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Immer mutig!

Paul Scheerbart: Immer mutig! - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Scheerbart
titleImmer mutig!
senderhille@abc.de
created20040529
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General von Bax

Luftspaß

»Nicht mit dem rechten Zeh den Mond kitzeln!«

Also donnerte der General von Bax beim Betreten des Exerzierplatzes seine Mannschaften an.

»Die Leutnants müssen viel schneidiger an die Luft gesetzt werden!« brummte er dann in seinen Bart – dabei setzte er sich auf seinen Luftstuhl.

Das Luft-Regiment war vollzählig mitten in der Arbeit. »Was wollen Sie mehr?« fragte der General seinen alten Freund, den persischen Oberstleutnant Nisaraddi.

Der riß die Augen auf und rief:

»Teufel! Hagel! Schinkensemmel!«

Die Adjutanten lachten, denn der Perser pflegte seit Jahr und Tag die meisten deutschen Worte an der falschen Stelle zu gebrauchen.

General von Bax klatschte in die Hände, befahl, die Luftballons runterzuziehen, und ließ zunächst mal sein ganzes Regiment in Reih und Glied antreten.

Das Regiment nahm einen ganz gehörigen Platz ein, denn die Soldaten des Herrn von Bax sahen sämtlich dicker aus als der alte Falstaff – zehnmal so dick.

Die Soldaten sind nicht so dick, weil sie so viel zu essen bekommen – die Uniform macht es. Eine kugelförmige Korkhülle schützt die Soldaten vor unliebsamen Zusammenstößen mit dem Erdball; es sieht oftmals recht gefährlich aus, wenn ein Soldat bei seinen Übungen oben am Luftballon plötzlich runterfällt – aber Korkmantel und Fallschirm machen das Fallen beinahe zum Vergnügen; nur bei starkem Sturm ist das Fallen gefährlich.

Und nach fünfzehn Minuten steht das Luft-Regiment in schneidigster Paradestellung vor seinem General; die Luftballons bilden den Hintergrund.

Die kugelrunden Korkmäntel sind so dick. Über ihnen sind die kleinen Soldatenköpfe zu sehen. Aber über diesen Köpfen ragen die hohen Fallschirme zusammengeklappt wie riesige Helmspitzen zum Himmel empor. Unter den Korkmänteln sind nur die Soldatenstiefel zu sehen; die haben breite dicke Korksohlen.

Marschieren tun die Soldaten niemals; das überlassen sie den Erdregimentern. Doch mit dem Fallschirm wird exerziert. Der verschwindet zuerst blitzschnell im Korkmantel; der Soldatenkopf verschwindet dabei ebenfalls im Korkmantel. Hiernach steigt der Kopf wieder ans Tageslicht, und die Füße verschwinden. Sodann erscheint abermals der Fallschirm und spannt sich auf. Ein köstliches Exerzitium!

Der persische Oberstleutnant hält sich den Bauch vor Lachen und umarmt den General von Bax stürmisch, wobei dem Perser unzählige funkelnde Tränen über die braunen Wangen rollen. v. Bax lächelt wie ein Unsterblicher.

Indessen treten die zusammengekoppelten Fesselballons in Aktion. Die Ballons haben das Aussehen großer Lampions von kurzer Säulenform. Alle zeigen hellgrüne und gelbe Querstreifen. Im Innern bestehen die Ballons aus vielen separierten Blasen, so daß durch ein paar Kugellöcher nur sehr wenig Gas entweichen kann.

Oben im blauen Himmel stehen die hellgrün und gelb gestreiften Ballons ebenfalls wie Soldaten in Reih und Glied. Ein imponierender Anblick!

Und dann wird das Regiment an langen Stricken zum Himmel hinaufgezogen – aber nicht bis dicht unter die Ballons – so weit nicht. Die Soldaten bleiben zumeist tiefer – sie füllen die ganzen Stricke – sie hängen wie die Papierschnitzel am Schwanz eines Papierdrachens.

Und oben wird eine Salve abgegeben – und nach der Salve rasen die zusammengekoppelten Ballons über den ganzen Exerzierplatz. Und die Soldaten fliegen dahin wie die Schwalben im Sturm.

Danach treten die Wolkenmacher in Aktion – und das Regiment wird in dichte graue Dampfwolken gehüllt. Motorwagen ziehen unten das Regiment kreuz und quer über den ganzen Exerzierplatz, und währenddem wird aus den Dampfwolken heraus in verschiedenen Höhen immerfort geschossen – daß es knattert und knallt wie im veritablen Kriege.

Zuletzt zieht das Regiment, ganz in Dampfwolken gehüllt, mit feierlicher Luftmusik beim General von Bax vorbei – den neuen Kasernen zu, wobei Häuser, Straßen und Kirchen kaum ein bemerkenswertes Hindernis bilden – so hoch kann das Regiment steigen.

Und die Marschklänge in den Lüften rauschen nieder wie militärische Sphärenmusik.

Ungezählte Volksscharen klatschen Beifall, von Bax und Nisaraddi umarmen sich wieder und fahren in das beste Frühstücks-Restaurant – umjubelt von begeisterten Männern, Frauen und Kindern.

So weit ist nun Alles ganz gut.

Indessen – jetzt kommt die Katastrophe.

Der Schah von Persien erscheint, und das Luftregiment soll sich natürlich im besten Lichte zeigen – in verblüffender Parade-Aktion.

Und während der Parade wird's plötzlich stürmisch. Ein Orkan rast über's Paradefeld. Die Motorwagen kippen um. Die Stricke reißen unten ab. Die Signalpfeifen kreischen alle auf einmal. Und das ganze Regiment verschwindet in den Orkanwolken auf Nimmerwiedersehen – von Bax und Oberstleutnant Nisaraddi verschwinden ebenfalls, denn sie machten die Luft-Parade unvorsichtiger Weise oben in der Luft mit.

Der Schreck des Volkes, der Regierung und des Schahs von Persien spottet jeglicher Beschreibung; ein langes Wehgeschrei zittert über die ganze Erdoberfläche.

Die ›Freie Volkszeitung‹ schrieb in ihrem Abendblatte, das natürlich pechschwarz umrandet war:

»Wir haben ja gleich gesagt, daß man mit so gefährlichen militaristischen Experimenten, die dem armen Steuerzahler kaum noch zählbare Millionen kosten, nicht so leichtfertig hätte vorgehen sollen. Die Tragfähigkeit der Ballons ist eine so horrende gewesen, daß nicht einmal das stärkste Schnellfeuer auf die Ballons den Mannschaften etwas nützen konnte; die Ballons blieben eben oben und wurden mit dem ganzen Armeekorps ins Meer geschleudert. Der tragische Vorfall dürfte jedenfalls die Regierung zwingen, allen militaristischen Neuerungen eine erbarmungslose Skepsis gegenüberzustellen. Man sieht ja, wohin die Phantastik führt.« Der ›Allgemeine Staatsanzeiger‹ stellte sofort in einem fachmännisch geschriebenen Artikel fest, daß von einem Schnellfeuer auf die Ballons gar nicht die Rede sein konnte, da sich ja die Mannschaften durch Feuern nach oben in eigene Lebensgefahr gebracht haben würden; die Soldaten hätten ja an ihren Stricken über einander und nicht neben einander gesessen.

Die ›Freie Volkszeitung‹ ignorierte diesen Artikel und schrieb am nächsten Tage mit noch dickerem Trauerrande:

»Der empörende Leichtsinn unsres Generalstabes hat eine Katastrophe möglich gemacht, die in der ganzen Kriegsgeschichte niemals ihresgleichen finden dürfte. Bei dem hohen Seegange ist nicht einmal daran zu denken, die Leichen des verunglückten Regimentes zu bergen. Der Schah von Persien wird einen netten Begriff von unserer Kriegstüchtigkeit empfangen haben. Die Katastrophe wird unvermeidlich eine schwere Erschütterung unsres Staatsorganismus zur Folge haben. Wir stehen nach der Ansicht alter verdienter Generale vor dem Ausbruche eines großes Krieges. Unsre Feinde wissen ganz genau, wie viel wir für das Luft-Militär geopfert haben.«

Und der ›Volkswille‹ schrieb:

»Es verlautet, daß dem verdienten General von Bax, der einen so tragischen Tod in den Fluten des Oceans fand und dessen Leiche immer noch nicht geborgen ist, ein Denkmal gesetzt werden solle. Dieses Denkmal dürfte für die Phantasten im Generalstabe gleichzeitig ein ganz gehöriger Denkzettel sein.«

Und das Publikum flatterte vor Aufregung.

Nach drei Tagen aber kehrte der Herr von Bax mit seinem Regiment in die liebe Heimat zurück – denn er wurde rechtzeitig von einigen Kriegsschiffen »gerettet.«

Nicht ein einziger Mann hatte sein Leben eingebüßt. Nur etwas naß waren alle geworden. Die Korkmäntel hatten das Untersinken der Mannschaften unmöglich gemacht. Und die Ballons waren ebenfalls ganz unbeschädigt geblieben.

Natürlich – so groß wie am Paradetag das Entsetzen gewesen war – so groß war jetzt der Jubel – wohl noch größer.

Und von Bax hatte jetzt Oberwasser; er konnte plötzlich tun, was er wollte.

Er war der Herr der Situation.

Und die Situation auszunützen – das versteht der Herr von Bax meisterhaft.

Er setzt sofort eine ganze Reihe phantastischer Neuerungen durch.

Zunächst führt er automatische Gummistelzen für seine Mannschaften ein, so daß die nötigenfalls mit einer Schnelligkeit marschieren können, die ans Lokomotivartige grenzt.

Alsdann läßt er kolossale Kanonenballons bauen, sodaß die schwersten Granaten, von oben geschossen, viel weiter fliegen als bisher.

Durch Verwendung von gefesselten Luftkugeln, die aber immer nach der Seite geschossen werden, nach der man hinwill, erleichtert er die schwierigen Aufgaben der Motorwagen, die auf unebenem Terrain ihre Not hatten.

Aber alles Das ist dem kühnen General noch nicht genug. Er setzt auch noch ein Clowns-Bataillon durch.

Durch die tollsten Kostüme, Späße und Grimassen, Trapez- und Akrobaten-Kunststücke soll dieses Bataillon den Feind zum Lachen bringen; die Offiziere dieses polyformierten Bataillons müssen erprobte Humoristen sein.

Die Phantasten haben im Generalstabe endgiltig gesiegt – die Erdregimenter werden einfach abgeschafft.

Ohne Luftarmee arbeiten wollen, erscheint plötzlich Allen als die höhere Stieselei.

Nisaraddi kauft gleich zweihundert Schlangenmenschen für den Schah von Persien auf – denn » der Clown im Dienste des Militarismus« erscheint dem lachlustigen Perser die beste Erfindung der Neuzeit zu sein.

Und die zweite Parade vor dem Schah wird zum größten Triumph für den General von Bax.

Jedesmal, wenn das Clowns-Bataillon in Aktion tritt, wälzt sich das gesamte Publikum am Erdboden in fürchterlichen Lachkrämpfen.

Es scheint allen Zuschauern so klar, daß gegen die »komischen« Soldaten kein Feind ankommen kann, da selbst vergrämte Indianer in Lachkrämpfe verfallen müssen – und in dem Zustande ohne jede Schwierigkeit wie Seehunde mit Knüppeln tozuschlagen sind.

Keiner sagt Baxen, das seien Faxen – dazu ist der Luftgeneral viel zu berühmt.

Alle Welt ruft:

»Bax! Hurrah! Bax!«

Der aber sagt nur:

»Das ist der längst entbehrte Humor im Militarismus.« Leider hat der General in der auf den Paradetag folgenden Nacht sehr bald zu viel Champagner getrunken und sagt daher schließlich, während ihm sein Diener Luft zufächeln muß, da nichts weiter als:

»Luft! Luft!«

Niemals hätte ich's geglaubt, daß auch diese Geschichte noch mal so viel Beifall finden würde; die Mäuse tanzten vor Vergnügen – und ich hätte mich beinahe schief gelacht.

»Höhere Dammlichkeit,« sagte ein jugendlicher Mauskönig, »Dein Name ist Mensch. Wie froh sind wir nur, daß wir nicht mehr als Menschen auf der Erde herumzukrabbeln brauchen.« Und dann folgte eine Schimpferei, die nicht mehr schön war und die Nilpferde schließlich ärgerte.

Lapapi sagte ernst.:

»Ich finde es nicht richtig, daß die Mäuse sich so rücksichtslos über die Menschen lustig machen; die Mäuse sollten bedenken, daß ein Lebewesen in Menschengestalt doch zugegen ist.«

Die Mäuse waren augenblicklich still.

Ich aber mußte so schrecklich lachen, daß mir die Luft wegblieb und das Bewußtsein abhanden kam.

Als ich dann aufwachte, erblickte ich Dinge, die mich in große Verwunderung versetzten – so was hatte ich bei den Ägyptern nicht vermutet.

Es war das Furchtbarste, was ich jemals sah.

Ich glaubte, in einem Schlachthause zu sein. Immerfort wurden nackte Menschen hereingeschleppt von dunkelbraunen Kerls, die wie Schlächter gekleidet waren. Die brachen den nackten Menschen mit eisernen Stangen die Arme und Beine entzwei und schlugen ihnen dann mit einem dicken Klumpenbeil ins Gesicht, daß das Blut nach allen Seiten spritzte. Danach wurden die Leiber zerschnitten, ausgenommen und in einen großen Kessel geschmissen.

Und dieses Treiben ging auch ganz lautlos vor sich.

Ich wollte die Augen schließen, da der Anblick gradezu entsetzlich wirkte; die Wut der Schlächter steigerte sich fortwährend, und immer mehr nackte Menschen wurden vor meinen Augen verstümmelt und totgeschlagen.

Und ich konnte meine Augen nicht zumachen und mußte das Entsetzliche ruhig weiter mit ansehen.

Doch auch das ging vorüber.

Es gab nach einiger Zeit einen starken Knall – und das schauderhafte Schlachtbild war weg.

Wundervolle Düfte strömten in mich ein – und in der Luft schwebten zahllose Frauengestalten in ganz zarten, dünnen Gewändern, und diese Frauengestalten zerpflückten blaue, rote und gelbe Blumen und warfen die Stücke der Blütenblätter in Räucherpfannen aus Silber.

»Das ist,« sagte da Jemand hinter mir, »ganz genau dasselbe wie das Fleischerbild – nur eine andre Erscheinungsform. Du hast also gar keinen Grund, das Schlächterbild zu verurteilen, denn es ist ebensogut bloß eine Chimäre, wie dieses, was Du jetzt siehst.«

Es gab dann wieder einen starken Knall – und ich sah plötzlich die weißen Mäuse in einem wundervollen Garten auf Steinfliesen Menuett tanzen.

»Das ist,« sagte dieselbe Stimme von vorhin, »auch ganz genau dasselbe wie das Schlächterbild – nur eine andre Erscheinungsform. Du bist nämlich wieder in der Wunderküche, allwo die Speisen für die sieben großen Nilpferde hergestellt werden. Diese sogenannten Speisen sind schrecklich kompliziert – noch viel komplizierter, als Du ahnst – denn was Du sahst, war natürlich bloß ein Gleichnis.«

Ich wollte was erwidern, doch die Stimme fuhr fort:

»Du kannst Dir nicht denken, daß der Weltraum, wie er Dir zum Bewußtsein kommt, dadurch, daß man ihm die größten Dinge zugibt oder abnimmt, größer oder kleiner wird. Und so ist es auch mit der Zeit – eigentlich können wir uns gar nicht denken, daß sie fortschreitet – alles Vergangene ist uns oft scheinbar eben so nahe wie das Gegenwärtige – oder wie das Zukünftige. Unbegreiflich – nicht wahr?Und leugnen kannst Du das Dasein dieser unbegreiflichen Dinge keineswegs – nicht wahr? Na ja! Aber bedenke: würdest Du Alles begreifen, so würde die Welt gleich nach dem Begriffensein Dir langweilig vorkommen müssen. Ah! Freilich! Indessen – damit die Welt nicht langweilig wird, ist uns allzeit ein beschränkter Verstand gegeben, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen. Eigentlich müßten wir uns über unser beschränktes Begriffsvermögen freuen – denn nur mit diesem wird uns die Welt erträglich. – Und darum sollten wir auch den größten Fragen vom Weltganzen und vom Weltgeist, der ein Allgeist sein will, aus dem Wege gehen. Wir können doch nicht darauf rechnen, mit einem beschränkten Begriffsvermögen jemals das Unbeschränkte zu begreifen. Und das schadet auch nichts. Wenn wir selber schon in unsäglich vielen Erscheinungsformen auftreten können, so müßte dementsprechend der Allgeist – auch eigentlich ein Geist sein, der zu gleicher Zeit noch in unendlich vielen anderen Erscheinungsformen aufgehen kann. Hier hört natürlich unser Verstehen ganz und gar auf – und vernünftige Leute sagen: glücklicher Weise! Wir können uns nicht einmal einen unendlichen Raum denken, der doch bloß einer Erscheinungsform angehört – und danach noch von einem Allgeist reden wollen, geht denn doch nicht an. Das ginge ein bißchen zu weit – und dürfte nur den Ungebildeten zu verzeihen sein. Seien wir zufrieden, wenn wir von der Grandiosität der Welt und alles Dessen, was in der Welt ist, eine Ahnung haben, die uns nicht mehr zweifeln läßt – an der Grandiosität des Daseienden. «

Nach diesen Worten gab's zum drittenmal einen Knall – und ich war im Dunkeln.

Ich war jetzt so an die höchsten Wunderlichkeiten gewöhnt, daß ich glaubte, mich könne nichts mehr verblüffen.

Doch da sah ich plötzlich einen goldenen Trichter vor mir – der leuchtete.

Und der Trichter kehrte die große runde Trichteröffnung mir zu, und aus dem Trichter tönte eine Stimme heraus – die sprach hastig:

»Gleich wirf drei Manuskripte in diesen Trichter. Aber schnell, sonst reißen wir Dir den Kopf ab.«

Die Stimme kam mir ganz unbekannt vor.

Ich warf natürlich drei Manuskripte hinein.

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