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In der Prairie verlassen

Bret Harte: In der Prairie verlassen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleIn der Prairie verlassen
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeNeunter Jahrgang. Band 12
year1893
firstpub
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080517
projectid251976fb
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Elftes Kapitel

Das Angelusläuten war längst vorüber, als er in sein Kloster zurückkam. Im Flur begegnete er einem seiner Lehrer, der, statt ihn über sein Ausbleiben zur Rede zu stellen, seinen Gruß mit mildem Ernst erwiderte, was ihm auffiel. Er ging auf Pater Sobrientes Studierzimmer, um ihm Bericht zu erstatten, wurde aber in diesem Vorhaben gestört, weil er ihn im Gespräch mit drei oder vier von seinen Kollegen traf. Sie schienen in einer ernsten Beratung begriffen zu sein und gerieten bei Clarences Erscheinen sichtlich in einige Verlegenheit. Der Knabe wollte sich rasch zurückziehen, aber Pater Sobriente verständigte sich durch einen raschen Blick mit den andern und rief ihn, diese entlassend, zurück. Verwirrt und verlegen durch das Gefühl, daß ihm irgend etwas drohe, suchte der Knabe sich von seinem Unbehagen zu befreien, indem er dem Priester sofort von seiner Begegnung mit Susy erzählte und die Hoffnung auf seinen Rat und Beistand aussprach. Er nahm die Schuld, Susy zu diesem Streich verleitet zu haben, auf sich. Der alte Mann sah ihm nachdenklich und mit einem gewissen mitleidigen Lächeln in die ehrlichen Augen.

»Ich hatte eben im Sinn, dir einen freien Tag zu geben,« sagte er, »den du bei Don Juan Robinson zubringen könntest,« – es fiel Clarence auf, daß er statt des gewohnten: »bei deinem Vetter« dessen Namen und Titel nannte – »aber davon können wir nachher reden. Setze dich zu mir, mein Sohn, ich habe gerade nichts zu thun und wir können ein wenig plaudern. Pater Pedro sagt mir, daß du sehr fließend übersetzest – das ist vortrefflich, mein Sohn, ganz vortrefflich!«

Clarence errötete vor Vergnügen; sein Herz war erleichtert und alle Bangigkeit überwunden.

»Du übersetzest sogar nach Diktat! Gut! Wir haben jetzt gerade ein Stündchen für uns, und du kannst mir eine Probe deiner Geschicklichkeit ablegen. Nun? Gut! Ich will auf und ab gehen und dir in meinem mangelhaften Englisch diktieren, und du schreibst es in deinem vortrefflichen Spanisch nieder. Wir werden uns gut unterhalten und zu gleicher Zeit etwas lernen.«

Clarence lächelte. Solche vereinzelte Lehr- und Ermahnungsstunden waren bei dem trefflichen Pater nichts Unerhörtes, und er ließ sich ganz vergnüglich an des Gelehrten Tisch vor einem weißen Blatt Papier nieder und hielt die Feder erwartungsvoll in der Hand. Der Pater Sobriente ging mit seinem gewohnten schweren, aber geräuschlosen Tritt im Zimmer hin und her, und nachdem er einen bedächtigen Griff in seine Tabaksdose gethan und sich kräftig geschneuzt hatte, begann er zu seines Schülers Erstaunen im feierlichsten Kanzeltone.

»Es steht geschrieben, daß die Sünden der Väter heimgesucht werden an den Kindern, und die gedankenlosen Weltkinder haben sich vor diesem Gesetz zu retten gesucht, indem sie es für hart und grausam erklärten! Erbärmliche, mit Blindheit geschlagene Seelen! Sehen wir denn nicht, daß der gottlose Mann, der im Uebermut seiner Kraft und seines eitlen Ruhms sich für seine Person der Strafe aussetzt, ja sich mit diesem falschen Mut brüstet – innehalten muß vor dem grauenvollen, ehernen Gebot, das gleiches Leiden verhängt über die, so ihm lieb sind, und daß er solches Leiden nicht auf sich nehmen oder verhüten kann. Was nützt ihn sein kühner, trotziger, hochfliegender Geist, wenn er diese Schuldlosen gegen Schande, vielleicht Krankheit, Armut oder Verlassenheit kämpfen sieht? Wir wollen uns in seine Lage hineindenken, Clarence.«

»Jawohl,« sagte der alles buchstäblich nehmende Clarence und hielt in seiner Sprachübung inne.

»Ich will sagen,« fuhr der Priester leise hüstelnd fort, »wir wollen uns zum Beispiel das Bild eines solchen Vaters vor die Seele führen! Ein vermessener, eigenwilliger Mann, der göttliches und menschliches Recht mit Füßen tritt, dessen ganzer Halt das trügerische Ding ist, das er seine Ehre zu nennen beliebt, und der sich einzig auf seine Kühnheit und seine Kenntnis der menschlichen Schwachheit verläßt! Stellen wir ihn uns vor, grausam und blutdürstig – ein berufsmäßiger Spieler, ein vom Gesetz Geächteter, ausgestoßen aus der Kirche, verläßt er freiwillig Freunde und Familie, das Weib, das er behüten, den Sohn, den er erziehen sollte, um seinen grauenvollen Leidenschaften zu frönen. Und nun denken wir uns, wie eines Tages plötzlich der Gedanke an die Erbschaft von Schande und Elend, die er auf seinen unschuldigen Sprößling übertragen hat, an ihn herantritt, der Gedanke an diesen Erben, dem er nicht einmal seine eigene ruchlose Verwegenheit mitgeben kann, zur Stütze in seinem unverschuldeten Elend. Wie mag es im Herzen solcher Eltern aussehen –«

»Pater Sobriente,« sagte Clarence bescheiden.

Zu des Knaben großer Ueberraschung fühlte er, wie, kaum daß er gesprochen hatte, des Priesters weiche Hand sich linde auf seine Schulter legte und wie dessen nach Schnupftabak riechende aber freundliche Oberlippe, die von verhaltener Erregung zitterte, sich seiner Wange näherte.

»Was ist dir, Clarence?« fragte er hastig. »Du wolltest mich etwas fragen – sprich, sprich ohne Scheu, mein Sohn –«

»Ich weiß nicht recht, ob ›Eltern‹ im Spanischen ein männliches Zeitwort verlangt,« sagte Clarence unbefangen.

Der Pater Sobriente schneuzte sich heftig.

»Allerdings – obwohl es für beide Geschlechter gebraucht wird, ist es hier dem Sinn nach männlich,« versetzte er ernsthaft, beugte sich über Clarence und überflog flüchtig dessen Arbeit. »Gut, recht gut! Und nun könnten wir zur Abwechselung –« er fuhr sich mit der Hand wie mit einem feuchten Schwamm über die erhitzte Stirne – »unsre Uebung in umgekehrter Weise fortsetzen. Ich werde dir auf spanisch sagen, was du englisch wiedergibst? Und laß uns überlegen – wir nehmen vielleicht am besten etwas Näherliegendes, Erzählendes?«

Clarence, den die feierlichen Allgemeinsätze einigermaßen gelangweilt hatten, stimmte diesem Vorschlag freudig bei und griff wieder zur Feder, während der Priester seinen geräuschlosen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte und sein neues Diktat mit den Worten begann:

»In den fruchtbaren Gefilden von Guadalajara lebte ein gewisser Edelmann, der Land und Herden, Weib und Sohn besaß. Da er aber unbändiger, unstäter Natur war, schätzte er diese Güter gering und sehnte sich nach gefahrvollen Abenteuern, Waffenthaten und blutigem Kampf. Zu dieser Kriegslust gesellten sich allerhand Ausschweifungen, Spiel und Trunk, durch die sich mit der Zeit sein väterliches Erbe verminderte, während sein aufrührerischer, rauflustiger Sinn ihn der Familie und den Nachbarn entfremdete. Sein Weib starb, von Scham und Kummer gebeugt, als der Sohn noch ein Kindlein war; in einer Stimmung, worin Gewissensqual und Ruchlosigkeit sich in seiner Seele bekämpften, nahm der Caballero in Jahresfrist eine andre Frau, die aber von ebenso herber und wilder Gemütsart war, wie ihr Gatte. Heftige Auftritte fanden zwischen ihnen statt, und die Folge war, daß er Frau und Kind verließ und für immer aus St. Louis – ich wollte sagen Guadalajara – verschwand, um sich unter fremdem Namen einigen Abenteurern in einem andern Land anzuschließen. Dort trieb er sein wildes Leben weiter, bis gesetzwidrige Handlungen ihm die Rückkehr in die Gesellschaft abschnitten. Die verlassene Gattin, die nur widerwillig Mutterstelle an seinem Kind vertreten hatte, fand sich in ihre Lage, befahl, daß sein Name in ihrer Gegenwart nicht mehr genannt werde, teilte ihren Freunden mit, daß er gestorben sei, verheimlichte auch seinem Sohn, daß er noch lebte, und gab diesen in die Obhut ihrer Schwester. Diese Schwester setzte sich insgeheim mit dem ausgestoßenen Vater in Verbindung, und es ward zwischen ihnen verabredet, daß der Sohn unter dem Vorwand, einem entfernten Verwandten übergeben zu werden, seinem unwürdigen Vater zugeschickt werden solle. Vielleicht, daß der schuldbeladene, entehrte Mann eine Regung des Gewissens spürte.«

»Es ist genug,« sagte Clarence plötzlich, warf die Feder weg und stand blaß und hochaufgerichtet vor seinem Lehrer. »Sie wollen mir irgend etwas auf Umwegen beibringen, Pater Sobriente,« stieß er mühsam hervor. »Sprechen Sie offen, ich beschwöre Sie darum. Ich kann alles ertragen, nur nicht diese Geheimthuerei, und bin kein Kind mehr – ich habe ein Recht, alles zu erfahren! Was Sie mir da sagten, ist keine Erfindung, ich sehe es Ihnen an, Pater Sobriente, es ist die Geschichte –«

»Deines Vaters, Clarence,« sagte der Priester mit zitternder Stimme.

Der Knabe trat kreideweiß einen Schritt zurück.

»Meines Vaters,« wiederholte er. »Lebt er, oder ist er tot?«

»Er lebte noch, als du die Heimat verließest,« erwiderte der alte Mann, Clarence bei der Hand nehmend, rasch, »denn er war es, der dich im Namen eines Vetters nach Kalifornien kommen ließ. Er lebte noch, solange du hier warst, denn er war es, der in diesen Jahren hinter dem sogenannten Vetter Don Juan stand und dich unsrer Schule übergab. Er lebte noch, Clarence, aber mit einem Ruf, der dich befleckt haben würde! Jetzt aber ist er tot, gestorben in Mexiko, wo er als Insurgent und immer noch ein wildes Treiben führend, erschossen wurde! Gott sei seiner Seele gnädig!«

»Tot!« wiederholte Clarence erschüttert, »und erst jetzt.«

»Die Nachrichten von dem Aufstand und seinem Ende sind erst vor einer Stunde hier eingetroffen,« fuhr der Pater fort, »niemand als Don Juan kannte den Namen, unter dem er in den Aufstand verwickelt war. Er würde dir, dem Wunsch des Toten gemäß, die Kenntnis der Wahrheit erspart haben, allein meine Brüder und ich waren andrer Meinung. Daß ich dir das Entsetzliche so ungeschickt eröffnet habe, vergib mir!«

Clarence brach in ein krampfhaftes, gellendes Gelächter aus, daß der Priester entsetzt vor ihm zurückwich.

» Ihnen vergeben? Was war mir denn dieser Mann?« sagte er mit knabenhaftem Ungestüm. »Er hat kein Herz für mich gehabt, hat mich verlassen und mein Leben zur Lüge gemacht. Er hat mich nie gesucht, ist mir nie nahegekommen, hat nie seine Hand nach mir ausgestreckt, daß ich sie hätte ergreifen können.«

»Nur ruhig! Ruhig!« ermahnte der Priester erschüttert, legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter und drückte ihn sanft auf seinen Stuhl nieder. »Du weißt nicht, was du redest, Clarence! Denke doch – denke doch nach, mein Sohn – war unter denen, die dir Schutz und Hilfe gewährten, die dich auf deiner Irrfahrt aufnahmen – war keiner darunter, dem dein Herz sich unwillkürlich zugewendet hätte? Besinne dich, Clarence, du selbst hast mir von einem solchen Fall gesprochen – laß dein Herz wieder sprechen – ihm, dem Toten zu Ehren.«

Ein milderer Glanz trat in des Knaben Auge und er sah bestürzt auf, ergriff seinen Lehrer heftig am Aermel und flüsterte beklommen: »Doch, einen habe ich gefunden; es war ein böser, tollkühner Mann, den sie alle fürchteten – jener Flynn, der mich von den Minen hierher gebracht hat. Ja, ich dachte, er sei meines Vetters treuer Freund – mehr als die andern, und ihm habe ich alles gesagt – alles, was ich nicht einmal dem Manne gesagt habe, den ich für meinen Vetter hielt, auch keinem sonst, sogar Ihnen nicht, und ich glaube, Pater Sobriente, ich glaube, den habe ich am liebsten gehabt. Später sagte ich mir oft, es sei unrecht gewesen,« fuhr er mit unsicherem Lächeln fort, »daß ich solch thörichte Freude hatte an der Art, wie die andern ihn fürchteten, ihn, vor dem ich so gar keine Angst hatte, und der so gütig gegen mich war. Aber auch dieser hat mich ohne ein Wort des Abschieds verlassen, und als ich ihm nachlief, da –« die Stimme versagte ihm und er vergrub sein Gesicht in den Händen.

»Nein, nein,« sagte Pater Sobriente mit warmem Eifer, »das war nur sein thörichter Stolz, der dir die Kenntnis deiner Zusammengehörigkeit mit einem Verfemten ersparen wollte, und ein Teil der kurzsichtigen, irrigen Buße, die er sich selbst auferlegt hatte, denn in jenem Augenblick, wo du dich in knabenhafter Empörung von ihm abwandtest, liebte er dich heißer als je. Ja, mein armes Kind, dieser Mann, zu dem Gott deine Schritte nach dem ›Toten Schlund‹ gelenkt hat, der Mann, der dich hierher brachte, und der durch ein geheimnisvolles Band, das ich nicht kenne, und das in der Vergangenheit begründet sein mag, so viele Macht über Don Juan hatte, daß er ihn überreden konnte, die Rolle eines Verwandten zu spielen, dieser Flynn – und Jackson Brant, der Spieler – und Hamilton Brant, der Ausgestoßene – war dein Vater. O ja – weine, mein Sohn – weine, jede Thräne der Liebe und Vergebung, die aus deinen Augen fließt, hat die erlösende Macht, ihn rein zu waschen von seinen Sünden.«

Mit einem einzigen Griff seiner starken Hand zog der Priester Clarence an seine Brust, bis der Knabe ihm knieend zu Füßen sank. Dann schlug er den Blick nach oben und sprach langsam: »Und auch du, auch du, du unseliger, verirrter Geist, sollst Ruhe finden!«


Der Morgen dämmerte schon, als der wackere Priester die letzten Thränen von Clarences wieder heller werdenden Augen wischte.

»Und nun, mein Sohn,« sagte er, sich mit mildem Lächeln erhebend, »laß uns auch der Lebenden eingedenk sein. Deine Stiefmutter hat freilich durch ihre Handlungsweise jeden rechtlichen Anspruch auf dich eingebüßt, und es sei ferne von mir, dir dein Verhalten ihr gegenüber vorschreiben zu wollen. Genug, daß du unabhängig bist.«

Er wandte sich um, öffnete ein Schubfach in seinem Pult, nahm ein Bankbuch heraus und legte es in die Hand des erstaunten Knaben.

»Es war sein Wunsch, Clarence, daß du sogar nach seinem Tode in deine Rechte eintreten sollest, ohne deine Ansprüche als sein Sohn begründen zu müssen. Er machte es sich zu nutze, daß du in kindlicher Weise auf der Bank des Herrn Carden ein Depot hinterlassen hattest, und mit dessen Zustimmung hat er es auf deinen Namen Monat um Monat und Jahr um Jahr vermehrt, während Herr Carden sich gerne damit befaßte, das Kapital umzutreiben. Dieser Samen hat über alles Erwarten tausendfache Frucht getragen, du bist jetzt nicht nur frei, mein Sohn, sondern stehst auf eignen Füßen und bist, unter welchem Namen du willst – dein eigner Herr.«

»Ich werde keinen andern Namen führen, als den meines Vaters,« sagte der Knabe einfach.

»Amen!« sprach der Pater Sobriente.


Damit schließt die Geschichte von Clarence Brants Knabenzeit. Wie er seinen Namen geführt und seine Unabhängigkeit behauptet hat, und was aus denen geworden ist, die auf seine Kindheit Einfluß hatten, ihn gehemmt oder gefördert haben, mag vielleicht später erzählt werden.

Ende.

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