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In den Tod geschickt

Edgar Wallace: In den Tod geschickt - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/wallacee/todgesch/todgesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleIn den Tod geschickt
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun11. Auflage
editorFriedrich A. Hofschuster
year1982
isbn3-442-00252-4
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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19

Angelo war wieder hinausgegangen, und Tony wartete. Irgend etwas war geschehen, das fühlte er.

»Haben Sie etwas Neues erfahren?« fragte der Kommissar gleichgültig und nahm eine lange, dunkle Zigarre aus seinem Etui.

Tony lächelte.

»Nein. Aber Sie sind doch sicher nicht hergekommen, um mich zu fragen, was es Neues gibt? Das können Sie schließlich für drei Cents in der Zeitung lesen!«

Kelly ging eine Weile im Zimmer auf und ab und blies große Rauchwolken vor sich hin. Dann blieb er plötzlich stehen und sah Tony mit einem eiskalten Blick an.

»Perelli, wieviel verdienen Sie eigentlich jährlich mit Ihren Unternehmungen? Doch eine ziemlich hohe Summe?«

Tony zuckte die Schultern.

»Weil wir Freunde sind, will ich es Ihnen sagen«, entgegnete er mit leiser Ironie. »Und unter Freunden hat man doch keine Geheimnisse, nicht wahr? Also, ich verdiene eineinhalb bis zwei Millionen im Jahr. Allerdings sind die Geschäftsunkosten sehr hoch. Im vorigen Jahr mußte ich etwa eine Million bezahlen, meistens an Leute von der Polizei. Es ist schlimm, wieviel Schmiergelder diese Beamten verschlucken! Die meisten stehen auf unseren Zahllisten. Diese Demoralisation ist geradezu entsetzlich!«

Kelly lächelte verbissen.

»Können Sie mir die Summe nennen, die ich von Ihnen bekommen habe?«

Tony lachte über diese Frage. Er hatte vor Polizeibeamten nicht den geringsten Respekt, ob sie nun Geld von ihm annahmen oder nicht.

»Gestatten Sie mir die Meinung, daß Sie wirklich sehr unklug sind. Das Leben ist so kurz, und warum sollte man es sich nicht so angenehm wie möglich machen? Wenn man aber kein Geld hat, so ist es schwer, vergnügt zu sein. Seit fünf Jahren habe ich keine Zehndollarnote mehr in der Hand gehabt – sehen Sie, das nenne ich Lebensart! Man darf überhaupt nicht wissen, daß es solches Kleingeld gibt.«

Er schaute Kelly selbstsicher an.

»Ihre Mädchen in Cicero wissen aber sehr wohl, wie ein Zehndollarschein aussieht«, erwiderte Kelly mit Nachdruck. Die Bemerkung kränkte Tony, denn er war in diesem Punkt merkwürdig empfindlich. Im Grund schämte er sich der Einnahmequellen aus seinen Lokalen in Cicero, und wenn die Sprache darauf kam, protestierte er stets entrüstet dagegen, daß er mit dieser Sache etwas zu tun habe. Mit seinen Vertrauten allerdings redete er davon wie von anderen geschäftlichen Unternehmungen, kontrollierte die eingehenden Gelder und freute sich über finanzielle Erfolge.

»Aber lieber Kommissar, Sie sprechen immer von meinen Mädchen in Cicero«, erklärte er in bedauerndem Ton. »Ich habe weder Mädchen in Cicero noch sonstwo. Diese Lokale gehören mir nicht, und es wäre mir auch ganz unmöglich, solches Geld anzunehmen – ich dachte, Sie würden mich besser kennen, Mr. Kelly.« Er spielte den Verletzten. »Ich habe niemals auch nur einen Dollar in derartigen Unternehmungen investiert. Jeder, der mich kennt, wird Ihnen das bestätigen. Meine Feinde verbreiten natürlich solche Gerüchte über mich, aber beweisen können sie nichts – das wissen Sie doch ganz genau!«

Kelly machte ein skeptisches Gesicht.

»Haben Sie wirklich nichts damit zu tun? Wie steht es denn zum Beispiel mit der ›Skyline-Bar‹?«

Tony lächelte mitleidig.

»Die ›Skyline-Bar‹! Ich kenne das Lokal natürlich; meiner Ansicht nach steht es in einem falschen Ruf – doch das geht mich nichts an. Das Haus gehört mir nicht, ich weiß nicht einmal, wer der Besitzer ist.«

»Freut mich, das zu hören«, sagte Kelly herzlich. »Deshalb bin ich nämlich hergekommen. Eine Bande von Rowdies hat heute abend die ›Skyline-Bar‹ überfallen, die Mädchen auf die Straße geworfen und das Lokal angesteckt. Es ist vollständig ausgebrannt.«

Tonys Gesicht war plötzlich blaß geworden, und er verlor jede Selbstbeherrschung.

»Was sagen Sie da?« Er sprang auf, seine Hände zitterten. »Das ist doch nicht wahr!« Vor Erregung konnte er kaum sprechen. »Das wäre mir schon längst gemeldet worden ... Die ›Skyline-Bar‹ ist hunderttausend Dollar wert!« Er ging wütend auf und ab. »Diese verfluchte Bande! Die Kerle gehören alle an die Wand gestellt!« Er trat dicht vor Kelly hin und drohte ihm mit der Faust. »Gibt es denn keine Polizei in Cicero?« schrie er.

»Das müssen Sie doch selbst am besten wissen – die Leute stehen ja auf Ihren Zahllisten. Und warum regen Sie sich eigentlich so furchtbar auf? Sie sagten doch eben, daß das Haus nicht Ihnen gehört und daß Sie keinen Dollar in ähnlichen Unternehmungen investiert haben. Es kann Ihnen doch wirklich gleichgültig sein.«

»Diese gemeine Bande!« Tonys Stimme zitterte vor Wut. »Gibt es denn überhaupt kein Gesetz mehr? Hunderttausend Dollar – und nicht für einen Cent versichert!«

Tony suchte jetzt nichts mehr zu verheimlichen. Ein Verlust von hunderttausend Dollar war auch für ihn keine Kleinigkeit.

Kelly, der ihn mit unverhohlener Schadenfreude betrachtete, wollte wieder gehen.

»Tut mir furchtbar leid«, sagte er. »Aber einen kleinen Trost habe ich wenigstens für Sie – es sind keine Menschenleben zu beklagen. Da Sie doch ein so großer Menschenfreund sind, wird Sie dies sicher etwas beruhigen.«

Tony hatte inzwischen mühsam seine Fassung wiedergewonnen. Er hielt Kelly unter der Tür noch einen Augenblick zurück.

»Warten Sie noch einen Moment – ich hätte ganz gerne einmal offen mit Ihnen geredet. Obwohl Sie im andern Lager stehen, sind Sie ein tüchtiger Kerl, das muß Ihnen der Neid lassen. Ich weiß genau, wie ich mit Ihnen dran bin. Wäre nett, wenn Sie für mich auch ein wenig Verständnis aufbrächten ... Es gibt eben nur eine Art, eine Organisation wie die meine zu leiten. Manchmal sind die Methoden, die ich anwenden muß, etwas hart – das gebe ich zu. Aber was liegt denn auch daran, wenn ein paar Leute über den Haufen geschossen werden, die sich sowieso außerhalb des Gesetzes gestellt haben. Eigentlich sparen wir dem Staat eine Menge Geld, wenn wir Streitigkeiten untereinander erledigen!«

Perelli hatte mit Nachdruck gesprochen, aber Mr. Kelly zeigte sich nicht sehr beeindruckt.

»Großartig!« sagte er. »Diese Lesart habe ich aber schon so oft gehört, daß ich sie nächstens auswendig weiß. Soll sich das Ganze übrigens auf Jimmy McGrath beziehen?«

Tony warf ihm einen schnellen Blick zu. Vermutete Kelly etwas?

»Jimmy ist ein netter Kerl, und ich habe ihn sehr gern«, entgegnete er gewandt. »Könnte meinen eigenen Bruder nicht mehr schätzen.«

»Empfinden Sie diese Gefühle auch für Con O'Hara?«

»Auch ein braver Mensch.«

»Wo sind denn die beiden?«

Tony tat geheimnisvoll, schaute sich vorsichtig um und dämpfte seine Stimme.

»Ich glaube, sie wollen sich mit ein paar Mädels einen vergnügten Abend machen – erzählen Sie aber O'Haras Frau nichts davon.«

»Aha. Und mit Tom Feeney sind Sie jetzt auch ein Herz und eine Seele?«

Kelly konnte wirklich unangenehm werden. Er führte die Unterhaltung so sprunghaft und so schnell, daß sein Gesprächspartner immer wieder verblüfft wurde. Dies war eine seiner Methoden, Informationen herauszulocken.

»Sicher, wir stehen jetzt sehr gut miteinander. Vorher gab es ja öfters einige kleine Mißverständnisse.«

»Zuletzt wohl wegen Shaun O'Donnell?«

Tony streckte verzweifelt die Hände aus, an denen seine vielen Ringe glänzten.

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß jetzt alles in Ordnung ist.«

Kelly schaute ihn noch einmal durchdringend an.

»Welchen Preis habe Sie denn dafür gezahlt, daß jetzt alles in Ordnung ist?«

Diesmal spielte Tony die Rolle des Entrüsteten zu vollendet, um glaubhaft zu wirken.

»Mr. Kelly, Sie sollten mich wirklich nicht dauernd beleidigen.«

Ungerührt stellte der Beamte die entscheidende Frage:

»Haben Sie vor, deswegen irgend jemand in den Tod zu schicken?«

»Um Himmels willen, nein! Wie können Sie nur so etwas denken, Mr. Kelly! In den Tod schicken – das wäre doch Mord ...«

»Gewiß wäre das Mord!« Kelly setzte seinen Hut auf. »Aber auf ein paar Morde mehr oder weniger kommt es Ihnen ja nicht an – Sie dreckiger Schuft! Gute Nacht!«

In diesem Augenblick kam Minn Lee zur anderen Tür herein. Gleich darauf läutete das Telefon; Kelly zeigte auf den Apparat.

»Melden Sie sich«, befahl er. »Ich habe meinen Leuten gesagt, daß ich hier bin.«

Perelli bemerkte Minn Lee, und sein ganzer Groll entlud sich auf sie.

»Mach, daß du fortkommst«, zischte er zwischen den Zähnen. »Hörst du nicht? Wir werden noch abrechnen wegen Jimmy, verstanden?«

Kelly ging auf das Telefon zu, als es von neuem klingelte.

»Nein, nein, ich melde mich schon«, sagte Perelli hastig und hob den Hörer ab. »Wer ist da?« erkundigte er sich bissig, änderte seinen Ton aber sofort. »Ach, das Polizeipräsidium? Ja, Mr. Kelly ist hier.« Er gab dem Kommissar den Hörer.

Gefahr war für ihn im Anzug, das fühlte er deutlich. Die Polizei nahm eine drohende Haltung an, und er wußte, daß er sich jetzt in acht nehmen mußte. Trotzdem beschäftigten sich seine Gedanken momentan ausschließlich mit Minn Lee und seinen neuen Plänen.

»Meinst du vielleicht, ich hätte nicht gesehen, wie dich Jimmy geküßt hat?« flüsterte er ihr zu.

Minn Lee beachtete ihn nicht. Kelly telefonierte immer noch, und sie wußte gut genug, was ihm gerade gemeldet wurde.

»Ach ...! Wann ist das passiert ...? Der junge McGrath? Ist er tot?«

Minn Lee sah ihn an – ihre Augen waren von einem merkwürdigen Glanz erfüllt.

»... Ecke Michigan Avenue und Vierundneunzigste Straße? Ist sonst noch jemand erschossen worden? Nur McGrath ...? Sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher? O'Hara war nicht bei ihm?«

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