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In den Tod geschickt

Edgar Wallace: In den Tod geschickt - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/wallacee/todgesch/todgesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleIn den Tod geschickt
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun11. Auflage
editorFriedrich A. Hofschuster
year1982
isbn3-442-00252-4
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid4b5743cb
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18

Angelo öffnete Kommissar Kelly die Wohnungstür. Es gelang ihm nicht ganz, seinen Schreck über den Besuch zu verbergen, denn er hatte schon lange klar erkannt, welche Gefahr der Organisation durch diesen Mann drohte.

Zwischen Kelly und Angelo bestand eine gewisse Sympathie, die man nur schwer definieren konnte. Kelly betrachtete Angelo als zukünftigen Leiter der Gesellschaft, die jetzt Perelli unterstand, und er wußte auch, daß sich dann nicht nur die Methoden ändern, sondern sogar eine Wendung zum Besseren eintreten würde, wenn Angelo die Führung übernahm.

»Wo ist Perelli?« fragte er barsch.

Er schaute sich um und sah die ausgetrunkenen Flaschen und Gläser. Auch ohne die Musik, die aus den hinteren Räumen drang, wäre ihm klar gewesen, daß hier eine Party gegeben wurde.

»Er ist vor einiger Zeit weggegangen, um einen Freund aufzusuchen«, erwiderte Angelo schnell.

Kelly lächelte.

»Perelli geht doch nicht zu Fuß, und sein Wagen steht drunten in der Garage.«

Angelo nahm die Zurechtweisung gelassen hin. Es gehörte zu seinen Aufgaben, die Polizei stets über Tonys Aufenthaltsort im unklaren zu lassen.

»Er ist mit einer Dame nach oben gegangen«, erklärte er dann in vertraulichem Ton. »Sie kennen Perelli doch! Wollen Sie etwas trinken?«

Kelly ging auf und ab.

»Tom Feeney war heute hier.«

Angelo nickte.

»Ja. Wir haben uns jetzt endlich mit ihm geeinigt.«

»Aha, die feindlichen Brüder vertragen sich plötzlich! Sagen Sie mal, wo steckt eigentlich der junge McGrath?«

Angelo lächelte verbindlich.

»Er ist auch irgendwo im Haus – ein wirklich netter Junge.«

»Im Haus? Wenn ich nicht irre, haben ich ihn unten an der Tür gesehen, als ich kam. Holen Sie Perelli – ich muß sofort mit ihm sprechen.«

Angelo wandte sich zur Tür.

»Aus welchem Anlaß findet denn diese Party heute abend statt?« fragte Kelly.

»Tony hielt es für gut, die Verständigung zwischen Tom und ihm ein wenig zu feiern«, entgegnete Angelo. »Shaun wurde ja heute nachmittag schon beerdigt. Haben Sie die Blumen gesehen? Ganze Wagenladungen voll!«

In diesem Augenblick kam Minn Lee herein und setzte sich mit ihrer Stickerei auf die Couch. Kelly begrüßte sie mit einem freundlichen Nicken. Angelo verließ das Zimmer.

»Sie sehen sehr hübsch aus«, sagte Kelly höflich.

Lächelnd schaute sie auf ihr Pariser Modellkleid und blickte dann zu dem Kommissar auf.

»Gefällt Ihnen das Kleid?«

»Vorzüglich«, erwiderte Kelly bewundernd.

Sie lachte vergnügt, und er betrachtete sie erstaunt.

»Ich habe Sie noch gar nie so lustig gesehen, Minn Lee.«

Er wollte keine nähere Erklärung.

»Minn Lee, Sie wissen, daß ich Sie trotz der Umgebung, in der Sie leben, recht gern habe. Wann gehen Sie denn nun fort?«

»Wie kommen Sie darauf, daß ich fortgehe?« fragte sie.

»Nun, es wäre jetzt allmählich an der Zeit. Sie sind immerhin die dritte Frau, die ich hier kennenlernte ... Einmal ist noch jede verschwunden.«

»Ich weiß es. Die armen Mädchen!« Ihre Stimme klang sorglos.

»Vielleicht wissen Sie auch, woher Mr. Perelli das Geld zu seinem luxuriösen Leben nimmt?«

Sie zuckte die Achseln.

»Alkoholschmuggel!«

»Stimmt. Es gibt aber auch noch andere Einnahmequellen – er ist zum Beispiel Besitzer von drei Nachtlokalen, deren Hauptattraktionen sehr zweifelhafte Animierdamen sind.«

Ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß, und sie schaute ihn nicht an.

»Auch das weiß ich«, erwiderte sie leise. »Ich bin doch kein Kind mehr. Aber warum erzählen Sie mir das?«

Er hatte seine guten Gründe dafür. Sie sollte etwas hören, was ihr panischen Schrecken einjagen würde.

»Die Geschäftsführerin eines dieser Lokale, die besonders auf die Mädchen aufpassen muß, hat Geld unterschlagen ihre Stelle ist frei.«

Es war ihr äußerlich nichts anzumerken, und er staunte über ihre Haltung.

»Das ist mir gleichgültig. Wenn Sie mir gestern so etwas gesagt hätten, wäre ich traurig geworden. Aber jetzt kann mich nichts mehr kränken.«

Er schaute auf ihre Hand, an der ein großer Diamant blitzte.

»Da haben Sie ja einen fabelhaften Ring.«

Sie nickte zerstreut, und er merkte, daß sie mit ihren Gedanken weit weg war.

»Ich habe ihn schon früher gesehen. Jede Frau, die mit Perelli zusammenlebte, hat ihn getragen.«

Allmählich fand sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie lächelte ein wenig und seufzte.

»Ja, das glaube ich auch.«

»Eines Tages wird Perelli den Ring zurückverlangen.«

Sie betrachtete den Ring so aufmerksam, als ob sie ihn noch nie gesehen hätte.

»Ich brauche ihn nicht – er bedeutet mir nichts.«

»Eines Tages schickt er auch Sie nach Cicero hinaus«, fuhr er ernst fort. »Sie wissen, was dort auf Sie wartet?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie werden zuerst in dem vornehmeren Lokal sein, in dem nur reiche Leute verkehren.«

»Nein!«

Sie stieß das Wort so heftig hervor, daß er einen Augenblick glaubte, er habe sie wirklich erschreckt.

»Und nach einem Jahr steckt man Sie dann in eine bessere Kneipe, wo nur Bier und Schnaps getrunken wird.«

»Nein!«

Er faßte sie an den Schultern und drehte sie um, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte.

»Das ist der Weg, den alle gegangen sind, Minn Lee. Alle, die sich einmal Mrs. Perelli nannten, haben auf die gleiche Weise geendet.«

Eine lange Pause folgte.

»Aber ich sehe einen Ausweg für Sie«, sagte er dann.

Auch sie kannte einen Ausweg – doch davon wußte Kelly nichts. Er dachte nur daran, wie er Perelli fangen könnte.

»Auf der Bank liegen hunderttausend Dollar, auf die bisher niemand Anspruch erhoben hat. Es ist die Belohnung für denjenigen, der den Mörder Vinsettis angeben kann. Tony Perelli hat es getan – und zwar ganz allein. Sie wissen es doch?«

Sie machte eine abwehrende Handbewegung und setzte sich müde auf einen Stuhl.

»Jetzt sind Sie wieder der Polizeibeamte – ich habe es viel lieber, wenn Sie anders mit mir reden.«

Kelly sah sich um und dämpfte seine Stimme. Er wußte noch viel besser als Minn Lee, was sich schon alles in diesem Haus abgespielt hatte; auch über die Affaire Tonys mit Mary hatte er schon Informationen erhalten. Vielleicht konnte er sie dadurch zum Reden bringen.

»Sie hätten nichts zu fürchten, Minn Lee – kein Gangster würde es wagen, Sie anzurühren. Das einzige Vergehen, für das man in Chicago mit Sicherheit hingerichtet wird, ist die Ermordung einer Frau. Und außerdem würde ich Ihnen für Ihr Leben garantieren.«

»Geben Sie sich keine Mühe, Mr. Kelly. Ich fürchte mich nicht vor Tonys Nachtlokalen – denn ich werde niemals dort hingehen. Dazu ist meine Selbstachtung doch noch zu groß.«

»Sie kennen Tony Perelli immer noch nicht!«

»Ich weiß schon – Sie wollen mich ein wenig aus der Ruhe bringen. Aber wenn ich gehe, will ich von allen Leuten in Frieden scheiden.«

Das war ihm neu.

»Sie gehen also wirklich?« fragte er eifrig.

Sie nickte.

»Weiß Tony davon?«

»Nein.«

Sie sah an ihm vorbei. Tony stand in der Tür und lächelte sie an.

»Aha, Minn Lee unterhält Sie ein wenig«, sagte er. »Ich hörte, daß Sie mich sprechen wollten?« Er nahm Minn Lee die Stickerei aus der Hand. »Der alte chinesische Drache wächst ja gar nicht mehr. Schauen Sie mal her.« Er zeigte Kelly stolz das Werk. »Hat sie das nicht hübsch gemacht?« Er küßte sie. »Jetzt geh, Kleine – nachher habe ich Zeit für dich.«

Kelly gab Minn Lee die Hand.

»Leben Sie wohl.«

Sie zögerte einen Augenblick, nahm dann seine Hand und machte einen kleinen Knicks.

Tony sah ihn erstaunt an.

»Ich sehe zum erstenmal, daß Sie jemand die Hand geben, Mr. Kelly.«

»Und ich habe zum erstenmal jemand in Ihrer Wohnung getroffen, der einen Händedruck wert ist«, erklärte der Beamte kurz. »Sie erwarten doch nicht, daß ich einen Gauner wie Sie auf diese Weise begrüße?«

Einen Augenblick lang sah ihn Perelli mit mörderischer Wut an, aber dann beherrschte er sich und wandte sich mit seinem üblichen Lächeln an Angelo, der auch hereingekommen war.

»Hast du das gehört? Das reicht für eine Beleidigungsklage.«

Angelo war ein aufmerksamer Beobachter und schwieg. Er fühlte instinktiv, daß sich die Beziehungen zwischen dem Polizeibeamten und Tony geändert hatten. Kelly sprach wie ein Mann, der etwas wußte.

»Kommen Sie auf mein Büro, wenn Sie die Klage einreichen wollen. Ich bin allerdings nicht so luxuriös eingerichtet wie Sie – und die letzten acht Bandenchefs, die mir dort im Laufe der Zeit gegenübersaßen, sind tot.«

Tony Perelli lächelte ungläubig.

»Die hätten sich eben wehren sollen! Angelo, findest du nicht auch, daß Mr. Kelly sehr schlecht über uns denkt? Immer muß ich. an allem schuld sein – sogar daß Vinsetti ermordet wurde, will man mir in die Schuhe schieben.«

Es sah Perelli ähnlich, Vinsetti zu erwähnen; diese Kühnheit verblüffte Kelly.

»Vinsetti? Hm. Er hob dreihunderttausend Dollar von seiner Bank ab, kam hierher und wurde nie wieder lebend gesehen.«

»Nun; den ganzen Morgen saß er schließlich bei Ihnen und verpfiff seine Freunde, dieser Verräter!«

»Und dann ging er hierher, in dieses Zimmer – das er nicht mehr lebend verließ«, konterte Kelly.

Perelli wurde es jetzt doch etwas ungemütlich, und er schaute sich nach seinem Adjutanten um, der auch sofort einsprang.

»Keine falschen Beschuldigungen, Mr. Kelly – schließlich waren Sie zehn Minuten später hier.«

»Und haben Sie vielleicht Blutspuren gefunden?« fuhr Tony zornig fort. »Haben Sie eine Leiche gesehen, einen Schuß gehört?«

»Niemand hätte den Schuß hören können«, erwiderte Kelly. »Den Schalldämpfer auf Ihrer Pistole kenne ich ganz genau.«

Perelli lachte gezwungen.

»Ganz wie Sie meinen – ich töte eben alle Leute! Wenn ich nicht da wäre, hätten die Zeitungen überhaupt nichts zu schreiben!«

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