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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Viertes Kapitel

Der rasche Ritt nach der Haltestelle des Zugs war für die beiden Kinder, die sich in den starken Armen ihrer Beschützer sicher fühlten, eine wahre Wonne, und sie beklagten nur insgeheim, daß dies Vergnügen nicht länger dauerte. Der flüchtige Galopp der feurigen Mustangs, das Sausen des Nachtwinds, die tiefe Dunkelheit, worin sich die Wagen wie gewölbte Hütten vom Horizont abhoben, alles erschien ihnen als ein prächtiger, wohlgelungener Abschluß dieses ereignisreichen Tages. Bei der beneidenswerten Vergeßlichkeit der Jugend hatte die überstandene Not und Fährlichkeit keine störende Erinnerung in ihnen zurückgelassen, sie wären ganz bereit gewesen, ihren dummen Streich am andern Tag noch einmal zu machen, und hätten vertrauensselig auf einen ebenso glücklichen Ausgang gerechnet, und als Clarence, der schüchtern die Hand nach den lose gehaltenen Zügeln ausstreckte, diese mit einem Scherzwort des kühnen und sicheren Reiters eingehändigt erhielt, fühlte sich der Knabe wirklich und wahrhaftig als Mann.

Allein es waren ihnen noch größere Ueberraschungen vorbehalten. Als sie in die Nähe der Wagen kamen, die mit einer gewissen militärischen Ordnung im Kreis aufgefahren waren, sahen sie sofort, daß die Einrichtungen der fremden Gesellschaft weit reicher und behaglicher waren als ihre eignen oder irgend welche, die sie bisher kennen gelernt hatten. Vierzig bis fünfzig Pferde waren innerhalb des Kreises angebunden, und die Lagerfeuer flackerten schon hell. Vor einem der Feuer war ein großes Zelt aufgeschlagen, und sie erblickten durch die offen flatternden Zelttücher einen gedeckten Tisch, der sogar ein weißes Tischtuch aufzuweisen hatte. War da ein Fest, oder war dies täglicher Brauch? Clarence und Susy dachten beide an ihre sonstigen Mahlzeiten, die gewöhnlich unter freiem Himmel auf kahlen Brettern aufgetragen oder, wenn es regnete, unter dem niederen Wagendach eingenommen wurden, und wunderten sich. Als sie aber schließlich vom Pferd gehoben wurden und im Vorübergehen sahen, daß der eine Wagen als richtiges Schlafzimmer, der andre als Küche eingerichtet war, konnten sie sich nur in stummer Bewunderung einen geheimen Rippenstoß versetzen, aber auch hier trat wieder die früher schon hervorgehobene Verschiedenheit im Empfinden und Denken der beiden Kinder zu Tage. Beide waren gleichermaßen angenehm überrascht, allein Susy verwunderte sich über ein völlig Neues, nie Dagewesenes und hegte dabei einen leisen Zweifel, ob die Dinge, die sie sah, denn auch wirklich nötig seien, während Clarence, ob aus früherer Gewohnheit oder Naturanlage, die tiefe Ueberzeugung hatte, daß, was er hier sah, das Richtige war, und was er bei den Silsbees gesehen hatte, die Abweichung von der Regel. In dieses Gefühl mischte sich ein leiser Zug der Beschämung über Susys Verwunderung, durch den sie sich, so kam es ihm vor, lächerlich machen mußte.

Der Mann, der ihn vor sich aufs Pferd genommen hatte, und der das Haupt der Gesellschaft zu sein schien, war sofort in das Zelt getreten und erschien gleich darauf wieder mit einer Dame, der er hastig die nötigen Mitteilungen machte. Das Gespräch bezog sich jedenfalls auf die Findlinge, allein Clarence gab nicht acht darauf, weil er zu sehr mit der Thatsache beschäftigt war, daß diese Dame hübsch, zierlich und musterhaft rein gekleidet war, daß ihre Haare glattgekämmt und nicht wirr waren und daß sie zwar eine Schürze trug, diese aber so rein war wie ihr Kleid. Und als sie nun rasch auf sie zulief und mit einem bezaubernden Lächeln die verwunderte Susy in ihre Arme schloß, übersah Clarence in der Freude für seine Schutzbefohlene völlig, daß er selbst keiner Beachtung gewürdigt wurde. Der bärtige Mann, der offenbar der Gatte der Dame war, mußte diese Unterlassung gerügt und ihr noch einiges gesagt haben, was Clarence nicht verstehen konnte, denn sie sagte mit einer reizenden Schmollmiene: »Ach, das finde ich nur in der Ordnung« und trat dann mit dem nämlichen leuchtenden Blick auf ihn zu und legte ihm die schmale, reine, weiße Hand auf die Schulter.

»Und du hast so gut für die Kleine gesorgt? Ja, sie ist aber auch ein Engel, – nicht wahr? – und du mußt sie sehr lieb haben?«

Clarence ward ganz rot vor Freude. Es war ihm allerdings bis jetzt nie in den Sinn gekommen, Susy im Licht eines überirdischen Wesens zu betrachten, und es ist zu fürchten, daß die Schönheit der Sprecherin ihm mehr Eindruck machte, als ihre Anerkennung für seine kleine Gefährtin, aber er freute sich doch um ihretwillen. Er war noch nicht alt genug, um den unerschütterlichen Glauben des andern Geschlechts an seine Herrschaft über den Mann in allen Altersstufen zu begreifen – er wußte nicht, daß »Hänschen« in seinem gewürfelten Schürzchen unwiederbringlich verloren ist, wenn »Annchen« im Flügelkleid ihn erobern will, und daß er von Rechts wegen in Susy hätte verliebt sein müssen.

Wie dem auch sein mochte, die Dame schleppte die Kleine sofort nach dem Heiligtum ihres eigenen Wagens, aus dem sie später gewaschen, gekämmt und mit Bändern geschmückt wie eine neue Puppe hervorgehen sollte, während Clarence mit dem Gatten und einem andern Mann von der Gesellschaft allein gelassen wurde.

»Nun, mein Junge, ich weiß ja noch nicht einmal wie du heißest!«

»Clarence.«

»So nennt dich Susy – aber wie weiter?«

»Clarence Brant.«

»Mit Oberst Brant verwandt?« fragte der andre so obenhin.

»Er war mein Vater,« versetzte der Junge und strahlte bei der Aussicht, in seiner Verlassenheit Bekannte zu finden.

Die beiden Männer tauschten einen raschen Blick aus, und der Anführer betrachtete sich den Knaben mit einer gewissen Neugier.

»Du bist ein Sohn von Oberst Brant in Louisville?«

»Ja, mein Herr,« versetzte der Knabe mit einem dumpfen Gefühl des Unbehagens. »Aber mein Vater ist gestorben.« »Ach – wann starb er denn?« fragte der andre rasch.

»Schon lange – ich erinnere mich seiner nicht mehr recht – ich war damals noch sehr klein,« sagte Clarence entschuldigend.

»So so – du erinnerst dich seiner nicht?«

»Nein,« gab der Knabe kurz zur Antwort. Er fing wieder an, in jenen Zustand von Verstocktheit zu verfallen, der sich bei feinfühligen Kindern immer einstellt, wenn sie die Unfähigkeit erkennen, ihrem innersten Empfinden den rechten Ausdruck zu verleihen. Ueberdies trug er die instinktive Gewißheit in sich, daß diese mangelnde Kenntnis seines Vaters auch ein Teil von dem Unrecht war, das ihm zugefügt worden, und sein Unbehagen ward nicht vermindert, als er bemerkte, wie einer der Männer sich halb lachend umwandte und offenbar seinen Angaben keinen Glauben beimaß.

»Wie bist du denn zu den Silsbees gekommen?« fragte der erste wieder.

Clarence wiederholte mechanisch, mit kindischem Widerwillen gegen thatsächliche Einzelheiten, daß er in St. Jo bei einer Tante gelebt habe und daß seine Stiefmutter ihn den Silsbees übergeben habe, daß sie ihn nach Kalifornien mitnähmen, wo er einen Verwandten treffen solle. Er fühlte wohl, daß die zerstreute, widerwillige Art, wie er seine Geschichte vortrug, sehr gegen ihn sprach, aber er war nicht im stande, das zu ändern.

Der erste Sprecher hörte ihm gedankenvoll zu und warf dann einen Blick auf seine sonnverbrannten Hände. Mit einemmal kehrte aber sein gutmütiges Lächeln zurück.

»Nun, ich denke, du wirst Hunger haben, kleiner Mann.«

»Ja,« sagte Clarence schüchtern, »aber –«

»Aber was?«

»Ich möchte mich ein wenig waschen,« erwiderte er zaghaft in Gedanken an das hübsche Zelt, die schöne Dame und Susys neue Bänder.

»Das sollst du auch,« versetzte sein Gönner erfreut. »Komm nur mit!«

Statt Clarence zu einem buckeligen zinnernen Eimer und einem Brocken gelber Seife zu führen, wie sie das Waschgeräte der Silsbeeschen Gesellschaft gebildet hatten, brachte er den Knaben in einen Wagen, wo ein Waschtisch, eine Porzellanschüssel und feine, duftende Seife zu finden waren. Er blieb neben ihm stehen und beaufsichtigte Clarences Reinlichkeitsbestrebungen, was den Knaben nicht wenig in Verlegenheit setzte. Plötzlich bemerkte er etwas unvermittelt: »Du erinnerst dich aber doch deines väterlichen Hauses in Louisville?«

»Ja wohl – aber es ist lange her, daß wir dort wohnten.«

Clarence erinnerte sich sehr wohl, daß dies Heim ganz anders gewesen war als seine Wohnstätte in St. Joseph, aber ein angeborenes Gefühl des Mißtrauens hielt ihn ab, es zu schildern, und er sagte nur, das Haus sei, so viel er sich erinnre, sehr groß gewesen. Die bescheidene Antwort machte nur, daß sein neuer Freund ihn noch schärfer ins Auge faßte.

»Dein Vater war also Oberst Hamilton Brant in Louisville, nicht wahr?« sagte er halb vertraulich.

»Ja,« erwiderte Clarence sehr entmutigt.

»Nun gut,« bemerkte der andre heiter, wie wenn er ein unlösbares Rätsel beiseite schieben wollte. »Jetzt wollen wir zum Abendbrot gehen.«

Als sie das Zelt wieder erreicht hatten, ward Clarence inne, daß der Tisch nur für Herrn und Frau Peyton und den einen der Männer – er wurde mit »Harry« angeredet, sprach aber selbst von dem Anführer und der Dame als Herr und Frau Peyton – gedeckt war, während die übrigen Männer, etwa zwölf an Zahl, malerisch um ein andres Lagerfeuer herumsaßen und es sich nach Herzenslust wohl sein ließen. Hätte der Knabe wählen dürfen, er würde sich dieser Gruppe zugesellt haben, teils weil es ihm männlicher vorkam, teils weil er eine Wiederholung des Verhörs fürchtete, allein Susy, die auf einem improvisierten hohen Stuhl thronte, lenkte in diesem Augenblick seine Aufmerksamkeit glücklich ab, indem sie auf den leeren Platz neben sich deutete.

»Cla'ns,« rief sie dann mit gewohnter, erschreckender Offenheit, »es gibt Hühner und Schinkeneier und heiße Kuchen und Süßes und der Herr Peyton sagt, ich kriege von allem!«

Clarence, der sich mit einemmal für Susys Manieren verantwortlich fühlte, entdeckte mit Betrübnis, daß sie ihre neusilberne Gabel mit der runden kleinen Faust in der Mitte gepackt hatte, und da seine früheren Erfahrungen mit ihr ihn voraussehen ließen, daß sie alsbald damit in eine der vor ihr stehenden Platten fahren werde, machte er leise: »Bst! Bst!«

»Ja, das sollst du auch, Herzchen,« flüsterte ihr Frau Peyton zärtlich und ermutigend zu, während ihr Blick den Knaben mit leisem Vorwurf streifte, »du darfst essen, was du magst, mein Liebling!«

»Das ist doch eine Gabel,« tuschelte ihr der besorgte Knabe ins Ohr, da Susy geneigt schien, das neue Instrument zum Umrühren ihrer Milch zu benutzen.

»Ist nicht wahr, Cla'ns – nein, ist nur ein geschlitzter Löffel,« versicherte Susy, ohne sich draus bringen zu lassen.

Allein Frau Peyton nahm in ihrer Verzückung über die Kleine keinen Anstoß an solchen Formfehlern; sie überfütterte das Kind mit Leckerbissen, vergaß ganz, selbst etwas zu genießen, und hielt nur zuweilen inne, um ihr die widerspenstigen Locken aus dem Gesichtchen zu streifen. Herr Peyton sah dem Treiben ernst und befriedigt zu, und mit einemmal begegneten sich die Blicke von Mann und Frau.

»Sie wäre jetzt fast gerade so alt, Hans!« sagte Frau Peyton mit leiser Stimme.

Der Gatte nickte ihr wortlos zu und wandte die Augen ab, als ob er in die Dunkelheit hinausspähe, wahrend der Mann, den sie Harry nannten, geistesabwesend auf seinen Teller blickte, als ob er ein Tischgebet spräche. Clarence machte sich allerhand Gedanken, wer sie wohl sein könnte und weshalb zwei helle Thränentropfen von Frau Peytons Wimpern gerade in Susys Milchtasse fielen und ob Susy nicht heftigen Widerwillen dagegen äußern werde. Erst viel später erfuhr er, daß die Peytons ein einziges Kind gehabt und verloren hatten, und Susy verschlang den Trank, in den sich Mutterschmerz und Liebe gemischt hatten, ohne Bedenken.

»Ich denke mir, wir holen ihren Zug morgen früh ein, falls ihre Leute uns nicht heute noch auffinden,« sagte Frau Peyton mit einem tiefen Seufzer und einem sehnsüchtigen Blick auf Susy. »Vielleicht könnten wir eine Weile gemeinsam reisen,« setzte sie schüchtern hinzu.

Harry lachte und Herr Peyton versetzte ernsthaft: »Ich fürchte, unser Bedürfnis nach Gesellschaft würde doch nicht stark genug sein, uns diese annehmbar zu machen; übrigens,« seine Stimme klang noch ernster und leiser, »ist es wirklich seltsam, daß ihre Fahnder noch nicht auf uns gestoßen sind, obwohl ich Peter und Hanke beständig Wache stehen lasse.«

»Es ist ganz einfach herzlos,« erklärte Frau Peyton mit Entrüstung. »Ich würde es mir ja gefallen lassen, wenn es sich nur um den Jungen handelte – er weiß sich ja zu helfen – aber sich um ein reines Kind, wie dieses hier, gar nicht zu kümmern, ist geradezu schamlos.«

Zum erstenmal lernte Clarence die Grausamkeit der Parteilichkeit kennen, und er empfand es um so herber, als er angefangen hatte, diese holdselige, weichherzige Dame auf seine jungenhafte Art zu vergöttern. Vielleicht bemerkte Herr Peyton, wie ihm zu Mute war, denn er kam ihm zu Hilfe.

»Möglich, daß sie genauer als wir wissen, in welch guter Hut sie die Kleine gelassen haben,« sagte er und nickte Clarence wohlwollend zu. »Andrerseits können sie auch so gut wie wir durch Indianer genarrt und von der rechten Spur abgelenkt worden sein.«

Diese Vermutung rief bei dem Knaben die Erinnerung an die Erscheinung in dem hohen Heidegras wach – sollte er es wagen, davon zu erzählen? Würde man ihm Glauben schenken, oder ihn in ihrer Gegenwart auslachen? Er wußte nicht, was er thun sollte, faßte dann aber den Entschluß, sein Erlebnis dem Gatten im Vertrauen mitzuteilen. Als das Mahl beendet war und er die Freude erlebt hatte, daß seine freiwillig angebotene Hilfe beim Abräumen des Tisches und beim Geschirrwaschen von Frau Peyton lächelnd angenommen worden war, ließen sich alle vor dem Zelt an dem großen Lagerfeuer behaglich nieder. An dem andern Feuer machte die übrige Gesellschaft unter Lachen und Schwatzen ein Kartenspiel, aber Clarence trug kein Verlangen mehr, sich ihr zuzugesellen. Sein Gemüt war in der mütterlichen Nähe seiner Wirtin ruhig geworden, und höchstens der Gedanke an sein Verschweigen des Indianerabenteuers störte ab und zu seinen Frieden.

»Cla'ns,« sagte Susy, eine Pause im Gespräch benutzend, in ihren höchsten Tönen, »kann sprechen. Sprich doch, Cla'ns.«

Clarence erläuterte unter heftigem Erröten diesen etwas dunkeln Ausspruch dahin, daß Susy nicht die gewöhnliche Fähigkeit des Sprechens, sondern das Hersagen von Versen meine, worauf die Gesellschaft so artig war, ihn dringend um einen Vortrag zu bitten.

»Sag' es doch, Cla'ns – von dem Knaben, der auf dem brennenden Schiff stand und sagte: ›Der Junge, ach, wo ist er?‹« schlug Susy, die sehr behaglich in Frau Peytons Schoß lag und ihre nackten Kniee betrachtete, wohlmeinend vor. »Es kommt drin von einem Jungen,« setzte sie vertraulich gegen ihre mütterliche Freundin hinzu, »dem sein Vater nie, gar nie mit ihm auf einem brennenden Schiff hat bleiben wollen, und er hat doch immerfort gesagt: ›Bleib, Vater, bleib!‹«

Nach dieser ungemein klaren, deutlichen und befriedigenden Inhaltsangabe von Cäcilia Hemans' Gedicht: »Casabianca« begann der Knabe, aber unglücklicherweise war sein heutiger Vortrag dieser beliebten Schuldeklamation mehr Gedächtnis- als Gefühlssache und er begleitete die Verse mit jenen eingelernten hölzernen Gebärden, wie ein Schulmeister im Westen sie seinen Zöglingen beizubringen pflegt. Die Flammen, die ihn umloderten, schilderte er, indem er mit den Händen einen vollständigen Kreis beschrieb, dessen Mittelpunkt er selbst war; er richtete an seinen Vater, den Admiral Casabianca, Worte der Beschwörung und hielt dabei die Hände unterm Kinn gefaltet, wie wenn er sich Handschellen anlegen lassen wollte – eine Stellung, die, wie er verzweifelnd fühlte, mit allem, was er je vorher gesehen und empfunden hatte, nicht die geringste Aehnlichkeit besaß, und er gebrauchte die nämliche Handbewegung für den Vater, der im Tod zusammenbricht, und die Flagge, die hoch in den Lüften flattert. Und doch leuchtete in seinen grauen Augen manchmal ein Etwas auf, das die Verse in seiner lebendigen Einbildungskraft entzündet haben mochten, und das doch nicht zu ihnen selbst gehörte, und dann bebte seine jugendliche Stimme so stark, daß die Worte mitunter undeutlich und zusammenhangslos wurden. Zuweilen verlor er das Bewußtsein dieser gemachten unwahren Kunst, die Ebene und alles, was darauf zu sehen war, schien in Nacht zu versinken, das flackernde Feuer zu seinen Füßen wehte einen bedeutungsvollen Glorienschein um ihn und ein unbestimmtes frommes Empfinden, eine große Hingebung – er wußte selbst nicht woran – durchdrang ihn so ganz, daß es auch die Hörer ergriff. Wahrscheinlich ging auch seine jugendliche Freude an stimmlichen Kraftleistungen auf sie über, denn als er mit glühenden Wangen die Schlußworte gesprochen hatte, fand er zu seiner Ueberraschung, daß die Kartenspieler ihren Platz am Feuer verlassen hatten und das Zelt umstanden.

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