem Sattel, während die noch rauchende Flinte in der andern Richtung über seinen Kopf hinweg zu springen schien, und dann waren Roß und Reiter in einer dichten Wolke von Staub und Pulverdampf verschwunden. Einen Augenblick später hielt Clarences Gaul mit einem plötzlichen Ruck still, und der Knabe fühlte sich über den Pferdekopf weg in den Graben geschleudert, wo er auf ein hüpfendes Kissen von krausen, wirren Haaren aufzufallen glaubte. Es war der zottige Rücken eines riesigen Büffels. Jims verzweifelter Schuß ins Blaue hatte seine doppelte Ladung einem vor ihm hertrabenden Bullen ins Hinterbein gejagt, und das Tier war mit zerrissenen Knieflechsen unmittelbar vor den Füßen von Clarences Pferd in eine tiefe Wasserrinne gestürzt.

Betäubt aber unverletzt kollerte der Knabe von den Schultern des mächtigen Tieres zu Boden und stellte sich etwas mühsam wieder auf die eigenen Füße. Nicht nur sein Pferd war fort, sondern auch die gesamte Büffelherde schien vorübergefegt zu sein, und er vernahm die Zurufe der unsichtbaren Jäger nur noch aus einiger Entfernung.

Offenbar hatten sie seinen Sturz nicht bemerkt. Der Abhang war ihm zu steil, als daß er ihn mit seinen schmerzenden Gliedern hätte erklettern können, die minder schroffe Seite, die er und der Büffel, als der Zusammenstoß stattgefunden hatte, herabgeglitten waren, befand sich im Rücken des verwundeten Tieres. Clarence suchte dahin zu gelangen, als das Ungeheuer sich mit großer Anstrengung auf drei Beine aufrichtete, eine halbe Wendung machte und ihm gerade ins Gesicht glotzte.

Die Ereignisse waren sich zu rasch gefolgt, als daß der unerfahrene Knabe Zeit gehabt hätte, thatsächlich Furcht oder irgend etwas andres als milde Erregung und Verwirrung zu empfinden, allein der Anblick dieser ungeheuren zottigen Stirne, die den ganzen Erdriß auszufüllen schien, und die sich mit grauenhafter Entschlossenheit zwischen ihm und dem Rettungsweg aufpflanzte, ließ ihn vor Entsetzen erbeben. Die großen, glotzenden, blutunterlaufenen Augen starrten ihn mit dumpfer, verwunderter Wut an, die riesigen feuchten Nüstern waren ihm so nah, daß schon das erste gereizte Schnauben ihn zurücktaumeln machte wie ein Windstoß. Die Schlucht war nur eine schmale und kurze Erdspalte, ein paar Schritte nach rückwärts, und er hatte ihr Ende erreicht und stand vor einer nahezu senkrechten Felswand von fünfzehn Fuß Höhe. Wenn er den Versuch wagte, an ihrem zerbröckelnden Gestein hinaufzuklettern, so konnte er fallen, und dann würden diese kurzen gefährlichen Hörner bereit sein, ihn aufzuspießen. Es kam ihm zu entsetzlich, zu grausam vor! Er war ja so winzig klein neben diesem ausgewachsenen Ungeheuer – es war eine Ungerechtigkeit!

Die Thränen traten ihm in die Augen, und in wütender Auflehnung gegen die Unvernunft des Schicksals blieb er mit geballten Fäusten regungslos stehen. Mit schreckensvoller kindischer Wut heftete er den Blick auf diese düster glotzenden Augen; er wußte ja nicht, daß er selbst, dank dem merkwürdigen Vergrößerungsglas, das der Büffel in seinen konvexen Pupillen besitzt, ihm viel größer erschien, als er in Wirklichkeit war, und daß die schwerfällige Bestie die Entfernung durchaus nicht sicher bemessen konnte, ein Umstand, dem die Jäger so häufig ihr Entkommen verdanken. Das einzige, worauf er sann, war irgend ein verzweifeltes Angriffsmittel – ha! der Revolver! Der steckte ja noch in seiner Tasche! Bangen Herzens zog er ihn hervor – ach, das Ding sah dem großen Feind gegenüber so trostlos klein aus!

Mit flammenden Augen streckte er es von sich und zog den Drücker – ein schwaches Knacken folgte, noch eines und abermals eines – auch das versagte ihm! Noch einmal zerrte er wild an dem Drücker, es erfolgte ein lauter Knall und dann noch einer – Clarence trat zurück, aber die Kugeln hatten sich wirkungslos an dem undurchdringlichen Schädel des Untiers platt gedrückt. Noch einmal schoß er, wenngleich hoffnungslos – wieder ein Knall, plötzlich ein wütendes Aufbrüllen, und das furchtbare Tier warf den Kopf mild auf die Seite und bohrte sein linkes Horn tief in das zerbröckelnde Gestein neben sich. Wieder und wieder stieß er nach der Wandung der Schlucht, riß das Horn wieder heraus und setzte eine Lawine von Steinen und Erde in Bewegung, und erst nach ein paar Sekunden erkannte Clarence bei einer Wendung des wild um sich fahrenden Kopfes die Ursache dieser Wut. Aus seinem linken Auge strömte das Blut, die letzte Kugel war eingedrungen und der Bulle geblendet! Ein entsetzlicher Aufruhr entstand in Clarences Gemüt: eine jähe Gewissensqual befiel ihn, die ihn noch fürchterlicher bedrängte als zuvor die Todesangst – er hatte das gethan! Nicht nur der Trieb der Selbsterhaltung, sondern auch die Scheu vor dem grauenvollen Anblick ließ ihn auf seine schleunige Rettung bedacht sein, und er machte sich den nächsten Wut- und Schmerzensausbruch des Tieres, wobei es sich immer auf der linken Seite wälzte, zu nutze, um zur Rechten an ihm vorüber zu schlüpfen, den Abhang zu erreichen und in wilder Hast hinaufzukriechen. Als er die offene Heide erreicht hatte, lief er, ohne sich nach einer Richtung umzusehen, blindlings davon, nur um das todesbange Gestöhn nicht mehr zu hören und den anklagenden Blick des wunden, von Blut überquellenden Auges nicht mehr zu sehen.

Mit einemmal vernahm er aus der Entfernung einen ärgerlichen Zuruf. Auf den ersten raschen Blick war ihm die Heide leer und verlassen erschienen, aber als er jetzt aufschaute, gewahrte er zwei Reiter, die, ein drittes Pferd am Lasso führend, rasch auf ihn zukamen. Zugleich mit dem wohligen Gefühl des Gerettetseins überkam ihn ein Verlangen nach Teilnahme und ein fieberhaftes Bedürfnis, sich auszusprechen, aber als die Reiter näher kamen, entdeckte er, daß es Gildersleeve, der Kundschafter, und Henry Benham waren, und daß sie, weit entfernt, über seine Auffindung entzückt zu sein, höchst ärgerlich und ungeduldig dreinschauten. Diese abermalige Enttäuschung versetzte den Knaben sofort wieder in seine dumpfe Verstocktheit.

»Nun, Bursche, hol's der Teufel! Wirst du wohl aufsitzen, oder hast du im Sinn, den Zug noch eine Stunde länger aufzuhalten mit deiner verfluchten Narretei?«

Der Knabe zögerte einen Augenblick und bestieg dann, ohne ein Wort zu sagen, mechanisch sein Pferd.

»Wär' ihnen recht geschehen, man wäre weiter gefahren und hätte sie gelassen, wo sie sind,« brummte Benham giftig.

Einen Augenblick durchfuhr Clarence der wilde Gedanke, vom Pferd zu springen und ihnen zuzurufen, sie sollten gehen und ihn verlassen! allein ehe sich dieser Drang in die That umsetzen konnte, schlugen die beiden Männer einen raschen Galopp an und rissen sein mit dem Lasso an Gildersleeves Sattel gebundenes Pferd mit sich fort.

Zwei Stunden darauf hatten sie den schon im Marsch begriffenen Zug erreicht und schlossen sich den Vorausreitenden an. Herr Peyton wandte sich mit etwas verblüffter, aber keineswegs unfreundlicher Miene Clarence zu und hieß ihn durch ein nachsichtiges Lächeln willkommen, wobei der Groll des Jungen sofort geschmolzen war.

»Nun, Clarence, jetzt gib deine Erlebnisse zum besten! Was ist geschehen?«

Clarence sah sich hastig um und bemerkte, daß Jim mit abgewendetem Gesicht und düsterer Miene hinterdrein ritt. Dann erzählte er erregt und sich überstürzend, wie er auf des Büffels Rücken in die Schlucht gestürzt und wie er der Gefahr entronnen sei, wobei ein vernehmliches Kichern unter den Reitern entstand.

Herr Peyton sah ihn sehr ernsthaft an und fragte: »Wie kam es denn aber, daß der Büffel so liebenswürdig war, in die Schlucht zu gehen?«

»Jim Hooker hatte ihn angeschossen, und da ist er hineingestürzt,« sagte Clarence schüchtern.

Ein nicht enden wollendes homerisches Gelächter brach los; Clarence sah sich bestürzt und verletzt um, aber ein einziger Blick in Jim Hookers Gesicht genügte, ihn die eigene Kränkung vergessen zu machen. Der Ausdruck hoffnungsloser, herzbrechender Niedergeschlagenheit – es war zum erstenmal, daß er ein wahrhaftiges Gefühl von diesen Zügen ablesen konnte – verriet ihm die traurige Wahrheit. Jim ging an seinem schlechten Ruf zu Grunde! Das einzige wahre und nennenswerte Erlebnis und der einzige wahrheitsgetreue Bericht, den er erstattet hatte, waren einstimmig für die plumpste, unverfrorenste Lüge seines Lebens erklärt worden.

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