Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Scheerbart >

Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
Schließen

Navigation:

Die Türklinke

»Franz, mach' die Laden zu!« sagte der alte Tischler Dömpke.

Und Franz ging heraus und tat das.

Der Wind heulte durchs Dorf, in der Küche hustete die alte Marie, und die Laden gingen klappernd draußen zu.

Franz kam wieder in die warme Stube und sagte: »Die Türklink' ist draußen kaputt.«

Der alte Tischler brummte was – Franz ging wieder fort und legte sich schlafen.

Die alte Marie tat das auch.

Und der alte Tischler saß nun wieder ganz allein in der warmen Stube – ganz allein.

Der Wind heulte durchs Dorf.

Der Tisch stand dicht am Ofen, und die Lampe auf dem Tisch brannte trübe.

Der Alte hatte in einem Reisebuch gelesen – von Afrika, wilden Tieren und vielen vielen Schwarzen, die immer grinsten und um ein großes Feuer herumsprangen. Dabei hatte er immer an seine Knabenjahre denken müssen – als Knabe wollte er Missionar werden – es war aber anders gekommen.

Jetzt saß der alte Tischler träumend da, nahm die Brille ab und legte sie auf's Buch, dachte an lange vergangene Zeiten und an die Türklinke.

Da hörte er's draußen im Flur knarren – es flüsterte was – und dann ging die Stubentüre auf.

Und herein trat ein Matrose mit einer Handharmonika unterm Arm. Der Matrose setzte sich dem alten Tischler gegenüber auf einen Schemel, steckte sich eine Kalkpfeife an und spielte ein bißchen auf der Handharmonika.

Als der Matrose zu spielen aufhörte, da ihm die Pfeife ausging, frug der Alte heiser:

»Wer bist Du?«

Der Matrose lächelte und sprach:

»Das mußt Du doch wissen. Wir kannten uns doch – so vor vierzig Jahren – nicht wahr?«

Und nun sahen sich die Beiden lange an.

Und der alte Dömpke nickte – jeder Zug stimmte – so sah er – der alte Dömpke – vor vierzig Jahren aus.

Und ihm wurde so merkwürdig still zu Mute.

Er hatte immer gewünscht, sich noch einmal so zu sehen, wie er einst war, als er noch zu den Jungen gehörte. Matrose war er allerdings nie gewesen – aber so wie der da vor ihm – so sah er aus – mit der Kalkpfeife und der Handharmonika.

»Willst Du,« fragte der Alte, »etwas trinken?«

»Ich hab's bei mir!« erwiderte der Junge, und dabei zog er eine Flasche Rum aus der Tasche.

Sie tranken, und dann sprach der junge Matrose – mit stiller leiser Stimme:

»Ich bin der Mensch, der Du einst warst, bin der junge Dömpke – frisch und lustig! Ich fürchte mich nicht vor dem Tode wie Du. Ich habe keine Angst; ich lache, rauche, trinke und spiele Handharmonika.«

Er spielte wieder lustige Lieder, doch die klangen dem Alten alle furchtbar traurig.

»Wo wohnst Du?« frug der Alte.

Der Junge aber lachte und meinte: »Was weiß ich, wo ich wohne! Ich lebe und frage nicht so viel wie Du. Ich trinke.«

Und er trank.

Und dann spielte er wieder.

Und bei dem Spiel wurde dem Alten so traurig, daß er weinen mußte, und während er weinte, wurde ihm schwarz vor den Augen, daß er nichts mehr sehen konnte.

Die Musik klang ihm immer ferner. Alles wurde schwarz. Als am nächsten Morgen der Franz in die Stube trat – mit Licht, sah er den Alten noch immer auf dem Stuhle sitzen. Die kleine weiße Katze saß auf dem Tisch.

Die Lampe war ausgegangen.

Der Franz erschrak und rief die alte Marie.

Der alte Dömpke war tot.

Und dann saß ich noch ein Mal rauchend mit den sieben alten Herren am großen ovalen Speisetisch – und in der Luft schwebten seltsame Gebilde, die von den Nilpferdchen mit ihren Pincetten geschickt aufgegriffen und verschluckt wurden.

Geister waren diese Gebilde; ich sah viele elektrische Funken in der Luft aufsprühen, und oft kamen bunte Stichflammen vor – und dann glitzerte es wieder wie bunte Krystalle – und dann ward's weißgrau wie Seenebel – usw.

Deutlich sehen, wie die Geister gestaltet waren, konnte ich keineswegs – aber ich wurde deshalb nicht neugierig – wußte ich doch, daß meine Sinne sich mit denen der alten Ägypter nicht vergleichen ließen.

Ich sollte – das bezweifelte ich nicht – bald wieder als gewöhnlicher Mensch unten auf der Erde herumkrabbeln – und das machte mich beinahe traurig.

Doch als die alten Herren meine Traurigkeit bemerkten, wurden sie ganz aufgebracht – ich schämte mich denn auch – und bat um Verzeihung – und suchte lange unter meinen Papieren das, was die Herren noch nicht kannten.

Und ich fand noch drei Sachen, die ich mit der Versicherung auf den Tisch legte, daß es mir nie wieder einfallen würde, traurig zu werden.

Die Herren lachten dazu und drohten mir mit den Pincetten.

»Wehe Dir, wenn Du nicht Wort halten solltest!« sagte der General Abdmalik.

 << Kapitel 79  Kapitel 81 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.