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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Zweites Kapitel

Ihre erste Regung bei dieser Entdeckung war nichts als ein Freiheitsgefühl, wie es das dem Käfig entronnene Tier empfinden mag!

Sie sahen sich mit leuchtenden Blicken an und atmeten schweigend tief auf, allein dieser unbewußte Ausbruch der wilden Natur war bald vorüber, und Susys kleine Hand griff auf einmal nach Clarences Jacke und klammerte sich daran fest.

»Weit sind sie nicht,« sagte der Knabe, der ihre Bewegung wohl zu deuten wußte, »und sobald sie merken, daß wir fort sind, machen sie Halt.«

Sie marschierten etwas rascher voran; die Sonne, der sie nun schon so manchen Tag gefolgt waren, und die frischen Räderspuren des Zugs waren ihre untrüglichen Führer, und die kühle reine Luft der Prairie, die jetzt von Staub und Ausdünstung des Zugviehs frei war, stärkte mit würzigem Hauch ihre Kraft.

»Wir sind gar keine Bangebüchsen – nicht, Cla'ns?« bemerkte Susy fragend.

»Vor was sollten wir uns denn fürchten?« sagte Clarence verächtlich. Das stolze Wort wurde um so kräftiger betont, weil ihm plötzlich ins Gedächtnis gekommen war, wie man sie oft stundenlang in ihrem Wagen allein gelassen und sich nicht nach ihnen umgesehen hatte, so daß also ihr Fehlen ganz leicht unbemerkt bleiben konnte, bis der Zug zwei Stunden später Halt machen und in der Dämmerung das Nachtlager aufgeschlagen würde.

Die Kinder liefen nicht besonders rasch, aber, sei es, daß ihre Müdigkeit schon größer war, als sie selbst wußten, sei es, daß die dünnere Luft sich fühlbar machte, kurz beiden wurde das Atmen schwer. Plötzlich blieb Clarence stehen. »Dort sind sie.«

Er deutete auf ein leichtes Staubwölkchen am fernen Horizont, von dem sich eine Sekunde lang der dunkle Umriß eines Frachtwagens abhob, um sofort wieder spurlos zu verschwinden. Aber während sie hinsahen, schien sich auch die Rauchwolke wie ein trügerisches Phantasiegebilde zur Erde zu senken, der ganze Zug war nicht mehr sichtbar, und sie erblickten nur die endlos vor ihnen hinziehenden Wagengeleise. Sie wußten nicht, daß diese anscheinend topfebene Fläche in Wirklichkeit wellenförmiger Grund war, und daß der entschwundene Zug einfach vor ihren Augen einen Abhang hinuntergerollt war, wie schon einmal zuvor. Das wußten sie nicht, aber sie begriffen, daß sie eine große Enttäuschung erlebt hatten, und diese Enttäuschung offenbarte ihnen auch den Umstand, daß sie bisher ihre Befürchtungen voreinander verheimlicht hatten. Die Kleine unterlag der Angst zuerst und brach in heftiges, zorniges Weinen aus, und dieses Zeichen der Schwachheit genügte, um des Knaben Stolz und Kraft wachzurufen. Von diesem Augenblick an waren sie nicht mehr Leidensgefährten, sondern er war ihr Beschützer geworden und fühlte sich verantwortlich für beide. Da er sie nicht mehr auf der gleichen Stufe mit sich sah, war er auch nicht mehr offen gegen sie.

»Da gibt's gar nichts zu flennen,« sagte er mit gemachter Rauheit. »Sei doch ruhig! In einer Minute werden sie halten und jemand fortschicken, um uns zu holen. Sollte mich gar nicht wundernehmen, wenn sie es eben jetzt thäten.«

Allein Susys weiblicher Scharfblick hörte sofort den hohlen Klang seiner Stimme heraus; sie stürzte sich wütend auf ihn und begann mit ihren kleinen Fäusten auf ihn loszuhämmern.

»Sie thun's nicht! Sie thun's nicht! Sie thun's nicht! Du weißt es wohl – du lügst! Du lügst!«

Dann warf sie sich erschöpft von ihrem Dreinschlagen mit einem Ruck flach auf das dürre Heidegras, drückte die Augen zu und klammerte sich an die Stoppeln an.

»Steh auf,« sagte der Knabe mit blassem Gesicht und entschlossenem Ton – er schien in dem einen Augenblick um Jahre älter geworden zu sein.

»Du läßt mich!« rief Susy.

»Willst du, daß ich fortgehe und dich hier liegen lasse?«

Susy schlug in dem sicheren Versteck ihres Schutzhutes eines ihrer blauen Augen auf und warf einen flüchtigen Blick auf sein verändertes Gesicht.

»Ja – wenn du magst.«

Er that, als ob er sich von ihr abwende, studierte aber in Wirklichkeit nur, wie hoch die Sonne noch stand.

»Cla'ns!«

»Nun?«

»Trag mich.«

Sie streckte die Händchen aus, und er hob sie sachte auf und nahm sie, ihr Köpfchen auf seine Schulter bettend, auf den Arm.

»So,« sagte er heiter und zuversichtlich, »nun hältst du gute Ausschau nach jener Seite und ich nach dieser, und im Nu werden wir dort sein.«

Dieser Vorschlag schien ihr zuzusagen. Nachdem Clarence ein paar Schritte mit ihr vorwärts gestolpert war, fragte sie: »Siehst du etwas, Cla'ns?«

»Noch nicht.«

»Ich auch nicht.«

Es befriedigte sie offenbar, daß er es ihr im Erspähen nicht zuvor thun konnte, und mit einemmal hing sie matt und schwer in seinem Arm – sie war eingeschlafen.

Die Sonne sank rasch; schon hatte sie den Horizont erreicht und war auf derselben Höhe mit seinen geblendeten, aber angestrengt forschenden Augen. Zuweilen schien sie ihn an seinem Späheramt zu verhindern und ihm das Sehen zu erschweren, helle und dunkle Flecken huschten am Horizont auf und ab, und auf der Heide glitzerten überall rote Oblaten wie kleine Sonnen. Dann beschloß er, nicht mehr aufzusehen, bis er auf fünfzig gezählt haben würde oder auch auf hundert, aber wenn er die Augen wieder aufschlug, hatte er immer noch das nämliche Bild vor sich, die öde, endlose Heide, die Sonnenscheibe, die, je näher sie dem Horizont kam, immer röter wurde und im Versinken alles in Glut zu tauchen schien – sonst nichts!

Mühsam mit seiner Last vorwärts strampfend, suchte er sich zu zerstreuen, indem er sich die Entdeckung ihres Fehlens ausmalte. Er hörte die halblaut und zänkisch geführte Beratung über die Wahl des nächtlichen Lagerplatzes, wie sie jeden Abend stattfand, er hörte Jack Silsbees mürrische Stimme, die in ihren Wagen hineinrief: »Heraus mit euch da drin; macht schnell!« und hörte, wie der Befehl ärgerlich wiederholt wurde. Auch den zornigen Ausdruck von Jack Silsbees dunkelbärtigem Gesicht und seinen hastigen Blick in den leeren Wagen sah er ganz deutlich und hörte wie die Frage: »Was ist denn aus den Kröten geworden?« von Wagen zu Wagen lief. Dann hörte er ein paar Flüche und vernahm, wie Frau Silsbee mit ihrer hohen, schmetternden Stimme über ihn loszog, wie man hastig und unwillig die Entsendung einiger Leute anordnete, wie Silsbee selbst und einer von seinen Fuhrleuten sich unter Verwünschungen auf die Suche machten. Aller Tadel galt natürlich ihm, dem Aelteren, der »auch hätte gescheiter sein können!« Wohl war ihm etwas bänglich zu Mut dabei, aber es war gut, daß seine Einbildungskraft ihm nicht Mitleid und Erbarmen vorspiegelte. Daß man ihn anklagte, hielt seinen Stolz aufrecht, bei der Aussicht auf Teilnahme wäre er vielleicht zusammengebrochen.

Endlich stolperte er und blieb dann stehen. Er konnte nicht mehr weiter, der Atem versagte ihm, der Schweiß rann von seiner Stirne, seine Kniee zitterten, es sauste ihm vor den Ohren und rings um ihn her schwirrten runde, rote Sonnenscheiben wie Blutstropfen, Zur rechten Seite der Wagenspur schien eine kleine Anhöhe zu sein, wo er ein wenig ruhen und zugleich seine Beobachtung des Horizonts fortsetzen konnte. Aber als er näher kam, fand er, daß es nichts als ein Büschel höheren Heidekrauts war, worein er mit samt seiner Last versank. Obwohl die Stelle also kein »Luginsland« bot, eignete sie sich doch zu einem weichen Lager für Susy, die ihr gewohntes Mittagsschläfchen ganz ruhig zu halten schien und hier bis auf einen gewissen Grad vor dem kalten Lufthauch, der jetzt von Westen her wehte, geschützt war. Selbst aufs äußerste erschöpft, aber angstvoll die Mattigkeit bekämpfend, die ihn beschlichen hatte, kauerte er sich in halb knieender Stellung neben sie hin, stützte sich auf die eine Hand und blickte, halb von dem hohen Gras verdeckt, mit Spannung auf die einsame Räderspur.

Die rote Scheibe sank tiefer und schien schon einen beträchtlichen Teil der Entfernung mit ihren sengenden Feuern verzehrt zu haben. Als sie noch tiefer stand, schossen lange, leuchtende Streifen von ihr aus, die sich fächerartig über die Ebene verbreiteten und in des Knaben erregter Einbildungskraft den Eindruck hervorriefen, als ob das Gestirn selbst mit weitausgestreckten, gespreizten Fingern die Verlorenen suche. Und als ein langgestreckter Strahl zögernd über seinem Versteck zu weilen schien, dachte er sogar, dieser könnte Silsbee und seinen Leuten zum Führer dienen, und richtete sich auf, um seine hellbeschienene kleine Gestalt voll zu zeigen. Allein der Strahl war bald erloschen, und Clarence sank in seine vorige geduckte Stellung zurück. Er wußte ja wohl, daß ihm noch eine Stunde Tageslicht blieb, ja mit dem Erlöschen dieser abendlichen Glorie traten die Gegenstände deutlicher und greifbarer hervor als zu jeder andern Tageszeit, und seit das Flammenschwert, das zwischen ihm und dem entschwundenen Zug geflimmert zu haben schien, erbarmungsvoll in die Scheide gesteckt worden war, fühlten seine Augen eine wohlthätige Kühlung und Beruhigung.

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