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In den Tod geschickt

Edgar Wallace: In den Tod geschickt - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wallacee/todgesch/todgesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleIn den Tod geschickt
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun11. Auflage
editorFriedrich A. Hofschuster
year1982
isbn3-442-00252-4
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Minn Lee beobachtete das Leben, das Perelli und seine Bekannten führten, anfangs mit großen Augen. Die Frauen, die zu den Gesellschaften kamen, die Perelli gab, waren alle sehr schön – und alle ein wenig zu auffallend gekleidet. Sie und ihre Begleiter schienen sich im allgemeinen wenig Sorgen zu machen und lebten vergnügt in den Tag hinein.

Über Tony hatte sie nach wie vor nicht zu klagen. Er war sehr liebenswürdig zu ihr; viel freundlicher, als es John Waite jemals gewesen war.

Einmal besuchte sie eine Bardame aus Cicero, die früher mit Perelli zusammengelebt hatte. Er behandelte sie äußerst kurz angebunden, und als sie wieder gegangen war, wollte er mit Minn Lee nicht über sie sprechen.

»Ein hübsches Gesicht und wenig Verstand«, knurrte er als Antwort auf ihre Fragen. »Sie hat mich gelangweilt – und ich hasse Leute, die mich langweilen.«

Sie sah ihn lächelnd an.

»Vielleicht langweile ich dich auch einmal ...«

Er nahm ihre Hände und küßte sie.

»Vielleicht einmal, wenn ich uralt bin und nicht mehr sehen und hören kann. Aber bis dahin ist's noch lange.« Er faßte ihren Kopf mit beiden Händen. »Bist du glücklich?« Sie nickte, und er schloß sie zufrieden in die Arme.

Immer wenn sich Tony mit Minn Lee unterhalten hatte, konnte er nachher besonders ruhig und leidenschaftslos über Tom Feeney, Shaun O'Donnell und ihre Bande nachdenken, die ihm in letzter Zeit allerhand zu schaffen machte.

Tom Feeney war groß und schwerfällig gebaut. Er hatte seine Laufbahn als Bauarbeiter begonnen und sich mit Hilfe einer beachtlichen Zähigkeit zu seiner jetzigen Position hochgekämpft. Die Methoden, die er anwandte, waren nicht gerade fein. Wenn er sich irgendwelche Leute gefügig machen wollte, war ihm jedes Mittel recht dazu. Mit Vorliebe wandte er die Ananas-Methode an. Als Ananas wurde in diesem Fall eine Bombe bezeichnet, die vor den Hauseingang des betreffenden Gegners gelegt wurde. Für gewöhnlich genügte diese Warnung. Wenn nicht, richtete die nächste Bombe schon mehr Schaden an. Aber nur wenige Leute warteten die zweite Bombe ab – die dritte überlebte niemand.

Da Tom Feeney die Mittel besaß, mit Hilfe seiner ausgedehnten Organisation jeden Widerstand zu brechen, brachte ihm der Alkoholschmuggel immer größere Summen ein. Spelunken und elegante Luxuslokale, die ihm gehörten, wuchsen wie Pilze aus der Erde.

Seine Schwester, Mrs. Shaun O'Donnell, spielte eine wichtige Rolle in der Organisation. Durch ihren Mann besaß sie großen Einfluß, den sie unbedenklich anzuwenden wußte. Sie war fast ebenso groß wie ihr Bruder, starkknochig und hager, hatte ein rotes Gesicht und häßliche Hände. Ihre Nase fiel durch ein geradezu unwahrscheinliches Tiefrot auf. Man erzählte sich, daß sie einmal mit einem früheren Boxer gerauft und ihn verprügelt hätte. Wenn Tom Feeney einen kleinen Schwips hatte, pflegte er sogar damit zu prahlen.

Obgleich sie Geld wie Heu hatte, kleidete sie sich geradezu unmöglich. Was sie an sich hatte, war von ausgesuchter Geschmacklosigkeit – darüber konnten auch nicht die haselnußgroßen Brillanten hinwegtäuschen, die sie symmetrisch über den ganzen Körper verstreut trug.

Perelli wurde von dieser feinen Dame vor allem wegen seines distinguierten Aussehens gehaßt. Für gewöhnlich bezeichnete sie ihn nur als Geck. Sowohl ihren Mann als auch ihren Bruder hielt sie unter ständiger Kontrolle, und es war ganz klar, daß sie von beiden etwas gefürchtet wurde.

Mrs. O'Donnell ging rücksichtslos gegen alle vor, die ihr in den Weg traten. Es kam ihr nicht darauf an, jemand umlegen zu lassen. Sie war es auch gewesen, die den Angriff auf Tony Perelli organisiert hatte.

»Wenigstens haben wir diesem Hampelmann einen ordentlichen Schrecken eingejagt«, sagte sie später zu ihrem Mann. »Wenn du nur ein wenig mehr Mumm in den Knochen hättest, dann brauchte ich mich über diesen Burschen nicht mehr zu ärgern. Es ist unglaublich, was er neulich zu Mrs. Merlo über mich gesagt hat – aber du machst dir natürlich nichts daraus, wenn mich andere Leute eine Vogelscheuche nennen. Knöpfe dir ihn endlich vor, Shaun!«

»Du scheinst mich ja sehr schnell loswerden zu wollen«, entgegnete er bissig.

Eines Tages erfuhr Mrs. O'Donnell – die den schönen Vornamen Floribella trug –, daß eine schöne Chinesin in Perellis Wohnung eingezogen war. Trotz aller männlichen Energie besaß sie eine gehörige Portion weiblicher Neugier und machte mit der ihr eigenen Unverfrorenheit bei Perelli einen Besuch. Neben der schönen, grazilen Minn Lee wirkte sie wie ein Verladekran älteren Modells neben einer Feuerlilie. Immerhin benahm sie sich sehr liebenswürdig, und Perelli erfuhr zu seiner Verwunderung, daß sie einen recht guten Eindruck auf Minn Lee gemacht hatte.

Auch Mrs. O'Donnell äußerte zu Hause ihre Meinung.

»Dieses Mädchen ist viel zu gut, um mit einem schmutzigen Sizilianer zusammenzuleben. Denk dir, der Kerl setzt Fett an! Shaun, du kannst einfach nicht an ihm vorbeischießen, wenn du nicht gerade betrunken bist – aber natürlich bist du immer betrunken!«

Shaun erwiderte nichts. Er hatte seine eigenen Pläne. Seine Frau brachte ihm noch eine wichtige Information.

»Perelli hat einen neuen Mann aus New York engagiert; er gehörte zu der Five Points-Bande – ein gewisser Con O'Hara. Kennst du ihn?«

Shaun wußte, um wen es sich handelte; Tom Feeney kannte den Mann noch besser und hatte allen Grund, ihn zu hassen.

»Ein ausgezeichneter Pistolenschütze und mit allen Wassern gewaschen. Hoffe, daß er bald wieder aus dieser Stadt verschwindet.«

In derselben Woche erhielt Perellis Bande noch mehr Zuwachs. Ein Alkoholimporteur in Boston, nach außen hin ein sehr angesehener Bürger dieser Stadt, hörte durch einen Freund von einem Harvard-Studenten, der in seiner Karriere Schiffbruch erlitten hatte. Er schrieb deshalb an Tony:

Ich weiß nicht, ob Sie etwas für diesen jungen Mann tun können. Er stammt aus guter Familie, spricht mehrere Sprachen, und ich halte es durchaus für möglich, daß er Ihnen nützlich sein könnte.

So kam Jimmy McGrath mit einem Empfehlungsbrief nach Chicago. Er war von der Universität relegiert worden, weil er einen Diebstahl begangen hatte, von dem er in seinen nüchternen Augenblicken selbst nicht verstehen konnte, wie er dazu fähig gewesen war. Die Professoren hatten zwar angenommen, daß er unter Alkoholeinfluß gestanden hatte, aber schließlich war das keine Entschuldigung. Jimmy schrieb einen Eilbrief an seine Mutter in Neu-England, verbarg sich in New York, und nachdem er einen Monat lang dort vergeblich Arbeit gesucht hatte, fuhr er mit dem Empfehlungsbrief nach Chicago, wo er sich Tony Perelli vorstellte.

Der schlanke junge Mann mit dem blonden Haar machte auf Perelli einen recht guten Eindruck. Der Bandenchef schätzte Leute mit einer ordentlichen Bildungsgrundlage und nahm sich vor, ihm zunächst beibringen zu lassen, wie man mit einer Pistole umgeht, und ihn dann später auch mit organisatorischen Aufgaben zu betrauen.

Vielleicht fand sich hier sogar ein Ersatz für Vinsetti, aber zuerst mußte sich Jimmy natürlich bewähren. In diesem Punkt war Tony unerbittlich. Vor allem mußte jeder, der in die Geheimnisse des Alkoholschmuggels eingeweiht werden wollte, bei der Polizei ein eigenes beachtliches Schuldkonto aufweisen können.

Als tüchtiger Unternehmer hatte Perelli auf dem Land eine Farm, auf der sich die Mitglieder seiner Bande erholen konnten; selbstverständlich war dort auch eine Anlage mit modernen Schießständen. Zu diesem idyllischen Aufenthalt schickte Tony den jungen Mann und empfahl ihn der besonderen Fürsorge seines Maschinengewehrschützen Ricardo.

»Sieh zu, was du aus ihm machen kannst«, sagte er.

Eine Woche später erstattete Ricardo Bericht.

»Keine Nerven. Es wäre besser, wenn du etwas anderes für ihn fändest, Tony.«

Jimmy McGrath kam daher nach Chicago zurück und wurde von Perelli höchst persönlich mit dem Geschäft vertraut gemacht. Er lernte Mitglieder verschiedener Banden kennen, unter anderem Shaun O'Donnell, der merkwürdigerweise Gefallen an dem jungen Mann fand. Eines Tages lud er ihn in seine Wohnung am North Place ein und stellte ihn seiner Frau vor.

»Gehören Sie wirklich zu Perellis Leuten?« fragte sie ohne große Umstände. »Warum wollen Sie sich denn ausgerechnet mit diesem lumpigen Sizilianer verbrüdern?«

»Das ist schließlich seine Sache«, meinte Shaun. »Er will Sie wohl bald als Agent im Außendienst verwenden?«

Jimmy war bestürzt.

»Keine Ahnung, welchen Posten ich bekommen soll.«

Shaun rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Klar, er braucht jemand, der mit anderen Leuten verhandeln kann – Vinsetti ist ja erledigt.«

»Das war sein bester Freund – aber so treibt es dieser Kerl ja immer«, unterbrach ihn Mrs. O'Donnell.

An dem Mittagessen nahm noch ein vierter Mann teil, ein düsterer Italiener, der Jimmy als Mr. Camona vorgestellt wurde. Er hatte in Italien vor kurzem erst eine längere Gefängnisstrafe abgesessen und gehörte jetzt zu Tom Feeneys Scharfschützen.

Eines Abends machte Camona einen verhängnisvollen Fehler. Tony Perelli kam mit zwei seiner Vertrauten vom Theater zurück und bog gerade in eine Seitenstraße der Michigan Avenue ein, als ein anderer Wagen von hinten heranpreschte. Tony duckte sich instinktiv auf den Boden des Autos, als auch schon ein Hagel von Geschossen Verdeck und Seitenwände durchschlugen. Einer seiner Begleiter erhielt einen Schuß durch den Hals. In ein paar Sekunden war alles vorüber – trotzdem hatte einer von Tonys Begleitern das Gesicht Camonas hinter dem Maschinengewehr erkannt.

Tony machte auch von dieser Sache nicht viel Aufhebens. Er traf nur einige kleine Anordnungen.

Camona wohnte in einem kleinen Haus am Südrand der Stadt. Gegen zwei Uhr morgens kam er heim, aber als er gerade die Tür aufschließen wollte, trat ein Mann hinter ihn, setzte ihm die Pistole auf den Nacken und drückte ab. Dann ging der Fremde ruhig zu seinem wartenden Wagen und war schon längst fort, als die nächste Polizeistreife in Sicht kam.

»Gut gemacht, Con«, gratulierte Perelli am nächsten Tag dem neuen Mitglied seiner Firma.

Con O'Hara freute sich über das Kompliment.

»Saubere Arbeit ist meine Spezialität, Tony. Ich schieße immer nur einmal, aber das genügt auch. Natürlich hätte ich ihn schon auf der Straße erledigen können, aber es gingen gerade einige Leute vorbei. Erst als er die Stufen zur Haustür hinaufging, zog ich meinen Achtunddreißiger aus der Tasche ...«

»Schon gut, schon gut!«

Tony konnte es nicht ausstehen, wenn Leute zu viel redeten. Und leider redete Con dauernd.

Jimmy erfuhr die Sache aus den Nachmittagszeitungen und war wie vor den Kopf gestoßen. Mit diesem Mann hatte er noch vor zwei Tagen am gleichen Tisch gesessen.

»Wer hat das wohl getan?« fragte er Tony.

»Ich.« Perelli schaute ihn scharf an. »Der Junge wollte mich gestern abend mit einem Maschinengewehr umlegen – jetzt war er selbst dran.«

»Sind Sie auch sicher, daß es Camona war, der auf Sie geschossen hat?«

Perelli nickte. Es machte ihm Spaß, diesem jungen, unerfahrenen Menschen ein Licht aufzustecken.

»So ist es eben, Jimmy. Entweder man wird selbst über den Haufen geknallt, oder man schießt zurück. Für uns gibt es kein Gesetz. Oder glauben Sie etwa, es hätte einen Sinn, wenn ich zur Polizei gehen und sagen würde, daß Camona auf mich geschossen hat?«

»Trotzdem scheußlich – kaltblütig jemand umzulegen ...!«

Perelli zuckte die Achseln.

»Es gibt keinen anderen Weg. Wer sich auf dieses Geschäft eingelassen hat, muß die Konsequenzen ziehen.«

Das war Jimmys erste Lektion. Da er jung war, machten diese theoretischen Erläuterungen großen Eindruck auf ihn.

»Halten Sie sich Shaun O'Donnell warm«, instruierte ihn Perelli. »Vielleicht müssen Sie in den nächsten Tagen einiges mit ihm besprechen.«

McGrath erzählte ihm kurz den Inhalt des Gespräches, das er mit Shaun geführt hatte.

»Ausgezeichnet«, sagte Perelli. »Vielleicht bekommen Sie wirklich Victors Platz – würde einen Haufen Geld für Sie bedeuten.«

Dabei wußte er sehr gut, daß niemand Victor Vinsetti ersetzen konnte.

Jimmy lernte nach und nach die führenden Mitglieder der Bande kennen. Zunächst Angelo Verona mit seinem nachlässigen Lächeln und seinen ironischen Bemerkungen. Ein Mann, der sich und andere nicht sehr wichtig zu nehmen schien und der Jimmy sehr gut gefiel. Con O'Hara, ein recht primitiver Angeber, machte dagegen einen weniger günstigen Eindruck auf ihn. Schließlich traf er auch mit Minn Lee zusammen. Er hatte schon von ihr gehört und war recht neugierig geworden. Doch seine Erwartungen wurden übertroffen – ihr natürlicher Charme faszinierte ihn sofort. Tony hatte als aufmerksamer Kavalier auch alles getan, um ihr exotisches Aussehen zu unterstreichen. Als Jimmy nach seiner ersten Begegnung mit ihr heimschlenderte, hatte er das Gefühl, daß sein Leben wieder einen Inhalt bekommen hatte.

Vom ersten Augenblick an liebte er Minn Lee; sooft es sich machen ließ, kam er in Perellis Wohnung. Minn Lee beobachtete diese Entwicklung ernst. Für sie gab es nur einen Mann – Tony Perelli.

Eines Tages fragte Tony sie, ob sie ihn liebe. Ihre Antwort war etwas unklar, und er fühlte sich verletzt. In diesem Punkt war er sehr empfindlich.

»Ich glaube schon«, sagte sie. »Vielleicht weiß ich auch gar nicht, was Liebe eigentlich ist. Die Frauen, die bei uns verkehren, sprechen so viel darüber – aber auch so gleichgültig wie etwa über eine Gesichtsmassage oder ein neues Gemälde. Versteh mich richtig – ich kann nicht darüber sprechen.«

Er runzelte die Stirn und sah sie mit einem abwägenden Blick an.

»Ich möchte es aber wissen, ob du mich liebst ... Nimm einmal an, vor der Tür würde jemand stehen, der mich umlegen will, und ich sagte zu dir, daß du als erste, vor mir, hinausgehen sollst. Würdest du gehen, obwohl du wüßtest, daß der Mann sofort schießt ...?«

Sie lachte. Dann schaute sie ihm eindringlich in die Augen.

»Ich würde es mir keine Sekunde überlegen, wenn du es mir sagtest.«

Tony atmete schnell.

»Aber es wäre doch dein Tod, Minn Lee!«

Sie nickte.

»Das bedeutet nichts.«

»Würdest du das auch für einen andern tun?«

»Nein«, sagte sie nach kurzem Nachdenken. »Für niemand sonst.«

Er lächelte freudig, und seine dunklen Augen leuchteten auf.

»Dann liebst du mich mehr, als du denkst.«

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