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In den Wäldern des Nordens

Jack London: In den Wäldern des Nordens - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleIn den Wäldern des Nordens
publisherBüchergilde Gutenberg
year1937
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150620
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Der Herr des Geheimnisses

Es herrschte Jammer im Dorfe. Die Frauen riefen mit schrillen, hohen Stimmen durcheinander. Die Männer sahen finster und unschlüssig drein, und selbst die Hunde streiften unsicher umher, erschrocken über die Unruhe im Lager und bereit, sich beim ersten Ausbruch von Unruhen in die Wälder zurückzuziehen. Die Luft war schwül von Mißtrauen. Kein Mensch war seines Nachbarn sicher, und jeder war sich bewußt, daß seine Kameraden ihm gegenüber ebenso unsicher waren. Selbst die Kinder befanden sich in gedrückter und feierlicher Stimmung, und der kleine Di Ya, die Ursache von allem, hatte erst von seiner Mutter Hooniah, dann von seinem Vater Bawn eine tüchtige Tracht Prügel bekommen und wimmerte nun und betrachtete die Welt vorwurfsvoll im Schutze der großen umgestürzten Kanus am Strande.

Und um es gar noch schlimmer zu machen, war Scundoo, der Schamane, in Ungnade gefallen, und man konnte nun seinen Zauber nicht in Anspruch nehmen, um den Missetäter zu finden. Hatte doch Scundoo vor einem Monat guten Südwind versprochen, daß der Stamm nach dem Potlatch in Tonkin reisen konnte, wo Taku Jim auszugeben gedachte, was er sich seit zwanzig Jahren erspart hatte. Und als der Tag kam, wehte ein scharfer Nordwind, und von den drei ersten Kanus, die sich hinauswagten, wurde eins von der schweren See vollgeschlagen und die beiden andern auf den Klippen zerschmettert, wobei ein Kind ertrank. Er hätte versehentlich den falschen Sack geöffnet, erklärte er. Aber die Leute wollten ihm kein Gehör schenken; die Opfer von Fleisch, Fisch und Fellen fanden nicht mehr den Weg zu seiner Tür, und nun saß er drinnen und schmollte – und tat bittere Buße bei Fasten, wie sie glaubten; in Wirklichkeit aß er gründlich von seinen reichen Vorräten und grübelte über den Wankelmut der Menge.

Hooniahs Decken waren verschwunden. Es waren gute Decken, wunderbar dick und warm, und Hooniahs Stolz auf sie wurde noch dadurch erhöht, daß sie so billig zu ihnen gekommen war. Ty-Kwan aus dem Nachbardorfe war ein Narr, daß er sie so preiswert abgelassen hatte. Aber sie wußte allerdings nicht, daß sie aus dem Besitz des ermordeten Engländers stammten, wegen dessen Verschwinden der Kutter der Vereinigten Staaten lange Zeit die Küste entlang geschnüffelt hatte, während Jollen die geheimen Einlaufe durchschnauften und durchfauchten. Und da sie nicht wußte, daß Ty-Kwan Eile gehabt hatte, die Decken loszuwerden, damit sein eigenes Volk der Regierung keine Rechenschaft abzulegen brauchte, war Hooniahs Stolz unerschüttert. Und weil die andern Frauen sie beneideten, war ihr Stolz ohne Ende und schrankenlos, so daß er sich über die Grenzen des Dorfes hinaus über die ganze Küste Alaskas von Dutch Harbour bis St. Mary verbreitete. Ihr Totem war mit Recht berühmt, und ihr Name lebte auf den Lippen von Männern, wo immer Männer zusammenkamen, um zu fischen oder zu schmausen, eben wegen der Decken und deren wunderbarer Dicke und Wärme. Nun aber waren sie verschwunden – man stand vor einem Mysterium.

»Ich hatte sie gerade an die Hüttenwand in die Sonne zum Trocknen gehängt«, erklärte Hooniah zum tausendsten Male ihren Thlinket-Schwestern. »Ich hatte sie gerade aufgehängt und mich umgedreht: denn Di Ya, der Teigdieb und Mehlfresser, der er ist, stand kopfüber in dem großen eisernen Topf, so daß seine Beine wie die Zweige eines Baumes im Winde schwankten. Und ich hatte ihn eben herausgezogen und zweimal mit dem Kopfe gegen die Tür gestoßen, um ihm Vernunft beizubringen – und denkt euch: da waren die Decken fort!«

»Fort waren die Decken!« wiederholten die Frauen in ehrfurchtsvollem Flüstern.

»Ein schwerer Verlust«, sagte eine, und eine zweite:

»Nie hat es solche Decken gegeben.« Und eine dritte:

»Dein Verlust tut uns leid, Hooniah.« Dennoch war jede der Frauen im Herzen froh, daß die abscheulichen Decken, die soviel Zwietracht veranlaßt hatten, fort waren.

»Ich hatte sie gerade in die Sonne gehängt«, begann Hooniah zum tausendundersten Male.

»Ja, ja«, sagte Bawn müde. »Aber es war keiner von den Spitzbuben aus andern Dörfern hier. Und daher ist es klar, daß es irgend jemand von unserm eigenen Stamme gewesen sein muß, der sich an den Decken vergriffen hat.«

»Wie ist das möglich, o Bawn?« ertönte es in ärgerlichem Chor von den Frauen. »Wer sollte das sein?«

»Dann ist es Hexerei gewesen«, fuhr Bawn stumpfsinnig fort, ließ jedoch einen schlauen Blick über ihre Gesichter schweifen.

»Hexerei!« Und bei dem furchtbaren Worte dämpften sie die Stimmen und blickten sich ängstlich an.

»Ja«, bestätigte Hooniah, und einen Augenblick flammte die versteckte Bosheit in ihr jubelnd auf. »Und sie haben nach Klok-No-Ton geschickt und starke Ruder mitgegeben. Er kommt sicher mit der Nachmittagsflut.«

Die kleinen Gruppen brachen auf, und Furcht legte sich auf das Dorf. Von allem Unglück war Hexerei das entsetzlichste. Mit den ungreifbaren und unsichtbaren Mächten konnten nur die Schamanen es aufnehmen, und weder Mann noch Weib oder Kind konnte bis zum Augenblick der Probe wissen, ob ihre Seelen vom Teufel besetzt waren oder nicht. Und von allen Schamanen war Klok-No-Ton, der im Nachbardorfe wohnte, der furchtbarste. Keiner fand mehr böse Geister als er, keiner suchte seine Opfer mit schrecklicheren Foltern heim. Einmal hatte er sogar einen Teufel gefunden, der im Leibe eines drei Monate alten Kindes wohnte – einen äußerst widerspenstigen Teufel, der sich erst austreiben ließ, nachdem das Kind eine ganze Woche auf Dornen gelegen hatte. Die Leiche war dann ins Meer geworfen worden, aber die Wellen schleuderten sie immer wieder an den Strand wie einen Fluch über das Dorf, und sie verschwand erst wirklich, als zwei kräftige Männer bei Ebbe an Pfähle gebunden und ertränkt waren.

Und nach diesem Klok-No-Ton hatte Hooniah jetzt geschickt. Besser wäre es gewesen, wenn Scundoo, ihr eigener Schamane, sich nicht mit Schande bedeckt hätte. Denn er war immer milder aufgetreten und hatte einmal zwei Teufel aus einem Manne gejagt, der später sieben gesunde Kinder zeugte. Aber Klok-No-Ton! Es schauderte sie vor trüben Ahnungen bei dem Gedanken an ihn, und jeder einzige fühlte sich als das Ziel anklagender Augen und sah anklagend die andern an – jeder einzige, mit Ausnahme von Sime, und Sime war ein Lästerer, dessen schlimmes Ende mit Sicherheit vorausbestimmt war, die durch seine Erfolge nicht erschüttert werden konnte. »Ho! Ho!« lachte er. »Teufel und Klok-No-Ton! Es gibt keinen größeren Teufel als ihn selber im ganzen Thlinket-Lande.«

»Du Narr! Jetzt kommt er gerade mit seinen Hexereien und Zauberkünsten; halte deine Zunge im Zaum, daß dir nicht Böses widerfährt und deine Tage nicht kurz werden im Lande!«

So sprach La-lah, auch der Sünder genannt, und Sime lachte höhnisch.

»Ich bin Sime, der keine Angst kennt und sich nicht fürchtet vor der Dunkelheit. Ich bin ein starker Mann, wie mein Vater vor mir, und mein Kopf ist klar. Weder du noch ich, keiner von uns beiden hat die unsichtbaren bösen Mächte mit Augen gesehen.«

»Aber Scundoo hat es«, antwortete La-lah. »Und Klok-No-Ton auch. Das wissen wir.«

»Woher weißt du das, du Sohn eines Toren?« donnerte Sime, und sein heißes Blut färbte seinen dicken Stierhals.

»Aus ihrem eigenen Munde, daß du es weißt.«

Sime schnaubte. »Ein Schamane ist auch nur ein Mensch. Können seine Worte nicht falsch sein wie deine und meine? Pah! Pah! Nicht so viel gebe ich für alle deine Schamanen und alle Teufel deiner Schamanen!«

Und nach rechts und links mit den Fingern schnippend, verließ Sime den Kreis der Zuschauer, die ihm ängstlich und beflissen Platz machten.

»Ein guter Fischer und ein starker Jäger, aber ein böser Mensch«, sagte einer.

»Aber er gedeiht doch«, grübelte ein anderer.

»Darum sei auch du böse und gedeihe«, gab Sime über die Schulter zurück. »Und wenn ihr alle böse wäret, so brauchtet ihr keinen Schamanen. Pah! Ihr seid Kinder, die sich vor der Dunkelheit fürchten!«

Und als Klok-No-Ton mit der Nachmittagsflut kam, klang Simes trotziges Lachen noch ebenso dreist, ja, er konnte sich nicht einmal einen Witz verbeißen, als der Schamane beim Landen auf dem Sande ausglitt. Klok-No-Ton blickte ihn mürrisch an und schritt grußlos mitten durch sie hindurch nach Scundoos Haus.

Über die Begegnung mit Scundoo erfuhr keiner vom Stamme etwas, denn sie standen ehrerbietig in einiger Entfernung zusammen und flüsterten miteinander, während die Herren des Geheimnisses sich trafen.

»Sei gegrüßt, o Scundoo!« brummte Klok-No-Ton, augenscheinlich im Zweifel, wie der andere ihn empfangen würde.

Er war ein wahrer Riese und ragte weit über den kleinen Scundoo empor, dessen dünne Stimme wie das schwache ferne Zirpen einer Grille tönte.

»Sei gegrüßt, Klok-No-Ton«, antwortete er. »Dein Kommen macht den Tag schön.«

»Aber es scheint ...« Klok-No-Ton zögerte.

»Ja, ja,« fiel der kleine Schamane ungeduldig ein, »daß böse Tage über mich gekommen sind, sonst brauchte ich dir nicht zu danken, daß du meine Arbeit tust.«

»Es tut mir leid, Freund Scundoo ...«

»Nein, ich freue mich, Klok-No-Ton.«

»Aber ich will dir die Hälfte von dem geben, was man mir gibt.«

»Nein, nein, mein guter Klok-No-Ton«, murmelte Scundoo mit einer abwehrenden Handbewegung. »Ich bin dein Sklave, und meine Tage sind von dem Wunsch erfüllt, dir Freundschaft zu erweisen.«

»Wie auch ich –«

»Wie auch du mir jetzt Freundschaft erweisest.«

»Ist dem so, so sage mir, ob es eine schlimme Geschichte mit den Decken dieser Frau Hooniah ist?«

Der große Schamane fühlte sich vorsichtig vor, und Scundoo lächelte ein blasses fahles Lächeln, denn er war gewohnt, in den Herzen der Menschen zu lesen, und alle Menschen erschienen ihm sehr klein. »Du hast immer starke Medizin gebraucht«, sagte er. »Zweifellos wirst du bald den Täter entdecken.«

»Ja, bald, sobald meine Augen ihn gesehen haben.« Wieder zögerte Klok-No-Ton. »Sind Spitzbuben von anderswo hier gewesen?« fragte er.

Scundoo schüttelte den Kopf. »Sieh! Ist das nicht ein prachtvoller Kamik?«

Er hielt den Schuh aus Robbenfell und Walroßhaut hoch, und sein Gast untersuchte ihn mit heimlichem Interesse.

»Ich bekam ihn billig.«

Klok-No-Ton nickte aufmerksam.

»Ich kaufte ihn von dem Manne. La-lah. Er ist ein merkwürdiger Mann, und ich habe oft gedacht ...«

»So?« sagte Klok-No-Ton ungeduldig auf gut Glück.

»Ich habe oft gedacht«, schloß Scundoo, indem er die Stimme senkte und eine Pause machte. »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark, Klok-No-Ton.«

Klok-No-Tons Gesicht klärte sich auf. »Du bist ein großer Mann, Scundoo, ein Schamane unter den Schamanen. Jetzt gehe ich. Ich werde stets an dich denken. Und der Mann La-lah ist, wie du sagst, ein merkwürdiger Mann.«

Scundoo lächelte, noch fahler und blasser, schloß die Tür hinter seinem sich entfernenden Gaste und verriegelte sie sorgsam.

Sime setzte sein Kanu instand, als Klok-No-Ton an den Strand kam, und er unterbrach seine Arbeit gerade lange genug, um herausfordernd seine Büchse zu laden und neben sich zu legen.

Der Schamane bemerkte es und rief: »Laß alle Leute sich hier an dieser Stelle versammeln! So befiehlt Klok-No-Ton, der Teufelssucher und Teufelsaustreiber!«

Er hatte sie eigentlich bei Hooniahs Hause versammeln wollen, es war aber notwendig, daß alle dabei waren, und er zweifelte an Simes Gehorsam und wollte sich ungern mit ihm einlassen. Sime war seiner Meinung nach ein Mann, den man am besten in Frieden ließ, und mit dem in Streit zu geraten für einen Schamanen überhaupt nicht geraten war. »Laßt das Weib Hooniah vortreten«, befahl Klok-No-Ton und blickte wütend im Kreise herum, so daß denen, die er ansah, ein kalter Schauder den Rücken hinabrann.

Hooniah watschelte vor mit gesenktem Haupt und abgewandtem Blick.

»Wo sind deine Decken?«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gehängt, und dann waren sie weg!« jammerte sie.

»So?«

»Es war Di Yas Schuld.«

»So?«

»Er hat eine tüchtige Tracht Hiebe bekommen und soll noch mehr haben, weil er Unglück über uns arme Leute gebracht hat.«

»Die Decken!« brüllte Klok-No-Ton heiser, der voraussah, daß sie von dem Preis, den sie bezahlen sollte, abhandeln wollte. »Die Decken, Weib! Daß du reich bist, wissen wir.«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gelegt,« greinte sie, »und wir sind arme Leute und haben nichts.«

Sein ganzer Körper wurde plötzlich starr, sein Gesicht verzog sich zu einer häßlichen Grimasse, und Hooniah schauderte zurück. Aber da sprang er plötzlich mit verdrehten Augen und herabhängendem Unterkiefer auf sie los, daß sie stolperte und vor ihm niederfiel, wo sie, sich krümmend, liegenblieb. Er machte wilde Armbewegungen und peitschte die Luft, während sein Körper sich wie in Qualen wand und drehte. Er sah aus, als habe er einen epileptischen Anfall erlitten. Weißer Schaum stand ihm auf den Lippen, und sein Körper erschauerte und zitterte in Krämpfen.

Die Frauen brachen in einen jammernden Gesang aus und wiegten sich in völliger Selbstaufgebung vor und zurück, und die Männer erlagen einer nach dem andern der Erregung, bis nur Sime noch übrig war. Er saß rittlings auf seinem Kanu und sah mit spöttischer Miene zu; aber dennoch lasteten die Vorfahren, deren Abkomme er war, schwer auf ihm, und er schwor seine stärksten Eide, um sich zu ermutigen. Klok-No-Ton war schrecklich anzusehen. Er hatte seine Decke abgeworfen und sich die Kleider vom Leibe gerissen, so daß er, bis auf einen Gürtel von Adlerklauen um die Lenden, ganz nackt war. Unter Schreien und Heulen sprang er mit flatterndem langen, schwarzen Haar wie ein nächtlicher Schatten im Kreise umher. Sein Wahn drückte sich in einem gewissen unkultivierten Rhythmus aus, der schließlich alle beherrschte, so daß ihre Leiber im Takt mit den seinen schwangen und ihre Schreie mit den seinen zusammenklangen. Da blieb er plötzlich starr aufrecht sitzen und streckte einen langen krallenartigen Finger aus. Ein leises Stöhnen, wie vom Tode, erklang, und das Volk kroch mit zitternden Knien zusammen, während der entsetzliche Finger über sie hinglitt. Denn der Tod wanderte mit ihm, und das Leben blieb bei denen, die ihn vorübergehen sahen, und die, an denen er vorbeigegangen war, folgten ihm mit eifrigem Interesse. Zuletzt ertönte ein furchtbarer Schrei, und der unheilvolle Zeigefinger blieb auf La-lah haften. Der zitterte wie Espenlaub und sah sich im Geiste bereits tot, seinen Besitz in alle Winde zerstreut und seine Witwe mit seinem Bruder verheiratet. Er versuchte zu sprechen, zu leugnen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und die Kehle war ihm wie vor unerträglichem Durst verdorrt. Klok-No-Ton schien jetzt, da sein Werk vollbracht, halb ohnmächtig zu sein; aber er wartete mit geschlossenen Augen und lauschte, ob das große Blutgeschrei sich erhob – das große Blutgeschrei, das seine Ohren so gut kannten aus tausend Beschwörungen, wenn der Stamm sich wie Wölfe über das zitternde Opfer gestürzt hatte. Aber hier herrschte nur Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern und wuchs, bis sich eine mächtige Woge von Lachen bis zum Himmel erhob. »Was heißt das?« rief er.

»Na, na!« lachte das Volk. »Deine Medizin taugt nichts, o Klok-No-Ton!«

»Alle wissen,« stammelte La-lah, »daß ich acht lange Monate weit fort mit den Siwash-Robbenfängern jagte und erst heute morgen heimgekommen bin und gehört habe, daß Hooniahs Decken verschwunden waren, ehe ich kam!«

»Das ist wahr!« schrien sie einstimmig. »Hooniahs Decken waren verschwunden, ehe er kam!«

»Und du bekommst keine Bezahlung für deine Medizin, die nichts taugt«, erklärte Hooniah, die wieder auf die Beine gekommen war und unter dem Gefühl litt, sich lächerlich gemacht zu haben.

Aber Klok-No-Ton sah nur Scundoos Gesicht mit dem blassen, fahlen Lächeln vor sich und hörte nur das schwache ferne Grillenzirpen: »Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah, und ich habe oft gedacht« und »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark.«

Er schoß an Hooniah vorbei, und der Kreis machte ihm instinktiv Platz. Sime rief ihm von seinem Kanu aus eine Anzüglichkeit zu, die Frauen kicherten ihm ins Gesicht, höhnische Rufe ertönten hinter ihm her, aber ohne sich darum zu kümmern, eilte er nach Scundoos Haus. Er donnerte an die Tür, schlug mit geballten Fäusten auf sie los und heulte Verwünschungen. Aber es kam keine Antwort, nur in den Pausen erklang Scundoos Stimme in unheimlichen Zaubergesängen. Klok-No-Ton raste wie ein Verrückter, als er aber die Tür mit einem großen Stein einzuschlagen versuchte, ertönte Knurren von Männern und Frauen. Und er, Klok-No-Ton, wußte, daß er hier, seiner Stärke und Autorität beraubt, einem fremden Volke gegenüberstand. Er sah, wie ein Mann sich nach einem Stein bückte, sah, wie ein zweiter dasselbe tat, und er wurde von Furcht gepackt.

»Tu Scundoo nichts, er ist ein Meister!« rief eine Frau.

»Es ist am besten, wenn du in dein eigenes Dorf zurückkehrst«, rief ein Mann drohend.

Klok-No-Ton machte kehrt und schritt durch sie hindurch zum Strande hinunter, grimmige Wut im Herzen, und in seinem Kopfe begründete Besorgnis um seinen wehrlosen Ruf. Aber kein Stein wurde ihm nachgeworfen. Die Kinder umschwärmten ihn mit Spottworten, und die Luft erscholl von Hohngelächter, aber das war auch alles. Immerhin atmete er erst auf, als sein Kanu auf offener See war; da erhob er sich und schleuderte einen zwecklosen Bannstrahl auf das ganze Dorf und seine Bewohner und vergaß nicht, Scundoo, der ihn angeführt hatte, besonders zu erwähnen.

An Land rief man nach Scundoo, und die Bevölkerung scharte sich um seine Tür und bat und flehte in babylonischer Verwirrung, bis er mit erhobener Hand heraustrat.

»Da ihr meine Kinder seid, bin ich bereit, euch zu verzeihen«, sagte er. »Aber nur dieses eine Mal. Es ist das letztemal, daß ich euch eure Torheit ungestraft hingehen lasse. Was ihr wünscht, soll erfüllt werden, und ich weiß schon, was es ist. Heute nacht, wenn der Mond hinter die Welt gegangen ist, um die mächtigen Toten anzuschauen, soll das Volk sich in der Dunkelheit um Hooniahs Haus versammeln. Dann soll der Missetäter vortreten und seinen verdienten Lohn empfangen. Ich habe gesprochen.«

»Und er soll den Tod erleiden!« brüllte Bawn, »denn er hat uns Kummer und Schande gebracht.«

»So sei es denn«, erwiderte Scundoo und schloß seine Tür.

»Jetzt wird alles an den Tag kommen, und Zufriedenheit wird unter uns herrschen«, erklärte La-lah orakelhaft.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Hilfe«, höhnte Sime.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Medizin«, berichtigte La-lah.

»Kinder der Torheit, dieses Thlinket-Volk!«

Sime schlug sich klatschend auf den Schenkel. »Es ist ganz unverständlich, daß erwachsene Frauen und starke Männer in den Dreck hinunter wollen, um Märchen zu träumen.«

»Ich bin ein weitgereister Mann«, antwortete La-lah. »Ich habe die tiefen Meere befahren und Zeichen und Wunder gesehen, und ich weiß, daß es so ist. Ich bin La-lah –«

»Der Betrüger –«

»So nennt man mich, aber mein rechter Name wäre ›der Weltbereiste‹.«

»Ich bin kein so großer Reisender –« begann Sime.

»Dann solltest du den Mund halten«, unterbrach ihn Bawn, und sie schieden in Unfrieden.

Als der letzte Silberstrahl des Mondes auf der andern Seite der Welt verschwunden war, trat Scundoo unter das Volk, das sich um Hooniahs Haus gesammelt hatte. Er ging mit schnellen, leichten Schritten, und wer ihn so im Scheine von Hooniahs Tranlampe sah, bemerkte, daß er mit leeren Händen ohne Rasseln, Masken oder die sonstige Ausstattung eines Schamanen kam, außer einem großen, schläfrigen Raben, den er unter dem einen Arme trug.

»Ist Holz für ein Feuer gesammelt, damit alle sehen können, wie das Werk vor sich geht?« fragte er.

»Ja«, antwortete Bawn. »Hier ist reichlich Holz.«

»So hört alle wohl zu, denn meiner Worte sind nur wenige. Ich habe Jelchs, den Raben, mitgebracht, der Geheimnisse errät und Verborgenes sieht. Ihn, den Schwarzen, will ich unter Hooniahs großen schwarzen Topf in den schwärzesten Winkel des Hauses setzen. Die Tranlampe soll ausgelöscht werden, daß alles dunkel ist. Das ist ganz einfach. Einer nach dem andern sollt ihr dann ins Haus gehen, so lange, wie man braucht, um Luft zu schöpfen, die Hand an den Topf legen und sie dann wieder zurückziehen. Zweifellos wird Jelchs schreien, wenn die Hand des Missetäters ihm nahe kommt. Wenn aber ein anderer es besser weiß, so laßt ihn seine Weisheit zeigen. Seid ihr bereit?«

»Wir sind bereit«, ertönte die vielstimmige Antwort.

»Dann will ich der Reihe nach die Namen jedes Mannes und jeder Frau aufrufen, bis ihr alle genannt seid.« .

Nun wurde als erster La-lah gerufen, und er ging gleich hinein. Alle spitzten die Ohren, und in der Stille konnten sie seine Fußtritte auf dem Boden knirschen hören. Aber das war auch alles. Jelchs schrie nicht und gab kein Zeichen. Der nächste war Bawn, denn es war ja denkbar, daß ein Mann seine eigenen Decken stahl, um Schande über seine Nachbarn zu bringen. Dann folgten Hooniah und andere Frauen und Kinder, aber ohne Ergebnis.

»Sime!« rief Scundoo.

»Sime!« wiederholte er.

Aber Sime rührte sich nicht.

»Fürchtest du dich vor der Dunkelheit?« fragte La-lah, dessen eigene Unschuld bewiesen war, schroff. Sime kicherte. »Ich lache darüber, denn es ist eine große Torheit. Dennoch will ich hineingehen, nicht, weil ich an Wunder glaube, sondern zum Zeichen, daß ich nicht bange bin.«

Und er ging dreist hinein und kam, immer noch spottend, wieder heraus.

»Eines Tages wirst du ganz plötzlich sterben«, flüsterte La-lah in gerechtem Zorn.

»Ich zweifle nicht daran«, antwortete der Spötter rasch. »Wenige Männer unseres Volkes sterben in ihren Betten; das machen die Schamanen und das tiefe Meer.«

Als sicher die Hälfte der Leute die Probe bestanden hatte, wurde die Spannung in ihrer Heftigkeit qualvoll, eben weil sie zurückgedrängt werden mußte. Als zwei Drittel sie überstanden hatten, brach eine junge Frau, die bald zum erstenmal gebären sollte, zusammen, und ihr Entsetzen machte sich in nervösem Schreien und Lachen Luft.

Endlich kam die Reihe an den letzten von allen, und noch war nichts geschehen. Und Di Ya war der letzte von allen. Sicher, er mußte es sein. Hooniah sandte ein Klagegeschrei zu den Sternen, während die übrigen sich von dem elenden Jungen zurückzogen. Er war halbtot vor Angst, und die Beine gaben unter ihm nach, so daß er auf der Schwelle wankte und fast gefallen wäre. Scundoo stieß ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es verging eine lange Zeit, in der man nur das Weinen des Knaben hören konnte. Dann ganz langsam seine knirschenden Schritte in dem entferntesten Winkel, eine Pause, und dann wieder ein Knirschen: er kam zurück. Die Tür öffnete sich, und er trat heraus. Nichts war geschehen, und er war der letzte.

»Zündet das Feuer an«, befahl Scundoo.

Die hellen Flammen schossen empor und zeigten Gesichter, die noch die Spuren der schwindenden Furcht trugen, aber auch von Zweifel verdüstert waren.

»Es ist sicher fehlgeschlagen«, flüsterte Hooniah heiser.

»Ja«, antwortete Bawn selbstzufrieden. »Scundoo wird alt, und wir brauchen einen neuen Schamanen.«

»Wo ist nun Jelchs Weisheit?« lachte Sime La-lah ins Ohr.

La-lah strich sich verblüfft über die Stirn und antwortete nicht.

Sime blies sich übermütig auf und brüstete sich vor dem kleinen Schamanen, »Ho! Ho! Wie ich sagte: es ist nichts dabei herausgekommen!«

»So scheint es, so scheint es«, antwortete Scundoo demütig. »Und das muß denen, die in den Mysterien nicht erfahren sind, sonderbar vorkommen.«

»Wie dir selbst zum Beispiel?« fragte Sime frech.

»Ja, vielleicht gerade wie mir.« Scundoo sprach ganz sanft, aber seine Lider sanken leise immer tiefer, bis seine Augen fast verborgen waren. »Und deshalb denke ich jetzt an eine neue Probe. Laßt jeden Mann, jede Frau und jedes Kind die Hände über den Kopf emporstrecken.«

So unerwartet kam das Gebot und so gebieterisch wurde es ausgesprochen, daß alle ohne Zögern gehorchten. Alle Hände wurden hochgestreckt.

»Blicke nun jeder auf die Hände der andern und seht alle,« gebot Scundoo, »auf daß –«

Aber seine Stimme wurde übertönt von dem zornigen Gelächter. Alle Augen ruhten auf Sime. Jede Hand außer der seinen war schwarz von Ruß, die seine war die einzige, die sich nicht an Hooniahs Topf beschmutzt hatte.

Ein Stein sauste durch die Luft und traf ihn an der Backe.

»Es ist Lüge!« rief er. »Lüge! Ich weiß nichts von Hooniahs Decken!«

Ein zweiter Stein verwundete ihn an der Stirn, ein dritter flog an seinem Kopfe vorbei, das große Blutgeschrei ertönte, und überall suchten die Leute auf dem Boden nach Wurfgeschossen. Er wankte und sank halb zusammen.

»Es war ein Scherz! Nur ein Scherz!« schrie er. »Ich tat es nur zum Spaß!«

»Wo hast du sie versteckt?« Scundoos gellende scharfe Stimme durchschnitt den Lärm wie ein Messer.

»In dem großen Fellpacken, der unter dem Dachbalken in meinem Hause hängt«, lautete die Antwort. »Aber es war nur Scherz, sage ich, nur –«

Scundoo nickte, und es wurde dunkel von fliegenden Steinen. Simes Frau weinte schweigend, den Kopf auf den Knien; aber sein kleiner Knabe warf wie die andern unter Schreien und Lachen Steine. Hooniah kam mit den kostbaren Decken angewatschelt. Scundoo hielt sie an.

»Wir sind arme Leute und besitzen nur wenig«, jammerte sie. »Sei daher nicht zu hart gegen uns, o Scundoo.«

Das Volk trat von dem schwankenden Steinhaufen zurück, den es errichtet hatte, und sah zu.

»Nein, das ist nie meine Art gewesen, gute Hooniah«, antwortete Scundoo und streckte die Hand nach den Decken aus. »Zum Beweise, daß ich nicht hart bin, will ich mich mit einigen von diesen begnügen.« »Bin ich nicht weise, meine Kinder?« fragte er.

»Wahrlich, du bist weise, o Scundoo!« riefen sie einstimmig.

Und er ging ins Dunkel, die Decken um sich geschlagen und den schläfrig nickenden Jelchs unter dem Arm.

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