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In den Tod geschickt

Edgar Wallace: In den Tod geschickt - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/wallacee/todgesch/todgesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleIn den Tod geschickt
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun11. Auflage
editorFriedrich A. Hofschuster
year1982
isbn3-442-00252-4
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid4b5743cb
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24

Mary ließ sich nicht beruhigen, und Tony brachte sie schließlich in ihr Zimmer. Angelo stand in der offenen Tür und sah nachdenklich hinter ihnen her.

Es war ihm ganz klar, daß die Zustände hier einer Krise zusteuerten. Der Wechsel von Minn Lee zu Mary würde auch noch andere entscheidende Veränderungen nach sich ziehen.

Lange Zeit stand Angelo, die Hand auf der Türklinke, und sah den Korridor entlang. Ganz in der Nähe stand in einer Garage ein schwerer Sportwagen. Eine Treppe, von der die Polizei keine Ahnung hatte, führte zu einem Geheimausgang. Alles war gut vorbereitet.

Angelo sah den Tatsachen ins Auge und machte sich keine Illusionen. Er hatte Tony in den vergangenen Jahren sehr gut kennengelernt, und einige untrügbare Anzeichen in seinem Benehmen hatten ihn gewarnt. Er wußte, daß er an der Reihe war und daß er heute abend unter einem Leichentuch liegen würde, wenn er keine Vorsichtsmaßregeln traf. Mit einem Seufzer drehte er sich um und schloß leise die Tür. Im Zimmer stand Minn Lee, die ihre Stickerei hatte holen wollen.

»Entsetzlich, wie Sie sich wegen Con aufführt«, sagte er.

Minn Lee lächelte.

»Wer weiß, vielleicht hat sie ihn doch geliebt.«

Angelo schüttelte den Kopf.

»Ich habe genug von diesen ganzen Weibergeschichten.« Er lachte vor sich hin und ließ sich in einen Sessel fallen. »Wirklich, ein großartiges Leben hier!«

»Wo werden Sie einmal enden, Angelo?«

»Darüber dachte ich gerade auch nach. Es war Aussicht vorhanden, daß ich eines Tages die Leitung dieser ruhmvollen Organisation übernehmen würde – und ich kann Ihnen versichern, daß dann manches anders geworden wäre. Aber jetzt ...« Er machte eine vielsagende Geste.

Dann stand er auf und ging zu Minn Lee hinüber, die an der Wand lehnte.

»Tony sagte mir etwas von einer neuen Geschäftsführerin, die er für eines seiner schmutzigen Lokale in Cicero braucht.«

»So?« fragte sie gleichgültig.

»Ich hoffe, daß er nicht jemand auswählt, den ich kenne.«

»Er wird schon die richtige Frau dafür finden – ich werde es auf jeden Fall nicht sein.«

»Hoffentlich nicht – um unser aller willen.«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Was soll das heißen, Angelo? Was würden Sie denn tun, wenn er ...?«

»Nichts, was mir später leid täte.« Er setzte sich auf den Klavierstuhl und drehte sich einmal im Kreis herum.

»Ich denke, Sie schätzen Tony sehr.«

Angelo lächelte.

»Teils, teils. Zugegeben, er ist tüchtig – aber jetzt hat er einige Sachen gemacht, die nicht hätten vorkommen dürfen.«

Nur selten hatte er so offen mit ihr gesprochen.

»Sie müssen sehr viel Vertrauen zu mir haben, daß Sie mir das alles sagen. Wenn Tony wüßte, wie Sie denken ...«

Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

»Er wäre tot, bevor er die Hand an der Pistole hätte.«

In diesem Augenblick trat Tony ins Zimmer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Angelo betrachtete ihn kritisch.

»Wie steht's? Geht es Mutter und Kind gut?« erkundigte er sich.

»Werde nicht zu frech!« fuhr ihn Tony an. Hätten ihn die augenblicklichen Ereignisse nicht so stark in Anspruch genommen, dann wäre ihm die auffallende Veränderung in Angelos Wesen sicher nicht entgangen.

»Was wird sie tun?« fragte Minn Lee.

»Sie bleibt hier«, erwiderte Perelli kurz.

»Hat sie denn keine Freunde?«

»Doch – mich«, knurrte er ärgerlich. Angelo war ihm im Weg, und er wandte sich zu ihm. »Laß mich mal mit Minn Lee allein – und noch eines, Angelo: Um sechs Uhr muß ein Wagen für Minn Lee vor der Haustür stehen.«

Angelo nickte gleichmütig mit dem Kopf und ging hinaus. Tony sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach.

»Der Kerl wird zu frech«, murmelte er vor sich hin. »Na, an einem der nächsten Tage ...«

Es fiel ihm nicht leicht, das zu erledigen, was jetzt erledigt werden mußte. Mit einer Handbewegung winkte er Minn Lee zu sich.

»Komm her, Liebling. Mir fällt da gerade etwas ein ...« Er nahm ihre Hand und betrachtete prüfend die prachtvollen Ringe. »Es sind wertvolle Steine«, fuhr er langsam fort. »Meinst du nicht, daß sie einmal neu gefaßt werden müßten? Am besten, ich lasse das gleich morgen bei Tiffany erledigen.«

Er hielt die Hand auf, und ohne Widerstreben streifte sie einen Ring und ein Armband nach dem andern ab und gab sie ihm. Zufrieden schob er sie in die Tasche.

»Sie werden großartig aussehen, wenn sie neu gefaßt sind. Ich gebe sie dir natürlich zurück, keine Sorge! Die Arbeit wird ausgeführt, während du fort bist.«

Auf seinen letzten Satz hatte er besonderen Nachdruck gelegt, und sie sah ihn groß an.

»Während ich fort bin?«

»Ja, du wirst mich ein wenig verlassen müssen. Weißt du, so schnell komme ich nicht über die Sache mit Jimmy weg ... Ich liebe dich zu sehr«, sagte er vorwurfsvoll. »Hoffen wir, daß ich das mit der Zeit vergessen kann ...«

Ein langes Schweigen folgte. Minn Lee sah mit ihrem unergründlichen, rätselvollen Lächeln auf ihren nackten Arm.

»Wohin soll ich denn gehen?« fragte sie sanft.

Er nahm ihre Hände in die seinen.

»Ich will es dir sagen. Du möchtest mir doch gern helfen, nicht wahr? In der letzten Zeit habe ich viel Schwierigkeiten in Cicero gehabt. Diese verdammten Mädchen haben mich bestohlen, wo sie nur konnten – die Geschäftsführerin des großen Lokals mußte ich hinauswerfen. Sie taugte nichts.«

Er hörte, daß Minn Lee scharf die Luft einzog und erwartete einen Tränenausbruch; doch er hatte sich getäuscht.

»Du möchtest, daß ich ihre Stelle einnehme?« fragte sie und schüttelte den Kopf.

»Nur für kurze Zeit«, bat er in seinem freundlichsten Ton. »Du bist sehr gewissenhaft, Minn Lee, und könntest dort alles für mich in Ordnung halten. Natürlich erhältst du eine schöne Wohnung, Autos, was du willst ...«

Sie schüttelte wieder den Kopf, und diesmal sah er sie scharf an und redete im Befehlston.

»Minn Lee, ich bin sehr gut zu dir gewesen!«

»Ja, du hast recht ...«, sie sprach jetzt so leise, daß er sie kaum verstehen konnte.

»Also, sei lieb und mach mir keinen Kummer!«

Seine Worte klangen bestimmt; die Sache war für ihn erledigt. Mit einem vergnügten Lächeln stand er auf.

»Ich spiele ein wenig Klavier; du kannst mir zuhören.«

»Spiele nur, Tony«, sagte sie. »Ich muß meiner Schneiderin noch schreiben ...«

»Gut.« Er setzte sich an das Instrument und sprach, während er spielte. »Natürlich werden deine Rechnungen, die noch offenstehen, alle bezahlt. Leg sie nur auf den Tisch, damit Angelo sie findet!«

Sie hörte ihm nicht mehr zu. Vor ihr lag ein großer Block, und sie begann schnell zu schreiben, während Tony sich seinem Spiel widmete.

Plötzlich fühlte er ihre Hand auf seiner Schulter und schaute auf. Ihr Gesicht war bleich.

»Du bist doch nicht krank?« fragte er bestürzt. Das hätte die Angelegenheit im Augenblick unangenehm kompliziert. – »Nein, nein – ich bin nicht krank.«

»Schön, Minn Lee, du bist ein tüchtiges Mädchen.« Er streichelte ihre Hand. »Aber du siehst so blaß aus.«

»Ein wenig Kopfschmerzen, Tony ...«

»Leg dich doch hin!«

Er sah, wie sie sich auf die Couch legte, und begann wieder zu spielen. Angelo kam ihm in den Sinn, und er redete halb über die Schulter zu Minn Lee hin.

»Dieser Angelo macht mir Sorgen! Der Kerl spielt sich zu sehr auf – es ist immer dasselbe mit den kleinen Leuten, denen man eine Chance gibt. Er wird sich wundern! – Hörst du eigentlich zu, Minn Lee? Minn Lee, bist du eingeschlafen? Du wirst noch packen müssen, der Wagen ist um sechs Uhr da.«

Er stand auf und streckte sich. Dabei sah er den Briefbogen, den sie seitlich auf das Klavier gelegt hatte. Nachlässig nahm er ihn auf und las ihn flüchtig – aber dann fuhr er entsetzt herum. Sein Gesicht war aschgrau.

»Minn Lee! Minn Lee!« rief er heiser.

Sie lag ganz still. Ihr Gesicht war totenbleich.

»Minn Lee, um Himmels willen, was hast du getan!« schrie er verzweifelt und lief zu ihr. »Minn Lee ...!«

Es klopfte scharf an die Tür, und bevor er einen klaren' Gedanken fassen konnte, stand Kelly vor ihm.

Der Beamte überflog die Szene mit einem Blick – die Tote, die friedlich und ruhig auf dem Sofa lag, den vor Schreck zitternden Perelli.

»Was ist ...«

Dann sah er die Hand Perellis auf Minn Lees Brust – sie hielt den Griff des Dolches umklammert, mit dem sie sich getötet hatte.

»Lassen Sie das Ding los!«

Tony sah ihn wie betäubt an. Er öffnete seine Hand ...

»Rühren Sie sich nicht!«

Kelly hatte eine Pistole gezogen und hielt Tony damit in Schach.

»Nein, nein! Ich habe es doch nicht getan!« stammelte Perelli. »Wirklich nicht ... Es ist Selbstmord – dort liegt der Brief. Lesen Sie doch – sie hat es selbst geschrieben ...«

Kelly nahm das Blatt und las die wenigen Worte.

›Leb wohl, Tony. So ist es besser für mich.
              Deine Minn Lee‹

Es war ihre Schrift. Kelly schaute Tony an – dann holte er sein Feuerzeug heraus, knipste es an und hielt es an das Blatt Papier.

»Ich weiß nicht, wieviel Menschen Sie getötet haben, ohne dafür bestraft zu werden«, sagte er mit haßerfüllter Stimme und sah zu, wie das Blatt Feuer fing. »Komisch, daß Sie jetzt für eine Tat auf den elektrischen Stuhl kommen werden, die Sie nicht begangen haben – wirklich originell, wie?«

Diese Worte wirkten auf Perelli wie eine kalte Dusche; plötzlich gewann er seine Besinnung wieder. Er lief zum Telefon, wählte eine Nummer und sprach gleich darauf mit einem Mann, den Kelly gut kannte – es war einer der bekanntesten Rechtsanwälte Chicagos. Der Beamte zuckte hilflos die Schultern – einen Augenblick lang hatte er geglaubt, daß es nun mit Perelli aus sei, aber jetzt erkannte er, daß es überhaupt kein Ende gab. Perelli wußte zu gut Bescheid – und hatte zu viel Geld. Er würde verhaftet werden, sicher – aber bei der Verhandlung würde man ihn mangels Beweisen wieder freilassen. Welchen Zweck hatten alle seine Bemühungen noch? Perellis Worte fielen ihm ein, daß sich die Unterwelt eigene Gesetze geschaffen habe.

Mit einer resignierten Handbewegung drehte er sich um und ging zur Tür. Er sah nicht, daß Angelo durch die gegenüberliegende Tür hereinschaute und mit einem langen Blick die Situation erfaßte. Von Minn Lee, die er geliebt hatte, schaute er zu Perelli, den er haßte ...

»Da haben Sie es, Kelly!« rief Tony triumphierend. »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich selbst das Gesetz bin? Sie sind zwar sehr geschickt, aber noch lange nicht so geschickt wie ich. Ich habe meinem Rechtsanwalt alles erzählt ... Na, was meinen Sie, was jetzt passiert? Gar nichts werden Sie mir anhaben können ...«

Angelo öffnete die Tür ein wenig weiter, in der Hand hielt er eine schwere Pistole.

»Also, hören Sie mal zu, Kelly ...« begann Tony wieder.

Zwei, drei Schüsse krachten. Angelo schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel um. Dann eilte er zu dem Geheimausgang, vor dem sein Wagen wartete.

Kelly, der noch unter der Tür stand, war herumgefahren. Gleich darauf schaute er düster auf den Toten, der zu seinen Füßen lag.

»Das hatte er vergessen«, sagte er langsam, »die Strafe seines eigenen Gesetzes.«

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